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Full text of "Aus den Anfängen der Psychoanalyse : Briefe an Wilhelm Fliess, Abhandlungen und Notizen aus den Jahren 1887-1902"

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’-irf  PRE8ENTED 
^(BY  THE  EDITOR  OF 
B.  M.J. 


SIGM.  FREUD 

AUS  DEN  ANFÄNGEN  DER 
PSYCHOANALYSE 


FREUD 


SIGM. 


AUS  DEN 


•  • 


ANFÄNGEN  DER 
PSYCHOANALYSE 


BRIEFE  AN  WILHELM  FLIESS, 
ABHANDLUNGEN  UND  NOTIZEN 
AUS  DEN  JAHREN  1887-1902 


Alle  Rechte ,  insbesondere  die  der  Übersetzung,  Vorbehalten. 
Copyright  1950,  by  Imago  Publishing  Co.,  Ltd.,  London 


WELLCOMi  INSTITUTE 

LIBRARY 

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Printed  by  Williams,  Lea  &  Co.,  Ltd.,  Clifton  House,  Worship  St.,  London,  E.C.2 


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INHALTSVERZEICHNIS 


Seite 

Vorwort  der  Herausgeber .  i 

Übersicht  der  Briefsendungen . ;  .  .  .  3 

Einleitung  von  Ernst  Kris  : 

I.  Wilhelm  Fliess’  wissenschaftliche  Interessen .  7 

II.  Psychologie  und  Physiologie . 19 

III.  Infantile  Sexualität  und  Selbstanalyse . 34 

IV.  Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft  {Auflösung 

der  Beziehung  zu  Fliess ) . 42 

Briefe  1 — 11 . 59 

(Manuskript  A)  Probleme . 74 

(Manuskript  B)  Die  Ätiologie  der  Neurosen . 76 

Brief  12 . 82 

(Manuskript  C)  Etwas  Motivenbericht . 83 

Briefe  13 — 18 . 85 

(Manuskript  D)  Zur  Ätiologie  und  Theorie  der  grossen  Neurosen 

{' Gliederung ) . 97 

(Manuskript  E)  Wie  die  Angst  entsteht . 98 

Briefe  19 — 20 . 104 

(Manuskript  F)  Sammlung  III.  Nr.  I . 106 

Brief  21 . 110 

(Manuskript  G)  Melancholie . in 

(Manuskript  H)  Paranoia . 118 

Brief  22 . 123 

(Manuskript  I)  Migraine,  feste  Punkte . 125 

Briefe  23 — 38 . 128 

(Manuskript  ])  Frau  P.  J.,  27  J . 148 

Brief  39 . 15 1 

(Manuskript  K)  Die  Abwehrneurosen . 156 

Briefe  40 — 61 . 166 

(Manuskript  L)  Notizen  I . 210 

Briefe  62 — 63 . 212 

(Manuskript  M)  Notizen  II . 215 

Brief  64  219 

(Manuskript  N)  Notizen  III . 221 

Briefe  65 — 153 . 223 

Anhang  I  :  Entwurf  einer  Psychologie . 37 1 

Anhang  II  :  Bibliographie  der  Schriften  Freuds,  1877-1902  ....  469 

Anhang  III  :  Namensverzeichnis . 473 


Digitized  by  the  Internet  Archive 
in  2019  with  funding  from 
Wellcome  Library 


https://archive.org/details/b3135287x 


AUS  DEN  ANFÄNGEN  DER 
PSYCHOANALYSE 


t 


VORWORT  DER  HERAUSGEBER 


Die  vorliegende  Veröffentlichung  ist  eine  Auswahl  aus  einem 
Briefwechsel  zwischen  Sigmund  Freud  und  dem  Berliner  Arzt  und 
Biologen  Wilhelm  Fliess.  Der  Briefwechsel  umfaßt  die  Zeit  von  1887 
bis  1902.  Die  hier  verwendeten  Briefe  Freuds  an  Fliess  gerieten  zur 
Zeit  des  Nationalsozialismus  in  Deutschland  mit  anderen  Teilen  des 
Fliess’schen  Nachlasses  in  den  Antiquariatshandel  und  auf  diesem 
Umweg  in  die  Hände  der  Herausgeber.1  Die  Briefe  Fliess5  an  Freud 
sind  nicht  auffindbar. 

Die  Vorarbeiten  für  die  Ausgabe  wurden  von  Marie  Bonaparte 
besorgt.  Die  Auswahl  des  Materials  im  einzelnen  von  Anna  Freud 
und  Ernst  Kris.  Letzterer  trägt  die  Verantwortung  für  Einleitung 
und  Anmerkungen. 

Das  Gesamtmaterial  des  Briefwechsels  besteht  aus  284  Sendungen 
ungleichen  Umfangs  (Postkarten,  Ansichtskarten,  Briefe,  Notizen, 
Manuskripte).  Prinzip  der  Auswahl  war  zu  veröffentlichen,  was  sich 
auf  die  wissenschaftliche  Arbeit  und  die  wissenschaftlichen  Interessen 
des  Schreibers  bezieht,  wie  auch  auf  die  sozialen  und  politischen 
Verhältnisse,  unter  denen  die  Psychoanalyse  entstanden  ist.  Gekürzt 
oder  ausgelassen  anderseits  sind  Stellen,  die  der  ärztlichen  oder 
persönlichen  Diskretion  zuwiderlaufen  ;  Bemühungen  des  Schreibers, 
auf  Fliess5  wissenschaftliche  Theorien  und  Periodenberechnungen 
einzugehen  ;  ferner  alle  Briefe  und  Briefstellen,  die  Wiederholungen 
gleicher  Gedankengänge  enthalten,  die  sich  auf  die  häufigen  Ver¬ 
abredungen,  geplante  und  zustandegekommene  Begegnungen  und 
auf  manche  Vorkommnisse  im  Familien-  und  Freundeskreis  beziehen. 

!)  Manuscript  I  der  vorliegenden  Veröffentlichungen  stammt  aus  dem  Besitz 
von  Dr.  Robert  Fliess,  in  den  es  beim  Tod  seines  Vaters  gelangt  war  und  der 
es  bei  seiner  Übersiedlung  von  Berlin  nach  New  York,  Jahre  vor  der  Auflösung 
des  Fliess’schen  Haushaltes,  zur  Erinnerung  mitnahm. 

C 


2 


Vorwort  der  Herausgeber 


Die  nachstehende  Tabelle  gibt  das  Verhältnis  zwischen  der  vorhandenen 
Gesamtzahl  und  der  Zahl  der  hier  veröffentlichten  Sendungen. 

Der  Band  enthält  keinerlei  sensationelles  Material  und  ist  vor 
allem  für  die  Leser  und  eingehenden  Kenner  der  veröffentlichten 
Schriften  Freuds  bestimmt.  Die  Einleitung  und  Anmerkungen  ver¬ 
suchen,  das  Verständnis  der  Briefe  und  Abhandlungen  zu  erleichtern 
und  den  Zusammenhang  mit  den  gleichzeitigen  und  späteren  Publi¬ 
kationen  Freuds  herzustellen.. 

Die  veröffentlichten  Briefe  sind  fortlaufend  numeriert,  Notizen  und 
Manuskripte  alphabetisch  bezeichnet.  Die  Datierung  der  Sendungen 
ist  fast  überall  handschriftlich  oder  durch  Poststempel  gegeben ; 
einige  wenige  Notizen  und  Manuskripte,  bei  denen  die  Datierung 
fehlt,  sind  von  den  Herausgebern  an  die  dem  Inhalt  nach  richtig 
erscheinende  Stelle  eingereiht.  Auslassungen  sind  durch  .  .  .  bezeichnet, 
fehlende  Interpunktion  ergänzt,  Abkürzungen  von  Worten  und 
Sätzen  aufgehoben,  alte  Schreibweise  korrigiert.  Von  den  Herausgebern 
eingefügte  Ergänzungen  stehen  in  eckiger  Klammer. 

Nichts  von  dem  im  vorliegenden  Band  enthaltenen  Material  wäre 
vom  Verfasser  selbst  zur  Veröffentlichung  zugelassen  worden.  Es 
war  Freuds  Gewohnheit,  Vorarbeiten,  Proben  und  Entwürfe  zu 
vernichten,  sobald  sie  ihren  Zweck  erfüllt  hatten,  der  Öffentlichkeit 
nichts  sachlich  Unfertiges  vorzulegen  und  Persönliches  nur  dann, 
wenn  es  ihm  als  unentbehrliches  Material  zum  Aufzeigen  unbewußter 
Zusammenhänge  diente.  Trotz  der  Bedenken,  die  sich  aus  dem 
Respekt  vor  dieser  Einstellung  des  Autors  ableiten,  scheint  es  den 
Herausgebern  berechtigt,  diese  durch  einen  Zufall  erhaltenen  Briefe 
dem  Druck  zu  übergeben.  Sie  bringen,  wie  kein  anderes  verfügbares 
Material,  Ergänzungen  zur  Vor-  und  Frühgeschichte  der  Psychoanalyse, 
geben  Einblick  in  bestimmte  Phasen  des  Arbeitsvorgangs,  von  den 
ersten  klinischen  Eindrücken  bis  zur  Formulierung  der  Theorie, 
zeigen  Umwege  und  Abwege  in  der  Hypothesenbildung  und  machen 
das  Bild  des  Schreibers  in  diesen  schwierigen  Jahren  des  Interessen¬ 
wechsels  von  Physiologie  und  Neurologie  zur  Psychologie  und  Psycho¬ 
pathologie  vor  dem  Leser  lebendig. 

Marie  Bonaparte  Anna  Freud  Ernst  Kris 
Paris  London  New  York 


Vorwort  der  Herausgeber 


3 


ÜBERSICHT  DER  BRIEF  SENDUNGEN 


Jahr 

1887 

1888 

1889 

1890 

1891 

1892 

1893 

1894 

1895 

1896 

1897 

1898 

1899 

1900 

1901 

1902 


Gesamtzahl 
der  Sendungen 

2 

3 

2 

4 

7 

15 

18 

37 

29 

39 

35 

44 

27 

17 

5 


284 


Hier 

veröffentlicht 

2 

3 

2 

2 

4 

6 

9 

21 

*5 

29 

21 

26 

14 

11 

3 


168 


Hinweise  auf  Ausgaben  Freudscher  Schriften  in  der  Einleitung  und  in 
Anmerkungen  : 

G.S.  =  Gesammelte  Schriften,  12  Bände,  Leipzig  und  Wien,  1924 — 1936. 
G.W.  =  Gesammelte  Werke,  18  Bände,  London,  Imago  Publishing  Co.,  Ltd. 

1940—  (Bd.  II  —  XVII  publiziert,  I  und  XVIII  im  Er¬ 
scheinen.) 

Wo  immer  angängig,  sind  die  ,, Gesammelten  Werke“  als  die  chronologisch 
geordnete  Ausgabe  zitiert. 


EINLEITUNG 


VON 

ERNST  KRIS,  NEW 


YORK 


' 


' 


I 


WILHELM  FLIESS’  WISSENSCHAFTLICHE 

INTERESSEN 


Die  Briefe  an  Fliess  lassen  Freuds  Bild  in  den  Jahren  vor  uns 
erstehen,  in  denen  er  sich,  anfänglich  zögernd,  einem  neuen  Arbeitsge¬ 
biet,  der  Psychopathologie,  zuwandte  und  in  diesem  Gebiet  die  Ein¬ 
sichten  erwarb,  auf  denen  die  Psychoanalyse  als  Therapie  und  Theorie 
ruht.  Wir  sehen  Freud  um  das  Verständnis  eines  neuen,  „nie  dar¬ 
gestellten  Denkobjekts“1  bemüht  und  in  der  Auseinandersetzung  mit 
einer  Umwelt,  deren  Ablehnung  seiner  Forschungen  die  materielle 
Existenz  seiner  Famüie  gefährdete,  und  begleiten  ihn  ein  Stück  weit 
bei  dem  Unternehmen,  die  neu  erworbene  Einsicht  gegen  den  Wider¬ 
stand  eigener  unbewußter  Strebungen  zu  vertiefen. 

Die  Briefe  umfassen  den  Zeitraum  von  1887  bis  1902,  von  Freuds 
einunddreißigstem  zu  seinem  sechsundvierzigsten  Lebensjahr,  von 
seiner  ersten  Niederlassung  als  Spezialarzt  für  Nervenkrankheiten 
bis  zu  den  Vorarbeiten  zu  den  „Drei  Abhandlungen  zur  Sexualtheorie“. 
In  den  Jahren  des  Briefwechsels  entstanden  neben  Freuds  ersten 
Aufsätzen  zur  Neurosenlehre  die  „Studien  über  Hysterie“,  „Die 
Traumdeutung“,  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens“  und  das 
„Bruchstück  einer  Hysterieanalyse“. 

Der  Leser  der  Briefe  findet  sich  etwa  in  der  Lage  dessen,  der  als 
Zuhörer  einer  telephonischen  Unterredung  nur  die  Worte  des  einen 
Gesprächsteilnehmers  hört  und  die  des  anderen  erraten  muß.  Da 
sein  Interesse  nur  dem  gilt,  dessen  Worte  er  hört,  mag  er  zunächst 
geneigt  sein,  den  Partner  in  Gedanken  auszuschalten  ;  bald  aber 


*)  Nach  einem  Ausdruck  in  den  „Studien  über  Hysterie“. 


8 


Einleitung 


findet  er,  daß  er  dem  Sprecher  nicht  folgen  kann,  ohne  da  und  dort 
den  Dialog  zu  rekonstruieren. 

Die  Freundschaft  zu  Fliess,  die  engste,  von  der  wir  aus  Freuds 
Leben  wissen,  ist  mit  der  Entwicklung  von  Freuds  Theorien  in  den 
90er  Jahren  als  förderndes  und  als  hemmendes  Element  so  enge 
verbunden,  daß  es  unerläßlich  ist,  uns  einleitend  kurz  mit  Fliess5 
wissenschaftlichen  Interessen  vertraut  zu  machen.  Hätten  sich  die 
Briefe  Fliess5  an  Freud  erhalten,  so  wären  wir  nicht  nur  in  der  Lage, 
den  Gedankenaustausch  beider  im  einzelnen  zu  verfolgen,  sondern 
auch  einen  verläßlichen  Eindruck  von  Fliess5  Persönlichkeit  zu 
gewinnen.  So  aber  sind  wir  darauf  angewiesen,  das  wenige,  das  wir 
aus  seinen  Schriften  und  durch  Umfragen  ermitteln  können,  an  diese 
Stelle  zu  setzen.  Alle,  die  Fliess  begegnet  sind,  heben  die  Fülle  seines 
biologischen  Wissens,  die  reiche  medizinische  Einbildungskraft,  die 
Neigung  zur  ausgreifenden  Spekulation  und  die  starke  suggestive 
Kraft  seines  Auftretens  hervor,  aber  auch  die  Neigung  zu  dogmatischem 
Festhalten  an  der  einmal  gefaßten  Meinung ;  Eigenschaften,  die  zum 
Teil  auch  aus  seinen  Veröffentlichungen  greifbar  werden. 

Fliess  war  als  Spezialarzt  für  Hals-  und  Nasenkrankheiten  aus¬ 
gebildet,  seine  medizinische  Bildung  und  seine  wissenschafdichen 
Interessen  aber  zielten  weit  über  dieses  engere  Arbeitsgebiet  hinaus. 
In  seiner  ärztlichen  Praxis  stand  die  otolaryngologische  Therapie  im 
Zentrum  einer  weitausgreifenden  Tätigkeit  als  Konsiliarius,  die  er 
bis  zu  seinem  Lebensende  in  einem  weiten  Patientenkreise  in  Berlin 
ausübte.  Seine  wissenschaftlichen  Arbeiten  führten  ihn  aus  dem 
Gebiete  der  Medizin  in  das  der  allgemeinen  Biologie.  Die  erste  seiner 
bedeutenderen  Veröffendichungen,  zu  deren  Publikation  er  sich  auf 
Freuds  Anregung  hin  entschloß  (vgl.  Brief  Nr.  10),  beschäftigte  sich 
mit  einem  klinischen  Syndrom. 

Fliess  hatte  frühzeitig  sein  Interesse  auf  eine  Anzahl  von  Symptomen 
gelenkt,  die  er  durch  Kokainisierung  der  Nasenschleimhaut  zu 
beseitigen  vermochte.  Auf  diesen  Befund  hatte  er  die  Überzeugung 
gegründet,  einer  klinischen  Einheit,  einer  von  der  Nase  ausgehenden 
Reflexneurose  gegenüberzustehen.1  Sie  ist  in  Fliess5  Worten  anzusehen 

*)  Vgl.  „Neue  Beiträge  zur  Klinik  und  Therapie  der  Nasalen  Reflexneurose“, 
Wien,  1892,  und  die  etwas  weitergehende  Studie  „Die  Nasale  Reflexneurose“, 
Verhandlungen  des  Congresses  für  Innere  Medizin,  Wiesbaden,  1 893,  pp.  384-394. 


Wilhelm  Fliess ’  Wissenschaftliche  Interessen 


9 


„als  ein  Komplex  verschiedener  Krankheitszeichen,  ähnlich  wie  das 
bei  dem  Meniere’schen  Komplex  der  Fall  ist.“1  Fliess  unterscheidet 
dreierlei  verschiedene  Symptome :  Kopfbeschwerden,  neuralgische 
Beschwerden  (der  Arme,  an  der  Spitze  der  Schulterblätter  oder 
zwischen  diesen,  in  den  Intercostalräumen,  in  der  Herzgegend,  am 
Schwertfortsatz  des  Brustbeins,  im  Magen,  in  den  Hypochondrien, 
in  der  Nierengegend  am  Kreuz,  besonders  aber  „Magenneuralgien“) ; 
und  endlich  gestörte  Organfunktionen,  besonders  der  Verdauungs¬ 
organe,  des  Herzens  und  der  Atmungsorgane.  „Die  Zahl  der  ange¬ 
führten  Symptome“,  sagt  Fliess,  „ist  groß  und  doch  verdanken 
dieselben  einer  einzigen  Localität  —  eben  der  Nase  —  ihr  Dasein. 
Denn  ihre  Zusammengehörigkeit  wird  nicht  durch  ihr  gemeinsames 
Auftreten  bewiesen,  sondern  auch  durch  ihr  gemeinsames  Verschwinden. 
Denn  eben  das  ist  das  Charakteristische  an  diesem  ganzen  Beschwerden- 
Komplex,  daß  man  ihn  durchaus  zeitweilig  zum  Aufhören  bringen 
kann,  indem  man  die  verantwortlichen  Stellen  an  der  Nase  mit  Kokain 
anaesthetisch  macht“.2 

Die  Ätiologie  der  nasalen  Reflexneurose  ist  eine  zweifache  :  Sie 
kann  durch  organische  Veränderungen,  etwa  „durch  Überbleibsel 
von  Infektionskrankheiten,  die  die  Nase  mit  betreffen“  hervorgerufen 
werden,  oder  auch  durch  „funktionelle,  rein  vasomotorische  Störungen“. 
Die  letztere  Verursachung  erklärt  es,  „daß  die  Beschwerden  der 
Neurasthenie,  also  der  Neurosen  mit  sexueller  Ätiologie,  so  häufig 
die  Form  der  nasalen  Reflexneurose  annehmen“.3  Diese  Häufigkeit 


x)  Dieser  Vergleich  war  von  Freud  angeregt.  Vgl.  Manuskript  C. 

2)  Es  ist  kennzeichnend,  aber  in  den  Briefen  nicht  erwähnt,  daß  Fliess’ 
diagnostisches  Kriterium,  das  Kokainisieren  der  Nasenschleimhaut,  indirekt 
mit  Freuds  Anregung  verbunden  ist ;  hatte  doch  Freud  frühzeitig  auf  die 
Bedeutung  der  Kokapflanze  hingewiesen ;  seine  Studien  wurden  dann  von  dem 
Augenarzt  Koller  fortgeführt.  (S.  37  Fußnote  und  „Selbstdarstellung“). 

3)  Der  Wert  der  klinischen  Veröffentlichungen  von  Fliess  ist  noch  immer 
umstritten.  Im  Anschluß  an  seine  Arbeiten  gab  es  in  der  deutschen  klinischen 
Literatur  über  Erkrankung  der  Nase  eine  Anzahl  von  Diskussionen,  die  etwa 
von  G.  Hoffer  anläßlich  der  Besprechung  des  nasalen  Asthmas  folgender¬ 
maßen  zusammengefaßt  wurden:  Fliess  hatte  in  seiner  monographischen 
Darstellung  über  die  nasale  Reflexneurose  die  Arbeit  anderer  auf  dem  gleichen 
Gebiet  nur  unzureichend  berücksichtigt.  So  kam  es,  daß  anfänglich  „eine 
Reihe  begeisterter  Anhänger  .  .  .  einem  kleinen  Kreis  von  Skeptikern  gegen¬ 
überstand,  welcher  sich  allerdings  rasch  vergrößerte“.  Nach  der  Meinung 
Hoffers  besteht ,,.  .  .  gar  kein  Recht,  der  Nasenerkrankung  irgendein  besonderes 
Vorrecht  gegenüber  nervösen  Irritationen  an  irgendeiner  anderen  Stelle  des 


IO 


Einleitung 


erklärt  Fliess  durch  die  Annahme,  daß  eine  besondere  Beziehung 
zwischen  der  Nase  und  dem  Genitalapparat  bestehe.  Er  erinnert 
daran,  daß  Nasenbluten  vikariierend  für  Menstruation  auftrete,  daß 
„das  Anschwellen  der  Nasenmuschel  während  der  Menstruation  mit 
freiem  Auge“  zu  beobachten  sei,  und  berichtet  von  Fällen,  in  denen 
die  Kokainisierung  der  Nase  zum  Abortus  geführt  habe.  Auch  für 
den  Mann  behauptet  Fliess  eine  besondere  Beziehung  zwischen 
genitaler  und  nasaler  Zone.  In  einigen  späteren  Arbeiten  entwickelte 
er  diese  Beziehung,  zunächst  auf  rein  klinische  Mitteilungen  gestützt, 
weiter. 

Sein  Interesse  ging  bald  über  die  klinische  Feststellung  hinaus, 
„daß  bestimmten  Teilen  der  Nase  zum  Zustandekommen  zweier 
Leiden  (der  Magen-Neuralgie  und  der  Dysmenorrhoe)  eine  wichtige 
Mitwirkung  zukomme“,  so  daß  „hyperplastische  exogene  Verände¬ 
rungen  in  der  Nase“  zu  „dauernder  Erledigung  der  Fernerscheinungen 
bei  Beseitigung  der  nasalen  Störung  führen“,  oder  daß  „vasomotorische 
endogene  Veränderungen  in  der  Nase  wesentlich  .  .  .  von  den 
Geschlechtsorganen“  hervorgerufen  werden.1  Er  war  mit  den 
Problemen  des  menschlichen  Sexuallebens  im  allgemeinen  beschäftigt, 
und  zu  einer  Zeit,  da  Freud  von  seinen  Arbeitsplänen  nur  ungenau 
unterrichtet  war,  konnte  er  vermuten,  daß  Fliess  das  „Konzeptions¬ 
problem“  gelöst  hätte,  die  Frage  also,  zu  welcher  Zeit  die  Be¬ 
fruchtungsmöglichkeit  im  Sexualverkehr  am  geringsten  sei.  Fliess’ 
Interesse  aber  war  auf  ein  anderes  Ziel  gerichtet. 

Im  Frühjahr  des  Jahres  1896  übersandte  er  an  Freud  das  Manuskript 
seines  Buches  „Die  Beziehungen  zwischen  Nase  und  weiblichen 
Geschlechtsorganen  in  ihrer  biologischen  Bedeutung  dargesteilt“^ 

Körpers  oder  aber  reinen  Gemütserregungen  einzuräumen“.  (Handbuch  der 
Hals-,  Nasen-  und  Ohrenheilkunde,  herausgegeben  von  A.  Denker  und  O. 
Kahler,  Die  Krankheiten  der  Luftwege  und  der  Mundhöhle,  III.  Teil,  S.  2ö3f.) 
Andere  Autoren  des  Handbuches  nehmen  eine  ähnliche  Stellung  ein,  wobei 
manche  das  Vorkommen  der  von  Fliess  beschriebenen  Syndrome  bestätigen 
und  die  Wirksamkeit  seiner  therapeutischen  Vorschläge  günstig  beurteilen. 

In  der  amerikanischen  Literatur  werden  die  Forschungen  von  Fliess,  soweit 
wir  wissen,  nicht  erwähnt;  vgl.  etwa  die  Diskussion  der  „Nasal  Neuroses“  von 
R.  A.  Fenton,  in  Ch.  Jackson  and  Ch.  L.  Jackson,  Diseases  of  the  Nose,  Throat 
and  Ear,  1945,  oder  die  Arbeiten  von  Greenfield  Sluder,  zusammengefaßt  in 
3, Nasal  Neurology ,  Headaches  and  Eye  Diseases“,  St.  Louis,  1927. 

1)  „Magenschmerzen  und  Dysmenorrhoe  in  einem  neuen  Zusammenhang“ 
Wr.  klinische  Rundschau,  1895,  Nr.  1  u.  ff. 


Wilhelm  Fliess’  Wissenschaftliche  Interessen 


ii 


das  zu  Anfang  1897  im  Druck  vorlag.  Fliess  geht  zunächst  von  der  in 
seiner  letzten  Arbeit  vorgebrachten  Behauptung  über  die  Beziehung 
von  Nase  und  weiblichem  Genitale  aus,  und  erweitert  die  dort 
aufgestellten  Behauptungen  in  mehrerer  Hinsicht :  Während  der 
Menstruation  lassen  sich  regelmäßige  Veränderungen  an  der  Nase 
beobachten.  Fliess  diskutiert  den  diagnostischen  und  therapeutischen 
Wert  des  Kokainisierens  der  „Nasenstelle“;  dieser  Wert  ist  beträchtlich, 
denn  die  Menstruation  bildet  „den  Typus  zu  mannigfachen  Er¬ 
scheinungen  des  Geschlechtslebens,  .  .  .  wie  vor  allen  Dingen  der 
Geburtsakt  und  das  Wochenbett  bis  in  die  Einzelheiten  einem 
umgebildeten  menstruellen  Vorgang  zeitlich  und  dem  Wesen  nach 
entsprechen“;  der  „echte  Wehenschmerz“  und  die  „nasale  Dys¬ 
menorrhoe“  sind,  „morphologisch  besehen“,  Homologa. 

Diese  „Tatsachen“,  die  Fliess  auf  zahlreiche  Beobachtungen  zu 
stützen  sucht,  führen  zu  ausgreifenden  Hypothesen  über  die  Rolle 
der  Perioden  im  menschlichen  Leben.  Schärfer  als  in  der  oft  schwer¬ 
fälligen  Sprache  der  Monographie  sind  diese  Gedanken  in  deren 
Vorwort  zum  Ausdruck  gebracht : 

„Die  menstruelle  Blutung  des  Weibes“  ist  der  Ausdruck  „eines 
Vorganges  .  .  .  ,  welcher  beiden  Geschlechtern  eignet  und  dessen 
Beginn  nicht  erst  an  die  Pubertät  geknüpft  ist .  .  . 

Ein  weiteres  Moment  zu  betonen  zwingen  die  uns  vorliegenden 
Tatsachen.  Sie  lehren,  daß  außer  dem  Menstruationsprozeß  mit 
dem  28tägigen  Typus  noch  eine  andere  Gruppe  periodischer 
Vorgänge  von  23tägigem  Zyklus  besteht,  denen  ebenfalls  jedes  Alter 
und  alle  Geschlechter  unterworfen  sind. 

Es  hat  sich  diesen  beiden  Gruppen  periodischer  Vorgänge  die 
Deutung  unterlegen  lassen,  daß  sie  mit  dem  weiblichen  und  männ¬ 
lichen  Geschlechtscharakter  innere  und  feste  Verbindungen  haben. 
Und  es  entspricht  nur  unserer  doppelgeschlechtlichen  Anlage,  wenn 
beide  bei  Mann  und  Weib  —  nur  mit  verschiedener  Betonung  — 
vorhanden  sind. 

Einmal  im  Besitz  solcher  Erkenntnis  hat  sich  uns  die  weitere 
Einsicht  ergeben,  daß  in  diesen  Sexualperioden  sich  der  Aufbau  unseres 
Organismus  schubweise  vollzieht,  und  daß  durch  sie  der  Tag  unseres 
Todes  ebenso  bestimmt  ist  wie  derjenige  unserer  Geburt.  Krankhafte 


12 


Einleitung 


Störungen  unterliegen  den  gleichen  zeitlichen  Gesetzen,  denen  die 
periodischen  Vorgänge  selbst  unterworfen  sind. 

Die  Mutter  überträgt  die  Perioden  auf  ihr  Kind,  und  durch  den 
Charakter  der  zuerst  übertragenen  bestimmt  sie  sein  Geschlecht. 
Dann  schwingen  die  Perioden  in  dem  Kinde  fort  und  wandern  in 
gleichem  Rhythmus  durch  die  Generationen.  Sie  können  ebenso  wenig 
neu  entstehen,  wie  die  Energie  überhaupt  und  ihre  Zeitform  erlischt 
nicht,  so  lange  organisierte  Wesen  geschlechtlich  sich  fortpflanzen. 
Ihre  Existenz  ist  sonach  nicht  auf  den  Menschen  beschränkt,  sondern 
geht  ins  Tierreich  und  wahrscheinlich  durch  die  ganze  organische 
Welt.  Ja  die  wunderbare  Genauigkeit,  mit  der  die  Zeit  von  23,  bezw. 
28  ganzen  Tagen  innegehalten  wird,  läßt  eine  tiefere  Beziehung 
astronomischer  Verhältnisse  zur  Schöpfung  der  Organismen  ver¬ 
muten.“ 

Dies  sind  die  ausgreifenden  Grundgedanken  von  Fliess’  Perioden¬ 
lehre  ;  er  hat  sie  durch  Jahrzehnte  weiterentwickelt,  namentlich  in 
seinem  1906  in  erster,  1923  in  zweiter  Auflage  erschienenen  Haupt¬ 
werke  „Vom  Ablauf  des  Lebens“.1  Dem  ersten  Ansätze  von  1897 
fügte  er  später  eine  Anzahl  von  Beobachtungen  hinzu,  die  namentlich 
dem  Thema  der  Bisexualität  gewidmet  waren,  den  Hauptnachdmck 
aber  legte  er  mit  einer  Einseitigkeit,  die  sich  über  alle  offenkundigen 
Unstimmigkeiten  hinwegsetzte,  auf  die  Ausarbeitung  des  mathemati¬ 
schen  „Beweises“  seiner  Lehre. 

Während  einige  der  klinischen  Befunde  von  Fliess  in  der  modernen 
Gynäkologie  und  Otolaryngologie  Beachtung  finden,  hat  seine 
Periodenlehre,  die  zur  Zeit  der  Veröffentlichung  kritisches  Interesse 
erregte,  in  der  modernen  Biologie  beinahe  einmütige  Ablehnung 
erfahren  ;  namentlich  sind  die  auf  logischen  Fehlschlüssen  fußenden 
Berechnungen  der  Perioden  längst  als  Verirrungen  erkannt  worden.2 

x)  Vgl.  auch  Fliess’  spätere  kürzere  zum  Teil  populäre  Schriften:  „Vom 
Leben  und  vom  Tode“,  5.  Aufl.  1924;  „Das  Jahr  im  Lebendigen“,  2.  Aufl., 
1924;  „Gesammelte  Aufsätze  zur  Periodenlehre“,  1924. 

2)  Eine  ins  einzelne  gehende  Kritik  der  mathematischen  Grundlagen  der 
Fliess’schen  Periodenlehre  findet  sich  in  dem  Buch  eines  Arztes,  J.  Aelby, 
„Die  Fliess’sche  Periodenlehre  im  Lichte  biologischer  und  mathematischer 
Kritik“,  1928.  Die  von  Fliess  vertretene  Forschungsrichtung  hat  in  den  Arbeiten 
des  Gynäkologen  Georg  Riebold  eine  methodisch  wesentlich  verbesserte  Fort¬ 
setzung  gefunden.  Riebold  hat  seine  seit  1908  veröffentlichten  Einzelunter¬ 
suchungen  in  einer  Monographie  zusammengefaßt  („Einblick  in  den  perio- 


Wilhelm  Fliess ’  Wissenschaftliche  Interesen 


13 


Zur  Zeit  der  Begegnung  mit  Freud  war  keine  dieser  Arbeiten 
erschienen,  doch  die  Fähigkeit  zu  weit  ausgreifenden  Gedanken  muß 
schon  damals  die  Persönlichkeit  Fliess’  ausgezeichnet  haben.  Als 
Fliess  im  Herbst  des  Jahres  1887  zu  einem  Studienaufenthalt  in  Wien 
war,  besuchte  er,  v/ohl  auf  Rat  von  Josef  Breuer,  Freuds  neurologische 
Vorlesung  und  erörterte  bei  diesem  Anlaß  mit  Freud  dessen  sich 
formende  neuen  Anschauungen  über  Anatomie  und  Funktionsweise 
des  Zentralnervensystems,  Gedanken  und  Arbeitspläne,  die  nur 
zum  Teil  ausgereift  und  zur  Veröffentlichung  gelangt  sind.  Der 
Briefwechsel,  der  diese  Begegnung  fortsetzte,  begann  als  der  zweier 
Spezialärzte,  die  einander  Patienten  überwiesen,  und  wurde  seit  1893 
zum  regelmäßigen  Gedankenaustausch  zweier  durch  gemeinsame 
wissenschaftliche  Interessen  enge  verbundenen  Freunde,  die  immer 
wieder  den  freilich  nie  verwirklichten  Plan  zu  gemeinsamer  Veröffent¬ 
lichung  erwogen.  Die  Fortführung  der  Beziehung  wurde  äußerlich 
dadurch  erleichtert,  daß  Fliess  im  Jahre  1892  eine  Wienerin  aus  dem 
Patientenkreise  Josef  Breuers  heiratete,  so  daß  sich  anfangs  häufige 
Gelegenheiten  zum  Zusammentreffen  ergaben.  Bald  aber  begannen  die 

dischen  Ablauf  des  Lebens  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  Menstruations¬ 
vorgangs“,  Stuttgart,  1942).  Nach  Riebolds  Auffassung  ist  der  Grundgedanke 
von  Fliess,  nach  dem  „das  Leben  sich  in  einem  periodischen  Rhythmus 
abspielt  .  .  .  etwas  Richtiges  .  .  .  auch  die  von  ihm  gefundenen  Perioden  von 
23  und  28  Tagen  kommen  tatsächlich  häufig  vor,  aber  der  Anspruch  von 
Fliess,  der  sich  in  seiner  Überheblichkeit  einem  Kepler  an  die  Seite  stellt“, 
wird  in  das  Gebiet  der  Psychopathologie  verwiesen.  —  Die  Bedeutung  der 
Untersuchungen  von  Riebold,  Fliess  und  anderen,  die  sich  um  die  Erforschung 
von  periodischen  Vorgängen  im  Anschluß  an  die  Menstruation  bemühen, 
wurde  von  Knaus  kritisch  geprüft.  „Mit  dem  Fortschritte  unserer  Kenntnisse 
von  den  funktionellen  Beziehungen  zwischen  den  der  Gebärmutter  über¬ 
geordneten  Drüsen  und  dem  Menstruationsorgan  selbst  schwindet  .  .  .  der 
Glaube  an  tiefere  kosmische  Zusammenhänge  zwischen  Menstruation  und  ihrer 
Periodizität  und  damit  das  wissenschaftliche  Ansehen  der  von  Riebold  auf¬ 
gestellten  Periodengesetze“.  („Zur  Periodizität  des  menstruellen  Zyklus“, 
Münchner  Med.  Wochenschrift,  1938,  S.  47).  Außerhalb  Deutschlands  haben 
die  biologischen  Anschauungen  von  Fliess  keine  Beachtung  gefunden. 

Unabhängig  von  Aelby  und  Riebold  haben  auch  manche  Otolaryngologen  in 
Fliess’  klinischen  Arbeiten  einen  Zug  ins  Mystische  beobachtet.  „Wer  die 
Geistesrichtung,  die  dem  Ganzen  zugrundeliegt,  würdigen  will,  darf  sich  nicht 
auf  das  Wesen  der  rhinologischen  Schriften,  die  Fliess  verfaßt  hat,  beschränken. 
Man  muß  vielmehr  auch  seine  übrigen  Schriften  werten,  in  denen  sich  eine 
Zahlenmystik  findet,  die  getrost  am  Ausgang  des  Mittelalters  entstanden  sein 
könnte“.  (F.  Blumenfeld,  im  „Handbuch  der  Hals-,  Nasen-,  Ohrenheilkunde“, 
herausgegeben  von  A.  Denker  und  O.  Kahler.  „Die  Krankheiten  der  Luftwege 
und  der  Mundhöhle“,  II.  Teil,  S.  51.) 


14 


Einleitung 


Freunde  außerhalb  des  Wiener  Familien-  und  Bekanntenkreises 
Zusammenkünfte  —  nach  dem  Ausdrucke  Freuds  „Kongresse“  — 
abzuhalten,  bei  denen  sie  ihre  wissenschaftlichen  Anschauungen  und 
Funde  austauschten.  Freuds  Briefe  stellten  vielfach  Brücken  zwischen 
diesen  Begegnungen  dar  und  sind  von  Hinweisen  auf  gegenseitige 
mündliche  Anregungen  durchzogen.1 

In  den  ersten  Jahren  ihrer  Freundschaft  finden  wir  beide  Männer 

in  einer  ähnlichen  Lebenssituation:  junge,  der  wissenschaftlichen 

Forschung  ergebene  Spezialärzte,  Söhne  von  Kaufleuten  aus  dem 

jüdischen  Mittelstand,  bemüht  um  die  Gründung  von  Familie  und 

Praxis.  Freud,  der  um  zwei  Jahre  Ältere,  hatte  1886,  im  Jahre  vor  der 

Begegnung  mit  Fliess,  geheiratet  und  im  Hause  Maria  Theresien- 

straße  8  seine  Ordination  eröffnet.  In  den  Jahren,  die  in  den  Briefen 

an  uns  vorüberziehen,  sehen  wir  die  Familie  Freuds  von  einem  zu 

sechs  Kindern  wachsen;  wir  hören  von  der  Übersiedlung  der  Familie 

in  die  Wohnung  im  Hause  Berggasse  19,  aus  der  Freud  dreiund- 

•  * 

vierzig  Jahre  später,  nach  der  Besetzung  Österreichs  durch  die 
Nationalsozialisten,  nach  England  auswanderte.  Wir  hören  von  der 
Vermählung  Fliess’  mit  Ida  Bondy  aus  WTien,  von  der  Geburt  seiner 
drei  Kinder  und  den  Schicksalen  beider  Familien,  soweit  sie  sich  im 
Briefverkehr  zweier  Freunde  naturgemäß  widerspiegeln. 

Das  Gemeinsame  der  äußeren  Lebenssituation  findet  eine  Ergänzung 
im  gemeinsamen  Bildungsgut  beider  Männer.  Das  naturwissenschaft¬ 
liche  Interesse  ruht  sicher  auf  der  Grundlage  der  humanistischen 
Bildung.  Sie  teilen  die  Bewunderung  für  die  Meisterwerke  der 
Weltliteratur  und  tauschen  Mottos  aus,  die  ihren  Gedankengängen 
vorangestellt  werden  können.  Während  Freud  immer  wieder  auf 
Shakespeare  hinweist,  Kipling  und  andere  zeitgenössische  englische 
Romane  empfiehlt,-2  dankt  er  Fliess  die  nähere  Bekanntschaft  mit 
Conrad  Ferdinand  Meyer,  dem  Schweizer  Novellisten,  dem  Freuds 
Vorliebe  treu  blieb. 

Die  gegenseitigen  Anregungen  verraten  überdies  die  vorherr¬ 
schenden  Neigungen  beider  Männer:  unter  Freuds  Büchern  findet 


0  So  kommt  es,  daß  zahlreiche  Stellen  und  eingestreute  Bemerkungen,  von 
denen  nur  einige  hier  abgedruckt  wurden,  trotz  aller  Bemühung  unverständlich 
blieben. 

2)  In  hier  nicht  abgedruckten  Postkarten  oder  Briefen. 


Wilhelm  Fliess *  Wissenschaftliche  Interessen 


15 


sich  eine  zweibändige  Ausgabe  der  Vorträge  von  Helmholtz,  die  ihm 
Fliess  zu  Weihnachten  1898  als  Geschenk  sandte;  Freud  wieder,  der 
in  den  neunziger  Jahren  die  klinische  Literatur  in  vielen  Einzelheiten 
verfolgte,  macht  in  eiligen  Postkarten  den  Berliner  Freund  auf  deutsche, 
französische  und  englische  Neuerscheinungen  auf  dem  Gebiete  der 
Otolaryngologie  aufmerksam,  die  Fliess  entgangen  sein  könnten.1 
Daneben  erzählt  er  von  seinem  Studium  der  zeitgenössischen 
Psychologen,  aber  auch  von  seinem  wachsenden  Interesse  an  prä¬ 
historischen  und  archäologischen  Studien,  von  den  ersten  bescheidenen 
griechischen  oder  römischen  Altertümern,  erworben  als  Ersatz  für 
die  lange  verschobene,  in  Goethescher  Stimmung  ersehnte  Italienreise; 
und  unter  den  wenigen  Nachrichten  von  Tagesereignissen,  die  Freud 
besonders  erwähnt,  findet  sich  der  Hinweis  auf  die  erste  Zeitungs¬ 
nachricht  über  Evans5  Funde  in  Kreta,  die  das  Auftauchen  einer 
unbekannten  Zivilisation  aus  dem  Schutt  der  Vergangenheit  einleiten. 

Die  Umwelt,  in  der  beide  Männer  lebten,  war  schärfer  unter¬ 
schieden.  Der  Gegensatz  zwischen  dem  müden  und  engen  Francisco- 
Josephinischen  Wien  und  dem  lebhaft  aufstrebenden  Berlin  Wilhelms 
II.  wird  in  Freuds  Briefen  öfters  lebendig.  Der  Gegensatz  reicht  bis 
in  die  ökonomischen  Verhältnisse;  die  ärztliche  Praxis  in  Wien  wird 
von  jeder  Schwankung  der  Wirtschaftskonjunktur  schwer  betroffen, 
„bis  zu  den  Spitzen  der  ärztlichen  Profession“;  von  Schwankungen, 
die  neben  denen  von  Freuds  Ansehen  bei  Ärzteschaft  und  Publikum 
den  Freuds chen  Haushalt  in  Mitleidenschaft  ziehen.  Von  ähnlichen 
Klagen  Fliess5  verraten  Freuds  Briefe  nichts.  Es  hat  den  Anschein, 
als  ob  sich  die  ärztliche  Tätigkeit  Fliess5  schnell  und  ungestört  ent¬ 
wickelt  hätte.  Fliess  war  überdies  seit  seiner  Eheschließung  materieller 
Sorgen  enthoben. 

Der  Gegensatz  von  Wien  und  Berlin  reicht  ins  Politische:  Freud 
berichtet  vom  Niedergang  des  Liberalismus  in  Wien,  vom  Sieg  der 
Antisemiten  in  der  Stadtverwaltung,  von  antisemitischen  Tendenzen 
in  der  Wiener  Gesellschaft  der  Ärzte,  der  medizinischen  Fakultät 
und  der  Unterrichts  Verwaltung,  die  ihm  den  Professorentitel  lange 
vorenthält,  —  einen  Titel,  von  dem  man  mit  Recht  erv/arten  durfte, 
daß  er  der  Praxis  Freuds  einen  neuen  Aufschwung  geben  würde,  da 


x)  In  hier  nicht  abgedruckten  Postkarten  oder  Briefen. 


1 6 


Einleitung 


das  Wiener  Publikum  dieser  Zeit  sein  Vertrauen  zum  Spezialisten  nach 
dessen  akademischer  Stellung  zu  bemessen  gewohnt  war.  Beide 
Freunde  folgen  den  Nachrichten  über  den  Dreyfus-Prozeß  und 
Zolas  „Kampf  ums  Recht“  mit  begreiflicher  Spannung;  Fliess  scheint 
in  diesem  Zusammenhang  den  fortschrittlichen  Geist  in  Berlin  und 
Deutschland  gerühmt  zu  haben. 

Aber  weder  die  Ähnlichkeit  in  Herkunft,  Bildung  und  Familien¬ 
situation,  noch  Persönliches  und  Privates  überhaupt,  gab  das  Motiv 
zum  Briefwechsel  ab;  auch  in  den  Jahren  der  engsten 
Freundschaft  blieben  die  Familienbeziehungen  lose  und  geplante 
Begegnungen  beider  Familien  im  Sommer  kamen  nie  zustande.  Die 
Funktion  des  Briefwechsels  war,  soweit  wir  nach  allen  erhaltenen 
Briefen  Freuds  schließen  können,  aus  der  Gemeinsamkeit  der  wissen¬ 
schaftlichen  Interessen  bestimmt. 

Die  wachsende  Häufigkeit  des  Gedankenaustausches1  und  die  zu¬ 
nehmende  Vertraulichkeit,  die  sich  im  Wechsel  der  Anrede  vom  Sie 
zum  Du  ankündigt,  dürfen  wir  mit  einer  bedeutenden  Wendung  in 
Freuds  persönlichen  und  wissenschaftlichen  Beziehungen  in  Zusam¬ 
menhang  bringen,  mit  der  Ablösung  Freuds  von  Josef  Breuer.2  Seit 
seinen  Studentenjahren  hatte  Freud  in  engster  Beziehung  zu  diesem 
bedeutenden  Manne  gestanden.  Schon  anfangs  der  Soer  Jahre  hatte 
Breuer,  der  um  dreizehn  Jahre  Ältere,  Freud  von  der  kathartischen 
Behandlung  einer  Patientin  berichtet,3 4  und  ein  Jahrzehnt  später  ent¬ 
schlossen  sich  beide  zur  gemeinsamen  Veröffentlichung  ihrer  An¬ 
schauungen  über  Hysterie. 

In  der  gemeinsamen  Arbeit  ergaben  sich  bald  Meinungsverschieden¬ 
heiten,  die  zur  Entfremdung  führten.  Freuds  Gedanken  waren  in 
sprunghafter  Entwicklung  begriffen  und  der  ältere,  zaghaftere  Breuer 
vermochte  sich  nicht  zur  Gefolgschaft  zu  entschließen.  Schon  an¬ 
läßlich  der  ersten  gemeinsamen  Veröffentlichung^  berichtete  Freud  an 

x)  S.S.  1x3. 

2)  Freud  hat  seine  Beziehung  zu  Breuer  öfters  dargestellt  und  dabei  „die 
Dankesschuld  der  Psychoanalyse  gewiß  nicht  unterschätzt4 4.  (Vgl.  19x5,  „Zur 
Geschichte  der  Psychoanalytischen  Bewegung“,  G.W.  X;  1925,  „Nachruf  für 
Josef  Breuer“,  und  „Selbstdarstellung“,  G.W.  XIV). 

3)  Der  Fall  „Anna  O“  der  „Studien  über  Hysterie“. 

4)  „Vorläufige  Mitteilung  über  den  psychischen  Mechanismus  hysterischer 
Phänomene“,  Neurol.  Zentralblatt  1893,  1  u.  2.  —  Später  wieder  abgedruckt 
als  einleitendes  Kapitel  der  „Studien  über  Hysterie4 £, 


Wilhelm  Flies  s’  Wissenschaftliche  Interessen 


17 


Fliess  von  Konflikten  mit  Brener  (Brief  Nr.  11);  während  der  Vor¬ 
arbeiten  zur  Veröffentlichung  des  gemeinsam  abgefaßten  Buches,  der 
„Studien  über  Hysterie“,  die  zu  Ende  des  Jahres  1895  erschienen, 
waren  die  Schwierigkeiten  der  Zusammenarbeit  im  ständigen  Wachsen 
begriffen.  Im  Vorwort  der  endlich  doch  erfolgten  Veröffentlichung 
betonten  die  Autoren  ausdrücklich  die  Abweichung  ihrer  Standpunkte. 

Breuer  war  Freud  in  seinen  frühen  Grundannahmen  willig  gefolgt, 
hatte  die  Begriffe  der  Abwehr  und  der  Konversion  von  Freud  über¬ 
nommen,  obwohl  er  im  Anschluß  an  die  französische  Psychiatrie  an 
der  Annahme  festhielt,  daß  ein  besonderer  Zustand,  der  hypnoide, 
für  das  Zustandekommen  hysterischer  Phänomene  verantwortlich  sei. 
Auch  Freuds  Grundanschauung  von  der  Funktionsweise  des  psychischen 
Apparates,  die  er  als  das  Prinzip  von  der  Konstanterhaltung  psychischer 
Energie  formuliert  hatte  (S.  27  u.  S.  145),  war  von  Breuer  angenommen 
und  mit  seinen  eigenen  Anschauungen  verarbeitet  worden.  Die  Mei¬ 
nungsverschiedenheit  scheint  sich  entwickelt  zu  haben,  als  Freuds 
klinische  Erfahrungen  und  erste  theoretischen  Überlegungen  auf  die 
Bedeutung  der  Sexualität  in  der  Ätiologie  der  Neurosen  hindeuteten.1 
Zur  Zeit  des  Erscheinens  der  „Studien“  gelang  es  gerade  noch,  die 
Meinungsverschiedenheit  äußerlich  zu  überbrücken.  Vergleicht  man 
die  Zurückhaltung,  mit  der  das  Problem  der  Sexualität  in  den  „Studien“ 
behandelt  ist,  mit  Freuds  Ausführung  in  seiner  noch  vor  der  Ver¬ 
öffentlichung  der  „Studien“  erschienenen  Arbeit  über  die  Angst¬ 
neurose2  und  zieht  man  die  Fülle  der  Einsichten  heran,  die  nach  dem 
Zeugnis  der  Briefe  in  Freud  lebendig  waren,  so  versteht  man  die 
Schwierigkeit,  mit  der  er  zu  rechnen  hatte:  der  ältere  Freund  und 
Mentor,  der  ihn  vor  Jahren  auf  das  Problem  der  Hysterie  hingewiesen 
hatte,  versagte  ihm  Ermutigung  und  Anerkennung. 

Von  den  offiziellen  Vertretern  der  Psychiatrie  und  Neurologie  an 
der  Universität  war  keine  Stütze  zu  erwarten;  Meynert,  Freuds 
früherer  Lehrer,  hatte  schon  seine  ersten  Arbeiten  über  Hysterie 
scharf  abgelehnt  und  Krafft-Ebing  stand  ihnen  mit  gemessener  Gleich- 


*)  Vgl.  dazu  Freuds  Darstellung  in  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen 
Bewegung“. 

2)  „Über  die  Berechtigung,  von  der  Neurasthenie  einen  bestimmten  Symptom¬ 
komplex  als  Angstneurose  abzutrennen“,  Neurol.  Zentralblatt  1895,  Nr.  2, 

G.W.  I. 


D 


i8 


Einleitung 


gültigkeit  gegenüber.  Der  engere  Kreis  der  ärztlichen  Freunde  aber 
war  von  Breuers  Einfluß  beherrscht.  Dabei  scheint  Freud  nicht  so 
sehr  die  Ablehnung  seiner  Funde  durch  Breuer  als  dessen  Schwanken 
zwischen  Kritik  und  Bewunderung  als  Belastung  empfunden  zu  haben. 
(Vgl.  etwa  Briefe  Nr.  24,  35,  135.)1 

Die  Freundschaft  mit  Fliess  trat  in  die  Lücke,  die  durch  die  Lösung 
von  Breuer  entstanden  war.  Sie  ersetzte  Freud  ältere,  nicht  mehr 
tragfähige  Freundschafts-  und  Arbeitsbeziehungen;2 *  Freud  war  des 
Verständnisses  in  seinem  eigenen  Kreise  unsicher  geworden  und  der 
Kollege  in  Berlin  wurde,  in  Freuds  Worten,  zu  seinem  einzigen 
Publikum. 

In  den  ersten  Jahren  der  Korrespondenz  kündigte  Freud  geplante 
Arbeiten  an  und  übersandte  Fliess  Sonderdrucke  seiner  Veröffent¬ 
lichungen.  Bald  aber  wurde  Fliess  zum  Vertrauten,  dem  klinisches 
Material  vorgelegt,  neue  Funde  angekündigt,  erste  Formulierungen 
vorgetragen  wurden.  So  finden  wir  unter  Freuds  Sendungen  an  Fliess 
neben  Skizzen  unausgereifter  Gedanken,  neben  Plänen  für  künftige 
Forschungsarbeit,  formvollendete  und  in  Freuds  späteren  Werken 
kaum  übertroffene  Abhandlungen.  So  kam  es,  daß  manche  der  an 
Fliess  gesandten  Manuskripte  später  zurückerbeten  wurden,  um  in 
Veröffentlichungen  Verwendung  zu  finden,  während  einzelne  Phasen 
und  Umwege  in  Freuds  Hypothesenbildung  erst  durch  das  hier  ver¬ 
öffentlichte  Material  zugänglich  werden. 

Wir  wissen  nicht,  wie  sich  Freuds  Mitteilungen  im  Geiste  seines 
Korrespondenten  spiegelten.  Aus  Freuds  Briefen  schließen  wir  auf 
gelegentliche  Zweifel  und  Mahnungen,  öfters  auf  Zustimmung.  Das 
Material  beginnt  erst  reichhaltiger  zu  werden,  als  die  Meinungsver¬ 
schiedenheiten  an  Bedeutung  gewannen  und  Fliess  immer  nachdrück¬ 
licher  darauf  bestand,  daß  seine  Periodenlehre  die  Grundlage  von 
Freuds  Neurosenlehre  abzugeben  bestimmt  sei. 

x)  In  einem  zufällig  erhaltenen  Briefe  Breuers  an  Fliess  aus  dem  Sommer 
1895,  mehrere  Monate  vor  dem  Erscheinen  der  „Studien  über  Hysterie“  heißt 
es:  „Freud  ist  im  vollsten  Schwung  seines  Intellekts.  Ich  sehe  ihm  schon  nach 
wie  die  Henne  dem  Falken.“4 

2)  F.  Wittels  („Sigmund  Freud,  der  Mann,  die  Lehre,  die  Schule44,  1924, 

S.  88f)  hat  aus  Freuds  in  der  Traumdeutung  mitgeteilten  Träumen,  wie  wir 
glauben,  richtig  erkannt,  daß  Fliess  Freud  verlorene  Freunde  ersetzen  sollte; 
auch  findet  er  Freuds  Ambivalenz  gegen  Fliess  in  den  Freudschen  Träumen 

ausgedrückt;  ein  Schluß,  den  Freud  selbst  gezogen  hat  (Brief  Nr.  119). 


Psychologie  und  Physiologie 


19 


Über  die  Einstellung  Freuds  zu  den  Forschungen  von  Fliess  unter¬ 
richten  uns  die  Briefe  weitgehend:  er  folgte  den  Arbeiten  des 
Freundes  —  mindestens  im  ersten  Jahrzehnt  der  Beziehung  —  mit 
ungeteilter  Spannung  und  bewunderte  die  Richtung  seiner  Forschungen. 
Es  ist  kennzeichnend,  daß  Freuds  Enthusiasmus  für  Fliess*  Unter¬ 
suchungen  größer  war,  wenn  er  ihm  begegnet  war  oder  ihm  Fliess 
brieflich  von  seinen  Arbeiten  erzählt  hatte;  den  Manuskriptsendungen 
gegenüber  bewahrte  Freud  eine  merkbare  Zurückhaltung. 

Dieser  Umstand  unterstützt  die  Vermutung,  daß  die  Überschätzung 
von  Fliess’  Persönlichkeit  und  Leistung  einem  inneren  Bedürfnis 
Freuds  entsprochen  habe.  Er  machte  den  Freund  und  Vertrauten  zum 
Bundesgenossen  im  Kampf  gegen  die  offizielle  Wissenschaft,  gegen 
die  Medizin  der  hochmögenden  Professoren  und  Universitätskliniken, 
ein  Gedanke,  der  nach  dem  Zeugnis  der  gleichzeitigen  Veröffentli¬ 
chungen  Fliess  damals  durchaus  ferne  lag.  Freud  suchte  Fliess,  um  ihn 
sich  enger  zu  verbinden,  zur  eigenen  Höhe  zu  heben,  und  idealisierte 
zuweilen  das  Bild  des  vermeintlichen  Mitkämpfers  zu  dem  eines 
Führers  in  den  Naturwissenschaften. 

Die  Überschätzung  von  Fliess*  Bedeutung  in  Freuds  Briefen  hat 
neben  der  persönlichen  zweifellos  eine  sachliche  Wurzel:  Freud  suchte 
in  Fliess  nicht  nur  den  Zuhörer  und  vermeintlichen  Mitkämpfer, 
sondern  erwartete  zugleich  aus  der  Beziehung  zu  ihm  Antworten  auf 
Fragen,  die  ihn  seit  Jahren  bedrängten,  auf  die  Fragen  nach  der  Ab¬ 
grenzung  der  physiologischen  und  der  psychologischen  Auffassung  der 
Phänomene,  die  er  studierte. 


II 

PSYCHOLOGIE  UND  PHYSIOLOGIE 

„Ich  bin  nicht  immer  ein  Psychotherapeut  gewesen,  sondern  bin 
bei  Lokaldiagnosen  und  Elektrodiagnostik  erzogen  worden  wie  andere 
Neuropathologen,  und  es  berührt  mich  selbst  noch  eigentümlich, 
daß  die  Krankengeschichten,  die  ich  schreibe,  wie  Novellen  zu  lesen 
sind,  und  daß  sie  sozusagen  des  ernsten  Gepräges  der  Wissenschaft- 


20 


Einleitung 


lichkeit  entbehren.  Ich  muß  mich  damit  trösten,  daß  für  dieses 
Ergebnis  die  Natur  des  Gegenstandes  offenbar  eher  verantwortlich 
zu  machen  ist  als  meine  Vorliebe;  Lokaldiagnostik  und  elektrische 
Reaktionen  kommen  bei  dem  Studium  der  Hysterie  eben  nicht  zur 
Geltung,  während  eine  eingehende  Darstellung  der  seelischen  Vorgänge, 
wie  man  sie  vom  Dichter  zu  erhalten  gewöhnt  ist,  mir  gestattet,  bei 
Anwendung  einiger  weniger  psychologischen  Formeln  doch  eine 
Art  von  Einsicht  in  den  Hergang  einer  Hysterie  zu  gewinnen.“ 

Mit  diesen  Worten  leitete  Freud  die  Epikrise  der  Krankengeschichte 
der  Elisabeth  von  R.  ein,  vermutlich  der  letzten,  die  er  zu  den  Studien 
über  Hysterie  beigetragen  hatte.  Es  sind  Worte,  die  auf  einen  intellek¬ 
tuellen  Konflikt  schließen  lassen,  der  die  Entwicklung  von  Freuds 
Ideen  in  den  90er  Jahren  entscheidend  beeinflußte.  Die  Einsichten, 
die  sich  Freud  eröffneten,  waren  neu  und  unerhört:  es  handelte  sich 
um  die  Darstellung  der  Konflikte  des  menschlichen  Seelenlebens  mit 
den  Mitteln  der  Wissenschaft.  Es  wäre  verlockend  gewesen,  die 
Bewältigung  des  neuen  Gebietes  auf  einfühlendes  Verständnis  zu 
gründen,  etwa  die  Krankengeschichten  vornehmlich  im  Biographischen 
zu  verwurzeln  und  alle  Einsicht  auf  Intuition  zu  stützen,  „wie  man  sie 
von  Dichtern  zu  erhalten  gewohnt  ist“.  Freuds  literarische  Sicherheit 
in  der  Darstellung  biographischen  Materials,  die  sich  in  den  „Studien“ 
zum  ersten  Male  voll  entfaltete,  mußte  die  Versuchung  zu  einer  nahen 
und  unmittelbaren  machen.  Aus  den  Briefen  erfahren  wir,  wie  er  die 
Motivgestaltung  der  Dichtung  schon  in  diesen  Jahren  psychologisch 
zu  durchdringen  verstand;  die  Analysen  zweier  Novellen  C.  F.  Meyers 
sind  die  frühesten  Versuche  dieser  Art.1  Aus  späteren  Jahren  wissen 
wir,  wie  er  der  dichterischen  Intuition  gegenüberstand,  dem  Schaffen 
jener  Einzelnen,  denen  es  „gegeben  ist  aus  dem  Wirbel  der  eigenen 
Gefühle  die  tiefsten  Einsichten  doch  eigentlich  mühelos  heraufzuholen, 
zu  denen  wir  Anderen  uns  durch  qualvolle  Unsicherheiten  und  rastloses 
Tasten  den  Weg  zu  bahnen  haben“.2  Der  Gegensatz,  von  dem  er 
hier  spricht  und  der  ihn  schon  in  den  „Studien  über  Hysterie“ 
beschäftigte,  ist  der  zwischen  intuitivem  Verständnis  und  wissen¬ 
schaftlicher  Erklärung.  Es  konnte  nie  zweifelhaft  sein,  auf  welcher 


*)  Briefe  Nr.  90,  91. 

2)  „Das  Unbehagen  in  der  Kultur“,  1928,  G.W.  XIV. 


Psychologie  und  Physiologie 


21 


Seite  Freud  stand.  Er  war  durch  die  Schule  der  Wissenschaft  gegangen, 
und  der  Gedanke,  die  neue  Psychologie  auf  wissenschaftlichen 
Methoden  zu  begründen,  wurde  zu  Freuds  Lebenswerk. 

Wir  haben  nun  zuerst  in  Kürze  in  Erinnerung  zu  rufen,  was  über 
Freuds  Bildungsgang  bekannt  ist;  unsere  Quellen  sind  seine  „Selbst“ 
darstellung“  und  seine  Schriften.  Noch  als  Student  im  Physiologischen 
Institut  der  Wiener  Universität  geschult,  vertauschte  er  im  Jahre  1882 
ungeme  und  nur  auf  ausdrücklichen  Rat  seines  Lehrers,  des  Physiologen 
Ernst  Brücke,  praktischen  Erwägungen  nachgebend,  nach  fast 
sechsjähriger  Arbeit  die  Biologie  mit  der  Klinik.1  In  der  Wahl  des 
klinischen  Spezialfaches  setzte  er  die  Richtung  seiner  früheren 
biologischen  Arbeiten  fort,  die  vom  Studium  der  Nervenwurzeln  und 
Spinalganglien  des  Petromyzon  ausgegangen  waren.2  Er  wandte  sich, 
angeregt  durch  Theodor  Meynert,  der  Neurologie  zu  und  gefördert 
durch  eine  sich  entwickelnde  „Neigung  zur  ausschließenden  Kon¬ 
zentration“  veröffentlichte  er  in  den  Jahren  1884-5  sechs  Arbeiten 
auf  dem  Gebiete  der  Histologie,  Pharmakologie  und  Klinik,  auf 
Grund  deren  er  im  Frühling  1885,  neunundzwanzigjährig,  die 
Privatdozentur  für  Neuropathologie  erwarb.3 

Ein  Reisestipendium,  dessen  Verleihung  an  Freud  Brücke  befür¬ 
wortet  hatte,  ermöglichte  die  Reise  nach  Paris  und  das  Studium  an 
Charcots  Salpetriere;  der  Aufenthalt  dauerte  vom  Herbst  1885  bis 

x)  In  einem  Brief  Freuds  an  einen  Freund  (Wilhelm  Knöpfmacher)  vom 
6.  August  1878  heißt  es:  „Ich  bin  in  diesen  Ferien  in  ein  anderes  Laboratorium 
gegangen  und  bereite  mich  dort  für  meinen  eigentlichen  Beruf  vor.  .  .  .  Tiere 
schinden  oder  Menschen  quälen  .  .  .  und  ich  entscheide  mich  immer  mehr  für 
das  erste  Glied  der  Alternative“. 

2)  „Über  den  Ursprung  der  hinteren  Nervenwurzeln  im  Rückenmark  von 
Ammocoetes  (Petromyzon  Planeri)“.  Aus  dem  Physiologischen  Institut  der 
Wiener  Universität.  Sitzungsberichte  der  K.  Akademie  der  Wissenschaften, 
Bd.  LXXV,  III.  Abtlg.,  Jänner  Heft  1877.  „Über  Spinalganglien  und  Rücken¬ 
mark  des  Petromyzon“.  Aus  dem  Physiologischen  Institut  der  Wiener  Uni¬ 
versität.  Sitzungsberichte  der  K.  Akademie  der  Wissenschaften,  Bd.  LXXVIII, 
III.  Abtlg.,  Juli  1878. 

3)  „Eine  neue  Methode  zum  Studium  des  Faserverlaufes  im  Zentralnerven¬ 
system.“  Archiv  f.  Anat.  u.  Physiologie,  Anat.  Abtlg.,  1884.  (Englisch  in 
„Brain“,  Part  XXV,  1884.)  „Ein  Fall  von  Hirnblutung  mit  indirekten  basalen 
Herdsymptomen  bei  Scorbut“.  Wiener  med.  Wochenschr.,  1884,  Nr.  9  u.  10. 
„Über  Coca“.  Hehlers  Centralblatt  für  Therapie,  1884.  „Beitrag  zur  Kentnis 
der  Cocawirkung“.  Wiener  med.  Wochenschr.,  1885,  Nr.  5*  «Zur  Kenntnis 
der  Olivenzwischenschicht“.  Aus  Neurolog.  Centralbl.,  1885,  Nr.  12.  „Ein 
Fall  von  Muskelatrophie  mit  ausgebreiteten  Sensibüitätsstörungen  (Syringo¬ 
myelie)“.  Wiener  med.  Wochenschr.,  1885,  Nr.  13  u.  14. 


22 


Einleitung 


Ende  Februar  1886;1  von  Paris  ging  Freud  nach  Berlin,  um  sich  bei 
Adolph  Baginsky  „einige  Kenntnisse  über  die  allgemeinen  Erkrankun¬ 
gen  des  Kindesalters  zu  holen“.  Denn  in  Wien  erwartete  ihn  nicht  eine 
Stelle  an  der  psychiatrisch-neurologischen  Klinik,  die  ihm  damals 
und  auch  später  versperrt  blieb.  Vielmehr  hatte  ihm  der  Kinderarzt 
Max  Kassowitz  an  einer  mit  privaten  Mitteln  geführten,  im  Sinne 
der  akademischen  Organisation  inoffiziellen  Anstalt,  dem  „Ersten 
öffentlichen  Kinder krankeninstitut“,  eine  Stelle  als  Leiter  der  neu 
zu  eröffnenden  Neurologischen  Abteilung  zugesagt,  die  Freud  durch 
mehrere  Jahre  hindurch  bekleidete.2 

In  den  Jahren  nach  Rückkehr,  Eheschließung  und  Beginn  der 
Praxis,  in  die  uns  die  Briefe  einen  flüchtigen  Einblick  geben,  waren 
Freuds  wissenschaftliche  Interessen  auf  mehrere  Gebiete  gerichtet. 
In  seinen  Publikationen  blieb  das  neurologische  Interesse  zunächst 
überwiegend  und  die  ersten  seiner  Veröffentlichungen  setzten  die 
alten  Arbeitsinteressen  auf  klinischem,  histologischem,  pharmakolo¬ 
gischem  und  anatomischem  Gebiet  unmittelbar  fort.3 

Bald  aber  folgte  er  der  Anregung  des  ihm  neu  zugänglichen  klini¬ 
schen  Materials.  Eine  1888  erschienene  Studie,  „Über  Hemianopsie 
im  frühesten  Kindesalter“,  leitete  eine  Reihe  von  Arbeiten  aus  dem 
Gebiet  der  Kinderneurologie  ein,  zunächst  die  (gemeinsam  mit  Rie 
verfasste)  Monographie  „Über  die  halbseitige  Zerebrallähmung  der 
Kinder“  (1891),  dann  die  1893  erschienene  Monographie  über  die 
cerebralen  Diplegien,4  eine  Arbeitsrichtung,  die  endlich  in  der 


x)  Nach  einer  Angabe  Freuds  in  einer  Fussnote  der  1887  erschienenen 
deutschen  Übersetzung  von  Charcots  „Neuen  Vorlesungen  über  die  Krank¬ 
heiten  des  Nervensystems“,  S.  301. 

2)  Das  noch  unter  Joseph  II.  begründete  Institut  (1787)  war  erst  in  den  80er 
Jahren  des  19.  Jahrhunderts  modernisiert  worden.  Freuds  Ambulanz  bean¬ 
spruchte  ihn  an  drei  Tagen  der  Woche  durch  einige  Stunden.  Siehe  M.  Kasso¬ 
witz,  „Beiträge  zur  Kinderheilkunde  an  dem  ersten  öffentlichen  Kinderkran¬ 
keninstitut“,  1890,  Bd.  I,  Vorwort. 

3)  „Akute  multiple  Neuritis  der  spinalen  und  Hirnnerven“.  Wiener  med. 
Wochenschr.,  1886,  Nr.  6.  „Über  die  Beziehung  des  Strickkörpers  zum  Hin¬ 
terstrang  und  Hinterstrangskern  nebst  Bemerkungen  über  zwei  Felder  der 
Oblongata“.  In  Gemeinschaft  mit  Dr.  L.  Darkschewitsch  aus  Moskau. 
Neurol.  Centralbl.,  1886,  Nr.  6.  „Über  den  Ursprung  des  Nervus  acusticus“. 
Monatsschrift  für  Ohrenheilkunde,  1886,  Nr.  8  u.  9.  „Bemerkungen  über 
Cocainsucht  und  Cocainfurcht“.  Wiener  med.  Wochenschr.,  1887,  Nr.  28. 

4)  S.  Freud  und  O.  Rie,  „Klinische  Studie  über  die  halbseitige  Cerebral¬ 
lähmung  der  Kinder“.  Beiträge  zur  Kinderheilkunde,  herausgegeben  von  M. 


Psychologie  und  Physiologie 


23 


umfassenden  für  Nothnagels  Handbuch  der  speziellen  Pathologie  und 
Therapie  verfaßten  Gesamtdarstellung  über  infantile  Zerebrallähmung 
gipfelte,  die  erst  im  Jahre  1897  in  Einlösung  eines  längst  gegebenen 
Versprechens  unwillig  vollendet  wurde.1  Nach  dem  Zeugnis  der 
Briefe  fühlte  sich  Freud  als  „Pegasus  im  Joch“;  begreiflich  genug,  wenn 
wir  bedenken,  daß  er  der  Vorbereitung  der  Zerebrallähmung  die 
Beschäftigung  mit  den  Problemen  des  Traumes  opferte. 

Was  Freud  in  den  Jahren  1895-97  als  lästige  und  drückende  Ver¬ 
pflichtung  erschien,  hat  nach  dem  Zeugnis  R.  Bruns2  in  der  modernen 
Neurologie  noch  immer  einen  festen  Platz.  Freuds  Monographie 
stellt  „das  gründlichste  und  vollständigste  dar“,  „was  bis  heute  über 
die  zerebrale  Kinderlähmung  geschrieben  wurde  .  .  .  von  der 
souveränen  Beherrschung  des  gewaltigen  klinischen  Materials,  das 
hier  zusammengetragen  und  kritisch  verarbeitet  wurde,  erhält  man 
einen  Begriff,  wenn  man  bedenkt,  daß  allein  das  Literaturverzeichnis 
14^  Seiten  umfaßt“. 

Wie  nebenbei  entstanden  in  den  Jahren  1886-1892/3  die  Über¬ 
setzungen  von  vier  stattlichen  Bänden,  der  beiden  Bände  der  Vor¬ 
lesungen  Charcots  und  der  beiden  Bücher  Bernheims;3  zu  zweien 
dieser  Bände  schrieb  Freud  bedeutsame  Vorreden,  und  eines  der 
Bücher,  Charcots  „Poliklinische  Vorträge“,  versah  er  mit  fortlaufenden 
Hinweisen  auf  die  neuere  klinische  Literatur  und  mit  kritischen 

Kassowitz,  Heft  III,  1891.  —  „Zur  Kenntnis  der  cerebralen  Diplegien  des 
Kindesalters  (im  Anschluss  an  die  Little’sche  Krankheit)“.  Beiträge  zur  Kinder¬ 
heilkunde,  herausgegeben  von  Dr.  M.  Kassowitz,  Neue  Folge,  Heft  III,  1893. 

x)  „Die  infantile  Cerebrallähmung“.  Aus  Nothnagels  Handbuch  der  spe¬ 
ziellen  Pathologie  und  Therapie,  1897,  IX.  Bd.,  II.  Teil,  II.  Abtlg. 

2)  „Sigmund  Freuds  Leistungen  auf  dem  Gebiet  der  organischen  Neuro¬ 
logie“.  Schweizer  Archiv  für  Neurologie  und  Psychiatrie,  XXXVII,  1936, 
S.  200-207. 

3)  J.  M.  Charcot,  „Neue  Vorlesungen  über  die  Krankheiten  des  Nerven¬ 
systems,  insbesonders  über  Hysterie“.  Wien,  1887;  H.  Bernheim,  „Die  Sug¬ 
gestion  und  ihre  Heilwirkung“,  Wien,  1888  (Zweite  Auflage,  1896).  Derselbe, 
„Neue  Studie  über  Hypnotismus,  Suggestion  und  Psychotherapie“,  1892  ; 
J.  M.  Charcot,  „Poliklinische  Vorträge“,  I.  Band  (Le^ons  du  Zvlardi).  Mit 
Anmerkungen  des  Übersetzers,  Wien,  1892-3.  Es  sind  nicht  die  einzigen 
Übersetzungen  Freuds.  In  seinen  Studenten] ahren  übersetzte  er  einen  Band 
von  J.  S.  Mills  (s.  Anmerkung  zu  Brief  Nr.  152).  Später  im  Leben,  1922, 
den  Abschnitt  über  Samuel  Butler,  in  der  von  Anna  Freud  besorgten  deutschen 
Ausgabe  von  Israel  Levine,  „Das  Unbewußte“,  Int.  Psa.  Bibi.  XX,  1926,  und 
endlich  im  hohen  Alter,  als  er  auf  die  Erlaubnis  wartete,  Wien,  das  von  den 
Nationalsozialisten  besetzt  war,  verlassen  zu  dürfen,  das  kleine  Buch  von  Marie 
Bonaparte,  „Topsy“  (Übersetzung  von  Anna  Freud  und  Sigmund  Freud). 


24 


Einleitung 


Anmerkungen,  deren  einige  die  frühesten  Formulierungen  Freudscher 
Gedanken  aus  dem  Gebiet  der  Neurosenlehre  enthalten. 

Die  allgemeine  Anerkennung,  die  Freuds  Arbeiten  aus  dem  Gebiete 
der  Kinderneurologie  ernteten,  beeindruckte  ihn  kaum  (siehe  Brief 
Nr.  18)  ;  sein  eigentliches  Interesse  gehörte  zwei  anderen  Arbeits¬ 
gebieten  —  oder  zwei  Manifestationen  eines  Problems  —  an,  die 
einander  in  ihrer  Bedeutung  für  Freuds  Denken  ablösten:  der 
„Gehirnanatomie“  und  der  Erforschung  der  Hysterie. 

Der  Gedanke,  seine  Ansichten  über  Gehirnanatomie  zusammenzu¬ 
fassen,  war  durch  Freuds  Mitarbeit  an  Villarets  „Handwörterbuch 
der  gesamten  Medizin“  (2  Bände,  1888  und  1891)  nahegelegt  worden. 
Da  die  Arbeiten  des  Handwörterbuches  von  den  Verfassern  nicht 
gezeichnet  wurden,  nahm  Freud  sie  später  nicht  in  das  Verzeichnis 
seiner  Schriften  auf;  auch  fand  er,  daß  der  Artikel  über  Gehirnanatomie 
durch  Kürzungen  verstümmelt  worden  war.  Aus  dem  gleichen 
Gedankenkreise  aber  stammte  Freuds  1891  erschienene  und  Josef 
Breuer  gewidmete  Monographie  „Zur  Auffassung  der  Aphasien“, 
in  der  er  zum  ersten  Male  „Zweifel  an  der  Richtigkeit  eines 
wesentlich  auf  Lokalisation  beruhenden  Schemas  der  Sprache“ 
äußerte.1  Er  ersetzte  die  Lokalisationstheorie  durch  eine,  die  die 

J)  Brun  a.a.O.  sagt  über  diese  Arbeit:  „Freud  unterscheidet  scharf  zwischen 
der  peripheren  (und  spinalen)  Projektion  und  der  zentralen  (kortika¬ 
len)  Repräsentation  der  Körperabschnitte  im  Zentralorgan  und  sagt 
aus,  daß  die  Körperperipherie  in  den  höheren  Hirnteilen  überhaupt  nicht  mehr 
topisch,  sondern  lediglich  funktionsgemäß  vertreten  sei.  Er  lehnt  es  ferner 
strikte  ab,  , Vorstellungen4  in  örtlich  umschriebenen  Hirnstellen  ( , Zentren4  ) 
zu  lokalisieren  und  erklärt  statt  dessen  die  Sprachfunktion  genetisch 
(auf  Grund  ihres  sukzessiven  Erwerbes  in  der  Kindheit)  als  das  Ergebnis  der 
jeweiligen  Wiedererregung  weitgespannter  visueller,  akustischer,  taktiler,  kin- 
ästhetischer  usw.  Assoziationsbahnen;  die  Unterbrechung  dieser  Assoziations¬ 
bahnen,  und  nicht  die  Zerstörung  besonderer  motorischer,  sensorischer  oder 
gar  jBegriffszentren4  der  Sprache  sei  es,  was  zu  einer  Verstümme¬ 
lung4  der  Sprachfunktion  führe  und  so  die  verschiedenen  Formen  der 
Aphasie  erzeuge.  Er  weist  endlich  —  wiederum  als  erster  —  nachdrücklich  auf 
Hughlings  Jackson  und  die  von  diesem  genialen  englischen  Kliniker  in  die 
Pathologie  eingeführten  (aber  leider  unbeachtet  gebliebenen)  Gesichtspunkte 
der  funktionellen  Rückbildung  ( , Disinvolution4 )  dieses  hoch¬ 
organisierten  Apparates  unter  pathologischen  Bedingungen  hin.  Und  endlich 
stellt  Freud  in  dieser  gedankenreichen  Arbeit  auch  den  Begriff  der 
Agnosie  auf  (zur  Bezeichnung  von  Störungen  des  Erkennens  von  Objekten, 
die  bisher  mit  der  Finkelnbur  g’schen  ,Asymbolie4  zusammengeworfen 
waren),  —  einen  Begriff,  der  sich  seither  in  der  Hirnpathologie  bekanntlich  als 
sehr  fruchtbar  erwiesen  hat  und  allgemein  akzeptiert  worden  ist.  Wenn  wir 
sehen,  mit  welcher  Klarheit  Freud  in  dieser  hervorragenden  hirnpatholo- 


Psychologie  und  Physiologie 


25 


Funktionsweise  der  beteiligten  Hirnpartien  in  den  Vordergrund 
stellte;  die  Lokalisationstheorie  unterschätzte  seiner  Meinung  nach 
das  Kräftespiel,  die  Dynamik,  und  Freud  betonte  den  Gegensatz 
von  dynamischen  Zentren  gegenüber  bestimmten  Lokalisations¬ 
punkten.  Es  kann  kein  Zweifel  sein,  daß  Bernfeld  im  Recht  ist,  wenn 
er  von  der  Arbeit  über  Äphasien  als  dem  ersten  Freudschen  Buch 
spricht.1 

Das  Interesse  an  der  Hysterie  hatte  sich  bei  Freud  langsam  ent¬ 
wickelt.  Schon  in  den  frühen  achtziger  Jahren,  vermutlich  bald  nach 
seinem  Ausscheiden  aus  dem  physiologischen  Institut,  hatte  ihm 
Josef  Breuer  von  einer  Kranken  erzählt,  die  er  vom  Jahre  1880  bis 
1882  behandelt  hatte,  deren  Fall  wir  als  den  der  Anna  O.  aus  den 
„Studien  über  Hysterie“  kennen.  Es  ist  dies  der  Fall,  an  dem 
Breuer  die  Prinzipien  des  kathartischen  Heilverfahrens  entdeckt 
hatte.  Als  Freud  sich  anschickte,  Charcot  von  „Breuers  Funden 
Kunde  zu  geben“,  zeigte  jener  „für  die  ersten  Andeutungen  kein 
Interesse“;  dies  trug  nach  Freuds  Selbstzeugnis  dazu  bei,  auch 
seine  Aufmerksamkeit  vorübergehend  von  der  Beschäftigung  mit  den 
durch  Breuer  eröffneten  Problemen  abzulenken. 

Nach  der  Rückkehr  aus  Paris,  während  er  mit  der  Übersetzung 
von  Charcots  Vorlesungen  beschäftigt  war,  benützte  Freud  einen 
äußeren  Anlass  zu  einer  Diskussion  des  Themas  der  Hysterie.  Er 
hatte  die  Verpflichtung,  in  der  Gesellschaft  der  Ärzte  über  das  in 
Paris  Gelernte  zu  berichten.  Der  Vortrag  —  am  15.  Oktober  1886  — 
behandelte  Charcots  neuere  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  männlichen 
Hysterie.  Seine  Darstellung  fand  keinen  Glauben  und  Meynert 
forderte  ihn  auf,  „solche  Fälle  der  Gesellschaft  vorzustellen,  an 
denen  die  somatischen  Kennzeichen  der  Hysterie,  die  hysterischen 


gischen  Studie  schon  1891  alle  diese  modernen  Gesichtspunkte  schrittweise 
entwickelt  hat,  so  stehen  wir  nicht  an,  ihn  als  den  bedeutendsten 
Vorläufer  v.  Monakows  zu  bezeichnen.  Es  erscheint  mir  als  ein 
Akt  historischer  Gerechtigkeit  und  wissenschaftlicher  Ehrenpflicht,  dies  heute 
einmal  ausdrücklich  zu  sagen  !“ 

x)  Freud  hat  1939  den  Vorschlag,  die  Arbeit  „Zur  Auffassung  der  Äphasien“ 
im  ersten  Bande  der  neuen  chronologisch  geordneten  deutschen  Ausgabe  seiner 
Schriften  zum  Abdruck  zu  bringen,  mit  dem  Elinweis  darauf  abgelehnt,  daß 
diese  Studie  zu  seinen  neurologischen  und  nicht  zu  seinen  psychoanalytischen 
Arbeiten  gehöre.  In  den  Briefen  dagegen  spricht  er  von  der  „Aphasie“  mit 
größerer  Wärme  als  von  seinen  anderen  neurologischen  Schriften. 


26 


Einleitung 


Stigmata“,  durch  welche  Charcot  die  Neurose  charakterisiert,  „in 
scharfer  Ausprägung  zu  beobachten  sind“.  Freud  kam  dieser  Auf¬ 
forderung  am  26.  November  nach  indem  er  einen  Fall  „von  hoch¬ 
gradiger  Hemianaesthesie  bei  einem  hysterischen  Mann“  gemeinsam 
mit  dem  Augenarzt  L.  Königstein  vorstellte.1  Der  Vortrag  fand 
eine  beifällige  Aufnahme,  aber  die  Ablehnung  der  von  Freud 
vertretenen  Charcotschen  Auffassung  blieb  bestehen.  Meynerts 
Widerstand  blieb  ungebrochen  und  er  stellte  der  Charcotschen 
Theorie  eine  anatomische  Theorie  gegenüber  (Wiener  klinische 
Wochenschrift,  1889),  die  Freud  als  völlig  unzureichend  empfand.2 3 
Der  Konflikt  mit  Meynert  führte  dann  dazu,  daß  Freud  seine  alte 
Arbeitsstätte,  das  neurologische  Universitätsinstitut  versperrt  und 
der  Zusammenhang  mit  der  medizinischen  Fakultät  entscheidend 
gelockert  wurde. 

Nach  dieser  ersten  rein  klinischen  Mitteilung  aus  dem  Herbst 
1886,  veröffentlichte  Freud  durch  mehr  als  fünf  Jahre  nichts  aus  dem 
Gebiete  der  Hysterieforschung.  Sein  Interesse  aber  war  nicht  erloschen. 
Seit  Herbst  1887  beschäftigte  sich  Freud  mit  hypnotischer  Therapie 
(Brief  Nr.  2)  und  seit  Frühling  1889  bediente  er  sich  der  Hypnose 
zur  Ausforschung  seiner  Kranken^  im  Sommer  dieses  Jahres  reiste 
er  nach  Nancy,  um  bei  Bernheim  seine  klinischen  Eindrücke  zu 
ergänzen;4  auch  Breuers  Interesse  entzündete  sich  an  dem  Freuds 
von  neuem. 


x)  Vgl.  „Beiträge  zur  Kasuistik  der  Hysterie“,  I,  Dr.  Wittelshöfers  Wiener 
medizinische  Wochenschrift,  Nr.  49  u.  50. 

2)  Vgl.  Charcot,  „Poliklinische  Vorträge“,  Freuds  Fußnote  zu  S.  100.  — 
In  seiner  Selbstdarstellung  berichtet  Freud,  daß  Meynert,  als  Freud  ihn  während 
seiner  Todeskrankheit  besuchte,  sich  selbst  als  einen  typischen  Fall  männlicher 
Hysterie  bezeichnete. 

3)  Nach  einer  Angabe  in  den  „Studien“  war  Frau  Emmy  von  N.  der  erste 
Fall,  in  dem  Freud  die  neue  Methode  anwendete.  Über  andere  Verwendungen 
der  Hypnose  zu  therapeutischen  Zwecken  berichtete  Freud  in  der  Arbeit  „Ein 
Fall  von  hypnotischer  Heilung  nebst  Bemerkungen  über  die  Entstehung 
hysterischer  Symptome  durch  den  Gegenwillen“,  Zeitschrift  für  Hypnotismus, 
1892-3,  Heft  III-XV,  G.S.  I.  Seine  Einstellung  zur  hypnotischen  Therapie  aber 
kennzeichnet  er  in  diesen  Jahren  folgendermaßen:  „Weder  Arzt  noch  Patient 
vertragen  auf  die  Dauer  den  Widerspruch  zwischen  der  entscheidenden  Leug¬ 
nung  des  Leidens  in  der  Suggestion  und  die  notwendige  Anerkennung  desselben 
außerhalb  der  Suggestion.“  (Charcot,  „Poliklinische  Vorträge“,  Fußnote  zu 
S.  192).) 

4)  Über  diesen  Besuch  vgl.  „Selbstdarstellung“  und  „Studien  über  Hysterie“ 
(„Miss  Lucy  R.“). 


Psychologie  und  Physiologie 


27 


Drei  Jahre  später,  1892,  wurde  dann  die  Abrede  über  die 
Veröffentlichung  der  vorläufigen  Mitteilung  „Über  den  psychischen 
Mechanismus  hysterischer  Phänomene“  getroffen,  die  anfangs  1893 
im  Druck  vorlag  und  mehr  als  zwei  Jahre  später  als  Einleitungskapitel 
der  „Studien  über  Hysterie“  nochmals  abgedruckt  wurde. 

Freuds  Interesse  an  dem  neuen  Arbeitsgebiet  war  zunächst 
ausschließlich  klinisch  gerichtet;  das  Studium  des  Krankenmaterials 
drängte  ihm  bald  entscheidende  Einsichten  auf,  die  Breuer  nicht, 
oder  nur  mit  Vorbehalten,  zu  teüen  gewillt  war,  die  Einsicht  in  den 
Abwehrcharakter  der  Symptome,  in  ihre  Überdeterminiertheit  und 
in  die  Funktion  des  Widerstands.  Hand  in  Hand  mit  der  klinischen 
Einsicht,  ja  dieser  voraneilend,  gestaltete  er  die  Technik  um;  er 
ersetzte  Breuers  kathartische  Technik  durch  die  „Konzentrations¬ 
technik“,  die  er  in  den  „Studien“  beschrieb  und  die  wenig  später, 
zwischen  1895  und  1898,  der  Residuen  suggestiver  Elemente 
entkleidet  und  zur  eigentlichen  psychoanalytischen  Technik  um¬ 
gestaltet  wurde.1 

So  fielen  in  den  „Studien“  die  klinischen  und  technischen 
Teile — vier  der  fünf  Krankengeschichten  und  der  technische 
Abschnitt  (Zur  Psychotherapie  der  Hysterie)  —  Freud  zu,  während 
Breuer  den  Abschnitt  über  Theorie  zeichnete.  Aber  vieles  an  der 
Darstellung  Breuers,  namentlich  die  Grundanschauung,  von  der  er 
ausging,  war  unzweifelhaft  Freuds  geistiges  Eigentum  oder  Miteigen¬ 
tum.2  Wir  besitzen  aus  dem  Jahre  1892  einen  Entwurf  Freuds  für 
die  vorläufige  Mitteilung,  in  dem  manche  der  entscheidenden 
Formulierungen  Breuers  vorweggenommen  waren.3  Namentlich  stellte 

x)  Aus  Freuds  Darstellung  in  den  „Studien“  gewinnt  es  den  Anschein.,  als 
sei  der  Wechsel  in  der  Technik  der  Formulierung  seiner  Funde  vorausgegangen. 
Eine  ähnliche  Folge  hat  auch  später  in  der  Entwicklung  der  Psychoanalyse  eine 
entscheidende  Rolle  gespielt.  Die  technischen  Arbeiten  Freuds  aus  dem  zweiten 
Jahrzehnt  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  haben  die  Grundlage  für  seine  Auf¬ 
fassung  psychischer  Struktur  abgegeben  und  enthalten  viele  Ansätze  der  späteren 
psychoanalytischen  Ichpsychologie. 

2)  Vgl.  dazu  S.  Bernfeld,  „Freud’ s  Earliest  Theories  and  the  School  of 
Helmholtz“.  The  Psychoanalytic  Quarterly,  XIII,  1944,  Nr.  3. 

3)  Vgl.  dazu  „Zur  Theorie  des  hysterischen  Anfalles“,  in  G.W.  XVII,  S.  9-13 
(Schriften  aus  dem  Nachlaß).  Gleichlautende  Formulierungen  finden  sich  auch 
in  einem  Briefe  Freuds  an  Breuer  vom  29.  Juni  1892  (ibid.,  S.  5-6)  und  in  einer 
offenbar  früher  im  Jahre  1892  verfaßten  Fußnote  zu  den  „Poliklinischen  Vor¬ 
lesungen“  Charcots  (S.  107),  wo  es  heißt: 

„Ich  habe  versucht,  das  Problem  des  hysterischen  Anfalles  anders  als 


28 


Einleitung 


dort  Freud  den  Satz  auf,  „daß  das  Nervensystem  bestrebt  ist,  etwas 
in  seinen  Funktionsverhältnissen,  was  man  die  Erregungssumme  nennen 
mag,  konstant  zu  erhalten,  und  daß  es  diese  Bedingungen  der  Ge¬ 
sundheit  durchsetzt,  indem  es  jeden  sensiblen  Erregungszuwachs 
assoziativ  erledigt  oder  durch  entsprechende  Reaktion  abführt“. 

Diese  dem  physikalischen  Vors tellungs kreise  entlehnte  Annahme 
fand  als  die  von  der  „intrazerebralen  Erregung“  in  Breuers  Darstellung 
Eingang,  und  ermöglichte  Breuers  Verwertung  des  Vergleichs  der 
Vorgänge  im  Zentralnervensystem  mit  elektrischen  Leitungs Vor¬ 
gängen.  Im  Denken  Freuds  aber  führte  dieser  Gedankengang  zu 
mancherlei  Spekulationen,  über  die  die  Briefe  berichten,  und  endlich 
zu  den  Formulierungen  über  psychische  Regulationsmechanismen, 
die  zum  Bestand  der  psychoanalytischen  Grundannahmen 
gehören. 

In  einem  glänzenden  Essay,  dem  wir  hier  folgen  dürfen,  hat  Bernfeld 
die  Herkunft  dieser  Vorstellungen  aufgezeigt.  Sie  stammen  unmittelbar 
aus  dem  physiologischen  Ansatz  Brückes,  zu  dessen  Schülern  auch 
Breuer  gehört  hatte  —  Breuer  und  Freud  waren  einander  zuerst  im 
Physiologischen  Institut  begegnet  — ,  sie  waren  im  Kreise  der  Wiener 
Physiologen  verbreitet,  zu  deren  Führern  Brücke  und  seine  Assistenten 
Ernst  von  Fleischl-Marxow  und  Sigmund  Exner  gehörten,  beide 
in  den  Briefen,  wenn  auch  in  verschiedenem  Zusammenhang  erwähnt. 


deskriptiv  zu  fassen  und  bin  durch  das  Examen  von  Hysterischen  im  hypno¬ 
tischen  Zustande  zu  neuen  Ergebnissen  gelangt,  von  denen  ich  einige  hier 
mitteilen  will:  Der  Kern  des  hysterischen  Anfalls,  in  welcher  Form  er  sich 
immer  zeigen  mag,  ist  eine  Erinnerung,  das  halluzinatorische  Wiederdurchleben 
einer  für  die  Erkrankung  bedeutungsvollen  Szene.  Dieser  Vorgang  ist  es,  der 
sich  in  der  Phase  der  ,attitudes  passioneiles4  wahrnehmbar  äußert,  er  ist  aber 
auch  dort  vorhanden,  wo  der  Anfall  scheinbar  nur  motorische  Phänomene 
enthält.  Inhalt  der  Erinnerung  ist  in  der  Regel  das  psychische  Trauma,  welches 
entweder  seiner  Intensität  nach  geeignet  war,  den  hysterischen  Ausbruch  bei 
der  Kranken  zu  provozieren,  oder  das  Ereignis,  welches  durch  sein  Eintreffen 
in  einem  bestimmten  Moment  zum  Trauma  geworden  ist. 

In  Fällen  sog.  traumatischer4  Hysterie  ist  dieser  Mechanismus  der  gröbsten 
Beobachtung  auffällig,  er  läßt  sich  aber  auch  bei  Hysterie  ohne  einmaliges 
großes  Trauma  nachweisen.  Hier  findet  man  dann  wiederholte  kleinere 
Traumen  oder  bei  Überwiegen  des  Faktors  der  Disposition  zu  Traumen 
erhobene,  oft  an  sich  indifferente  Erinnerungen.  Ein  Trauma  wäre  zu  definieren 
als  ein  Erregungszuwachs  im  Nervensystem,  dessen  sich  letzteres  durch  mo¬ 
torische  Reaktion  nicht  hinreichend  zu  entledigen  vermag. 

Der  hysterische  Anfall  ist  vielleicht  aufzufassen  als  ein  Versuch,  die  Reaktion 
auf  das  Trauma  zu  vollenden.44 


Psychologie  und  Physiologie 


29 


Erst  jetzt  finden  wir  volles  Verständnis  für  das,  was  Freud  im  Auge 
hatte,  wenn  er  noch  im  Alter  Brücke  als  den  Lehrer  bezeichnete,  der 
ihm  den  größten  Eindruck  gemacht  habe.  Es  ist  die  Brückesche 
Physiologie,  fest  begründet  auf  physikalischen  Vorstellungen  mit 
ihrem  Ideal  von  der  Meßbarkeit  aller  Vorgänge,  die  am  Ausgangspunkt 
der  psychoanalytischen  Theorienbildung  gestanden  ist. 

Brücke  war  kein  Einzelgänger  unter  den  Physiologen  seiner  Zeit. 
Er  stammte  aus  einem  Kreis  von  gleichgesinnten  Männern,  Schülern 
Johannes  Müllers,  die  sich  im  Jahre  1845  in  der  Berliner  Physikalischen 
Gesellschaft  zusammengefunden  hatten;  in  diesem  Kreis  hatte 
Helmholtz  im  Jahre  1847  einen  Vortrag  über  das  Prinzip  der  Erhaltung 
der  Energie  gehalten;  Helmholtz  (1821-1894)  und  Du  Bois-Reymond 
(1818-1892)  waren  gleichaltrig  und  enge  Freunde,  die  Brücke  als 
ihren  „Gesandten  in  Wien“  betrachteten. 

Diese  von  Bernfeld  überzeugend  geschilderte  Enge  der  Beziehungen 
zwischen  dem  Wiener  und  Berliner  Physiologenkreis  bildete  eine  der 
Grundlagen  für  die  Beziehung  von  Freud  und  Fliess.  Als  Fliess  nach 
Wien  kam,  besuchte  er  Forscher,  mit  denen  er  sich  enge  verbunden 
fühlen  mußte.  Nach  seinen  Arbeiten  kann  es  nicht  zweifelhaft  sein, 
daß  er  aus  der  gleichen  Schule  stammte;  kein  Zufall  auch,  daß  er, 
wie  wir  schon  erwähnten,  Freud  die  gesammelten  Aufsätze  von 
Helmholtz  als  Geschenk  sandte.  Es  hat  den  Anschein,  als  ob  das  Ideal 
einer  physikalisch-mathematisch  begründeten  Wissenschaft  sich  in 
Fliess’  Arbeiten  immer  stärker  durchgesetzt  hätte.  Seine  mathema¬ 
tischen  Neigungen  sind  aus  dem  Briefwechsel  selbst  deutlich  zu 
erschließen;  sie  haben  in  seinen  späteren  Veröffentlichungen  eine 
verhängnisvolle  Rolle  gespielt  und  einen  Ausdruck  in  dem  Untertitel 
seines  Hauptwerks  „Der  Ablauf  des  Lebens“  (1906)  gefunden,  von 
dem  er  die  „Grundlegung  der  exakten  Biologie“  erwartete. 

Fliess’  Teilnahme  an  Freuds  Forschungen  war  durch  diese  Ein¬ 
stellung  bestimmt:  er  unterstützte  Freuds  Bedürfnis,  den  Zusammen¬ 
hang  psychologischer  und  physiologisch-physikalischer|Auffassung  zu 
bewahren  und  bot  endlich  seine  eigenen  Hypothesen  als  Grundlage 
für  Freuds  Funde  an;  ein  Versuch,  an  dem  sich  seine  Rivalität  zu 
Freud  entzündete  und  der  schließlich  zum  Abbruch  der  Beziehung 
führen  mußte. 


30 


Einleitung 


In  den  ersten  Jahren  der  Freundschaft  aber  war,  was  später  das 
Motiv  zur  Entfremdung  abgeben  sollte,  das  Ferment  gegenseitiger 
Anregung.  Fliess’  Aufstellung  der  Nasalen  Reflexneurose  rührte  an 
eines  der  lebhaftesten  Interessen  Freuds,  an  das  Problem  der 
Differentialdiagnose  hysterischer  und  somatischer  Störungen,  das  Freud 
schon  in  Paris  beschäftigt  hatte.  Erst  1893,  sieben  Jahre  nach  der 
Heimkehr,  griff  er  in  einer  französisch  veröffentlichten  Arbeit  einen 
Aspekt  dieses  Problems  auf  und  zeigte  mit  unübertroffener  Prägnanz, 
daß  die  hysterische  Lähmung  sich  benehme,  „als  ob  es  eine  Gehirn¬ 
anatomie  nicht  gäbe“,  sie  habe  mit  der  „ Ansprechbar keit  eines 
bestimmten  Vorstellungskreises“  zu  tim.1 

Auch  in  den  gleichzeitigen  klinischen  Arbeiten  Freuds  spielte 
das  Problem  der  Differentialdiagnose  eine  erhebliche  Rolle.  Es  war 
ihm  die  Vorstellung  selbstverständlich,  daß  man  „schärfer,  als  es 
bisher  gelungen  ist,  verschiedene  Pseudoneurasthenien  (das  Bild  der 
organisch  vermittelten  nasalen  Reflexneurose, 
die  nervösen  Störungen  der  Kachexien  und  der  Arteriosklerose,  die 
Vorstadien  der  progressiven  Paralyse  und  mancher  Psychosen)  von 
echter  Neurasthenie“  werde  zu  unterscheiden  haben.2  Solche  Ab¬ 
grenzungen  waren  ihm  umso  dringlicher,  als  seine  aus  der  klinischen 
Arbeit  erwachsenen  Einsichten  auf  das  Wesen  der  Neurasthenie  als 
einer  Aktualneurose  (Angstneurose)  neues  und  unerwartetes  Licht 
zu  werfen  schienen.  Wir  sehen,  wie  sich  diese  Einsicht  in  den 
Briefen  entwickelte,  gelegentlich  überscharf  formuliert  wurde,  bis 
sie  in  dem  Aufsatz  „Über  die  Berechtigung,  von  der  Neurasthenie 
einen  bestimmten  Symptomenkomplex  als  ,Angstneurose£  abzutrennen“ 
zur  ersten  Veröffentlichung  gelangte.  Den  entscheidenden  Fund, 
daß  der  Mechanismus  der  Angstneurose  „in  der  Ablenkung  der 
somatischen  Sexualerregung  vom  Psychischen  und  einer  dadurch 
verursachten  abnormen  Verwendung  dieser  Erregung“  bestehe. 


!)  „ Quelques  considSrations  pour  une  6tude  comparative  des  paralysies  motrices 
organiques  et  hyst&riques “,  Arch.  de  Neurologie,  Nr.  77,  1893.  Die  Arbeit  ging 
auf  eine  Anregung  Charcots  zurück,  vgl.  „Poliklinische  Vorlesungen“,  Fußnote 
zu  S.  268. 

2)  „Über  die  Berechtigung,  von  der  Neurasthenie  einen  bestimmten  Sympto¬ 
menkomplex  als  „Angstneurose“  abzutrennen“,  G.S.  I,  S.  306.  Die  Hervor¬ 
hebung  von  den  Herausgebern. 


Psychologie  und  Physiologie 


31 


kleidete  Freud  in  die  Formel  „Die  neurotische  Angst  ist  umgesetzte 
sexuelle  Libido“.1 

Für  die  Geschichte  der  Psychoanalyse  hat  diese  Auffassung,  die  in 
den  (später  veröffentlichten)  „Studien“  nur  kurz  berührt  wurde, 
bedeutsame  Folgen.  Die  „toxikologische“  Angsttheorie,  die  die 
Entstehung  von  Angst  aus  gestauter  Libido  behauptete,  hat  bis  zur 
Neuformulierung  der  Angsttheorie  in  „Hemmung,  Symptom  und 
Angst“,  1926,  das  psychoanalytische  Denken  beherrscht.  Zugleich 
hat  erst  diese  Neuformulierung2  einen  anderen  entscheidenden 
Gedanken,  den  Freud  in  den  frühen  90er  Jahren  formuliert  hatte, 
wieder  aufgenommen:  den  Gedanken  nämlich,  die  Funktion  der 
Abwehr  in  das  Zentrum  der  Neurosenlehre  zu  rücken;  auf  diesen 
Abwehrbegriff  konnte  dann,  nach  mehr  als  dreißigjährigem  Intervall, 
ein  Stück  der  psychoanalytischen  Ichpsychologie  gegründet  werden. 

Auch  die  Anschauungen,  die  Freud  zur  Aufstellung  der  Angst¬ 
neurose  als  einer  klinischen  Einheit  veranlaßten,  sind  nicht  ver¬ 
loren  gegangen;  sie  haben  in  der  psychoanalytischen  Klinik  und 
Theorie  einen  sicheren  aber  bescheidenen  Platz.  An  der  klinischen 
Bedeutung  dessen,  was  wir  heute  die  aktualneurotischen  Anteile  des 
neurotischen  Konflikts  nennen  und  als  Steigerung  der  Gefahrsituation 
für  das  Ich  verstehen,  kann  kein  Zweifel  sein;  aber  die  sexuelle 
Versagung  stellt  nur  eine  neben  anderen  Bedingungen  solcher  aktual¬ 
neurotischen  Veranlassungen  dar.  Der  Unterschied  zwischen  dieser 
und  Freuds  ursprünglicher  Auffassung  ist  geeignet,  die  Entwicklung 
von  Freuds  Hypothesen  in  scharfes  Licht  zu  rücken.  Während  wir 
gewohnt  sind,  auf  Grund  unserer  Kenntnis  von  der  Rolle  genetischer 
Bedingungen  bei  der  Entstehung  der  Neurosen  die  Reaktion  auf 
Versagung  und  Triebspannung  aus  der  Geschichte  des  Individuums 
herzuleiten,  aber  nicht  meinen,  daß  Versagung  bei  der  Erreichung 
des  Sexualziels  im  Erwachsenen  neurotische  Angst  hervorrufe,  war 

1)  Vgl.  „Inhaltsangabe  der  wissenschaftlichen  Arbeiten  des  Privatdozenten 
Dr.  Sigmund  Freud  (1877-1897)“,  1897,  Internationale  Zeitschrift  für  Psy¬ 
choanalyse  und  Imago,  XXV,  1940,  S.  88. 

2)  Diese  Neuformulierung,  die  von  der  Bedeutung  der  Gefahrsituation  aus¬ 
geht,  war  freilich  in  der  Arbeit  „Über  die  Berechtigung  .  .  .“  vorbereitet:  „Die 
Psyche  gerät  in  den  Affekt  der  Angst,  wenn  sie  sich  unfähig  fühlt,  eine  von 
außen  nahende  Aufgabe  (Gefahr)  durch  entsprechende  Reaktion  zu  erledi¬ 
gen  .  .  .“  ( G.S .  I,  S.  329.) 


32 


Einleitung 


gerade  dieser  Gedanke  für  Freud  ursprünglich  von  entscheidender 
Bedeutung :  die  Auffassung,  daß  „die  Angst,  die  den  Erscheinungen 
der  Neurose  zu  Grunde  liegt,  keine  psychische  Ableitung  zulasse“, 
versprach  aus  dem  Ungewissen  der  psychologischen  Einsicht  auf 
den  sicheren  Boden  physiologischer  Vorgänge  zu  führen  und  wenigstens 
die  Erklärung  einer  Gruppe  psychopathologischer  Phänomene  an 
das  physiologische  Denken  anzuschließen.  Gerade  auf  diesem  Gebiet, 
dem  der  sexuellen  Ätiologie,  war  Breuer  Freuds  Interesse,  wenn 
überhaupt,  so  nur  zögernd  gefolgt;  gerade  hier  aber  verspürte  Freud 
das  Bedürfnis  nach  Rat  und  Ermutigung.  Es  gab  mannigfache  Rätsel 
zu  lösen;  aus  den  Briefen  gewinnt  man  den  Eindruck  des  ständigen 
Kampfes  des  Beobachters  mit  den  klinischen  Eindrücken.  Die 
Bedeutung  des  neuen  Ansatzes  wird  zunächst  überspannt  und  der 
Versuch  unternommen,  Physiologie  und  Psychologie  der  Sexualfunktion 
an  einem  Schema  zu  erklären,  das  alle  Störungen  als  quantitative 
Verschiebungen  faßbar  machen  sollte,  (Manuskript  G)  ein  Versuch,  der, 
offenbar  angeregt  von  Fliess,  von  Freud  schon  wenige  Jahre  später 
abgelehnt  wurde. 

Der  Gedanke,  physiologische  Veränderungen  und  das  Physikalisch- 
Meßbare  zur  Grundlage  aller  psychologischen  Erörterungen  zu 
machen,  also  die  strenge  Anwendung  jener  Anschauungen,  die  dem 
Helmholtz-Brückeschen  Ansatz  zu  Grunde  lagen,  beherrschte  Freuds 
Denken  in  diesen  Jahren.  Mindestens  seit  Beginn  des  Jahres  1895 
beschäftigte  sich  Freud  mit  dem  Versuch  einer  solchen  Gesamt¬ 
darstellung.  Es  liegt  nahe,  sich  hier  daran  zu  erinnern,  daß  gleichzeitig 
Breuer  mit  der  Abfassung  des  theoretischen  Abschnittes  der 
„Studien“  beschäftigt  war,  in  dem  er  die  Auffassung  vertrat,  daß 
bei  dem  damaligen  Stande  der  Kenntnisse  psychologische  Erwägungen 
nicht  mit  hirnphysiologischen  verbunden  werden  könnten.  Gerade 
diesen  Versuch  aber  unternahm  Freud.  Er  dachte  zunächst  an  eine 
„Psychologie  für  Neurologen“,  modifizierte  aber  die  Entwürfe  und 
Ansätze  offenbar  mehrfach.  Aus  dem  Herbst  des  Jahres  1895  ist 
eine  Fassung  der  geplanten  Darstellung  erhalten,  deren  größter  Teil 
nach  einer  Begegung  mit  Fliess  in  wenigen  Tagen  niedergeschrieben 
wurde,  der  Rest  in  den  folgenden  Wochen.  Kaum  war  die  Sendung  an 
Fliess  abgegangen,  so  folgten  Erläuterungen  und  Verbesserungs- 


Psychologie  und  Physiologie 


33 


Vorschläge.  Die  Gedanken  des  Entwurfs  blieben  durch  Monate  in 
den  Briefen  lebendig,  um  dann  neuen  Bedenken,  aber  vor  allem 
neuen  Einsichten  Raum  zu  geben. 

Obwohl  das  im  Anhang  (S.371  ff.)  abgedruckte  Manuskript  uns  daher 
nur  über  eine  Phase  von  Freuds  Versuchen  zu  einer  Gesamtauffassung 
von  Hirnphysiologie  und  Psychologie  zu  gelangen,  unterrichtet,  ist 
sein  historischer  Wert  doch  beträchtlich.  Eine  zusammenhängende 
Würdigung  dieses  „Entwurfes“  kann  hier  nicht  versucht  werden; 
nur  die  Gedankenrichtungen,  die  ihn  zusammensetzen,  sind  zu 
kennzeichnen.  Es  ist  ein  konsequenter  Versuch,  die  Funktion  des 
psychischen  Apparates  als  Funktionen  eines  Neuronensystems  zu 
beschreiben  und  alle  Vorgänge  letztlich  als  quantitative  Veränderungen 
zu  erfassen.  Diese  Vorgänge  aber  sind  nicht  auf  Wahrnehmung  und 
Gedächtnis  beschränkt,  sie  umfassen  das  Denken  und  das  Affektleben, 
Psychopathologie  und  Normalpsychologie  und  zugleich  die  erste 
gedrängte,  aber  in  manchen  Punkten  abgeschlossene  Lehre  vom 
Traum.  Der  Gedanke,  Neurosenlehre  und  Normalpsychologie  mit 
der  Hirnphysiologie  zu  verschmelzen,  war  an  sich  kühn.  Für  den 
heutigen  Leser  noch  eindrucksvoller  ist  aber  die  Konsequenz,  mit  der 
diese  eine  Gedankenrichtung  über  alle  Schwierigkeiten  und  Wider¬ 
sprüche  hinaus  festgehalten  wurde.  Jeder  einzelne  Abschnitt,  der 
über  Hirnphysiologie  sowohl  wie  die  über  Psychopathologie,  Abwehr 
und  Denken,  enthält  eine  Fülle  neuer  und  in  Freuds  späteren  Arbeiten 
zum  Teil  nur  andeutungsweise  verwerteten  Beobachtungen  und 
Annahmen.  Manche  davon  weisen  auf  die  künftige  Entwicklung  der 
Psychoanalyse  hin:  Freud  entwickelte  in  der  vorliegenden  Fassung  des 
Entwurfs  schon  Annahmen  über  das  I  c  h  als  eine  durch  eine  konstante 
Energiebesetzung  ausgezeichnete  Organisation  —  eine  Annahme,  die 
ein  Vierteljahrhundert  später  zum  Kernstück  der  psychoanalytischen 
Strukturlehre  wurde.  Mit  der  Ablehnung  der  Vorstellungsweise,  deren 
sich  Freud  im  Jahre  1895  bei  dieser  Annahme  bediente  — ■  das  Ich 
wird  als  eine  Gruppe  besonders  ausgezeichneter  Neuronen  angesehen  — 
verlor,  wie  es  scheint,  auch  die  Annahme  selbst  zeitweise  an 
Bedeutung.  Andere  Grundgedanken  des  Entwurfes  waren  bestimmt, 
schon  früher  in  die  Entwicklung  der  Psychoanalyse  einzugehen:  der 
Gedanke,  daß  die  biologische  Not,  die  zur  Anpassung  zwingt,  dem 
Luststreben  des  Individuums  entgegenwirkt,  hat  in  Freuds  Annahmen 


34 


Einleitung 


über  das  Lust-  und  das  Realitätsprinzip  eine  Fortführung  erfahren. 
Die  Beispiele  aber,  an  denen  Freud  diese  Probleme  im  „Entwurf“ 
beleuchtete,  stammen  zum  Teil  aus  einem  Gebiet,  dessen  Bedeutung 
ihm  damals  aus  seiner  klinischen  Arbeit  nur  unvollkommen  bekannt 
war.  Sie  sind  der  frühesten  Kindheit  entnommen:  eines  der  Grund¬ 
beispiele  Freuds  behandelt  die  Beziehung  des  Säuglings  zur  Mutterbrust. 

Die  Fülle  der  Gedanken,  die  von  der  Hirnphysiologie  zur  Meta- 
Psychologie  im  späteren  Sinne  dieses  Wortes  reichen,  mußte  den 
Entwurf  auch  für  den  durch  Gespräche  vorbereiteten  Leser  schwer 
faßbar  machen;  auch  enthält  das  Manuskript  manche  offenkundige 
von  Freud  selbst  in  späteren  Briefen  angemerkte  Widersprüche.  Fliess’ 
Reaktion  können  wir  aus  den  Briefen  Freuds  nur  zum  Teil  erraten. 
Es  hat  den  Anschein,  daß  sie  aus  einer  Mischung  von  Zögern  und 
Bewunderung  bestand. 

Der  Zweck  der  Sendung,  von  Fliess,  für  den  der  Entwurf 
geschrieben  war,  im  einzelnen  Vorschläge  für  eine  bessere  Formulierung 
der  hirnphysiologischen  Teile  zu  erhalten  (Brief  Nr.  28),  erfüllte  sich 
nicht.  Fliess  war  offenbar  mit  anderen  Fragen  beschäftigt,  und  Freud 
selbst  konnte  sein  Interesse  an  dem  allzu  gewagten  Unterfangen  nicht 
aufrecht  erhalten.  Er  verbannte  die  Notizen  zur  „Psychologie“  and 
revoltierte  gegen  den  „Tyrannen“,  der  sein  Denken  beherrscht  hatte; 
neue  klinische  Eindrücke  forderten  sein  Interesse. 


in 

INFANTILE  SEXUALITÄT  UND  SELBSTANALYSE 

Das  Problem,  das  Freud  im  Jahre  1896  und  in  der  ersten  Hälfte 
1897  beschäftigte,  hatte  sich  lang  angekündigt.  Die  Rolle  der  Kindheit 
in  der  Ätiologie  der  Hysterie  wurde  in  den  „Studien“  nur  kurz  berührt. 
In  dem  gleichzeitigen  „Entwurf“  faßte  Freud  seine  Anschauungen 
dahin  zusammen,  daß  sexuelle  Erlebnisse  vor  der  Pubertät  für  die 
Neurosenbildung  ätiologische  Bedeutung  besäßen;  (SS.  435  f.)  später 
hieß  es,  daß  die  zweite  Dentition  der  Zeitpunkt  sei,  vor  dem  sexuelle 
Erlebnisse  neurosenauslösend  wirken;1  auch  suchte  Freud  schon 


x)  Briefe  Nr.  46,  52,  55  u.a. 


Infantile  Sexualität  und  Selbstanalyse 


35 

damals,  die  einzelnen  „Neurosenformen  und  die  Paranoia  nach  ihren 
Fixierungszeiten“  zu  unterscheiden.  Anfänglich  handelte  es  sich  dabei 
um  die  spätere  Kindheit,  bald  aber  rückte  das  Datum  in  immer  frühere 
Zeit,  und  zugleich  festigte  sich  der  Eindruck,  daß  die  entscheidende 
Schädigung  der  Verführung  durch  Erwachsene  zuzuschreiben  sei. 
„Es  ergab  sich“,  schreibt  Freud  in  seiner  „Selbstdarstellung“,  „was 
Dichter  und  Menschenkenner  immer  behauptet  hatten,  daß  die 
Eindrücke  dieser  frühen  Lebensperiode,  obwohl  sie  meist  der  Amnesie 
verfallen,  unvertilgbare  Spuren  in  der  Entwicklung  des  Individuums 
zurücklassen,  insbesondere  daß  sie  die  Disposition  für  spätere  neuro¬ 
tische  Erkrankungen  festlegen.  Da  es  sich  aber  in  diesen  Kinderjahren 
immer  um  sexuelle  Erregungen  und  um  die  Reaktion  auf  dieselben 
handelt,  stand  man  vor  der  Tatsache  der  infantilen  Sexualität,  die 
wiederum  eine  Neuheit  und  einen  Widerspruch  gegen  eines  der 
stärksten  Vorurteüe  der  Menschen  bedeutete.“ 

„Ehe  ich  weiter  in  die  Würdigung  der  infantilen  Sexualität  eingehe, 
muß  ich  eines  Irrtums  gedenken,  dem  ich  eine  Weile  verfallen  war 
und  der  bald  für  meine  ganze  Arbeit  verhängnisvoll  geworden  wäre. 
Unter  dem  Drängen  meines  damaligen  technischen  Verfahrens 
reproduzierten  die  meisten  meiner  Patienten  Szenen  aus  ihrer 
Kindheit,  deren  Inhalt  die  sexuelle  Verführung  durch  einen 
Erwachsenen  war.  Bei  den  weiblichen  Personen  war  die  Rolle  des 
Verführers  fast  immer  dem  Vater  zugeteilt.  Ich  schenkte  diesen 
Mitteilungen  Glauben  und  nahm  also  an,  daß  ich  in  diesen  Erlebnissen 
sexueller  Verführung  in  der  Kindheit  die  Quellen  der  späteren  Neurose 
aufgefunden  hatte.  Einige  Fälle,  in  denen  sich  solche  Beziehungen 
zum  Vater,  Oheim  oder  älteren  Bruder  bis  in  die  Jahre  sicherer 
Erinnerung  fortgesetzt  hatten,  bestärkten  mich  in  meinem  Zutrauen.“1 

Diese  Auffassung  von  der  Genese  der  Neurose  wurde  in  der  im 
Mai  1896  veröffentlichten  Arbeit  „Zur  Ätiologie  der  Hysterie“ 
niedergelegt  und  nach  dem  Zeugnis  der  Briefe  durch  eine  Zeitlang 
festgehalten;  wie  sich  später  ergibt,  gegen  manche  anfangs  unterdrückte 

x)  Zu  diesen  Fällen  gehörte  auch  der  der  „Katharina“  aus  den  „Studien 
über  Hysterie“.  —  Anläßlich  des  Abdruckes  dieser  Krankengeschichte  im  I. 
Band  der  Gesammelten  Schriften  (1924)  hat  Freud  in  einer  Fußnote  (S.  121) 
mitgeteilt,  daß  er  sich  „nach  so  vielen  Jahren  getraue  .  .  .  die  damals  be¬ 
obachtete  Diskretion  aufzuheben  und  anzugeben,  daß  Katharina  .  .  .  unter  den 
sexuellen  Versuchungen  erkrankt  (war),  die  vom  eigenen  Vater  ausgingen“. 


36 


Einleitung 


Bedenken.  Während  der  letzten  Monate  des  Jahres  1896  und  während 
des  ersten  Halbjahres  1897  studierte  Freud  an  seinen  Kranken  das 
reiche  Wuchern  des  Phantasielebens,  nicht  nur  ihre  Tagträume, 
sondern  namentlich  die  infantilen  Phantasien,  die  sich  im  Denken, 
Träumen  und  Verhalten  erwachsener  Neurotiker  unter  den  Bedin¬ 
gungen  der  psychoanalytischen  Behandlung  regelmäßig  manifestieren; 
langsam  fügten  sich  aus  diesen  Beobachtungen  die  ersten  noch 
zögernden  Einsichten  in  das  Wesen  der  infantilen  Sexualorganisation, 
zuerst  in  das  der  —  damals  noch  nicht  benannten  —  analen  Phase. 
Später  sollte  sich  schnell  Beobachtung  an  Beobachtung  reihen,  zu 
dem  vielleicht  kühnsten  Unterfangen  Freuds.  Aus  den  Beobachtungen 
an  erwachsenen  Neurotikern  gelang  es  ihm,  einige  der  regelmäßigen 
Reifungsvorgänge  im  Leben  des  menschlichen  Kindes  zu  rekon¬ 
struieren.  Denn  die  „Entwicklungsstufen  der  Libido“  beschreiben 
die  zeitliche  Abfolge  von  Reifungsvorgängen,  die  in  einem  halben 
Jahrhundert  seit  Freuds  ersten  Funden  im  einzelnen  erforscht  und 
immer  von  neuem  durch  systematische  Beobachtung  bestätigt  worden 
sind. 

Im  Frühling  des  Jahres  1897  schienen  sich  die  Einsichten  in  das 
Wesen  der  kindlichen  Wunschphantasien  zu  häufen,  aber  trotzdem 
konnte  sich  Freud  nicht  zu  dem  entscheidenden,  von  seinen  eigenen 
Beobachtungen  geforderten  Schritt  entschließen,  die  Auffassung  von 
der  traumatischen  Rolle  der  Verführung  zu  Gunsten  der  Einsicht 
in  die  regelmäßigen  und  notwendigen  Bedingungen  der  kindlichen 
Entwicklung  und  des  kindlichen  Phantasielebens  aufzugeben.  Er 
berichtete  in  den  Briefen  von  seinen  neuen  Eindrücken,  aber  der 
Widerspruch  zwischen  ihnen  und  seiner  älteren  Auffassung  wurde 
nicht  erwähnt  —  bis  er  eines  Tages,  in  dem  Brief  vom  21.  September 
1897  (Nr.  69),  schilderte,  wie  er  Einsicht  in  seinen  Irrtum  gewonnen 
habe.  Die  Gründe  für  die  Revision  seiner  Anschauung,  die  Freud 
in  diesem  Brief  gab,  und  die  Konsequenzen  des  Verzichts  auf  die 
Verführungshypothese,  hat  Freud  auch  in  seinen  Schriften  dargestellt. 

„Als  diese  Ätiologie  an  ihrer  eigenen  Unwahrscheinlichkeit  und  an 
dem  Widerspruch  gegen  sicher  festzustellende  Verhältnisse  zusammen¬ 
brach,  war  ein  Stadium  völliger  Ratlosigkeit  das  nächste  Ergebnis. 
Die  Analyse  hatte  auf  korrektem  Wege  zu  solchen  infantilen  Sexual- 


Infantile  Sexualität  und  Selbstanalyse 


37 


träumen  geführt  und  doch  waren  diese  unwahr.  Man  hatte  also  den 
Boden  der  Realität  verloren.  Damals  hätte  ich  gerne  die  ganze  Arbeit 
im  Stiche  gelassen  .  .  .  Vielleicht  harrte  ich  nur  aus,  weil  ich  keine 
Wahl  mehr  hatte,  anders  zu  beginnen.“1 2 
Auf  eine  andere,  wie  es  scheint,  psychologisch  bedeutsame 
Begründung  für  seinen  damaligen  Irrtum  hat  Freud  fast  30  Jahre 
später  in  seiner  Selbstdarstellung  hingewiesen.  „Ich  war“,  schreibt 
Freud,  „mit  dem  Ödipuskomplex  zusammengetroffen  .  .  .“  Aus  den 
Briefen  ersehen  wir,  daß  die  Einsicht  in  die  Struktur  des  Ödipuskom¬ 
plexes,  und  damit  die  Einsicht  in  das  Kernproblem  der  Psychoanalyse, 
erst  durch  Freuds  Selbstanalyse  möglich  wurde,  die  er  im  Sommer 
1897  während  des  Aufenthaltes  in  Aussee  begann.  2 
Der  Leser  der  Freudschen  Schriften  ist  mit  einzelnen  Schritten 
der  Selbstanalyse  vertraut.  Schon  in  seiner  voranalytischen  Zeit  hatte 
Freud  seine  eigene  Person  als  Versuchsobjekt  benützt  oder  Selbst¬ 
beobachtungen  in  seinen  Arbeiten  verwertet;3  seit  der  Selbstanalyse 
und  im  Zusammenhang  seiner  psychologischen  Schriften  gewann 
diese  Übung  eine  neue  Bedeutung.  Als  erstes  Zeugnis  dürfen  wir  die 
1899  erschienene  Arbeit  „Über  Deckerinnerungen“4  ansehen,  die 
Bernfeld  als  im  wesentlichen  autobiographisch  erkannte.5  Seit  dem 
Erscheinen  der  Traumdeutung  häuften  sich  die  Beispiele;  sie  spielten 
auch  in  den  späteren  Auflagen  dieses  Werkes  und  in  den  verschiedensten 
Auflagen  von  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens“  eine  erhebliche 
Rolle.  In  späteren,  nach  1902  erschienenen  Freudschen  Schriften 
waren  die  autobiographischen  Beispiele  seltener,  aber  eine  der  letzten 
Arbeiten  Freuds  nahm  das  Thema  wieder  auf:  ein  Brief  zu  Romain 
Rollands  siebzigstem  Geburtstag  berichtete  unter  dem  Titel  „Eine 


1)  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“,  G.W.  X. 

2)  In  Brief  Nr.  75  erwähnt  Freud,  daß  er  mit  der  Selbstanalyse  erst  nach 
dem  Sommer  einsetzte.  Die  Briefe  Nr.  65  ff.  widersprechen  dem. 

3)  Vgl.  „Über  Coca“,  Centralblatt  f.  d.  gesamte  Therapie,  II,  1884,  S.  84; 
„Zur  Auffassung  der  Aphasien“,  1891,  S.  63,  eine  Stelle,  auf  die  Otto  Isakower 
gelegentlich  hingewiesen  hat  (Int.  Journal  of  Psycho-Analysis,  XX,  1940, 
S.  347)  und  „Über  die  Bernhardtsche  Sensibilitätsstörung“,  Neurol.  Central¬ 
blatt,  XIV,  1895,  S.  491.  Vgl.  auch  Bernfeld,  Americ.  Imago,  IV,  1946, 
S.  17(6). 

4)  Monatsschrift  für  Psychiatrie  und  Neurologie,  VI,  1899,  G.S.  I. 

5)  S.  Bernfeld,  „An  Unknozun  Autobiographical  Fragment  by  Freud “.  Amcr., 
Imago,  IV,  1946,  S.  6-19. 


38 


Einleitung 


Erinnerungsstörung  auf  der  Akropolis“1  über  ein  Entfremdungs¬ 
gefühl,  das  Freud  im  Jahre  1904  beim  Besuch  Athens  erlebt  hatte 
und  das  er  aus  dem  Schuldgefühl  über  „die  kindliche  Kritik  am 
Vater“  erklärte,  „welche  die  frühkindliche  Überschätzung  seiner 
Person  abgelöst  hatte“.  In  der  Einleitung  zu  dieser  Schrift  wies  Freud 
Rolland  darauf  hin,  daß  er  zu  der  Zeit,  als  er  sich  das  Ziel  gesetzt 
hatte,  „ungewöhnliche,  abnorme,  pathologische  Erscheinungen  des 
Seelenlebens  aufzuklären“,  dies  „zunächst  an  der  eigenen  Person 
versuchte“.  Die  Briefe  an  Fliess  gestatten  uns  die  genauere  Zeitbestim¬ 
mung  dieser  ersten  Versuche  und  zeigen  uns  in  der  Tat  Freud  in  der 
Auseinandersetzung  mit  dem  Ödipuskomplex.  Nicht  nur  die  Briefe 
vermitteln  diesen  Eindruck:  Freud  selbst  wies  auf  dieses  Thema  als 
das  zentrale  seiner  Analyse  hin,  wenn  er  (im  Vorwort  zur  zweiten 
Auflage  der  Traumdeutung)  von  diesem  Buche  sagte:  „Es  erwies 
sich  mir  als  ein  Stück  meiner  Selbstanalyse,  als  meine  Reaktion  auf 
den  Tod  meines  Vaters,  also  auf  das  bedeutsamste  Ereignis,  den 
einschneidendsten  Verlust  im  Leben  eines  Mannes“. 

Der  wesentliche  Teil  dessen,  was  Freud  in  seinen  Briefen  an  Fliess 
über  seine  Selbstanalyse  berichtete,  beschäftigte  sich  mit  der  Rekon¬ 
struktion  entscheidender  Kindheitserlebnisse,  meist  mit  der  Zeit  vor 
Freuds  viertem  Lebensjahr.  Dieser  Zeitraum  war  auch  äußerlich  von 
Freuds  späterem  Leben  scharf  geschieden,  denn  als  er  drei  Jahre  alt 
war,  wurde  die  Familie  Freud  durch  eine  Wirtschaftskrise  gezwungen, 
die  mährische  Kleinstadt  Freiberg  zu  verlassen.  Auf  den  Wohlstand 
der  Freiberger  Zeit  folgten  die  entbehrungsreichen  Jahre  von  Freuds 
Kindheit  und  Jugend. 

Siegfried  und  Suzanne  C.  Bernfeld  haben  den  Versuch  unternommen, 
die  Kindheitserlebnisse  Freuds  aus  der  Zeit  seines  Aufenthaltes  in 
Freiberg  aus  seinen  Schriften  zu  rekonstruieren.2  Das  Material  der 
Briefe  bestätigt  die  Schlüsse  der  Bernfelds  in  vielen  Zügen,  fügt  an 
manchen  Stellen  Einzelheiten  hinzu,  aber  ist  im  Ganzen  weit  dürftiger, 
als  was  aus  Freuds  Schriften  gesammelt  und  erschlossen  werden 
konnte.  Aus  den  in  Freuds  Schriften  verstreuten  Bemerkungen 

x)  „Almanach  der  Psychoanalyse“,  1937,  S.  9-21;  Englisch:  Int.  Journal  of 
Psycho-Analysis,  XXII,  1941,  S.  93-101. 

a)  ,, Freud’s  Early  Childhood“.  Bulletin  of  the  Menninger  Clinic,  VIII-4, 
1944,  S.  101-115. 


Infantile  Sexualität  und  Selbstanalyse 


39 


erfahren  wir  manches  über  den  Haushalt  seines  Vaters  Jacob  (geb. 
1815)3  der  eben  zum  zweiten  Male  verheiratet,  Kinder  und  Enkel 
unter  einem  Dach  beherbergte.  So  kam  es,  daß  Freud  mit  einem 
Neffen  und  Spielgefährten  aufwuchs,  der  um  ein  Jahr  älter  war  als 
er,  John,  dem  Sohn  des  in  den  Briefen  öfters  erwähnten  Bruders 
Emmanuel,  und  mit  einer  gleichaltrigen  Nichte  Pauline,  gegen  die 
sich  beide  Buben  zuweilen  verbündeten  (Brief  Nr.  70),  wie  sehr  sie 
auch  sonst  einander  befehden  mochten.  Die  Gestalt  des  Vaters  selbst, 
die  in  den  Briefen  schattenhaft  bleibt,  tritt  in  den  Schriften  in  helleres 
Licht.  In  den  frühen  Kinderjahren  ist  er  „der  weiseste,  mächtigste 
und  wohlhabendste  Mann“,  den  der  Knabe  kennt;  die  Erinnerung  an 
gemeinsame  Waldspaziergänge,  bei  denen  er,  kaum  daß  er  „gehen 
konnte,  dem  Vater  zu  entlaufen  pflegte,“  hat  sich  bis  spät  erhalten 
und  mag  der  Natursehnsucht  Freuds,  von  der  die  Briefe  sprechen, 
den  Weg  bereitet  haben.  Aus  den  Schriften  ist  auch  die  Gestalt  der 
Kinderfrau  bekannt,  des  alten,  klugen,  aber  häßlichen  Weibes,  an 
deren  Verschwinden  sich  entscheidende  Erinnerungen  knüpfen; 
Erinnerungen  an  die  Verhaftung  der  Diebin  und  die  Geburt  einer 
Schwester,  Eindrücke  von  der  Schwangerschaft  der  Mutter  und  von 
der  auf  den  jüngeren  (aber  doch  zwanzig  Jahre  älteren)  Stiefbruder, 
Philipp,  verschobenen  Eifersucht.  Aber  während  Freud  in  seinen 
Schriften  dieses  Material  benützte,  um  einzelne  Hypothesen  der 
Psychoanalyse  zu  belegen,  machen  uns  die  Briefe  mit  einigen 
Umständen  der  analytischen  Arbeit  bekannt,  durch  die  sie  gewonnen 
wurden.  Die  Rekonstruktionen  der  eigenen  verdrängten  Kindheits¬ 
erinnerungen  ergaben  sich  Freud  nicht  mühelos,  sondern  erst  nach 
manchen  vergeblichen  Versuchen.  Um  eine  Deutung  zu  sichern, 
wendete  er  sich  an  seine  Mutter  um  Auskunft  (Brief  Nr.  71),  und  ihre 
Bestätigung  und  Korrektur  seiner  Deutung  förderte  ihn  nicht '  nur 
im  Verständnis  seiner  eigenen  Probleme,  sondern  gab  ihm  zugleich 
erhöhtes  Vertrauen  in  die  Verläßlichkeit  der  Methode;  so  griffen 
sachlicher  und  persönlicher  Gewinn  ineinander. 

Konnte  man  aus  den  Andeutungen  über  die  Selbstanalyse  in  den 
Freudschen  Schriften  den  Eindruck  gewinnen,  daß  Freud  beim 
Studium  seiner  Träume  im  Dienste  seines  wissenschaftlichen  Interesses, 
und  gleichsam  als  Nebengewinn,  ein  Stück  seiner  eigenen  Analyse 
durchführte,  Einsichten  über  sich  selbst  mühelos  erwerbend,  so  wird 


40 


Einleitung 


unser  Eindruck  durch  das  Zeugnis  der  Briefe  berichtigt:  wir  werden 
mit  einigen  der  dynamischen  Auswirkungen  der  Selbstanalyse  vertraut, 
mit  dem  Auf  und  Ab  von  Widerstand  und  Fortschritt,  wir  hören  von 
Phasen,  in  denen  sich  Freud  plötzlich  in  seine  frühe  Kindheit  zurück¬ 
versetzt  fühlte,  von  jähem  Stimmungswechsel,  kurz  von  einer  Wirkung, 
die  über  einen  rein  intellektuellen  Vorgang  weit  hinausging  und  alle 
wesentlichen  Merkmale  des  echten  analytischen  Prozesses  an  sich 
trug.  Ja,  es  scheint,  daß  Freud  an  der  „schwersten  Analyse“,  erst  an 
seinem  eigenen  Verhalten  als  Analysand,  das  volle  Verständnis  für 
manche  Ausdrucksformen  des  analytischen  Widerstandes  erworben 
hatte. 

Aus  den  Briefen  ersehen  wir,  wie  die  in  der  Selbstanalyse  gewonnene 
Einsicht  später  in  den  Analysen  der  Patienten  weiter  verfolgt  wurde; 
von  dem  dort  Gelernten  führte  dann  der  Weg  zurück  zum  weiteren 
Verständnis  der  eigenen  persönlichen  Vorgeschichte:  es  war  kein 
einmaliger  oder  auf  eine  kurze  Periode  beschränkter  Vorgang;  er 
verlief  in  Phasen  oder  Vorstössen,  aus  denen  sich  jedesmal  bedeutsame 
Einsichten  ergaben.  Nach  dem  Zeugnis  der  Freudschen  Schriften 
war  die  Selbstanalyse  nicht  auf  die  Jahre  des  Briefwechsels  beschränkt; 
sie  setzte  sich  mindestens  bis  in  die  ersten  Jahre  des  Jahrhunderts 
fort.1  Jahrzehnte  später,  als  aus  der  persönlichen  Erfahrung  Freuds 
längst  eine  Institution,  und  die  Lehranalyse  zum  unentbehrlichen 
Bestand  der  analytischen  Ausbildung  geworden  war,  nahm  Freud 
das  Thema  der  Wechselbeziehung  zwischen  der  eigenen  Analyse  und 
der  der  Patienten  nochmals  auf.  „Man  rechnet  darauf,  daß  die  in  der 
Eigenanalyse  erhaltenen  Anregungen  mit  deren  Aufhören  nicht  zu 
Ende  kommen,  daß  die  Prozesse  der  Ich-Umarbeitung  sich  spontan 
beim  Analytiker  fortsetzen  und  alle  weiteren  Erfahrungen  in  dem 
neuerworbenen  Sinn  verwendet  werden.“2  Dieser  Vorgang  aber  wird 
durch  die  „Gefahren“,  die  die  Analyse  auch  für  den  aktiven  Partner, 


x)  Die  oben  erwähnte  Analyse  der  „Erinnerungsstörung  auf  der  Akropolis“ 
beschäftigt  sich  mit  einem  Vorfall  aus  dem  Jahre  1904;  die  Analyse  der 
Deckerinnerung  vom  Verschwinden  der  Amme  hat  Freud  in  einer  späteren 
Auflage  von  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens“  weitergeführt  und  aus 
der  zweiten  Auflage  der  „Traumdeutung“  wissen  wir,  daß  er  auch  die  Ablösung 
von  Fliess  mit  den  Mitteln  der  Selbstanalyse  verfolgt  hat.  (S.  u.  51.) 

2)  „Die  endliche  und  die  unendliche  Analyse“.  Int.  Zeitschr.  für  Psycho¬ 
analyse,  XXIIX,  1937,  S.  237.  Für  ähnliche  frühere  Stellens.  etwa  G.W.  VIII,  383. 


Infantile  Sexualität  und  Selbstanalyse 


4i 


den  Analytiker,  mit  sich  bringt,  bedroht;  Gefahren,  die  nach  Freuds 
Auffassung  am  besten  dadurch  bewältigt  werden  können,  daß  sich 
der  Analytiker  „periodisch  wieder  zum  Objekt  der  Analyse  macht“. 
Es  liegt  nahe  anzunehmen,  daß  mindestens  ein  Teil  dieser  Auffassung 
an  eigener  Erfahrung  erworben  wurde  und  daß  die  vielleicht  zur 
systematischen  Selbstbeobachtung  ermäßigte  Selbstanalyse  Freuds 
eine  „unendliche“  war  und  als  ständige  Korrektur  des  Beobachters 
bei  seiner  Arbeit  wirkte. 

Das  erste  und  vielleicht  bedeutsamste  Ergebnis  der  Freudschen 
Selbstanalyse  war  ohne  Zweifel  der  Schritt  von  der  Verführungs¬ 
ätiologie  zur  vollen  Einsicht  in  die  Bedeutung  der  infantilen  Sexualität. 
Die  Ratlosigkeit,  die  Freud  erfaßte,  als  er  seinen  Irrtum  erkannte, 
machte  schnell  neuen  Einsichten  Platz.  „Wenn  die  Hysteriker  ihre 
Symptome  auf  erfundene  Traumen  zurückführen,  so  ist  eben  die 
neue  Tatsache  die,  daß  sie  solche  Szenen  phantasieren,  und  die 
psychische  Realität  verlangt  neben  der  praktischen  Realität  gewürdigt 
zu  werden.  Es  folgte  bald  die  Einsicht,  daß  diese  Phantasien  dazu 
bestimmt  seien,  die  autoerotische  Betätigung  der  ersten  Kinder jahre 
zu  verdecken,  zu  beschönigen  und  auf  eine  höhere  Stufe  zu  heben, 
und  nun  kam  hinter  diesen  Phantasien  das  Sexualleben  des  Kindes 
in  seinem  ganzen  Umfange  zum  Vorschein.“1  Die  Entwicklung  seiner 
Gedanken,  die  Freud  hier  in  großen  Zügen  schilderte,  läßt  sich  in 
den  Briefen  im  einzelnen  verfolgen.  Die  Selbstanalyse  im  Sommer 
und  Herbst  1897  ließ  Freud  die  wesentlichen  Züge  des  Ödipuskom¬ 
plexes  erkennen  und  das  Wesen  von  Hamlets  Hemmung  verstehen; 
es  folgte  die  Einsicht  in  die  Rolle  der  erogenen  Zonen  in  der  Libido¬ 
entwicklung.  Im  Frühling  1898  arbeitete  er  an  der  Niederschrift 
der  ersten  Fassung  der  „Traumdeutung“,  im  Sommer  wurde  das 
Problem  der  Fehlleistung  gelöst,  und  im  Herbst  begann  die 
systematische  Vorbereitung  für  die  „Traumdeutung“,  wie  wir  sie 
kennen,  die  dann  im  Frühling  und  Sommer  1899  niedergeschrieben 
wurde.  Dazwischen  lag  zu  Beginn  des  Jahres  1899,  nach  einem 
neuerlichen  „Vorstoß“  der  Selbstanalyse,  ein  anderer  entscheidender 
Schritt  der  Entwicklung  psychoanalytischer  Einsicht.  Die  Beschäftigung 
mit  dem  Traum  und  mit  klinischen  Fragen  der  Neurosenlehre  hatten 


x)  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“,  G.W.  X. 


42 


Einleitung 


bis  zu  dieser  Zeit  als  zwei  unabhängige  Interessengebiete  nebeneinander 
gestanden;  Stillstand  in  dem  einen,  Fortschritt  in  dem  anderen 
wurden  zu  wechselnden  Zeiten  berichtet.  Jetzt  erkannte  Freud  die 
Einheit  der  Probleme,  wurde  sich  bewußt,  daß,  was  er  am  Traum 
erkannte,  auch  das  Symptom  mit  erklärte  (Briefe  Nr.  82,105);  aus  zwei 
Problemen  wurde  ein  Wissenschaftsgebiet:  die  Psychoanalyse  als 
Theorie  und  Therapie.  Das  Ineinandergreifen  theoretischer  und 
therapeutischer  Interessen  fand  bald  einen  bedeutsamen  Ausdruck 
in  der  zu  Anfang  des  Jahres  1900  niedergeschriebenen  Studie  über 
„Traum  und  Hysterie“,  die  erst  vier  Jahre  später  unter  dem  Titel 
„Bruchstück  einer  Hysterie- Analyse“  veröffentlicht  wurde. 


IV 


DIE  PSYCHOANALYSE  ALS  UNABHÄNGIGE 

WISSENSCHAFT 

(Auflösung  der  Beziehung  zu  Fliess) 

Die  Selbstanalyse  Freuds,  die  den  Weg  zum  Verständnis  des 
frühkindlichen  Konfliktes  eröffnet  hatte,  brachte  eine  Verschiebung 
in  der  Verteilung  seiner  Interessen  mit  sich.  Durch  die  Einsicht 
in  die  Entstehungsbedingungen  des  individuellen  Konfliktes  im 
Wechselspiel  zwischen  Kind  und  Umwelt,  durch  die  Einführung  des 
sozialen  Gesichtspunkts  hatte  der  Versuch  einer  direkten  Erklärung 
der  psychologischen  Vorgänge  durch  physiologische  an  Anziehungs¬ 
kraft  eingebüßt;  ein  Umstand,  der  auf  die  Beziehung  zu  Fliess  nicht 
ohne  Einfluß  bleiben  konnte. 

Freud  hatte  sich  immer  wieder  an  Fliess  gewendet,  wenn  er  sich 
über  den  „physiologischen  Unterbau“,  das  „Fundament“,  die 
„Realia“  Bescheid  erbat;  gerade  dieses  Bedürfnis  war  nun  im 
Abnehmen.  Fliess  aber  hatte  längst  seine  eigenen  Theorien  bis  zu 
einem  Punkte  entwickelt,  an  dem  sie,  seiner  Meinung  nach,  Freuds 
Auffassungen  zu  ergänzen  schienen,  in  Wirklichkeit  aber  einzuengen 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


43 


bestimmt  waren.  Der  erste  Zusammenstoß  zwischen  Freuds  Neurosen¬ 
lehre  und  Fliess’  Periodenlehre  ergab  sich,  als  im  Frühling  1895  der 
Münchner  Nervenarzt  Ludwig  Löwenfeld,  mit  dem  Freud  in 
späteren  Jahren  eine  auf  gegenseitige  Achtung  gegründete  Beziehung 
unterhielt,  eine  Kritik  der  Freudschen  Auffassung  der  Angstneurose 
veröffentlichte.1  Löwenfeld  behauptete,  daß  Freuds  Theorie  nicht 
die  Vielfalt  der  klinisch  beobachtbaren  Angstzustände  und  die 
Unvorhersagbarkeit  ihres  Auftretens  zu  erklären  vermöge.  Freuds 
Erwiderung2 3  klärte  manche  Mißverständnisse  Löwenfelds  auf,  wies 
auf  das  quantitative  Element,  die  Summation  der  Noxen  hin  und 
steckte  zugleich  den  Rahmen  ab,  in  dem  die  Diskussion  dieser  Probleme 
zu  führen  sei.  Dieser  Rahmen  sei  durch  die  „ätiologische  Formel“ 
gegeben,  in  der  eine  „Bedingung“  und  mehrere  Arten  von  „Ursachen“, 
spezifische,  konkurrierende  und  auslösende  Ursachen  zu  unterscheiden 
seien.  Als  Bedingung  diskutierte  Freud  die  Rolle  der  Heredität;  die 
auslösende  Ursache  könne  ein  Ereignis  des  Tages  sein,  als  spezifische 
und  als  konkurrierende  Ursachen  kämen  sexuelle  Erlebnisse  und 
etwa  physische  Erschöpfung  in  Betracht.  Für  die  weitere  Forschung 
aber  sei,  nach  der  Meinung  Freuds,  das  Studium  der  spezifischen 
Ursache  entscheidend.  „Welche  Form  aber  die  Neurose  annimmt,  — 
den  Sinn  des  Ausschlages  —  das  bestimmt  allein  das  aus  dem 
Sexualleben  stammende  spezifische  ätiologische  Mo  me  nt. “3 


1)  L.  Löwenfeld,  „Über  die  Verknüpfung  neurotischer  und  hysterischer 
Symptome  nebst  Bemerkungen  über  Freuds  Angstneurose“,  Münchner  mediz. 
Wochenschrift,  Nr.  15,  1895. 

2)  „Zur  Kritik  der  , Angstneurose4,“  Wiener  klinische  Rundschau,  1895. 
G.S.  I. 

3)  Freud  selbst  faßte  den  Inhalt  dieser  Arbeit  folgendermaßen  zusammen: 
„Das  Problem  der  Ätiologie  in  der  Neuropathologie  wird  hier  behandelt,  um 

eine  Einteilung  der  vorkommenden  ätiologischen  Momente  in  drei  Kategorien 
zu  rechtfertigen:  (a)  Bedingungen ;  (b)  spezifische ;  (c)  konkurrierende  oder 
Hilfsursachen.  Bedingungen  heißen  jene  Momente,  die  zur  Erzielung  des 
Effektes  zwar  unentbehrlich  sind,  diesen  aber  nicht  für  sich  allein  erzielen 
können,  sondern  der  spezifischen  Ursachen  hierzu  bedürfen.  Die  spezifischen 
Ursachen  unterscheiden  sich  von  den  Bedingungen  dadurch,  daß  sie  nur  in 
wenigen  ätiologischen  Formeln  auftreten,  während  die  Bedingungen  bei  zahl¬ 
reichen  Affektionen  die  nämliche  Rolle  spielen  können.  Hilfsursachen  sind 
solche,  die  weder  jedesmal  vorhanden  sein  müssen,  noch  für  sich  allein  den 
betreffenden  Effekt  erzeugen  können.  —  Für  den  Fall  der  Neurosen  stellt 
vielleicht  die  Heredität  die  Bedingung  dar;  die  spezifische  Ursache  ist  in 
sexuellen  Momenten  gegeben;  alles  andere,  was  sonst  als  Ätiologie  der  Neurosen 
angeführt  wird  (Überarbeitung,  Gemütsbewegung,  physische  Erkrankung)  ist 


44 


Einleitung 


Die  Funde  über  die  Bedeutung  der  infantilen  Sexualität  und  die 
ätiologische  Bedeutung  des  frühkindlichen  Konflikts  sollten  allmäh¬ 
lich  Einsicht  in  dieses  spezifische  ätiologische  Moment  bieten.  Aber 
längst  bevor  Freud  dieses  Ziel  erreichen  konnte,  trat  Fliess  mit  seiner 
Theorie  in  die  Bresche.  In  seiner  1896  vollendeten  Monographie 
über  die  Beziehung  zwischen  Nase  und  weiblichem  Geschlechtsapparat 
erkannte  Fliess  den  Wert  von  Freuds  Funden  ausdrücklich  an.  Er 
versicherte,  daß  er  Freuds  Befunde  über  die  ätiologische  Bedeutung 
frustraner  sexueller  Erregung  klinisch  immer  wieder  bestätigt 
gefunden  habe  (S.  142),  und  bemühte  sich  im  einzelnen,  das  wider¬ 
spruchsfreie  Aneinanderpassen  seiner  und  Freuds  Auffassung  zu 
erweisen.  So  betonte  er,  daß  seine  Aufstellung  einer  „nasalen 
Dysmenorrhoe“  den  Einfluß  der  Konversion  als  eines  „vergrößernden 
Elementes“  nicht  ausschließe  (S.  11),  oder  daß  bei  echtem  hysterischem 
Magenschmerz  „die  Nase  keine  Rolle  spiele,  da  es  sich  dort  lediglich 
um  die  Verwandlung  einer  verdrängten  Vorstellung  in  ein  körperliches 
Symptom  handle“  (S.  110).  Nur  an  einer  entscheidenden  Stelle  zeigte 
sich  der  Kern  des  künftigen  Konfliktes  zwischen  Fliess’  Periodenlehre 
und  Freuds  Neurosenlehre:  Fliess  beschäftigte  sich  mit  dem  Auftreten 
der  Angst  „bei  Kindern,  Greisen,  Männern  und  Frauen“  und  gelangte 
zur  Ansicht,  „daß  das  Auftreten  von  Angstanfällen  an  periodische 
Tage  gebunden  ist“.  Fliess  verglich  den  Angstanfall  mit  gewissen 
Intoxikationen,  erinnerte  „an  die  Angst  bei  acuter  Nicotin-  oder  bei 
Colchiumvergiftung,  oder  an  das  Angststadium  bei  diabetischem 
Coma“  und  vertrat  die  Annahme,  „daß  zur  Zeit  der  periodischen  Tage 
ein  Stoff  im  Körper  ausgeschieden“  werde,  der  auf  das  Nervensystem 
„einwirke“.  „Mit  der  Feststellung,  daß  Angst  nur  an  determinierten 
Tagen  entbunden  wird“,1  entfalle  der  Einwand  Löwenfelds  gegen 
Freuds  These.  „Löwenfeld  wußte  natürlich  nicht,  mit  welcher 
Genauigkeit  seine  Forderung  über  eine  Ähnlichkeit  zwischen  Angst- 


Hilfsursache  und  kann  das  spezifische  Moment  niemals  vollständig  vertreten, 
wohl  aber  dasselbe  der  Quantität  nach  ersetzen.  Die  Form  der  Neurose  hängt 
von  der  Natur  des  spezifischen  sexuellen  Momentes  ab;  ob  überhaupt 
eine  neurotische  Erkrankung  zustande  kommt,  wird  von  quantitativ  wirksamen 
Faktoren  bestimmt;  die  Heredität  wirkt  nach  Art  eines  in  den  Stromkreis 
eingeschalteten  Multiplikators/'  S.  „Verzeichnis“  in  Int.  Zeitschr.  f.  Psycho¬ 
analyse  und  Imago,  XXV,  1940,  S.  88  ff. 

x)  Aus  Fliess’  Text  geht  nicht  hervor,  wie  er' zu  dieser  Annahme  gelangt  sei. 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


45 


und  epileptischem  Anfall  erfüllt  würde.  Beide  folgen  ihrer  zeitlichen 
Bestimmung  nach  dem  gleichen  Gesetz.“ 

So  nahm  Fliess  die  Löwenfeldsche  Kritik  an  Freuds  Auffassung  der 
Angstneurose  auf  und  begegnete  ihr  mit  seiner  eigenen  Lehre.  Freud 
war  anfänglich  von  Fliess’  Funden  tief  beeindruckt;  längst  vor  der 
Veröffentlichung  der  Monographie  über  die  „Beziehungen“  hatte  er 
sich  von  der  Größe  des  Gedankenflugs  angezogen  gefühlt.  Er  war 
damit  beschäftigt,  Fliess  Periodenberechnungen  aus  Krankengeschich¬ 
ten  zur  Verfügung  zu  stellen  und  aus  dem  Leben  seiner  Familie 
Reihen  von  Daten  zu  sammeln;1  auch  suchte  er  Schwankungen  in 
seinem  eigenen  Befinden  und  in  seiner  Stimmung  auf  „betonte“ 
Tage  im  Sinne  der  Fliess’schen  Auffassung  zurückzuführen.  Den 
latenten  Gegensatz  zwischen  seinen  und  Fliess’  Auffassungen  konnte 
er  solange  leicht  übersehen,  als  seine  eignen  Gedanken  in  lebhafter 
Fortentwicklung  begriffen  waren.  Erst  als  er  nach  der  Selbstanalyse 
vollends  den  Schritt  in  die  lebensgeschichtliche  Forschung  getan 
hatte,  kam  es  ihm  zum  Bewußtsein,  daß  Fliess’  Versuch,  den 
neurotischen  Konflikt  aus  der  „Periodizität“  zu  erklären,  eine  ent¬ 
scheidende  Einschränkung  des  durch  den  genetischen  Aspekt 
bereicherten  dynamischen  Denkens  der  Psychoanalyse  bedeutete. 

Der  Konflikt  blieb  aber  nicht  auf  diese  eine  Frage  beschränkt. 
Der  Weg  Freuds  vom  Studium  von  Traum  und  Fehlleistungen  zum 
weiteren  Ausbau  der  Sexualtheorie  wurde  durch  eine  Anregung 
erleichtert,  die  er  von  Fliess  übernehmen  konnte.  Es  handelte  sich 
um  die  Einsicht  in  die  Bedeutung  der  Bisexualität.  Schon  im  Vorwort 
seiner  Monographie  „Über  die  Beziehungen“  hatte  Fliess  die  These 
von  der  Existenz  männlicher  und  weiblicher  Perioden  im  menschlichen 
Leben  zur  Annahme  einer  konstitutionellen  Bisexualität  weiterent¬ 
wickelt;2  im  Gedankenaustausch  von  Freud  und  Fliess  spielte  dieses 
Problem  eine  entscheidende  Rolle.  Freud  war  von  den  neuen  Problemen 
gefesselt  und  machte  sich  Fliess’  Gedanken,  daß  die  Annahme  der 
Bisexualität  einen  entscheidenden  Beitrag  zum  Verständnis  der 
Neurosen  zu  leisten  vermöge,  rasch  zu  eigen.  In  „Zur  Psychopathologie 
des  Alltagslebens“  schilderte  er  als  Beispiel  eines  tendenziösen 

x)  Hier  nicht  mitgeteilt;  siehe  etwa  Brief  Nr.  52. 

2)  Ohne  dabei  den  in  der  zeitgenössischen  Literatur  durchaus  geläufigen 
Ausdruck  „Bisexualität“  zu  verwenden.  (S.  o  11.) 


46 


Einleitung 


Vergessens,  wie  ihm  die  Erinnerung  an  Fliess’  Anregung  entschwunden 
war  und  erst  allmählich  wieder  auftauchte.1  In  der  Auswertung  des 
Gedankens  aber  ergab  sich  ein  Widerspruch  der  Auffassung,  an  dem 
sich  der  latente  sachliche  Konflikt  zwischen  Fliess  und  Freud 
entzündete.  Die  Probleme,  um  die  es  sich  handelt,  beschäftigten 
Freud  durch  Jahrzehnte;  er  erörterte  sie  noch  zwanzig  Jahre  später 
und  formulierte  sie  mit  unübertrefflicher  Klarheit:2  Die  Fliess’sche 
Theorie,  ^  die  er  „bestechend“  nannte,  und  deren  „großzügige 
Einfachheit“  er  rühmte,  behauptete,  „das  stärker  ausgebildete,  in  der 
Person  vorherrschende  Geschlecht  habe  die  seelische  Vertretung  des 
unterliegenden  Geschlechts  ins  Unbewußte  verdrängt.  Der  Kern  des 
Unbewußten,  das  Verdrängte,  sei  also  bei  jedem  Menschen  das  in 
ihm  vorhandene  Gegengeschlechtliche“.  Freud  stand  dieser  Auf¬ 
fassung,  die  er  noch  vor  Fliess  einen  Augenblick  lang  erwogen  hatte 
(Briefe  Nr.  52,  63),  zunächst  schwankend  gegenüber  (Brief  Nr.  75fr), 
aber  endlich  setzten  sich  die  Gegenargumente  durch:  Die  Fiiess’sche 
Ansicht  „kann  einen  greifbaren  Sinn  wohl  nur  dann“  ergeben,  „wenn 
wir  das  Geschlecht  eines  Menschen  durch  die  Ausbildung  seiner 
Genitalien  bestimmt  sein  lassen“.4  Freud  lehnte  diese  Auffassung  ab, 
die  das  Ziel  hatte,  „die  Verdrängung  zu  sexualisieren,  also  sie 


x)  „Im  Sommer  des  Jahres  1901  (!)  erklärte  ich  einmal  einem  Freunde,  mit  dem 
ich  damals  in  regem  Gedankenaustausch  über  wissenschaftliche  Fragen  stand: 
Diese  neurotischen  Probleme  sind  nur  dann  zu  lösen,  wenn  wir  uns  ganz  und 
voll  auf  den  Boden  der  Annahme  einer  ursprünglichen  Bisexualität  des  Indi¬ 
viduums  stellen.  Ich  erhielt  zur  Antwort:  „Das  habe  ich  Dir  schon  vor  zwei¬ 
einhalb  Jahren  in  Br.  gesagt,  als  wir  jenen  Abendspaziergang  machten.  Du 
wolltest  damals  nichts  davon  hören“.  Es  ist  nun  schmerzlich,  so  zum  Aufgeben 
seiner  Originalität  aufgefordert  zu  werden.  Ich  konnte  mich  an  ein  solches 
Gespräch  und  an  diese  Eröffnung  meines  Freundes  nicht  erinnern.  Einer  von 
uns  beiden  mußte  sich  da  täuschen;  nach  dem  Prinzip  der  Frage  cui  prodest? 
mußte  ich  das  sein.  Ich  habe  im  Laufe  der  nächsten  Woche  in  der  Tat  alles 
so  erinnert,  wie  mein  Freund  es  in  mir  erwecken  wollte;  ich  weiß  selbst,  was 
ich  damals  zur  Antwort  gab:  Dabei  halte  ich  noch  nicht,  ich  will  mich  darauf 
nicht  einlassen.  Aber  ich  bin  seither  um  ein  Stück  toleranter  geworden,  wenn 
ich  irgendwo  in  der  medizinischen  Literatur  auf  eine  der  wenigen  Ideen  stoße, 
mit  denen  man  meinen  Namen  verknüpfen  kann,  und  wenn  ich  dabei  die 
Erwähnung  meines  Namens  vermisse.“  G.W.,  IV,  S.  159,  und  Brief  Nr.  146. 

2)  „Ein  Kind  wird  geschlagen“,  1919,  G.W.  XII,  S.  222. 

8)  Der  Name  Fliess  ist  an  dieser  Stelle  nicht  genannt,  aber  als  Freud  in  einer 
späteren  Arbeit  Fliess’  Anschauungen  nochmals  diskutierte  (s.  u.),  verwies  er 
auf  diese  Stelle. 

*)  „Ein  Kind  wird  geschlagen.“ 


47 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 

biologisch,  statt  psychologisch  zu  begründen/'1  In  diesen  Worten 
wendete  sich  Freud  nicht  gegen  die  Bedeutung  der  Bisexualität  in 
der  Erklärung  mancher  Züge  menschlichen  Verhaltens,  sondern 
gegen  den  Ausspruch,  daß  biologische  Verhältnisse  psychologische 
Erklärungen  ausschließen. 

Die  Frage  der  Bisexualität  wurde  für  die  Beziehung  zu  Fliess  von 
entscheidender  Bedeutung.  Im  Jahre  1901,  als  die  Freundschaft  im 
Schwinden  begriffen  war,  versuchte  Freud  sie 'wieder  zu  beleben, 
indem  er  Fliess  das  Problem  der  Bisexualität  nochmals  als  eines 
vorschlug,  das  sich  zu  einverständlicher  and  gemeinsamer  Bearbeitung 
eigne.  Der  Versuch  war  vergeblich.  Die  Kluft  war  nicht  mehr  zu 
überbrücken.  Bei  der  letzten  Begegnung  in  Achensee  (1900)  zeigte 
sich,  daß  eine  Verständigung  nicht  möglich  war.  Nach  Fliess’ 
späterer  Schilderung2  und  Freuds  brieflichen  Äußerungen  lassen  sich 
einige  Vorfälle  der  Begegnung  rekonstruieren:  Fliess  forderte  von 
Freud  die  ausdrückliche  Anerkennung  seines  Versuches,  die  Spezifität 
neurotischer  Erkrankungen  zu  erklären.  Die  durch  die  Interferenz 
des  28tägigen  und  des  23tägigen  Zyklus  entstehenden  periodischen 
Schwankungen,  und  die  toxischen  Veränderungen,  die  sie  setzen, 
sollten  als  verantwortlich  gelten  für  das  Wesen  der  neurotischen 
Störung.  Freud  erwiderte  offenbar,  daß  ein  solcher  Ansatz  die 
Dynamik  des  Seelischen,  die  er  sich  aufzuklären  bemühe,  ausschalte 
und  daß  in  seinem  empirischen  Material  für  eine  solche  Annahme 
keine  Hinweise  zu  finden  seien;  Fliess  griff  darauf  die  Methode  an, 
mit  der  der  Einblick  in  diese  Dynamik  gewonnen  worden  war,  und 
erhob  den  Vorwurf,  Freuds  Funde  an  seinen  Patienten  seien  Projek¬ 
tionen  seiner  eigenen  Gedanken. 

Trotz  dieses  Vorwurfes  bemühte  sich  Freud,  den  Briefverkehr 
aufrecht  zu  erhalten.  Fliess  aber  war  unversöhnlich,  und  bekannte 
endlich  die  Gründe  seiner  Abwendung.  Wir  kennen  die  Worte  nicht, 
in  denen  er  es  tat,  aber  ersehen  aus  Freuds  Antwort  (Brief  Nr.  146), 
daß  Fliess  sich  offenbar  durch  das  mangelnde  Interesse  Freuds  an 
seinen  Theorien  verletzt  fühlte. 


x)  Diese  Formulierung  findet  sich  in  einer  der  letzten  Arbeiten  Freuds. 
(„Die  endliche  und  die  unendliche  Analyse“  loc.  cit.  S.  239).  Sie  gibt  in 
kürzester  Form  das  Argument  mancher  der  Briefe  wieder.  (Nr.  85  und  Nr.  146.) 
a)  Vgl.  Anmerkung  zu  Brief  Nr.  138. 


48 


Einleitung 


In  der  Tat  nahm  in  Freuds  Briefen  seit  1897  und  besonders  seit 
1898  das  Interesse  für  Fliess5  Periodenlehre  ab.  Der  Grund  ist  nicht 
zu  verkennen:  Die  Lehre  hatte  sich  immer  mehr  vom  Boden  der 
Tatsachen  und  Beobachtungen  entfernt;  der  Anspruch,  ein  alles 
Biologische  erfassendes,  ja  ein  kosmisches  Prinzip  entdeckt  zu  haben, 
das  alle  Lebens  Vorgänge  erklärte,  mußte  sich  in  diesen  Jahren  weiter¬ 
entwickelt  haben.  Das  oben  mitgeteilte  Vorwort  zu  der  Monographie 
über  die  „Beziehungen“  deutete  diesen  Weg  an;  in  den  späteren 
Fliess’schen  Schriften  ist  der  Zwang  zu  starrer  Systembüdung  voll 
entwickelt.1 

Gleichzeitig  „verfeinerte“  Fliess  seine  mathematischen  Beweise. 
Je  weniger  die  Daten  der  Beobachtung  sich  seinen  Forderungen 
fügten,  desto  künstlicher  wurden  die  Fliess’schen  Berechnungen. 
Freud  war  ihnen  so  lange  gefolgt,  als  Zeitintervalle  als  Teile  oder  als 
Vielfaches  von  23  und  28  erklärt  wurden;  bald  aber  sah  sich  Fliess 
genötigt,  Intervalle  auf  eine  Kombination  von  vier  Zahlen  zurückzu¬ 
führen,  und  etwa  neben  23  und  28  5  (28  —  23)  und  51  (28  +  23)  zu 
verwenden.  Freud  machte  diesen  Schritt  nicht  mehr  mit  und  wies 
auf  die  Begrenzung  seines  mathematischen  Verständnisses  hin;  man 
darf  aber  aus  dem  Tenor  der  Briefe  vermuten,  daß  er  sein  Interesse 
in  begreiflicher  Scheu  eingeschränkt  hatte. 

Die  Neigung,  die  sich  in  dieser  Überspitzung  von  Fliess5  Hypothesen 
äußerte,  führte  dann  zu  einem  Nachspiel,  das  die  Beziehung  von  Fliess 
zu  Freud  nur  mehr  peripher  betraf:  im  Jahre  1902  veröffentlichte 
Otto  Weininger,  ein  Wiener  Schriftsteller,  der  wenig  später  (Herbst 
1903)  durch  Selbstmord  endete,  unter  dem  Titel  „Geschlecht  und 
Charakter“  ein  sensationelles  Buch,  in  dem  er  den  Gedanken  der 
konstitutionellen  Bisexualität  und  andere  von  Fliess  schon  in  den 
„Beziehungen“  angedeutete  Vermutungen  verwendete.  Weininger 
hatte  durch  eine  Mitteüung  des  Wiener  Phüosophen  Swoboda  von 

i)  Aelby,  loc.  cit.3  schließt  seine  Untersuchung  mit  dem  Hinweis  darauf, 
daß  „jedem  psychiatrisch  etwas  Gebildeten  sich  die  Überzeugung  aufdrängen 
„muß“,  daß  es  sich  bei  Fliess  um  eine  überwertige  Idee  handle“.  Riebold, 
loc.  cit.3  nennt  Fliess  einen  „Zahlenspieler,  unerfahren  mit  den  einfachsten 
Prinzipien  allgemeiner  Rechenkunst“.  O.  Frese  meint,  daß  schon  Fliess’  Auf¬ 
fassung  der  nasalen  Reflexneurose  „stark  an  das  Mystische  streift“.  (Handbuch 
der  Hals-,  Nasen-,  und  Ohrenheilkunde,  herausgegeben  von  A.  Denker  und 
O.  Kahler.  „Die  Krankheiten  der  Luftwege  und  der  Mundhöhle“,  II.  Teil, 
S.  51O 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


49 


den  Fliess’schen  Forschungen  gehört.  Swoboda,  der  einer  Neurose 
wegen  bei  Freud  in  Behandlung  gestanden  hatte,  war  im  Zuge  der 
Behandlung  auf  die  Bedeutung  der  Bisexualität  hingewiesen  worden. 
Er  gab  diesen  Hinweis  an  Otto  Weininger  weiter,  der  ihn  in  seinem 
Buche  ausbeutete,  ohne  den  Namen  Fliess  zu  nennen.  Swoboda 
aber,  der  im  Jahre  1904  eine  Monographie  unter  dem  Titel  „Die 
Perioden  des  menschlichen  Organismus  in  ihrer  psychologischen  und 
biologischen  Bedeutung“  erscheinen  ließ,  die  die  Periodenlehre  auch 
auf  die  Traumdeutung  anwendete,  ging  ausdrücklich  von  Fliess5 
Arbeiten  aus,  denen  er  ein  Kapitel  widmete.  Durch  das  viel  gelesene 
Buch  von  Weininger  und  die  Monographie  von  Swoboda  fühlte  sich 
Fliess  bedroht.  Er  veröffentlichte  nicht  nur  eine  Broschüre  „In  eigener 
Sache“,  in  der  er  seine  Priorität  verteidigte,  sondern  beauftragte  den 
Bibliothekar  Richard  Pfenning  damit,  eine  historische  Studie  über 
die  Frage  der  Priorität  zu  schreiben:  sie  erschien  unter  dem  Titel 
„Wühelm  Fliess  und  seine  Nachentdecker  O.  Weininger  und  H. 
Swoboda“  im  Jahre  1906,  Jahre  nach  dem  dauernden  Versiegen  des 
Briefwechsels.1 

In  Fliess5  Leben  kam  der  Kampf  um  die  Anerkennung  seines 
biologischen  Systems  nie  mehr  zur  Ruhe.  Den  Namen  Freuds  finden 
wir  in  keiner  seiner  späteren  Studien  erwähnt.2  Und  doch  gab  Fliess 
ein  gewisses  Interesse  an  der  Psychoanalyse  nie  auf,  und  belebte  es  im 
letzten  Jahrzehnte  seines  Lebens  in  einer  Freundschaftsbeziehung 
mit  Karl  Abraham,  dem  bekannten  Berliner  Psychoanalytiker,  in 
einem  gewissen  Ausmaß  wieder.  Sein  Sohn  Robert,  dem  Freud  in 
den  Briefen  Grüße  sendet,  wählte  dann  die  Psychoanalyse  als  Beruf. 

Freud  war  in  seinen  Schriften  darauf  bedacht,  die  Anregung,  die 
er  Fliess5  Auffassung  von  der  Bisexualität  dankte,  regelmäßig  zu 
erwähnen.  Die  Periodenlehre  prüfte  er  in  der  von  Swoboda  versuchten 
Anwendung  auf  die  Traumpsychologie  an  eigenen  Träumen  im  Jahre 

x)  Diese  Veröffentlichung  gab  den  Anlaß  zu  einer  weitverzweigten  litera¬ 
rischen  Fehde.  Vgl.  besonders  Hermann  Swobodas  Antwort  „Die  gemein¬ 
nützige  Forschung  und  der  eigennützige  Forscher“,  1906.  Über  Freuds 
Beziehungen  zu  Swoboda  und  Weininger  wissen  wir  aus  zwei  Briefen  Freuds 
vom  23.  und  27.  7.  1904  an  Fliess,  die  dieser  Pfenning  (S.  26  und  30  f)  zur 
Publikation  überließ,  und  aus  zwei  Briefen  von  Freud  an  D.  Abramsen  vom 
14-  3-  1938  und  11.  6.  1939  (Faksimile  in  D.  Abramsen,  „The  Mind  and  Death 
of  a  Genius “,  1946).  Abramsen  ist  über  Fliess’  Arbeiten  nicht  unterrichtet. 

2)  Der  letzte  Hinweis  stammt  aus  dem  Jahre  1902.  Siehe  Brief  Nr.  147. 

F 


50 


Einleitung 


1910  nach,  ohne  die  Swobodaschen  Thesen  bestätigt  zu  finden.1  Er 
bewahrte  für  den  Fliess’schen  Grundgedanken  ein  gewisses  Interesse. 
Bei  der  Diskussion  von  Entwicklungshemmungen,  die  in  der  Dis¬ 
position  wurzeln  könnten,  verwies  Freud  auf  die  Arbeiten  von  Fliess; 
seit  diese  „die  Bedeutung  bestimmter  Zeitgrößen  für  die  Biologie 
aufgedeckt  haben,  ist  es  denkbar  geworden,  daß  sich  Entwicklungs¬ 
störung  auf  zeitliche  Abänderung  von  Entwicklungsschüben  zu¬ 
rückführt“.2 

Als  Freud  in  „Jenseits  des  Lustprinzips“  seine  eigene  biologische 
Spekulation  vortrug,  erwähnte  er  noch  einmal  Fliess:  „Nach  der 
großartigen  Konzeption  von  W.  Fliess  sind  alle  Lebenserscheinungen  — 
und  gewiss  auch  der  Tod  —  der  Organismen  an  die  Erfüllung 
bestimmter  Termine  gebunden,  in  denen  die  Abhängigkeit  zweier 
lebender  Substanzen,  einer  männlichen  und  einer  weiblichen,  vom 
Sonnenjahr  zum  Ausdruck  komme.  Allein  die  Beobachtungen,  wie 
leicht  und  bis  zu  welchem  Ausmaße  es  dem  Einfluß  äußerer 
Kräfte  möglich  ist,  die  Lebensäußerungen  insbesondere  der  Pflanzen¬ 
welt  in  ihrem  zeitlichen  Aufreten  zu  verändern,  sie  zu  verfrühen 
oder  hintanzuhalten,  sträuben  sich  gegen  die  Starrheit  der  Fliess’schen 
Formeln  und  lassen  zum  mindesten  an  der  Alleinherrschaft  der  von 


x)  Vgl.  G.W.  II-III,  S.  172  ff.  Freud  fügt  seinem  Befunde  die  Bemerkung 
an,  daß  in  der  Fliess- Swobodaschen  Theorie  die  Bedeutung  der  Träume  zu 
kurz  gekommen  wäre  .  .  .  „das  Inhaltsmaterial  derselben  würde  sich  durch 
das  Zusammentreffen  all  jener  Erinnerungen  erklären,  die  in  jener  Nacht 
gerade  eine  der  biologischen  Perioden  zum  ersten  oder  n-ten  Male  vollenden44. 

2)  „Die  Disposition  zur  Zwangsneurose4 c,  1913,  G.W.  VIII,  S.  443.  —  Als 
Karl  Abraham  im  Jahre  1911  mit  Fliess  in  Berührung  kommen  wollte,  ermu¬ 
tigte  ihn  Freud  dazu,  u.a.  mit  den  Worten:  „Sie  werden  einen  hochbegabten, 
ja  faszinierenden  Menschen  kennen  lernen,  andererseits  leicht  Anlaß  bekom¬ 
men,  dem  Stück  Wahrheit,  das  sicher  in  der  Periodenlehre  enthalten  ist,  wissen¬ 
schaftlich  näher  zu  kommen,  eine  Möglichkeit,  die  mir  aus  persönlichen 
Motiven  versagt  ist44.  (Brief  an  Karl  Abraham  v.  13.  Februar  1911.)  Nach 
der  Begegnung  mit  Fliess  berichtete  Abraham  über  diese  an  Freud:  „Gegen 
die  neueren  Ergebnisse  der  Psychoanalyse  hat  er  (Fliess)  sich  nach  dem  Kon¬ 
flikt  abgeschlossen,  zeigte  sich  aber  sehr  interessiert  über  alles  was  ich  ihm 
berichtete.  Den  faszinierenden  Eindruck,  den  Sie  voraussagten,  habe  ich  nicht 
empfangen;  (Fliess  mag  sich  in  den  letzten  Jahren  verändert  haben)  aber  doch 
den  Eindruck  eines  scharfsinnigen  und  originellen  Forschers.  Eigentliche 
Größe  fehlt  ihm  nach  meinem  Gefühl.  Davon  fällt  auch  etwas  auf  sein  wissen¬ 
schaftliches  Arbeiten.  Er  geht  von  einigen  wertvollen  Gedanken  aus;  alle 
weitere  Arbeit  kreist  dann  um  den  Beweis  ihrer  Richtigkeit  oder  um  ihre  noch 
genauere  Fassung44.  —  (Brief  an  Freud  v.  26.  Februar  1911.) 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


51 

ihm  aufgestellten  Gesetze  zweifeln.“1  So  stand  die  Periodenlehre 
von  Fliess  an  Grenzstellen  von  Freuds  Interesse;  zum  Aufbau  der 
Psychoanalyse  leistete  sie  keinen  Beitrag. 

Daß  die  Beziehung  zu  Fliess  in  Freuds  Selbstanalyse  eine  Rolle 
spielte,  erwähnte  Freud  selbst  wiederholt  (siehe  etwa  Brief  Nr.  66). 
Aus  einigen  Briefstellen  darf  man  vermuten,  daß  Freud  zur  Einsicht 
gelangt  war,  daß  die  Beziehung  zu  Fliess  mit  dem  Hauptproblem  der 
ersten  Phasen  seiner  Selbstanalyse,  der  Beziehung  zum  Vater 
verbunden  war  (Brief  Nr.  134),  und  es  scheint,  daß  der  Fortschritt 
der  Selbstanalyse  die  Ablösung  von  Fliess  erleichterte.2 3  Die  Verstim¬ 
mung  Freuds  nach  dem  anfänglichen  Mißerfolg  der  „Traumdeutung“, 
die  durch  die  Last  der  finanziellen  Sorgen  erhöht  war,  war  die  letzte, 
von  der  wir  aus  Freuds  Leben  Kunde  haben.  3  Die  Reise  nach  Rom, 
der  Entschluß,  sich  den  Titel  eines  Professors  zu  verschaffen  und 
damit  eine  gesicherte  materielle  Existenz  folgen  einander  rasch. 
Bald  fanden  sich  die  ersten  Schüler;  die  Psychoanalyse  wuchs  zur 
psychoanalytischen  Bewegung. 

Der  Versuch,  rückschauend  die  Bedeutung  des  Gedankenaustausches 
mit  Fliess  für  Freuds  geistige  Entwicklung  einzuschätzen,  darf  von 
Freuds  eigener  Auffassung  ausgehen:  in  einer  Zeit  der  Vereinsamung 
und  Entfremdung  von  allen  Mitarbeitern  und  Freunden  bot  sich 
Fliess  als  williger  und  oft  begeisterter  Zuhörer  an.  Sein  wissenschaft¬ 
licher  Einfluß  richtete  sich  so  gut  wie  ausschließlich  auf  eine  Frage: 
auf  Freuds  Versuche,  eine  Brücke  zwischen  den  neuen  psychologischen 


L  G.W.  XIII,  S.  47  ff. 

2)  Eine  Spur  dieser  analytischen  Arbeit  hat  sich  in  der  zweiten  Auflage  der 
„Traumdeutung“  erhalten:  „Während  ich  mit  der  Bearbeitung  eines  gewissen 
wissenschaftlichen  Problems  beschäftigt  bin,  sucht  mich  mehrere  Nächte  kurz 
nacheinander  ein  leicht  verwirrender  Traum  heim,  der  die  Versöhnung  mit 
einem  längst  beiseite  geschobenen  Freund  zum  Inhalt  hat.  Beim  vierten  oder 
fünften  Male  gelingt  es  mir  endlich,  den  Sinn  dieses  Traumes  zu  erfassen. 
Er  liegt  in  der  Aufmunterung,  doch  den  letzten  Rest  von  Rücksicht  für  die 
betreffende  Person  aufzugeben,  sich  von  ihr  völlig  frei  zu  machen,  und  hatte 
sich  in  so  heuchlerischer  Weise  ins  Gegenteil  verkleidet“.  (G  W  XI-III 
S.  150,  Fußnote.) 

Wir  vermuten,  daß  das  Problem,  mit  dem  Freud  befaßt  war,  die  Bi¬ 
sexualität  war. 

3,)  Freud  hatte  in  diesen  Jahren  noch  Schulden  zu  bezahlen,  die  er  bei  der 
Gründung  seines  Hausstandes  eingegangen  war.  Sechs  Kinder  fortzubringen, 
war  für  den  sonst  mittellosen  ärztlichen  Spezialisten  dieser  Tage  keine  geringe 
Aufgabe. 


52 


Einleitung 


Entdeckungen  und  physiologischen  Erklärungen  lierzustellen.  Noch 
ehe  sich  der  Gedankenaustausch  mit  Fliess  enger  gestaltet  hatte,  war 
Freud  mit  dieser  Frage  beschäftigt.  In  „Zur  Auffassung  der  Aphasien“ 
war  er  Hughlings  Jackson  gefolgt:  „Die  physiologischen  Vorgänge 
hören  nicht  auf,  sobald  die  psychischen  begonnen  haben;  vielmehr 
geht  die  physiologische  Kette  weiter,  nur  daß  jedem  Glied  derselben 
(oder  einzelnen  Gliedern)  von  einem  gewissen  Moment  an  ein 
psychisches  Phänomen  entspricht.  Das  Psychische  ist  somit  ein 
Parallelvorgang  des  Physiologischen  (a  dependent  concomitant).“1 

Im  Jahre  darauf  warf  er  die  Frage  auf,  in  welcher  Distanz  von 
einander  diese  Parallelvorgänge  zu  studieren  seien.  Der  Einfluß  der 
französischen  Psychiatrie  wies  ihm  den  Weg.  In  der  Haltung  der 
deutschen  Kliniker,  so  sagt  Freud  im  Vorwort  zur  Veröffentlichung 
der  Poliklinischen  Vorlesungen  Charcots  (1892),  herrschte  die  Neigung 
„zur  physiologischen  Deutung  des  Krankheitszustandes  und  des 
Zusammenhanges  der  Symptome.  Die  klinische  Beobachtung  der 
Franzosen  gewinnt  unzweifelhaft  an  Selbständigkeit,  indem 
sie  physiologische  Gesichtspunkte  an  die  zweite  Stelle  bannt.  .  .  Es 
liegt  übrigens  kein  Versäumnis,  sondern  eine  allmähliche, 
für  zweckmäßig  erachtete  Ausschließung  vor. 
Freud  suchte  diesen  Anweisungen  in  seinen  nächsten  Arbeiten  zu 
folgen,  aber  im  Jahre  1894-95  während  der  Niederschrift  der  für 
die  „Studien  über  Hysterie“  bestimmten  Abschnitte  gewann  der 
Gedanke  Macht  über  ihn,  den  Versuch  zu  wagen,  das  Ganze  der 
Psychologie  und  Hirnphysiologie  ineinander  zu  arbeiten;  ein  großartiger 
Versuch,  vielleicht  angeregt  davon,  daß  Breuer  eben  das  theoretische 
Kapitel  der  „Studien“  niedergeschrieben  hatte,  ein  Versuch,  bei  dem 
Fliess  Pate  gestanden  und  den  er  ermutigt  hatte;  ein  Versuch  jedoch, 
der  bald  verworfen  wurde.  Es  ist  kennzeichnend,  daß  der  „Entwurf 
von  1895  sich  unter  den  Papieren  von  Fliess  fand,  daß  Freud  ihn  nie 
zurückerbeten  hatte  und  an  ihm  nie  wieder  Interesse  nahm. 

Erst  als  nach  der  Selbstanalyse  der  dynamische  Gesichtspunkt  voll 


i)  „Zur  Auffassung  der  Aphasien“,  S.  56.  Das  in  Klammer  Gesetzte  ist  der 
an  dieser  Stelle  nicht  zitierten  Arbeit  von  Hughlings  Jackson  entlehnt,  „On 
Affections  of  Speech  from  Diseases  of  the  Bram “,  Brain,  I,  1879,  S.  304  ff;  II, 
1880,  S.  203  ff  u.  323  ff.  Vgl.  dazu  auch  M.  Dorer,  „Die  historischen  Grund¬ 
lagen  der  Psychoanalyse“. 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


53 


und  ganz  mit  dem  genetischen  verschmolzen  werden  konnte,  gelang 
es  Freud,  die  Distanz  zwischen  physiologischer  und  psychologischer 
Betrachtung  zu  finden:  In  der  „Traumdeutung“  gelang  die  erste 
Annäherung  überraschend  und  die  im  siebenten  Kapitel  entworfene 
Struktur  des  psychischen  Apparates  konnte  das  Substrat  für  alle 
künftigen  Ergänzungen  Freuds  werden.  Den  Versuch,  die  Begriffe 
der  Hirnphysiologie  selbst  zu  benützen,  lehnte  Freud  in  den  folgenden 
Jahren  ausdrücklich  ab.  Er  gab  den  Gedanken  auf,  „Zellen  und 
Fasern  oder  die  heute  ihre  Steile  einnehmenden  Neuronsysteme 
als  .  .  .  psychische  Wege  zu  proklamieren,  wenngleich  solche  Wege 
in  noch  nicht  angebbarer  Weise  durch  organische  Elemente  des 
Nervensystems  darstellbar  sein  müßten“.1  Wenige  Jahre  später 
beleuchtete  Freud  das  Problem  der  Beziehung  zwischen  körperlichen 
und  Seefischen  Vorgängen  in  seiner  Arbeit  über  die  psychogene 
Sehstörung,  in  der  er  das  Grundprinzip  der  Betrachtungsweise  ent¬ 
wickelte,  die  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  als  psychosomatiscne 
Medizin  bekannt  geworden  ist,2  er  bezeichnete  später  den  Zusammen¬ 
hang  der  psychischen  mit  biochemischen  Vorgängen  im  Organismus 
immer  wieder  als  ein  zu  erforschendes  Gebiet  und  wies  immer  wieder 
darauf  hin,  daß  die  Sprache  der  Psychoanalyse  eine  provisorisch 
gewählte  sei,  gültig  so  lange,  als  sie  noch  nicht  durch  die  Physiologie 
ersetzt  werden  könnte. 3  Was  Freud  für  die  Sprache  der  Analyse 
sagte,  galt  offenbar  auch  für  ihre  Begriffsbildung;  die  psychischen 
Instanzen  der  Psychoanalyse  wurden  als  Organisationen  beschrieben, 
und  wie  Organe  in  der  Physiologie  durch  ihre  Funktion  charakterisiert, 


1)  Vgl.  „Der  Witz  und  seine  Beziehung  zum  Unbewußten“,  1904,  G.W . 
VI,  S.  165.  Freud  stellte  hier  der  Hirnphysiologie  ihre  künftige  Aufgabe  in 
demselben  Sinne,  in  dem  Charcot  auf  seinem  Arbeitsgebiet  dies  getan  hat. 
„Je  fais  la  morphologie  pathologique,  je  fais  meme  un  peu  l’anatomie  patho- 
logique  mais  je  ne  fais  pas  la  Physiologie  pathologique,  j’attends  que  quelqu  un 
d’autre  la  fasse.“  —  Das  Bedauern  über  das  Scheitern  hirnphysiologischer 
Erklärungsversuche  findet  sich  in  Freuds  Schriften  noch  öfters  scharf  for¬ 
muliert;  vgl.  auch  die  S.  373  f.  zitierte  Stelle. 

2)  Vgl.  O.  Fenichel,  „ Nature  and  Classification  of  the  So-called  I  sycno- 
somatic  Phenomena“ .  Psychoanalytic  Quarterly,  XIV,  1945,  S.  287-312. 

3)  Vgl.  dazu  E.  Kris,  „ The  Nature  and  Validation  of  Psychoanalytic  Pro- 
positionsli.  „Freedom  and  Experience,“  Essays  in  honour  of  Horace  Kal! en, 

1947. 


54 


Einleitung 


eine  Auffassung,  die  unmittelbar  an  den  „Entwurf“  von  1895 
anschloß.1 2 

So  ergab  sich  denn  im  Modell  des  psychischen  Apparates,  mit 
dessen  Erforschung  Freud  seit  seinen  Studien  über  Gehirnanatomie 
beschäftigt  war,  endlich  die  Möglichkeit,  den  Zusammenhang  zwischen 
physiologischer  und  psychologischer  Betrachtungsweise  zu  bewahren, 
ohne  durch  die  Enge  der  Bindung  die  Entwicklung  der  Psychoanalyse 
zu  hemmen. 

Der  Einfluß  Fliess’  konnte  diese  Entwicklung  seit  1897,  seit  dem 
Beginn  der  Selbstanalyse  Freuds,  nur  stören.  Seine  Versuche,  die 
Forschungen  Freuds  durch  seine  eigenen  einzuschränken,  die 
Dynamik  des  seelischen  Geschehens  im  wesentlichen  auf  periodische 
Intoxikationen  zurückzuführen  oder  die  Verdrängungslehre  „zu 
biologisieren“,  mußten  wie  Fremdkörper  wirken.  Fliess’  Vorwurf 
aber,  daß  die  Psychoanalyse  keine  wissenschaftlichen  Ergebnisse 
liefere,  daß  Freud  seine  Deutungen  „projiziere“,  mußte  Freud  umso 
schmerzlicher  treffen,  als  die  Technik  seines  Verfahrens  sich  noch 
in  den  Jahren  des  engen  Gedankenaustausches  entscheidend 
weiterentwickelt  hatte.  Schon  1898  hatte  er  in  einer  Arbeit  von  der 
Veränderung  berichtet,  die  er  an  seiner  Konzentrationstechnik 
vorgenommen  hatte. 2  In  den  Briefen  ist  von  diesem  Fortschritt  kaum 
die  Rede.  Und  doch  war  er  von  entscheidender  Bedeutung  und 
muß  neben  Freuds  großen  Funden  aus  der  Zeit  um  die  Jahrhundert¬ 
wende  erwähnt  werden:  Mit  dem  Verzicht  auf  die  Reste  des 
hypnotischen  Zeremoniells  hatten  sich  der  analytischen  Therapie 
neue  Möglichkeiten  eröffnet;  bald  sollte  die  Bedeutung  von  Wider¬ 
stand  und  Übertragung  sich  Freud  klar  darstellen;  Gesichtspunkte, 
die  die  therapeutische  Situation  zu  einem  verläßlichen  Instrument 
des  Forschers  gestalteten.  Wenige  Jahre  nach  der  Trennung  von  Fliess 
wurde  dieses  Ziel  erreicht;  die  Psychoanalyse  gewann  ihre  dreifache 
Bedeutung:  als  Therapie,  als  psychologische  Theorie  und  als  neue 
und  einzigartige  Beobachtungsmethode  menschlichen  Verhaltens. 


1)  Vgl.  H.  Hartmann,  E.  Kris  u.  R.  Loewenstein:  „ Some  Comments  on  the 
Formation  of  Psychic  Structure “.  The  Psychoanalytic  Study  of  the  Child,  II, 
1947.  Diese  Arbeit  wurde  geschrieben,  ehe  einer  der  Autoren  mit  dem 
„Entwurf“  vertraut  war. 

2)  „Die  Sexualität  in  der  Ätiologie  der  Neurosen“.  G.S.  I. 


Die  Psychoanalyse  als  unabhängige  Wissenschaft 


55 


Dieser  Methode  verdanken  wir  die  überwiegende  Mehrzahl  der 
klinischen  Hypothesen  der  Psychoanalyse,  deren  Verifizierung  durch 
andere  Beobachtungsmethoden  gegenwärtig  im  Fortschreiten  be¬ 
griffen  ist.  Gleichzeitig  haben  sich  einige  der  sozial  bedingten 
Widerstände  gegen  die  Funde  der  Psychoanalyse  abgeschwächt. 
Die  Psychoanalyse  hat  die  Psychiatrie  mit  neuem  Sinn  und  neuer 
Bedeutung  erfüllt,  auf  das  Gesamtgebiet  der  Medizin  durch  die 
Entwicklung  der  psychosomatischen  Forschung  Einfluß  gewonnen, 
der  sozialen  Fürsorge  eine  Orientierung  gegeben,  viele  Maßnahmen 
der  Kinderpflege  und  -  Erziehung  beeinflußt  und  den  Sozial¬ 
wissenschaften  neue  Gesichtspunkte  geboten.  „Die  psychoanalytische 
Bewegung“,  der  bisher  die  Aufgabe  zugefallen  war,  die  psycho¬ 
analytische  Forschungsarbeit  zu  fördern  und  die  Ausbildung  der 
Psychoanalytiker  zu  ermöglichen,  teilt  diese  Aufgabe  nun  mit 
Universitäten  und  medizinischen  Forschungsinstituten. 

Im  Zuge  dieser  Entwicklung  haben  manche  Forscher  den 
Eindruck  gewonnen,  als  müßten  die  Grundanschauungen  der 
Psychoanalyse  darum  veraltet  sein,  weil  manche  ihrer  Termini  der 
wissenschaftlichen  Sprache  der  8oer  und  90er  Jahre  des  19.  Jahr¬ 
hunderts  entstammen.  Die  Tatsache  selbst  steht  außer  Zweifel.  Die 
Hirnphysiologie,  von  der  Freud  ausgegangen  ist,  ist  ebenso  veraltet, 
wie  die  mechanistische  Psychologie  Herbarts,  die  Freud  —  nach  der 
überzeugenden  Darstellung  M.  Dorers  ( loc .  dt.)  —  vielfach  als 
Ausgangspunkt  gedient  hat.  Die  der  Tradition  entlehnten  Termini 
aber  haben  in  der  Psychoanalyse  eine  neue  Bedeutung  gewonnen,  die 
vielfach  mit  ihrer  ursprünglichen  Bedeutung  wenig  zu  tun  hat;  gerade 
auf  Grund  des  Herbartschen  Ansatzes  etwa  hat  Freud,  als  erster,  die 
mechanistische  Assoziationspsychologie  durch  eine  neue  ersetzt.  Die 
Frage  nach  der  Herkunft  der  Termini  und  Grundanschauungen  ist 
daher  nur  von  historischem  Interesse;1  sie  hat  nichts  mit  der  Frage 
zu  tun,  was  die  psychoanalytische  Terminologie  und  die  Freudschen 
Grundannahmen  für  die  Psychoanalyse  als  Wissenschaft  leisten. 
Die  Frage,  um  die  es  sich  dabei  handelt,  muß  zerlegt  werden;  wir 
haben  erstens  zu  fragen,  ob  die  Hypothesen,  die  auf  Grund  der 

x)  Vgl.  zu  dieser  Auffassung  H.  Hartmann,  „Die  Grundlagen  der  Psycho¬ 
analyse“,  1927,  H.  Hartmann,  E.  Kris  und  R.  Loewenstein,  loc.  cit.  1946,  E. 
Kris,  loc.  cit.  1947. 


56 


Einleitung 


Annahmen  Freuds  gebildet  werden  können,  verifizierbar  sind  und 
die  Formulierung  neuer  Hypothesen  erlauben,  und  zweitens  ob  es 
etwa  andere  Annahmen  gibt,  auf  Grund  deren  fruchtbarere 
Hypothesen  aufgestellt  werden  könnten;  Fragen,  die  die  psychoanaly¬ 
tische  Forschung  auf  lange  Zeit  hinaus  zu  beschäftigen  versprechen. 

Von  hier  aus  gewinnt  das  in  diesem  Bande  vorgelegte  Material 
Bedeutung :  es  beleuchtet  die  allmähliche  Ablösung  Freuds  von 
den  Gebieten  und  Vorstellungskreisen,  von  denen  er  ausgegangen 
war,  oder  mindestens  einige  erste  Schritte  auf  diesem  Weg.  Diese 
Ablösung  war  ihm  zunächst  unerwünscht  und  blieb  eine  Zeit  lang 
unbeabsichtigt.  Sie  war  Freud  durch  „die  Natur  des  Gegenstandes“ 
aufgezwungen,  durch  den  Versuch,  die  Darstellung  und  das  Verständnis 
des  menschlichen  Konflikts  aus  dem  Bereich  von  Dichtung  und 
Intuition  in  den  der  Naturwissenschaft  zu  führen. 


BRIEFE 


ABHANDLUNGEN 


NOTIZEN 


Brief  vom  24.  11.  87 


59 


I 

Wien,  24.  11.  87. 

I.  Maria  Theresienstraße  8. 

Verehrter  Freund  und  Kollege ! 

Mein  heutiger  Brief  hat  zwar  einen  geschäftlichen  Anlaß ;  ich 
muß  ihn  aber  mit  dem  Bekenntnis  einleiten,  daß  ich  mir  Hoff¬ 
nung  auf  Fortsetzung  des  Verkehrs  mit  Ihnen  mache,  und  daß 
Sie  mir  einen  tiefen  Eindruck  zurückgelassen  haben,  der  mich 
leicht  dazu  führen  könnte.  Ihnen  frei  heraus  zu  sagen,  in  welche 
Rangordnung  von  Männern  ich  Sie  stellen  muß. 

Frau  A.  hat  mich  seit  Ihrer  Abreise  konsultiert  und  mir  einige 
Pein  des  Entschließens  verursacht.  Ich  bin  endlich  dazu  ge¬ 
langt,  ihren  Fall  als  keine  Neurose  anzusehen.  Nicht  sowohl 
wegen  des  (jetzt  nicht  nachweisbaren)  Fußklonus,  sondern  weil 
ich  die  mir  wertvollsten  Kennzeichen  der  Neurasthenie  (um 
andere  Neurosen  kann  es  sich  doch  nicht  handeln)  bei  ihr 
nicht  wiederfinde.  Ich  habe  mich  bei  der  oft  so  schwierigen 
Unterscheidung  zwischen  beginnenden  organischen  und  neu- 
rasthenischen  Affektionen  stets  an  ein  Merkmal  gehalten:  der 
Neurasthenie  darf  die  hypochondrische  Alteration,  die  Angst¬ 
psychose  nicht  fehlen,  welche  —  ob  sie  geleugnet  oder  zuge¬ 
standen  wird  —  sich  durch  das  Übermaß  neu  auftauchender 
Empfindungen,  also  durch  Parästhesien  verrät.  An  solchen 
Symptomen  ist  unser  Fall  recht  arm.  Sie  konnte  plötzlich  nicht 
gehen,  gibt  aber  von  Sensationen  nichts  an  als  die  Schwere  der 
Beine,  nichts  von  dem  Ziehen  und  Drücken  in  der  Muskulatur, 
den  vielfachen  Schmerzen,  den  korrespondierenden  Sensationen 
in  anderen  Körperteüen  usw.  Sie  wissen,  was  ich  meine.  Der 
sogenannte  Schwindel,  der  Jahre  vorher  auftrat,  stellt  sich  als  ein 
ohnmachtsartiger  Zustand,  nicht  als  ein  wirklicher  Vertigo  her¬ 
aus;  ich  kann  auch  ihn  nicht  mit  dem  neuras thenischen  Taumel 
beim  Gehen  zusammenbringen. 

Nach  der  anderen  Seite  der  Diagnose  —  gegen  die  organische 
Erkrankung  —  ist  mir  folgendes  eingefallen.  Die  Frau  hatte 


6o 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


vor  17  Jahren  eine  postdiphtheritische  Lähmung  der  Beine  ge¬ 
habt.  Eine  solche  überstandene  Infektionserkrankung  des 
Rückenmarks  mag  trotz  anscheinender  Heilung  einen  schwachen 
Punkt  im  Zentralorgan  zurücklassen,  den  Anstoß  zu  sehr  lang¬ 
samen  Systemerkrankungen  geben.  Ich  denke  mir  das  ähnlich 
wie  die  Beziehung  der  Tabes  zur  Syphilis.  Sie  wissen  ja  auch, 
daß  Marie  in  Paris  die  multiple  Sklerose  auf  vorausge¬ 
gangene  akute  Infektionen  zurückführt.1  Frau  A.  befand  sich 
allem  Anschein  in  der  langsamen  Decadence  der  Ernährung, 
welche  das  Los  unserer  Stadtfrauen  nach  mehreren  Ent¬ 
bindungen  ist.  Das  punctum  minimae  resistentiae  im  Rücken¬ 
mark  begann  unter  solchen  Verhältnissen  zu  revoltieren. 

Es  geht  ihr  übrigens  recht  gut,  besser  als  je  seit  Beginn  der 
Erkrankung.  Dies  ist  das  Resultat  Ihres  Speisezettels,  mir 
bleibt  wenig  zu  tun  übrig.  Ich  habe  eine  galvanische  Behandlung 
des  Rückens  begonnen.2 

Nun  von  Anderem !  Meine  Kleine  gedeiht,  meine  Frau  erholt 
sich  langsam.  Ich  bin  gleichzeitig  mit  drei  Arbeiten  beschäftigt, 
unter  welchen  auch  die  Gehirnanatomie  ist.3  Der  Verleger  ist 
bereit,  sie  zum  nächsten  Herbst  auf  den  Markt  zu  bringen. 

Mit  herzlichem  Gruß 

Ihr  Dr.  Sigm.  Freud. 


x)  Freud  war  mit  P.  Maries  Ansichten  über  die  infektiöse  Ätiologie  der 
multiplen  Sklerose  in  Paris  vertraut  geworden.  (Vgl.  dazu  Charcots  von  Freud 
übersetzte  „Poliklinische  Vorträge“,  I.  Band,  Schuljahr  1887-1888,  Wien, 
1892-1894,  und  Freuds  Fußnote  zu  S.  386.) 

2)  Vgl.  dazu  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“,  1914, 
G.W.  X,  S.  46,  wo  es  heißt:  „Ich  hatte  mich  der  physikalischen  Therapie 
anvertraut  und  fand  mich  ratlos  angesichts  der  Enttäuschungen,  welche  mich 
die  an  Ratschlägen  und  Indikationen  so  reiche  ,Elektrotherapie‘  von  W.  Erb 
erleben  ließ“.  (Gemeint  ist  „Handbuch  der  allgemeinen  Therapie“,  heraus¬ 
gegeben  von  H.  v.  Ziemssen,  III,  W.  Erb,  „Handbuch  der  Elektrotherapie“, 
1882.) 

3)  Die  „Gehirnanatomie“,  die  auch  in  den  folgenden  Briefen  wiederholt 
erwähnt  wird,  ist  nie  als  Buch  erschienen.  Einzelne  Abschnitte  in  Villarets 
„Handwörterbuch  der  gesamten  Medizin“,  Stuttgart,  2  Bde.  (1888  u.  1891) 
und  die  Monographie  „Zur  Auffassung  der  Aphasien“  (1891)  sind  offenbar  der 
Niederschlag  dieses  Interesses.  Freud  selbst  bezieht  sich  auf  die  „Gehirn¬ 
anatomie“  in  der  „Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“  (1914,  G.W. 
X,  S.  51).  Er  erwähnt  dort,  daß  eine  Bemerkung  Charcots  ihn  schon  frühzeitig 


Brief  vom  28.  12.  87 


61 


2 

Wien.,  28.  12.  87. 

Geehrter  Freund  und  Kollege ! 

Ihr  herzlicher  Brief  und  Ihr  prächtiges  Geschenk  haben  mir 
die  angenehmsten  Erinnerungen  wachgerufen,  und  die  Gesin¬ 
nung,  welche  ich  aus  beiden  Weihnachtsgaben  erkenne,  erfüllen 
mich  mit  Hoffnung  auf  einen  regen  und  teilnahmsvollen  Verkehr 
zwischen  uns  für  die  Zukunft.  Ich  weiß  noch  immer  nicht, 
wodurch  ich  Sie  gewonnen  habe ;  das  bißchen  spekulative  Hirn¬ 
anatomie  hat  Ihrem  strengen  Urteil  wohl  nicht  lange  imponiert. 
Aber  ich  freue  mich  sehr  darüber.  Ich  habe  bisher  immer  das 
Glück  gehabt,  meine  Freunde  unter  den  Besten  zu  finden  und 
war  immer  besonders  stolz  auf  dieses  Glück.  Ich  danke  Ihnen 
also  und  bitte  Sie,  nicht  verwundert  zu  sein,  wenn  ich  für  Ihr 
reizendes  Geschenk  gegenwärtig  nichts  zu  erwidern  habe. 

Ich  höre  gelegentlich  über  Sie,  natürlich  zumeist  Wunderdinge. 
Eine  meiner  Quellen  ist  Frau  A.,  die  sich,  nebenbei  gesagt,  als 
gemeine  zerebrale  Neurasthenie  entpuppt.  Ich  selbst  habe  mich 
in  den  letzten  Wochen  auf  die  Hypnose  geworfen  und  allerlei 
kleine,  aber  merkwürdige  Erfolge  erzielt.  Ich  gedenke  auch  das 
Buch  von  Bernheim  über  die  Suggestion  zu  übersetzen.1  Raten 


auf  die  Rolle  der  Sexualität  in  der  Ätiologie  der  Neurosen  hätte  hinweisen 
können;  aber  „die  Gehirnanatomie  und  die  experimentelle  Erzeugung  hyste¬ 
rischer  Lähmungen“  beanspruchten  sein  ganzes  Interesse.  Welche  anderen 
beiden  Arbeiten  Freud  im  Jahre  1887  beschäftigt  haben  könnten,  ist  schwer 
zu  entscheiden.  Im  Brief  vom  28.  Dezember  erwähnt  er  eine  Arbeit  über  den 
allgemeinen  Charakter  hysterischer  Phänomene,  die  nicht  im  Druck  erschienen 
ist.  Im  Jahre  1888  ist  nur  die  Studie  „Über  Hemianopsie  im  frühesten  Kindes¬ 
alter“  in  der  Wiener  Medizinischen  Wochenschrift  (Nr.  32  u.  33)  erschienen. 
Von  den  Jahren  1886-91  sagt  Freud  in  der  „Selbstdarstellung“,  daß  er  wenig 
wissenschaftlich  gearbeitet  und  kaum  etwas  publiziert  habe.  „Ich  war  davon 
in  Anspruch  genommen,  mich  in  den  neuen  Beruf  zu  finden  und  meine  mate¬ 
rielle  Existenz  sowie  die  meiner  rasch  anwachsenden  Familie  zu  sichern.“ 
Vgl.  dagegen  Einleitg,  S.  23. 

*)  S.  Bernheim,  „Die  Suggestion  und  ihre  Heilwirkungen“,  1.  Auflage,  1888 
(2.  umgearbeitete  und  von  Dr.  Max  Kahane  besorgte  Auflage  1896).  Im  Jahre 
1892  ist  dann  in  Freuds  Übersetzung  Bernheims  Buch  „Neue  Studien  über 
Hypnotismus,  Suggestion  und  Psychotherapie“  erschienen.  Während  Freud 
dem  ersten  Bande  seiner  Übersetzungen  eine  ausführliche  Vorrede  voraus¬ 
geschickt  hat  (die  für  die  zweite  Auflage  dieses  Bandes  gekürzt  und  etwas 
verändert  wurde),  hat  er  bei  der  Veröffentlichung  des  zweiten  Bandes  auf  jede 
Äußerung  eigener  Anschauungen  verzichtet. 


62 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Sie  nicht  ab,  ich  bin  bereits  kontraktlich  verpflichtet.  Die  beiden 
Arbeiten :  Gehirnanatomie  und  allgemeine  Charaktere  hysterischer 
Aflektionen1  laufen  als  Erholung  daneben  her,  soweit  der  Wechsel 
der  Stimmung  und  der  Beschäftigung  es  gestattet. 

Meine  Kleine  entwickelt  sich  prächtig  und  schläft  jede  Nacht 
durch,  was  der  größte  Stolz  jedes  Vaters  ist. 

Leben  Sie  recht  wohl,  lassen  Sie  sich  von  der  Arbeit  nicht 
überwältigen,  und  wenn  Sie  Muße  and  Anlaß  haben,  denken  Sie 
an  Ihren 

treu  ergebenen 

Dr.  Sigm.  Freud. 

Meine  Frau  war  von  Ihrem  Gruß  sehr  erfreut. 


3 

Wien,  4.  2.  88. 

Verehrter  Freund  und  Kollege ! 

Ich  bitte  Sie,  den  Empfang  dieses  Briefes  vorzudatieren,  ich 
hätte  ihn  längst  schreiben  sollen,  kam  nicht  dazu  vor  Arbeit, 
Müdigkeit  und  Spielen  mit  meiner  Tochter.  Ich  soll  Ihnen 
zunächst  einige  Nachrichten  über  Frau  A.  geben,  deren  Schwester 
sich  gegenwärtig  bei  Ihnen  befindet.  Der  Fall  hat  sich  recht 
einfach  aufgehellt,  als  gemeine  zerebrale  Neurasthenie,  was  die 
Weisen  chronische  Hyperaemie  des  Schädelinhalts  heißen.  Es 
wurde  immer  klarer  und  klarer,  dann  auf  Galvanisation  und 
Halbbäder  immer  besser ;  ich  dachte  daran,  sie  durch  Muskel¬ 
arbeit  vollends  herzustellen  — -  da  geschah  etwas  Unerwartetes, 
die  Periode  blieb  aus,  bald  darauf  wurde  es  schlechter,  bei  der 
zweiten  Periode  blieb  auch  die  Behandlung  aus  und  der  Zustand 
ist  gegenwärtig  ein  sehr  hoflhungsvolier,  wiewohl  nicht  sehr 
guter.  Ich  meinerseits  hätte  gerne  die  Behandlung  fortgesetzt, 
fühle  deren  Erfolg  aber  nicht  sicher  genug,  um  gegen  die  Ängst- 

J)  Über  die  „Gehirnanatomie“  s.  Anmkg.  3  zum  Brief  v.  24.11.87  (Nr.  1). 
—  Die  Arbeit  über  „Allgemeine  Charaktere  hysterischer  Phänomene“  ist  nicht 
im  Druck  erschienen. 


Brief  vom  4.  2.  88 


63 


lichkeit  der  Frau,  der  ganzen  Familie  und  gegen  die  Meinung 
Chrobaks1  aufzutreten,  ich  habe  mich  also  der  Prophezeiung 
angeschlossen,  daß  die  Sache  nach  dem  vierten  Monat  von 
selber  gut  sein  wird,  und  halte  meine  starken  Zweifel  daran 
geheim.  Besitzen  Sie  Erfahrungen  über  den  Einfluß  der 
Schwangerschaft  auf  solche  Neurasthenien? 

Vielleicht  daß  ich  an  dem  neuen  Weltbürger  mitschuldig  bin. 
Ich  habe  vor  der  Patientin  nicht  absichtslos  einmal  sehr  ernst 
über  die  Schädlichkeit  des  Coitus  reservatus  gesprochen.2  Viel¬ 
leicht  irre  ich  mich  dabei. 

Von  anderem,  geehrter  Freund,  wenig.  Meine  kleine  Mathilde 
gedeiht  sehr  gut  und  macht  uns  viel  Spaß.  Die,  wie  Sie  wissen, 
nicht  sehr  ansehnliche  Praxis  hat  in  letzter  Zeit  durch  Charcots 
Namen  einige  Bereicherung  erfahren.3  Der  Wagen  kostet  viel4 
und  das  Besuchen  und  Ein-  und  Ausreden,  worin  meine  Be¬ 
schäftigung  besteht,  raubt  die  schönste  Zeit  für  die  Arbeit.  Die 
Gehirnanatomie  ruht,  aber  die  Hysterie  schreitet  vor  und  ist  in 
der  ersten  Bearbeitung  fertig. 

.  .  .  Gestern  gab  es  einen  Hauptskandal  in  der  Gesellschaft 
der  Ärzte.  Sie  wollten  uns  zwangsweise  auf  ein  neues  Wochen¬ 
blatt  abonnieren,  welches  den  geläuterten,  exakten  und  christ¬ 
lichen  Standpunkt  einiger  Hofräte,  die  das  Arbeiten  längst  ver- 

x)  Chrobak,  Rudolf  (geb.  1843,  gest.  1910),  Professor  der  Gynäkologie  in 
Wien.  —  Freud  hat  Chrobak  in  der  „Geschichte  der  psychoanalytischen 
Bewegung“  (1914)  und  in  seiner  „Selbstdarstellung“  als  einen  der  Männer 
genannt,  deren  ärztliche  Erfahrung  sie  auf  die  Bedeutung  der  Sexualität  für 
die  Genese  neurotischer  Erkrankungen  hingeführt  hatte.  Freud  erwähnt  in 
der  ersten  dieser  Veröffentlichungen  auch,  daß,  als  ihn  Chrobaks  Hinweis 
erreichte  —  offenbar  in  den  80er  Jahren  —  er  noch  nicht  imstande  war,  ihn  zu 
verwerten.  Erst  beim  Niederschreiben  seiner  Erinnerungen  in  der  „Ge¬ 
schichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“  sei  ihm  eine  diesbezügliche 
Bemerkung  Chrobaks  wieder  in  den  Sinn  gekommen. 

2)  Die  Auffassung  von  der  Rolle  des  Coitus  reservatus  (interruptus)  in  der 
Ätiologie  der  Angstneurose  taucht  in  Freuds  Veröffentlichungen  wenig  später 
auf. 

3)  Freuds  Übersetzung  von  Charcots  „Neue  Vorlesungen  über  die  Krank¬ 
heiten  des  Nervensystems,  insbesondere  über  Hysterie“  war  im  Jahre  1887 
erschienen.  Im  Vorwort  erwähnt  Freud,  daß  er  durch  Charcots  Entgegen¬ 
kommen  in  der  Lage  war,  die  deutsche  Ausgabe  „mehrere  Monate  vor  der 
französischen  der  Öffentlichkeit  zu  übergeben“.  Auch  hat  er  eine  kleine  Zahl 
von  Anmerkungen  —  zumeist  Nachträge  zu  der  Geschichte  der  im  Text 
behandelten  Kranken  —  im  Aufträge  des  Verfassers  hinzugefügt. 

4)  Der  für  ärztliche  Visiten  bestimmte  Mietwagen. 


64 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


lernt  haben,  behaupten  soll.  Sie  setzen  es  natürlich  durch ;  ich 
habe  große  Lust  auszutreten. 

Ich  muß  zu  einem  höchst  überflüssigen  Konsilium  mit  Meynert1 
eilen.  Leben  Sie  wohl  und  lassen  Sie  mich  an  einem  Sonntag 
ein  paar  Worte  über  Sie  hören. 

Ihr  treu  ergebener 

Dr.  Sigm.  Freud. 


4 


Dozent  Dr.  Sigm.  Freud. 


Wien,  28.  5.  88. 
I.  Maria  Theresienstrasse  8. 


Lieber  Freund  und  Kollege ! 

Ich  habe  einen  kleinen  Anlaß,  Ihnen  zu  schreiben,  was  ich 
längst  ohne  Anlaß  hätte  tun  können.  Also  zuerst  von  diesem 
Anlaß.  Frau  A.,  die  seit  ihrer  Demaskierung  als  chronische 
zerebrale  Neurasthenie  (wenn  Sie  es  auch  so  heißen  wollen), 
seit  ihrem  Abortus  etc.  bei  einem  Minimum  von  Behandlung 
eine  prächtige  Rekonvaleszenz  durchgemacht  hat  und  sich  heute 
sehr  wohl  befindet,  sieht  den  Sommer  herannahen.  Ihre  alten 
Sympathien  ziehen  sie  nach  Franzensbad,2  ich  rate  zu  einer 
Wasserkur  im  Gebirge ;  da  bat  sie  mich,  Ihnen  die  Entscheidung 
zu  übertragen,  was  ich,  mit  allem  Bedauern  für  Sie,  hiermit 
tue.  Ich  hatte  den  Vierwaldstättersee,  Axenstein3  usw.  ins  Auge 
gefaßt.  Bitte,  wenn  Sie  einverstanden  sind,  schreiben  Sie  mir 
umgehend  eine  Karte,  auf  der  Sie  einen  Namen  eines  Ortes 
nennen,  und  seien  Sie  versichert,  dieser  Ort  wird  Frau  A.  im 
Sommer  beherbergen.  Nur  bitte  tun  Sie  es  mir  nicht  an,  daß 

J)  Meynert,  Theodor  H.,  Professor  der  Psychiatrie  in  Wien.  Geb.  1833, 
gest.  1892.  Über  seine  Beziehung  zu  Freud  s.u.  S.  68. 

2)  Kurort  in  Böhmen. 

3)  In  der  Schweiz. 


Brief  vom  28.  5.  88 


65 


Sie  die  Entscheidung  mir  überlassen,  das  würde  doch  nicht 
befriedigen,  denn  die  Gewalt  über  die  Geister,  die  Ihnen  ge¬ 
bührt,  läßt  sich  nicht  übertragen.  Ich  bitte  umgehend,  weil 
mein  Versprechen,  Ihnen  zu  schreiben  um  10  Tage  älter  ist  als 
dieser  Brief. 

.  .  .Wir  leben  ziemlich  glücklich  in  stets  wachsender  An¬ 
spruchslosigkeit  weiter.  Wenn  unsere  kleine  Mathilde  lacht, 
büden  wir  uns  ein,  sie  lachen  zu  hören  sei  das  Schönste,  das 
uns  widerfahren  kann,  sind  sonst  nicht  ehrgeizig  und  nicht  sehr 
fleißig.  Die  Praxis  hat  im  Winter  und  Frühjahr  etwas  zuge¬ 
nommen,  nimmt  jetzt  wieder  ab,  erhält  uns  grade  am  Leben. 
Die  Zeit  und  Muße  für  Arbeiten  ist  auf  einzelne  Artikel  bei 
Villaret,1  Stücke  der  Übersetzung  von  Bernheim  Suggestion  und 
ähnliche  nicht  rühmenswerte  Dinge  aufgegangen.  Halt,  die  erste 
Ausarbeitung  der  „hysterischen  Lähmungen“2  ist  auch  fertig, 
unbestimmt,  wann  es  die  zweite  wird.  Kurz  man  lebt,  und  das 
Leben  ist  bekanntlich  sehr  schwierig  und  sehr  kompliziert  und 
es  gibt  viele  Wege  zum  Zentralffiedhof,3  heißt  es  bei  uns. 

•  •  • 

Ich  grüße  Sie  herzlich, 

in  aller  Eile  Ihr 

ganz  der  Ihrige 

Dr.  Freud. 

1)  Die  Artikel  in  Villarets  Handwörterbuch  sind  nicht  von  den  Autoren 
gezeichnet.  Mit  voller  Sicherheit  kann  der  Artikel  über  Gehirnanatomie  für 
Freud  in  Anspruch  genommen  werden,  da  er  im  Brief  vom  29.  August  1888 
als  „sehr  zusammengestrichen“  erwähnt  wird  (Villaret,  Vol.  I,  s.v.  Gehirn,  I. 
Anatomie,  S.  684-691),  und  der  Artikel  über  Aphasie,  den  Freud  in  seiner 
„Selbstdarstellung“  erwähnt.  Auf  Grund  ihres  Stiles  und  Inhaltes  können 
ferner  die  Artikel  über  „Hysterie“  und  über  „Kinderlähmung“  für  Freud  in 
Anspruch  genommen  werden,  vielleicht  auch  der  über  „Lähmungen“.  Der 
Artikel  über  Neurasthenie  dagegen  ist  offenbar  nicht  von  Freud  verfaßt. 
Freuds  Beiträge  zu  Villarets  Handbuch  sind  in  der  Bibliographie  seiner 
Schriften  übersehen  worden  und  fanden  daher  in  der  Würdigung  seiner  neuro¬ 
logischen  Arbeiten  durch  R.  Brun  („Sigmund  Freuds  Leistungen  auf  dem 
Gebiet  der  organischen  Neurologie“,  Schweizer  Archiv  der  Neurologie  und 
Psychiatrie,  XXXVII-2,  1936,  S.  200-207)  keine  Berücksichtigung. 

2)  Offenbar  eine  Vorarbeit  zu  dem  Aufsatz  „Quelques  Considerations  pour 
une  fitude  Comparative  des  Paralysies  Motrices  Organiques  et  Hysteriques“, 
Archives  de  Neurologie,  1893,  Nr.  77;  G.S.  I. 

3)  Der  große  an  der  Stadtperipherie  gelegene  damals  neue  Friedhof  für  das 
ganze  Wiener  Stadtgebiet. 


G 


66 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Wien,  29.  8.  88. 

Verehrter  Freund ! 

Ich  habe  lange  geschwiegen,  aber  meine  endliche  Antwort 
fällt  sehr  effektvoll  aus:  Buch,  Abhandlung1  und  Photographie; 
Sie  können  nicht  mehr  Begleitung  eines  Briefes  erwarten.  Ihr 
Schreiben  enthielt  vieles,  was  mich  für  lange  Zeit  zum  Nach¬ 
denken  angeregt  hat  und  worüber  ich  gerne  mit  Ihnen  gesprochen 
hätte.  Ich  habe  Ihnen  rückhaltlos  Recht  gegeben  und  kann  doch 
nicht  tun,  was  Sie  fordern.  Arzt  sein  anstatt  Spezialist,  mit 
allen  Untersuchungsmitteln  arbeiten  und  sich  des  Kranken  ganz 
bemächtigen,  das  ist  gewiß  die  einzige  Methode,  die  eigene  Be¬ 
friedigung  und  materielle  Erfolge  verspricht,  aber  für  mich  ist 
es  damit  vorbei.  Ich  habe  nicht  genug  gelernt,  um  Mediziner 
zu  sein,  in  meiner  medizinischen  Entwicklung  gibt  es  einen 
Riß,  der  später  mühsam  geknüpft  worden  ist.  Ich  konnte  gerade 
noch  so  viel  lernen,  daß  ich  Neuropathologe  wurde.  Und  jetzt 
fehlt  mir  allerdings  nicht  die  Jugend,  aber  die  Zeit  und  Unab¬ 
hängigkeit,  um  nachzuholen.  In  diesem  Winter  war  ich  recht 
beschäftigt,  da  konnte  ich  mit  meiner  sehr  großen  Familie  gerade 
davon  leben  und  behielt  keine  Zeit  übrig,  etwas  zu  lernen.2 
Der  Sommer  war  recht  schlecht,  ließ  mir  Zeit  genug,  aber  brachte 
auch  Sorgen,  die  mir  die  Stimmung  raubten.  Außerdem  stört 
mich  beim  Lernen  die  Forschergewohnheit,  der  ich  ziemlich 
viel  geopfert  habe,  die  Unzufriedenheit  mit  dem,  was  dem 
Lernenden  geboten  wird,  die  Nötigung  ins  Detaü  zu  gehen  und 
Kritik  zu  üben.  Die  ganze  A*tmosphäre  Wiens  ist  auch  wenig 
dazu  angetan,  einen  Willen  zu  stählen  oder  jene  Zuversicht  des 
Erfolges  aufkommen  zu  lassen,  die  Euch  Berlinern  eigen  ist, 
und  ohne  welche  ein  erwachsener  Mensch  nicht  daran  denken 
darf,  die  Basis  seiner  Existenz  zu  verändern.  So  muß  ich  wohl 


x)  Das  Buch:  Bernheim  „Die  Suggestion  und  ihre  Heilwirkungen“  in 
Freuds  Übersetzung;  der  Aufsatz:  „Uber  Hemianopsie  im  frühesten  Kindes¬ 
alter“  (Wiener  med.  Wochenschrift,  1888,  Nr.  32  u.  33). 

2)  Der  Hinweis  auf  die  „sehr  große  Familie“  zu  einer  Zeit,  da  nur  Freuds 
erstes  Kind  geboren  war,  erklärt  sich  durch  Freuds  Verpflichtung,  zum  Unter¬ 
halt  seiner  Mutter  und  der  weiteren,  sehr  zahlreichen  Familie  beizutragen. 


Brief  vom  29.  8.  88 


67 


bleiben,  was  ich  bin ;  nur  daß  ich  mich  nicht  über  die  Unzuläng¬ 
lichkeit  des  Zustandes  täusche. 

Von  den  Sendungen  rechtfertigt  sich  die  Photographie  durch 
eine  Erinnerung  an  Ihren  in  Wien  ausgesprochenen  Wunsch, 
dem  ich  damals  nicht  nachkommen  konnte.  Was  es  mit  der 
Suggestion  für  Bewandtnis  hat,  wissen  Sie.  Ich  habe  die  Arbeit 
sehr  ungern  unternommen,  nur  um  bei  einer  Sache,  welche  in 
den  nächsten  Jahren  gewiß  die  Praxis  der  Nervenärzte  tief  be¬ 
einflussen  wird,  eine  Hand  im  Spiel  zu  behalten.  Ich  teile  Bern¬ 
heims  Ansichten,  die  mir  einseitig  scheinen,  nicht,  und  habe  in 
der  Vorrede  den  Standpunkt  Charcots  in  Schutz  zu  nehmen 
versucht.1  Mit  welcher  Geschicklichkeit,  weiß  ich  nicht;  aber 
ich  weiß  bestimmt,  mit  schlechtem  Erfolg.  Die  suggestive,  d.h. 
introsuggestive  Theorie  Bemheims  hat  einen  common-place 
Zauber  für  die  deutschen  Ärzte,  welche  keinen  großen  Sprung 

x)  Die  „Vorrede  des  Übersetzers“  zu  Bernheims  „Die  Suggestion  etc.“ 
(S.  III-XII,  englisch  unter  dem  Titel  „ Hypnotism  and  Suggestion “  [1888], 
übersetzt  von  James  Strachey,  Intern.  Journal  of  Psycho-Analysis,  XXVII, 
1946,  1-2,  S.  59  ff)  bietet  einen  ins  einzelne  gehenden  Vergleich  der  theore¬ 
tischen  Auffassungen  von  Bernheim  und  Charcot,  der  Schulen  von  Nancy  und 
der  Salpetriere.  Das  Problem  ist  in  den  folgenden  Sätzen  zusammengefaßt: 

„Wie  steht  nun  der  Gegensatz  zwischen  den  psychischen  und  den  phy¬ 
siologischen  Phänomenen  der  Hypnose?  Er  hatte  eine  Bedeutung,  so  lange 
man  unter  der  Suggestion  die  direkte  psychische  Beeinflussung  von  Seiten 
des  Arztes  verstand,  welche  dem  Hypnotisierten  eine  ihr  beliebige  Sympto¬ 
matologie  aufdrängt;  er  geht  dieser  Bedeutung  verlustig,  sobald  erkannt  ist, 
daß  auch  die  Suggestion  nur  Erscheinungsreihen  auslöst,  welche  in  den 
funktionellen  Eigentümlichkeiten  des  hypnotisierten  Nervensystems  be¬ 
gründet  sind.  .  .  .  Die  Umänderung  der  Fragestellung  scheint  bereits  über 
die  Beantwortung  der  Frage  zu  entscheiden.  Es  ist  unberechtigt,  die  Gro߬ 
hirnrinde  dem  übrigen  Nervensystem,  wie  es  hier  geschieht,  gegenüber¬ 
zustellen;  es  ist  unwahrscheinlich,  daß  eine  so  tiefgreifende  funktionelle 
Veränderung  der  Großhirnrinde  nicht  von  bedeutsamen  Veränderungen  in 
der  Erregbarkeit  der  anderen  Hirnteile  begleitet  sein  sollte.  Wir  besitzen 
kein  Kriterium,  welches  einen  psychischen  Vorgang  von  einem  physiolo¬ 
gischen,  einen  Akt  in  der  Großhirnrinde  von  einem  Akt  in  den  subkortikalen 
Massen  exakt  zu  trennen  gestattete,  denn  das  „Bewußtsein“,  was  immer  es 
sein  mag,  kommt  nicht  jeder  Tätigkeit  der  Großhirnrinde,  und  der  einzelnen 
nicht  jedes  Mal  im  gleichen  Maße  zu;  es  ist  nichts,  was  an  eine  Lokalität 
im  Nervensystem  gebunden  wäre.  Ich  glaube  also,  man  muß  die  Frage,  ob 
die  Hypnose  psychische  oder  physiologische  Phänomene  zeigt,  im  Großen 
und  Ganzen  ablehnen,  und  die  Entscheidung  für  jedes  einzelne  Phänomen 
von  einer  speciellen  Untersuchung  abhängig  machen.“ 

Der  Hauptteil  der  Vorrede  aber  beschäftigt  sich  mit  der  „Echtheit“  der  von 
Charcot  beschriebenen  hysterischen  Phänomene  und  Meynerts  Stellung  zu 
diesen  Fragen. 


68 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


zu  machen  brauchen,  um  aus  der  Simulationstheorie,  bei  der  sie 
jetzt  stehen,  in  die  Suggestionstheorie  hineinzukommen.  In  der 
Kritik  Meynerts,  der  sich  hier  in  seiner  gewohnten  frech-boshaften 
Manier  autoritativ  über  ein  Thema  hat  hören  lassen,  von  dem 
er  nichts  weiß,  mußte  ich  mich  gemäßigt  halten,  weil  die  Stim¬ 
mung  aller  meiner  Freunde  es  verlangt  hat.  Was  ich  geschrieben, 
erscheint  ihnen  auch  so  als  Wagnis.  Ich  habe  der  Katze  die 
Schelle  angehängt.1 

Jetzt  geht  es  endlich  an  die  Vollendung  der  hysterischen  und 
organischen  Lähmungen,  die  mir  ziemlich  behagen.2  Meine 
Beteiligung  an  Villaret  ist  minder  ausgiebig  geworden,  als  zu 
erwarten  war.  Der  Artikel  Gehimanatomie  ist  sehr  zusammen¬ 
gestrichen  worden,  viele  andere  schlechte  Nervenartikel  sind 
nicht  von  mir.  Der  wissenschaftliche  Wert  des  Ganzen  ist  kein 
sehr  hoher. 

Die  Gehirnanatomie  keimt  noch  immer  wie  zur  Zeit  Ihrer 
Anregung.  Das  ist  meine  wissenschaftliche  Tätigkeit.  Im 
Übrigen  Gutes.  Ich  habe  Weib  und  Kind  seit  Anfang  Juli  in 
Maria-Schutz  am  Semmering,3  wo  ich  jetzt  auch  eine  Woche 
zu  verbringen  gedenke.  Die  Kleine  gedeiht  vortrefflich. 

Daß  Sie  einen  Assistenten  haben,  hat  mich  herzlich  gefreut. 
Vermutlich  trifft  Sie  dieser  Brief  auch  nicht  in  Berlin.  Arbeiten 
Sie  nicht  zuviel,  möchte  ich  Ihnen  jeden  Tag  sagen  lassen.  Leben 
Sie  recht  wohl  und  gedenken  Sie  freundschaftlich 

Ihres  aufrichtig  ergebenen 

Dr.  Sigm.  Freud. 


x)  S.  Einleitung  S.  26. 

J)  Siehe  Brief  vom  28.  5.  1888,  Nr.  4. 
8)  Sommerfrische  in  der  Nähe  Wiens. 


Brief  vom  i.  8.  90 


69 


Verehrter  Freund ! 


Reichenau,  1.  8.  90. 


Herzlich  ungern  schreibe  ich  Ihnen  heute,  daß  ich  nicht  nach 
Berlin  kommen  kann  —  es  ist  mir  gar  nicht  um  die  Stadt  oder 
den  Kongress  —  sondern  daß  ich  Sie  nicht  in  Berlin  sehen  kann. 
Es  ist  nicht  ein  einziges  großes  Motiv,  das  meinen  Entschluß 
umgestoßen  hat,  sondern  jene  Vereinigung  kleiner  Gründe,  die 
bei  einem  Praktiker  und  Familienvater  so  leicht  zustande  kommen 
kann.  Es  geht  mir  von  keiner  Seite  zusammen,  nicht  ärztlich, 
wo  meine  Hauptklientin  gerade  eine  Art  nervöser  Krise  durch¬ 
macht,  .  .  .  nicht  in  der  Familie,  wo  allerlei  mit  den  Kindern 
los  war  (ich  habe  jetzt  Tochter  und  Sohn),  und  meine  Frau,  die 
sonst  niemals  ein  Hindernis  für  kleine  Reisen  sein  will,  gerade 
diese  Reise  sehr  ungern  sieht,  u.  dgl.  mehr.  Kurz,  es  geht  nicht 
zusammen,  und  da  ich  die  Reise  im  Sinne  eines  großen  Ver¬ 
gnügens  sehe,  das  ich  mir  bereite,  bin  ich  veranlaßt  worden,  auf 
dieses  Vergnügen  zu  verzichten. 

Sehr  ungern,  denn  ich  hatte  mir  von  dem  Verkehr  mit  Ihnen 
sehr  viel  erwartet.  Sonst  recht  zufrieden,  glücklich  wenn  Sie 
wollen,  bin  ich  doch  sehr  vereinsamt,  wissenschaftlich  abge¬ 
stumpft,  faul  und  resigniert.  Wenn  ich  mit  Ihnen  sprach  und 
merkte,  daß  Sie  so  von  mir  denken,  pflegte  ich  sogar  selbst  was 
von  mir  zu  halten,  und  das  Bild  der  überzeugungsvollen  Energie, 
das  Sie  boten,  war  nicht  ohne  Eindruck  auf  mich.  Auch  ärztlich 
hätte  ich  gern  viel  von  Ihnen  und  vielleicht  von  der  Berliner 
Atmosphäre  profititiert,  da  ich  seit  Jahren  ohne  Lehrmeister 
bin  und  so  ziemlich  ausschließlich  in  der  Behandlung  der 
Neurosen  stecke. 

Kann  ich  Sie  nicht  anders  sehen  als  zur  Kongreßzeit  in  Berlin  ? 
Reisen  Sie  nicht  nachher?  Oder  kommen  Sie  nicht  im  Herbst 
zurück?  Verlieren  Sie  die  Geduld  nicht,  nachdem  ich  Sie  ohne 
briefliche  Antwort  gelassen  und  jetzt  Ihre  nicht  an  Herzlichkeit 
zu  übertreffende  Einladung  abgelehnt  habe.  Lassen  Sie  mich 


70 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


etwas  von  einer  Aussicht  hören.  Sie  mehrere  Tage  zu  sehen,  um 
Sie  nicht  als  Freund  zu  verlieren. 

Mit  herzlichem  Gruß 

Ihr  herzlich  ergebener 

Dr.  Sigm.  Freud. 


7 

Wien,  ii.  8.  90. 

Liebster  Freund ! 

>- 

Herrlich!  Und  wissen  Sie  etwas  Schöneres  als  Salzburg  für 
diesen  Zweck?  Dort  treffen  wir  uns  und  steigen  einige  Tage 
herum,  wohin  Sie  wollen.  Die  Zeit  ist  mir  ganz  gleichgiltig, 
bitte  bestimmen  Sie,  es  wird  wohl  gegen  Ende  August  werden. 
Infolge  der  Ihnen  angedeuteten  Verhinderungen  können  es 
nicht  mehr  als  drei  oder  vier  schöne  Tage  werden,  aber  die  sollen 
es  werden  und  ich  werde  alles  tun,  um  nicht  wieder  abgehalten 
zu  sein.  Sie  reisen,  wenn  Sie  Salzburg  annehmen,  wohl  nicht 
über  Wien  sondern  München. 

In  herzlich  froher  Erwartung 

Ihr  Sigm.  Freud. 


5 

Wien,  2.  5.  91. 

Lieber  Freund ! 

Auf  den  Referenten  und  auf  dies  Ergebnis  bin  ich  allerdings 
stolz.1  Ich  denke  mir,  der  Schwung  des  Referates  wird  nicht 
wenig  zum  Erfolg  beigetragen  haben.  In  wenig  Wochen  werde 
ich  mir  die  Freude  machen,  Ihnen  ein  Heft  über  Aphasie  zu 


!)  Welche  Arbeit  Freuds  Fliess  referierte,  war  nicht  festzustellen. 


Brief  vom  28.  6.  92 


71 

schicken,  an  dem  ich  selbst  mit  größerer  Wärme  beteiligt  bin.1 
Ich  bin  darin  sehr  frech,  messe  meine  Klinge  mit  Ihrem  Freund 
Wernicke,  mit  Lichtheim,  Grashey  und  kratze  selbst  den  hoch¬ 
thronenden  Götzen  7vieynert.2  Ich  bin  recht  neugierig,  was  Sie 
zu  der  Leistung  sagen  werden.  Infolge  Ihres  bevorzugten  Ver¬ 
hältnisses  zum  Verfasser  wird  Ihnen  einiges  bekannt  Vorkommen. 
Es  ist  übrigens  mehr  suggestiv  als  ausgeführt. 

Was  machen  Sie  sonst,  außer  daß  Sie  meine  Arbeit  referieren? 
Bei  mir  bedeutet  das  „sonst“  einen  zweiten  Jungen,  Oliver, 
jetzt  drei  Monate  alt.  Sehen  wir  uns  heuer? 

Mit  herzlichem  Gruß 

Ihr 

Dr.  Freud. 


9 


Liebster  Freund ! 


Wien,  28.  6.  92. 


Anlaß  zum  Schreiben  bietet  mir  das  Ereignis,  daß  Breuer  sich 
bereit  erklärt  hat,  die  Theorie  vom  Abreagieren  und  unsere 
sonstigen  gemeinsamen  Mitteilungen  über  Hysterie  auch  ge¬ 
meinsam  zum  öffentlichen  ausführlichen  Ausdruck  zu  bringen. 
Ein  Stück  davon,  das  ich  erst  allein  schreiben  wollte,  ist  fertig 
und  wäre  Dir  unter  anderen  Verhältnissen  sicherlich  mitgeteüt 
worden.3 

Die  Lieferung  Charcot,  die  ich  Dir  heute  schicke,  sonst  wohl¬ 
gelungen,  kränkt  mich  durch  mehrere  stehengebliebene  Akzent- 


1 )  Die  Monographie  „Zur  Auffassung  der  Aphasien.  Eine  kritische  Studie" 
ist  im  Jahre  1891  im  Verlage  Deuticke  in  Wien  erschienen.  Ihre  Bedeutung 
für  die  Aphasie-Forschung  wurde  von  R.  Brun,  op.  cit.,  gewürdigt;  siehe 
Einleitung  S.  24  f. 

2)  Die  Theorien  von  Meynert,  Lichtheim,  Wernicke  und  Grashey  werden 
in  Freuds  Arbeit  kritisch  diskutiert. 

3)  Die  späteren  „Studien  über  Hysterie".  Welches  Stück  schon  1892  fertig 
war,  ist  nicht  mehr  zu  ermitteln. 


72 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


und  Sprachfehler  in  den  wenigen  französischen  Worten.  Schlam¬ 
perei  ! 1 

Ich  höre,  daß  Du  jetzt  Gegenbesuch  erwartest.  Ich  hoffe,  Du 
wirst  die  Gnade  haben,  mir  einen  Wink  zu  geben,  mit  welchem 
Ding  in  Deiner  neuen  Einrichtung  ich  meine  und  meiner  Frau 
herzlichen  Wünsche  für  das  ganze  Haus  assozieren  darf. 

Herzlichsten  Gruß  für  Dich,  Deine  Ida  and  die  Eltern,  die 
mich  so  unverdient  freundschaftlich  aufgenommen  haben,  von 
Deinem 

Sigm.  Freud. 


IO 

Dozent  Dr.  S.  Freud.  4.  10.  92. 

Ord.  5-7  Uhr.  IX.  Berggasse  19. 

Liebster  Freund ! 

Anbei  Bogen  1  Deiner  Reflexneurosen.2  Da  es  in  Teschen 
gedruckt  wird,  trittst  Du  vielleicht  besser  mit  der  Druckerei  in 
direkte  Verbindung.  Ich  habe  nur  hie  und  da  hineingeblickt 
und  hoffe  nur,  daß  Du  mir  die  für  mich  interessanteste  Vorrede 
zum  Lesen  schickst. 


!)  Poliklinische  Vorträge  von  J.  M.  Charcot,  I.  Bd.,  Schuljahr  1887-18S8. 
Übersetzt  von  Sigm.  Freud.  1892.  Die  Vorträge  sind  in  Lieferungen  in  den 
Jahren  1892-94  erschienen.  In  seiner  Vorrede  charakterisiert  Freud  die  Ver¬ 
schiedenheit  der  deutschen  und  französischen  Neuropathologie  (S.  Einl.  S.  52). 
Die  Übersetzung  ist  von  einer  großen  Anzahl  von  Fußnoten  Freuds  begleitet, 
die  zum  Teil  „Erläuterungen  des  Texts  und  weitere  Literaturangaben,  zum 
Teil  aber  kritische  Einwände  und  Randglossen,  wie  sie  sich  dem  Zuhörer  auf¬ 
drängen  könnten,“  bieten.  Er  scheint  es  versäumt  zu  haben,  hiefür  die  Er¬ 
laubnis  Charcots  einzuholen.  In  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens“ 
(< G.W .  IV,  S.  177  f.),  wo  dieser  Ümstand  erwähnt  wird,  drückt  Freud  die 
Vermutung  aus,  daß  der  Autor  „mit  dieser  Eigenmächtigkeit  unzufrieden  war“. 

2)  „Neue  Beiträge  zur  Klinik  und  Therapie  der  Nasalen  Reflexneurose“, 
Deuticke  1893.  (Das  Exemplar  in  Freuds  Bibliothek  trägt  die  Widmung: 
„Der  befreundeten  Seite  (S.  3)  zur  Weihnacht  1892“.)  Die  Widmung  bezieht 
sich  auf  eine  Stelle  der  Arbeit,  an  der  es  heißt:  ,,  .  .  .  meine  Absicht,  die 
Reflexneurose  zum  Gegenstand  literarischer  Erörterung  zu  machen,  entstammt 
allem euerster  Zeit  und  ist  erst  von  befreundeter  Seite  auf  meine  Äußerung  hin 
angeregt  worden,  daß  diese  Erkrankungsform  eine  alltägliche  sei“. 


Brief  vom  18.  12.  92 


73 


Mein  Volk  ist  seit  acht  Tagen  in  Wien  damit  beschäftigt,  sich 
zu  entwickeln;  ich  schreibe  Kinderlähmungen  II.  Teil,1  auch  so 
ein  zweiter  Teil  si  parva  licet  etc. 

Herzliche  Grüße  von  Haus  zu  Haus, 

darf  ich  jetzt  schreiben 

Dein  Sigm.  Freud. 


II 

Dozent  Dr.  S.  Freud.  18.  12.  92. 

Ord.  5-7  Uhr.  IX.  Berggasse  19. 

Liebster  Freund ! 

Freue  mich  Dir  mitteilen  zu  können,  daß  unsere  Hysterie¬ 
theorie  (Reminiszenz,  Abreagieren  etc.)  am  1.  Januar  93  im 
Neurologischen  Zentralblatt  zu  lesen  sein  wird  und  zwar  in 
Gestalt  einer  ausführlichen  vorläufigen  Mitteilung.  Es  hat 
Kämpfe  mit  dem  Herrn  Kompagnon  genug  gekostet.2 

Was  macht  Ihr  Glückverschollenen?3  Sieht  man  Euch  zu 
Weihnachten  hier,  wie  es  die  Fama  will? 

Herzlichsten  Gruß 

Dein 

Sigm.  Freud. 


1)  „Zur  Kenntnis  der  cerebralen  Diplegien  des  Kindesalters  (im  Anschlüsse 
an  die  Little’sche  Krankheit).“  Neue  Folge,  III,  der  „Beiträge  zur  Kinder¬ 
heilkunde“,  herausgg.  von  Dr.  M.  Kassowitz,  1893.  Freud  bezeichnet  diese 
Arbeit  als  „Kinderlähmung  II.  Teil“,  da  sie  Ergänzungen  zu  einer  früheren 
gemeinsam  mit  Dr.  Oscar  Rie  veröffentlichten  Studie  bringt.  („Klinische 
Studie  über  die  halbseitige  Cerebrallähmung  der  Kinder“,  III.  Heft,  1891,  der 
„Beiträge  zur  Kinderheilkunde“,  herausgegeben  von  Dr.  M.  Kassowitz.) 

2)  Der  Ausdruck  „Hysterietheorie“  bezieht  sich  auf  die  Arbeit  „Über  den 
psychischen  Mechanismus  hysterischer  Phänomene“.  (Vorläufige  Mitteilungen 
in  Gemeinschaft  mit  Dr.  J.  Breuer,  Neurol.  Zentralblatt  1893,  Nr.  1  u.  2; 
G.S .  I). 

Die  Meinungsverschiedenheit  zwischen  den  Autoren,  auf  die  sich  der  Aus- 


(. Manuskript  A ) 


74 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


PROBLEMEi 

1.  Rührt  die  Angst  der  Angstneurosen  von  der  Hemmung  der  Sexual“ 
funktion  oder  von  der  mit  der  Ätiologie  verbundenen  Angst  her  ? 

2.  Inwiefern  verhält  sich  der  Gesunde  gegen  die  späteren  sexuellen 
Traumen  anders  als  der  durch  Masturbation  Disponierte?  Nur  quan¬ 
titativ  oder  qualitativ? 

3.  Ist  der  einfache  Coitus  reservatus  (Kondom)  überhaupt  eine  Schäd¬ 
lichkeit? 

4.  Gibt  es  eine  angeborene  Neurasthenie  mit  angeborener  sexueller 
Schwäche  oder  ist  diese  immer  in  der  Jugend  erworben?  (Kinder¬ 
frauen,  Masturbierung  durch  andere.) 

5.  Ist  die  Heredität  etwas  anderes  als  ein  Multiplikator? 

6.  Was  gehört  zur  Ätiologie  der  periodischen  Verstimmung? 

7.  Ist  die  sexuelle  Anästhesie  der  Frau  etwas  anderes  als  Folge  der 
Impotenz?  Kann  sie  allein  Neurosen  machen? 


spruch  von  Kämpfen  mit  dem  Kompagnon  bezieht,  kann  zum  teil  rekon¬ 
struiert  werden  und  zwar  durch  einen  Vergleich  der  „Vorläufigen  Mitteilung“ 
mit  Freuds  Entwürfen  ( G.W .  XVII,  Schriften  aus  dem  Nachlaß,  S.  5-18). 
Vgl.  auch  Einl.  S.  27.  In  der  Vorrede  zu  den  „Studien“  (1895)  haben  die 
Autoren  auf  die  „berechtigten  Meinungsverschiedenheiten  zweier  Beobachter“ 
hingewiesen,  „die  bezüglich  der  Tatsachen  und  der  Grundanschauungen 
übereinstimmen,  deren  Deutungen  und  Vermutungen  aber  nicht  immer  zu¬ 
sammenfallen“.  Den  wesentlichen  Unterschied  zwischen  seinem  und  Breuers 
Standpunkt  hat  Freud  in  der  „Selbstdarstellung“  folgendermaßen  gekennzeich¬ 
net:  „In  der  Frage,  wann  ein  seelischer  Ablauf  pathogen,  d.h.  von  der  normalen 
Erledigung  ausgeschlossen  werde,  bevorzugte  Breuer  eine  sozusagen  physio¬ 
logische  Theorie;  er  meinte,  solche  Vorgänge  entzögen  sich  dem  normalen 
Schicksal,  die  in  außergewöhnlichen  —  hypnoiden  —  Seelenzuständen  ent¬ 
standen  seien.  Damit  war  eine  neue  Frage,  die  nach  der  Herkunft  solcher 
Hypnoide,  aufgeworfen.  Ich  hingegen  vermutete  eher  ein  Kräftespiel,  die 
Wirkung  von  Absichten  und  Tendenzen,  wie  sie  im  normalen  Leben  zu 
beobachten  sind.  So  stand  ,Hypnoidhysterie‘  gegen  , Abwehrneurose* 

3)  Fliess  hatte  sich  mit  einer  Wienerin,  Ida  Bondy,  verheiratet, 
i)  Wahrscheinlich  gegen  Ende  1892  abgefaßt.  Undatiert.  Das  einzige  Manu¬ 
skript  Freuds,  das  durchwegs  in  lateinischer  Schrift  geschrieben  ist.  Der  Mangel 
eines  Begleitbriefes  mag  sich  daraus  erklären,  daß  Freud  und  Fliess  einander 
im  Jahre  1892  anläßlich  von  Fliess’  Besuchen  bei  seiner  Braut  mehrmals  be¬ 
gegnet  sind.  —  Freud  erwägt  in  diesem  Entwurf  den  Gedanken  der  Verifi¬ 
zierung  seiner  Hypothesen  durch  systematische  Reihen  von  klinischen 
Beobachtungen,  ein  Gedanke,  der  ohne  Mitarbeiter  offenbar  unausführbar  war. 
Einzelne  Probleme  scheinen  auf  spätere  Arbeiten  hinzuweisen;  so  ist  die  Frage 
der  Neurosenätiologie  erst  1895  in  der  Arbeit  „Zur  Kritik  der  Angstneurose“ 
im  hier  angedeuteten  Zusammenhang  behandelt  worden. 


Manuskript  A 


75 


Sätze 

1.  Es  gibt  keine  Neurasthenie  oder  analoge  Neurose  ohne  Störung 
der  Sexualfunktion. 

2.  Diese  wirkt  entweder  direkt  kausal  oder  disponierend  für  andere 
Momente,  immer  aber  so,  daß  ohne  sie  die  anderen  Momente 
keine  Neurasthenie  zu  Stande  bringen. 

3.  Die  Neurasthenie  des  Mannes  geht  der  Ätiologie  zufolge  mit 
relativer  Impotenz  einher. 

4.  Die  Neurasthenie  der  Frau  ist  die  direkte  Folge  der  Neurasthenie 
des  Mannes  durch  Vermittlung  dieser  Potenzverminderung. 

5.  Die  periodische  Verstimmung  ist  eine  Form  der  Angstneurose,  die 
sich  sonst  in  Phobien  und  Angstanfällen  äußert. 

6.  Angstneurose  ist  zum  Teil  Folge  der  Plernmung  der  Sexualfunktion. 

7.  Einfacher  Exzeß  und  Überarbeitung  sind  keine  ätiologischen 
Momente. 

8.  Hysterie  bei  neurasthenischer  Neurose  deutet  auf  Unterdrückung 
der  begleitenden  Affekte. 

Reihen 

1 .  von  gesund  gebliebenen  Männern  und  Frauen  ; 

2.  von  sterilen  Frauen,  wo  die  ehelich  präventiven  Traumen  weg¬ 
fallen  ; 

3.  von  mit  Gonorrhöe  behafteten  Frauen  ; 

4.  von  gonorrhoisch,  daher  nach  jeder  Richtung  geschützten  Lebe¬ 
männern,  die  um  ihre  Hypospermie  wissen  ; 

5.  von  gesund  gebliebenen  Mitgliedern  schwer  belasteter  Familien. 

6.  Beobachtungen  aus  Ländern,  in  denen  gewisse  sexuelle  Abnor¬ 
mitäten  endemisch  sind.1 

Ätiologische  Momente 

1.  Erschöpfung  durch  abnorme  Befriedigung. 

2.  Hemmung  der  Sexualfunktion. 

3.  Begleitende  Affekte  dieser  Praktiken. 

4.  Sexuelle  Traumen  vor  der  Zeit  des  Verständnisses. 

!)  Es  ist  dies  die  früheste  Stelle  in  Freuds  Schriften,  in  denen  er  auf  die 

Bedeutung  von  klinischen  Studien  unter  veränderten  kulturellen  Bedingungen 

hinweist. 


76 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


{Manuskript  B)  8/2/93 

DIE  ÄTIOLOGIE  DER  NEUROSEN1 

Ich  schreibe  die  ganze  Geschichte  für  Dich,  lieber  Freund,  und 
unsere  gemeinsame  Arbeit  zum  zweiten  Mal.  Vor  Deiner  jungen  Frau 
wirst  Du  das  Manuskript  ja  doch  verwahren.2 

I.  Daß  Neurasthenie  eine  häufige  Folge  abnormen  Sexual- 
lebens  ist,  darf  als  bekannt  gelten.3  Die  Behauptung  aber,  die  ich 
aufstellen  und  an  den  Beobachtungen  prüfen  möchte,  ist  die,  daß 
die  Neurasthenie  überhaupt  nur  eine  sexuelle  Neurose  ist. 

Mit  Breuer  habe  ich  für  die  Hysterie  einen  ähnlichen  Standpunkt 
vertreten.  Die  traumatische  Hysterie  war  bekannt;  wir  sagten  dann: 
jede  Hysterie,  die  nicht  eine  hereditäre  ist,  ist  eine  traumatische.  So 
nun  für  die  Neurasthenie;  jede  Neurasthenie  soll  eine  sexuelle  sein. 

Wir  lassen  zunächst  dahingestellt,  ob  hereditäre  Disposition  und  in 
zweiter  Linie  toxische  Einflüsse  echte  Neurasthenie  erzeugen  können, 
oder  ob  auch  die  scheinbar  hereditäre  Neurasthenie  auf  frühzeitige 
sexuelle  Abnützung  zurückgeht.  Wenn  es  hereditäre  Neurasthenie  gibt, 
erheben  sich  die  Fragen,  ob  der  Status  nervosus  der  Hereditären  nicht 
von  Neurasthenie  noch  zu  unterscheiden  ist,  was  es  überhaupt  mit 
den  entsprechenden  Symptomen  des  Kindesalters  für  Bewandtnis 
hat  u.  dgl. 

j)  Datiert  durch  den  Poststempel  auf  dem  zugehörigen  Briefumschlag. 

2)  Die  „erste“  Niederschrift  hat  sich  nicht  erhalten.  Die  vorliegende  zweite 
Niederschrift  wird  in  dem  liier  nicht  abgedruckten  Brief  vom  5.1.1893  erwähnt, 
in  dem  es  heißt:  „Die  Neurosengeschichte  schreibe  ich  nochmals“.  — •  Die  in 
der  vorliegenden  Fassung  enthaltenen  Anschauungen  über  die  Genese  der 
Neurasthenie  bei  Männern  und  Frauen  und  über  die  Angstneurose  sind  später 
verarbeitet  worden  in  dem  Aufsatz  „Über  die  Berechtigung,  von  der  Neurasthe¬ 
nie  einen  bestimmten  Symptomenkomplex  als  .Angstneurose4  abzutrennen44 
(Neurol.  Zentralblatt,  1895,  Nr.  2,  G.W.  I). 

3)  Vgl.  hiezu  A.  Preyer,  „Der  unvollständige  Beischlaf  (Congressus  In- 
terruptus,  Onanismus  Coniugalis)  und  seine  Folgen  beim  männlichen  Ge- 
scblechte.  Eine  Studie  aus  der  Praxis“:  „Auch  Perversitäten  im  Geschlechts¬ 
triebe,  .  .  .  weiter  die  verschiedenen  Arten  der  , psychischen  Masturbation4 

können  ätiologisch  wirken.  Selbst  in  der  Ehe  wird  bei  sonst 
geregeltem  Geschlechtsverkehr  durch  den  Coitus 
interruptus  Gelegenheit  zur  Entwicklung  n  e  u  r  asthe¬ 
nischer  Erscheinungen  gegeben..  .“.  „Der  Congressus  in¬ 
terruptus  ist  also  durchaus  nicht  eine  gleichgültige  oder  unschädliche  Sache, 
sondern  in  einer  großen  Zahl  von  Fällen  muß  er  als  die  geheime,  unbekannte 
und  stets  fortwirkende  Quelle  von  hochgradigem  Nervosismus  und  reizbarer 
Nervenschwäche  mit  ihren  unzähligen  Symptomen  betrachtet  werden.“ 


Manuskript  B 


11 


Die  Behauptung  sei  also  zunächst  auf  die  erworbene  Neurasthenie 
eingeschränkt.  Dann  will  obige  Behauptung  etwas  sagen,  was  man 
auch  so  fassen  kann:  In  der  Ätiologie  einer  nervösen  Affektion  sind 
zu  unterscheiden  i.  die  notwendige  Bedingung,  ohne  die  der  Zustand 
überhaupt  nicht  zu  Stande  kommt,  und  2.  die  veranlassenden  Momente.! 
Das  Verhältnis  der  beiden  kann  man  sich  so  vorstellen.  Hat  von  der 
notwendigen  Bedingung  genug  eingewirkt,  so  stellt  sich  die  Affektion 
als  notwendige  Folge  ein;  hat  von  derselben  nicht  genug  eingewirkt, 
so  resultiert  aus  der  Einwirkung  zunächst  eine  Disposition  zu  jener 
Affektion,  die  aufhört  latent  zu  sein,  sobald  ein  genügendes  Maß  eines 
der  Momente  zweiter  Ordnung  hinzutritt.  Also,  was  an  der  ersten 
Ätiologie  zur  vollen  Wirkung  fehlt,  kann  durch  Ätiologie  zweiter  Ord¬ 
nung  ersetzt  werden,  die  Ätiologie  zweiter  Ordnung  ist  aber  entbehrlich, 
die  erster  Ordnung  unentbehrlich. 

Dieses  ätiologische  Schema  auf  unseren  Fall  angewendet  besagt: 
Sexuelle  Abnützung  kann  für  sich  allein  Neurasthenie  provozieren;  wo 
sie  allein  dazu  nicht  hinreicht,  hat  sie  das  Nervensystem  so  weit  dis¬ 
poniert,  daß  jetzt  körperliche  Erkrankung,  depressiver  Affekt  und 
Überarbeitung  (toxische  Einflüsse)  nicht  ohne  Neurasthenie  vertragen 
werden.  Ohne  sexuelle  Abnützung  sind  aber  alle  diese  Momente  nicht 
im  Stande,  Neurasthenie  zu  erzeugen,  sie  machen  normal  müde, 
normal  traurig,  normal  körperschwach,  aber  sie  liefern  immer  nur  den 
Beweis,  was  „an  diesen  schädlichen  Einflüssen  ein  gesunder  Mensch 
vertragen  kann“. 

Behandeln  wir  gesondert  die  Neurasthenie  der  Männer  und  der 
Frauen. 

Die  Neurasthenie  der  Männer  wird  erworben  im  Puber¬ 
tätsalter  und  tritt  in  den  zwanziger  Jahren  in  Erscheinung.  Ihre  Quelle 
ist  die  Masturbation,  deren  Fläufigkeit  durchwegs  der  Häufigkeit  der 
Neurasthenie  der  Männer  parallel  läuft.  Man  kann  in  seinem  Be¬ 
kanntenkreise  die  Erfahrung  machen,  daß  jene  Personen  der  Neuras¬ 
thenie  entgangen  sind,  denen  frühzeitig  weibliche  Verführung  genaht 


x)  Die  ätiologische  Formel“  wurde  später  erweitert.  In  „Zur  Kritik  der 
,Angstneurose‘  “  (Wiener  klinische  Rundschau,  1895,  G.W.  I)  und  in  „L’Here- 
dite  et  l’Etiologie  des  Mevroses“  (Revue  neurologique,  IV,  1896;  G.W.  I) 
unterscheidet  Freud  a.  Bedingungen,  b.  spezifische  und  c.  konkurrierende 
Hilfsursachen.  S.  a.  Einl,  S.  43. 


78 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


ist,  wenigstens  in  der  Stadtbevölkerung.  Wo  nun  diese  Schädlichkeit 
lange  und  intensiv  eingewirkt,  da  macht  sie  den  Betreffenden  zum 
sexuellen  Neurastheniker,  der  auch  an  seiner  Potenz  Schaden  gelitten 
hat,  der  Intensität  der  Ursache  entspricht  der  lebenslange  Verbleib 
des  Zustandes.  Ein  fernerer  Beweis  für  den  Kausalzusammenhang 
liegt  auch  darin,  daß  der  sexuelle  Neurastheniker  immer  gleichzeitig 
ein  allgemeiner  Neurastheniker  ist. 

Wo  die  Schädlichkeit  nicht  intensiv  genug  war,  hat  sie  nach  vor¬ 
stehendem  Schema  disponierend  gewirkt,  um  später  unter  Zutritt  der 
provozierenden  Momente  Neurasthenie  zu  produzieren,  welche  diese 
Momente  allein  nicht  produziert  hätten.  Kopfarbeit  — -  Cerebrasthenie, 
normale  Sexualarbeit  — -  Spinalneurasthenie  u.  dgl. 

In  Mittelfällen  entsteht  die  typisch  mit  Dyspepsie  etc.  beginnende 
und  ablaufende  Neurasthenie  der  Jugend jahre,  die  dann  mit  der 
Heirat  abschließt. 

Die  zweite  Schädlichkeit,  welche  ein  anderes  Alter  der  Männer 
trifft,  stößt  entweder  auf  ein  intaktes  oder  auf  ein  durch  Masturbation 
zur  Neurasthenie  disponiertes  Nervensystem.  Es  ist  die  Frage,  ob  sie 
auch  im  ersteren  Falle  schädliche  Wirkungen  entfalten  kann;  wahr¬ 
scheinlich  ja.  Manifest  ist  ihr  Einfluß  im  zweiten  Falle,  wo  sie  die 
Neurasthenie  der  Jugend  wieder  aufleben  läßt  und  neue  Symptome 
schafft.  Diese  zweite  Schädlichkeit  ist  der  Onanismus  coniugalis,  der 
unvollständige  Beischlaf  zur  Verhütung  der  Konzeption.  Für  den  Mann 
scheinen  hier  alle  Arten  desselben  nebeneinander  zu  rangieren,  je  nach 
früherer  Disposition  verschieden  intensiv  wirksam,  aber  nicht  eigentlich 
qualitativ  verschieden.  Von  stark  Disponierten  oder  fortlaufend  Neuras- 
thenischen  wird  bereits  der  normale  Koitus  nicht  vertragen,  dann  rächt 
sich  die  Intoleranz  gegen  Kondom,  äußerlichen  Koitus,  und  Coitus 
interruptus. 

Der  Gesunde  verträgt  alles  das  recht  lange,  aber  auch  nicht  auf  die 
Dauer,  nach  längerer  Zeit  verhält  er  sich  wie  der  Disponierte,  er 
genießt  vor  dem  Onanisten  nur  das  Vorrecht  der  größeren  Latenz 
oder  bedarf  jedesmal  der  provozierenden  Ursachen.  Coitus  interruptus 
erweist  sich  hier  als  die  Hauptschädlichkeit,  die  auch  beim  nicht  Dis¬ 
ponierten  ihre  charakteristisch©  Wirkung  erzeugt. 

Die  Neurasthenie  der  Frauen :  Das  Mädchen  ist  norma- 


Manuskript  B 


79 


lerweise  frisch,  nicht  neurasthenisch.  Auch  die  junge  Frau  ist  es 
trotz  aller  sexuellen  Traumen  dieser  Zeit.  In  selteneren  Fällen  zeigt 
sich  Neurasthenie  bei  Frauen  und  alten  Mädchen  rein,  und  ist  dann 
als  spontan  entstandene,  auf  die  gleiche  Art  entstandene  Neurasthe¬ 
nie  anzusehen.  Weit  häufiger  ist  die  Neurasthenie  der  Frauen  von  der 
der  Männer  abgeleitet  oder  mit  ihr  zugleich  erzeugt.  Sie  ist  dann  fast 
immer  mit  Hysterie  gemengt,  die  gewöhnliche  gemischte  Neurose 
der  Frauen. 

Die  gemischte  Neurose  der  Frauen  entsteht  aus  der  Neu¬ 
rasthenie  der  Männer  in  all  den  nicht  seltenen  Fällen,  wo  der  Mann 
als  sexueller  Neurastheniker  Einbuße  an  seiner  Potenz  erlitten  hat. 
Die  Beimengung  der  Hysterie  resultiert  direkt  aus  der  zurückgehaltenen 
Erregung  des  Aktes.  Je  schlechter  die  Potenz  des  Mannes,  desto  mehr 
wiegt  die  Hysterie  der  Frau  vor,  so  daß  der  sexuelle  Neurastheniker 
seine  Frau  eigentlich  nicht  so  sehr  neurasthenisch  als  hysterisch  macht. 

Sie  entsteht  mit  der  Neurasthenie  der  Männer  bei  dem  zweiten 
Schub  sexueller  Schädlichkeit,  welche  für  die  als  frisch  angenommene 
Frau  die  bei  weitem  größere  Bedeutung  hat.  So  daß  man  im  ersten 
Dezennium  der  Pubertät  weit  mehr  Männer,  im  zweiten  weit  mehr 
Frauen  nervös  sieht.  Sie  resultiert  hier  aus  den  Schädlichkeiten  zur 
Verhütung  der  Konzeption.  Die  Reihe  derselben  aufzustellen  ist  nicht 
leicht,  im  allgemeinen  dürfte  nichts  als  ganz  harmlos  für  die  Frau 
gelten,  so  daß  diese  als  der  anspruchsvollere  Teü  der  leichten  Neu¬ 
rasthenie  auch  im  günstigsten  Falle  (Kondom)  kaum  entgehen  dürfte. 
Viel  wird  hier  selbstverständlich  auf  die  beiden  Dispositionen  an¬ 
kommen  i.  ob  sie  selbst  vor  der  Ehe  neurasthenisch  war,  2.  ob  sie  in  der 
Zeit  des  freien  Verkehrs  hysterisch-neurasthenisch  gemacht  wurde. 

II,  Die  Angstneurose:  Eine  gewisse  Herabsetzung  des 
Selbstbewußtseins,  pessimistische  Erwartung,  Neigung  zu  peinlichen 
Kontrastvorstellungen  gehört  wohl  jeder  Neurasthenie  an.  Es  ist  aber 
die  Frage,  ob  man  nicht  das  Hervortreten  dieses  Moments  ohne  be= 
sondere  Entwicklung  der  übrigen  Symptome  als  eigene  „Angstneurose5 * 
abtrennen  soll,  besonders  da  sich  diese  bei  Hysterie  nicht  minder 
häufig  findet  als  bei  Neurasthenie. 

Die  Angstneurose  tritt  in  zwei  Formen  auf,  Dauerzustand 
und  Angstanfall.  Beide  kombinieren  sich  leicht,  der  Angstanfall 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Bö 

nie  ohne  Dauersymptome.  Der  Angstanfall  gehört  mehr  zu  den  mit 
Hysterie  verbundenen  Formen,  also  häufiger  bei  Frauen.  Die  Dauer¬ 
symptome  mehr  bei  neurasthenischen  Männern. 

Dauersymptome  sind  i.  auf  Körper  bezügliche  Angst:  Hypochondrie, 
2.  auf  köperliche  Leistung:  Agoraphobie,  Claustrophobie,  Höhenschwin¬ 
del,  3.  auf  Entschlüsse  und  Gedächtnis  (also  eigene  Vorstellungen  psy¬ 
chischer  Leistung)  bezüglich:  folie  de  doute,  Grübelzwang  u.  dgl.  Ich 
habe  bis  jetzt  keinen  Anlaß,  diese  Symptome  anders  als  gleichzustellen. 
Es  ist  wieder  die  Frage,  inwieweit  dieser  Zustand  1.  bei  Hereditären 
vorkommt  ohne  sexuelle  Schädlichkeit,  2.  ob  er  bei  Hereditären  auf 
beliebige  sexuelle  Schädlichkeit  ausgelöst  wird,  3.  ob  er  zur  gewöhnli¬ 
chen  Neurasthenie  als  Intensitätssteigerang  hinzutritt.  Keine  Frage  ist, 
daß  er  akquiriert  wird  und  zwar  von  Männern  und  Frauen  in  der 
Ehe,  in  der  zweiten  Periode  der  sexuellen  Schädlichkeiten  durch  den 
Coitus  interruptus.  Ich  glaube  nicht,  daß  es  hiezu  der  Disponierung 
durch  frühere  Neurasthenie  bedarf,  doch  ist  im  Falle  mangelnder 
Disposition  die  Latenz  größer.  Dasselbe  Kausalschema  wie  bei  Neu¬ 
rasthenie. 

Die  selteneren  Fälle  von  Angstneurose  außerhalb  der  Ehe  trifft  man 
besonders  bei  Männern,  sie  lösen  sich  auf  als  Congressus  interruptus 
bei  starker  psychischer  Beteiligung  mit  Frauen,  auf  die  Rücksicht  ge¬ 
nommen  wird,  und  diese  Prozedur  unter  diesen  Verhältnissen  ist  für 
die  Männer  eine  größere  Schädlichkeit  als  der  Coitus  interruptus  in 
der  Ehe,  der  ja  häufig  auch  durch  normalen  Koitus  außer  dem  Hause 
gleichsam  korrigiert  wird. 

Als  dritte  Form  der  Angstneurose  muß  ich  die  periodische 
Verstimmung,  einen  Wochen  bis  Monate  lang  fortgesetzten 
Angstanfall  betrachten,  der  fast  jedesmal  zum  Unterschied  von  echter 
Melancholie  eine  anscheinend  rationelle  Anknüpfung  in  einem  psy¬ 
chischen  Trauma  hat.  Dies  ist  aber  nur  die  provozierende  Ursache. 
Auch  ist  diese  periodische  Verstimmung  ohne  psychische  Anästhesie, 
die  für  Melancholie  charakteristisch  ist. 

Eine  Reihe  von  solchen  Fällen  habe  ich  auf  Coitus  interruptus 
zurückführen  können,  der  Beginn  derselben  war  ein  später,  in  der 
Ehe,  nach  dem  letzten  Kind.  In  einem  zur  Pubertät  beginnenden  qual¬ 
voll  hypochondrischen  Fall  konnte  ich  ein  Attentat  im  achten  Lebens- 


Manuskript  B 


81 


jahr  nachweisen.  Ein  anderer  Kindlieitsfall  erklärte  sich  als  hysterische 
Reaktion  auf  Masturbationsattentat.  Ich  weiß  also  nicht,  gibt  es  hier 
wirklich  hereditäre  Formen  ohne  sexuelle  Ursachen,  anderseits  nicht, 
ob  hier  nur  Coitus  interruptus  anzuschuldigen,  ob  hier  hereditäre 
Disposition  jedesmal  zu  entbehren  ist. 

Die  Beschäftigungsneurosen  streiche  ich  infolge  des 
Nachweises  veränderter  Muskelpartien,  wie  ich  Dir  erzählt  habe.1 

Schlußfolgerungen:  Aus  dem  Vorstehenden  ergibt  sich 
die  volle  Verhütbar keit  wie  die  volle  Unheilbarkeit  der  Neurosen.  Die 
Aufgabe  des  Arztes  verschiebt  sich  ganz  in  die  Prophylaxis.2 

Das  erste  Stück  derselben,  die  Verhütung  der  sexuellen  Schädlich» 
keit  der  ersten  Periode  fällt  zusammen  mit  der  Prophylaxis  der  Syphilis 
und  des  Trippers,  da  dies  die  Noxen  sind,  welche  dem  drohen,  der  sich 
Masturbation  entzieht.  Der  einzig  andere  Weg  wäre  freier  sexueller 
Verkehr  der  männlichen  Jugend  mit  Mädchen  freien  Standes,  er  ist 
aber  nur  zu  betreten,  wenn  unschädliche  Mittel  da  sind,  die  Kon¬ 
zeption  zu  verhüten.  Sonst  lautet  die  Alternative  —  Onanie,  Neu¬ 
rasthenie  des  Mannes,  Hystero-Neurasthenie  der  Frau  oder  Lues  des 
Mannes  —  Lues  der  Generation,  Gonorrhöe  des  Mannes,  Gonorrhöe 
and  Sterilität  der  Frau. 

Dieselbe  Aufgabe,  schadlose  Beherrschung  der  Konzeption,  stellt 
das  sexuelle  Trauma  der  zweiten  Periode,  da  das  Kondom  eine  weder 
sichere  noch  für  den  bereits  Neurasthenischen  annehmbare  Lösung 
des  Problems  erbringt. 

Beim  Ausbleiben  dieser  Lösung  zeigt  sich  die  Gesellschaft  als  be¬ 
stimmt,  den  unheilbaren  Neurosen  zu  verfallen,  welche  den  Lebens¬ 
genuß  auf  ein  Minimum  herabsetzen,  das  eheliche  Verhältnis  zerstören 
und  die  ganze  Generation  durch  Heredität  ruinieren.  Die  tieferen 
Volksschichten,  die  Malthusianismus  nicht  kennen,  drängen  nach, 
um  naturgemäß,  angekommen  demselben  Verhängnis  zu  verfallen. 


1)  In  den  Freudschen  Schriften  befindet  sich  kein  Hinweis  auf  diese  Frage. 

2)  Nirgends  in  Freuds  Schriften  ist  die  im  folgenden  entwickelte  These  mit 
gleicher  Schärfe  vertreten.  In  den  „Studien  über  Plysterit“  (r.  Aufi.,  S.  227) 
heißt  es:  „Ich  möchte  mich  nämlich  der  Behauptung  getrauen,  daß  sie  (die 
kathartische  Methode)  —  prinzipiell  —  im  Stande  ist,  jedes  beliebige  hyste¬ 
rische  Symptom  zu  beseitigen,  während  sie,  wie  leicht  ersichtlich,  völlig 
machtlos  ist  gegen  Phänomene  der  Neurasthenie  und 
nur  selten  auf  Umwegen  die  psychischen  Folgen  der  Angstneurose  beeinflußt“. 


H 


82 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Daraus  stellt  sich  für  den  Arzt  das  Problem  her,  das  zu  lösen  aller 
seiner  Kräfte  wert  ist. 


Ich  habe  als  Vorarbeit  eine  Sammlung  begonnen :  ioo  Fällen 
von  Angstneurosen,  desgleichen  möchte  ich  entsprechende 
Zahlen  von  männlicher  und  weiblicher  Neurasthenie  und  die 
selteneren  periodischer  Verstimmung  sammeln.  Notwendiges 
Gegenstück  wäre  eine  zweite  Reihe  ioo  Fälle  von  Nervösen. 

Wenn  sich  heraussteilen  sollte,  daß  dieselben  Störungen  der 
Nervenfunktion,  die  durch  sexuellen  Abusus  erworben  werden, 
auch  auf  rein  hereditärer  Grundlage  zustande  kommen,  so  gäbe 
das  Anlaß  zu  den  bedeutsamsten  Spekulationen,  die  wir  heute 
erst  ahnen. 

Mit  herzlichem  Gruß 
Dein 

Sigm.  Freud. 
Wien,  30.  5.  93. 

Daß  Dich  die  Leute  überlaufen,  zeugt  dafür,  daß  sie  doch  im 
Ganzen  wissen,  was  sie  tun.  Ich  bin  neugierig  darauf,  ob  Du  die 
Diagnose  in  den  von  mir  geschickten  Fällen  anerkennen  wirst. 
Ich  mache  die  Diagnose  jetzt  sehr  oft  und  stimme  Dir  ganz  bei, 
daß  die  nasale  Reflexneurose  zu  den  häufigsten  Störungen  ge¬ 
hört.  Leider  bin  ich  der  Exekutive  nie  sicher.  Auch  das  Band 
mit  der  Sexualität  schlingt  sich  immer  enger,  schade  daß  wir 
nicht  dieselben  Fälle  bearbeiten  können. 

...  In  der  sexuellen  Ätiologie  der  Neurosen  sehe  ich  eine  gute 
Möglichkeit,  wieder  eine  Lücke  auszufüllen.  Die  Angstneurosen 
jugendlicher  Personen,  die  man  für  virginal  ansehen  muß,  die 
nicht  dem  Mißbrauch  unterworfen  waren,  glaube  ich  zu  ver¬ 
stehen.1  Ich  habe  zwei  solcher  Fälle  analysiert,  es  war  das 
ahnungsvolle  Grausen  vor  der  Sexualität,  dahinter  Dinge,  die 

*)  Dies  ist  der  erste  Hinweis  auf  die  Auffassung  von  der  Rolle  der  sexuellen 
Verführung  (im  weitesten  Sinne)  in  der  Ätiologie  der  Neurosen,  die  Freud 
erst  im  Herbst  1897  verworfen  hat. 


12 

Liebster  Freund  S 


Manuskript”  C 


83 


sie  gesehen  oder  gehört  und  halb  verstanden  hatten,  also  reine 
Affektätiologie,  aber  doch  sexueller  Art. 

Das  Buch,  das  ich  Dir  heute  schicke,  ist  nicht  sehr  interessant.1 
Die  hysterischen  Lähmungen,  kleinerund  interessanter,  erscheinen 
anfangs  Juni. 

Herzlichste  Grüße  an  Dich  und  Ida  von  unserem  ganzen  Haus 


(. Manuskript  C )2 


Dein 


Sigm.  Freud. 


ETWAS  MOTIVENBERICHT 

Liebster  Freund!  Welch  großes  Vergnügen  es  mir  macht,  unsere 
Ostergespräche  so  fortsetzen  zu  können,  brauche  ich  nur  anzudeuten. 
Im  ganzen  bin  ich  kaum  unbefangen  genug,  um  der  richtige  Kritiker 
für  Deine  Arbeiten  zu  sein.  Also  nur  das  eine,  es  gefällt  mir  sehr  gut, 
und  ich  glaube  nicht,  daß  der  Kongreß  etwas  Wichtigeres  bringen  wird. 
Sollen  Dir  aber  die  Anderen  alle  die  Schönheiten  sagen,  die  dieser 
vortrag  verdient,  ich  werfe  mich  von  jetzt  ab  auf  Ausstellungen  und 
Vorschläge  zur  Abänderung,  nach  Deinem  eigenen  Wunsch. 

Es  ist  doch  nicht  an  einem  ganz  kopfschmerzfreien  Tag  geschrieben, 
denn  es  hat  nicht  die  Prägnanz  und  Kürze,  mit  der  Du  schreiben  kannst. 
Einzelnes  ist  entschieden  zu  lang,  z.B.  „Formes  frustes“.  Das  was 
zum  Barbier  soll,  habe  ich  blau  angestrichen.  Einige  Gelenke  habe  ich 
versucht  schärfer  unter  dem  Gewebe  herauszuarbeiten. 

Den  Vergleich  mit  der  Meniere’schen  Krankheit  kann  ich  Dir  em¬ 
pfehlen.  Hoffentlich  heißt  man  die  nasale  Reflexneurose  bald  allgemein 
die  Fliess’sche  Krankheit. 

Nun  zur  sexuellen  Frage.  Ich  glaube,  man  kann  sich  da  mehr  als 
literarischer  Geschäftsmann  gebärden.  Wie  Du  die  sexuelle  Ätiologie 
bringst,  schiebst  Du  dem  Publikum  eine  Kenntnis  zu,  die  es  doch  nur 
latent  besitzt.  Es  weiß  und  macht  sich  nichts  wissend.  Preyer,  dessen 
Verdienst  ich  sehr  anerkenne,  hat  doch  keinen  Anspruch  auf  Hervor- 

!)  „Die  cerebralen  Diplegien  des  Kindesalters“. 

2)  Undatiert.  Zwischen  Ostern  und  Juni  1893  entstanden,  d.h.  zwischen 
dem  im  Manuskript  erwähnten  „Ostergespräch“  und  dem  Kongreß  für  Innere 
Medizin  in  Wiesbaden,  bei  dem  Fliess  das  hier  von  Freud  diskutierte  Ma¬ 
nuskript  vortrug.  —  Vgl.  Einleitung  S.  8. 


84 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


hebung  in  solch  eiliger  Erwähnung.1  Soweit  ich  seine  Arbeiten 
kenne.,  .  .  .  bleibt  er  in  zwei  principiellen  Punkten  zurück,  i.  Er  löst 
die  Neurasthenie  auf  in  einzelne  reflektorisch  vermittelte  Magen-, 
Darm-,  Blasenbeschwerden  usw.,  d.h.  er  kennt  nicht  unsere  ätiolo¬ 
gische  Formel,  er  kennt  nicht  neben  der  direkten  Wirkung  der  sexuellen 
Noxe  ihre  disponierende,  die  die  latente  Neurasthenie  ausmacht. 
2.  Er  leitet  die  Reflexe  von  leichten  anatomischen  Veränderungen  der 
Genitalien  ab  anstatt  von  der  Veränderung  im  Nervensystem.  Dabei 
mag  immer  noch  die  Urethra  nostica  ein  ähnliches  Reflexorgan  sein 
wie  die  Nase.  Er  schneidet  sich  doch  die  Anknüpfung  an  die  großen 
Gesichtspunkte  weg. 

Ich  denke  mir,  umgehen  kannst  Du  die  Erwähnung  der  sexuellen 
Ätiologie  der  Neurosen  nicht,  ohne  aus  dem  Kranz  das  schönste  Blatt 
zu  reißen.2  So  tue  es  gleich  in  der  den  Verhältnissen  entsprechenden 
Weise.  Kündige  die  bevorstehenden  Untersuchungen  an,  gib  das 
antizipierte  Resultat  für  das  aus,  was  es  eigentlich  ist,  für  etwas  Neues, 
zeige  den  Leuten  den  Schlüssel,  der  alles  erschließt,  die  ätiologische 
Formel,  und  wenn  Du  mir  dabei  durch  Aufnahme  einer  Bemerkung 
wie  der  vom  befreundeten  Kollegen  einen  Platz  schaffst,  so  bin  ich 
sehr  erfreut  anstatt  böse  zu  sein.  Ich  habe  einen  solchen  Passus  über 
die  Sexualität  Dir  vorschlagsweise  hinzugeschrieben.3 

In  Betreff  der  Therapie  bei  den  neurasthenischen  Nasalneurosen 

1)  Vgl.  dazu  folgende  Arbeiten  von  A.  Preyer:  „Die  chronische  nervöse  oder 
reflektorische  Diarrhöe  (Diarrhoea  chronica  nervosa).  Ein  Beitrag  zur  Lehre  der 
Darmerkrankungen44.  Basel,  Benno  Schwabe,  1884.  „Die  reizbare  Blase  oder 
idiopathische  Blasenreizung  (Irritable  bladder,  nervous  bladder).  Ihre  Ur¬ 
sachen,  Diagnose  und  Behandlung.  Eine  Studie  aus  der  Praxis.44  Stuttgart, 
Ferdinand  Enke,  1888.  „Der  Urin  bei  Neurosen.  Sammlung  klinischer  Vor¬ 
träge  in  Verbindung  mit  deutschen  Klinikern  herausgegeben  von  Richard  von 
Volkmann.44  Nr.  341,  11.  H.,  12.  Ser.,  Leipzig,  Breitkopf  und  Härtel,  1889. 
„Asthma  und  Geschlechtskrankheiten  (Asthma  sexuale).44  Berliner  Klinik. 
Sammlung  klinischer  Vorträge,  PI.  9:  Berlin,  1889.  „Die  Neurose  der 
Prostata.44  Berliner  Klinik.  Sammlung  Klinischer  Vorträge,  H.  38:  Berlin, 
1891.  „Die  nervösen  Affektionen  des  Darmes  bei  der  Neurasthenie  des  männ¬ 
lichen  Geschlechtes  (Darmneurasthenie).44  Wiener  Klinik,  Vorträge  aus  der 
gesamten  praktischen  Heilkunde,  I.  Lieft,  Wien,  1893. 

2)  Freud  geht  in  dem  Brief  von  der  Annahme  aus,  daß  Fliess  seine  „ätiolo¬ 
gische  Formel44  über  den  Ursprung  der  Neurose  und  seine  Anschauungen  über 
die  Rolle  der  Sexualität  akzeptiert  habe,  und  fordert  Fliess  zu  einer  gemein¬ 
samen  Arbeit  auf;  dieser  Plan  ist  bald  darauf  aufgegeben  worden.  (Siehe  Brief 
vom  10.7.1893.) 

3)  Es  scheint,  daß  Fliess  einige,  aber  nicht  alle  von  Freuds  Vorschlägen 
angenommen  hat. 


Brief  vom  io.  7.  93 


85 


würde  ich  mich  nicht  zu  absprechend  äußern.  Es  kamt  auch  hier  Rester¬ 
scheinungen  geben,  die  prompt  weichen,  und  wenn  es  reine  Fälle  von 
vasomotorischen  Reflexneurosen  gibt,  so  sind  vielleicht  die  rein  orga¬ 
nischen  Fälle  nicht  sehr  häufig,  die  Mischfälle  vielleicht  der  Typus. 
So  denke  ich  mir’s. 

•  •  • 

Nun,  „ Go  where  glory  waits  thee “. 

Mit  herzlichem  Gruß  an  Dich  und  Ida 

Dein 

Sigm.  Freud. 

Kein  Miß Verständnis.  Keine  Namensnennung!  Du  hältst  mich 
doch  nicht  für  so  ehrsüchtig. 


Liebster  Freund ! 


Wien,  10.  7.  93. 


Hätten  wir  uns  nicht  volle  Freiheit  des  Verkehrs  Vorbehalten, 
so  müßte  ich  mich  heute  sehr  eindringlich  entschuldigen.  Du 
machst  aber  nicht  einmal  eine  Bemerkung  über  meine  Nach¬ 
lässigkeit,  die  in  einer  hypernormalen  Schreibmüdigkeit  nach 
einer  argen  Schreibkampagne  begründet  ist. 

Mit  der  Anfrage,  wann  und  wo  heuer,  bist  Du  mir  nur  um 
wenige  Tage  zuvorgekommen.  Also  so :  um  dieselbe  Zeit, 
Mitte  August  oder  etwas  früher  beginnen  auch  die  Ferien,  die 
ich  mir  diktiere.  Daß  wir  uns  also  sehen,  unterliegt  keinen 
Schwierigkeiten.  .  .  . 

Hysterische  Lähmungen  sollten  schon  längst  erschienen  sein, 
wahrscheinlich  kommen  sie  in  der  August  Nummer,  es  ist  ein 
ganz  kurzer  Aufsatz  .  .  d  Du  erinnerst  Dich  vielleicht,  daß  ich  die 
Sache  schon  hatte,  als  Du  mein  Schüler  warst,  und  daß  ich  dem 
Publikum  im  Kurs  damals  darüber  vortrug.* 2  Mit  den  Neurosen 


!)  „ Quelques  considerations  pour  une  etude  comparative  des  paralyses  motrices 
organiques  et  hystenques .“  Archives  de  Neurologie,  1893,  Nr.  77.  G..S.I. 

2)  Die  Untersuchung  war  auf  eine  Anregung  Charcots  hin  unternommen 
worden. 


86 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


möchte  ich  Dein  Gemüt  nicht  belasten,  ich  sehe  jetzt  soviel 
Neurasthenien,  daß  ich  die  Arbeit  ganz  wohl  im  Verlauf  von 
zwei  bis  drei  Jahren  auf  mein  Material  beschränken  kann.1  Ich 
löse  unsere  Gemeinschaft  darum  nicht  auf.  Erstens  hoffe  ich, 
daß  Du  den  physiologischen  Mechanismus  meiner  klinischen 
Feststellungen  auf  Deinem  Weg  auf  klären  wirst,  2.  will  ich  das 
Recht  weiterhin  haben,  Dir  mit  allen  meinen  Neurosentheorien 
und  Funden  zu  kommen,  3.  hoffe  ich  noch  auf  Dich  als  auf 
den  Messias,  der  das  von  mir  aufgezeigte  Problem  durch  eine 
technische  Verbesserung  löst.2 

Deine  Nasalrefiexsache  ist  keineswegs  ins  Wasser  gefallen,  das 
merkst  Du  ja  auch  selbst.  Die  Leute  brauchen  nur  zu  allem 
Zeit.  .  .  . 

Unsere  Hysteriearbeit  hat  in  Paris  von  Seiten  Janets  endlich 
die  gebührende  Würdigung  erfahren.3 *  Es  war  seither  mit  Breuer 


1)  Damit  wird  der  Plan  der  gemeinsamen  Arbeit  (Brief  vom  8.  2.  1893) 
aufgegeben. 

2)  Freud  erwartet  von  Fliess5  Forschungen  über  Periodizität  eine  Lösung  für 
das  Problem  des  Koitus  ohne  Schutzmittel,  das  von  anderen  theoretischen 
Voraussetzungen  her  später  von  Knaus  bearbeitet  wurde.  Sieh^  Einleitung.  S.  io 

3)  „ Mais  le  travail  le  plus  important  qui  soit  venu  confirmer  nos  anciennes  etudes 
est  sans  contredit  Varticle  de  MM.  Breuer  et  Freud ,  recemment  paru  dans  le  Neuro¬ 
logisches  Zentralblatt.  Nous  sommes  tres  heureux  que  ces  auteurs ,  dans  leurs  ?  e- 
cherches  independantes ,  aient  pu  avec  autant  de  precision  verifier  les  nötres,  et  nous 
les  remercions  de  leur  aimable  citation.  Ils  montrent  par  de  nombreux  exemples  que 
les  divers  symptömes  de  Vhysterie  ne  sont  pas  des  manifestations  spontanees  idio- 
pathiques  de  la  maladie,  mais  sont  en  etroite  connexion  avec  le  trauma  provocateur. 
Les  accidents  les  plus  ordinaires  de  Vhysterie ,  meme  les  hyperesthesies,  les  douleurs, 
les  attaques  banales ,  doivent  etre  interpretes  de  la  meine  maniere  que  les  accidents 
de  Vhysterie  traumatique  par  la  persistance  d’une  idee ,  d’un  reve.  Le  rapport  entre 
Videe  et  Vaccident  peut  etre  plus  ou  moins  direct ,  mais  il  existe  toujours.  II  faut 
cependant  constater  que,  souvent  le  malade,  dans  son  etat  normal,  ignore  cette  idee 
provocatrice  qui  se  retrouve  nettement  que  pendant  les  periodes  dyetat  second  natu¬ 
relles  ou  provoquees,  et  Pest  precisement  ä  leur  isolement  que  ces  idees  doivent  leur 
pouvoir.  Le  malade  est  gueri,  disent  ces  auteurs,  quand  il  parvient  ä  retrouver  la 
conscience  claire  de  son  idee  fixe.  Cette  division  de  la  conscience,  que  Von  a  constatee 
avec  nettete  dans  quelques  cas  celebres  de  double  existence,  existe  d'une  fagon  rudi- 
mentaire  chez  toute  hysterique.  .  .  .“  Pierre  Janet  „fitat  Mental  des  Hysteriques. 
Les  Accidents  Mentaux.“  Bibi.  Med.  Charcot-Debove,  Rueff  &  Cie.,  1894, 
Paris,  S.  268  ff. 

Schon  wenige  Jahre  später  verändert  sich  Janets  Einstellung  zu  Freuds 
Arbeiten.  Er  leugnet  u.  a.  energisch  die  therapeutische  Wirkung  des  Abreagie- 
rens  und  erhebt  Widerspruch  gegen  einzelne  von  Freuds  klinischen  Aufstel¬ 

lungen.  Vgl.  „Nevroses  et  Idees  fixes“  I,  1898,  S.  163;  II,  S.  265. 


Brief  vom  6.  io.  93 


87 


nicht  viel  zu  machen.  Hochzeiten,  Reisen,  Praxis  haben  ihn 
ausgefüllt. 

Ich  merke,  ich  kann  kaum  leserlich  weiterschreiben,  schließe 
also  rasch  mit  den  Versicherungen,  daß  wir  uns  alle  Wohlbefinden, 
daß  ich  trotz  mangelnder  Auskunft  dasselbe  von  Dir  und  Ida 
hoffe  und  daß  ich  mich  riesig  darauf  freue,  die  Absicht  schon 
heuer  zu  verwirklichen. 

Mit  herzlichstem  Gruß 

Dein 

Sigm.  Freud. 


Liebster  Freund ! 


Wien,  6.  10.  93. 


Dein  Urteil  über  den  Charcot1  und  die  Nachricht,  daß  Du  ihn 
Ida  vorgetragen  hast,  hat  mich  sehr  entzückt.  .  .  Es  ist  inzwischen 
lebhafter  geworden,  die  sexuelle  Geschichte  zieht  Leute  an,  die 
sämtlich  frappiert  und  überzeugt  von  dannen  gehen,  nachdem 
sie  ausgerufen  haben  „danach  hat  mich  noch  niemand  gefragt“. 
Es  kompliziert  sich  immer  mehr,  während  es  sich  bestätigt. 
Gestern  z.B.  sah  ich  vier  neue  Fälle,  deren  Ätiologie  nach  den 
Zeitverhältnissen  nur  Coitus  interruptus  sein  konnte.  Es  wird 
Dir  vielleicht  Spaß  machen,  wenn  ich  sie  kurz  charakterisiere. 
Sie  sind  weit  entfernt  von  Gleichförmigkeit. 

1.  Frau  von  41  Jahren,  Kinder  16,  14,  11  und  7.  Nervös 
seit  12  Jahren,  in  Gravidität  gut,  nachher  wieder  begonnen, 
durch  letzte  Gravidität  nicht  verschlechtert.  Anfälle  von 
Taumel  mit  Schwächegefühl,  Agoraphobia,  ängst¬ 
liche  Erwartung,  nichts  Neurasthenisches,  wenig 
Hysterie.  Ätiologie  bestätigt,  rein. 

i)  „Charcot“.  Wiener  Medizinische  Wochenschrift  Nr.  37,  1893,  G.S.  I, 
S.  243. 


88 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


2.  Frau  von  24  Jahren,  Kinder  vier  und  zwei  Jahre,  seit 
Frühjahr  93  nächtlicher  Schmerzanfall  (vom  Rücken  zum 
Sternum)  mit  Schlaflosigkeit,  sonst  nichts,  tagsüber  wohl. 
Mann  Reisender,  war  im  Frühjahr  sowie  jetzt  längere 
Zeit  zu  Hause.  Im  Sommer  während  Reise  des  Mannes 
völligstes  Wohlsein.  Coitus  interruptus  und  große  Angst 
vor  Kindern,  also  Hysterie. 

3.  Mann  42  Jahre.  Kinder  17,  1 6,  13.  Bis  vor  sechs  Jahren 
gesund,  dann  bei  Tod  des  Vaters  plötzlicher  Angstanfall 
mit  Herzversagen,  hypochondrische  Sorge  um  Zungen¬ 
krebs,  mehrere  Monate  später  zweiter  Anfall  mit  Cyanose, 
Aussetzen  des  Pulses,  Todesangst  etc.,  seither  schwach, 
schwindlig,  agoraphob.,  etwas  Dyspepsie.  Hier  reine  mit 
Herzerscheinungen  versetzte  Angstneurose  nach  Gemüts¬ 
bewegung,  während  scheinbar  Coitus  interruptus  durch 
zehn  Jahre  gut  vertragen  wurde.1 

4.  Mann  von  34  Jahren,  seit  drei  Jahren  appetitlos,  seit  einem 
Jahr  Dyspepsie  mit  Verlust  von  20  Kilo,  Obstipation,  nach 
Aufliören  derselben  heftigster  Kopfdruck  bei  Scirocco, 
Anfälle  von  Schwäche  mit  assoziierten  Sensationen, 
hysteriforme  Schüttelkrämpfe.  Hier  wiegt  also  die  Neu¬ 
rasthenie  vor.  Ein  Kind,  fünf  Jahre.  Seither  Coitus 
interruptus  wegen  Krankheit  der  Frau;  etwa  gleichzeitig 
mit  Heilung  der  Dyspepsie  wurde  der  normale  Koitus 
wieder  aufgenommen. 

Angesichts  solcher  Reaktionen  auf  dieselbe  Noxe  die  Spezifität 
der  Wirkungen  in  meinem  Sinne  festzuhalten,  dazu  gehört  Mut. 
Und  doch  muß  es  so  sein  und  es  ergeben  sich  selbst  in  diesen 
vier  Fällen  (reine  Angstneurose  —  reine  Hysterie  —  Angst¬ 
neurose  mit  Herzsymptomen  —  Neurasthenie  mit  Hysterie) 
gewisse  Anhaltspunkte.  Bei 

1.  einer  sehr  klugen  Frau,  fällt  die  Angst  vor  Kinderhaben 
weg,  sie  hat  die  reine  Angstneurose; 


i)  In  der  Arbeit  „Über  die  Berechtigung  .  .  .“  (1895,  G.S.  I,  S.  322)  Ver¬ 
werter, 


Brief  vom  17.  11.  93 


89 


2.  nettes  dummes  Frauchen  ist  die  Angst  sehr  ausgebildet* 
sie  hat  nach  kurzer  Zeit  zuerst  Hysterie; 

3.  mit  Angst  und  Herzsymptomen  ist  ein  hochpotenter  Mann, 
der  ein  starker  Raucher  war; 

4.  im  Gegenteil  ist  (ohne  Abusus)  mit  einer  nur  mäßigen 
Potenz  ausgestattet,  frigid. 

Jetzt  denke  Dir,  daß  einer  ein  Arzt  wäre  wie  Du,  etwa  gleich* 
zeitig  Genitalien  und  Nase  untersuchen  könnte;  das  Rätsel 
müßte  sich  binnen  kurzer  Zeit  lösen  lassen. 

Ich  bin  aber  zu  alt,  faul  und  überhäuft  mit  Pflichten,  um  selbst 
noch  etwas  zu  lernen. 

Mit  herzlichstem  Gruß  von  Haus  zu  Haus 

Dein 


Sigm.  Freud. 


Frau  und  Kinder  sind  im  besten  Wohlbefinden  vorgestern 
eingerückt. 


15 

Wien,  17.  11.  93. 

Teurer  Freund ! 

•  •  • 

Das  Sexualgeschäft  konsolidiert  sich  sehr,  die  Widersprüche 
verstummen,  aber  das  neue  Material  ist  recht  spärlich  infolge 
einer  geradezu  ungewöhnlichen  Armseligkeit  meiner  Ordinations¬ 
stunde.  Wo  ich  einen  Fall  zur  gründlichen  Reparatur  übernom¬ 
men  habe,  bestätigt  sich  alles,  und  manchmal  findet  der  Sucher 
mehr,  als  er  zu  finden  wünschte,  besonders  die  Anaesthesia 
sexualis  ist  recht  vieldeutig  und  zuwider.  Die  Angst  Typus  X 
hat  sich  wohl  erklärt.  Ich  habe  einen  vergnügten  alten  Jungge¬ 
sellen  gesehen,  der  sich  nichts  abgehen  läßt  und  der  einen  klas¬ 
sischen  Anfall  produziert  hat,  nachdem  er  sich  von  seiner  dreißig¬ 
jährigen  Dame  zu  einem  dreimaligen  Koitus  hinreißen  ließ.  Ich 
bin  überhaupt  darauf  gekommen,  die  Angst  nicht  an  eine  psy¬ 
chische,  sondern  an  eine  physische  Folge  der  sexualen  Miß- 


90 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


brauche  zu  knüpfen.1  Ein  wunderbar  reiner  Fall  von  Angst- 
neurose  nach  Coitus  interruptus  bei  einer  ruhigen  und  ganz 
frigiden  Frau  hat  mich  darauf  gebracht.  Es  geht  auch 
sonst  gar  nicht  zusammen. 

.  .  .  Mit  Breuer  stehe  ich  gut,  sehe  ihn  wenig.  Er  hat  sich 
für  meine  Samstagvorlesung  inskribiert!  .  .  . 

Beilage  (Enuresis)  ist  ein  Schmarrn.  .  .  .2 

Mit  herzlichstem  Gruß  ans  ganze  Haus 

Dein 

Sigm.  Freud. 


16 

Wien,  7.  2.  94. 

Liebster  Freund ! 

Ich  bin  auch  gegenwärtig  so  überhetzt,  daß  ich  Deinen  Brief 
gleich  beantworte,  um  ihn  nicht  zu  lange  unbeantwortet  zu 
lassen.  Deine  Anerkennung  der  Theorie  der  Zwangsvorstellungen 
tut  mir  sehr  wohl,  fehlst  Du  mir  doch  während  einer  solchen 
Arbeit  die  ganze  Zeit.3  Wenn  Du  im  Frühjahr  nach  Wien 
kommst,  mußt  Du  ein  paar  Stunden  der  Familie  entreißen  und 
dem  Austausch  mit  mir  schenken.  Ich  habe  noch  etwas  in  petto, 
was  mir  erst  dämmert.  Du  siehst,  die  letzte  Arbeit4  handelt  von 
Affektverwandlung  und  -Versetzung,  außerdem  gibt  es  noch 
Vertauschung.  Weiter  lüfte  ich  den  Schleier  noch  nicht. 


!)  In  der  Arbeit  „Über  die  Berechtigung  .  .  .“  (1895)  ist  dieser  Gedanke 
mehrfach  in  vorsichtiger  Fassung  ausgedrückt:  „Zunächst  die  Vermutung,  es 
dürfte  sich  um  eine  Anhäufung  von  Erregung  handeln,  sodann  die  überaus 
wichtige  Tatsache,  daß  die  Angst,  die  den  Erscheinungen  der  Neurose  zu 
Grunde  liegt,  keine  psychische  Ableitung  zuläßt.“ 

2)  „Über  ein  Symptom,  das  häufig  Enuresis  nocturna  der  Kinder  begleitet.“ 
Neur.  Zentralblatt  1893,  Nr.  21.  Die  Arbeit  stellt  die  Behauptung  auf,  daß  man 
in  etwa  der  Hälfte  der  Fälle  von  Kindern,  die  an  Enuresis  nocturna  leiden,  eine 
Hypertonie  der  unteren  Extremitäten  finde. 

3)  Zwischen  diesem  und  den  vorhergehenden  (z.  T.  nicht  abgedruckten) 
Briefen  scheint  eine  Lücke  zu  klaffen.  Vielleicht  erklärt  sie  sich  aus  dem 
Umstand,  daß  Freud  und  Fliess  einander  um  Weihnachten  in  Wien  sprachen. 

4)  „Die  Abwehr-Neuropsychosen.  Versuch  einer  psychologischen  Theorie 
der  akquirierten  Hysterie,  vieler  Phobien  und  Zwangsvorstellungen  und  ge¬ 
wisser  halluzinatorischer  Psychosen.“  Neurol.  Zentralblatt,  1894;  G.W.  I. 


Brief  vom  7.  2.  94 


9i 


Du  hast  Recht,  der  Zusammenhang  der  Zwangsneurose  mit 
dem  Sexuellen  liegt  nicht  immer  so  klar  zu  Tage.  Ich  kann 
Dich  versichern,  er  war  bei  meinem  Fall  II  (Harndrang)  auch 
nicht  leicht  zu  finden;  wer  ihn  nicht  so  monoideistisch  wie  ich 
gesucht  hätte,  hätte  ihn  übersehen.1  Und  das  Sexuelle  beherrscht 
in  diesem  Fall,  den  ich  in  mehrmonatlicher  Mastkur  gründlich 
kennen  lerne,  einfach  die  ganze  Szene!  —  Dein  Fall  der  de- 
goutierten  und  geschiedenen  Frau  trägt  wohl  die  Eignung  in 
sich,  bei  näherer  Analyse  dasselbe  Ergebnis  zu  liefern. 

Ich  bin  gegenwärtig  mit  der  Analyse  mehrerer  Fälle  beschäftigt, 
die  wie  Paranoia  aussehen  und  die  nach  meiner  Theorie  zuge¬ 
gangen  sind.  Die  Hysteriearbeit  mit  Breuer  ist  halb  fertig,  es 
fehlt  die  bei  weitem  kleinere  Zahl  von  Krankengeschichten  und 
zwei  allgemeine  Kapitel. 


Ich  weiß  nicht,  ob  ich  Dir  schon  geschrieben  habe,  daß  ich 
bei  der  Naturforscherversammlung  im  September  als  1.  Schrift¬ 
führer  der  neurologischen  Sektion  fungieren  muß.  Hoffentlich 
sehe  ich  Dich  auch  dabei  und  manchmal  bei  uns. 

Hier  ist  jetzt  Billroths  Tod  Tagesereignis.2  Beneidenswert, 
sich  nicht  überlebt  zu  haben. 

Mit  herzlichsten  Grüßen  von  uns  allen  an  Dich  und  Deine 
liebe  gute  Frau 

Dein 


Sigm.  Freud. 


3)  „Die  Abwehr-Neuropsychosen,“  G.S.  I,  S.  300.  S.  auch  „ Obsessions  et 
Phobies ,  Leur  mecanisme  et  leur  dtiologie “  (Revue  Neurologique,  III,  1895; 
G.W.  I),  wo  derselbe  Fall  erwähnt  wird. 

2)  Billroth,  Theodor,  Professor  der  Chirurgie  in  Wien,  geb.  1822,  gest, 
6.2.1894. 


92 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Liebster  Freund ! 


Wien,  19.  4.  94. 


Dein  lieber  Brief  macht  meiner  Zurückhaltung  und  Schonung 
ein  Ende.  Ich  fühle  mich  berechtigt,  Dir  von  meinem  Befinden 
zu  schreiben.  Die  wissenschaftlichen  und  persönlichen  Nach¬ 
richten  folgen  dann  hinterher. 

Da  jeder  Mensch  irgendwen  haben  muß,  von  dem  er  sich 
suggerieren  läßt,  um  sich  von  seiner  Kritik  auszuruhen,  habe 
ich  tatsächlich  von  damals  an  (es  sind  heute  drei  Wochen)  nichts 
Warmes  mehr  zwischen  den  Lippen  gehabt  und  kann  heute 
bereits  andere  ohne  Neid  rauchen  sehen,  mir  auch  wieder  Leben 
und  Arbeit  ohne  diesen  Beitrag  vorstellen.  Lange  ist  es  nicht 
her,  daß  ich  so  weit  bin,  auch  war  das  Elend  der  Abstinenz  von 
einer  ungeahnten  Größe,  aber  das  ist  ja  selbstverständlich. 

Minder  selbstverständlich  ist  vielleicht  mein  sonstiges  Be¬ 
finden.  Bald  nach  der  Entziehung  kamen  leidliche  Tage,  in 
denen  ich  auch  anfing,  den  Stand  der  Neurosenfrage  für  Dich 
niederzuschreiben ;  da  kam  plötzlich  ein  großes  Herzeiend, 
größer  als  je  beim  Rauchen.  Tollste  Arrhythmie,  beständige 
Herzspannung  —  Pressung  —  Brennung,  heißes  Laufen  in  den 
linken  Arm,  etwas  Dyspnoe  von  verdächtig  organischer  Mäßigung, 
das  alles  eigentlich  in  Anfällen,  d.h.  über  zwei  zu  drei  des  Tages 
in  continuo  erstreckt  und  dabei  ein  Druck  auf  die  Stimmung, 
der  sich  in  Ersatz  der  gangbaren  Bescliäftigungsdeiirien  durch 
Toten-  und  Abschiedsmalereien  äußerte.  Die  Organbeschwerden 
sind  seit  zwei  Tagen  gemildert,  die  hypomanische  Stimmung 
besteht  fort,  ist  nur  so  freundlich  (wie  gestern  abend  und  heute 
Mittag)  plötzlich  zu  weichen  und  einen  Menschen  zurückzu¬ 
lassen,  der  sich  wieder  langes  Leben  und  unverringerte  Rauchlust 
zutraut. 

Es  ist  ja  peinlich  für  den  Medicus,  der  sich  alle  Stunden  des 
Tages  mit  dem  Verständnis  der  Neurosen  quält,  nicht  zu  wissen, 
ob  er  an  einer  logischen  oder  an  einer  hypochondrischen  Ver¬ 
stimmung  leidet.  Man  muß  ihm  dabei  helfen.  Ich  habe  mich 


Brief  vom  19.  4.  94 


93 


auch  wirklich  gestern  abend  an  X.  gewendet  und  ihm  gesagt, 
nach  meiner  Idee  stimmten  die  Herzbeschwerden  nicht  mit 
einer  Nikotinvergiftung,  sondern  ich  hätte  wohl  eine  chronische 
Myocarditis,  die  das  Rauchen  nicht  verträgt.  Ich  erinnere  mich 
auch  sehr  gut,  daß  die  Arrhythmie  ziemlich  plötzlich  1889  nach 
meinem  Influenzaanfall  aufgetreten  ist.  Ich  hatte  die  Genug¬ 
tuung,  daß  er  erwiderte,  das  könnte  so  oder  auch  so  sein,  und 
ich  sollte  mich  nächstens  untersuchen  lassen.  Ich  versprach, 
weiß  aber,  daß  man  dabei  meist  nichts  findet.  Ich  weiß  nicht, 
inwieweit  die  Unterscheidung  beider  Dinge  überhaupt  möglich 
ist,  denke  mir  aber,  es  müßte  aus  subjektiven  Symptomen  und 
Verlauf  wohl  gehen  und  Ihr  wüßtet  wohl,  was  davon  zu  halten. 
Speziell  Du  bist  mir  diesmal  verdächtig,  denn  meine  Herzange¬ 
legenheit  ist  die  einzige,  in  der  ich  widersprechende  Äußerungen 
von  Dir  gehört  habe.  Das  vorige  Mal  erklärtest  Du  es  für  nasal 
und  sagtest,  es  fehle  der  perkutorische  Befund  des  Nikotinherzens, 
heute  zeigst  Du  eigentlich  große  Unruhe  um  mich,  versagst 
mir  das  Rauchen.  Ich  kann  das  nur  verstehen,  wenn  ich  annehme, 
Du  wolltest  mir  den  eigentlichen  Stand  der  Sache  verdecken, 
und  bitte  Dich,  es  nicht  zu  tun.  Wenn  Du  etwas  Sicheres  sagen 
kannst,  teile  es  mir  nur  mit.  Ich  habe  weder  von  meiner  Ver¬ 
antwortlichkeit  noch  von  meiner  Unentbehrlichkeit  eine  über¬ 
große  Meinung  und  werde  die  Unsicherheit  und  die  Lebens¬ 
abkürzung,  die  mit  der  Diagnose  der  Myocarditis  verbunden  ist, 
sehr  würdevoll  ertragen,  vielleicht  im  Gegenteil  für  die  weitere 
Einrichtung  meines  Lebens  Vorteil  daraus  ziehen  und  mich  über 
alles  sehr  freuen,  was  mir  verbleibt. 

Schmerzlich  war  mir  die  Wahrnehmung,  daß  ich  im  Falle 
einer  chronischen  Krankheit  nicht  auf  die  Wissenschaft  zu 
rechnen  hätte,  da  ich  so  ganz  arbeitsunfähig  war.  Deine  schönen 
Krankengeschichten  habe  ich  nicht  angesehen,  der  „gegen¬ 
wärtige  Stand  der  Lehre  von  den  Neurosen“  ist  mitten  im  Satz 
abgebrochen,  alles  ist  wie  in  Dornröschens  Schloß,  als  plötzlich 
die  Katalepsie  eintrat.  Bei  der  unzweifelhaft  lösenden  Tendenz 
dieser  letzten  Tage  hoffe  ich  bald  nachgeholt  zu  haben  und 
werde  Dir  dann  berichten.  .  .  . 


94 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Ich  habe  sonst  nichts  Neues  in  der  Theorie  der  Neurosen; 
aber  sammle  fortwährend  und  es  wird  wohl  was  werden. 

•  •  • 

Wie  ich  arbeitsfähig  werde,  schicke  ich  Dir  einmal  einen  Pack 
interessanter  Krankengeschichten. 

Mit  vielen  herzlichen  Grüßen  an  Deine  Hebe  Frau  und  Dich 
und  vielem  Dank  für  Deinen  Brief 

Dein 

Sigm.  Freud. 


Liebster  Freund ! 


Wien,  21.  5,  94. 


•  •  • 

Ich  bin  hier  ziemlich  allein  mit  der  Aufklärung  der  Neurosen. 
Sie  betrachten  mich  so  ziemlich  als  einen  Monomanen,  und  ich 
habe  die  deuthche  Empfindung,  an  eines  der  großen  Geheimnisse 
der  Natur  gerührt  zu  haben.  Es  ist  etwas  Komisches  um  das 
Mißverhältnis  zwischen  der  eigenen  und  der  fremden  Schätzung 
seiner  geistigen  Arbeit.  Da  ist  dieses  Buch  über  die  Diplegien, 
das  ich  mit  einem  Minimum  von  Interesse  und  Anstrengung 
zusammengestoppelt  habe,  fast  in  übermütiger  Stimmung.1  Es 
hat  riesigen  Erfolg  gehabt.  Die  Kritik  sagt  das  Schönste  darüber, 
insbesondere  die  französischen  Würdigungen  wimmeln  von 
Anerkennung.  Eben  heute  habe  ich  ein  Buch  von  Raymond, 
dem  Nachfolger  Charcots,  in  die  Hand  bekommen,2  das  diese 
Arbeit  in  dem  entsprechenden  Abschnitt  einfach  ausschreibt,  unter 
ehrenvoller  Erwähnung  natürlich.  Und  von  den  wirkfich  guten 
Sachen,  wie  die  Aphasie,  die  jetzt  mit  dem  Erscheinen  drohenden 
Zwangsvorstellungen,  wie  die  Ätiologie  und  Theorie  der  Neurosen 

1)  „Zur  Kenntnis  der  cerebralen  Diplegien  des  Kindesalters  (im  Anschluß 
an  die  Little’sche  Krankheit).  Neue  Folge.“  III.  Heft  der  Beiträge  zur 
Kinderheilkunde,  herausgegeben  von  Dr.  M.  Kassowitz,  1893. 

2)  Vgl.  „ Le  Progrks  Medical“,  Tom.  19-20,  1894.  Deuxieme  Semestre,  Paris, 
1894,  S.  21-24,  S.  57-61  ff.  Fulgence  Raymond  (geb.  1848)  war  der  Nach¬ 
folger  Charcots,  der  gemeinsam  mit  Pierre  Janet  den  Band  II  der  ,, Nevroses  et 
Idees  fixes“  (1898)  herausgegeben  hat. 


Brief  vom  21.  5.  94 


95 


sein  wird,  kann  ich  nichts  Besseres  erwarten  als  einen  achtungs¬ 
vollen  Durchfall.  Es  macht  einen  irre  uni  etwas  bitter.  Ich  habe 
noch  hundert  größere  und  kleinere  Lücken  in  der  Neurosensache, 
nähere  mich  aber  einem  Überblick  und  allgemeinen  Gesichts¬ 
punkten.  Ich  kenne  drei  Mechanismen,  den  der  Arfektverwand- 
lung  (Konversions-Hysterie),  der  Affektverschiebung  (Zwangs¬ 
vorstellungen),  und  3.  den  der  Affektvertauschung  (Angst¬ 
neurose  und  Melancholie).  Überall  soll  es  sexuelle  Erregung 
sein,  die  solche  Umsetzungen  eingeht,  aber  nicht  überall  liegt 
der  Anstoß  dazu  im  Sexuellen;  d.h.  überall  dort,  wo  Neurosen 
erworben  werden,  da  werden  sie  es  durch  Störungen  des  Sexual¬ 
lebens,  es  gibt  aber  Leute  mit  hereditär  gestörtem  Verhalten  der 
Sexualaffekte,  die  die  entsprechenden  Formen  der  heredi- 
tärischen  Neurosen  entwickeln.  Die  höchsten  Gesichtspunkte, 
unter  die  ich  die  Neurosen  bringen  kann,  sind  folgende  vier: 

1.  Degeneration, 

2.  Senilität.  Was  heißt  das  nun? 

3.  Konflikt, 

4.  Konflagration. 

Degeneration  bedeutet  das  angeborene  abnorme  Ver¬ 
halten  der  Sexuaiaffekte,  so  daß  konvertiert,  verschoben,  in 
Angst  verwandelt  wird,  in  dem  Maß  als  die  Sexualaffekte  im 
Lauf  des  Lebens  ins  Spiel  treten. 

Senilität  ist  klar,  es  ist  gleichsam  die  normaler  Weise 
mit  dem  Alter  zu  erwerbende  Degeneration.1 

Konflikt  deckt  sich  mit  meinem  Gesichtspunkt  der  Ab¬ 
wehr,  umfaßt  die  Fälle  von  erworbener  Neurose  bei  nicht  here¬ 
ditär  abnormen  Menschen.  Das  Abgewehrte  ist  immer  die 
Sexualität. 


!)  Während  die  Begriffe  „Degeneration“  und  „Konflagration“  in  Freuds 
Veröffentlichungen  keine  Rolle  spielen,  hat  er  die  besonderen  psychologischen 
Verhältnisse  des  Seniums  in  „Über  die  Berechtigung  .  .  .“  1895  ( G.S .  I,  S.  327) 
behandelt.  Es  heißt  dort:  „Die  Angst  im  Senium  (Klimakterium  der  Männer) 
erfordert  eine  andere  Erklärung.  Hier  läßt  die  Libido  nicht  nach;  es  findet 
aber,  wie  während  des  Klimakteriums  der  Weiber  eine  solche  Steigerung  in  der 
Produktion  der  somatischen  Erregung  statt,  daß  die  Psyche  für  die  Bewältigung 
derselben  sich  als  relativ  insuffizient  erweist.“ 


96 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Konflagration  ist  ein  neuer  Gesichtspunkt,  bedeutet 
Zustände  von  gleichsam  akuter  Degeneration  (z.B.  in  schweren  In¬ 
toxikationen,  Fiebern,  im  Vor  Stadium  der  Paralyse),  Katastrophen 
also,  in  denen  ohne  sexuelle  Anlässe  Störungen  der  Sexualaffekte 
eintreten.  Vielleicht  ist  hier  für  die  traumatische  Neurose  anzu¬ 
knüpfen. 

Der  Kern  und  Haltpunkt  der  ganzen  Geschichte  bleibt  natür¬ 
lich  die  Tatsache,  daß  durch  besondere  sexuelle  Schädigung 
auch  die  Gesunden  die  einzelnen  Formen  der  Neurosen  erwerben 
können.  Die  Brücke  zur  weiteren  Auffassung  bildet  die  Tatsache, 
daß  wo  Neurose  ohne  sexuelle  Schädigung  entsteht,  eine  ähnliche 
Störung  der  Sexualaffekte  von  vornherein  nachweisbar  ist. 
Sexualaffekt  natürlich  im  weitesten  Sinn  genommen  als  Erregung 
von  fester  Quantität. 

Vieleicht  bringe  ich  Dir  mein  letztes  Beispiel  für  diesen  Satz. 
Ein  42-jähriger  Mann,  kräftig  schön,  bekommt  im  30.  Jahr 
plötzlich  eine  neurasthenische  Dyspepsie  mit  25  Kilo  Verlust, 
lebt  seither  reduziert  und  neurasthenisch  weiter.  Zur  Zeit  der 
Entstehung  allerdings  Bräutigam  und  über  Krankheit  der  Braut 
gemütlich  alteriert.  Sonst  aber  keine  sexuellen  Schädlichkeiten. 
Vielleicht  nur  ein  Jahr  onaniert,  16-17,  l7  normaler  Verkehr, 
kaum  je  Coitus  interruptus,  keine  Exzesse,  keine  Abstinenz. 
Bezeichnet  selbst  sein  Pochen  auf  seine  Konstitution  bis  zu 
30  Jahren,  sein  vieles  Arbeiten,  Trinken,  Rauchen,  unregel¬ 
mäßiges  Leben  als  Ursache.  Allein  dieser  kräftige,  banalen 
Schädlichkeiten  erliegende  Mann  war  nie  (von  17-30  nie) 
ordentlich  potent,  konnte  Koitus  immer  nur  einmal  ausüben, 
dabei  rasch  fertig,  nie  sein  Glück  bei  Frauen  recht  ausgenützt, 
fand  nie  rasch  hinein  in  die  Vagina.  Woher  diese  Verkürzung? 
Ich  weiß  nicht,  aber  es  ist  doch  auffällig,  daß  sie  sich  gerade  bei 
ihm  findet.  Übrigens  habe  ich  zwei  Schwestern  von  ihm  an 
Neurosen  behandelt,  eine  gehört  zu  meinen  schönsten,  geheilten 
neurasthenischen  Dyspepsien. 

Mit  herzlichem  Gruß  für  Dich  und  Ida  von  Deinem  getreuen 


Sigm.  Freud. 


97 


Manuskript  D 

{Manuskript  D) 

ZUR  ÄTIOLOGIE  UND  THEORIE  DER  GROSSEN  NEUROSEN 

I.  Gliederung1 

Einleitung:  Historisches,  Allmälige  Sonderung  der  Neuro-* 
sen  —  Eigener  Entwicklungsgang. 

A.  Morphologie  der  Neurosen. 

1.  Neurasthenie  und  Pseudoneurasthenien. 

2.  Angstneurose. 

3.  Zwangsneurose. 

4.  Hysterie. 

5.  Melancholie,  Manie. 

6.  Die  gemischten  Neurosen. 

7.  Ausläuferzustände  der  Neurosen  und  Übergänge  ins  Normale. 

B.  Ätiologie  der  Neurosen  mit  vorläufiger  Beschränkung  auf  die  er-* 
worbenen. 

1.  Ätiologie  der  Neurasthenie  —  Typus  der  angeborenen  Neu¬ 
rasthenie, 

2.  Ätiologie  der  Angstneurose, 

3.  der  Zwangsneurose  und  Hysterie, 

4.  der  Melancholie, 

5.  der  gemischten  Neurosen. 

6.  Die  ätiologische  Grundformel.  —  Die  Behauptung  der  Spezi¬ 
fität,  die  Analyse  der  Neurosengemenge. 

7.  Die  sexuellen  Momente  nach  ihrer  ätiologischen  Bedeutung. 

8.  Das  Examen.2 

9.  Einwände  und  Beweise. 

10.  Verhalten  der  Asexualen. 

C.  Ätiologie  und  Heredität. 

Die  hereditären  Typen  —  Verhältnis  der  Ätiologie  zur  Degenera¬ 
tion,  zu  den  Psychosen  und  zur  Disposition. 

!)  Undatiert.  —  Im  Brief  vom  21.  5.  94  (Nr.  18)  wird  „Die  Ätiologie  und 
Theorie  der  Neurosen“  erwähnt.  Das  vorliegende  Manuskript  mag  etwas 
früher  entstanden  sein. 

2)  Freud  beabsichtigte  offenbar,  neben  Problemen  der  Klinik  und  Theorie 
auch  solche  der  therapeutischen  Technik  zu  behandeln.  Er  hat  diese  Absicht 
wenig  später  im  Schlußkapitel  der  „Studien“  durchgeführt. 


I 


98 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


II.  Theorie* 

D.  Anknüpfung  an  die  Theorie  der  Konstanz . 

Innerer  und  äußerer  Reizzuwachs,  konstante  und  ephemere  Erre¬ 
gung.  —  Summationscharakter  der  inneren  Erregung.  —  Spezifische 
Reaktion  —  Formulierung  and  Ausführung  der  Konstanztheorie  — 
Einflechtung  des  Ich  mit  Aufspeicherung  der  Erregung, 

E.  Der  Sexualvorgang  im  Sinne  der  Konstanztheorie . 

Weg  der  Erregung  beim  männlichen  und  weiblichen  Sexualvor¬ 
gang.  —  Weg  der  Erregung  bei  den  ätiologisch  wirksamen  Sexual¬ 
schädlichkeiten.  —  Theorie  einer  sexuellen  Substanz.  —  Das  Sexual¬ 
schema. 

F.  Mechanismus  der  Neurosen. 

Die  Neurosen  Gleichgewichtsstörungen  durch  erschwerte  Abfuhr. 
— •  Ausgleichsversuche  mit  beschränkter  Zweckmäßigkeit.  — 
Mechanismus  der  einzelnen  Neurosen  mit  Beziehung  auf  ihre 
sexuelle  Ätiologie.  —  Affekte  und  Neurosen. 

G.  Parallelismus  der  se mellen  und  Hungemeurosen. 

H.  Zusammenfassung  der  Konstanztheorie ,  Sexual -  und  Neurosentheorie . 

Stellung  der  Neurosen  in  Pathologie,  Momente  unter  welche  sie 
fallen.  Gesetzmäßige  Kombination  derselben  —  Psychische  Unzu¬ 
länglichkeit,  Entwicklung,  Degeneration  u.  dgl. 


(. Manuskript  E) 

WIE  DIE  ANGST  ENT  STEHT  2 

Mit  sicherer  Hand  stellst  Du  die  Frage  dort,  wo  ich  den  schwachen 
Punkt  fühle.  Ich  weiß  darüber  also  nur  folgendes: 

!)  Der  Plan,  die  Neurosenlehre  auf  psychische  Regulationsprizipien  zu 
gründen,  ist  erst  in  der  Reihe  der  metapsychologischen  Schriften  (1911-1920) 
ausgeführt  worden. 

2)  Undatiert.  —  Nach  dem  Zusammenhang  der  Gedanken  hier  einzuordnen; 
möglicherweise  ist  ein  Briefumschlag  mit  dem  Poststempel  vom  6.6.1894  zu¬ 
gehörig.  —  Wesentliche  Teile  decken  sich  mit  der  Arbeit  „Über  die  Berechti¬ 
gung,  von  der  Neurasthenie  einen  bestimmten  Symptomenkomplex  als  , Angst¬ 
neurose'  abzutrennen“,  die  zu  Anfang  des  Jahres  1895  erschienen  ist.  (Neuro¬ 
logisches  Zentralblatt  1895);  schon  im  nächsten  Brief  erwähnt  Freud  den  Plan 
zu  dieser  Arbeit. 


Manuskript  E 


99 


Daß  die  Angst  meiner  Neurotischen  viel  mit  der  Sexualität  zu  tun 
hat,  ist  mir  rasch  klar  geworden  und  zwar  ist  mir  aufgefallen,  mit 
welcher  Sicherheit  der  an  der  Frau  verübte  Coitus  interruptus  zur 
Angstneurose  führt.  Ich  bin  nun  zuerst  verschiedene  Irrwege  gegangen. 
Ich  dachte,  die  Angst,  an  der  die  Kranken  leiden,  sei  aufzufassen  als 
Fortsetzung  der  beim  sexuellen  Akt  empfundenen,  also  eigentlich  ein 
hysterisches  Symptom.  Die  Beziehungen  zwischen  Angstneurose 
und  Hysterie  sind  ja  manifest  genug.  Anlaß  zur  Angstempfindung““ 
beim  Coitus  interruptus  —  könnte  zweierlei  geben:  bei  der  Frau  die 
Befürchtung,  gravid  zu  werden,  beim  Mann  die  Sorge,  das  Kunststück 
zu  verfehlen.  Ich  überzeugte  mich  nun  an  verschiedenen  Fällen,  daß 
Angstneurose  auch  dort  auftrat,  wo  von  diesen  beiden  Momenten 
keine  Rede  gewesen  war,  wo  es  den  Leuten  im  Grunde  nicht  wichtig 
war,  ob  sie  ein  Kind  bekommen.  Also  eine  fortgesetzte,  erinnerte, 
hysterische  Angst  war  die  Angstneurose  nicht. 

Ein  zweiter  höchst  wichtiger  fester  Punkt  zeigte  sich  mir  durch 
folgende  Beobachtung:  die  Angstneurose  befällt  Frauen,  die  beim 
Koitus  anästhetisch  sind,  gerade  so  wie  die  empfindlichen.  Das  ist- 
höchst  merkwürdig,  es  kann  aber  nur  den  Sinn  haben,  daß  die  Quelle 
der  Angst  nicht  im  Psychischen  zu  suchen  ist.  Demnach  liegt  sie  im 
Physischen,  es  ist  ein  physisches  Moment  des  Sexuallebens,  was  Angst 
erzeugt. 

Welches  aber? 

Zu  dem  Zwecke  stelle  ich  mir  die  Fälle  zusammen,  in  denen  ich 
Angst  aus  sexueller  Ursache  stammend  fand.  Sie  erscheinen  zunächst 
recht  disparat. 

1 .  Angst  bei  v  i  r  g  i  n  a  1  e  n  Personen  (sexuelle  Wahrnehmungen 
und  Mitteilungen,  Ahnungen  des  Sexuallebens);  durch  zahlreiche 
sichere  Beispiele  bestätigt,  beide  Geschlechter,  Frauen  vorwiegend. 
Nicht  selten  eine  Hindeutung  auf  ein  Mittelglied,  eine  erektions¬ 
artige  Empfindung,  die  in  den  Genitalien  entsteht. 

2.  Angst  bei  absichtlich  abstinenten  Personen,  Prüden 
(ein  Typus  der  Neuropathen).  Männer  und  Frauen,  die  sich  durch 
Pedanterie  und  Reinlichkeitssinn  auszeichnen,  denen  alles  Sexuelle 
ein  Gräuel  ist;  dieselben  Personen  neigen  zur  Verarbeitung  der 
Angst  in  Phobien,  Zwangshandlungen,  Folie  de  doute. 


IOO 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


3.  Angst  der  notgedrungen  Abstinenten,  Frauen,  die 
vom  Manne  vernachlässigt  oder  wegen  mangelnder  Potenz  nicht 
befriedigt  werden.  Diese  Form  der  Angstneurose  mit  Sicherheit 
erwerbbar,  infolge  der  Nebenumstände  mit  Neurasthenie  häufig 
kombiniert. 

4.  Angst  der  im  Coitus  interruptus  lebenden  Frauen,  oder 
was  ähnlich  ist,  der  Frauen,  deren  Männer  vorzeitige  Ejakulation 
haben,  Personen  also,  die  auf  physische  Reizung  nicht  zur  Be¬ 
friedigung  kommen. 

5.  Angst  der  den  Coitus  interruptus  übenden  Männer, 
noch  mehr  solcher,  die  sich  auf  manigfaltige  Art  erregen  und  die 
Erektion  nicht  zum  Koitus  verwerten. 

6.  Angst  der  Männer,  die  über  ihre  Lust  oder  Kräfte 
gehen,  die  aber  doch  Koitus  forcieren. 

7.  Angst  der  Männer,  die  gelegentlich  abstinieren,  jüngere  Männer, 
die  ältere  Frauen  geheiratet  haben,  vor  denen  ihnen  eigentlich 
graust,  oder  der  Neurastheniker,  die  von  der  Masturba¬ 
tion  abgezogen  werden  durch  geistige  Beschäftigung,  ohne  dafür 
zu  koitieren,  oder  die  bei  beginnender  Potenzschwäche  in  der 
Ehe  wegen  Sensationen  post  coitum  abstinieren. 

In  übrigen  Fällen  war  der  Zusammenhang  der  Angst  mit  dem 
Sexualleben  nicht  augenfällig  (er  konnte  theoretisch  festgestellt  werden). 

Wie  ließen  sich  alle  diese  Einzelfälle  vereinigen?  Am  meisten  kehrt 
darin  die  Abstinenz  wieder.  Durch  die  Tatsache,  daß  auch  Anästhe¬ 
tische  auf  Coitus  interruptus  Angst  bekommen,  belehrt,  möchte  man 
sagen,  es  handelt  sich  um  eine  physische  Anhäufung  von  Erregung, 
also  Anhäufung  physischer  sexualer  Spannung. 
Die  Anhäufung  ist  die  Folge  verhinderter  Abfuhr,  es  ist  also  die  Angst¬ 
neurose  eine  Stauungsneurose  wie  die  Hysterie,  daher  die  Ähnlichkeit, 
und  da  die  Angst  gar  nicht  in  dem  Angehäuften  enthalten  ist,  so  drückt 
man  die  Tatsache  auch  so  aus,  die  Angst  ist  durch  Verwand¬ 
lung  aus  der  angehäuften  Spannung  hervorgegangen. 

Eine  gleichzeitig  erworbene  Kenntnis  über  den  Mechanismus  der 
Melancholie  schiebt  sich  hier  ein.  Gar  besonders  häufig  sind  die 
Melancholischen  anästhetisch  gewesen,  sie  haben  kein  Bedürfnis  (und 
keine  Empfindung)  nach  dem  Koitus,  aber  große  Sehnsucht  nach 


Manuskript  E 


IOI 


Liebe  in  ihrer  psychischen  Form,  man  möchte  sagen  psychische  Liebes- 
spannung;  wo  diese  sich  anhäuft  und  unbefriedigt  bleibt,  entsteht 
Melancholie.  Das  wäre  also  das  Gegenstück  zur  Angstneurose. 

Wo  sich  physische  Sexualspannung  anhäuft  —  Angstneurose. 

Wo  sich  psychische  Sexualspannung  anhäuft  —  Melancholie. 

Warum  aber  die  Verwandlung  in  Angst  bei  der  Anhäufung?  Da 
sollte  man  auf  den  normalen  Mechanismus  der  Erledigung  angehäufter 
Spannung  eingehen.  Es  handelt  sich  hier  um  den  zweiten  Fall,  den 
Fall  endogener  Erregung.  Bei  exogener  Erregung  ist  die  Sache  ein¬ 
facher.  Die  Erregungs quelle  ist  außen  und  schickt  einen  Erregungs¬ 
zuwachs  in  die  Psyche,  der  nach  seiner  Quantität  erledigt  wird.  Es 
reicht  dazu  jede  Reaktion  hin,  die  die  psychische  Erregung  um 
dasselbe  Quantum  vermindert. 

Anders  bei  endogener  Spannung,  deren  Quelle  im  eigenen  Körper 
liegt  (Hunger,  Durst,  Sexualtrieb).  Hier  nützen  nur  spezifische 
Reaktionen,  solche,  die  das  weitere  Zustandekommen  der  Erregung  in 
den  betreffenden  Endorganen  verhindern,  ob  sie  mit  großem  oder 
geringem  Aufwand  zugänglich  sind.  Man  kann  sich  hier  vorstellen, 
daß  die  endogene  Spannung  kontinuierlich  oder  diskontinuierlich 
wächst,  jedenfalls  erst  bemerkt  wird,  wenn  sie  eine  gewisse  Schwelle 
erreicht  hat.  Erst  von  dieser  Schwelle  an  wird  sie  psychisch  ver¬ 
wertet,  tritt  mit  gewissen  Vorstellungsgruppen  in  Beziehung,  welche 
dann  die  spezifische  Abhilfe  veranstalten.  Also  physisch  sexuale  Span¬ 
nung  erweckt  von  gewissem  Wert  an  psychische  Libido,  die  dann  den 
Koitus  u.  dgl.  einleitet.  Kann  die  spezifische  Reaktion  nicht  erfolgen, 
so  wächst  die  physisch-psychische  Spannung  (der  Sexualaffekt)  ins 
Ungemessene,  er  wird  störend,  es  ist  aber  noch  immer  kein  Grund  zu 
seiner  Verwandlung.  Bei  der  Angstneurose  tritt  solche  Verwandlung 
aber  ein,  somit  taucht  jetzt  der  Gedanke  auf,  es  handle  sich  dabei  um 
folgende  Entgleisung:  die  physische  Spannung  wächst,  erreicht  ihren 
Schwellenwert,  mit  dem  sie  psychischen  Affekt  wecken  kann,  aber 
aus  irgendwelchen  Gründen  bleibt  die  psychische  Anknüpfung,  die 
ihr  geboten  ist,  ungenügend,  es  kann  nicht  zur  Bildung  eines  Sexual¬ 
affektes  kommen,  weil  es  an  den  psychischen  Bedingungen  fehlt: 
somit  verwandelt  sich  die  nicht  psychisch  gebundene  Spannung  in  — 
Angst. 


102 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Folgt  man  der  Theorie  so  weit,  so  muß  man  fordern,  daß  bei  der 
Angstneurose  ein  Manko  an  Sexualaffekt,  an  psychischer 
Libido  zu  konstatieren  sei.  Das  wird  nun  von  der  Beobachtung 
bestätigt.  Die  Patientinnen  sind  alle  über  den  aufgestellten  Zusammen¬ 
hang  entrüstet,  im  Gegenteil,  sie  haben  jetzt  gar  keine  Lust  usw. 
Männer  bestätigen  es  oft  als  Wahrnehmung,  seitdem  sie  ängstlich  sind, 
empfinden  sie  gar  keine  sexuelle  Lust. 

Wir  wollen  jetzt  die  Probe  machen,  ob  dieser  Mechanismus  für  die 
einzeln  aufgezählten  Fälle  stimmt: 

1.  Virginale  Angst.  Hier  ist  das  Vorstellungsgebiet,  das  die  phy¬ 
sische  Spannung  aufnehmen  soll,  noch  nicht  vorhanden,  oder 
es  ist  nur  ungenügend  vorhanden  und  es  kommt  psychische 
Ablehnung  als  sekundäres  Erziehungsresultat  hinzu.  Stimmt 
sehr  gut. 

2.  Angst  der  Prüden.  Hier  ist  der  Fall  der  Abwehr,  direkte  psychische 
Verweigerung,  die  die  Verarbeitung  der  Sexualspannung  un¬ 
möglich  macht.  Hier  auch  der  Fall  der  häufigen  Zwangsvor¬ 
stellungen.  Stimmt  sehr  gut. 

3.  Angst  der  erzwungenen  Abstinenz  ist  eigentlich  dasselbe,  da  solche 
Frauen  meist,  um  nicht  in  Versuchung  zu  geraten,  psychische 
Verweigerung  schaffen.  Letztere  ist  hier  eine  gelegentliche, 
bei  2.  eine  prinzipielle. 

4.  Angst  des  Coitus  interruptus  bei  Frauen.  Hier  ist  der  Mechanismus 
einfacher.  Es  handelt  sich  um  endogene  Erregung,  die  nicht 
entsteht,  sondern  erzeugt  wird,  aber  nicht  in  dem  Maße,  daß  sie 
psychischen  Affekt  wecken  könnte.  Es  wird  künstlich  eine  Ent¬ 
fremdung  zwischen  physisch-sexualem  Akt  und  dessen  psychischer 
Verarbeitung  herbeigeführt.  Wenn  dann  die  endogene  Spannung 
sich  aus  eigenem  noch  steigert,  findet  sie  keine  Verarbeitung  und 
macht  Angst. 

Also  nach  psychischer  Verweigerung  hier  psychische 
Entfremdung. 

endogen  entstandene  Spannung  zugeführte  Spannung 

5.  Angst  des  Coitus  interruptus  oder  der  Zurückhaltung  bei  Männern. 
Der  klarere  Fall  ist  der  der  Zurückhaltung,  Coitus  interruptus 
läßt  sich  zum  Teil  als  solche  auffassen.  Es  handelt  sich  wiederum 


Manuskript  E 


103 


um  psychische  Ablenkung,  indem  der  Aufmerksamkeit  ein  an¬ 
deres  Ziel  gesetzt  und  sie  von  der  Verarbeitung  der  physischen 
Spannung  abgehalten  wird. 

Die  Erklärung  des  Coitus  interruptus  ist  aber  wahrscheinlich 
einer  Verbesserung  bedürftig. 

6.  Angst  der  abnehmenden  Potenz  oder  der  unzureichenden  Libido. 
Was  hier  nicht  Umsetzung  der  physischen  Spannung  in  Angst 
wegen  Seniiität  ist,  erklärt  sich  dadurch,  daß  nicht  genügend 
psychische  Lust  für  den  einzelnen  Akt  aufgebracht  werden  kann. 

7.  Angst  der  degoutierten  Männer ,  abstinenten  Neurastheniker.  Er- 
stere  fordert  keine  neue  Erklärung,  letztere  ist  vielleicht  eine 
besondere  abgeschwächte  Form  von  Angstneurose,  da  diese 
sonst  nur  bei  Potenten  ordentlich  ausfällt,  und  hat  etwa  damit  zu 
tun,  daß  das  neurasthenische  Nervensystem  eine  Anhäufung  von 
physischer  Spannung  nicht  aushält,  da  mit  der  Masturbation 
die  Gewöhnung  an  häufige,  vollständige  Spannungslosigkeit  ver¬ 
bunden  ist. 


Im  Ganzen  stimmt  es  also  nicht  übel.  Wo  physische  Sexual- 
Spannung  reichlich  entsteht,  dieselbe  aber  nicht  durch  psychische 
Verarbeitung  zum  Affekt  werden  kann  (wegen  mangelnder 
Entwicklung  der  psychischen  Sexualität,  wegen  versuchter  Unter¬ 
drückung  derselben  [Abwehr],  wegen  Zerfall  derselben  oder 
gewohnheitsmäßiger  Entfremdung  der  physischen  und  psychischen 
Sexualität),  da  verwandelt  sich  die  Sexualspannung  in  Angst. 
Dazu  gehört  also  auch  Anhäufung  von  physischer  Spannung 
und  Verhinderung  der  Abfuhr  nach  der  psychischen  Seite. 

Warum  aber  geschieht  Verwandlung  gerade  in  Angst?  Angst 
ist  die  Empfindung  der  Anhäufung  eines  anderen  endogenen 
Reizes,  des  Reizes  zur  Atmung,  der  keine  psychische  Ver¬ 
arbeitung  sonst  kennt,  könnte  also  für  angehäufte  physische 
Spannung  überhaupt  in  Verwendung  kommen.  Ferner:  sieht 
man  die  Symptome  der  Angstneurose  näher  an,  so  findet  man 
den  großen  Angstanfall  auch  zerstückelt  in  ihr,  also:  bloße 
Dyspnoe,  bloßes  Herzklopfen,  bloße  Angstempfindung  und 


104 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Kombination  davon.  Genauer  zugeschaut,  sind  dies  die  Inner¬ 
vationswege,  welche  die  physisch-sexuale  Spannung  auch  sonst 
geht,  auch  wenn  sie  in  psychische  Verarbeitung  eintritt.  Die 
Dyspnoe,  das  Herzklopfen  sind  die  des  Koitus,  hier  sozusagen 
die  einzigen  Auswege  der  Erregung,  sonst  nur  als  Neben¬ 
abfuhren  in  Gebrauch.  Es  ist  wieder  eine  Art  von  Konver¬ 
sion  bei  der  Angstneurose  wie  bei  der  Hysterie  (wieder  die 
Ähnlichkeit);  nur  ist  es  bei  der  Hysterie  psychische  Erregung, 
die  einen  falschen  Weg  geht,  ausschließlich  ins  Somatische,  hier 
ist  es  physische  Spannung,  die  nicht  ins  Psychische  gehen 
kann  und  daher  auf  physischem  Weg  verbleibt.  Das  kom¬ 
biniert  sich  enorm  häufig. 

Soweit  bin  ich  heute  gekommen.  Es  bedarf  sehr  der  Aus¬ 
füllung  von  Lücken;  ich  halte  es  für  unvollständig,  es  fehlt 
mir  etwas,  aber  die  Grundlage  halte  ich  für  richtig.  Natürlich 
absolut  nicht  reif  zum  Verlautbaren.  Suggestionen,  Amplifi¬ 
kationen,  endlich  Widerlegungen  und  Aufklärungen  höchst 
dankbar  aufgenommen. 

Mit  herzlichem  Gruß 


Dein 


Sigm,  Freud. 


Liebster  Freund ! 


22.  6.  94. 


Dein  Brief,  den  ich  eben  gelesen,  mahnt  mich  an  die  Schuld, 
die  ich  ohnedies  nächstens  abtragen  wollte.  Ich  habe  mich  heute 
von  der  spärlichen  Praxis  zurückgezogen,  um  zu  konzipieren, 
anstatt  dessen  werde  ich  Dir  also  einen  recht  langen  Brief 
schreiben  über  „Theorie  und  Leben“. 

Dein  Urteil,  mit  der  Angstgeschichte  stimme  es  noch  nicht, 
ist  mir  sehr  lieb,  das  Echo  meines  eigenen;  der  Aufsatz  z.B.  ist 
keinem  anderen  unter  die  Augen  gekommen.  Es  soll  auch 
liegen,  bis  es  sich  klärt.  Ich  bin  aber  heute  nicht  weiter  und  muß 


Brief  vom  18.  8.  94 


105 


warten,  bis  mir  wieder  von  irgendwo  ein  Licht  aufgeht.  Einen 
Vorläufer  über  die  Berechtigung,  die  Angstneurose  von  der 
Neurasthenie  abzutrennen,  möchte  ich  loslassen,  aber  da  müßte 
ich  auf  Theorie  und  Ätiologie  eingehen  und  darum  lieber  nicht. 
Die  Konversionstheorie  habe  ich  weiter  ausgearbeitet  und  ihr 
Verhältnis  zur  Autosuggestion  beleuchtet,  doch  auch  dies  nicht 
vollkommen;  bleibt  liegen.  In  die  Arbeit  mit  Breuer  kommen 
fünf  Krankengeschichten,  ein  Aufsatz  von  ihm,  von  dem  ich 
mich  ganz  ausschließe,  über  die  Theorien  der  Hysterie  (Zu¬ 
sammenfassendes,  Kritisches)  und  ein  noch  nicht  begonnener 
von  mir  über  Therapie.1 

•  •  • 

Meine  Kinder  sind  jetzt  prächtig,  nur  Mathilde  macht  mir 
etwas  Sorge.  Meine  Frau  ist  wohl  und  heiter,  sieht  aber  wenig 
befriedigend  aus.  Wir  sind  eben  im  Begriff  alt  zu  werden,  etwas 
vorzeitig  für  die  Kleinen. 

Eigentlich  denke  ich  doch  den  ganzen  Tag  nur  an  die  Neu¬ 
rosen,  aber  ich  bin,  seit  der  wissenschaftliche  Verkehr  mit 
Breuer  aufgehört  hat,  auf  mich  allein  angewiesen  und  darum 
geht  es  so  langsam. 

Mit  herzlichstem  Gruß  für  Dich  und  Deine  liebe  Frau 

Dein  herzlich  ergebener 

Sigm.  Freud. 


20 

Reichenau,  18.  8.  94. 

Liebster  Freund ! 

Nach  Hause  zurückgekehrt,  nach  einem  reizenden  Empfang 
von  der  ganzen  blühenden  Schar  von  Fratzen,  mit  dem  Nachge¬ 
schmack  der  schönen  Münchner  Tage  im  Sinn  —  gibt  es  wieder 
einen  Moment,  in  dem  das  Leben  einem  gefallen  darf.  .  .  . 


i)  S.  das  letzte  Kapitel  der  „Studien  über  Hysterie“,  „Zur  Psychotherapie 
der  Hysterie“. 


ro6 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Nach  wenigen  Stunden  Anwesenheit  ist  mir  eine  kleine  Angst¬ 
neurose  unabweisbar  ins  Haus  geschlüpft,  die  ich  sogleich  für 
Dich  fixiere,  aber  nicht  jetzt  zu  lesen,  sondern  einmal  in  einer 
freien  Stunde  mit  vielen  anderen  meiner  Sammlung. 

Herzlichsten  Gruß  Dir  und  Frau  Ida !  Im  Gefühl  einer  noch 
sehr  unvollständigen  Trennung. 

Dein 

Sigm.  Freud. 


{Manuskript  F) 


18,  Äug.  94. 
Nr.  i1 


SAMMLUNG  III. 


Angstneurose 
hered.  Disp. 

Herr  K.,  27  Jahre  alt. 

Vater  an  Altersmelancholie  behandelt,  Schwester  O.  schöne  kom¬ 
plizierte  Angstneurose,  gut  analysiert,  alle  K.’s  nervös,  gemütlich  be¬ 
gabt.  Vetter  von  Dr.  K.  in  Bordeaux.  —  Bis  vor  kurzem  gesund,  seit 
J  Jahren  schlechter  Schlaf,  in  Februar  und  März  nächtliches  Auf¬ 
schrecken  mit  Herzklopfen  sehr  häufig,  allmählich  zunehmende  allge¬ 
meine  Erregbarkeit,  dann  Unterbrechung  durch  Waffenübung,  die  ihm 
sehr  wohl  tat.  Vor  3  Wochen  plötzlich  abends  Anfall  von  Angst  ohne 
Inhalt,  mit  Gefühl  von  Kongestion  von  Brust  herauf  zum  Kopf; 
Deutung,  es  muß  etwas  Schreckliches  geschehen;  keine  Beklemmung, 
wenig  Herzklopfen  dabei.  Solche  Anfälle  dann  auch  bei  Tag,  beim 
Mittagessen,  konsultiert  Arzt  vor  2  Wochen;  auf  Brom  gebessert,  noch 
vorhanden,  schläft  aber  gut.  Außerdem  letzte  2  Wochen  kurze  Anfälle 
von  tiefer  Depression,  wie  von  völliger  Apathie,  kaum  durch  einige 


!)  Die  beiden  Krankengeschichten  hängen  mit  den  Gedankengängen  über  die 
ätiologische  Formel  zusammen,  die  Freud  1895  in  »>Zur  Kritik  der  Angst¬ 
neurose“,  und  ausführlicher  1896  in  „L’Heredite  et  l’fitiologie  des  Nevroses“ 
behandelt  hat. 

Die  Numerierung  bezieht  sich  offenbar  auf  nicht  erhaltene  klinische  Auf¬ 
zeichnungen. 


Manuskript  F 


107 


Minuten,  hier  in  K.  besser.  Sonst  noch  Anfälle  von  Druck  im  Hinter¬ 
kopf. 

Beginnt  selbst  mit  sexuellen  Mitteilungen.  Vor  einem  Jahr  in  ein 
kokettes  Mädchen  verliebt,  große  Erschütterung,  als  er  hörte,  daß  sie 
anders  vergeben  sei.  Heute  nicht  mehr  verliebt.  —  Wenig  Wert  darauf. 
Weiter:  Von  13-16-17  Jahren  onaniert,  Schulverführung,  angeblich 
mäßig,  im  sexuellen  Verkehr  mäßig,  aus  Furcht  vor  Ansteckung  seit 
2\  Jahren  Kondom,  fühlt  sich  dabei  häufig  matt,  bezeichnet  diesen 
Koitus  als  einen  erzwungenen,  merkt,  daß  Libido  seit  einem  Jahr 
sehr  abnimmt.  Im  Verkehr  mit  jenem  Mädchen  sexuell  sehr  erregt 
(ohne  Berührung  etc.);  erster  nächtlicher  Anfall  (Februar)  zwei  Tage 
nach  Koitus,  erster  Angstanfall  an  demselben  Abend  nach  Koitus, 
seither  (drei  Wochen)  abstinent,  ruhiger,  zarter,  sonst  gesunder  Mann. 

18.  8.  94. 

Epikrise  zu  Nr.  1. 

Versucht  man  den  Fall  K.  zu  deuten,  so  drängt  sich  vor  allem  eines 
auf.  Der  Mann  ist  ein  heriditär  Disponierter,  sein  Vater  hat  eine  Melan¬ 
cholie,  vielleicht  eine  Angstmelancholie,  seine  Schwester  eine  typische 
Angstneurose,  die  ich  genau  kenne,  die  ich  sonst  gewiß  als  erworben 
bezeichnet  hätte.  Das  gibt  über  die  Heredität  zu  denken.  Es  liegt  in 
der  Familie  K.  wahrscheinlich  nur  die  „Disposition“  vor,  die  Eignung 
auf  die  typische  Ätiologie  schwerer  und  schwerer  zu  erkranken,  nicht 
die  „Degeneration“.  Man  darf  also  bei  Herrn  K.  erwarten,  daß  sich 
die  leichte  Angstneurose  auf  leichte  Ätiologie  hin  entwickelt  hat.  Wo 
ist  die  vorurteilslos  zu  suchen? 

Da  scheint  es  mir  zunächst,  als  handle  es  sich  um  einen  Schwäche¬ 
zustand  der  Sexualität.  Die  Libido  dieses  Mannes  nimmt  seit  längerer 
Zeit  ab,  die  Vorbereitungen  beim  Kondom  reichen  hin,  ihm  den  Akt 
als  etwas  Erzwungenes,  das  Vergnügen  als  ein  Eingeredetes  erscheinen 
zu  lassen.  Das  ist  wohl  der  Knoten  der  ganzen  Geschichte.  Nun 
fühlt  er  sich  nach  dem  Koitus  gelegentlich  matt,  er  spürt  es,  wie  er 
sagt,  und  dann  bekommt  er  zwei  Tage  nach  einem  Koitus,  respektive 
am  Abend  nachher,  die  ersten  Angstanfälle. 

Das  Zusammentreffen  verminderter  Libido  mit  der  Angstneurose 
stimmt  zwanglos  zu  meiner  Theorie.  Es  handelt  sich  um  eine  Schwäche 


ioB 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


in  der  psychischen  Bewältigung  der  somatischen  Sexualerregung,  die 
schon  seit  längerer  Zeit  besteht  und  die  ermöglicht,  daß  bei  gelegent¬ 
licher  Steigerung  der  somatischen  Erregung  Angst  entsteht. 

Wodurch  ist  diese  psychische  Schwächung  erworben?  Mit  der  ju¬ 
venilen  Masturbation  wenig  anzufangen,  die  hat  gewiß  nicht  solche 
Wirkungen,  auch  scheint  sie  nicht  über  ein  gewöhnliches  Maß  hin¬ 
ausgegangen  zu  sein.  Der  Verkehr  mit  dem  Mädchen,  das  ihn  sinnlich 
sehr  erregte,  scheint  weit  eher  geeignet,  eine  Störung  in  der  angegebenen 
Richtung  zu  produzieren,  der  Fall  nähert  sich  ja  den  Bedingungen  der 
bekannten  Bräutigamsneurose.  Vor  allem  aber  ist  es  unabweislich,  daß 
die  Furcht  vor  Infektion,  der  Entschluß,  Kondom  zu  gebrauchen,  den 
Grund  zu  dem  gelegt  haben,  was  ich  als  Moment  der  Entfremdung 
zwischen  Somatischem  und  Psychischem  aufgeführt  habe.  Es  wäre 
dasselbe,  was  beim  Coitus  interruptus  des  Mannes  wirkt.  Kurz,  Herr 
K.  hat  sich  eine  psychische  Sexualschwäche  zugezogen,  weil  er  sich 
den  Koitus  verleidet  hat,  und  bei  ungestörter  physischer  Gesundheit 
und  sexueller  Reizproduktion  gab  dies  zur  Entstehung  der  Angst 
Anlaß.  Man  kann  noch  anführen,  die  Leichtigkeit,  auf  Vorsichten 
einzugehen,  anstatt  sich  adäquate  Befriedigung  in  einem  sicheren  Ver¬ 
hältnis  zu  schaffen,  beweise  eine  von  Anfang  an  nicht  starke  Sexualität. 
Der  Mann  ist  ja  ein  Hereditärer,  was  bei  ihm  als  Ätiologie  auffindbar 
ist,  ist  zwar  qualitativ  wichtig,  wird  aber  von  Gesunden,  d.h.  Starken 
als  harmlos  vertragen. 

Ein  interessanter  Zug  dieses  Falles  ist  das  Vorkommen  von  typischer 
melancholischer  Empfindung  in  Anfällen  von  kurzer  Dauer.  Das  muß 
theoretisch  für  die  Angstneurose  aus  Entfremdung  wichtig  sein,  ist 
vorderhand  nur  anzumerken. 


20.  Aug.  94. 

Nr.  2. 

Herr  v.  F.,  Budapest,  44  Jahre. 

Körperlich  gesunder  Mann,  klagt,  daß  ihm  „Frische  und  Spannkraft 
abgehen,  wie  es  sich  für  sein  Alter  nicht  von  selbst  verstehe“.  Der 
Zustand,  in  dem  ihm  alles  gleichgiltig  ist,  die  Arbeit  ihm  schwer  fällt, 
er  verdrießlich  und  matt  ist,  ist  begleitet  von  schwerem  Druck  auf 
den  Scheitel,  auch  Hinterkopf,  ferner  ist  regelmäßig  dabei  schlechter 


Manuskript  F 


109 


Magen,  d.h.  Empfindlichkeit  gegen  Speisen  und  Aufstoßen  und  träger 
Stuhl.  Auch  der  Schlaf  scheint  schlecht  zu  sein. 

Der  Zustand  ist  aber  deutlich  intervallär,  er  hält  jedesmal  4 — 5  Tage 
an,  klingt  langsam  ab,  am  Aufstoßen  merkt  er,  daß  jetzt  die  nervöse 
Schwäche  kommen  wird,  dazwischen  sind  12—14  Tage,  auch  mehrere 
Wochen  gut.  Auch  bessere  Zeiten  von  monatlicher  Dauer  sind  vor¬ 
gekommen.  Er  beharrt  dabei,  er  sei  so  seit  25  Jahren.  Wie  so  oft,  muß 
man  sich  das  Krankheitsbild  erst  konstruieren,  da  er  in  monotonem 
Beharren  bei  seinen  Klagen  sonst  versichert,  er  habe  all  den  anderen 
Verhältnissen  keine  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Die  schlechte  Ab¬ 
grenzung  der  Anfälle  gehört  also  zum  Bilde,  wie  deren  volle  Un¬ 
regelmäßigkeiten  in  der  Zeit.  Er  schiebt  den  Zustand  natürlich  auf 
den  Magen.  .  .  . 

Organisch  gesund,  ohne  schwere  Sorge,  Gemütsbewegung,  folgendes 
über  Sexualität:  Von  12— 16  Jahren  an  onaniert,  dann  sehr  solide  im 
Verkehr  mit  Frauen,  der  Anreiz  war  nicht  übermächtig.  Seit  14  Jahren 
verheiratet,  nur  2  Kinder,  letztes  10  Jahre,  die  Pause  und  die  Zeit 
seither  nur  Kondom,  keine  andere  Technik.  Potenz  in  letzten  Jahren 
recht  im  Nachlassen.  Koitus  etwa  alle  12—14  Tage,  oft  auch  lange  Pau¬ 
se.  Gesteht  zu,  daß  er  sich  nach  Koitus  mit  Kondom  matt  und  elend 
fühlt,  aber  nicht  gleich,  erst  am  zweiten  Tag  nachher,  d.h.  er  teilt  es 
in  der  Form  mit,  er  habe  gemerkt,  daß  am  zweiten  Tag  nachher 
Magenbeschwerden  kommen.  Warum  er  den  Kondom  gebraucht?  Man 
darf  nicht  zu  viele  Kinder  haben  !  (2) 

Epikrise.  Leichter  aber  ganz  charakteristischer  Fall  von  periodischer 
Verstimmung,  Melancholie.1  Symptome:  Apathie,  Hemmung,  Kopf¬ 
druck,  Dyspepsie,  Schlafstörung,  das  Bild  ist  komplett. 

Ähnlichkeit  mit  Neurasthenie  unverkennbar,  auch  die  Ätiologie 
dieselbe,  ich  habe  ganz  analoge  Fälle,  es  sind  Onanisten  (Herr  A.), 
nebenbei  belastete  Leute,  die  v.  F.’s  sind  bekannt  psychopathisch.  Das 
ist  also  die  neurasthenische  Melancholie,  die  Theorie  der  Neurasthenie 
muß  hier  anknüpfen. 

Es  ist  sehr  gut  möglich,  daß  der  Ausgangspunkt  einer  solchen 
kleinen  Melancholie  jedesmal  ein  Koitus  ist.  Übertreibung  des  physiolo- 

!)  Der  Terminus  Melancholie  wird  verwendet,  wro  v/ir  heute  von  Depression 
sprechen  würden. 


HO 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


gisch  Behaupteten:  Omne  animal  post  coitum  triste.  Die  Zeitdifferenzen 
würden  stimmen.  Dem  Mann  tut  jede  Kur,  jede  Abwesenheit  wohl, 
d.h.  jede  Befreiung  vom  Koitus,  er  ist  seiner  Frau  natürlich  treu,  wie 
er  sagt.  Die  Anwendung  des  Kondoms  bezeugt  schwache  Potenz,  als 
etwas  der  Onanie  analoges  setzt  sie  die  Verursachung  dieser  Melan¬ 
cholie  fort. 


21 


Liebster  Freund ! 


Reichenau,  29.  8.  94. 


Fälle  habe  ich  diesen  Montag  wenige  gesammelt:1 
Nr.  3. 

Dr.  Z.,  Arzt,  34  Jahre  mit  jahrelanger  Organempfindlichkeit 
der  Augen,  Phospheum,  Blendung,  Skotomen  u.  dgl.  seit  vier 
Monaten  (Zeit  s.  Verheiratung),  enorm  gesteigert  bis  zur  Arbeits¬ 
einstellung.  Dahinter:  von  14  Jahren  an  onaniert,  wie  es 
scheint,  bis  in  die  letzten  Jahre  fortgesetzt,  die  Frau  nicht  de¬ 
floriert,  sehr  herabgesetzte  Potenz,  Scheidung  übrigens  eingeleitet. 

Gewöhnlicher  Fall,  schöne  Organhypochondrie  bei  Onanisten 
in  Periode  sexueller  Erregung.  Interessant  wie  wenig  tief  die 
ärztliche  Bildung  geht. 

Nr.  4. 

Herr  D.,  Nefle  der  in  Hysterie  verstorbenen  Frau  A.  Ner¬ 
vöseste  Familie.  28  Jahre;  seit  Wochen  Mattigkeit,  Kopfdruck, 
Knieschlottern,  Abnahme  der  Potenz,  zu  rasche  Ejakulation, 
beginnende  Perversität,  ganz  junge  Mädchen  erregen  ihn  mehr 
als  reife. 

Angeblich  von  jeher  launenhafte  Potenz,  Onanie  zugestanden, 
nicht  zu  lange,  jetzt  Zeit  von  Abstinenz  hinter  sich.  Vorher 
abendliche  Angstzustände. 

Ob  vollständig  gebeichtet? 

!)  Offenbar  der  Tag,  an  dem  Freud  aus  der  Sommerfrische  zur  Ordination 
nach  Wien  fuhr. 


Manuskript  G 


in 


Von  Moebius  ist  ein  Heft  „Neurologische  Beiträge“1  erschienen, 
Sammlung  älterer  kleinerer  Aufsätze,  sehr  schön,  für  Hysterie 
recht  wichtig.  Er  ist  der  beste  Kopf  unter  den  Neurologen, 
zum  Glück  der  Sexualität  nicht  auf  der  Spur. 

Eigentlich  merke  ich,  daß  ich  nichts  zu  sagen  habe!  Wenn 
ich  in  Wien  eintreffe,  wird  mich  mein  Redakteur2  gewiß  zu 
Artikeln  pressen.  Soll  ich  dann  nicht  die  „Migraine“  von  M.3 
zum  Gegenstand  einer  Kritik  machen?  Du  müßtest  mir  dazu 
einige  Deiner  Bemerkungen  geben.  Die  Magen-Menstruations- 
Geschichten4 * 6  schaffst  Du  Dir  doch  gleich  wenn  Du  wohl  bist 
vom  Halse?  Die  Praxis  wartet  auf  solche  Dinge. 

Sigm. 


(. Manuskript  G ) 

MELANCHOLIE  5 
I 

Die  vorliegenden  Tatsachen  sind  etwa  folgende: 
a.  Es  bestehen  auffällige  Beziehungen  zwischen  Melancholie  und 
Anästhesie.  Das  wird  bezeugt  i.  durch  den  Befund,  daß  bei  so 


1)  Leipzig,  1894. 

2)  Dr.  Paschkis,  der  Herausgeber  der  Wiener  Medizinischen  Rundschau,  zu 
deren  ständigen  Mitarbeitern  Freud  gehörte. 

3)  Mit  dem  Aufsatz  über  Migraine  dürfte  eine  Arbeit  Meynerts  gemeint  sein. 

4)  Die  mehrfach  erwähnte,  1895  erschienene  Arbeit  von  Fliess,  deren  Manu¬ 

skript  Freud  im  September  in  Fliess’  Auftrag  der  Wiener  Med.  Rundschau 
übergab.  S.  Einl.  S.  10. 

6)  Undatiert.  Vermutlich  —  nach  dem  Poststempel  auf  einem  wohl  zuge¬ 
hörigen  Briefumschlag  —  am  7. 1.  1895  verfaßt,  im  Anschluß  an  eine  Begegnung 
mit  Fliess  zu  Weihnachten  1894.  —  Im  Anschluß  an  die  ältere  deutsche 
Psychiatrie  verwendet  Freud  in  dieser  Skizze  den  Ausdruck  „Melancholie“  zur 
Bezeichnung  aller,  auch  leichter  Depressionen  und  Verstimmungen.  —  Der 
klinische  Ansatz,  d.h.  der  Versuch,  die  „Melancholie“  aus  der  Reaktion  auf 
Sexualerregung  abzuleiten,  ist  Freud  naturgemäß  bald  als  unbefriedigend 
erschienen.  Schon  1896  (in  „Weitere  Bemerkungen  über  die  Abwehr-Neuro- 
psychosen“,  G.S.  I,  S.  371)  hat  er  darauf  hingewiesen,  daß  Fälle  von  „perio¬ 
discher  Melancholie“  sich  „in  ungeahnter  Häufigkeit  ...  in  Zwangsaffekte  und 
Zwangsvorstellungen  auflösen“  lassen  und  daher  aus  dem  Wesen  des  zwangs¬ 
neurotischen  Konflikts  zu  erklären  seien.  Wenig  später  hat  er  das  Ganze  seines 
Versuches  als  eine  Verirrung  erkannt.  (Siehe  auch  Brief  vom  16.1.1899  Nr.  102.) 
So  hat  sich  aus  den  klinischen  Beobachtungen  nur  erhalten,  was  später  in  die 
Sprache  der  Libidotheorie  übersetzt  werden  konnte,  namentlich  etwa  der  Ver¬ 
gleich  von  Trauer  und  Melancholie;  er  ist  1910  im  Schlußwort  der  Selbst- 


1 12 


Aus  den  Anfängen  der  Psychonalysen 


vielen  Melancholischen  lange  vorher  Anästhesie  bestanden  hat, 
2.  durch  die  Erfahrung,  daß  alles,  was  Anästhesie  hervorruft,  die 
Entstehung  von  Melancholie  fördert,  3.  durch  einen  Typus  von 
psychisch  sehr  bedürftigen  Frauen,  bei  denen  Sehnsucht  leicht 
in  Melancholie  umschlägt,  und  die  anästhetisch  sind. 
b.  Melancholie  entsteht  als  Steigerung  von  Neurasthenie  durch 
Masturbation. 


morddiskussion  (G.W.  VIII,  S.  64)  und  1917  in  „Trauer  und  Melancholie“ 
verwendet,  wo  Freud  für  diesen  Vergleich  auf  Abrahams  Ausführungen  hin¬ 
weist.  („Ansätze  zur  psychoanalytischen  Erforschung  und  Behandlung  des 
manisch-depressiven  Irreseins  und  verwandter  Zustände“,  Zentralblatt  II,  1912, 
Klinische  Beiträge  a.  d.  Jahren  1907-1920,  Int.  Psychoanalytische  Bibliothek  10, 
1921,  95  ff.) 

Die  theoretischen  Auffassungen,  von  denen  Freud  in  dieser  Skizze  ausgeht, 
sind  aus  der  wenig  später  erschienenen  aber  etwas  früher  abgefaßten  Arbeit 
„  „Über  die  Berechtigung,  von  der  Neurasthenie  einen  bestimmten  Symptomen- 
komplex  als  ^ngstneurose*  abzutrennen“  bekannt;  dort  heißt  es:  ( G.S .  I, 
S.  325)  „Im  geschlechtsreifen  männlichen  Organismus  wird  —  wahrscheinlich 
kontinuierlich  —  die  somatische  Sexualerregung  produziert,  die  periodisch  zu 
einem  Reiz  für  das  psychische  Leben  wird.  Schalten  wir,  um  unsere  Vor¬ 
stellungen  darüber  besser  zu  fixieren,  ein,  daß  diese  somatische  Sexualerregung 
sich  als  Druck  auf  die  mit  Nervenendigungen  versehene  Wandung  der  Samen¬ 
bläschen  äußert,  so  wird  diese  viszerale  Erregung  zwar  kontinuierlich  anwachsen, 
aber  erst  von  einer  gewissen  Höhe  an  imstande  sein,  den  Widerstand  der  ein¬ 
geschalteten  Leitung  bis  zur  Hirnrinde  zu  überwinden  und  sich  als  psychischer 
Reiz  zu  äußern.  Dann  aber  wird  die  in  der  Psyche  vorhandene  sexuelle  Vor¬ 
stellungsgruppe  mit  Energie  ausgestattet,  und  es  entsteht  der  psychische  Zu¬ 
stand  libidinöser  Spannung,  welcher  den  Drang  nach  Aufhebung  dieser  Span¬ 
nung  mit  sich  bringt.  Eine  solche  psychische  Entlastung  ist  nur  auf  dem  Wege 
möglich,  den  ich  als  spezifische  oder  adäquate  Aktion  bezeich¬ 
nen  will.  Diese  adäquate  Aktion  besteht  für  den  männlichen  Sexualtrieb  in 
einem  komplizierten  spinalen  Reflexakt,  der  die  Entlastung  jener  Nerven¬ 
endigungen  zur  Folge  hat,  und  in  allen  psychisch  zu  leistenden  Vorbereitungen 
für  die  Auslösung  dieses  Reflexes.  Etwas  anderes  als  die  adäquate  Aktion 
würde  nichts  fruchten,  denn  die  somatische  Sexualerregung  setzt  sich,  nachdem 
sie  einmal  den  Schwellenwert  erreicht  hat,  kontinuierlich  in  psychische  Erre¬ 
gung  um;  es  muß  durchaus  das  geschehen,  was  die  Nervenendigungen  von  dem 
auf  ihnen  lastenden  Druck  befreit,  somit  die  ganze  derzeit  vorhandene  soma¬ 
tische  Erregung  aufhebt  und  der  subkortikalen  Leitung  gestattet,  ihren  Wider¬ 
stand  herzustellen.  .  .  Es  ist  auch  bei  der  Frau  eine  somatische  Sexualerre¬ 
gung  anzunehmen  und,  ein  Zustand,  in  dem  diese  Erregung  psychischer  Reiz 
wird,  Libido,  und  den  Drang  nach  der  spezifischen  Aktion  hervorruft,  an  welche 
sich  das  Wohllustgefühl  knüpft.  Nur  ist  man  bei  der  Frau  nicht  imstande 
anzugeben,  was  etwa  der  Entspannung  der  Samenbläschen  hier  analog  wäre.“ 
—  Die  vorliegenden  Notizen  führen  diese  Überlegungen  weiter  und  das 
„Sexualschema“  illustriert  sie;  (s.  S.  114.)  Auch  die  Versuche,  die  Unterschiede 
zwischen  männlicher  und  weiblicher  Sexualfunktion  rein  physiologisch  zu 
erklären,  sind  um  ein  Stück  weitergeführt;  vermutlich  unter  dem  Einfluß  von 
Fliess,  der  wohl  hier,  wie  auch  sonst,  die  Zuspitzung  der  physiologischen 
Erklärung  gefördert  haben  dürfte. 


Manuskript  G 


*13 

c.  Melancholie  kommt  in  typischer  Kombination  mit  schwerer 
Angst  vor. 

d.  Typus  und  Extrem  der  Melancholie  scheint  die  periodische  oder 
zyklische  hereditäre  Form. 


II 

Um  mit  diesem  Material  etwas  anzufangen,  braucht  man  feste 
Punkte.  Diese  scheinen  durch  folgende  Erwägungen  gegeben. 

a.  Der  der  Melancholie  entsprechende  Affekt  ist  der  der  Trauer, 
d.h.:  der  Sehnsucht  nach  etwas  Verlorenem.  Es  dürfte  sich  also 
bei  Melancholie  um  einen  Verlust  und  zwar  im  Triebleben 
handeln. 

b.  Die  der  Melancholie  parallele  Eßneurose  ist  die  Anorexie,  Die 
berühmte  Anorexia  nervosa  der  jungen  Mädchen  scheint  mir 
(nach  guter  Beobachtung)  eine  Melancholie  bei  unentwickelter 
Sexualität  zu  sein.  Die  Kranke  gab  an,  einfach  darum  nicht 
gegessen  zu  haben,  weil  sie  keinen  Appetit  hatte,  nichts  anderes. 
Appetitverlust  —  im  Sexualen  Verlust  von  Libido. 

Es  wäre  daher  nicht  uneben,  von  der  Idee  auszugehen:  Die  Melan¬ 
cholie  bestünde  in  der  Trauer  über  den  Verlust 
der  Libido. 

Es  käme  nun  darauf  an,  ob  diese  Formel  Vorkommen  und  Eigen¬ 
tümlichkeiten  der  Melancholiker  erklärt.  Dies  soll  am  Sexualschema 
erörtert  werden. 


HI* 

An  dem  oft  gebrauchten  Sexualschema  (s.  Abbildg.)  werden  nun 
die  Bedingungen  erörtert,  unter  denen  die  psychische  Sexualgruppe 
(ps.  S.)  ihre  Erregungsgröße  einbüßt.  Es  ergeben  sich  hier  zwei  Fälle: 
i.  wenn  Produktion  von  somatischer  Sexualerregung  (s.  S.)  sinkt  oder 
auf  hört,  2.  wenn  die  Sexualspannung  der  psychischen  Sexualgruppe  (ps. 
S.)  abgelenkt  wird.  Der  erste  Fall,  die  Einstellung  von  Produktion  der 

i)  Einzelne  der  Gedanken  dieses  Absatzes  sind  in  dem  „Das  Problem  der 
Sexualerregung“  überschriebenen  Abschnitt  der  „Drei  Abhandlungen  zur 
Sexualtheorie“  (1904)  weit  klarer  formuliert  worden;  durch  die  Einführung  der 
Libido  als  „psychische  Energie  der  Sexualtriebe“  werden  die  Probleme,  um 
die  sich  Freud  hier  bemüht,  besser  faßbar. 


K 


ii4 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


somatischen  Sexualerregung  (s.  S.)  ist  wahrscheinlich  das  Charakteris¬ 
tische  an  der  echten  gemeinen  schweren  Melancholie,  die 
periodisch  wieder  kehrt,  oder  bei  der  zyklischen  Melancholie,  wo 


JamJ-  /Cf* 


Alle  Pfeile  sind  im  Original  rot,  ausgenommen  die  punktierten  Pfeile 

auf  der  linken  Aussenseite. 


Manuskript  G 


Ul 

Zeiten  von  Produktionssteigerang  und  -einstellung  miteinander  wech¬ 
seln;  ferner  kann  man  annehmen,  daß  exzessive  Masturbation,  die 
nach  der  Theorie  derselben  zu  übermäßiger  Entlastung  des  Endorgans 
(E)  und  somit  zu  einem  niedrigen  Reizniveau  im  Endorgan  führt,  auf 
die  Produktion  von  somatischer  Sexualspannung  übergreift  und  zur 
bleibenden  Verarmung  an  somatischer  Sexualspannung  und  somit 
zur  Schwächung  der  psychischen  Sexualgrappe  führt;  dies  ist  die 
neurasthenische  Melancholie.  Der  Fall,  daß  Sexualspannung  von  der 
psychischen  Sexualgruppe  abgelenkt  wird,  während  die  Produktion 
von  somatischer  Sexualspannung  nicht  vermindert  ist,  setzt  voraus, 
daß  die  somatische  Sexualspannung  anderweitig  (an  der  Grenze)  ver¬ 
wendet  wird.  Dies  ist  aber  Bedingung  der  Angst,  somit  deckt  dies  den 
Fall  der  Angstmelancholie,  einer  Mischform  von  Angstneurose  und 
Melancholie. 

Bei  dieser  Diskussion  erklären  sich  also  die  drei  Formen  der  Melan¬ 
cholie,  die  man  tatsächlich  unterscheiden  muß. 

IV 

Wie  kommt  es,  daß  die  Anästhesie  eine  solche  Rolle  bei  der  Melan¬ 
cholie  spielt? 

Nach  dem  Schema  gibt  es  folgende  Arten  von  Anästhesie. 

Anästhesie  besteht  ja  jedesmal  im  Ausbleiben  von  Wollustempfindung 
(W),  die  nach  der  reflektorischen  Aktion,  welche  das  Endorgan  ent¬ 
lastet,  in  die  psychische  Sexualgrappe  geleitet  werden  sollte.  Das 
Maß  der  Wollust  ist  der  Betrag  der  Entlastung. 

a.  Das  Endorgan  ist  nicht  genügend  geladen,  daher  ist  die  Ent¬ 
ladung  bei  Koitus  gering,  W  sehr  klein  —  Fall  der  Frigidität. 

b.  Der  Weg  von  der  Sensation  zur  reflektorischen  Aktion  ist  ge¬ 
schädigt,  so  daß  die  Aktion  keine  genügend  starke  ist,  dann  ist 
auch  Entlastung  und  Wollust  gering  —  Fall  der  masturbatorischen 
Anästhesie,  der  Anästhesie  bei  Coitus  interruptus  u.  dgl. 

c.  Es  ist  unten  alles  ordentlich,  nur  wird  Wollust  wegen  ander¬ 
weitiger  Verknüpfung  (mit  Ekel  —  Abwehr)  nicht  zur  psychischen 
Sexualgruppe  zugelassen.  Dies  ist  hysterische  Anästhesie,  ganz 
analog  der  hysterischen  Anorexie  (Ekel). 

Inwiefern  wirkt  nun  Anästhesie  fördernd  auf  Melancholie? 


ii6 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Im  Falle  a  Frigidität  ist  Anästhesie  nicht  Ursache,  sondern  Zeichen 
der  Disposition  zur  Melancholie,  dies  entspricht  der  eingangs  er¬ 
wähnten  Tatsache  I  a;1  in  anderen  Fällen  ist  die  Anästhesie  Ursache 
der  Melancholie,  weil  ja  die  psychische  Sexualgruppe  durch  Eintreffen 
von  Wollust  gestärkt,  durch  Ausbleiben  geschwächt  wird.  (Berufung 
auf  die  allgemeinen  Theorien  über  die  Bindung  von  Erregung  im 
Gedächtnis.)  Somit  ist  der  Tatsache  II  a  Rechnung  getragen.2 

Man  kann  demnach  anästhetisch  sein,  ohne  melancholisch  zu  sein; 
denn: 

Melancholie  bezieht  sich  auf  das  Ausbleiben  von  somatischer  Sexual¬ 
spannung. 

Anästhesie  bezieht  sich  auf  Ausbleiben  von  Wollust,  aber  die  Anäs¬ 
thesie  ist  ein  Zeichen  oder  eine  Vorbereitung  für  Melancholie,  da  durch 
das  Ausbleiben  von  Wollust  die  psychische  Sexualgruppe  ebenso  ge¬ 
schwächt  wird  wie  durch  das  Ausbleiben  von  somatischer  Sexual¬ 
spannung. 

V 

Es  wäre  zu  erörtern,  wie  es  kommt,  daß  die  Anästhesie  so  vorwiegend 
Eigentümlichkeit  der  Frauen  ist.  Dies  rührt  von  der  passiven  Rolle  der 
Frau  her.  Ein  anästhetischer  Mann  wird  bald  keinen  Koitus  unter¬ 
nehmen,  das  Weib  wird  nicht  gefragt.  Es  wird  leichter  anästhetisch, 
weü  i.  die  ganze  Erziehung  daraufhin  arbeitet,  somatische  Sexual¬ 
spannung  nicht  zu  wecken,  sondern  alle  Erregungen,  die  dies  sonst 
könnten,  in  psychische  Reize  umzutauschen,  die  punktierte  Bahn  vom 
Sexualobjekt  also  ganz  in  die  psychische  Sexualgruppe  zu  lenken.  Es 
ist  dies  darum  notwendig,  weü  bei  lebhafter  somatischer  Sexualspannung 
bald  die  psychische  Sexualgruppe  intermittierend  eine  solche  Stärke 
bekäme,  um  wie  beim  Mann  durch  spezifische  Reaktion  das  Sexual¬ 
objekt  in  günstige  Position  zu  bringen.  Vom  Weibe  wird  aber  verlangt, 
daß  der  Bogen  der  spezifischen  Reaktion  ausfalle,  dafür  sind  permanente 
spezifische  Aktionen  verlangt,  die  das  männliche  Individuum  zur 
spezifischen  Aktion  verlocken.  Es  wird  also  die  Sexualspannung  niedrig 
gehalten,  ihr  Zufluß  zur  psychischen  Sexualgruppe  möglichst  abgesperrt 

!)  D.  h.  „daß  bei  so  vielen  Melancholischen  lange  vorher  Anästhesie  bestan¬ 
den  hat“. 

2)  D.  h.  „daß  alles,  was  Anästhesie  hervorruft,  die  Entstehung  von  Melan¬ 
cholie  fördert“. 


Manuskript  G 


117 

und  die  unentbehrliche  Stärke  der  psychischen  Sexualgruppe  auf 
andere  Weise  bestritten.  Gerät  nun  die  psychische  Sexualgruppe  in 
den  Zustand  der  Sehnsucht,  so  verwandelt  sich  diese  bei  niedrigem 
Stand  vom  Endorgan1  leicht  in  Melancholie.  Die  psychische  Sexual¬ 
gruppe  für  sich  ist  wenig  widerstandsfähig.  Es  ist  dies  der  juvenile  un¬ 
reife  Typus  der  Libido  und  die  erwähnten  anspruchsvoll-anästhe¬ 
tischen  Frauen  setzen  nur  diesen  Typus  fort. 

2.  Weil  die  Frauen  so  häufig  ohne  Liebe,  d.h.  mit  geringer  somatischer 
Sexualspannung  und  Endorganspannung  zum  Geschlechtsakt  schreiten, 
heiraten.  Sie  sind  dann  frigid  und  bleiben  es. 

Der  niedrige  Stand  von  Spannung  im  Endorgan  scheint  die  Haupt¬ 
disposition  zur  Melancholie  zu  enthalten.  Bei  solchen  Personen  nehmen 
alle  Neurosen  leicht  das  melancholische  Gepräge  an.  Während  also  die 
potenten  Personen  leicht  Angstneurosen  bekommen,  neigen  die  im¬ 
potenten  zur  Melancholie. 

VI 

Wie  kann  man  sich  nun  Wirkungen  der  Melancholie  erklären? 
Beste  Schilderung:  Psychische  Hemmung  mit  Trieb¬ 
verarmung  und 
Schmerz  darüber. 

Man  kann  sich  vorstellen, 
wenn  die  psychische  Sexual¬ 
gruppe  sehr  stark  an  Er¬ 
regungsgröße  verliert,  bildet 
sich  gleichsam  eine  Ein¬ 
ziehung  im  Psychi¬ 
schen,  die  auf  die  an¬ 
stoßenden  Erregungsgrößen 
saugend  wirkt.  Die  assozi¬ 
ierten  Neuronen  müssen  ihre 
Erregung  abgeben,  was 
Schmerz  erzeugt. 
Die  Lösung  von  Assoziatio¬ 
nen  ist  immer  schmerzlich 
Gleichsam  durch  innere 

I)'  Gemeint  ist  wohl:  bei  niedrigem  Stand  der  Spannung  im  Endorgan. 


n8 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Verblutung  entsteht  eine  Verarmung  an  Erregung,  am  freien 
Vorrat,  die  sich  an  den  anderen  Trieben  und  Leistungen  kundgibt. 
Als  Hemmung  wirkt  diese  Einziehung  wie  eine  Wunde  (siehe  Theorie 
des  physischen  Schmerzes)  analog  dem  Schmerz.  Gegenstück  dazu 
wäre  die  Manie,  wo  sich  die  überquellende  Erregung  allen  assoziierten 
Neuronen  mitteilt.  Hier  ergibt  sich  nun  eine  Ähnlichkeit  mit  der 
Neurasthenie.  Bei  der  Neurasthenie 


che  Verarmung  da- 
regung  gleichsam 
ausrinnt,  aber  hier 


entsteht  ganz  ähnli 

durch,  daß  die  Er  ^ ^ 

wie  durch  ein  Loch 

wird  somatische  Sexual 

Melancholie  ist  das  Loch 

nische  Verarmung  kann 

liHprorpifbr»  Dip  HrsrVipin 


Spannung  leer  gepumpt,  bei 
im  Psychischen.  Die  neuras the- 
aber  bis  auf  das  Psychische 
ungen  sind  auch  wirklich  so  ähn~ 
sorgfältig  sondern  muß. 


(. Manuskript  H) 


PARANOIA1 


Die  Wahnvorstellung  steht  in  der  Psychiatrie  neben  der  Zwangs¬ 
vorstellung  als  rein  intellektuelle  Störung,  die  Paranoia  neben  dem 
Zwangsirresein  als  intellektuelle  Psychose.  Wenn  die  Zwangsvorstellung 
einmal  auf  Affektstörung  zurückgeführt  ist,  der  Nachweis  erbracht 
ist,  daß  sie  ihre  Stärke  einem  Konflikt  verdankt,  dann  muß  die  Wahn¬ 
vorstellung  derselben  Auffassung  verfallen,  dann  ist  auch  sie  die  Folge 

i)  Beilage  zu  dem  hier  nicht  abgedruckten  Brief  vom  24.  I.  Ein  Teil  der 
hier  niedergelegten  Auffassungen  hat  Aufnahme  gefunden  in  dem  Aufsatz 
,, Weitere  Bemerkungen  über  die  Abwehr-Neuropsychosen“  (Neurologisches 
Zentraiblatt,  1896,  10),  wo  als  II.  Abschnitt  die  „Analyse  eines  Falles  von 
chronischer  Paranoia“  gegeben  ist,  den  Freud  in  einer  Fußnote  in  1924  ( G.S .  I, 
S.  376)  als  „Dementia  paranoides“  klassifiziert.  Doch  reicht  die  Publikation 
von  1896  nicht  an  die  vorliegenden  Ausführungen  heran.  Namentlich  die  ins 
einzelne  gehende  Diskussion  der  Projektion  und  ihre  Verwendung  in  normalen 
und  abnormalen  psychischen  Vorgängen  findet  sich  erst  in  späteren  Schriften 
Freuds;  eine  zusammenfassende  selbständige  Darstellung  des  Projektions¬ 
mechanismus,  der  namentlich  in  „Psychoanalytische  Bemerkungen  über  einen 
autobiographisch  beschriebenen  Fall  von  Paranoia  (Dementia  Paranoides)“ 
(Schreber)  von  manchen  Seiten  her  beleuchtet  wurde,  ist  nie  erschienen.  — 
Die  Betonung  des  Abwehrbegriffes  in  der  vorliegenden  Studie  und  der  Vergleich 
der  Abwehrleistungen  verschiedener  Krankheitsbilder  nimmt  manches  vorweg, 
das  erst  dreißig  Jahre  später  in  „Hemmung,  Symptom  und  Angst“  ausgeführt 
und  neu  begründet  wurde. 


Manuskript  H 


119 

von  Affektstörungen  und  verdankt  ihre  Stärke  einem  psychologischen 
Vorgang. 

Das  Gegenteil  davon  wird  von  den  Psychiatern  angenommen, 
während  der  Laie  gewohnt  ist,  den  Wahnsinn  von  erschütternden 
seelischen  Erlebnissen  abzuleiten.  Wer  über  gewisse  Dinge  den  Ver¬ 
stand  nicht  verliert,  „der  hat  keinen  zu  verlieren“.1 

Es  ist  nun  in  der  Tat  so:  die  chronische  Paranoia  in  ihrer  klassischen 
Form  ist  ein  pathologischer  Modus  der  Abwehr  wie 
Hysterie,  Zwangsneurose  und  halluzinatorische  Verworrenheit.  Man 
wird  paranoisch  über  Dinge,  die  man  nicht  verträgt,  vorausgesetzt 
daß  man  die  eigentümliche  psychische  Disposition  dazu  besitzt. 

Worin  besteht  diese  Disposition?  In  der  Neigung  zu  dem,  was  das 
psychische  Kennzeichen  der  Paranoia  darstellt,  und  dies  wollen  wir 
uns  an  einem  Beispiel  betrachten: 

Eine  etwa  30- jährige  alternde  Jungfrau  lebt  mit  Bruder  and  Schwester 
gemeinsam.  Sie  gehören  dem  besseren  Arbeiterstande  an,  der  Bruder 
arbeitet  sich  zum  kleinen  Fabrikanten  empor.  Unterdes  vermieten 
sie  ein  Zimmer  an  einen  Genossen,  einen  vielgereisten,  etwas  rätsel¬ 
haften,  sehr  geschickten  und  intelligenten  Mann,  der  1  Jahr  lang  bei 
ihnen  haust  und  ihnen  der  beste  Kamerad  und  Gesellschafter  ist.  Der 
Mann  zieht  wieder  ab,  um  nach  6  Monaten  wiederzukehren.  Er  bleibt 
jetzt  nur  kürzere  Zeit  und  verschwindet  dann  endgütig.  Die  Schwestern 
bedauern  oft  seine  Abwesenheit,  wissen  ihm  nur  Gutes  nachzusagen, 
doch  erzählt  die  jüngere  der  älteren  von  einem  Mal,  wo  er  den  Versuch 
machte,  sie  in  Gefahr  zu  bringen.  Sie  räumte  die  Zimmer  auf,  während 
er  noch  im  Bette  lag;  da  rief  er  sie  zum  Bett  und  als  sie  ahnungslos 
kam,  gab  er  ihr  seinen  Penis  in  die  Hand.  Die  Szene  hatte  keinerlei 
Fortsetzung,  der  Fremde  verreiste  bald  nachher. 

Im  Laufe  der  nächsten  Jahre  wurde  die  Schwester,  die  das  erlebt 
hatte,  leidend,  begann  zu  klagen  und  endlich  formte  sich  ein  unver¬ 
kennbarer  Beachtungs-  und  Verfolgungswahn  des  Inhaltes:  die  Nach¬ 
barinnen  bedauerten  sie  als  eine  Sitzengebliebene,  die  immer  noch  auf 
jenen  Mann  warte,  man  mache  ihr  Andeutungen  dieser  Art,  sage  ihr 
allerlei  in  Bezug  auf  diesen  Mann  nach  und  dergleichen.  Das  sei  natür¬ 
lich  alles  unwahr.  Diesem  Zustand  verfällt  die  Kranke  seither  nur  auf 


!)  Lessing:  Emilia  Galotti. 


120 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Wochen,  sie  wird  zeitweise  wieder  klar,  erklärt  das  alles  für  Folgen 
der  Aufregung,  leidet  übrigens  auch  in  den  Intervallen  an  unschwer 
sexuell  zu  deutender  Neurose  —  und  gerät  bald  wieder  in  einen  neuen 
Schub  von  Paranoia  hinein. 

Die  ältere  Schwester  hat  mit  Erstaunen  bemerkt,  daß  die  Kranke, 
sobald  das  Gespräch  auf  jene  Szene  der  Versuchung  kam,  dieselbe 
leugnete.  Breuer  erfuhr  von  dem  Fall,  sie  wurde  zu  mir  geschickt  und 
ich  bemühte  mich,  den  Drang  zur  Paranoia  zu  heilen,  dadurch  daß 
ich  die  Erinnerung  an  jene  Szene  in  ihr  Recht  einsetzen  wollte.  Es 
gelang  nicht,  ich  sprach  sie  zweimal,  ließ  mir  in  der  Konzentrations  - 
hypnose  alles  auf  den  Gast  Bezügliche  erzählen,  bekam  auf  meine 
dringenden  Fragen,  ob  nicht  doch  etwas  „Genantes“  vorgefallen,  die 
entschiedenste  Verneinung  zur  Antwort  und  —  sah  sie  nicht  wieder. 
Sie  ließ  mir  mitteilen,  es  rege  sie  zu  sehr  auf.  Abwehr!  Das  war  klar 
zu  erkennen.  Sie  wollte  nicht  daran  erinnert  werden,  folglich  hat 
sie  es  absichtlich  verdrängt. 

Die  Abwehr  war  ganz  unzweifelhaft,  sie  hätte  sich  ebensowohl  ein 
hysterisches  Symptom  oder  eine  Zwangsvorstellung  anschaffen  können. 
Worin  lag  aber  das  Eigentümliche  der  paranoischen  Abwehr? 

Sie  ersparte  sich  etwas;  etwas  wurde  verdrängt.  Es  läßt  sich  erraten 
was.  Wahrscheinlich  war  sie  wirklich  in  Aufregung  ob  des  Anblicks 
geraten  und  ob  der  Erinnerung  daran.  Sie  ersparte  sich  also  den  Vor¬ 
wurf:  eine  „schlechte  Person“  zu  sein.  Denselben  bekam  sie  dann  von 
außen  zu  hören.  Der  sachliche  Inhalt  blieb  also  unge¬ 
stört  erhalten,  es  änderte  sich  aber  etwas  an  der  Stellung  des  ganzen 
Dinges.  Früher  war  es  ein  innerer  Vorwurf,  jetzt  eine  von  außen  kom¬ 
mende  Zumutung.  Das  Urteil  über  sie  war  nach  außen  versetzt,  die 
Leute  sagten  das,  was  sonst  sie  sich  gesagt  hätte.  Etwas  war  profitiert 
dabei.  Das  von  innen  erfolgte  Urteil  hätte  sie  akzeptieren  müssen. 
Das  von  außen  anlangende  konnte  sie  ablehnen.  Das  Urteil,  der 
Vorwurf,  war  somit  vom  Ich  ferngehalten. 

Die  Paranoia  hat  also  die  Absicht,  eine  dem  Ich  unverträgliche  Vor¬ 
stellung  dadurch  abzuwehren,  daß  deren  Tatbestand  in  die  Außenwelt 
projiziert  wird. 

Zwei  Fragen:  Wie  kommt  man  zu  einer  solchen  Verlegung?  Gilt 
das  noch  für  andere  Fälle  von  Paranoia? 


Manuskript  H 


121 


Ad  I.  Sehr  einfach,  es  handelt  sich  um  den  Ausbruch  eines  im 
Normalen  sehr  häufig  gebrauchten  psychischen  Mechanismus  der 
Verlegung  oder  Projektion.  Bei  jeder  inneren  Veränderung  haben  wir 
die  Wahl,  ob  wir  eine  innere  oder  äußere  Ursache  annehmen  wollen. 
Wo  uns  etwas  von  dem  inneren  Hergang  abdrängt,  werden  wir  natürlich 
zum  äußeren  greifen.  Zweitens  sind  wir  gewöhnt,  daß  unsere  inneren 
Zustände  (durch  den  Ausdruck  der  Gemütsbewegung)  den  anderen 
verraten  werden.  Das  ergibt  den  normalen  Beachtungswahn  und  die 
normale  Projektion.  Normal  ist  das  nämlich,  so  lange  wir  uns  dabei 
unserer  eigenen  inneren  Veränderung  bewußt  bleiben.  Vergessen  wir 
an  die,  erübrigt  nur  der  Schenkel  des  Syllogismus,  der  nach  außen 
führt,  so  ist  die  Paranoia  da  mit  der  Überschätzung  dessen,  was  man 
von  uns  weiß,  und  dessen,  was  man  uns  angetan  hat.  Was  weiß 
man  von  uns,  was  wir  gar  nicht  wissen,  nicht  zugeben  können. 
Also  Mißbrauch  des  Projektionsmechanismus 
zu  Zwecken  der  Abwehr. 

Bei  den  Zwangsvorstellungen  geht  nämlich  etwas  ganz  Analoges  vor 
sich.  Auch  der  Substitutionsmechanismus  ist  ein  normaler.  Wenn  die 
alte  Jungfrau  sich  einen  Hund  hält,  der  Hagestolz  Tabakdosen  sammelt, 
so  substituiert  erstere  ihr  Bedürfnis  nach  ehelicher  Gemeinschaft, 
letzterer  sein  Bedürfnis  nach — zahlreichen  Eroberungen.  Jeder  Samm¬ 
ler  ist  ein  substituierter  Don  Juan  Tenorio,  wie  auch  der  Bergspitzen¬ 
bezwinger,  der  Sportsmann,  u.  dgl.  Es  sind  das  erotische  Äquivalente. 
Die  Frauen  kennen  sie  auch.  Die  gynäkologische  Behandlung  fällt 
unter  diesen  Gesichtspunkt.  Es  gibt  zwei  Sorten  von  kranken  Frauen, 
die  einen,  die  ihrem  Arzt  so  treu  sind  wie  ihrem  Mann,  die  anderen 
die  ihre  Ärzte  so  wechseln  wie  die  Liebhaber. 

Dieser  normal  wirkende  Substitutionsmechanismus  wird  nun  bei 
den  Zwangsvorstellungen  mißbraucht  —  gleichfalls  zu  Zwecken  der 
Abwehr. 

Nun  gilt  eine  solche  Auffassung  auch  für  andere  Fälle  von  Paranoia? 

Ich  sollte  meinen  für  alle.  Ich  will  Muster  hernehmen. 

Der  Querulantparanoiker  verträgt  die  Idee  nicht,  daß  er  Unrecht 
getan  hat,  oder  daß  er  sich  von  seinem  Besitz  trennen  soll.  Folglich  ist 
das  Urteil  nicht  rechtskräftig,  er  hat  nicht  Unrecht  u.  dgl.  Der  Fall  ist 
zu  klar,  vielleicht  nicht  ganz  eindeutig,  etwa  einfacher  aufzulösen. 


122 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Die  grande  nation  kann  die  Idee  nicht  fassen,  daß  sie  im  Krieg 
besiegt  werden  kann.  Ergo  ist  sie  nicht  besiegt  worden,  der  Sieg  gilt 
nicht;  sie  gibt  das  Beispiel  einer  Massenparanoia  und  erfindet  den 
Wahn  des  Verrates. 

Der  Alkoholiker  wird  sich  nie  eingestehen,  daß  er  durch  Trinken 
impotent  geworden  ist.  Soviel  Alkohol  er  verträgt,  diese  Einsicht 
verträgt  er  nicht.  Also  ist  die  Frau  die  Schuldige  —  Eifersuchtswahn 
u.  dgl. 

Der  Hypochonder  wird  lange  ringen,  bis  er  für  seine  Empfindungen 
von  schwerem  Kranksein  den  Schlüssel  gefunden  hat.  Er  wird  sich 
nicht  eingestehen,  daß  sie  von  seinem  sexuellen  Leben  herrühren,  es 
gewährt  ihm  aber  die  größte  Befriedigung,  wenn  sein  Leiden  kein 
endogenes,  nach  Moebius,  sondern  ein  exogenes  ist,  folglich  ist  er 
vergiftet. 

Der  beim  Avancement  übergangene  Beamte  bedarf  des  Verfol¬ 
gungskomplottes  und  des  Ausspioniertwerdens  in  seinem  Zimmer, 
sonst  muß  er  sich  seinen  Schiffbruch  eingestehen. 

Es  muß  ja  nicht  immer  Verfolgungswahn  sein,  der  so  entsteht. 
Ein  Größenwahn  leistet  es  vielleicht  noch  besser,  das  Peinliche  vom 
Ich  abzuhalten.  Da  ist  die  verblühte  Köchin,  die  sich  an  den  Gedanken 
gewöhnen  dürfte,  daß  sie  vom  Liebesglück  ausgeschlossen  bleibt. 
Das  ist  der  richtige  Moment  für  den  Herrn  gegenüber,  der  sie  offenbar 
heiraten  will  und  es  ihr  in  so  merkwürdig  schüchterner  Weise,  aber 
doch  merkbar  zu  verstehen  gibt. 

In  allen  Fällen  wird  die  Wahnidee  gehalten  mit  derselben  Energie, 
mit  welcher  eine  andere  unerträglich  peinliche  Idee  vom  Ich  abgewehrt 
wird.  Sie  lieben  also  den  Wahn  wie  sich  selbst.  Das  ist 
das  Geheimnis. 

Nun,  wie  verhält  sich  diese  Form  der  Abwehr  zu  den  bereits  ge¬ 
kannten: 

i.  Hysterie,  2.  Zwangsvorstellung,  3.  halluzinatorische  Verworren¬ 
heit,  4.  Paranoia. 

In  Betracht  kommt:  Affekt,  Inhalt  der  Vorstellung,  und  die  Halluzi¬ 
nationen. 

1.  Hysterie  Die  unverträgliche  Vorstellung  wird  nicht  zur  Assozia¬ 
tion  mit  dem  Ich  zugelassen.  Der  Inhalt  bleibt  abgesprengt 


Manuskript  H 


123 


124 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


erhalten,  fehlt  im  Bewußtsein,  ihr  Affekt  wird  durch  Konversion 
ins  Körperliche  verschoben  .  .  . 

2.  Zwangsvorstellung:  Die  unverträgliche  Vorstellung  wird  gleich¬ 
falls  nicht  zur  Assoziation  zugelassen.  Affekt  bleibt  erhalten; 
Inhalt  substituiert. 

3.  Halluzinatorische  Verworrenheit:  Die  ganze  unverträgliche  Vor¬ 
stellung-Affekt  und  Inhalt  werden  vom  Ich  abgehalten,  was 
nur  auf  Kosten  einer  partiellen  Lösung  von  der  Außenwelt 
möglich  ist.  Es  kommt  zu  Halluzinationen,  die  dem  Ich  freund¬ 
lich  sind  und  die  Abwehr  unterstützen. 

4.  Paranoia:  Inhalt  und  Affekt  der  unverträglichen  Vorstellung 
bleiben  erhalten,  recht  im  Gegensatz  zu  3.,  werden  aber  in  die 
Außenwelt  projiziert  —  Halluzinationen,  die  bei  manchen  Formen 
entstehen,  sind  dem  Ich  feindlich,  unterstützen  aber  die  Abwehr. 

Im  Gegensatz  dazu  die  hysterischen  Psychosen,  in  denen  gerade  die 
abgewehrten  Vorstellungen  zur  Macht  kommen.  Typus  Anfall  und 
Etat  secondaire.  Halluzinationen  sind  dem  Ich  feindlich. 

Wahnidee  ist  entweder  Abklatsch  oder  Gegensatz  der  abgewehrten 
Vorstellung  (Größenwahn).  Paranoia  und  halluzinatorische  Verworren¬ 
heit  sind  die  beiden  Trotz-  oder  Justamentspsychosen. 
Die  „Eigenbeziehung“  der  Paranoia  ist  analog  den  Halluzinationen  der 
Verworrenheit,  die  ja  gerade  das  Gegenteil  der  abgewehrten  Tatsache 
behaupten  wollen.  So  will  Eigenbeziehung  stets  die  Richtigkeit  der 
Projektion  erweisen. 


22 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  4.  3.  95. 


Wissenschaftlich  wenig  Neues.  Ich  schreibe  eilig  an  dem 
Aufsatz  Therapie  der  Hysterie1.  Daher  auch  meine  Ver- 

i)  Erschienen  unter  dem  Titel  „Zur  Psychotherapie  der  Hysterie“  als  letzter 
Abschnitt  der  „Studien  über  Hysterie“.  (G.W.  I.) 


Manuskript  I 


125 

spätung.  .  .  .  Habe  Dir  nichts  beizulegen.  Höchstens  kleine 
Analogie  zu  der  Traumpsychose  der  D.,  die  wir  erlebt  haben. 
Der  Rudi  Kaufmann,  ein  sehr  intelligenter  Neffe  von  Breuer, 
auch  Mediziner,  ist  ein  Spätaufsteher  und  läßt  sich  von  einer 
Bedienerin  wecken,  der  er  dann  sehr  ungern  folgt.  Eines 
Morgens  weckt  sie  ihn  wieder  und  ruft  ihn,  da  er  sie  nicht 
hören  will,  bei  seinem  Namen:  „Herr  Rudi“.  Darauf  halluzi¬ 
niert  der  Schläfer  eine  Spitalstafel  (vgl.  Rudolfinerhaus !)  mit 
dem  Namen:  Rudolf  Kaufmann  darauf  und  sagt  sich:  Also  ist 
der  R.  K.  ohnedies  schon  im  Spital,  da  brauch’  ich  ja  nicht 
hinzugehen,  und  schläft  weiter!1 

.  .  .  Vielleicht  fällt  Dir  der  kleine  Aufsatz  über  Migräne  in 
die  Hand.  Er  enthält  bloß  zwei  Leitmotive.2 

•  •  • 

Schnelle  Genesung  wünschen  Euch  alle  und  ich. 

Dein 

Sigm. 


(. Manuskript  I ) 


MIGRAINE,  FESTE  PUNKTE3 

1.  Eine  Summationssache.  Es  dauert  von  einem  Anstoß 
bis  zum  Ausbruch  der  Symptome  Stunden  bis  Tage.  Man  hat 
gleichsam  Empfindung  davon,  wie  ein  Hindernis  überwunden 
wird  und  sich  dann  ein  Vorgang  fortsetzt. 

2.  Eine  Summationssache.  Auch  ohne  Anstoß  gewinnt 
man  den  Eindruck,  als  ob  sich  ein  Reiz  anhäufen  müßte,  der 


U  Verwendet  in  der  „Traumdeutung“,  G.W.  IX-III,  S.  130. 

2)  Bezieht  sich  vermutlich  auf  das  im  folgenden  abgedruckte  Manuskript. 

3)  Undatiertes  Manuskript  aus  dem  Besitz  von  Dr.  Robert  Fliess,  New  Vork; 
vermutlich  identisch  mit  der  im  vorangehenden  Brief  erwähnten  Arbeit. 


126 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


zu  Beginn  des  Intervalls  in  geringster,  gegen  Ende  in  größter 
Quantität  vorhanden  ist, 

3.  Eine  Summationssache,  bei  der  die  Empfindlichkeit 
gegen  Ätiologien  in  der  Niveauhöhe  des  bereits  vorhandenen 
Reizes  besteht. 

4.  Eine  Sache  mit  komplizierter  Ätiologie,  vielleicht 
nach  dem  Schema  der  Kettenätiologie,  wo  eine  nächste  Ursache 
durch  viele  Monate  direkt  und  indirekt  erzeugt  werden  kann, 
oder  nach  dem  der  Summierungs-Ätiologie,  wo  nebst  einer 
spezifischen  Ursache  banale  quantitativ  ersetzend  eintreten 
können. 

5.  Eine  Sache  nach  dem  Vorbild  der  Menstrualmigraine  und  zur 
sexuellen  Gruppe  gehörig.  Beweise: 

a.  Bei  gesunden  Männern  am  seltensten. 

b.  Auf  das  sexuelle  Lebensalter  beschränkt,  Kindheit  und  Alter 
fast  ausgenommen. 

c.  Wenn  durch  Summation  erzeugt,  so  ist  der  sexuelle  Reiz 
etwas  auch  durch  Summation  erzeugtes. 

d.  Die  Analogie  der  Periodizität. 

e.  Häufigkeit  bei  Personen  mit  gestörter  Sexualabfuhr  (Neuras¬ 
thenie,  Coitus  interruptus). 

6.  Sichere  Erzeugung  der  Migraine  durch  chemische  Reize  : 
Menschengift,  Scirocco,  Ermüdung,  Gerüche.  Nun  ist  auch 
der  sexuelle  Reiz  ein  chemischer. 

7.  Aufhören  der  Migraine  in  der  Gravidität,  wo  die  Produktion 
wahrscheinlich  anders  gelenkt  wird. 


Darnach  sollte  man  meinen,  daß  die  Migraine  eine  Gift- 
Wirkung  darstellt,  die  durch  den  sexuellen  Reizstoff  erzeugt 
wird,  wenn  dieser  nicht  genügende  Abfuhr  findet,  wozu  viel¬ 
leicht  noch  gehört,  daß  eine  gewisse  topisch  zu  bestimmende 
Bahn  sich  in  besonderer  Empfänglichkeit  befindet.  Die  Frage 
nach  dieser  ist  die  Frage  nach  der  Lokalisation  der  Migraine. 


Manuskript  I 


127 


8.  Für  diese  Bahn  hat  man  die  Anzeichen,  daß  organische  Erkran¬ 
kungen  des  Schädels,  Tumoren  und  Eiterungen  (ohne  toxische 
Mittelglieder?)  Migraine  oder  Ähnliches  erzeugen,  ferner  daß  die 
Migraine  halbseitig  ist,  mit  der  Nase  zusammenhängt  und  sich 
mit  lokalisierten  Lähmungserscheinungen  verbindet.  Das  erste 
dieser  Zeichen  ist  nicht  eindeutig.  Die  Halbseitigkeit,  Lokalisa¬ 
tion  über  dem  Auge,  Komplikation  mit  herdartigen  Lähmungen 
sind  wichtiger. 

9.  Die  Schmerzhaftigkeit  der  Migraine  läßt  nur  an  die  Hirnhäute 
denken,  da  Hirnsubstanzaffektionen  sicher  schmerzlos  sind. 

10.  Rückt  die  Migraine  so  in  die  Neuralgie,  so  stimmt  dazu  die 
Summation,  die  Empfindlichkeit  mit  ihren  Schwankungen,  die 
Entstehung  von  Neuralgien  durch  toxische  Reize.  Sie  wird  so 
die  toxische  Neuralgie  als  physiologisches  Vorbüd  [haben].1 
Ihr  Schmerzgebiet  ist  die  Schädelhaut,  ihre  Bahn  der  Trige¬ 
minus.  Da  die  neuralgische  Veränderung  aber  nur  eine  zentrale 
sein  muß,  so  ist  ein  Trigeminus-Kern,  dessen  Fasern  die  Dura 
versorgen,  als  logisches  Zentrum  der  Migraine  anzunehmen. 

Da  der  Migraineschmerz  ähnlich  der  Supraorbitalneuralgie 
verlegt  wird,  muß  dieser  Durakern  dem  Kern  für  den  Ramus  I 
benachbart  sein.  Da  die  einzelnen  Trigeminusäste  und  -Kerne 
einander  beeinflussen,  können  auch  alle  anderen  Trigeminus¬ 
affektionen  zur  Ätiologie  als  konkurrierende  (nicht  banale) 
Momente  beitragen. 


Das  Symptombild  und  die  biologische  Stellung 

der  Migraine 

Der  Schmerz  einer  Neuralgie  findet  gewöhnlich  seinen  Abfluß  in 
tonische  Spannung  (selbst  klonische  Zuckung).  Daher  nicht  unmöglich, 
daß  zur  Migraine  spastische  Innervation  der  Gefäßmuskeln  als  Re¬ 
flexgebiet  des  Durabezirkes  gehört.  Dieser  mag  man  die  allgemeine 
ja  selbst  die  lokalisierte  Funktionsstörung  zuschreiben,  die  sich  symp¬ 
tomatisch  von  einer  solchen  durch  Gefäßverengung  nicht  unterscheidet 
(Ähnlichkeit  der  Migraine  mit  Anfällen  von  Thrombose).  Ein  Teil 


!)  Ergänzt. 


128 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


der  Hemmung  kommt  dem  Schmerz  an  und  für  sich  zu.  Mutmaßlich 
ist  es  das  Gefäßgebiet  des  Plexus  choroideus,  welches  zunächst  von 
dem  Abfuhrspasmus  betroffen  wird.  Die  Beziehung  zu  Auge  und  Nase 
erklärt  sich  durch  die  gemeinschaftliche  Angehörigkeit  zum  I.  Ast. 


Liebster  Wilhelm! 


Wien,  27.  4.  95. 


Heute  ist  Dein  erwarteter  Brief  gekommen  und  hat  mich  sehr 
froh  gemacht.  Da  ist  Gesundheit,  Arbeit,  Fortschritt  endlich 
wieder  zu  treffen.  Ich  bin  natürlich  auf  alle  Neuigkeiten  sehr 
neugierig.  .  .  . 

Im  Übrigen  ist  es  mit  der  Entfernung  und  dem  Briefschreiben 
ein  großes  Elend,  dem  gar  nicht  abzuhelfen  ist.  Besonders  wemi 
man  ohnehin  soviel  schreibt  wie  ich  und  dann  zeitweise  den 
Horror  calami  kennen  lernt.  .  .  . 

Wissenschaftlich  bin  ich  übel  daran,  nämlich  so  in  die 
„Psychologie  für  den  Neurologen“  verrannt,  die  mich  regel¬ 
mäßig  ganz  aufzehrt,  bis  ich  wirklich  überarbeitet  abbrechen 
muß.  Ich  habe  nie  eine  so  hochgradige  Präokkupation  durch¬ 
gemacht.  Und  ob  etwas  damit  wird?  Ich  hoffe,  aber  es  geht 
schwer  und  langsam. 

Neurosenfälle  sind  jetzt  sehr  selten,  meine  Praxis  zieht  sich 
ins  Intensive,  das  Extensive  läßt  nach.  Verschiedene  Kleinig¬ 
keiten.  Ein  paar  Seiten  über  eine  von  Bernhardt  beschriebene 
Sensibilitätsstörung,  an  der  ich  auch  leide,  werde  ich  Dir  für 
den  Mendel  schicken.1  Schmarrn  natürlich,  nur  um  die  Leute 
zu  beschäftigen.  Löwenfeld  hat  mich  in  einer  Märznummer 
der  Münch.  Med.  W.  angegriffen,  ich  werde  auf  ein  paar  Seiten 
im  Paschkis  antworten  u.  dgl.2 


1)  „Über  die  Bernhardtsche  Sensibilitätsstörung  am  Oberschenkel“.  Neurol. 
Zentralblatt,  1895,  Nr.  11. 

2)  S.  L.  Löwenfeld,  „Über  die  Verknüpfung  neurasthenischer  und  hyste¬ 
rischer  Symptome  in  Anfallsform  nebst  Bemerkungen  über  die  Freudsche 
Angstneurose“.  Münchner  Medizinische  Wochenschrift,  Nr.  13,  1895.  Freuds 
Erwiderung  ist  in  der  Arbeit  „Zur  Kritik  der  Angstneurose“  in  der  Wiener 
klinischen  Rundschau  des  gleichen  Jahres  erschienen.  ( G.W .  I.) 


Brief  vom  25.  5.  95 


129 


Die  Kinderlähmungen  für  Nothnagel  muß  ich  wohl  auch  in 
Angriff  nehmen,  aber  mein  Interesse  ist  anderswo  fixiert.1 
My  heart  is  in  the  coffin  here  with  Caesar. 

•  •  • 

Dies  der  Status  praesens  in  wissenschaftlichen  und  privaten 
Dingen.  Sei  mir  herzlichst  gegrüßt  und  übertrage  ein  gutes 
Stück  davon  auf  Deine  hebe  Frau. 

Dein 

Sigm. 


24 

Wien,  25.  5.  95. 

Liebster  Wilhelm ! 

.  .  .  Ich  hatte  immenschlich  viel  zu  tun  und  bin  nach  10- 11 
stündiger  Neurosenarbeitszeit  regelmäßig  unfähig  gewesen,  zur 
Feder  zu  greifen,  um  Dir  wenig  zu  schreiben,  wo  ich  Dir  seht 
viel  zu  sagen  hätte.  Der  Hauptgrund  aber  war  der :  ein  Mensch 
wie  ich  kann  ohne  Steckenpferd,  ohne  herrschende  Leidenschaft, 
ohne  einen  Tyrannen,  mit  Schiller  zu  reden,  nicht  leben,  und 
der  ist  mir  geworden.  In  dessen  Dienst  kenne  ich  nun  auch 
kein  Maß.  Es  ist  die  Psychologie,  von  jeher  mein  fern  winkendes 
Ziel,  jetzt  seitdem  ich  auf  die  Neurosen  gestoßen  bin,  um  soviel 
näher  gerückt.  Mich  quälen  zwei  Absichten,  nachzusehen  wie 
sich  die  Funktionslehre  des  Psychischen  gestaltet,  wenn  man 
die  quantitative  Betrachtung,  eine  Art  Ökonomik  der  Nerven- 
kraft  einführt,  und  zweitens  aus  der  Psychopathologie  den 
Gewinn  für  die  normale  Psychologie  herauszuschälen.  Tat¬ 
sächlich  ist  eine  befriedigende  Gesamtauffassung  der  neuro- 
psychotischen  Störungen  unmöglich,  wenn  man  nicht  an  klare 
Annahmen  über  die  normalen  psychischen  Vorgänge  anknüpfen 
kann.  Solcher  Arbeit  habe  ich  in  den  letzten  Wochen  jede  freie 
Minute  gewidmet,  die  Nachtstunden  von  11-2  mit  solchem 

*)  Die  Arbeit  über  „Die  infantile  Cerebrallähmung“  ist  erst  1897  erschienen 
und  wird  als  drückende  Verpflichtung  in  den  Briefen  öfters  erwähnt. 

h 


130 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Phantasieren,  Übersetzen  und  Erraten  verbracht  und  immer 
erst  aufgehört,  wenn  ich  irgendwo  auf  ein  Absurdum  gestoßen 
war  oder  mich  wirklich  und  ernstlich  überarbeitet  hatte,  so  daß 
ich  kein  Interesse  für  die  tägliche  ärztliche  Tätigkeit  mehr  in 
mir  vorfand.  Nach  Resultaten  wirst  Du  mich  noch  lange  nicht 
fragen  können.  Auch  meine  Lektüre  ist  derselben  Richtung 
gefolgt.  Ein  Buch  von  W.  Jerusalem,  die  Urteüsfunktion,1  hat 
mich  sehr  gefördert,  in  dem  ich  zwei  meiner  Hauptgedanken 
vorfand,  daß  das  Urteilen  in  einer  Übertragung  ins  Motorische 
besteht,  und  daß  die  innere  Wahrnehmung  nicht  auf  „Evidenz“ 
Anspruch  machen  kann. 

Eine  große  Freude  bereiten  mir  die  Neurosenarbeiten  in  der 
Praxis.  Fast  alles  bestätigt  sich  täglich.  Neues  kommt  hinzu 
und  die  Gewißheit,  den  Kern  der  Sache  in  der  Hand  zu  haben, 
tut  mir  wohl.  Ich  hätte  eine  ganze  Reihe  der  merkwürdigsten 
Sachen  Dir  mitzuteilen,  aber  brieflich  geht  es  nicht  und  meine 
Aufzeichnungen  sind  in  der  Hetze  dieser  Tage  so  fragmentarisch, 
daß  sie  Dir  nichts  sagen  würden.  .  .  . 

Deine  Mitteilungen  hätten  mich  schreien  machen  können. 
Wenn  Du  wirklich  das  Konzeptionsproblem  gelöst  hast,2  so  geh 
nur  gleich  mit  Dir  zu  Rate,  welche  Sorte  Marmor  am  ehesten 
Deinen  Beifall  finden  kann.  Für  mich  kommst  Du  um  einige 
Monate  zu  spät,  aber  man  kann  es  vielleicht  nächstes  Jahr  ver¬ 
wenden.  Jedenfalls  brenne  ich  vor  Neugierde,  etwas  darüber 
zu  hören. 

•  •  • 

Breuer  hingegen  ist  nicht  zu  erkennen.  Man  muß  ihn  wieder 
ohne  Einschränkung  gern  haben.  Er  hat  die  ganze  Nase3  ak¬ 
zeptiert  von  Dir  und  macht  Dir  einen  Riesenruf  in  Wien,  wie 

!)  W.  Jerusalem,  „Urteilsfunktion“.  1895.  Jerusalem,  der  mit  Phänomenen 
des  Hypnotismus  und  den  Schriften  von  Charcot,  Richet  und  Bernheim  ver¬ 
traut  war,  vertritt  in  diesem  Buche  die  Berechtigung  der  „Annahme  unbe¬ 
wußter  psychischer  Phänomene“.  Es  ist  wahr  sch  einlich,  daß  auch  seine  Erör¬ 
terungen  über  die  Wichtigkeit  der  „Beobachtungen  der  Kinderseele  und 
Benützung  der  Berichte  über  das  Seelenleben  wenig  entwickelter  Völker“ 
(S.  19)  auf  Freud  anregend  wirkten. 

2)  Öffenbar  die  Frage,  in  welchen  Zeitpunkten  die  größte  und  die  kleinste 
Wahrscheinlichkeit  der  Befrachtung  besteht. 

3)  Fliess’  Lehre  von  der  nasalen  Reflexneurose. 


Brief  vom  12.  6.  95 


131 

er  sich  im  ganzen  Umfang  zu  meiner  Sexualitätslehre  bekehrt 
hat.  Das  ist  doch  ein  ganz  anderer  Kerl  als  wir  es  zu  finden 
gewöhnt  sind. 

•  •  • 

Mit  herzlichstem  Gruß  für  Dich  und  Deine  liebe  Frau  und  der 
Bitte  keine  Präzedenz  aus  den  letzten  Wochen  zu  schaffen 

Dein 


Sigm. 


Mein  teurer  Wilhelm ! 


WTien,  12,  6.  95. 


Du  hast  Recht  zu  vermuten.,  daß  ich  übervoll  mit  Neuigkeiten 
bin,  auch  mit  theoretischen.  Die  Abwehr  hat  einen  wichtigen 
Schritt  nach  vorwärts  gemacht,  von  dem  ich  Dir  nächstens  in 
einer  kleinen  Aufschreibung  Rechenschaft  geben  werde.  Aber 
auch  die  psychologische  Konstruktion  tut,  als  ob  sie  gelingen 
wollte,  was  mir  eine  riesige  Freude  wäre.  Natürlich  noch  nichts 
Sicheres  zu  sagen.  Darüber  jetzt  Mitteilung  machen,  hieße 
einen  sechs-monatlichen  Fötus  von  einem  Mädchen  auf  den 
Ball  schicken. 

•  •  • 

Ich  habe  Rauchen  wieder  begonnen,  weil  es  mir  immer  gefehlt 
hat  (nach  14  monatlicher  Abstinenz)  und  weil  ich  den  psychischen 
Kerl  gut  behandeln  muß,  sonst  arbeitet  er  mir  nichts.  Ich  ver¬ 
lange  sehr  viel  von  ihm.  Die  Plage  ist  meist  übermenschlich. 

Herzlichsten  Gruß  von  uns  allen,  denen  es  sehr  gut  geht,  an 
Dich  und  Deine  liebe  Frau. 

Dein 


Sigm. 


132 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


26 

6.  8.  95. 
ord.  3-5  h. 

Dr.  Sigmund  Freud, 

IX.  Berggasse  19. 

Liebster  I 


Ich  teile  Dir  mit,  daß  ich  nach  langer  Denkarbeit  glaube, 
zum  Verständnis  der  pathologischen  Abwehr  und  damit  vieler 
wichtiger  psychologischer  Vorgänge  durchgedrungen  zu  sein. 
Klinisch  hatte  sich  mir  die  Sache  lange  gefügt,  allein  die  psycho¬ 
logischen  Theorien,  die  ich  brauchte,  ergaben  sich  nur  sehr 
mühselig.  Hoffentlich  ist  es  nicht  „Traumgold“. 

Es  ist  lange  nicht  fertig,  aber  ich  kann  wenigstens  davon  reden 
und  in  vielen  Punkten  Deine  überlegene  naturwissenschaftliche 
Bildung  in  Anspruch  nehmen.  Es  ist  kühn  aber  schön,  wie  Du 
sehen  wirst.  Ich  freue  mich  sehr  darauf,  es  Dir  zu  erzählen.  .  .  . 
Frau  Ida  wird  dafür  sorgen,  daß  ich  aufhöre,  wenn  ich  Dich 
zuviel  gequält  habe. 

Mit  herzlichstem  Gruß  an  die  ganze  kleine  Familie 


27 


Liebster  Wilhelm ! 


Dein 


Sigm. 


Bellevue,  16.  8.  95. 


Ich  war  mehrere  Tage  in  Reichenau,  dann  einige  Tage  unent¬ 
schlossen,  heute  kann  ich  Dir  sicheren  Bericht  geben. 

Ich  reise  zwischen  dem  22.-24.  nach  Venedig  mit  meinem 
kleinen  Bruder1  und  kann  also  leider  .  .  .  nicht  gleichzeitig  in 
Oberhof  sein.  Mein  Motiv,  mich  so  zu  entschließen,  da  ich  mich 
für  eines  entscheiden  mußte,  war  die  Sorge  um  den  Jungen,  der 
mit  mir  die  Verantwortung  für  zwei  alte  Leute,  so  viel  Frauen- 
und  Kindervolk  trägt.  .  .  . 


i)  Alexander  Freud,  geb.  1866,  gest.  1943. 


Brief  vom  1 6.  8.  95 


133 


Mit  cpyco1  ist  es  mir  seltsam  ergangen.  Kurze  Zeit  nach 
meiner  alarmierenden,  Glückwunsch  heischenden  Mitteilung, 
nachdem  der  eine  Vorgipfel  erstiegen  war,  habe  ich  mich  vor 
neuen  Schwierigkeiten  gesehen  und  meinen  Atem  nicht  aus¬ 
reichend  für  die  neue  Arbeit  befunden.  Ich  habe  also,  schnell 
gefaßt,  das  ganze  Alphabet  hingeworfen  und  rede  mir  ein,  daß 
ich  mich  gar  nicht  dafür  interessiere.  Es  ist  mir  selbst  ein  un¬ 
behaglicher  Gedanke,  daß  ich  Dir  davon  erzählen  soll.  Sähe 
ich  Dich  alle  vier  Wochen,  dann  gewiß  nicht  im  September. 
Also,  wie  Du  verlangen  wirst,  desto  mehr  werde  ich  mir  aber 
von  Dir  erzählen  lassen.  Mit  meinen  neurotischen2  Neuigkeiten 
gedenke  ich  aber  auch  nicht  zurückzuhalten. 

Meine  Gesellschaft  befindet  sich  hier  sehr  wohl  in  recht  vor- 
teühaften  Verhältnissen.  Meine  Frau  natürlich  etwas  unbeweg¬ 
lich,  aber  sonst  heiter.  Mein  Sohn  Oliver  hat  seine  aufs  Nächste 
gerichtete  Natur  unlängst  selbst  treffend  charakterisiert.  Er  hat 
einer  begeisterten  Tante,  die  ihn  fragte:  „Oli,  was  willst  Du 
werden  ?“  geantwortet :  „Tante,  im  Februar  fünf  Jahre.“  Auch 
sonst  sind  sie  in  ihrer  Mannigfaltigkeit  sehr  amüsant. 

Mit  der  Psychologie  ist  es  wirklich  ein  Kreuz.  Kegelschieben 
und  Schwämmesuchen  ist  jedenfalls  viel  gesünder.  Ich  wollte 
ja  weiter  nichts  als  die  Abwehr  erklären,  aber  erklärte  etwas 
mitten  aus  der  Natur  heraus.  Ich  habe  das  Qualitätsproblem, 
den  Schlaf,  die  Erinnerung,  kurz  die  ganze  Psychologie  durch¬ 
arbeiten  müssen.  Jetzt  will  ich  nichts  mehr  davon  wissen. 

Die  Suppe  ist  auf  dem  Tisch,  sonst  hätte  ich  weiter  gejam¬ 
mert.  .  .  . 

Sei  herzlichst  gegrüßt  mit  Weib  und  Kind  und  allen  Hoff¬ 
nungen  von  Deinem 

Sigm. 


1)  cpyco  (oder  W)  als  Abkürzung  für  die  Grundhypothesen  der  „Psycho 
logie“a  s.  den  „Entwurf^  S.  371  ff. 

2)  D.  h.  Neuigkeiten  über  Neurosen. 


134 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Liebster  Wilhelm ! 


Bellevue,  23.  9.  95. 


Ich  schreibe  so  wenig  an  Dich,  nur  weil  ich  soviel  für  Dich 
schreibe.  Was  ich  nämlich  noch  im  Eisenbahnwagen  begonnen, 
eine  summarische  Darstellung  der  q>yco,  an  die  Du  Deine  Kritik 
anknüpfen  sollst,  das  setze  ich  jetzt  in  freien  Stunden  und  in 
den  Pausen  zwischen  den  Akten  der  allmählich  sich  steigernden 
Ärztlichkeit  fort.1  Es  ist  schon  ein  stattlicher  Band,  Geschmier 
natürlich,  aber  doch,  wie  ich  hoffe,  eine  Unterlage  für  Deine 
Zutaten,  auf  die  ich  große  Hoffnung  setze.  Mein  ausgeruhter 
Kopf  löst  von  damals  erübrigte  Schwierigkeiten  jetzt  spielend, 
so  z.B.  den  Widerspruch,  daß  die  Handlungen  ihren  Widerstand 
wiederherstellen,  während  die  Neuronen  im  Allgemeinen  der 
Bahnung  unterliegen.  Das  fügt  sich  jetzt  leicht  ein  durch  Hinweis 
auf  die  Kleinheit  der  endogenen  Einzelreize.  Auch  andere  Punkte 
ordnen  sich  jetzt  zu  meiner  größten  Zufriedenheit.  Wieviel  von 
dem  Fortschritt  bei  besserem  Zuschauen  wieder  in  Schein  zer¬ 
fließt,  steht  freilich  noch  dahin.  Aber  Du  hast  mir  den  mächtigen 
Impuls  gegeben,  die  Sache  ernst  nehmen  zu  dürfen. 

Außer  der  Anpassung  an  die  allgemeinen  Bewegungsgesetze, 
die  ich  von  Dir  erwarte,  steht  mir  wohl  zu,  die  Theorie  an  den 
Einzeltatsachen  der  neueren  Experimentalpsychologie  zu  prüfen. 
Die  Faszinationsfähigkeit  des  Themas  ist  für  mich  die  gleiche 
geblieben,  sehr  zum  Nachteil  alles  ärztlichen  Interesses  und 
meiner  Kinderlähmungen,  die  bis  Neujahr  fertig  werden  sollen ! 

Ich  weiß  kaum  sonst  von  anderem  zu  erzählen :  ich  gedenke, 
Dir  die  Sache  vielleicht  in  zwei  Abteilungen  zu  schicken. 
Hoffentlich  tut  mir  Dein  Kopf  den  Gefallen,  die  Belastung  in 
einer  frischen  Zeit  für  eine  federleichte  zu  nehmen.  Deine  auto¬ 
therapeutischen  Versuche  begrüße  ich  sympathisch.  Mir  ist  es 
ergangen,  wie  Du  es  vermutest,  also  gründlich  schlecht,  steigende 
Beschwerden,  seit  der  letzten  Siebbeinoperation.  Wenn  ich  nicht 
irre,  war  heute  ein  Anfang  zur  Milderung. 

!)  Siehe  den  „Entwurf  einer  Psychologie“,  S.  371  ff.  —  Freud  hatte  Fliess 
in  Berlin  besucht. 


Brief  vom  8.  io.  95 


135 


Daß  die  Wahlen  im  III.  Wahlkörper  46  gegen  o,  und  im  II. 
32  gegen  14  liberale  Mandate  ergeben  haben,  hat  Dir  wohl  Ida 
vorgelesen.  Ich  habe  doch  gewählt.  Unser  Bezirk  ist  liberal 
geblieben.1 

Ein  Traum  vorgestern  hat  die  komischesten  Bestätigungen 
der  Auffassung  ergeben,  daß  die  Wunscherfüllung  das  Motiv 
des  Traumes  ist.2  Löwenfeld  hat  mir  geschrieben,  daß  er  eine 
Arbeit  über  Phobien  und  Zwangsvorstellungen  auf  Grund  von 
100  Fällen  vorbereitet,  und  mich  um  verschiedene  Auskünfte 
angegangen.  Ich  habe  zur  Antwort  ihn  gewarnt,  meine  Sachen 
ja  nicht  leicht  zu  nehmen. 

.  .  .  Ich  warte  .  .  .  noch  auf  Deine  Migräneerfahrungen. 
Weib  und  Kindergesindel  befinden  sich  mir  sehr  wohl.  Dir, 
Deiner  lieben  Frau,  für  die  selbst  Alexander  schwärmt,  und  der 
jungen  Hoffnung  wünsche  ich  das  herzlich  Beste. 


Dein 


Sigm. 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  8.  10.  95. 


•  •  • 

Ich  lege  heute  allerlei  zusammen,  einige  Schulden,  die  mich 
an  ausstehenden  Dank  erinnern.  Deine  Krankengeschichte  über 
den  Wehenschmerz  und  zwei  Hefte  von  mir.  Deine  Aufzeich¬ 
nungen  haben  meinen  ersten  Eindruck  verstärkt,  es  sei  wünschens¬ 
wert,  daraus  ein  flügges  Heft  „Nase  und  weibliche  Sexualität“ 

1)  Die  Bemerkung  bezieht  sich  auf  die  fortschreitende  Eroberung  des  Wiener 
Gemeinderates  durch  die  von  K.  Lueger  geführte  christlichsoziale  Partei,  deren 
antisemitische  Tendenz  die  liberale  Partei  erfolglos  zu  bekämpfen  suchte.  In 
den  Jahren  1895-6  ist  Lueger  dreimal  zum  Bürgermeister  gewählt  worden,  aber 
die  kaiserliche  Bestätigung  wurde  bis  April  1897  vorenthalten.  Über  Freuds 
Stellung  zu  Lueger,  der  bis  zu  seinem  1910  erfolgten  Tod  Bürgermeister  von 
Wien  blieb,  s.  Brief  v.  14.  4.  1898  Nr.  88. 

2)  Zu  dieser  Einsicht  war  Freud  im  Juli  1895  gekommen.  Siehe  Brief  v. 
12.  6.  1900  Nr.  137  und  Entwurf,  S.  422  ff. 


136 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


zu  machen.1  Die  Schlußbemerkungen  mit  ihren  überraschend 
einfachen  Aufklärungen  haben  mir  natürlich  sehr  gefehlt. 

Nun  die  zwei  Hefte.2  Sie  sind  in  einem  Zug  seit  meiner 

Rückkehr  vollgeschmiert  worden  und  werden  wenig  Neues  für 

Dich  bringen.  Ein  drittes  Heft  habe  ich  noch  zurückgehalten, 

das  die  Psychopathologie  der  Verdrängung  behandelt,  weil  es 

seinen  Gegenstand  nur  bis  zu  einer  gewissen  Stelle  verfolgt  hat.3 

Von  dort  ab  habe  ich  neu  in  Entwürfen  arbeiten  müssen  und  bin 

dabei  abwechselnd  stolz  und  selig  und  beschämt  und  elend 

• » 

geworden,  bis  ich  jetzt  nach  dem  Übermaß  geistiger  Quälerei 
mir  apathisch  sage :  Es  geht  noch  nicht,  vielleicht  nie  zusammen. 
Was  mir  nicht  zusammengeht,  ist  nicht  das  Mechanische  daran  — 
da  hätte  ich  Geduld  —  sondern  die  Aufklärung  der  Verdrängung, 
deren  klinische  Kenntnisse  übrigens  große  Fortschritte  gemacht 
haben. 

Denk  Dir,  unter  anderem  wittere  ich  folgende  enge  Bedingtheit : 
für  die  Hysterie,  daß  ein  primäres  Sexualerlebnis  (vor  der 
Pubertät)  mit  Abneigung  und  Schreck,  für  die  Zwangsneurose 
daß  es  mit  Lust  stattgefunden  hat.4 

Aber  die  mechanische  Aufklärung  gelingt  mir  nicht,  vielmehr 
ich  will  der  leisen  Stimme  aufmerksam  Gehör  schenken,  die 
mir  sagt,  meine  Erklärungen  schlügen  nicht  ein. 

Das  Heimweh  nach  Dir  und  Deinem  Umgang  kam  diesmal 
etwas  später,  war  aber  sehr  groß.  Ich  bin  allein  mit  meinem 
Kopf,  in  dem  so  vieles  keimt  und  vorläufig  sich  durcheinander 
wirrt.  Ich  erlebe  die  interessantesten  Dinge,  die  ich  nicht 
erzählen  kann  und  die  ich  aus  Mangel  an  Muße  nicht  fixieren 
kann.  (Einen  Torso  lege  ich  Dir  noch  bei.)5  Lesen  mag  ich 
nichts,  weil  es  mich  zu  sehr  in  Gedanken  stürzt  und  mir  den 
Findergenuß  verkümmert.  Kurz,  ich  bin  ein  armer  Einsiedler. 
Jetzt  bin  ich  übrigens  so  erschöpft,  daß  ich  den  Quark  wieder 

!)  Fliess  ist  dieser  Anregung  später  gefolgt.  Seine  1897  bei  Deuticke  in 
Wien  erschienene  Publikation  trägt  den  Titel  „Die  Beziehungen  zwischen  Nase 
und  weiblichem  Geschlechtsorgan“. 

2)  Siehe  S.  373. 

3)  Nicht  erhalten. 

4)  Siehe  dazu  Brief  vom  15.  10.  1895,  Nr.  30. 

6)  Nicht  erhalten. 


Brief  vom  15.  10.  95 


137 


einige  Zeit  hinwerfe.  Ich  will  dafür  Deine  Migraine  studieren.1 
Auch  bin  ich  mit  Löwenfeld  in  eine  briefliche  Polemik  ver¬ 
wickelt.  Nach  Beantwortung  des  Briefes  sollst  Du  ihn  bekommen. 


Meine  herzlichsten  Grüße  an  Frau  Ida  und  klein  Paul(inchen). 
Das  Gesindel  ist  hier  wohl.  Martha  hat  es  sich  wieder  in  Wien 
behaglich  gemacht. 


Dein 


Sigm. 


30 

15.  10.  95. 

Dr.  Sigmund  Freud,  ord.  3-5  h. 

IX.  Berggasse  19. 

Liebster  Wilhelm ! 

Toll,  nicht  wahr,  meine  Korrespondenz.  Ich  war  zwei  Wochen 
lang  im  Schreibfieber,  glaubte  das  Geheimnis  schon  zu  haben, 
jetzt  weiß  ich,  ich  hab’  es  noch  nicht,  und  habe  die  Sache  wieder 
abgeworfen.  Doch  hat  sich  allerlei  geklärt  oder  wenigstens 
auseinandergelegt.  Ich  verzage  nicht  daran.  Habe  ich  Dir  das 
große  klinische  Geheimnis  schon  mündlich  oder  schriftlich  mit¬ 
geteilt?  Die  Hysterie  ist  die  Folge  eines  präsexuellen  Sexual¬ 
schrecks.  Die  Zwangsneurose  ist  die  Folge  einer 
präsexuellen  Sexuallust,  die  sich  später  in  Vorwurf 
verwandelt.2 

„Präsexuell“  heißt  eigentlich  vor  der  Pubertät,  vor  der  Ent¬ 
bindung  der  Sexualstoffe,  die  betreffenden  Ereignisse  wirken 
erst  als  Erinnerungen. 

Herzlichst  Dein3 


!)  Ein  nicht  erhaltenes  Manuskript  von  Fliess. 

2)  Vgl.  den  vorangehenden  Brief.  Dies  ist  eine  der  Grundthesen  der  1896 
erschienenen  Arbeit  „Weitere  Bemerkungen  über  die  Abwehr-Neuropsycho- 
sen“.  Der  moralische  Konflikt  in  der  Struktur  der  Zwangsneurose  wird  hier 
deutlich  erkannt. 

3)  Unterschrift  fehlt. 


138 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  16.  io.  95. 


.  .  .  Das  Arbeitsfieber  dieser  Wochen,  die  lockenden  Hoff¬ 
nungen  und  Enttäuschungen,  einige  wirkliche  Funde  —  auf¬ 
getragen  auf  einem  Grund  von  elendem  Körperbefinden  und 
den  gewöhnlichen  praktischen  Ärgernissen  und  Schwierigkeiten; 
wenn  ich  zu  alledem  Dir  noch  ein  paar  Seiten  philosophischen 
Gestammels  schicke  (nicht  gerade,  was  ich  für  gelungen  halte), 
hoffe  ich.  Dich  wieder  versöhnlich  gestimmt  zu  haben. 

Ich  bin  noch  immer  sehr  durcheinander.  Es  ist  mir  beinahe 
sicher,  daß  ich  mit  den  Formeln  vom  infantilen  Sexualschreck 
und  Sexuallust  die  Lösung  des  Rätsels  der  Hysterie  und  der 
Zwangsneurose  gefunden  habe  und  ich  bin  ebenso  sicher,  daß 
beide  Neurosen  nun  ganz  allgemein  heilbar  sind,  nicht  bloß  die 
einzelnen  Symptome,  sondern  die  neurotische  Disposition  über¬ 
haupt.  Darüber  habe  ich  eine  Art  von  matter  Freude,  etwa  40 
Jahre  doch  nicht  umsonst  gelebt  zu  haben,  und  doch  keine 
ordentliche  Befriedigung,  da  die  psychologische  Lücke  in  der 
neuen  Kenntnis  mein  ganzes  Interesse  in  Anspruch  nimmt. 

Für  die  Migraine1  natürlich  keinen  Moment  übrig,  der  aber 
doch  noch  kommen  wird.  Das  Rauchen  habe  ich  wieder  ganz 
aufgegeben,  um  bei  dem  schlechten  Puls  mir  nicht  Vorwürfe 
machen  zu  müssen  und  um  den  elenden  Kampf  mit  der  Sucht 
nach  der  4ten,  5ten  (Zigarre)  loszuwerden;  kämpfe  also  lieber 
gleich  um  die  erste.  Wahrscheinlich  ist  die  Abstinenz  der 
psychischen  Zufriedenheit  auch  nicht  sehr  förderlich. 

Jetzt  hätte  ich  genug  von  mir  gesprochen.  Das  Fazit  ist  viel¬ 
leicht  doch  das  erfreuliche,  daß  ich  die  zwei  Neurosen  für  im 
Wesen  bezwungen  halte  und  mich  auf  den  Kampf  um  die  psycho¬ 
logische  Auslegung  freue. 

Der  Jacobsen  (N.  L.)  hat  mir  tiefer  ins  Herz  geschnitten  als 
irgendeine  Lektüre  der  letzten  neun  Jahre.  Die  letzten  Kapitel 
anerkenne  ich  als  klassisch.2 


!)  Fliess5  im  Brief  Nr.  29  erwähnte  Aufzeichnungen. 

2)  Die  Novelle  des  dänischen  Schriftstellers  Jacobsen,  Niels  Lyhne. 


Brief  vom  20.  10.  95 


139 


Ich  freue  mich,  von  Dir  nach  vielerlei  Andeutungen  annehmen 

zu  können,  daß  es  wirklich  besser  geht. 

.  .  .  Ich  habe  eben  jetzt  20  Individuen  starke  Kinder  jause  zu 
Mathildens  Geburtstag. 

Voriger  Montag  und  die  beiden  folgenden  Vorträge  über 
Hysterie  im  Doktor  enkoüegium,  sehr  langweilig.1 


Mit  herzlichsten  Grüßen  für  Dich  und  Deine  liebe  Frau 


Dein 


Sigm. 


32 

Wien,  20.  10.  95. 

Liebster  Wühelm ! 

•  •  • 

Dein  Urteil  über  die  Hysterie-Zwangsneurose  Lösung  hat 
mich  natürlich  wahnsinnig  gefreut.  Nun  höre  weiter.  In  einer 
fleißigen  Nacht  der  verflossenen  WToche,  bei  jenem  Grad  von 
Schmerzbelastung,  der  für  meine  Hirntätigkeit  das  Optimum 
herstellt,  haben  sich  plötzlich  die  Schranken  gehoben,  die  Hüllen 
gesenkt,  und  man  konnte  durchschauen  vom  Neurosendetail  bis 
zu  den  Bedingungen  des  Bewußtseins.  Es  schien  alles  ineinander 
zu  greifen,  das  Räderwerk  paßte  zusammen,  man  bekam  den 
Eindruck,  das  Ding  sei  jetzt  wirklich  eine  Maschine  und  werde 
nächstens  auch  von  selber  gehen.2  Die  drei  Systeme  von 
Neuronen,  der  freie  und  gebundene  Zustand  von  Quantität,  der 
Primär-  und  Sekundärvorgang,  die  Kaupttendenz  und  die  Kom¬ 
promißtendenz  des  Nervensystems,  die  beiden  biologischen 
Regeln  der  Aufmerksamkeit  und  der  Abwehr,  die  Qualitäts-, 
Real-  und  Denkzeichen,  der  Zustand  der  psychosexualen 
Gruppe  —  die  S e xualit ät sb edingung  der  Verdrängung,  endlich 
die  Bedingungen  des  Bewußtseins  als  Wahrnehmungsfunktion  — - 

!)  Nicht  im  Druck  erschienen;  ein  Manuskript  ist  nicht  erhalten. 

2)  Das  Folgende  bezieht  sich  auf  Freuds  Arbeit  am  Entwurf  einer  „Allge¬ 
meinen  Psychologie“. 


140 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


das  alles  stimmte  und  stimmt  heute  noch !  Ich  weiß  mich  vor 
Vergnügen  natürlich  nicht  zu  fassen. 

Hätte  ich  mit  der  Mitteüung  an  Dich  doch  zwei  Wochen  ge¬ 
wartet;  es  wäre  alles  so  viel  klarer  ausgefallen.  Allein  erst  bei 
dem  Versuch^  es  Dir  mitzuteilen,  ist  mir  die  Sache  ja  erst  klar 
geworden.  Es  ging  also  nicht  anders.  Jetzt  werde  ich  wenig 
Zeit  zu  einer  ordentlichen  Darstellung  finden.  Die  Behandlungen 
fangen  an  und  die  Zerebrallähmungen,  die  mich  gar  nicht 
interessieren,  drängen  geradezu.  Aber  Einzelnes  werde  ich  doch 
für  Dich  zusammenstellen ;  die  quantitativen  Postulate,  aus 
denen  Du  die  Charakteristik  der  Neuronenbewegung  erraten 
sollst,  und  die  Darstellung  der  Neurasthenie-Angstneurose  in 
den  Voraussetzungen  der  Theorie.  .  .  . 

Wenn  ich  48  Stunden  lang  mit  Dir  über  nichts  anderes  sprechen 
könnte,  wäre  die  Sache  wahrscheinlich  abzuschließen.  Aber  das 
sind  Unmöglichkeiten. 

„Was  man  nicht  erfliegen  kann, 
muß  man  erhinken ; 

die  Schrift  sagt,  es  ist  keine  Schande  zu  hinken.“1 
Sonstige  neurotische  Bestätigungen  regnen  mir.  Die  Sache  ist 
wirklich  wahr  und  echt. 

Heute  habe  ich  einen  zweiten  Vortrag  über  Hysterie  losgelassen, 
in  dem  ich  die  Verdrängung  in  den  Mittelpunkt  gestellt  habe. 
Es  hat  den  Leuten  gut  gefallen.  Lasse  sie  aber  nicht  publizieren. 

Du  hast  doch  nichts  dagegen,  wenn  ich  meinen  nächsten 
Sohn  Wilhelm  heiße !  Wenn  e  r  ein  Mädchen  wird,  ist  Anna 
für  sie  vorgemerkt. 

Herzlichste  Grüße  Dein 

Sigm. 


!)  Rückert,  „Makamen  des  Hariri“3  später  an  das  Ende  von  „Jenseits 
des  Lustprinzips“  gestellt. 


Brief  vom  31.  10.  95 


141 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  31.  10.  95. 


Ich  bin  zwar  todmüde,  fühle  mich  aber  verpflichtet.  Dir  noch 
in  diesem  Monat  zu  schreiben.  Zuerst  über  Deine  letzten  wissen¬ 
schaftlichen  Mitteilungen,  mir  auch  als  Kopfschmerzmesser 
willkommen.1 

Erster  Eindruck:  Verwunderung,  daß  es  noch  einen  gibt,  der 
sogar  ein  größerer  Phantast  ist  als  ich  und  daß  dieser  gerade 
mein  Freund  Wilhelm  sein  muß.  Schlußergebnis:  Absicht  Dir 
die  Blätter  zurückzuschicken,  damit  sie  nicht  verloren  gehen. 
Dazwischen  hat  mir  die  Sache  eingeleuchtet  und  ich  habe  mir 
gesagt,  das  kann  nur  ein  Universalspezialist  wie  Du  heraus¬ 
graben.  .  .  . 

Auf  meine  Milhon  möchte  ich  noch  nichts  borgen.2  Ich  glaube 
zwar  wirklich,  daß  es  zusamengeht,  aber  die  einzelnen  Stücke 
sind  mir  noch  nicht  recht  verläßlich.  Ich  tausche  sie  unausge¬ 
setzt  gegen  andere  aus  und  getraute  mich  noch  nicht,  einem 
Weisen  den  Bau  zu  zeigen.  Was  Du  in  der  Hand  hast,  ist  auch 
teilweise  entwertet,  mehr  als  Probe  gemeint,  aber  ich  hoffe,  es 
wird  werden.  Jetzt  bin  ich  ziemlich  ausgepumpt,  muß  auch  für 
zwei  Monate  die  Sache  beiseite  legen,  weil  ich  die  Kinder¬ 
lähmungen  für  Nothnagel  bis  1896  schreiben  muß,  von  denen 
bis  jetzt  kein  Wort  dasteht. 

Die  mit  soviel  Begeisterung  angekündigte  Lust- Schmerz¬ 
lösung  der  Hysterie  und  Zwangsneurose  ist  mir  zweifelhaft 
geworden.  Es  sind  die  Elemente  unfraglich.  Aber  die  richtige 
Ordnung  in  dem  Geduldspiel  habe  ich  nicht. 

Zu  meinem  Glück  müssen  ja  alle  die  Theorien  in  die  Klinik 
der  Verdrängung  einmünden,  die  mich  täglich  berichtigen  oder 


!)  Fliess  litt  um  diese  Zeit  an  fortgesetzten  Migrainen. 

2)  j, Auf  meine  Million“  bezieht  sich  auf  ein  Scherzwort.  Freuds  Skepti¬ 
zismus  folgt  der  Periode,  in  der  er  den  Entwurf  der  Psychologie  in  weniger  als 
drei  Wochen  niedergeschrieben  hat.  Hier  sehen  wir  ihn  von  der  Konstruktion 
zur  Empirie  zurückkehren.  Er  erwartet  von  der  Beendigung  eines  Falles  (viel¬ 
leicht  der  öfters  erwähnte  Fall  E)  Aufklärung  über  die  Klinik  der  Verdrängung 
(s.  nächster  Brief). 


142 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


aufklären  kann.  Bis  96  muß  mein  „Verschämter“  fertig  sein, 
der  in  der  Jugend  Hysterie,  später  Beachtungswahn  gezeigt  hat, 
und  dessen  beinahe  durchsichtige  Geschichte  mir  einige  strittige 
Punkte  klären  muß.  Ein  anderer  Mann  (der  sich  wegen  homizider 
Tendenz  nicht  auf  die  Gasse  traut),  muß  mir  ein  anderes  Rätsel 
lösen  helfen. 

Ich  war  zuletzt  mit  der  Darstellung  der  sexuellen  Akte  be¬ 
schäftigt,  habe  dabei  die  Lustpumpe  (nicht  Luftpumpe)  und 
andere  Curiosa  entdeckt,  rede  aber  für  eine  Weile  nichts.1  Dann 
kommt  die  Migraine  in  Einem;  ihretwegen  habe  ich  den  Aus¬ 
flug  in  den  Mechanismus  der  Sexualakte  unternommen. 

•  •  • 

„Wilhelm“  oder  „Anna“  sind  sehr  ungebärdig  und  werden 
wohl  Novemberlicht  zu  sehen  verlangen.  Ich  hoffe.  Eurem 
Christkindl  geht  es  sehr  gut. 

Unlängst  habe  ich  drei  Vorträge  über  Hysterie  verbrochen, 
in  denen  ich  sehr  frech  war.  Ich  bekäme  jetzt  Lust  zur  Arroganz, 
besonders  wenn  Du  weiterhin  so  entzückt  bleibst. 

Mit  herzlichen  Grüßen  an  Dich,  Ida  und  Paulinchen  (?) 

Dein 

Sigm. 


34 

Dr.  Sigmund  Freud,  2.  11.  95. 

IX.  Berggasse  19.  ord.  3-5  h. 

Es  freut  mich,  daß  ich  den  Brief  noch  warten  ließ.  Ich  kann 
heute  hinzufügen,  daß  der  eine  Fall  mir  das  Erwartete  ergeben 
hat  (Sexualschreck,  i.e.:  infantiler  Mißbrauch  bei  männlicher 
Hysterie!)  und  daß  gleichzeitig  eine  Durcharbeitung  des  strit¬ 
tigen  Materials  mein  Vertrauen  in  die  Triftigkeit  der  psycho- 

!)  Der  Begriff  der  „Lustpumpe“  ist  weder  in  Freuds  gedruckten  Arbeiten, 
noch  in  den  hier  vorliegenden  Notizen  nochmals  erwähnt. 


Brief  vom  8.  n.  95 


143 


logischen  Aufstellungen  bestärkt  hat.1  Ich  habe  jetzt  wirklich 
einen  zufriedenen  Moment. 

Es  ist  indes  noch  nicht  an  der  Zeit,  jetzt  den  höchsten  Augen- 
blick  zu  genießen  und  dann  zurückzusinken.  Es  wartet  noch 
viel  Arbeit  in  den  folgenden  Teilen  der  Tragödie 

auf  Deinen 

herzlichst  grüßenden 

Sigm. 


35 

Wien,  8.  11.  95. 

Liebster  Wilhelm ! 

Deine  langen  Briefe  zeugen  mir  von  Deinem  guten  Befinden. 
Möge  beides  —  Symptom  und  Ursache  —  keine  Unterbrechung 
mehr  erfahren.  Mir  (um  daran  nicht  zu  vergessen  und  nicht 
mehr  davon  sprechen  zu  müssen)  geht  es  seit  den  letzten  zwei 
Wochen  unvergleichlich  besser.  Die  komplette  [Nikotin]  Ab¬ 
stinenz  habe  ich  nicht  durchführen  können,  bei  meiner  Belastung 
mit  theoretischen  und  praktischen  Sorgen  war  die  Steigerung 
der  psychischen  Hyperästhesie  nicht  auszuhalten.  Ich  halte 
mich  sonst  an  die  Vorschrift,  nur  am  Tage  von  Luegers  Nicht¬ 
bestätigung  habe  ich  aus  Freude  exzediert. 

Meine  Briefe  werden  jetzt  viel  von  ihrem  Inhalt  verlieren. 
Ich  habe  die  psychologischen  Manuskripte  gepackt  und  in  eine 
Lade  geworfen,  wo  sie  bis  1896  schlummern  sollen.  Das  kam 
so:  Ich  legte  die  Psychologie  zunächst  beiseite,  um  Raum  für 
die  Kinderlähmungen  zu  gewinnen,  die  bis  1896  fertig  sein  sollen. 
Daneben  begann  ich  Migraine.  Die  ersten  Erörterungen  führten 
mich  zu  einer  Einsicht,  die  wieder  an  das  weggeschobene  Thema 
erinnerte  und  ein  gutes  Stück  Umarbeitung  erfordert  hätte.  In 
dem  Moment  empörte  ich  mich  gegen  meinen  Tyrannen.  Ich 


!)  Der  Gedanke,  die  Ätiologie  der  Hysterie  mit  der  Verführung  der  Kinder 
durch  Erwachsene  zu  verbinden,  festigt  sich  und  scheint  durch  die  analytische 
Arbeit  bestätigt  zu  werden.  Vgl.  dazu  Einleitung  S.  00. 


144 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


fand  mich  überarbeitet,  gereizt,  verwirrt  und  unfähig,  die  Dinge 
zu  meistern.  Da  warf  ich  alles  weg.  Es  tut  mir  nun  leid,  daß 
Du  aus  jenen  Blättern  ein  Urteil  schöpfen  sollst,  das  meinem 
Sieges jubel  Recht  gibt,  was  Dir  doch  schwer  fallen  muß.  Plag 
Dich  nicht  weiter.  Hoffentlich  kann  ich  die  Sache  nach  zwei 
Monaten  klarer  machen.  Die  klinische  Lösung  der  Hysterie 
bleibt  aber  bestehen,  sie  ist  hübsch  und  einfach,  vielleicht  raffe 
ich  mich  auf,  sie  Dir  nächstens  zu  schreiben. 

io.  XI.  Ich  schicke  Dir  gleichzeitig  die  Krankengeschichten 
über  Nase  und  Sexus  zu.1  Brauche  nicht  zu  sagen,  daß  ich  mit 
Deiner  Arbeit  voll  einverstanden  bin.  Diesmal  findest  Du  wenig 
von  mir,  einige  rote  Striche.  Hoffentlich  doch  mehr,  wenn  ich 
den  theoretischen  Teü  lese.  Deine  sexualchemischen  Hypothesen 
haben  mich  wirklich  gefesselt.  Hoffentlich  machst  Du  damit 
noch  Ernst. 

Ich  stecke  ganz  in  den  Kinderlähmungen,  die  mich  gar  nicht 
interessieren.  Seitdem  ich  die  Psychologie  weggelegt,  bin  ich 
wie  geschlagen  und  ernüchtert,  ich  glaube  gar  kein  Recht  auf 
Deinen  Glückwunsch  zu  haben. 

Es  fehlt  mir  jetzt  etwas. 

Unlängst  im  Doktorenkollegium  hat  Breuer  eine  große  Rede 
auf  mich  gehalten  und  sich  als  bekehrten  Anhänger  der  sexuellen 
Ätiologie  vorgestellt.  Als  ich  ihm  privatim  dafür  dankte,  zer¬ 
störte  er  mir  das  Vergnügen,  indem  er  sagte:  „Ich  glaub5  es  ja 
doch  nicht“.  Verstehst  Du  das?  Ich  nicht. 

Martha  leidet  schon  recht  erbärmlich.2  Ich  wollt5,  es  wäre 
vorüber. 

Neurotisch  gibt  es  sehr  viel  Interessantes,  aber  nichts  Neues, 
nur  Bestätigungen.  Ich  wollte,  wir  könnten  darüber  sprechen. 

Mit  herzlichsten  Grüßen  für  Dich,  Mutter  und  (Kind) 


Dein 


Sigm. 


1)  Nicht  erhalten, 

2)  Bezieht  sich  auf  die  Schwangerschaft.  S.  Brief  vom  3.  12.  1895,  Nr.  37. 


36 


Brief  vom  29.  11.  95 


145 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  29.  11.  95. 


Ich  bin  auf  der  Höhe  der  Arbeitsfälligkeit,  habe  9-11  Stunden 
schwere  Arbeit,  6-8  analytische  Kuren  im  Tag,  die  schönsten 
Sachen  natürlich,  allerlei  Neues.  Für  die  Wissenschaft  bin  ich 
ganz  verloren;  wenn  ich  mich  um  xxh.  an  den  Schreibtisch 
setze,  muß  ich  die  Kinderlähmungen  kleben  und  zusammen¬ 
flicken.  Hoffe  in  zwei  Monaten  fertig  zu  sein  und  dann  die  ge¬ 
wonnenen  Eindrücke  aus  den  Behandlungen  weiter  zu  verwerten. 

Den  Geisteszustand,  in  dem  ich  die  Psychologie  ausgebrütet, 
verstehe  ich  nicht  mehr;  kann  nicht  begreifen,  daß  ich  sie  Dir 
anhängen  konnte.  Ich  glaube.  Du  bist  noch  immer  zu  höflich, 
mir  erscheint  es  als  eine  Art  von  Wahnwitz.  Die  klinische 
Lösung  der  beiden  Neurosen  wird  sich  wohl  nach  irgendwelchen 
Modifikationen  halten. 

Die  Kinder  haben  eine  katarrhalische  Hausepidemie  durch¬ 
gemacht.  Minna  ist  seit  einigen  Tagen  für  die  Dauer  einiger 
Monate  im  Hause.1  Von  der  Welt  sehe  ich  nichts  und  höre  ich 
wenig,  leider  macht  sich  gerade  in  solchen  Zeiten  die  Distanz 
Wien-Berlin  fühlbar,  wo  mir  das  Schreiben  so  mühselig  ist. 

.  .  .  Die  Schüler  Wernickes ,  Sachs  und  C.  S.  Freund ,  haben 

•  • 

eine  Dummheit  in  Sachen  der  Hysterie  losgelassen  (Uber  psych. 
Lähmungen),  beinahe  ein  Plagiat  nebenbei  an  meinen  „Con- 
siderations  etc.“,  Arch.  de  Neur.  Schmerzlicher  ist  die  Auf¬ 
stellung  der  Konstanz  der  psychologischen  Energie  durch  Sachs.2 

Ich  hoffe  bald  von  Dir,  Weib,  Kind  und  Sexualität  durch  die 
Nase  viel  Schönes  und  Gutes  zu  hören. 

Herzlichsten  Gruß 


Dein 


Sigm. 


!)  Minna  Bernays,  1865-1941,  Martha  Freuds  Schwester. 

2)  Der  Aufsatz  „Über  psychische  Lähmungen“  (Neurologisches  Zentralblatt, 
1893,  S.  938-946)  ist  von  C.  S.  Freund  in  Breslau  verfaßt  und  folgt  dem  Ge¬ 
dankengang  von  Freuds  „Considerations“,  ohne  diese  Arbeit  zu  zitieren.  Etwa 
die  Hälfte  des  Aufsatzes  ist  dem  Lehrbuch  von  Heinrich  Sachs  („Vorträge 


M 


146 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


37 


Dr.  Sigmund  Freud, 
IX.  Berggasse  19. 


Wien,  3.  12.  95. 
ord.  3-5  h. 


Liebster  Wilhelm ! 

Wenn  es  ein  Sohn  gewesen  wäre,  hätte  ich  Dir  telegraphische 
Nachricht  gegeben,  denn  er  hätte  Deinen  Namen  getragen.  Da 
es  ein  Töchterchen  namens  Anna  geworden  ist,  kommt  es  bei 
Euch  verspätet  zur  Vorstellung.  Es  hat  sich  heute  um  3^  h.  in 
die  Ordination  gedrängt,  scheint  ein  nettes  und  komplettes 
Frauenzimmer  dien  zu  sein,  hat  seiner  Mutter  dank  der  Fürsorge 


über  Bau  und  Tätigkeit  des  Großhirns  und  die  Lehre  von  der  Aphasie  und 
Seelenkrankheit“,  Breslau,  1893)  wörtlich  entlehnt.  Dort  heißt  es:  „Im  Ge¬ 
hirn  des  Menschen  sind,  sobald  derselbe  nur  einige  Zeit  auf  der  Welt  existiert 
hat,  eine  sehr  große  Anzahl  molekularer  Wellen  der  allerverschiedensten  Span¬ 
nungsgrade  als  das  Resultat  der  während  des  Lebens  aufgesammelten  Erfah¬ 
rungen  vorhanden.  Von  diesen  besitzt  jeder  Zeit  nur  eine  geringe  Anzahl  die¬ 
jenige  Wellenhöhe,  die  sie  zusammen  als  eine  Gesammtvorstellung  ins  Be¬ 
wußtsein  treten  läßt.  Keine  Welle  behält  ihre  Höhe  längere  Zeit  bei;  eine  jede 
fällt  sofort  wieder  ab  und  verschwindet  damit  aus  dem  Bewußtsein,  um  anderen 
Platz  zu  machen.  Und  so  löst  unaufhörlich  im  normalen  Gehirn  eine  Vor¬ 
stellung  die  andere  ab.“  (S.  110.)  Freund  fügt  hinzu:  „Nach  der  Annahme 
von  Heinrich  Sachs  liegt  den  letzterwähnten  Tatsachen  ein  Gesetz  zu  Grunde, 
nämlich  das  , Gesetz  von  den  konstanten  Mengen  psychischer  Energie4,  nach 
welchem  die  Summe  der  Spannungen  aller  vorhandenen  molekularen  Wellen 
innerhalb  gewisser  zeitlicher  Grenzen  im  selben  Individuum  eine  annähernd 
konstante  ist“. 

Das  Prinzip  der  psychischen  Konstanz  hatte  Freud  schon  seit  Jahren  be¬ 
schäftigt.  In  einem  Brief  vom  29.  6.  1892  an  Breuer  erwähnt  er  den  „Satz 
von  der  Konstanz  der  Erregungssumme“  als  erste  der  gemeinsamen  Theorien 
(G.W.  XVII,  S.  5)  und  im  ersten  Entwurf  der  vorläufigen  Mitteilung  „Über 
den  psychischen  Mechanismus  hysterischer  Phänomene“,  die  Ende 
November  1892  verfaßt  wurde  {G.W.  XVII,  S.  10-13),  ist  dieser  Gedanke 
näher  ausgeführt.  (Vgl.  auch  die  S.  27  abgedruckte  Bemerkung  in  Freuds 
Ausgabe  der  Charcot  Vorlesungen.) 

Über  die  Verarbeitung  dieses  Gedankens  in  den  „Studien  über  Hysterie“ 
vgl.  S.  Bernfeid,  „Frewi’s  Earliest  Theories  and  the  School  of  Hehnholt z“,  The 
Psychoanalytic  Quarterly,  XIII,  1944,  S.  341-362. 

Das  Konstanzprinzip  spielt  in  den  Freudschen  Entwürfen  von  1895  (s.  S.  381) 
als  „Trägheitsprinzip“  eine  wichtige  Rolle.  Es  ist  dann  als  „Lustprinzip“ 
(Streben  des  psychischen  Apparates,  die  Spannung  konstant  zu  erhalten)  und 
als  „Nirwanaprinzip“  (Streben  des  psychischen  Apparates  nach  Fierabsetzung 
der  Spannung  auf  O)  zu  einem  der  Regulationsprinzipien  der  Psychoanalyse 
geworden. 


Brief  vom  8.  12.  95 


147 


Fleischmanns1  nichts  Böses  getan  und  nun  befinden  sich  beide 
recht  wohl.  Ich  hoffe,  es  wird  nicht  lange  dauern,  bis  die  ent¬ 
sprechende  gute  Nachricht  von  Euch  hier  anlangt  und  dann 
sollen  Anna  und  Paulinchen  lernen,  wenn  sie  Zusammentreffen, 
sich  sehr  gut  zu  vertragen. 

Mit  herzlichstem  Gruß 

Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Sonntag,  8.  12.  95. 


Das  Kind,  glauben  wir  gerne,  hat  eine  Steigerung  der  ärztlichen 
Beschäftigung  auf  das  Doppelte  des  gewöhnlichen  Standes 
gebracht.  Ich  habe  Mühe  nachzukommen,  kann  Unvorteilhaftes 
ablehnen  und  beginne,  meine  Preise  zu  diktieren.  Ich  werde  eben 
sicher  in  der  Beurteilung  und  Behandlung  der  beiden  Neurosen, 
und  ich  meine  zu  merken,  wie  die  Stadt  allmählich  aufmerksam 
wird,  daß  bei  mir  etwas  zu  holen  ist. 

Habe  ich  Dir  schon  geschrieben,  daß  die  Zwangsvorstellungen 
in  allen  Fällen  V  o  r  w  ü  r  f  e  sind,  wie  der  Hvsterie  immer  ein 
Konflikt  zu  Grunde  liegt  (der  sexuellen  Lust  mit  der  etwa 
begleitenden  Unlust)?  Es  ist  eine  neue  Form,  die  klinische 
Lösung  auszusprechen.  Ich  habe  jetzt  gerade  schöne  Mischfälle 
von  beiden  Neurosen  und  hoffe,  aus  ihnen  intimere  Aufschlüsse 
über  die  allerwesentlichsten  Mechanismen  zu  entnehmen. 

Dein  Urteil  halte  ich  immer  in  Ehren,  auch  wenn  es  meiner 
Psychologie  gilt.  Es  macht  mir  Lust,  die  Sache  in  einigen 
Monaten  wieder  aufzunehmen,  diesmal  mit  geduldiger  kritischer 
Kleinarbeit.  Du  kannst  bis  jetzt  auch  nichts  Besseres  über  sie 
sagen,  als  sie  verdiene  das  Lob  des  „voluisse  in  magnis  rebus“. 
Und  soll  ich  wirklich  für  die  Stammelei  die  Aufmerksamkeit 


3)  Karl  Fleischmann.,  der  bekannte  Gynäkologe. 


148 


Aus  dm  Anfängen  der  Psychoanalyse 


durch  eine  vorläufige  Mitteilung  rege  machen?  Ich  glaube.,  wir 
behalten  es  für  uns,  ob  etwas  daraus  wird.  Eventuell  müßte  ich 
lernen,  mich  mit  der  klinischen  Klärung  der  Neurosen  zu  be¬ 
gnügen. 

Für  Deine  Enthüllungen  in  der  Sexualphysiologie  kann  ich 
nur  gespannteste  Aufmerksamkeit  und  kritische  Bewunderung 
bereit  halten.  Ich  bin  zu  eng  begrenzt  in  meinem  Wissen,  um 
dreinzureden.  Aber  ahne  die  schönsten  und  wichtigsten  Dinge 
und  hoffe.  Du  wirst  Dich  seinerzeit  nicht  abhalten  lassen,  auch 
Vermutungen  öffentlichen  Ausdruck  zu  geben.  Man  kann  Leute 
nicht  entbehren,  die  den  Mut  haben,  Neues  zu  denken,  ehe  sie 
es  aufzeigen  können. 

Es  ginge  freilich  vieles  anders,  wenn  wir  nicht  durch  die 
geographische  Entfernung  getrennt  wären.  .  .  .  Um  die  Priorität 
der  „psychischen  Konstanz“  stehe  ich  nicht  an.  Du  hast  Recht, 
darunter  kann  sehr  verschiedenartiges  verstanden  werden.1 

Besuch,  ich  muß  schließen. 

Herzlichste  Grüße  an  Frau  und  Tochter  von  allen  und 


Deinem 


Sigm. 


(. Manuskript  J) 

FRAU  P.  J.,  27  p 

Sie  war  drei  Monate  verheiratet,  ihr  Mann,  Reisender,  hatte  sie 
wenige  Wochen  nach  der  Hochzeit  verlassen  müssen  und  war  bereits 
Wochen  lang  abwesend.  Sie  vermißte  ihn  sehr,  sehnte  sich  nach  ihm. 
Sie  war  Sängerin  gewesen  oder  wenigstens  dazu  ausgebildet.  Um 
sich  die  Zeit  zu  vertreiben,  sang  sie  beim  Klavier,  als  ihr  plötzlich 
übel  wurde  vom  Leib  und  Magen  her,  der  Kopf  wirbelig,  Beklemmung, 
Angstgefühl,  Herzparästliesie;  sie  meinte,  jetzt  würde  sie  verrückt. 
Einen  Moment  später  fiel  ihr  ein,  daß  sie  am  Vormittag  Eier  und 

!)  Vgl.  dazu  Anmkg.  zum  Brief  vom  29.  11.  1895,  Nr.  36. 

2)  Undatiert.  —  In  der  Darstellung  ähnlich  der  Krankengeschichte  im 
„Entwurf“,  S.432.  Auch  nach  der  Schrift  wohl  im  Jahre  1895  (vielleicht  aber 
schon  früher  in  diesem  Jahre)  entstanden;  in  Freuds  Schriften  nicht  verwendet. 


Manuskript  J 


149 


Schwämme  gegessen;  sie  hielt  sich  also  für  vergiftet.  Indes  ging  der 
Zustand  bald  vorüber.  Am  nächsten  Tag  erzählte  ihr  das  Dienst¬ 
mädchen,  eine  im  selben  Haus  wohnhafte  Frau  sei  verrückt  geworden; 
von  da  an  verließ  die  ängstliche  Zwangsidee,  sie  werde  auch  verrückt, 
sie  nicht  wieder. 


Dies  das  Argument:  Ich  setze  nun  zunächst  voraus,  der  Zustand 
damals  sei  ein  Angstanfall  gewesen,  Sexualentbindung,  die  sich  in 
Angst  umgesetzt.  Ich  fürchte,  ein  solcher  kann  auftreten  ohne  daß 
sich  ein  psychischer  Vorgang  mit  dabei  vollzieht.  Indes  will  ich  die 
günstigere  Möglichkeit,  daß  ein  solcher  zu  suchen  sei,  nicht  ablehnen, 
vielmehr  von  ihr  bei  der  Arbeit  ausgehen.  Ich  erwarte  folgendes: 
Sie  bekam  Sehnsucht  nach  ihrem  Mann,  d.  h.  nach  sexuellem  Umgang 
mit  ihm,  dabei  stieß  sie  auf  eine  Idee,  die  Sexualaffekt  und  in  weiterer 
Folge  Abwehr  erregte,  erschrak  und  machte  eine  falsche  Verknüpfung 
oder  Substitution. 

Ich  frage  zunächst  nach  den  Nebenumständen  des  Ereignisses. 
Es  muß  sie  doch  etwas  an  den  Mann  gemahnt  haben.  Sie  sang  die 
Arie  der  Carmen 

„Draussen  beim  Thor  von  Sevilla  etc.“ 

Ich  lasse  mir  die  Arie  wiederholen,  sie  kennt  den  Text  nicht  einmal 
genau.  —  Bei  welcher  Stelle,  kommt  Ihnen  vor,  hat  der  Anfall  be¬ 
gonnen?  —  Das  weiß  sie  nicht.  —  Auf  Druck  gibt  sie  an,  n  a  c  h 
Beendigung  der  Arie.  Das  ist  ja  gut  möglich,  es  ist  ein  Gedankengang, 
den  der  Text  des  Liedes  angeregt  hat.  —  Nun  behaupte  ich,  daß 
vor  dem  Anfall  Gedanken  in  ihr  vorhanden  waren,  die  sie  vielleicht 
nicht  erinnert.  Sie  erinnert  wirklich  nichts,  aber  der  Druck  ergibt 
Mann  und  Sehnsucht.  Letzteres  wird  auf  mein  Drängen 
weiter  bestimmt  als  Sehnsucht  nach  sexuellen  Zärtlichkeiten.  — 
Das  glaube  ich  Ihnen  gerne,  ihr  Anfall  war  doch  nur  ein  Zustand 
von  Liebeserguß.  Kennen  Sie  das  Lied  des  Pagen, 

„Ihr,  die  Ihr  die  Triebe  des  Herzens  kennt, 

Sagt,  ist  es  Liebe,  was  mir  im  Busen  brennt?“ 

Es  war  gewiß  noch  anderes  dabei,  ein  Gefühl  im  Unterleib,  ein  Krampf 
und  Drang  zum  Urinieren.  —  Das  bestätigt  sie  nun,  die  Unaufrich¬ 
tigkeit  der  Frauen  beginnt  damit,  daß  sie  von  ihren  Zuständen  die 


150 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


bezeichnenden  Sexualsymptome  weglassen.  Es  war  also  wirklich  eine 
Pollution. 

Nun  Sie  sehen  doch  wohl  ein,  daß  ein  solcher  Zustand  von  Sehn¬ 
sucht  bei  einer  jungen  und  verlassenen  Frau  nichts  Schmähliches 
sein  kann?  —  Im  Gegenteil,  meint  sie,  etwas,  was  sein  soll.  —  Recht, 
dann  fehlt  mir  ein  Grund  zum  Erschrecken.  —  Über  Mann  und 
Sehnsucht  sind  Sie  gewiß  nicht  erschrocken,  also  fehlen  uns 
hier  noch  andere  Gedanken,  die  sich  besser  zum  Schreck  eignen.  — 
Sie  gibt  aber  nur  noch  an,  daß  sie  sich  die  ganze  Zeit  vor  den 
Schmerzen  gefürchtet,  die  ihr  der  Verkehr  bereitet,  die  Sehn¬ 
sucht  sei  aber  viel  stärker  gewesen  als  die  Angst  vor  den  Schmerzen.  — 
Hier  wird  abgebrochen. 

II. 

Es  ist  sehr  zu  vermuten,  daß  in  Szene  I  (beim  Klavier)  nebst  dem 
Gedanken  der  Sehnsucht  an  den  Mann  (den  sie  erinnerte)  ein  nicht 
erinnerter,  in  die  Tiefe  reichender  Gedankengang  eingeschlagen  wurde, 
der  zu  einer  Szene  II  führt.  Den  Anknüpfungspunkt  kenne  ich  aber 
noch  nicht.  Heute  kommt  sie  verweint,  verzweifelt,  offenbar  ohne  jede 
Hoffung  auf  den  Erfolg  dieser  Behandlung.  Der  Widerstand  ist  also 
schon  rege  gemacht,  auch  geht  es  weit  schwieriger.  Ich  will  also  wissen, 
was  für  Gedanken,  die  zum  Erschrecken  führen  können,  noch  vor¬ 
handen  waren.  Sie  bringt  allerlei  vor,  was  nicht  dazu  gehören  kann. 
Daß  sie  lange  Zeit  nicht  defloriert  war,  was  ihr  Prof.  Chrobak  auch 
bestätigte,  daß  sie  darauf  ihre  nervösen  Zustände  schob  und  darum 
wünschte,  es  möchte  geschehen  sein.  —  Das  war  natürlich  ein  Gedanke 
von  später;  bis  zu  Szene  I  war  sie  ja  gesund.  —  Endlich  erhalte  ich 
von  ihr  die  Auskunft,  sie  habe  einen  ähnlichen,  aber  weit  schwächeren 
und  vorübergehenden  Anfall  mit  den  gleichen  Empfindungen  schon 
gehabt.  (Ich  ersehe  daraus,  daß  die  Leitung  in  die  Tiefe  über  das 
Erinnerungsbild  der  Pollution  selbst  geht.)  Wir  gehen  auf  jene  Szene 
ein.  Sie  war  damals  —  vier  Jahre  zurück  —  in  Regensburg  engagiert, 
hatte  Vormittag  Probe  gesungen  und  gefallen,  nachmittags  zu  Hause 
hatte  sie  eine  „Erscheinung“,  als  ob  sie  mit  dem  Tenoristen  der 
Truppe  und  einem  anderen  Herrn  etwas  „vorhätte“  (einen  Zank) 
und  darauf  den  Anfall  mit  der  Furcht,  verrückt  zu  werden. 


Brief  vom  i.  I.  96 


151 

Das  ist  eine  Szene  II,  die  in  Szene  I  assoziativ  berührt  wurde.  Wir 
müssen  uns  sagen,  daß  auch  hier  die  Erinnerung  lückenhaft  ist;  es 
müßten  noch  andere  Vorstellungen  dazukommen,  um  dort  die  Sexual¬ 
entbindung  und  das  Erschrecken  zu  rechtfertigen.  Ich  frage  nach  diesen 
Mittelgliedern,  bekomme  aber  dafür  Motive  zu  hören.  Das  ganze 
Theaterleben  habe  ihr  nicht  gefallen.  —  Warum  nicht?  —  Die  Barsch¬ 
heit  des  Direktors  und  der  Verkehr  der  Schauspieler  miteinander.  — 
Details  für  das  letztere  verlangt.  —  Da  war  eine  komische  Alte,  mit 
der  die  jungen  Männer  sich  den  Scherz  machten,  sie  zu  fragen,  ob 
sie  bei  Nacht  zu  ihr  kommen  dürften.  —  Weiter,  etwas  vom  Tenoris¬ 
ten.  —  Der  habe  sie  auch  belästigt,  bei  der  Probe  ihr  die  Hand  auf  die 
Büste  gelegt.  —  Durch  die  Kleider  oder  auf  die  blosse  Haut?  —  Sie 
sagt  zuerst  das  letztere,  dann  nimmt  sie’s  zurück,  sie  war  im  Straßen¬ 
anzug.  —  Ferner,  was  noch?  —  Die  ganze  Art  des  Verkehrs,  das 
Angreifen  und  Küssen  unter  den  Kollegen  war  ihr  schrecklich.  — 
Ferner.  —  Wieder  die  Barschheit  des  Direktors,  sie  blieb  auch  nur 
wenige  Tage.  —  Ob  das  Attentat  des  Tenoristen  am  Tage  selbst  ihres 
Anfalles  war?  —  Nein,  sie  weiß  nicht,  ob  früher  oder  später.  —  Die 
Druckproben  ergeben,  daß  das  Attentat  am  vierten  Tag  ihres  Auf¬ 
enthaltes  war,  der  Anfall  am  sechsten. 

Durch  Flucht  der  Patientin  unterbrochen. 


39 

I.  I.  96. 

Mein  teurer  Wilhelm ! 

Die  erste  Muße  im  neuen  Jahr  gehört  Dir,  um  Dir  über  die 
paar  Kilometer  weg  die  Hand  zu  schütteln  und  Dir  zu  sagen,  wie 
froh  mich  Deine  letzten  Nachrichten  aus  Familien-  und  Studier¬ 
zimmer  machen.  Daß  Du  einen  Sohn  hast1  —  mit  ihm  die 
Anwartschaft  auf  andere  Kinder  — ;  ich  wollte  es  weder  Dir 
noch  mir  vorher  eingestehen,  was  Du  vermißt  hättest,  als  die 
Hoffnung  auf  ihn  noch  ferne  war.  .  .  . 


!)  Robert  Wilhelm. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


152 

Deine  Briefe,  so  der  letzte  wieder,  enthalten  eine  Fülle  von 
wissenschaftlichen  Einsichten  und  Ahnungen,  zu  denen  ich  leider 
nichts  sagen  kann,  als  daß  sie  mich  packen  und  überwältigen. 
Es  ist  der  erfreulichste  Gedanke,  den  ich  derzeit  fassen  kann, 
daß  uns  beide  die  gleiche  Arbeit  beschäftigt.  Ich  sehe,  wie  Du 
auf  dem  Unwege  über  das  Arztsein  Dein  erstes  Ideal  erreichst, 
den  Menschen  als  Physiologe  zu  verstehen,  wie  ich  im  Geheimsten 
die  Hoffnung  nähre,  über  dieselben  Wege  zu  meinem  Anfangsziel 
der  Philosophie  zu  kommen.  Denn  das  wollte  ich  ursprünglich, 
als  mir  noch  gar  nicht  klar  war,  wozu  ich  auf  der  Welt  bin.  Ich 
war  in  den  letzten  Wochen  wiederholt  damit  beschäftigt,  Dir 
Deine  Mitteilungen  in  etwas  zu  vergelten,  indem  ich  Dir  meine 
letzten  Erkenntnisse  über  die  Abwehrneurosen  in  kurzer  Zu¬ 
sammenstellung  einschicke,  aber  meine  Denkfähigkeit  hat  sich 
im  Frühjahr  so  erschöpft,  daß  ich  jetzt  nichts  zustande  bringe. 
Ich  überwinde  mich  doch.  Dir  das  Fragment  zu  senden;1  eine 
feine  Stimme  hat  mir  geraten,  die  Darstellung  der  Hysterie 
noch  aufzuschieben,  es  sei  zu  viel  Unsicherheit  dabei.  Mit  der 
Zwangsneurose  wirst  Du  wahrscheinlich  zufrieden  sein.  Die  paar 
Bemerkungen  über  Paranoia  stammen  von  einer  kürzlich  begon¬ 
nenen  Analyse,  welche  bereits  über  jeden  Zweifel  festgestellt 
hat,  daß  Paranoia  wirklich  eine  Abwehrneu¬ 
ros  e  i  s  t.  Ob  diese  Aufklärung  auch  therapeutischen  Wert 
besitzt,  muß  sich  noch  erst  zeigen. 

Deine  Migraine-Bermerkungen2  haben  mich  zu  einer  Idee 
geführt,  die  eine  komplette  Umarbeitung  aller  meiner  9900 
Theorien  zur  Folge  hätte,  was  ich  jetzt  nicht  wagen  darf.  Ich 
will  doch  versuchen,  sie  anzudeuten.3 

Ich  gehe  von  den  zwei  Arten  von  Nervenendigungen  aus; 
die  freien  nehmen  nur  Quantität  auf  und  leiten  sie  durch  Sum¬ 
mation  nach  <9,  haben  aber  keine  Macht,  Empfindung  hervor- 


!)  Vgl.  das  im  Folgenden  (S.  156  ff.)  abgedruckte  Manuskript,  das  in  einem 
Teil  des  Inhaltes  identisch  ist  mit  dem  Aufsatz  „Weitere  Bemerkungen  über 
die  Abwehr-Neuropsychosen“,  der  im  Neurologischen  Zentralblatt  von  1896, 
Heft  10,  erschienen  ist.  ( G.W .  I.) 

2)  Nicht  erhalten. 

3)  Das  folgende  bezieht  sich  auf  den  „Entwurf  einer  Psychologie“,  S.  379  ff. 


Brief  vom  I.  I.  96 


153 


zurufen,  d.h.  auf  00  zu  wirken.  Die  Neuronenbewegung  behält 
hierbei  ihre  genuinen  und  monotonen  qualitativen  Charaktere. 
Dies  sind  die  Wege  für  alle  9  erfüllende  Quantität,  auch  die 
sexuelle  Energie  natürlich.  Die  für  Nervenbahnen,  die  mit 
Endorganen  ausgehen,  leiten  nicht  Quantität,  sondern  den  ihnen 
besonderen  qualitativen  Charakter,  fügen  der  Summe  in  den  9 
Neuronen  nichts  hinzu,  sondern  versetzen  diese  Neuronen  bloß 
in  Erregung.  Die  Wahrnehmungsneuronen  (00)  sind  solche  9 
Neuronen,  welche  nur  sehr  geringer  quantitativer  Besetzung 
fähig  sind.  Das  Zusammentreffen  dieser  mindesten  Quantitäten 
mit  der  ihnen  getreulich  übertragenen  Qualität  vom  Endorgan 
her  ist  wieder  die  Bedingung  für  die  Entstehung  von  Bewußtsein. 
Ich  schiebe  jetzt  diese  Wahrnehmungsneuronen  (co)  zwischen 
die  9  Neuronen  und  die  9  Neuronen  ein,  so  daß  9  seine  Qualität 
an  co  überträgt,  00  jetzt  an  9»  weder  Qualität,  noch  Quantität 
überträgt,  sondern  9  nur  anregt,  d.h.  der  freien  psychischen 
Energie  ihre  Wege  anweist.  (Ich  weiß  nicht,  ob  Du  das  Kauder¬ 
welsch  verstehen  kannst.  Es  gibt  sozusagen  drei  Arten,  wie  die 
Neuronen  auf  einander  wirken:  1.  Sie  übertragen  einander 
Quantität,  2.  sie  übertragen  einander  Qualität,  3.  sie  wirken  nach 
gewissen  Regeln  erregend  auf  einander.) 

Demnach  würden  die  Wahrnehmungsvorgänge  eo  ipso  Be¬ 
wußtsein  involvieren  und  erst  nach  dem  Bewußtwerden  ihre 
weiteren  psychischen  Wirkungen  üben,  die  9  Vorgänge  wären 
an  und  für  sich  unbewußt  und  würden  ein  sekundäres  artifizielles 
Bewußtsein  erst  nachträglich  erhalten,  indem  sie  mit  Abfuhr- 
und  Wahrnehmungsvorgängen  verknüpft  werden  (Sprachassozia- 
tion).  Eine  co  Abfuhr,  die  ich  bei  anderer  Darstellung  benötigte, 
fällt  hier  weg;  die  Halluzination,  die  immer  der  Erklärung 
Schwierigkeiten  bereitet  hat,  ist  jetzt  nicht  mehr  ein  Rück¬ 
schreiten  der  Erregung  nach  9,  sondern  bloß  nach  co.  Die 
Abwehrregel,  die  für  Wahrnehmungen  nicht  gilt,  sondern  bloß 
für  9  Vorgänge,  versteht  man  heute  viel  leichter.  Das  Nach¬ 
hinken  des  sekundären  Bewußtseins  gestattet,  die  Neurosen¬ 
vorgänge  (sic !)  einfach  zu  beschreiben.  Auch  bin  ich  die  lästige 
Frage  los,  wieviel  von  der  Stärke  der  9  Erregung  (des  Empfin- 


154 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


dungsreizes)  auf  y  Neuronen  übertragen  wird.  Antwort : 
direkt  gar  nichts,  die  Quantität  ( Q )  in  y  hängt  nur  davon  ab, 
wieweit  durch  die  Wahrnehmungsneuronen  (wN)  die  freie  y 
Aufmerksamkeit  dirigiert  wird. 

Die  neue  Annahme  stimmt  auch  dazu  besser,  daß  die  objektiven 
Empfmdungsreize  so  minimal  sind,  daß  es  schwer  hält,  aus 
dieser  Quelle  die  Willenskraft  nach  dem  Konstanzprinzip  her¬ 
zuleiten.  Die  Empfindung  bringt  aber  gar  keine  Quantität 
(2)  nach  y,  die  Quelle  der  y  Energie  sind  die  Organleitungen. 

Aus  dem  Konflikt  zwischen  der  rein  quantitativen  Organ¬ 
leitung  und  den  durch  die  bewußte  Empfindung  in  y  ange¬ 
regten  Vorgängen  erkläre  ich  mir  auch  die  Unlustentbindung, 
die  ich  bei  den  Sexualneurosen  zur  Verdrängung  brauche. 

Für  Deine  Seite  der  Frage  fällt  die  Möglichkeit  ab,  daß  Reiz¬ 
zustände  in  Organen  bestehen  können,  die  keine  spontane 
Empfindung  erzeugen  (wohl  aber  Druckempfindlichkeit  zeigen 
müssen),  die  aber  reflektorisch,  d.'h,  durch  Gleichgewichtsbe¬ 
einflussung  Störungen  von  anderen  Neuronenzentren  her  an¬ 
regen  können.  Der  Gedanke  einer  gegenseitigen  Bindung  der 
Neuronen  oder  der  Neuronenzentren  legt  es  nämlich  auch  nahe, 
daß  die  motorischen  Abfuhrsymptome  ganz  verschiedener  Natur 
sind.1  Die  willkürlichen  Handlungen  sind  wahrscheinlich  durch 
Quantitätsübertragung  ( Q )  bedingt,  da  sie  die  psychische  Span¬ 
nung  entladen.  Daneben  gibt  es  eine  Lustabfuhr,  Zuckungen 
u.  dgl.,  die  ich  mir  so  erkläre,  nicht  daß  auf  das  motorische 
Zentrum  Quantität  (2)  übertragen  wird,  sondern  daß  sie  dort  frei 
wird,  weil  sich  die  bindende  Quantität  (2)  im  gepaarten  sensiblen 
Zentrum  etwa  verringert  hat.  Das  wäre  der  lange  gesuchte 
Unterschied  zwischen  „willkürlichen  und  krampfhaften“  Be¬ 
wegungen,  gleichzeitig  der  Weg,  eine  Gruppe  von  somatischen 

!)  Diese  Modifizierungen  zu  den  im  „Entwurf“  niedergelegten  Auffassungen 
verdienen  Beachtung,  weil  sie  die  Unterscheidung  von  Wahrnehmungs-  und 
inneren  Reizen  neu  formulieren,  auf  den  Gegensatz  von  bewußten  und  un¬ 
bewußten  (nicht  verdrängten)  psychischen  Vorgängen  vorbereiten  und  so  auf 
die  von  Freud  später  vollendete  Auffassung  psychischer  Struktur  hinweisen. 
Die  unmittelbare  Fortentwicklung  ist  im  7.  Kapitel  der  Traumdeutung  gege¬ 
ben;  die  hier  angedeutete  Auffassung  der  Halluzination  ist  dort  im  wesentlichen 
unverändert  wiederholt. 


Brief  vom  i.  i.  96 


155 


Nebenwirkungen  etwa  der  Hysterie  zu  erklären. 

Für  die  rein  quantitativen  Übertragungsvorgänge  auf  y 
gibt  es  eine  Möglichkeit,  das  Bewußtsein  auf  sich  zu  ziehen, 
nämlich  wenn  diese  Quantitätsleitung  ( Q )  die  Schmerzbedin¬ 
gungen  erfüllt.  Wahrscheinlich  ist  die  Aufhebung  der  Summation, 
kontinuierlicher  Zufluß  nach  y  für  eine  Weile  das  Wesentliche 
dieser  Bedingungen.  Gewisse  Wahrnehmungsneuronen  werden 
dann  überbesetzt  und  geben  die  Unlustempfindung,  verursachen 
auch  eine  Fesselung  der  Aufmerksamkeit  auf  diesem  Punkte. 
So  wäre  die  „neuralgische  Veränderung“  zu  denken,  über  eine 
gewisse  Grenze  gesteigerte  Zufuhr  von  Quantität  ( Q )  aus  einem 
Organ,  bis  zur  Aufhebung  der  Summation,  Überbesetzung  von 
Wahrnehmungsneuronen  und  Fesselung  von  freier  y  Energie. 
Du  siehst,  daß  wir  so  auf  die  Migraine  hinauskommen;  die 
Existenz  von  Nasenbezirken  in  jenem  Reizzustand,  den  Du  mit 
freiem  Auge  erkennst,  wäre  die  Bedingung.  Der  Quantitäts¬ 
überschuß  würde  sich  auf  verschiedene  subkortikale  Wege  ver¬ 
teilen,  ehe  er  4/  erreicht  hat.  Ist  dies  einmal  der  Fall,  so  dringt 
jetzt  kontinuierlich  Quantität  ( Q )  in  y  ein  und  nach  der  Auf¬ 
merksamkeitsregel  strömt  die  freie  4 j  Energie  an  die  Stelle  der 
Eruption  zu. 

Es  fragt  sich  nun,  welches  die  Quelle  der  Reizzustände  in  den 
Nasenorganen  sein  mag.1  Da  bietet  sich  die  Auffassung,  daß 
die  Schneider’sche  Membran  das  qualitative  Organ  für  die 
Riechreize  ist,  die  Schwellkörper  das  davon  gesonderte  quantita¬ 
tive.  Die  Riechstoffe  sind,  wie  Du  ja  meinst  und  wie  wir  von 
den  Blumen  wissen,  Zerfallstoffe  des  Sexualstoffwechsels;  sie 
würden  als  Reize  auf  beide  Organe  wirken.  Bei  der  Menstruation 
und  anderen  Sexualvorgängen  produziert  der  Körper  eine  ge¬ 
steigerte  Quantität  ( Q )  solcher  Stoffe,  also  solcher  Reize.  Man 
müßte  sich  entscheiden,  ob  diese  durch  die  Exspirationsluft  oder 
durch  die  Blutbahnen  auf  die  Nasenorgane  wirken;  wahrschein¬ 
lich  letzteres,  da  man  keine  subjektive  Geruchsempfindung  vor 
der  Migraine  hat.  Mittels  der  Schwellkörper  würde  also  die 

!)  Die  folgenden  Gedanken  sind  offenbar  in  der  Absicht  niedergeschrieben, 
eine  Brücke  zwischen  Freuds  und  Fliess’  Arbeitsgebieten  herzustellen.  Sie 
spielen  in  der  Weiterentwicklung  von  Freuds  Hypothesen  keine  Rolle. 


156 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Nase  sich  gewissermaßen  über  die  Binnen  riechreize  orien¬ 
tieren  ,  wie  mit  der  M.  Schneiden  über  die  Außenreize.,  würde  sich 
am  eigenen  Körper  verderben.  Die  beiden  Wege,  Migraine  zu 
bekommen,  spontan  und  durch  Gerüche,  Menschengifte,  würden 
einander  so  gleichgestellt,  können  ihre  Wirkungen  auch  jederzeit 
summieren. 

Die  Anschwellung  der  nasalen  Quantitätsorgane  wäre  demnach 
eine  Art  Adaptation  des  Sinnesorganes  infolge  des  stärkeren 
internen  Reizes,  analog  bei  den  wirklichen  (qualitativen)  Sinnes¬ 
organen,  dem  Augenaufreißen,  Einstellen,  Gehör  spannen  u.  dgl. 

Die  Übertragung  dieser  Anschauung  auf  die  anderen  Migraine- 
quellen  und  migraineähnlichen  Zustände  wäre  vielleicht  nicht 
zu  schwierig;  ich  sehe  aber  noch  nicht,  wie  das  zu  machen  ist. 
Jedenfalls  ist  die  Prüfung  am  Hauptthema  das  Wichtigere.1 

Eine  Menge  unklarer  uralter  Vorstellungen  der  Medizin  be¬ 
kommen  so  Leben  und  Geltung. 

Nun  aber  genug!  Prosit  1896  und  schreib  mir  sehr  bald  ein 
Wort,  wie  es  Mutter  und  Sohn  geht.  Du  kannst  Dir  denken, 
wie  sehr  sich  Martha  für  alles  interessiert. 


Dein 


Sigm. 


(. Manuskript  K) 


DIE  ABWEHRNEUROSEN2 
(Weihnachtsmärchen) 

Es  gibt  deren  vier  Typen  und  viele  Formen.  Ich  kann  nur  Hysterie, 
Zwangsneurose  und  eine  Form  der  Paranoia  in  Vergleich  ziehen. 

!)  Siehe  Freuds  Diskussion  über  Migraine,  S.  125. 

2)  Beilage  zum  Brief  vom  1.  1.  1896.  Der  letzte  Abschnitt  sucht  Anschluß 
an  die  Gedanken  des  „Entwurfs“  und  wiederholt  sie  zum  Teil.  —  Die  Grund¬ 
gedanken  sind  zum  Teil  in  der  Arbeit  „Weitere  Bemerkungen  über  die  Ab- 
wehr-Neuropsychosen“  verwendet  worden,  die  1896  erschienen  ist.  Worauf  sich 
der  Untertitel  des  vorliegenden  Entwurfs  bezieht,  wissen  wir  nicht,  vielleicht 
erklärt  er  sich  aus  der  Zeit  der  Zusendung,  als  verspätetes  Geschenk  zu  Weih’ 
nachten  1895. 


Manuskript  K 


157 


Sie  haben  Verschiedenes  miteinander  gemein.  Es  sind  pathologische 
Abirrungen  normaler  psychischer  Affektzustände:  des  Konfliktes 
(Hysterie),  des  Vorwurfs  (Zwangsneurose),  der  Kränkung 
(Paranoia),  der  Trauer  (halluzinatorische  akute  Amentia).  Sie  unter¬ 
scheiden  sich  von  diesen  Affekten,  indem  sie  zu  keiner  Erledigung 
führen,  sondern  zur  dauernden  Schädigung  des  Ich.  Sie  kommen 
unter  den  gleichen  Anlässen  wie  ihre  Affektvorbilder  zustande,  wenn 
für  den  Anlaß  noch  zwei  Bedingungen  erfüllt  sind,  daß  er  sexueller 
Art  sei  und  daß  er  sich  in  der  Zeit  vor  der  sexuellen  Reife  ereigne 
(Bedingungen  der  Sexualität  und  des  Infantilismus). 
Über  Bedingungen  der  Person  ist  mir  nichts  Neues  bekannt;  ich 
möchte  im  allgemeinen  sagen,  die  Heredität  sei  eine  weitere  Bedin¬ 
gung,  indem  sie  den  pathologischen  Affekt  erleichtert  und  steigert, 
also  jene  Bedingung,  welche  hauptsächlich  die  Abstufungen  vom 
Normalen  zum  Extremen  ermöglicht.  Ich  glaube  nicht,  daß  die  Here¬ 
dität  die  Auswahl  der  Abwehrneurose  bestimmt. 

Es  gibt  eine  normale  Abwehrtendenz,  d.  h.  die  Abneigung,  die 
psychische  Energie  so  zu  lenken,  daß  Unlust  entsteht.  Diese  Tendenz, 
welche  mit  den  fundamentalsten  Verhältnissen  des  psychischen  Me¬ 
chanismus  (Gesetz  der  Konstanz)  zusammenhängt,  kann  nicht  ge¬ 
wendet  werden  gegen  Wahrnehmungen,  da  diese  sich  Aufmerksamkeit 
(bezeugt  durch  Bewußtsein)  zu  erzwingen  wissen;  sie  kommt  nur  in 
Betracht  gegen  Erinnerungen  und  Denkvorstellungen.  Sie  ist  un¬ 
schädlich,  wo  es  sich  um  Vorstellungen  handelt,  die  seinerzeit  mit 
Unlust  verknüpft  waren,  aber  keine  aktuelle  Unlust  (andere  als  erin¬ 
nerte)  zu  erwerben  imstande  sind;  sie  kann  auch  hier  durch  psychisches 
Interesse  überwunden  werden. 

Schädlich  wird  aber  die  Abwehrneigung,  wenn  sie  sich  gegen  Vor¬ 
stellungen  richtet,  die  auch  als  Energie  frische  Unlust  entbinden 
können,  wie  es  bei  den  sexuellen  Vorstellungen  der  Fall  ist.  Ja,  hier 
ist  die  einzige  Möglichkeit  verwirklicht,  daß  eine  Erinnerung  nach¬ 
träglich  stärker  entbindend  wirkt,  als  das  ihr  entsprechende  Erlebnis 
gewirkt  hatte.  Es  braucht  dazu  nur  das  eine,  daß  zwischen  dem  Er¬ 
lebnis  und  seiner  Wiederholung  in  der  Erinnerung  die  Pubertät  sich 
einschiebt,  die  den  Effekt  der  Erweckung  so  sehr  steigert.  Auf  diese 
Ausnahme  scheint  der  psychische  Mechanismus  nicht  vorbereitet  zu 


158 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


sein,  und  darum  wird  es  zur  Bedingung  der  Freiheit  von  Abwehr¬ 
neurosen,  daß  keine  ausgiebigere  sexuelle  Irritation  vor  der  Pubertät 
stattfinde,  deren  Effekt  allerdings  durch  hereditäre  Disposition  bis  zur 
krankmachenden  Höhe  gesteigert  werden  muß.1 

(Hier  zweigt  ein  Nebenproblem  ab:  wie  es  denn  komme,  daß  unter 
analogen  Bedingungen  anstatt  Neurose  Perversität  oder  einfach  Im¬ 
moralität  entsteht.)2 

Tief  in  psychologische  Rätsel  führt  nun  die  Erkundigung,  woher 
die  Unlust  stamme,  die  durch  vorzeitige  Sexualreizung  entbunden 
werden  soll,  ohne  die  doch  eine  Verdrängung  nicht  zu  erklären  ist. 
Die  nächstliegende  Antwort  wird  sich  darauf  berufen,  daß  Scham 
und  Moralität  die  verdrängenden  Kräfte  sind,  und  daß  die  natürliche 
Nachbarschaft  der  Sexualorgane  unfehlbar  beim  Sexualerlebnis  auch 
Ekel  erwecken  muß.3  Wo  keine  Scham  besteht  (wie  beim  männlichen 
Individuum),  keine  Moral  zustande  kommt  (wie  bei  den  niederen 
Volksklassen),  wo  der  Ekel  durch  die  Lebensbedingungen  abgestumpft 
ist  (wie  auf  dem  Lande),  da  wird  auch  keine  Verdrängung,  somit 
keine  Neurose  die  Folge  der  infantilen  Sexualreizung  sein.4  Ich 
fürchte  indes,  diese  Erklärung  hält  tieferer  Prüfung  nicht  stand.  Ich 
glaube  nicht,  daß  die  Unlustentbindung  bei  Sexualerlebnissen  Folge 
von  zufälliger  Beimengung  gewisser  Unlustmomente  ist.  Die  alltägliche 
Erfahrung  lehrt,  daß  bei  genügend  hoher  Libido  Ekel  nicht  verspürt 
wird,  Moral  überwunden  wird,  und  ich  meine,  daß  die  Entstehung 
von  Scham  durch  tieferen  Zusammenhang  mit  dem  Sexualerlebnis 
verknüpft  ist.  Meine  Meinung  ist,  es  muß  eine  unabhängige  Quelle 
der  Unlustenbindung  im  Sexualleben  geben;  ist  diese  einmal  da,  so 
kann  sie  Ekelwahrnehmungen  beleben,  der  Moral  Kraft  verleihen 
u.  dgl.  Ich  halte  mich  an  das  Vorbild  der  Angstneurose  des  Er- 

1)  Vgl.  dazu  die  analogen  Ausführungen,  Entwurf  S.  435  ff. 

2)  Für  weitere  Versuche,  das  Problem  der  Neurosenwahl  zu  lösen,  siehe 
etwa  Brief  Nr.  125. 

3)  „Inter  faeces  et  urinas  nascimur .“  Vgl.  dazu  die  Ausführungen  in  „Das 
Unbehagen  in  der  Kultur“,  1928  ( G.S .  XII,  S.  74,  Fußnote  zu  S.  73),  die  zum 
Teil  an  E.  Bleulers  Arbeit  „Der  Sexualwiderstand“  (Jahrbuch  für  psycho¬ 
analytische  und  psychopathologische  Forschungen,  V,  1913)  anschließen. 

4)  Diese  unbefriedigenden  Aufstellungen,  die  Freud  schon  im  nächsten  Satz 
verwirft,  verdienen  Beachtung  weil  sie  beweisen,  daß  Freud  sich  schon  damals 
des  Einflusses  sozialer  Umstände  auf  die  Neurosenentwicklung  bewußt  war  ’3 
vgl.  auch  Manuskript  A. 


Manuskript  K 


159 


wachsenen,  wo  gleichfalls  eine  aus  dem  Sexualleben  stammende  Quan¬ 
tität  eine  Störung  im  Psychischen  verursacht,  die  sonst  eine  andere 
Verwendung  im  Sexualvorgang  gefunden  hätte.  Solange  es  keine 
korrekte  Theorie  des  Sexualvorganges  gibt,  bleibt  die  Frage  nach 
der  Entstehung  der  bei  der  Verdrängung  wirksamen  Unlust  eine 
ungelöste. 


Der  Krankheitsverlauf  der  Verdrängungsneurosen  ist  im  allge¬ 
meinen  stets  der  nämliche. 

1.  Das  (oder  die  Reihe  von)  zu  verdrängende,  traumatische,  vor¬ 
zeitige  Sexualerlebnis. 

2.  Dessen  Verdrängung  bei  einem  späteren  Anlaß,  der  dessen 
Erinnerung  weckt,  dabei  zur  Bildung  eines  Primärsymptoms 
führt. 

3.  Ein  Stadium  gelungener  Abwehr,  das  bis  auf  die  Existenz 
des  Primärsymptoms  der  Gesundheit  gleicht. 

4.  Das  Stadium,  in  dem  die  verdrängten  Vorstellungen  wieder¬ 
kehren,  und  im  Kampf  zwischen  ihnen  und  dem  Ich  neue 
Symptome,  die  der  eigentlichen  Krankheit,  gebildet  werden, 
d.  h.  ein  Stadium  des  Ausgleiches,  der  Überwältigung  oder 
Defektheilung. 

In  der  Art,  wie  die  verdrängten  Vorstellungen  wieder  kehren,  zeigen 
sich  die  Hauptunterschiede  der  einzelnen  Neurosen,  andere  zeigen  sich 
in  der  Art  der  Symptombildung  und  des  Ablaufes.  Der  spezifische 
Charakter  der  einzelnen  Neurosen  liegt  aber  in  der  Art  und  Weise, 
wie  die  Verdrängung  bewerkstelligt  wird. 

Am  Durchsichtigsten  ist  mir  der  Hergang  bei  der  Zwangsneurose, 
weil  ich  die  am  besten  kennen  gelernt  habe. 

Die  Zwangsneurose 

Hier  ist  das  Primärerlebnis  mit  Lust  ausgestattet  gewesen;  es  war 
entweder  ein  aktives  (vom  Knaben)  oder  ein  passives  (vom  Mädchen) 
ohne  Schmerz-  oder  Ekelbeimengung,  was  beim  Mädchen  im  allge¬ 
meinen  ein  höheres  Alter  (gegen  acht  Jahre)  voraussetzt.  Dieses  Er¬ 
lebnis  gibt,  später  erinnert,  Anlaß  zur  Unlustentbindung  und  zwar 
entsteht  zunächst  ein  Vorwurf,  der  bewußt  ist.  ja  es  scheint,  als  ob 


i6o 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


der  ganze  psychische  Komplex  —  Erinnerung  und  Vorwurf  —  zuerst 
bewußt  wäre.  Später  wird  beides  —  ohne  daß  etwas  Neues  hinzu¬ 
kommt  —  verdrängt  und  dafür  im  Bewußtsein  ein  Gegensymp¬ 
tom,  irgendeine  Nuance  von  Gewissenhaftigkeit  ge¬ 
bildet. 

Die  Verdrängung  kann  dadurch  zustande  kommen,  daß  die  Lust¬ 
erinnerung  in  der  Reproduktion  späterer  Jahre  an  sich  Unlust  ent¬ 
bindet,  was  aus  einer  Theorie  der  Sexualität  zu  erklären  wäre.  Es 
kann  aber  auch  anders  zugehen.  In  a  1 1  e  n  meinen  Fällen  von  Zwangs¬ 
neurose  fand  sich  in  sehr  frühem  Alter,  Jahre  vor  dem  Lusterlebnis, 
ein  rein  passives  Erlebnis,  was  kaum  zufällig  ist.  Man  kann 
sich  dann  denken,  daß  es  das  spätere  Zusammentreffen  dieses  passiven 
mit  dem  Lusterlebnis  ist,  welches  zur  Lusterinnerung  die  Unlust 
hinzufügt  und  die  Verdrängung  ermöglicht.  Es  wäre  dann  eine 
klinische  Bedingung  der  Zwangsneurose,  daß  das  passive  Erlebnis  so 
frühzeitig  fällt,  daß  es  die  spontane  Entstehung  des  Lusterlebnisses 
nicht  zu  hindern  vermag.  Die  Formel  wäre  dann: 

Unlust  —  Lust  —  Verdrängung. 

Die  zeitlichen  Verhältnisse  der  beiden  Erlebnisse  zu  einander  und 
zum  Zeitpunkt  der  Sexualreife  sind  das  Bestimmende. 

Im  Stadium  der  Wiederkehr  des  Verdrängten  zeigt  sich,  daß  der 
Vorwurf  unverändert  wiederkehrt,  aber  selten  so,  daß  er  die 
Aufmerksamkeit  auf  sich  zieht,  also  eine  Weile  als  reines  inhaltsloses 
Schuldbewußtsein  auftritt.  Meist  kommt  er  in  Verbindung  mit  einem 
Inhalt,  der  doppelt  entstellt  ist,  nach  der  Zeit  und  nach  dem  Inhalt, 
ersteres,  insofern  er  sich  auf  eine  gegenwärtige  oder  zukünftige  Hand¬ 
lung  bezieht,  letzteres,  indem  er  nicht  das  wirkliche  Ereignis,  sondern 
ein  Surrogat  nach  der  Kategorie  des  Analogen,  eine  Substitution  be¬ 
deutet.  Die  Zwangsvorstellung  ist  also  ein  Kompromißprodukt,  richtig 
nach  Affekt  und  Kategorie,  falsch  durch  zeitliche  Verschiebung  und 
Analogiesubstitution. 

Der  Affekt  des  Vorwurfs  kann  sich  durch  verschiedene  psychische 
Zustände  verwandeln  in  andere  Affekte,  die  dann  deutlicher  als  er 
selbst  ins  Bewußtsein  treten,  so  in  A  n  g  s  t  (vor  den  Folgen  der  Vor¬ 
wurfshandlung),  Hypochondrie  (Furcht  vor  deren  körper¬ 
lichen  Folgen),  Verfolgungswahn  (Furcht  vor  deren  sozialen 


Manuskript  K 


161 


Folgen),  Scham  (Furcht  vor  dem  Wissen  der  anderen  um  die 
Vorwurfshandlung)  u.  dgl. 

Das  bewußte  Ich  steht  der  Zwangsvorstellung  wie  etwas  Fremdem 
gegenüber,  es  versagt  ihr  den  Glauben,  wie  es  scheint,  mit  Hilfe  der 
lange  Zeit  vorher  gebildeten  Gegenvorstellung  der  Gewissenhaftig¬ 
keit:  Es  kann  aber  in  diesem  Stadium  zeitweise  zur  Überwältigung 
des  Ich  durch  die  Zwangsvorstellung  kommen,  z.  B.  wenn  sich  eine 
Melancholie  des  Ich  episodisch  einschiebt.  Sonst  wird  das  Stadium 
der  Krankheit  eingenommen  von  dem  Abwehrkampf  des  Ich  gegen 
die  Zwangsvorstellung,  welcher  selbst  neue  Symptome,  die  der 
sekundären  Abwehr,  erzeugt.  Die  Zwangsvorstellung  wird 
wie  jede  andere  logisch  angegriffen,  obwohl  ihr  Zwang  nicht  zu  lösen 
ist;  Steigerung  der  Gewissenhaftigkeit,  Prüfungs-  und  Aufbewahrungs¬ 
zwang  sind  die  Sekundärsymptome.  Andere  Sekundärsymptome  ent¬ 
stehen,  indem  sich  der  Zwang  auf  motorische  Impulse  gegen  die 
Zwangsvorstellung  überträgt,  z.  B.  auf  das  Grübeln,  Trinken, 
(Dipsomanie),  auf  Schutzzeremoniell  u.  dgl.,  (folie  de  doute). 

Somit  kommt  es  hier  zur  Bildung  von  drei  Arten  von  Symptomen, 

a.  das  Primärsymptom  der  Abwehr:  Gewissenhaftigkeit; 

b.  die  Kompromißsymptome  der  Krankheit:  Zwangsvor- 

% 

Stellungen  oder  Zwangsaffekte; 

c.  die  Sekundärsymptome  der  Abwehr:  Grübelzwang, 
Aufbewahrungszwang,  Dipsomanie,  Ze¬ 
remonienzwang. 

Jene  Fälle,  in  denen  nicht  der  Erinnerungsinhalt  durch  Substitution 
bewußtseinsfähig  wird,  sondern  der  Vorwurfsaffekt  durch  Verwandlung, 
machen  den  Eindruck,  als  ob  hier  eine  Verschiebung  längs  einer 
Schlußkette  stattgefunden  hätte.  Ich  mache  mir  einen  Vorwurf 
wegen  eines  Ereignisses  —  fürchte,  daß  andere  darum  wissen  — 
schäme  mich  darum  vor  anderen.  —  Sowie  das  erste  Glied  dieser 
Kette  verdrängt  wird,  wirft  sich  der  Zwang  auf  das  zweite  oder  dritte 
und  ergibt  zwei  Formen  von  Beachtungswahn,  die  aber  eigentlich 
der  Zwangsneurose  angehören.  Der  Ausgang  des  Abwehrkampfes 
geschieht  durch  allgemeine  Zweifelsucht  oder  Herausbilden  einer 
Sonderlingsexistenz  mit  unbestimmt  vielen  Symptomen  der  sekun¬ 
dären  Abwehr,  wenn  ein  solcher  Ausgang  überhaupt  erfolgt. 


N 


IÖ2 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Eine  noch  offene  Frage  ist  es,  ob  die  verdrängten  Vorstellungen 
an  und  für  sich,  ohne  Hilfeleistung  einer  aktuellen  psychischen  Kraft, 
wieder  kehren,  oder  ob  sie  zu  jedem  Schub  von  Wiederkehr  einer 
solchen  Hilfe  bedürfen.  Meine  Erfahrungen  weisen  auf  das  letztere 
Verhältnis  hin.  Es  scheint,  daß  es  die  Zustände  aktueller  unbefriedigter 
Libido  sind,  welche  ihre  Unlustkraft  zur  Erweckung  des  verdrängten 
Vorwurfes  verwenden.  Ist  diese  Erweckung  einmal  geschehen  und 
durch  die  Einwirkung  des  Verdrängten  auf  das  Ich  ein  Symptom 
entstanden,  so  arbeitet  die  verdrängte  Masse  wohl  selbständig  weiter, 
bleibt  aber  in  den  Schwankungen  ihrer  quantitativen  Mächtigkeit 
immer  von  dem  Betrag  der  jeweiligen  libidinösen  Spannung  abhängig; 
sexuelle  Spannung,  die  nicht  Zeit  hat  zu  Unlust  zu  werden,  weü  sie 
befriedigt  wird,  bleibt  harmlos.  Die  Zwangsneurotiker  sind  Personen, 
welche  Gefahr  laufen,  daß  sich  ihnen  schließlich  die  gesammte  täglich 
erzeugte  sexuelle  Spannung  in  Vorwurf,  respektive  Folgesymptome 
verwandle,  wenngleich  sie  in  der  Gegenwart  jenen  primären  Vorwurf 
nicht  neuerdings  anerkennen  würden. 

Die  Heüung  der  Zwangsneurose  erfolgt,  indem  man  alle  Vorge¬ 
fundenen  Substitutionen  und  Affektverwandlungen  rückgängig  macht, 
bis  der  Primärvorwurf  und  dessen  Erlebnis  freigelegt  und  dem 
bewußten  Ich  zur  neuerlichen  Beurteilung  vorgelegt  werden  können. 
Man  muß  sich  dabei  durch  eine  unglaubliche  Anzahl  von  Zwischen¬ 
oder  Kompromißvorstellungen  durcharbeiten,  die  flüchtig  zu  Zwangs¬ 
vorstellungen  werden.  Man  gewinnt  die  lebhafteste  Überzeugung 
davon,  daß  es  dem  Ich  unmöglich  ist,  jenen  Teü  der  psychischen 
Energie,  mit  welchem  das  bewußte  Denken  verknüpft  ist,  dem  Ver¬ 
drängten  zuzuwenden.  Die  verdrängten  Vorstellungen,  muß  man 
glauben,  bestehen  und  gehen  ungehemmt  in  die  korrektesten  Gedanken¬ 
verbindungen  ein;  die  Erinnerung  an  sie  wird  aber  auch  durch  bloße 
Anklänge  geweckt.  Die  Vermutung,  daß  die  „Moral“  als  verdrängende 
Macht  nur  ein  Vorwand  war,  bestätigt  sich  durch  die  Erfahrung, 
daß  der  Widerstand  bei  der  therapeutischen  Arbeit  sich  aller  möglichen 
Abwehrmotive  bedient.1 


x)  In  dem  entsprechenden  Abschnitt  der  Arbeit  „Weitere  Bemerkungen  über 
die  Abwehr-Neuropsychosen“  ist  manches  hinzugefügt  und  einiges,  meist  Un¬ 
wesentliches,  unterdrückt  worden. 


Manuskript  K 


163 


Paranoia 

Die  klinischen  Bedingungen  und  zeitlichen  Verhältnisse  von  Lust 
und  Unlust  bein  Primärerlebnis  sind  mir  noch  unbekannt.  Erkannt 
ist  die  Tatsache  der  Verdrängung,  das  Primärsymptom,  das  Krank¬ 
heitsstadium  als  bedingt  durch  die  Rückkehr  der  verdrängten  Vor¬ 
stellungen. 

Das  Primärerlebnis  scheint  ähnlicher  Natur  zu  sein  wie  bei  der 
Zwangsneurose,  die  Verdrängung  geschieht,  nachdem  diese  Erinnerung, 
unbekannt  wie,  Unlust  entbunden  hat.  Es  bildet  sich  aber  kein  Vor¬ 
wurf,  der  dann  verdrängt  wurde,  sondern  die  entstehende  Unlust 
wird  nach  dem  psychischen  Schema  der  Projektion  vom  Neben¬ 
menschen  hergeleitet.  Das  gebildete  Primärsymptom  ist  Mißtrauen 
(Empfindlichkeit  gegen  andere).  Es  ist  dabei  einem  Vorwurf  der 
Glaube  versagt  worden. 

Man  ahnt  nun  verschiedene  Formen,  je  nachdem  nur  der  Affekt 
durch  Projektion  verdrängt  oder  auch  der  Inhalt  des  Erlebnisses 
mitverdrängt  worden  ist.  Die  Wiederkehr  betrifft  dann  auch  bloß 
den  peinlichen  Affekt  oder  mit  die  Erinnerung.  Im  zweiten  Falle, 
den  allein  ich  genauer  kenne,  kehrt  der  Inhalt  des  Erlebnisses  wieder 
als  einfallender  Gedanke,  Gesichts-  oder  Empfindungshalluzination. 
Der  verdrängte  Affekt  scheint  jedesmal  in  Stimmenhalluzinationen 
wiederzukehren. 

Die  wiederkehrenden  Stücke  der  Erinnerung  sind  entstellt,  indem 
sie  durch  analoge  Büder  aus  dem  Aktuellen  ersetzt  sind,  also  nur 
einfach  entstellt  durch  zeitliche  Ersetzung,  nicht  durch  Surrogat- 
büdung.  Die  Stimmen  bringen  den  Vorwurf  gleichfalls  als  Kom¬ 
promißsymptom  wieder,  und  zwar  erstens  im  Worüaut  entstellt  bis 
zur  Unbestimmtheit  und  verwandelt  in  Drohung,  zweitens  bezogen 
anstatt  auf  das  primäre  Erlebnis,  gerade  auf  das  Mißtrauen,  also  das 
Primärsymptom. 

Weü  dem  primären  Vorwurf  der  Glaube  versagt  wurde,  steht  er 
den  Kompromißsymptomen  ohne  Schranken  zu  Gebote.  Das  Ich 
steht  ihnen  nicht  fremd  gegenüber,  sondern  wird  durch  sie  zu  Er¬ 
klärungsversuchen  angeregt,  die  man  als  Assimilations  wahn 
bezeichnen  darf. 

Die  Abwehr  ist  hier  sofort  mit  der  Wiederkehr  des  Verdrängten 


164 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


in  entstellter  Form  mißlungen,  und  der  Assimilationswahn  kann  nicht 
als  Symptom  sekundärer  Abwehr  sondern  als  Beginn  von  Ichver- 
änderung,  als  Ausdruck  der  Überwältigung  gedeutet  werden. 
Den  Abschluß  findet  der  Prozeß  entweder  in  Melancholie  (Ichklein- 
heit),  welche  den  Entstellungen  sekundär  jenen  Glauben  schenkt, 
der  dem  Primärvorgang  versagt  wurde,  oder  häufiger  und  ernster  in 
Schutzwahnbildung  (Größenwahn),  bis  das  Ich  völlig  umge¬ 
arbeitet  ist.1 

Das  bestimmende  Element  der  Paranoia  ist  der  Projektions¬ 
mechanismus  mit  der  Ablehnung  des  Glaubens  an  den  Vorwurf. 
Daher  die  gemeinsamen  charakteristischen  Züge  der  Neurose:  die 
Bedeutung  der  Stimmen  als  jener  Mittel,  durch  welche  die  anderen 
auf  uns  einwirken,  übrigens  ebenso  die  der  Gesten,  die  uns  das 
Seelenleben  der  anderen  verraten;  die  Wichtigkeit  von  Ton  der 
Rede  und  Anspielung,  da  die  direkte  Beziehung  aus  dem  Inhalt  der 
Rede  zur  verdrängten  Erinnerung  nicht  bewußtseinsfähig  ist. 

Die  Verdrängung  hat  bei  der  Paranoia  nach  einem  komplizierten 
bewußten  Denkvorgang  (Versagen  des  Glaubens)  stattgefunden,  viel¬ 
leicht  ist  dies  ein  Hinweis  darauf,  daß  sie  erst  in  späterem  Alter  als 
bei  der  Zwangsneurose  und  der  Hysterie  eingetreten  ist.  Die  Vor¬ 
aussetzungen  der  Verdrängung  sind  wohl  die  gleichen.  Ob  der  Pro¬ 
jektionsmechanismus  ganz  in  der  individuellen  Disposition  liegt  oder 
durch  bestimmte  zeitliche  und  zufällige  Momente  ausgewählt  wird, 
steht  ganz  dahin. 

Vier  Arten  von  Symptomen: 

a.  Primäre  Abwehrsymptome, 
h.  Kompromißcharakter  der  Wiederkehr, 

c.  Sekundäre  Abwehrsymptome, 

d.  Symptome  der  Ichüberwältigung. 

Hysterie 

Die  Hysterie  setzt  notwendigerweise  ein  primäres  Unlusterlebnis 
also  passiver  Natur  voraus.  Die  natürliche  sexuelle  Passivität  des 
Weibes  erklärt  die  Bevorzugung  desselben  für  die  Hysterie.  Wo  ich 
Hysterie  bei  Männern  fand,  konnte  ich  ausgiebige  sexuelle  Passivität 

*)  Diese  Überlegungen  tauchen,  in  veränderter  Form,  erst  in  Freuds  späteren 
Schriften  auf. 


Manuskript  K 


165 


in  deren  Anamnese  nachweisen.  Bedingung  der  Hysterie  ist  ferner, 
daß  das  primäre  Unlusterlebnis  nicht  in  zu  frühe  Zeit  fällt,  wo  die 
Unlustentbindung  noch  zu  gering  ist  und  wo  dann  selbständig  noch 
Lustereignisse  nachkommen  können,  sonst  kommt  es  nur  zur  Bildung 
von  Zwangsvorstellungen.  Bei  Männern  findet  man  daher  häufig  eine 
Kombination  von  beiden  Neurosen  oder  die  Ersetzung  anfänglicher 
Hysterie  durch  spätere  Zwangsneurose.  Die  Hysterie  beginnt  mit 
Überwältigung  des  Ich,  wozu  die  Paranoia  am  Ende  führt.  Die 
Spannungserhöhung  beim  primären  Unlusterlebnis  ist  so  groß,  daß 
das  Ich  dem  nicht  widersteht,  kein  psychisches  Symptom  bildet, 
sondern  eine  Abfuhräußerung,  meist  einen  überstarken  Ausdruck 
der  Erregung,  zulassen  muß.  Man  kann  dieses  erste  Stadium  der 
Hysterie  als  Schreckhysterie  bezeichnen;  ihr  Primärsymptom  ist  die 
Schreckäusserung  bei  psychischer  Lücke.  Wie  weit  hinauf 
im  Alter  diese  erste  hysterische  Überwältigung  des  Ich  gehen  kann, 
ist  noch  unbekannt. 

Die  Verdrängung  und  Bildung  von  Abwehrsymptomen  erfolgt  erst 
nachträglich  an  der  Erinnerung,  und  von  nun  an  können  bei  Hysterie 
Abwehr  und  Überwältigung,  d.  h.  Symptombildung  und 
Ausbrüche  von  Anfällen  sich  beliebig  untereinander  mengen. 

Die  Verdrängung  geschieht  nicht  durch  Bildung  einer  überstarken 
Gegenvorstellung  sondern  durch  Verstärkung  einer  Grenzvorstellung, 
die  von  nun  an  die  verdrängte  Erinnerung  im  Denkablauf  vertritt.  1 
Grenzvorstellung  darf  sie  heissen,  weil  sie  einerseits  dem 
bewußten  Ich  angehört,  andererseits  ein  unentstelltes  Stück  der 
traumatischen  Erinnerung  bildet.  Sie  ist  so  gleichfalls  das  Ergebnis 
eines  Kompromisses,  der  sich  aber  nicht  äußert  in  der  Ersetzung 
nach  irgendeiner  topischen  Kategorie,  sondern  in  der  Verschiebung 
der  Aufmerksamkeit  längs  der  durch  Gleichzeitigkeit  verbundenen 
Vorstellungsreihe.  Wo  das  traumatische  Ereignis  sich  in  einer  motori¬ 
schen  Äußerung  Luft  machte,  da  wird  gerade  diese  zur  Grenzvor¬ 
stellung  und  zum  ersten  Symbol  des  Verdrängten.  Man  braucht 
darum  nicht  anzunehmen,  daß  bei  jeder  Wiederholung  des  primären 

x)  Den  Begriff  der  Grenzvorstellung  hat  Freud  nicht  in  seine  Schriften 
übernommen.  Der  Abschnitt  über  Hysterie  in  der  Arbeit  „Weitere  Bemer¬ 
kungen  über  die  Ab  wehrneuropsy  chosen“  ist  dem  hier  vorliegenden  bei  weitem 
überlegen  und  ruht  auf  reicher  klinischer  Grundlage. 


i66 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Anfalls  eine  Vorstellung  unterdrückt  wird;  es  handelt  sich  ja  zunächst 
um  eine  Lücke  im  Psychischen. 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  6.  2.  96. 


Es  war  ein  unerhörtes  Intervall  in  unserem  Briefwechsel. 
Ich  wußte  Dich  mit  Robert  Wilhelm  neu  beschäftigt,  Nase  und 
Sexus  über  ihn  vergessend,  und  er  lohnt  es  Dir  hoffentlich  durch 
sein  Gedeihen.  Ich  habe  gerackert,  einen  meiner  Anfälle  von 
Quartalschreibertum  durchgemacht  und  ihn  dazu  ausgenützt, 
drei  kleine  Mitteilungen  für  Mendel  und  eine  Gesamtdarstellung 
für  die  Revue  Neurologique  zu  verfassen.  Gestern  ist  alles 
abgegangen  und,  da  es  kein  anderer  tut,  klatsche  ich  mir  selbst 
Beifall,  beschließe  auf  meinen  selbst  zugeteilten  Lorbeern  aus¬ 
zuruhen  und  beginne  sofort  Dir  zu  schreiben.1 

Das  Manuskript  des  deutschen  Aufsatzes  habe  ich  Dir  erspart, 
weil  es  identisch  ist  mit  einem  Teil  des  Inhaltes,  den  ich  Dir 
im  Weihnachtsmärchen  versetzt  hatte.2  Schrecklich  leid  tut  es 
mir,  daß  diese  letzten  Neuigkeiten  (die  wirkliche  Ätiologie  der 
Hysterie  —  Wesen  der  Zwangsneurose  —  Einsicht  in  die  Paranoia) 
Dir  durch  meine  Darstellung  verleidet  worden  sind.  Auf  unserem 
Privatkongreß  im  Sommer  wirst  Du  alles  deutlich  vorgelegt 
bekommen.  Ich  gehe  nach  München,  4.-7.  August,  Psycholo¬ 
gischer  Kongreß;  willst  Du  mir  diese  Tage  schenken?  Ich 
engagiere  mich  absolut  nicht  offiziell. 

Annerl  ist  prächtig,  Martha  hat  lange  gebraucht  sich  zu  erholen. 
Mathilde  ist  mit  einem  sehr  leichten  Scharlach  seit  acht  Tagen 
isoliert.  Bis  jetzt  noch  kein  zweiter  Fall.  .  .  . 

1)  Die  drei  kleinen  Mitteilungen  sind  als  „ Weitere  Beiträge  über  die  Abwehr- 
Neuropsychosen“  im  Neurologischen  Zentralblatt  1896,  Nr.  io  erschienen;  die 
andere  gleichzeitig  übersandte  Arbeit  —  „ UHeredite  et  VEtiologie  des  Nevroses“ 
—  in  der  Revue  Neurologique  IV?  1896, 

2)  Siehe  S.  156  ff. 


Brief  vom  13.  2.  96 


167 


Unser  Büch  hat  von  Strümpell  in  der  Deutschen  Zeitschrift 
für  Nervenheilkunde  eine  niederträchtige  Besprechung  erfahren,1 
ist  dafür  Gegenstand  eines  feinsinnigen  Artikels  in  der  alten 
„Presse“  2.  2.  96  von  Freiherr  v.  Berger  gewesen.2 

Wir  bitten  sehr,  nachdem  alles  abgelaufen  sein  dürfte,  um 
ein  paar  Worte  über  das  Befinden  Deiner  lieben  Frau  und  meines 
kleinen  Freundes. 

Mit  herzlichstem  Gruß  an  Euch  Alle  drei 


Dein 


Sigm. 


Liebster  Wilhelm ! 


Wien,  13.  2.  96. 


Ich  bin  so  vereinsamt,  also  so  erfreut  durch  Deinen  Brief, 
daß  ich  die  Stille  nach  der  heutigen  Ordination  zur  Antwort 
benütze. 

Aller  erstens,  daß  ich  Dir  nichts  vorenthalte.  Die  neueste 
Publikation  ist  ein  Auszug  aus  dem  für  Dich  geschmiedeten 

x)  Strümpells  Anzeige  der  „Studien  über  Hysterie“  ist  in  der  Deutschen 
Zeitschrift  für  Nervenheilkunde,  1896,  S.  159-161  erschienen.  Breuers  theore¬ 
tische  Ausführungen  mögen,  nach  Strümpell,  „manche  treffende  und  anregende 
Gedanken“  enthalten,  die  aber  „in  viel  zu  großer  Verallgemeinerung  und  dabei 
in  einer  eigentümlich  gesuchten  Ausdrucksweise  vorgebracht  werden“.  „Die 
therapeutischen  Anschauungen  der  Verfasser“  beruhen  „auf  einer  richtigen  und 
feinen  psychologischen  Auffassung  mancher  Fälle  von  schwerer  Hysterie“,  aber 
Strümpell  hat  Bedenken  gegen  das  Heilverfahren.  „Dieses  verlangt,  wie  die 
Verfasser  selbst  hervorheben,  eine  oft  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiten  eindrin¬ 
gende  Erforschung  der  privaten  Verhältnisse  und  Erlebnisse  der  Kranken.  Ich 
weiß  nicht,  ob  man  unter  allen  Umständen  ein  derartiges  Eindringen  in  die 
intimsten  privaten  Angelegenheiten  auch  von  Seiten  des  ehrenhaftesten  Arztes 
für  erlaubt  erachten  darf.  Am  bedenklichsten  finde  ich  dieses  Eindringen,  wenn 
es  sich  um  sexuelle  Verhältnisse  handelt.  .  .  .“ 

2)  Die  Besprechung  von  Alfred  Freiherr  von  Berger  (1853-1912),  Professor 
der  Literaturgeschichte  an  der  Wiener  Universität  und  Direktor  des  Burg¬ 
theaters,  ist  in  der  Neuen  Freien  Presse  als  Feuilleton  unter  dem  Titel  „Seelen¬ 
chirurgie“  erschienen  ;  sie  ist  teilweise  abgedruckt  in  „Die  Psychoanalytische 
Bewegung“,  IV,  1932,  S.  73  ff .  ;  für  eine  Würdigung  vgl.  auch  E.  Kris  in 
Psychoanalytic  Quarterly,  XV,  1946,  S.  226  ff.  (Besprechung  von  F.  J.  Hoffmann, 
„ Freudianism  and  the  Literary  Mind “). 


i68 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


sogenannten  Weihnachtsmärchen,  etwas  sachlicher  und  zahmer 
gehalten. 

Auf  Deine  Nase — Sexus  freue  ich  mich  natürlich  sehr.1 
Sie  bereiten  auf  hiesigen  Kliniken  Gegenarbeiten  gegen  Dich 
vor.  Mehr  konnte  ich  nicht  erfahren.  Die  Kritik  wird  Dir  nicht 
näher  gehen  als  mir  die  Strümpellsche,  gegen  die  ich  wahrlich 
keinen  Trost  brauche.  Ich  bin  so  sicher,  daß  wir  beide  ein 
schönes  Stück  sachlicher  Wahrheit  in  die  Hände  bekommen 
haben,  und  wir  können  Anerkennung  von  fremder  (den  Dingen 
Fremder)2  Seite  noch  für  längere  Zeit  entbehren.  Wir  werden, 
hoffe  ich,  noch  mehr  finden  und  selbst  berichtigen,  ehe  uns 
jemand  nachkommt.  .  .  . 

Mein  Befinden  verdient  nicht  Gegenstand  der  Nachfrage  zu 
sein.  .  .  .  Ich  bin  rasch  grau  geworden. 

Die  Psychologie  —  Metapsychologie  eigentlich  —  beschäftigt 
mich  unausgesetzt,3  das  Buch  von  Taine  „LTntelligence“  paßt 
mir  ausserordentlich.4  Ich  hoffe,  es  wird  doch  etwas  daraus. 
Die  ältesten  Ideen  sind  gerade  die  brauchbarsten,  wie  ich  nach¬ 
träglich  finde.  Ich  hoffe,  mit  wissenschaftlichem  Interesse  bis 
ans  Lebensende  versorgt  zu  sein.  Ein  Mensch  daneben  bin  ich 
freilich  kaum  mehr.  Abends  ioj  h.  nach  der  Praxis  bin  ich  zu 
Tode  müde. 

„Nase  und  Sexus“  werde  ich  natürlich  ohne  Aufenthalt  lesen 
und  zurücksenden.  Hoffentlich  sprichst  Du  einige  unserer  ge¬ 
meinsamen  Grundansichten  über  Sexualität  auch  darin  aus. 


Mit  herzlichem  Gruß  an  Deine  liebe  Frau  und  Robert 


Dein 


Sigm. 


*)  Diese  Bemerkung  bezieht  sich  offenbar  auf  das  Manuskript  (ohne  Schlu߬ 
kapitel)  von  Fliess’  1897  erschienener  Monographie  „Die  Beziehungen  zwischen 
Nase  und  weiblichen  Geschlechtsorganen“. 

2)  „den  Dingen  Fremder“  =  den  Problemen  fremd  Gegenüberstehender. 

3)  Der  Ausdruck  „Metapsychologie“  ist  hier  zum  ersten  Male  verwendet ; 
siehe  auch  Brief  vom  10.  3.  1898,  Nr.  84  ;  in  Freuds  Schriften  findet  er  sich 
erst  nach  1915. 

4)  H.  Taine,  „LTntelligence“,  2  Bde.,  Paris,  1864. 


Brief  vom  I.  3.  96 


169 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  1.  3.  96. 


Ich  habe  das  Manuskript  in  einem  Zuge  durchgelesen.  In 
seiner  schlichten  Sicherheit,  in  der  durchsichtigen  wie  von 
selbst  gefundenen  Verknüpfung  der  einzelnen  Themata,  in 
seinem  anspruchslos  ausgebreiteten  Reichtum  und  —  last  not 
least  —  in  der  Fülle  von  Ausblicken  auf  neue  Rätsel  und  neue 
Klärungen  hat  es  mir  ungemein  gefallen.  Ich  habe  es  auch 
zunächst  gelesen,  als  wäre  es  bloß  für  mich  bestimmt.  Rote 
Randbemerkungen  wirst  Du  bis  auf  eine  einzige  vermissen;  es 
war  kein  Anlaß  dazu.  Daß  ich  die  Krankengeschichten  nicht 
nochmals  revidiert,  wirst  Du  für  entschuldigt  halten.1 

Zum  Kritiker  muß  ich  mich  also  erst  gewaltsam  verschrauben, 
und  da  finde  ich,  Du  hättest  mir  das  letzte,  allgemeine  Kapitel 
nur  gleich  mitschicken  sollen.  Dieses  kann  kein  Zusatz  sein, 
sondern  wird  von  dem  Vorhandenen  dringend,  schreiend  erfordert. 
Ich  bin  auch  sehr  neugierig  darauf.  Ferner  meine  ich,  die  Leute 
werden  Anstoß  an  der  Art  nehmen,  wie  die  reizende  Geschichte 
von  I.  F.’s  Graviditätsperioden  mit  den  angehängten  Hypothesen 
von  den  zwei  Organhälften,  ihren  Arbeitsverschiebungen  und 
Interferenzen  als  ein  vereinzelter  Fernblick  mitten  in  die 
Wanderung  auf  breiter  bequemer  Straße  eingeschaltet  ist.  Es 
erinnert  fast  an  die  Art,  wie  G.  Keller  im  „Grünen  Heinrich“ 
die  Erzählung  seines  Lebens  unterbricht,  um  das  Schicksal  des 
armen  tollen  Prinzeßchens  zu  schildern.  Ich  würde  glauben, 
für  die  Plebs,  die  das  Büchlein  lesen  soll,  stünde  dieser  Er¬ 
klärungsversuch,  der  sich  an  die  Tabelle  anschließt,  besser  im 
allgemeinen,  erklärenden  Abschnitt,  und  genügte  im  Zusam¬ 
menhänge  der  Tatsachen  die  Bemerkung  zur  Tabelle,  daß  die 
Nasenbefunde  sich  verhalten,  als  ob  die  Menstruationsintervalle 
vom  Juli  an  zwischen  23  und  33  oszillierten,  wofür  sich  später 

x)  Das  Freud  vorliegende  Manuskript  ist  unter  dem  Titel  „Die  Beziehungen 
zwischen  Nase  und  weiblichen  Geschlechtsorganen.  In  ihrer  biologischen 
Bedeutung  dargestellt“  im  Jahre  1897  im  Druck  erschienen.  Vgl.  Einlei¬ 
tung  S.  10  f. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


170 

hinreichende  Anknüpfungen  ergeben  würden.  Auch  die  folgenden 
Belege  für  eine  23tägige  Periodizität  kämen  dann  in  ein  anderes 
Niveau.  Gewiß  sind  gerade  diese  Dinge  für  uns  zwei  das  bei 
weitem  Interessantere.  Dem  publico  dürfte  man  aber  nicht  den 
Anlaß  bieten,  sein  bißchen  Kritik,  über  das  es  meist  zu  seinem 
Schaden  verfügt,  auf  diesen  ganzen  den  Tatsachen  gewidmeten  Ab¬ 
schnitt  auszudehnen.1  Die  Darstellung  des  Neuen  und  Hypothe¬ 
tischen  im  zweiten  Abschnitt  dürfte  dann  auch  ausführlicher 
sein.  Ich  fürchte,  publicia  findet  sonst  bald,  das  sei  nicht  not¬ 
wendig  die  einzige  Auflösung  für  die  Reihe  bei  I.  F.,  besonders 
da  die  Geburt  nicht  im  Sinne  dieser  Reihe  eintritt,  sondern  über 
die  Vermittlung  einer  Störung.  Das  läßt  sich  aber  eigentlich  erst 
übersehen,  wenn  Du  den  zweiten  Abschnitt  dabei  hast.2 

Um  von  der  lästigen  Verpflichtung  zurückzukommen.  Dein 
Opus  mit  den  mir  nicht  passenden  Brillen  des  Publicus  zu 
betrachten,  füge  ich  an,  daß  manche  Deiner  hingeworfenen  Be¬ 
merkungen  bei  mir  geradezu  eingeschlagen  haben.  So  fällt  mir 
ein,  daß  die  Verdrängungsgrenze  in  meiner  Neurosentheorie, 
d.h.  die  Zeit,  von  welcher  an  sexuelle  Erlebnisse  nicht  mehr 
posthum  sondern  aktuell  wirken,  mit  der  II.  Dentition  zusammen¬ 
fällt.3  Meine  Angstneurose  getraue  ich  mich  erst  jetzt  zu  ver¬ 
stehen,  die  Periode  als  ihr  physiologisches  Vorbild,  sie  selbst 
als  eine  Intoxikation,  für  die  ein  Organvorgang  die  physiologische 
Grundlage  zu  liefern  hat.4  Das  unbekannte  Organ  (Thyreoidea5 
oder  was  sonst)  wird  Dir  hoffentlich  nicht  lange  unbekannt 
bleiben  können.  Auch  die  männliche  Menopause  hat  mich  riesig 


4)  Fliess  scheint  einige  von  Freuds  Änderungsvorschlägen  berücksichtigt  zu 
haben. 

2)  Über  Freuds  Stellung  zur  Periodenlehre  von  Fliess  s.  S.  48  ff. 

3)  In  der  wenig  später  (noch  1896)  verfaßten  Arbeit  „Zur  Ätiologie  der 
Hysterie“  (G.S.  I)  heißt  es  (S.  428)  :  „Da  in  keinem  einzigen  Fall“  (von 
Hysterie)  „die  Kette  der  wirksamen  Erlebnisse  mit  dem  achten  Jahr  abbricht, 
muß  ich  annehmen,  daß  diese  Lebensperiode,  in  welcher  der  Wachstumsschub 
der  zweiten  Dentition  erfolgt,  für  die  Hysterie  eine  Grenze  bildet,  von  welcher 
an  ihre  Verursachung  unmöglich  wird“.  Vgl.  dagegen  die  Auffassung  im 
„Entwurf“,  wo  noch  die  Pubertät  als  Grenze  angenommen  ist. 

4)  Versuch  einer  Weiterführung  der  Plypothese  von  der  Verwandlung  gestau¬ 
ter  Sexualerregung  (Libido)  in  Angst. 

5)  Freud  hatte  sich  schon  1892  für  die  Funktion  der  Schilddrüse  interessiert, 
s.  Charcot,  „Poliklinische  Vorträge“,  Fußnoten  zu  S.  237. 


Brief  vom  16.  3.  96 


171 


gefreut ;  ich  habe  sie  in  der  „Angstneurose“  als  letzte  Bedingung 
für  Männer  kühnlich  antizipiert.1  Auch  eine  Erklärung  für  die 
Periodizität  der  Angstanfälle,  die  Löwenfeld  von  mir  gefordert 
hat,  scheinst  Du  an  meiner  Statt  zu  liefern.  .  .  . 

Herzlichste  Grüße  an  Dich,  Ida,  W.-R. 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  16.  3.  96. 


Glaube  nicht,  daß  ich  Deinen  Perioden  Mißtrauen  entgegen¬ 
bringe,  weil  sie  sich  in  Deinen  und  Deiner  Frau  Beobachtungen 
nicht  frei  von  störenden  Einflüssen  darstellen;  ich  will  nur 
hintanhalten,  daß  Du  dem  Herrn  Gegner,  Publicus,  etwas  bietest, 
was  Nachdenken  von  ihm  fordert,  wie  ich  es  leider  beständig 
tue,  weil  er  sich  für  solche  Zumutungen  stets  zu  rächen  pflegt.2 

Wissenschaft  geht  allmählich  vorwärts.  Ich  habe  heute  — 
wie  ein  Dichter] üngling  zu  tun  pflegt  —  ein  Blatt  mit  einem 
Titel  beschrieben: 

Vorlesungen  über  die  großen  Neurosen 
( Neurasthenie ,  Angstneurose ,  Hysterie ,  Zwangsneurose). 

Ich  sehe  nämlich,  daß  ich  in  der  Erkenntnis  der  gemeinen 
Neurosen  für  jetzt  nicht  weiter  komme  und  nichts  zurückzu¬ 
nehmen  brauche.  So  will  ich  losschlagen  und  die  Dinge  fixieren. 
Dahinter  soll  ein  zweites  und  schöneres  Werk  lauern: 

Psychologie  und  Psychotherapie  der  Abwehrneurosen, 
für  das  ich  mir  noch  Jahre  Vorbereitung  lasse  und  worin  ich 
meine  Seele  stecken  will. 

Unter  den  Bedingungen  für  die  Entstehung  der  Angstneurose  bei  Männern 
heißt  es  :  „Angst  der  Männer  im  Senium.  Es  gibt  Männer,  die,  wie  die  Frauen, 
ein  Klimakterium  zeigen  und  zur  Zeit  ihrer  abnehmenden  Potenz  und  steigen¬ 
den  Libido  Angstneurose  produzieren“. 

2)  Fliess’  Reaktion  auf  Freuds  Brief  vom  1.  3.  1896,  Brief  Nr.  42,  bereitet 
den  Boden  für  die  spätere  Auflösung  der  Beziehung.  Fliess  verlangt  unbe¬ 
dingte  Anerkennung  seiner  Pericdenlehre.  S.  Einl.  S.  42  ff. 


172 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Einen  Fall  von  Dipsomanie  will  ich  Dir  noch  mitbringen,  der 
sich  sehr  durchsichtig  nach  meinem  Schema  gelöst  hat.  Auf 
die  Psychologie  komme  ich  beständig  zurück,  ich  kann  der 
Nötigung  nicht  ausweichen.  Was  ich  habe,  ist  wohl  weder  eine 
Million,  noch  ein  Kreuzer,  sondern  ein  Klumpen  Erz,  in  dem 
unbekannt  wieviel  Edelmetall  steckt.  Ich  bin  im  ganzen  mit 
den  Fortschritten  zufrieden,  habe  aber  Anfeindungen  und  lebe 
in  solcher  Isolierung,  als  ob  ich  die  größten  Wahrheiten  ge¬ 
funden  hätte.1 

Unser  Kongreß  soll  eine  rechte  Erholung  und  Auffrischung 
werden. 

Mit  herzlichsten  Grüßen  an  Dich,  Deine  liebe  Frau  und  Mutter 
von  R.-W. 

Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  2.  4.  96. 


Morgen  wandert  Dein  Manuskript  zu  Deuticke.  Ich  habe  es 
eben  durchgelesen  und  mich  sehr  damit  gefreut.  Wir  sprechen 
ja  bald  darüber.  Es  ist  mir  eine  Herzensangelegenheit  zu  sehen, 
daß  Du  imstande  bist,  für  meine  Vorläufigkeiten  die  Realia 
einzusetzen.  Die  Trennung  von  Neurasthenie  und  Angstneurose 
wird  sich  so  vielleicht  auch  durch  die  Organvorgänge  recht- 
fertigen  lassen;  ich  habe  sie  nach  einer  Art  von  klinischem 
Instinkt  vorgenommen.  Den  Vorgang  bei  der  Angstneurose 
habe  ich  mir  immer  wie  die  Neurosen  überhaupt  als  Intoxikation 
vorgestellt,2  auch  oft  an  die  symptomatische  Ähnlichkeit  von 

x)  In  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“  sagt  Freud  : 
„.  .  .  es  bildet  sich  ein  negativer  Raum  um  meine  Person“.  Siehe  auch  Brief 
vom  4.  5.  1896,  Nr.  45.  Freud  hat  die  Reaktion  seiner  Umwelt  auf  seine  Funde 
zuweilen  noch  schärfer  und  positiver  formuliert  :  Die  Ablehnung  der  Umwelt 
habe  ihm,  nachdem  er  die  Wirkungsweise  des  Widerstandes  verstanden  habe, 
die  Einsicht  in  die  volle  Bedeutung  seiner  Funde  gegeben. 

2)  S.  Bemerkung  z.  Brief  v.  1.  3.  96  (Nr.  42). 


Brief  vom  4.  5.  96 


173 


Angstneurose  und  Morbus  Basedowi1  gedacht,  die  Du  viel¬ 
leicht  noch  berühren  kannst.  .  .  . 

Ich  komme  im  ganzen  mit  der  Neurosenpsychologie  sehr 
schön  fort,  habe  allen  Grund  zufrieden  zu  sein.  Ich  hoffe.  Du 
leihst  mir  Dein  Ohr  auch  für  einige  metapsychologische  Fragen. 


Wenn  uns  Beiden  noch  einige  Jahre  ruhiger  Arbeit  vergönnt 
sind,  werden  wir  sicherlich  etwas  hinterlassen,  was  unsere 
Existenz  rechtfertigen  kann.  In  diesem  Bewußtsein  fühle  ich 
mich  stark  gegen  alle  Sorgen  und  Mühen  des  Tages.  Ich  habe 
als  junger  Mensch  keine  andere  Sehnsucht  gekannt  als  die  nach 
philosophischer  Erkenntnis,  und  ich  bin  jetzt  im  Begriffe  sie  zu 
erfüllen,  indem  ich  von  der  Medizin  zur  Psychologie  hinüber¬ 
lenke.  Therapeut  bin  ich  wider  Willen  geworden;  ich  habe  die 
Überzeugung,  daß  ich  Hysterie  und  Zwangsneurose  definitiv 
heilen  kann,  gewisse  Bedingungen  der  Person  und  des  Falles 
zugegeben. 

Also  jetzt  auf  Wiedersehen.  Wir  haben  uns  die  schönen  Tage 
rechtschaffen  verdient. 

Wenn  Du  von  Frau  und  Sohn  über  Ostern  Abschied  nimmst, 
grüße  sie  auch  in  meinem  Namen. 


Dein 


Sigm. 


45 

Wien,  4.  5.  96. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Ich  arbeite  in  Psychologie  rüstig  und  einsam  weiter,  kann  Dir 
noch  nichts  halbwegs  Fertiges  schicken,  wenn  ich  die  Ansprüche 
an  das  Fertige  noch  so  sehr  herabstimme.  An  die  chemische 
Neuronentheorie  glaube  ich  immer  besser,  hatte  ähnliche  Aus¬ 
gangspunkte  wie  Du  sie  genannt  hast,  sitze  aber  jetzt  auch  fest, 
nachdem  ich  mir  gestern  den  Kopf  dabei  verdorben  habe. 


x)  S.  Anmkg.  5,  S.  170,  Brief  Nr.  42. 


174 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Mit  dem  Bewußtsein  fühle  ich  mich  sicherer  und  muß  jetzt 
in  der  Hysterie  Vorlesung  den  Versuch  machen,  diese  aller¬ 
schwierigsten  Dinge  vorzutragen.  Samstag  gab  es  einen  Vortrag 
über  Traumdeutung  vor  der  Jugend  der  jüdisch-akademischen 
Lesehalle,  dessen  Inhalt  Du  auch  einmal  erfahren  wirst.1  Ich 
bin  jetzt  so  darstellungslustig. 

Isoliert  bin  ich,  daß  Du  zufrieden  sein  kannst.  .  .  .  Denn  alles 
fällt  rings  von  mir  ab.  Bis  jetzt  trage  ich  es  mit  Gleichmut. 
Unangenehmer  empfinde  ich,  daß  die  Ordination  heuer  zum 
ersten  Male  leer  steht,  daß  ich  wochenlang  kein  neues  Gesicht 
sehe,  keine  neue  Kur  anknüpfen  konnte  und  daß  von  den  alten 
noch  keine  fertig  ist.  Die  Sachen  sind  so  schwer  und  mühsam, 
daß  im  Ganzen  eine  starke  Konstitution  dazu  gehört.  .  .  . 

17.5.  Der  Kochzeitstrubel2  eben  abgelaufen.  .  .  .  Das 
Schönste  .  .  .  war  übrigens  unser  Sopherl  —  mit  gebrannten 
Haaren  und  einem  Vergißmeinnicht kranz  auf  dem  Kopf. 


Dein 


Sigm. 


46 

Wien,  30.  5.  96. 

Teurer  Wilhelm ! 

Als  Frucht  quälerischen  Nachdenkens  teile  ich  Dir  folgende 
Lösung  der  Psychoneurosenätiologie  mit,  die  ihrer  Bestätigung 
durch  Einzelanalysen  noch  harrt.  Es  sind  vier  Lebensalter  zu 
unterscheiden. 


1)  Nicht  erhalten. 

2)  Die  Hochzeit^von  Freuds  Schwester  Rosa. 


Brief  vom  30,  5.  96 


175 


A  und  B  (von  etwa  8-10  und  13-17)  sind  die  Übergangszeiten,  in 
denen  meist  die  Verdrängung  vor  sich  geht.1 

Die  Erweckung  einer  sexuellen  Erinnerung  aus  einer  früheren 
Epoche  in  einer  späteren  bringt  einen  Sexualüberschuß 
in  die  Psyche,  der  als  Denkhemmung  wirkt  und  der  Erinnerung 
wie  ihren  Folgen  den  Zwangscharakter  —  Unhemmbarkeit  — 
verschafft. 

An  der  Zeit  I  a  haftet  der  Charakter  des  Unübersetzten, 

so  daß  die  Erweckung  einer  la- Sexualszene  nicht  zu  psychischen 

Folgen,  sondern  zu  Realisierungen,  zur  Konversion  führt. 

•  ♦ 

Der  Sexualüberschuß  hindert  die  Übersetzung. 

Der  Sexualüberschuß  allein  kann  noch  keine  Verdrängung 
machen,  es  gehört  das  Mitwirken  der  Abwehr  dazu ;  ohne 
Sexualüberschuß  erzeugt  aber  die  Abwehr  keine  Neurose. 

Die  einzelnen  Neurosen  haben  nun  ihre  Zeitbedingungen  für 
die  Sexualszenen: 


d.h.  die  Szenen  der  Hysterie  fallen  in  der  ersten  Kindheitsperiode 
vor  ( — 4  Jahre),  wo  den  Erinnerungsresten  die  Übersetzung  in 
Wortvorstellungen  abgeht.  Es  ist  gleichgütig,  ob  diese  I a- 


Hier  bereitet  sich  die  Vorstellung  von  „Latenzperioden“  vor,  deren  Be¬ 
zeichnung  Freud  von  Fliess  entlehnte. 


176 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Szenen  in  der  Zeit  nach  der  II.  Dentition  (8-10)  oder  im 
Pubertätsstadium  erweckt  werden.  Immer  entsteht  Hysterie  und 
zwar  Konversion,  da  das  Zusammenwirken  von  Abwehr 
und  Sexualüberschuß  die  Übersetzung  hindert. 

Die  Szenen  der  Zwangsneurosen  gehören  der  Epoche  I b  an, 
sind  mit  Wortübersetzung  versehen,  und  bei  ihrer  Erweckung 
in  II  oder  III  entstehen  psychische  Zwangssymptome. 

Die  Szenen  der  Paranoia  fallen  in  die  Zeit  nach  der  II.  Denti¬ 
tion,  in  die  Epoche  II  und  werden  in  III  (Reife)  erweckt.  Die 
Abwehr  äußert  sich  dann  in  Unglauben.  Die  Verdrängungs¬ 
zeiten  sind  somit  für  die  Neurosen  wähl  gleichgiltig,  die  Ereignis¬ 
zeiten  entscheidend.  Der  Charakter  der  Szene  ist  insofern 
wichtig,  als  er  zur  Abwehr  Anlaß  geben  kann. 

Was  geschieht,  wenn  die  Szenen  sich  durch  mehrere  Alter 
ziehen?  Dann  entscheidet  die  früheste  Epoche  oder  es  kommt 
zu  Kombinationsformen,  die  nachzuweisen  wären.  Von  diesen 
Kombinationen  ist  die  von  Paranoia  und  Zwangsneurose  un¬ 
möglich,  weil  die  in  II  erfolgte  Verdrängung  der  Ib-  Szene  neue 
Sexualszenen  unmöglich  macht. 

Die  Hysterie  ist  die  einzige  Neurose,  bei  welcher  Symptome 
vielleicht  auch  ohne  Abwehr  möglich  sind,  da  dann  noch  der 
Charakter  der  Konversion  bleibt.  (Rein  somatische  Hysterie.) 

Zur  Paranoia  gehört,  wie  man  sieht,  am  wenigsten  infantüe 
Bedingtheit;  sie  ist  die  eigentliche  Abwehrneurose,  auch 
unabhängig  von  der  Moral  und  Sexualscheu,  die  in  A  und  B 
die  Abwehrmotive  für  die  Zwangsneurose  und  Hysterie  ab¬ 
geben,  .  .  .  Affektion  des  reifen  Alters.  Wo  Szenen  aus  I a,  Ib , 
II  fehlen,  da  kann  die  Abwehr  keine  pathologischen  Folgen 
haben  (normale  Verdrängung)  —  der  Sexualüberschuß  erfüllt 
die  Bedingungen  des  Angstanfalles  in  der  Reifezeit. 
Die  Erinnerungsspuren  sind  insuffizient  zur  Aufnahme  der 
entbundenen  Sexualquantität,  die  Libido  werden  sollte. 

Man  sieht,  welche  Bedeutung  Pausen  im  sexuellen  Er¬ 
leben  haben.  Kontinuierliche  Fortsetzung  der  Szenen  über  eine 
Epochenscheidegrenze  weicht  vielleicht  der  Möglichkeit  einer 


Brief  vom  30.  5.  96 


177 


Verdrängung  aus,  da  kein  Sexualüberschuß  zwischen  einer  Szene 
und  der  nächst  tieferen  Erinnerung  entsteht.1 

Vom  Bewußtsein,  besser:  Bewußtwerden  muß  man  dreierlei 
annehmen. 

1.  Daß  es  für  die  Erinnerungen  zumeist  im  zugehörigen 
Wor tbewußtsein  besteht,  also  im  Zulaß  zu  den  asso- 
zierten  Wortvorstellungen. 

2.  Daß  es  weder  dem  sogenannt  unbewußten  noch  dem 
sogenannt  bewußten  Reich  ausschließlich  und  untrennbar 
anhaftet,  so  daß  diese  Namen  verwerflich  scheinen. 

3.  Daß  es  durch  Kompromiß  zwischen  den  verschiede¬ 
nen  psychischen  Mächten  entschieden  wird,  die  bei  den 
Verdrängungen  in  Konflikt  miteinander  geraten. 

Diese  Mächte  sind  genau  zu  studieren  und  aus  ihren  Re¬ 
sultaten  zu  erraten.  Es  sind  1.  die  eigene  quantita¬ 
tive  Stärke  einer  Vorstellung  und  2.  eine  frei  verschieb¬ 
bare  Aufmerksamkeit,  die  nach  gewissen  Regeln  attra- 
hiert,  nach  der  Abwehrregel  abgestoßen  wird.  Die  Symptome 
sind  fast  sämtlich  Kompromißbildungen.  Es  ist  ein 
fundamentaler  Unterschied  zwischen  ungehemmten  und 
denkgehemmten  psychischen  Vorgängen  zu  konstatieren. 
Im  Konflikt  zwischen  diesen  beiden  entstehen  die  Symptome 
als  Kompromisse,  denen  der  Weg  zum  Bewußtsein  eröffnet 
wird.  Jeder  der  beiden  Vorgänge  ist  bei  den  Neurosen  an  sich 
korrekt,  der  ungehemmte  ist  monoideis tisch,  einseitig,  das  Kom¬ 
promißergebnis  ist  inkorrekt,  analog  einem  Denkfehler.2 

x)  Der  hier  versuchte  Ansatz  hat  in  späterer  Zeit  in  Verbindung  mit  den  in 
den  3, Drei  Abhandlungen  zur  Sexualtheorie“  entwickelten  Anschauungen  zur 
Lehre  von  der  Fixierung  geführt. 

2)  Wir  finden  hier  in  erster  Formulierung  die  Lehre  vom  Kompromi߬ 
charakter  des  Symptoms.  Auch  die  Strukturlehre  ist  im  Ansatz  gegeben  : 
Freud  spricht  von  psychischen  Mächten,  die  miteinander  in  Konflikt  geraten 
und  antizipiert  in  seiner  Vorstellung  vom  Bewußtsein  eine  erst  in  „Das  Ich 
und  das  Es“  voll  entwickelte  Einsicht,  daß  das  Ich  sowohl  am  Bewußtsein  wie 
am  Unbewußten  Anteil  hat  oder,  anders  gesagt,  daß  manche  Ich-Funktionen 
bewußt  seien  und  andere  nicht. 

Kennzeichnend  für  Freuds  Interessen  in  der  Zeit  der  Abfassung  des  Briefes 
st  der  Umstand,  daß  er  seine  Vergleiche  aus  der  Denkpsychologie  wählt  und 
idas  Symptom  einem  Denkfehler  vergleicht ;  hier  spielen  die  Gedanken  des 
„Entwurfs“  eine  entscheidende  Rolle. 


0 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Überall  sind  quantitative  Bedingungen  zu  erfüllen,  da  sonst 
die  Abwehr  des  denkgehemmten  Vorganges  die  Symptom¬ 
bildung  verhindert. 

Eine  Art  psychischer  Störung  entsteht,  wenn  die  Macht  der 
ungehemmten  Vorgänge  wächst,  eine  andere,  wenn  die  Kraft 
des  Denkhemmens  nachläßt  (Melancholie,  Erschöpfung,  Traum 
als  Vorbild). 

Das  Wachstum  der  ungehemmten  Vorgänge  bis  zum  Allein¬ 
besitz  des  Weges  zum  Wortbewußtsein  schafft  die  P  s  y  c  h  o  s  e. 

Von  einer  Separation  der  beiden  Vorgänge  ist  keine  Rede, 
nur  Unlustmotive  sperren  die  einzelnen  assoziativ  möglichen 
Übergänge. 


Meinen  Kollegen  zum  Trotz  habe  ich  den  Vortrag  über 
Ätiologie  der  Hysterie  ausführlich  für  Paschkis  niedergeschrieben. 
Er  fängt  heute  an  zu  erscheinen.1 

Mein  ältester  Bruder  aus  Manchester  war  diese  Woche  über 
hier.  Nächsten  Donnerstag  geht  mein  Volk  nach  Aussee. 


Du  brauchst  kein  Urteil  über  die  eingangs  mitgeteilten  Sachen 


2)  Der  Vortrag  war  unfreundlich  aufgenommen  worden.  Krafft-Ebbing 
hatte,  wie  Freud  in  einem  hier  nicht  mitgeteilten  Briefe  berichtet,  die  Bemerkung 
fallen  lassen,  „Es  klingt  wie  ein  wissenschaftliches  Märchen“.  Der  Vortrag  ist 
unter  dem  Titel  „Zur  Ätiologie  der  Hysterie“  in  der  Wiener  klinischen  Rund¬ 
schau  Nr.  22-26  erschienen  (G.W.  I).  Den  Inhalt  der  Arbeit  hat  Freud  selbst 
(in  „Inhaltsangaben  der  wissenschaftlichen  Schriften  des  Privatdozenten  Dr. 
Sigm.  Freud“)  folgendermaßen  zusammengefaßt  : 

„Eingehendere  Mitteilungen  über  die  infantilen  Sexualerlebnisse,  die  sich 

als  Ätiologie  der  Psychoneurosen  ergeben  haben.  Der  Inhalt  derselben  ist 
als  , Perversion2 * 4  zu  bezeichnen,  die  Urheber  sind  zumeist  unter  den  nächsten 
Angehörigen  der  Kranken  zu  suchen.  Erörterung  der  Schwierigkeiten, 
welche  bei  der  Aufdeckung  dieser  verdrängten  Erinnerungen  zu  überwinden 
sind,  und  der  Anzweiflungen,  welche  man  gegen  die  so  gewonnenen  Resul¬ 
tate  erheben  kann.  Die  hysterischen  Symptome  erweisen  sich  als  Abkömm¬ 
linge  unbewußt  wirkender  Erinnerungen  ;  sie  treten  nur  unter  der  Mit¬ 
wirkung  solcher  Erinnerungen  auf.  Das  Vorhandensein  von  infantilen  Sexual¬ 
erlebnissen  ist  unerläßliche  Bedingung.,  wenn  es  dem  —  auch  im  Normalen 
vorhandenen  Abwehrbestreben  gelingen  soll,  pathogene  Wirkungen,  d.h. 
Neurosen,  zu  erzeugen.“ 


Brief  vom  4.  6.  96 


179 


zu  äußern;  ich  habe  Dir  bekannt,  daß  mehr  Spekulation  dabei 
ist  als  sonst;  es  ließ  mir  nur  gerade  keine  Ruhe. 

Mit  allerherzlichsten  Grüßen 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


4.  6.  96. 


Jetzt  habe  ich  die  Neurosen  und  die  Psychologie  wegtun 
müssen,  um  die  Kinderlähmungen  zu  schreiben,  die  bis  August 
zu  Ende  sein  müssen.  Nur  von  der  letzten  Aufklärung  —  Hysterie 
bis  vier  Jahre  —  habe  ich  mich  seither  überzeugt;  das  Fehlen 
der  übersetzenden  Wort  vor  Stellungen  gilt  auch  nur  für  diese 
Lebenszeit.  Mit  Löwenfeld  ist  es  so:  seinen  Aufsatz  hast  Du 
ja  gelesen.  Meine  Bemerkung  „Coitus-Periodicität“  gehört 
meiner  Erwiderung  an  (p.  9-10). 1  Plag  Dich  nicht  viel  damit. 

x)  Fliess  ist  bei  seinen  Arbeiten  auf  die  Bemerkung  Löwenfelds  über  die 
Periodizität  von  Angstanfällen  gestoßen.  Freud  verweist  dem  gegenüber  auf 
folgende  Stelle  in  seiner  Arbeit  „Zur  Kritik  der  Angstneurose“. 

„Der  weiteren  Behauptung  Löwenfelds,  daß  die  Angstzustände  nur 
bei  gewissen  Anlässen  auftreten,  bei  deren  Vermeidung  sie  ausbleiben, 
gleichgültig,  welches  die  Vita  sexualis  des  Betreffenden  sein  mag,  ist  entge¬ 
genzuhalten,  daß  Löwenfeld  hierbei  offenbar  nur  die  Angst  der 
Phobien  im  Auge  hat,  wie  auch  die  an  die  zitierte  Stelle  geknüpften 
Beispiele  zeigen.  Von  den  spontanen  Angstanfällen,  deren  Inhalt  Schwindel, 
Herzklopfen,  Atemnot,  Zittern,  Schweiß  u.  dgl.  ist,  spricht  er  gar  nicht. 
Das  Auftreten  und  Ausbleiben  dieser  Angstanfälle  zu  erklären,  scheint  meine 
Theorie  aber  keineswegs  untüchtig.  In  einer  ganzen  Reihe  solcher  Fälle  von 
Angstneurosen  ergibt  sich  nämlich  wirklich  der  Anschein  einer  Periodizität 
des  Auftretens  von  Angstzuständen  ähnlich  der  bei  Epilepsie  beobachteten, 
nur  daß  liier  der  Mechanismus  dieser  Periodizität  durchsichtiger  wird.  Bei 
näherer  Erforschung  findet  man  nämlich  mit  großer  Regelmäßigkeit  einen 
aufregenden  sexuellen  Vorgang  auf  (d.h.  einen  solchen,  der  imstande  ist, 
somatische  Sexualspannung  zu  entbinden),  an  welchen  sich  mit  Einhaltung 
eines  bestimmten,  oft  ganz  konstanten  Zeitintervalls  der  Angstanfall  an¬ 
schließt.  Diese  Rolle  spielen  bei  abstinenten  Frauen  die  menstruale  Erre¬ 
gung,  die  gleichfalls  periodisch  wiederkehrenden  nächtlichen  Pollutionen,  vor 
allem  der  (in  seiner  Unvollständigkeit  schädliche)  sexuelle  Verkehr  selbst, 
der  diesen  seinen  Wirkungen,  den  Angstanfällen,  die  eigene  Periodizität 


i8o 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Laß  mich  auf  die  versprochene  Mitteilung  in  Ungestörtheit 
nicht  lange  warten. 

Herzlichsten  Gruß  an  Euch  Alle. 

Dein 

Sigm. 


48 

Mein  teurer  Wilhelm ! 


Wien,  30.  6.  96. 


.  .  .  Mein  alter  Vater  (81  Jahre)  befindet  sich  in  Baden  in  einem 
höchst  wackeligen  Zustand,  mit  Herzkollapsen,  Blasenlähmung 
und  ähnlichem.  Das  Lauern  auf  Nachrichten,  Reisen  zu  ihm 
u.  dgl.  war  eigentlich  das  einzig  Interessante  dieser  zwei  Wochen. 
Ich  getraue  mich  darum  nicht,  jetzt  einen  Vorsatz  zu  fassen, 
der  mich  auf  eine  Tagesreise  von  Wien  entführt.  Er  ist  freilich 
ein  Riesenkerl  und  sollte,  wie  ich  hoffe,  ihm  noch  eine  Spanne 
Wohlbehagen  gegönnt  sein,  so  werde  ich  sie  für  unsere  Zusam¬ 
menkunft  ausnützen.  Ankündigen  kann  ich  mich  heute  nicht; 
aber  kannst  Du  es  möglich  machen  frei  zu  werden,  wenn  ich 
telegraphisch  anzeige,  daß  ich  unter  24  Stunden  zu  Dir  reisen 
will,  so  daß  Du  mir  noch  Absage  drahten  kannst?  Deine  Termine 
natürlich  ausgenommen. 

Ich  bin  ziemlich  verdüstert  und  kann  nur  sagen,  ich  freue 
mich  auf  den  Kongreß  wie  auf  die  Befriedigung  von  Hunger 
und  Durst.  Ich  bringe  nichts  als  zwei  offene  Ohren  und  einen 
zur  Aufnahme  gescheuerten  Schläfelappen.  Mir  ahnt  Wich- 

überträgt.  Kommen  Angstanfälle,  welche  die  gewohnte  Periodizität  durch¬ 
brechen,  so  gelingt  es  zumeist,  sie  auf  eine  Gelegenheitsursache  von  seltenerem 
und  unregelmäßigem  Vorkommen  zurückzuführen,  ein  vereinzeltes  sexuelles 
Erlebnis,  Lektüre,  Schaustellung  u.  dgl.  Das  Intervall,  das  ich  erwähnt  habe, 
beträgt  einige  Stunden  bis  zu  zwei  Tagen  ;  es  ist  dasselbe,  mit  welchem  bei 
anderen  Personen  auf  dieselben  Veranlassungen  hin  die  bekannte  Sexual¬ 
migräne  auftritt,  die  ihre  sicheren  Beziehungen  zum  Symptomenkomplex  der 
Angstneurose  hat.“  (G.S.  I,  S.  354-355.) 

Freuds  Auffassung  hat  mit  der  von  Fliess  vertretenen  in  der  Tat  nichts  zu  tun, 
beleuchtet  aber  das  Problem  der  Spannungsabfuhr  und  seiner  Auffassungen  zu 
diesem  Gegenstand  mit  besonderer  Klarheit. 


Brief  vom  2 6.  io.  96 


181 


tiges  —  ich  bin  so  eigennützig  —  auch  für  meine  Zwecke.  Mit 
der  Verdrängung-Theorie  bin  ich  auf  Zweifel  gestoßen,  die  so 
ein  Wort  von  Dir  wie  das  von  der  männlichen  und  weiblichen 
Menstruation  bei  demselben  Individuum  etwa  lösen  kann. 
Angst,  Chemismus,  u.  dgh  —  vielleicht  finde  ich  bei  Dir  den 
Boden,  auf  dem  ich  aufhören  kann,  psychologisch  zu  erklären, 
und  beginnen,  physiologisch  zu  stützen! 

Ich  war  eigentlich  auch  sehr  untätig.  Die  ganz  uninteressante 
Arbeit  über  Kinderlähmungen  hat  mich  ausfüllen  müssen. 
Indes  habe  ich  nicht  umhin  können,  einiges  zu  ahnen  oder  zu 
erfahren,  so  über  Somnambulismus  verschiedene  Einzeldinge  von 
hohem  Wert.  Wenn  ich  nur  erst  bei  Dir  und  beim  Erzählen  bin. 


Die  Meinigen  sitzen  in  einem  Paradies  über  Aussee  (Ober¬ 
tressen)  und  sind  sehr  fidel.  Ich  bin  eben  heute  zurückge¬ 
kommen.  R.  W.’s  Bekanntschaft  werde  ich  bekanntlich  1896 
machen.  Bis  dahin  herzlichste  Grüße  an  seine  Mama  und  Dich 
und  schreib  nur  bald  wieder 

Deinem 


Sigm. 


49 

Dr.  Sigmund  Freud,  26.  10.  96. 

IX.  Berggasse  19.  ord.  3-5  h. 

Mein  teurer  Wilhelm ! 

Es  ist  eigentlich  keine  Beantwortung  möglich  bei  solchen 
Intervallen.  Das  bleibt  aber  nicht  so. 

Gestern  haben  wir  den  am  23.10.  nachts  verstorbenen  Alten 
begraben.  Er  hatte  sich  wacker  gehalten,  bis  zum  Ende,  wie 
er  überhaupt  ein  nicht  gewöhnlicher  Mensch  war.  Zuletzt  muß 
er  Meningealblutungen  gehabt  haben.  Anfälle  von  Sopor  mit 


182 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


unerklärtem  Fieber,  Hyperästhesie,  Spannungen,  aus  denen  er 
dann  fieberlos  erwachte.  An  den  letzten  Anfall  schloß  sich 
Lungenödem  und  ein  eigentlich  leichter  Tod.  Das  Ganze  fiel  in 
meine  kritische  Zeit,  ich  bin  auch  recht  hin  davon. 


Herzlichst 


Dein 


Sigm. 


50 

Wien,  2.  11.  96. 

Dr.  Sigmund  Freud,  IX.  Berggasse  19. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 
a,  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Das  Schreiben  fällt  mir  jetzt  so  schwer,  daß  ich  es  so  lange 
aufgeschoben  habe,  Dir  für  die  zum  Herzen  dringenden  Worte 
in  Deinem  Brief  zu  danken.  Auf  irgendeinem  der  dunkeln  Wege 
hinter  dem  offiziellen  Bewußtsein  hat  mich  der  Tod  des  Alten 
sehr  ergriffen.  Ich  hatte  ihn  sehr  geschätzt,  sehr  genau  verstanden 
und  er  hat  viel  in  meinem  Leben  gemacht,  mit  der  ihm  eigenen 
Mischung  von  tiefer  Weisheit  und  phantastisch  leichtem  Sinn. 
Er  war  lange  ausgelebt,  als  er  starb,  aber  im  Innern  ist  wohl 
alles  Frühere  bei  diesem  Anlaß  aufgewacht. 

Ich  habe  nun  ein  recht  entwurzeltes  Gefühl. 

Sonst  schreibe  ich  Kinderlähmung  (Pegasus  im  Joche !), 
freue  mich  mit  meinen  sieben  Kuren  und  besonders  mit  der 
Aussicht,  Dich  einige  Stunden  zu  sprechen.  Einsam,  das  ver¬ 
steht  sich.  Vielleicht  erzähle  ich  Dir  einige  kleine  tolle  Sachen 
im  Austausch  für  Deine  großen  Ahnungen  und  Funde.  Weniger 
erfreulich  ist  heuer  das  Geschäft,  von  dem  meine  Stimmung 
immer  abhängig  bleibt.  .  .  . 


Brief  vom  2.  n.  96 


183 


Unlängst  habe  ich  die  erste  Reaktion  auf  meine  Einmengung 
in  die  Psychiatrie  vernommen.  „Grauen,  schauerlich,  Alt¬ 
weiberpsychiatrie“  zitiere  ich  Dir  daraus.  Rieger  in  Würzburg. 
Ich  war  höchlich  amüsiert.  Gerade  bei  der  Paranoia,  die  durch¬ 
sichtig  geworden  ist! 

Dein  Buch  läßt  auf  sich  warten.  Wernicke1  hat  mir  unlängst 
einen  Patienten,  im  Offiziersspital  befindlichen  Lieutenant  zuge¬ 
wiesen. 

Einen  netten  Traum  muß  ich  Dir  erzählen  von  der  Nacht 
nach  dem  Begräbnis :  Ich  war  in  einem  Lokal  und  las  dort  eine 
Tafel : 

Es  wird  gebeten 

die  Augen  zuzudrücken. 

Das  Lokal  erkannte  ich  gleich  als  den  Friseurladen,  den  ich 
täglich  besuche.  Am  Tage  des  Begräbnisses  mußte  ich  dort 
warten  und  kam  darum  etwas  später  ins  Trauerhaus.  Meine 
Familie  war  damals  mit  mir  unzufrieden,  weil  ich  das  Leichen¬ 
begängnis  still  und  einfach  bestimmt  hatte,  was  sie  später  als 
sehr  berechtigt  anerkannte.  Sie  nahmen  mir  auch  die  Verspätung 
etwas  übel.  Der  Satz  auf  der  Tafel  ist  doppelsinnig  und  heißt 
nach  beiden  Richtungen:  Man  soll  seine  Pflicht  gegen  den  Toten 
erfüllen.  (Entschuldigung,  als  ob  ich’s  nicht  getan  hätte  und 
Nachsicht  brauchte  —  die  Pflicht  wörtlich  genommen.)  Der 
Traum  ist  also  ein  Ausfluß  jener  Neigung  zum  Selbstvorwurf, 
die  sich  regelmäßig  bei  den  Überlebenden  einstellt.2 


Grüß  mir  I.  F.  und  R.  WT.  F.3  herzlich  st,  meine  Frau 
ist  vielleicht  schon  bei  Dir, 


Dein 


Sigm. 


x)  Wernicke,  Karl,  (1848-1905)  der  bekannte  Breslauer  Psychiater  und  Neu¬ 
rologe. 

2)  Verwendet  in  der  Traumdeutung,  G.W.  II-III,  S.  322  f.,  wo  der  Traum¬ 
text  heißt  :  „Man  bittet,  die  Augen  zuzu drücken“.  Der  Traum,  ist  dort  aus¬ 
führlich,  offenbar  an  Hand  von  Notizen  dargestellt. 

3)  Fliess’  Frau  und  Sohn. 


184 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Teurer  Wilhelm ! 


4.  12.  96. 
IX.  Berggasse  19. 


.  .  .  Ich  bin  in  voller  Arbeit,  jede  halbe  Stunde  besetzt.  .  .  . 
Ich  gehe  mit  etwas  um,  was  unsere  Arbeit  zusammenleimt, 
meinen  Bau  auf  Dein  Postament  setzt,  habe  aber  die  Empfindung, 
ich  soll  davon  nicht  schreiben.  Ein  Brocken  wird  in  einigen 
Tagen  fertig  sein,  natürlich  nur  für  Dich.  Bin  neugierig,  was 
Du  sagen  wirst.  .  .  . 

Tolle  Sachen  gibt  es  sonst  in  der  Welt,  auch  blöde,  letzteres 
sind  aber  meist  die  Menschen.  Von  meinen  Arbeiten  am  ehesten 
verraten  kann  ich  Dir  die  Mottos.  Vor  der  Psychologie  der 
Hysterie  wird  das  stolze  Wort  stehen:  Introite  et  hic  dii  sunt. 
Vor  dem  Kapitel  über  Summation: 

„Sie  treiben’s  toll,  ich  fürcht’  es  breche, 

Nicht  jeden  Wochenschluß  macht  Gott  die  Zeche.“ 

Vor  der  „Symptombildung' ‘ : 

Flectere  si  nequeo  superos 
Acheronta  movebo.1 
Vor  dem  „Widerstand“ : 

„Mach  es  kurz ! 

Am  jüngsten  Tag  ist’s  nur  ein  .  .  .“2 

Ich  grüße  Dich  und  Deine  kleine  Familie  herzlich  und  bleibe 
rerum  novarum  aus  Familie  und  Wissenschaft  begierig 


Dein 


Sigm. 


1)  Vergil,  Aeneis.  —  Verwendet  als  Motto  der  „Traumdeutung“. 

2)  Goethe,  „Zahme  Xenien“.  Verwendet  1914  als  Motto  des  dritten,  der 
Geschichte  der  „Abfallsbewegungen“  gewidmeten  Kapitels  der  Arbeit  „Zur 
Geschichte  der  psychoanalytischen  Bewegung“. 


Brief  vom  6.  12.  96 


185 


Mein  teurer  Wilhelm ! 


6.  12.  96. 


Nachdem  ich  heute  einmal  das  Vollmaß  von  Arbeit  und 
Erwerb  genossen  habe,  das  ich  zum  Wohlbefinden  brauche  (10 
Stunden  und  fl.  ioq),  todmüde  und  geistig  frisch  bin,  will  ich 
versuchen,  Dir  das  letzte  Stückchen  Spekulation  schlicht  vor¬ 
zutragen. 

Du  weißt,  ich  arbeite  mit  der  Annahme,  daß  unser  psychischer 
Mechanismus  durch  Aufeinanderschichtung  entstanden  ist,  indem 
von  Zeit  zu  Zeit  das  vorhandene  Material  von  Erinnerungsspuren 
eine  Umordnung  nach  neuen  Beziehungen,  eine  U m- 
schrift  erfährt.1  Das  wesentlich  Neue  an  meiner  Theorie 
ist  also  die  Behauptung,  daß  das  Gedächtnis  nicht  einfach,  sondern 
mehrfach  vorhanden  ist,  in  verschiedenen  Arten  von  Zeichen 
niedergelegt.  Eine  ähnliche  Umordung  habe  ich  seinerzeit 
(Aphasie)  für  die  von  der  Peripherie  kommenden  Bahnen  be- 


x)  Die  folgende  Darstellung  vermittelt  zwischen  den  Annahmen  über  den 
psychischen  Apparat,  die  im  Entwurf  (s.  S.  371  ff.)  niedergelegt  sind,  und  den 
Vorstellungen,  die  Freud  im  VII.  Kapitel  der  Traumdeutung  zusammengefaßt 
hat ;  sie  werden  später  namentlich  in  „Jenseits  des  Lustprinzips“  wieder  auf¬ 
genommen  und  1925  in  der  Arbeit  „Notiz  über  den  Wunderblock“  ( G.W .  XIV) 
in  eine  Form  gefaßt,  die  frühe  und  spätere  Theorien  verbindet : 

„Die  Hilfsapparate,  welche  wir  zur  Verbesserung  oder  Verstärkung  unserer 
Sinnesfunktionen  erfänden  haben,  sind  alle  so  gebaut  wie  das  Sinnesorgan 
selbst  oder  Teile  desselben  (Brille,  photographische  Kamera,  Höhrrohr 
usw.).  An  diesem  Maß  gemessen,  scheinen  die  Hilfsvorrichtungen  für  unser 
Gedächtnis  besonders  mangelhaft  zu  sein,  denn  unser  seelischer  Apparat 
leistet  gerade  das,  was  diese  nicht  können  ;  er  ist  in  unbegrenzter  Weise  auf¬ 
nahmsfähig  für  immer  neue  Wahrnehmungen  und  schafft  doch  dauerhafte  — 
wenn  auch  nicht  unveränderliche  —  Erinnerungsspuren  von  ihnen.  Ich 
habe  schon  in  der  „Traumdeutung“  1900  die  Vermutung  ausgesprochen,  daß 
diese  ungewöhnliche  Fähigkeit  auf  die  Leistung  zweier  verschiedener  Systeme 
(Organe  des  seelischen  Apparates)  aufzuteilen  sei.  Wir  besäßen  ein  System 
W-Bw,  welches  die  Wahrnehmungen  aufnimmt,  aber  keine  Dauerspur  von 
ihnen  bewahrt,  so  daß  es  sich  gegen  jede  neue  Wahrnehmung  wie  ein 
unbeschriebenes  Blatt  verhalten  kann.  Die  Dauerspuren  der  aufgenommenen 
Erregungen  kämen  in  dahinter  gelegenen  , Erinnerungssystemen'  zustande. 
Später  (Jenseits  des  Lustprinzips')  habe  ich  die  Bemerkung  hinzugefügt, 
das  unerklärliche  Phänomen  des  Bewußtseins  entstehe  im  Wahrnehmungs¬ 
system  an  Stelle  der  Dauerspuren.“ 


i86 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


hauptet.1  Wie  viele  solcher  Niederschriften  es  gibt,  weiß  ich 
nicht.  Mindestens  drei,  wahrscheinlich  mehr.  Dazu  folgendes 
Schema,  welches  annimmt,  daß  die  einzelnen  Niederschriften 
auch  nach  ihren  Neuronenträgern  gesondert  sind  (nicht  not¬ 
wendig  topisch).  Die  Annahme  ist  vielleicht  nicht  notwendig, 
aber  doch  die  einfachste  und  vorläufig  zulässig. 

I  II  IIP 

Wz  Uh  Vb  Bews 

X  X  - - —  X  X  — - —  X  X  —  x  X 

XX  XX  X 

X 

W  sind  Neurone,  in  denen  die  Wahrnehmungen  ent¬ 
stehen,  woran  sich  Bewußtsein  knüpft,  die  aber  an  sich  keine 
Spur  des  Geschehens  bewahren.  Bewußtsein  und  Ge¬ 
dächtnis  schließen,  sich  nämlich  aus. 

Wz^  ist  die  erste  Niederschrift  der  Wahrnehmungen,  des 
Bewußtseins  ganz  unfähig,  nach  Gleichzeitigkeitsassoziation 
gefügt. 

Uh  (Unbewußtsein)  ist  die  zweite  Niederschrift,  nach  anderen, 
etwa  Kausalbeziehungen  angeordnet.  Uh  Spuren  würden  etwa 
Begriffserinnerungen  entsprechen,  ebenfalls  dem  Bewußtsein 
unzugänglich. 

Vh  (Vorbewußtsein)  ist  die  dritte  Umschrift,  an  Wortvor¬ 
stellungen  gebunden,  unserem  offiziellen  Ich  entsprechend.  Aus 
diesem  Vb  werden  die  Besetzungen  nach  gewissen  Regeln  be¬ 
wußt,  und  zwar  ist  dieses  sekundäre  Denkbewußtsein 
ein  der  Zeit  nach  nachträgliches,  wahrscheinlich  an  die  halluzi¬ 
natorische  Belebung  von  Wort  Vorstellungen  geknüpft,  so  daß 
die  Bewußtseinsneurone  wieder  Wahrnehmungsneurone  und  an 
sich  ohne  Gedächtnis  wären. 

x)  Eine  der  seltenen  Stellen,  in  denen  Freud  selbst  auf  die  Ähnlichkeit 
zwischen  seiner  Studie  „Zur  Auffassung  der  Aphasien“  (1891)  und  seinen 
späteren  Arbeiten  hinweist. 

2)  Das  vorliegende  Schema  leitet  zu  dem  im  VII.  Kapitel  der  Traumdeutung 
verwendeten  Schema  über,  bei  dem  aber  von  der  Beziehung  auf  Neuronen 
abgesehen  wurde. 

D  Wz.  für  „Wahrnehmungszeichen“. 


w 

X  X 
X 


Brief  vom  6.  12.  96 


187 


Wenn  ich  die  psychologischen  Charaktere  der  Wahrnehmung 
und  der  drei  Niederschriften  vollständig  angeben  könnte,  hätte 
ich  damit  eine  neue  Psychologie  beschrieben.  Etwas  Material 
hiefür  liegt  vor,  aber  es  ist  jetzt  nicht  meine  Absicht. 

Ich  will  hervorheben,  daß  die  aufeinander  folgenden  Nieder¬ 
schriften  die  psychische  Leistung  von  sukzessiven  Lebens¬ 
epochen  darstellen.1  An  der  Grenze  von  zwei  solchen  Epochen 
muß  die  Übersetzung  des  psychischen  Materials  erfolgen.  Die 
Eigentümlichkeiten  der  Psychoneurosen  erkläre  ich  mir  dadurch, 
daß  die  Übersetzung  für  gewisse  Materien  nicht  erfolgt  ist,  was 

gewisse  Konsequenzen  hat.  Wir  halten  ja  an  der  Tendenz  zur 

•  • 

qualitativen  Ausgleichung  fest.  Jede  spätere  Überschrift  hemmt 
die  frühere  und  leitet  den  Erregungs Vorgang  von  ihr  ab.  Wo 
die  spätere  Überschrift  fehlt,  wird  die  Erregung  nach  den  psy¬ 
chologischen  Gesetzen  erledigt,  die  für  die  frühere  psychische 
Periode  galten,  und  auf  den  Wegen,  die  damals  zu  Gebote 
standen.  Es  bleibt  so  ein  Anachronismus  bestehen,  in  einer 
gewissen  Provinz  gelten  noch  „Fueroi“ ;  es  kommen  „Ü b  er¬ 
leb  s  e  lu  zustande. 

Die  Versagung  der  Übersetzung,  das  ist  das,  was  klinisch 

„Verdrängung“  heißt.  A4otiv  derselben  ist  stets  eine  Unlust- 

•  • 

entbindung,  die  durch  Übersetzung  entstehen  würde,  als  ob  diese 

•  • 

Unlust  eine  Denkstörung  hervorriefe,  die  die  Ubersetzungs¬ 
arbeit  nicht  gestattet. 

Innerhalb  derselben  psychischen  Phase  und  unter  Nieder¬ 
schriften  derselben  Art  macht  sich  eine  normale  Abwehr 
wegen  Unlustentwicklung  geltend  —  pathologische  Abwehr  gibt 

x)  Den  Gedanken,  das  Verständnis  der  Funktionsweise  des  psychischen 
Apparates  genetisch  zu  begründen,  hat  Freud  in  seinen  Schriften  nicht  un¬ 
mittelbar  fortgeführt;  mittelbar  freilich  hat  er  in  der  Arbeit  „Formulierungen 
über  die  zwei  Prinzipien  des  psychischen  Geschehens“  (1911)  gerade  diese 
Betrachtungen  vertreten.  —  Auch  in  jüngster  Zeit  hat  Freuds  Ansatz  keine 
voll  befriedigende  Fortsetzung  gefunden;  das  Problem  aber,  das  er  schon 
1896  im  Auge  hatte,  läßt  sich  jetzt  schärfer  abgrenzen.  Es  handelt  sich  um 
die  Aufgabe,  die  Geschichte  einzelner  Ich-Funktionen  mit  der  Entwicklung 
des  psychischen  Apparates  zu  verbinden.  Zu  diesem  Problem  vgl.  H. 
Hartmann,  „Ichpsychologie  und  Anpassungsprobleme“,  Intern.  Zeitschrift 
für  Psychoanalyse  und  Imago,  XXVI,  1940,  und  H.  Hartmann,  E.  Kris  and 
R.  Loewenstein,  ,, Some  Comments  on  the  Formation  of  Psychic  StructureiC. 
The  Psychoanalytic  Study  of  the  Child,  II,  1947. 


i88 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


es  aber  nur  gegen  eine  noch  nicht  übersetzte  Erinnerungsspur 
aus  früherer  Phase. 

Es  kann  nicht  an  der  Größe  der  Unlustentbindung  liegen, 
wenn  der  Abwehr  die  Verdrängung  gelingt.1  Wir  bemühen  uns 
ja  oft  vergebens  gerade  gegen  Erinnerungen  mit  größter  Unlust. 
So  ergibt  sich  folgende  Darstellung.  Wenn  ein  Ereignis  A  als  ak¬ 
tuell  eine  gewisse  Unlust  erweckt  hat,  so  enthält  die  Erinnerungs¬ 
niederschrift  AI  oder  All  ein  Mittel,  die  Unlustentbindung  bei 
Wiedererweckung  zu  hemmen.  Je  öfter  erinnert,  desto  gehemmter 
schließlich  diese  Entbindung.  Es  gibt  aber  einen  Fall,  für 
welchen  die  Hemmung  nicht  ausreicht:  Wenn  A  als  aktuell 
eine  gewisse  Unlust  entbunden  hat  und  bei  der  Erweckung 
neuerlich  Unlust  entbindet,  dann  ist  diese  unhemmbar.  Die 
Erinnerung  benimmt  sich  dann  wie  etwas  Aktuelles.  Dieser 
Fall  ist  nur  möglich  bei  sexuellen  Ereignissen,  weil  die  Erregungs¬ 
größen,  die  diese  entbinden,  mit  der  Zeit  (mit  der  sexuellen  Ent¬ 
wicklung)  an  sich  wachsen. 

Das  sexuelle  Ereignis  in  einer  Phase  wirkt  also  als  aktuell  und 
somit  unhemmbar  in  einer  nächsten.  Die  Bedingung  der  patho¬ 
logischen  Abwehr  (Verdrängung)  ist  also  sexuelle 
Natur  des  Ereignisses  und  Vorfall  in  einer 
früheren  Phase, 

Nicht  alle  sexuellen  Erlebnisse  entbinden  Unlust,  die  meisten 
Lust.  Die  Reproduktion  der  meisten  wird  also  mit  unhemmbarer 
Lust  verbunden  sein.  Eine  solche  unhemmbare  Lust  konsti¬ 
tuiert  einen  Zwang.  Man  kommt  so  zu  folgenden  Sätzen. 
Wenn  ein  sexuelles  Erlebnis  mit  Phasendifferenz  erinnert  wird, 
so  entsteht  bei  Lustentbindung  Zwang,  bei  Unlustentbindung 


x)  Die  ökonomischen  Überlegungen,  die  im  Jahre  vorher  (s.  Entwurf) 
noch  in  der  Sprache  der  Nervenphysiologie  formuliert  waren,  sind  hier  durch 
allgemeine  Annahmen  über  Besetzungsintensitäten  ersetzt.  Die  Darstellung 
des  psychischen  Apparates  ist  damit  um  ein  gutes  Stück  „selbständiger“ 
geworden;  sie  kann  mit  klinischen  Beobachtungen  leichter  in  Einklang 
gebracht  werden;  zugleich  wird  der  ontogenetische  Gesichtspunkt  eingeführt. 

Die  anschliessenden  Abschnitte  verbinden  die  Annahmen  über  die  Funktion 
des  psychischen  Apparates  mit  denen  über  die  Sonderstellung  der  Ver¬ 
drängung  als  Abwehr  sexueller  Traumen.  Diese  Annahmen  stehen  hier  noch  . 
auf  dem  Boden  der  „Verführungshypothese“.  (S.  Einleitung,  S.  35  ff.) 


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Brief  vom  6.  12.  96 


\ 


190 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Verdrängung.  In  beiden  Fällen  scheint  die  Übersetzung  in  die 
Zeichen  der  neuen  Phase  gehemmt  zu  sein.(?) 

Die  Klinik  lehrt  nun  drei  Gruppen  von  sexuellen  Psycho- 
neurosen  kennen,  Hysterie,  Zwangsneurose  und  Paranoia,  und 
lehrt,  daß  die  verdrängten  Erinnerungen  bei  der  ersten  dem 
Alter  von  x|-4  Jahren,1  bei  Zwangsneurose  dem  Alter  von  4-8 
Jahren,  bei  Paranoia  dem  Alter  von  8-14  Jahren  als  aktuell  ange¬ 
hören.  Zu  vier  Jahren  erfolgt  aber  noch  keine  Verdrängung, 
es  fallen  also  die  psychischen  Entwicklungsperioden  und  die 
sexuellen  Phasen  nicht  zusammen.2 

Eine  andere  Folge  der  vorzeitigen  Sexualerlebnisse  ist  nämlich 
auch  die  Perversion,  deren  Bedingung  es  scheint,  daß  die  Abwehr 
nicht  erfolgte,  ehe  der  psychische  Apparat  komplettiert  worden 
ist,  oder  ausbleibt.3 

Soweit  der  Oberbau.  Nun  der  Versuch,  ihn  auf  die  Organ¬ 
grundlagen  zu  stellen.  Es  ist  zu  erklären,  warum  sexuelle  Er¬ 
lebnisse,  die  als  aktuell  Lust  erzeugten,  mit  Phasendifferenz 
erinnert  Unlust  erzeugen  bei  einigen  Personen,  bei  anderen  als 
Zwang  bestehen  bleiben.  Im  ersteren  Falle  müssen  sie  offenbar 
später  eine  Unlust  entbinden,  die  anfangs  nicht  entbunden 
wurde. 

Es  sind  auch  die  verschiedenen  Epochen  abzuleiten,  die 
psychologischen  und  die  sexuellen.  Die  letzteren  hast  Du  mich 
kennen  gelehrt  als  ausgezeichnete  Vielfache  der  zBtägigen  weib¬ 
lichen  Periode.4 


1)  Vgl.  dazu  die  frühere  Formulierung  im  Brief  vom  30.  5.  1896  (Nr.  46), 

2)  Freud  unterscheidet  hier  nur  zwei  „sexuelle“  Phasen  vor  der  Pubertät, 
die  von  einander  durch  die  zweite  Dentition  getrennt  sind. 

3)  Freud  hatte  bisher  von  der  Perversion  nicht  gesprochen. 

4)  In  einer  im  folgenden  nicht  wiedergegebenen  Stelle  bemüht  sich  Freud 
darum,  die  Phasen,  in  denen  die  Verführungserlebnisse  bei  jeder  der  Krank¬ 
heitsgruppen  ätiologisch  wirksam  sind,  als  Vielfaches  der  Fliess’schen  Perioden 
anzusehen.  Der  nächste,  hier  abgedruckte  Abschnitt  verarbeitet  den  Ge¬ 
danken,  daß  die  Bisexualität  die  Grundlage  der  Neurose  bildet,  einen 
Gedanken,  den  Fiiess  sich  später  voll  zu  eigen  macht.  (S.  Einl.  S.  46  f.)  Freuds 
Anschauungen  aber  greifen  schon  in  der  hier  vorliegenden  ersten  Formu¬ 
lierung  viel  weiter  aus:  er  erkennt  die  Bedeutung  der  erogenen  Zonen  und 
weist  wenigstens  in  einem  Satze  darauf  hin,  welche  Bedeutung  Reifungsvor¬ 
gänge  in  diesem  Zusammenhang  besitzen. 


Brief  vom  6.  12.  96 


191 

Für  die  Entscheidung  ob  Perversion  oder  Neurose,  helfe  ich 
mir  mit  der  Bisexualität  aller  Menschen.  Bei  einem  rein  männ¬ 
lichen  Wesen  würde  auch  zu  den  beiden  sexuellen  Schranken 

ein  Überschuß  von  männlicher  Entbindung,  also  Lust  entstehen, 

•  • 

somit  Perversion,  bei  einem  rein  weiblichen  ein  Uberschuß  von 
Unlustsubstanz  zu  diesen  Zeiten.  In  den  ersten  Phasen  wären 
beide  Entbindungen  parallel,  d.  h.  ergäben  einen  normalen 
Lustüberschuß.  Darauf  die  Bevorzugung  der  echten  Weiber 
für  Abwehrneurosen  zurückzuführen. 

Die  intellektuelle  Natur  der  Männer  wäre  so  auf  dem  Boden 
Deiner  Theorie  bezeugt. 

Ich  kann  endlich  die  Vermutung  nicht  unterdrücken,  daß 
die  von  mir  klinisch  gerochene  Scheidung  von  Neurasthenie 
und  Angstneurose  mit  der  Existenz  der  beiden  23-  und  28tägigen 
Substanzen  zusammenhängt. 1 

Außer  den  beiden  hier  vermuteten  könnte  es  von  jeder  Art 
mehrere  geben. 

Die  Hysterie  spitzt  sich  mir  immer  mehr  zu  als  Folge  von 
Perversion  des  Verführers;  die  Heredität  immer  mehr 
als  Verführung  durch  den  Vater.  Es  stellt  sich  also  ein  Genera¬ 
tionswechsel  heraus: 

1.  Generation:  Perversion. 

2.  Generation:  Hysterie,  die  dann  steril  ist.  Mitunter  an 
derselben  Person  eine  Metamorphose :  im  kräftigen  Alter  pervers, 
dann  von  einer  Angstperiode  an :  hysterisch :  die  Hysterie  eigent¬ 
lich  also  nicht  abgelehnte  Sexualität,  sondern  besser  abge- 
lehnte  Perversion. 

Dahinter  dann  die  Idee  von  aufgelassenen  erogenen 
Zonen.  D.  h. :  im  Kindersalter  wäre  die  sexuelle  Entbindung 
von  sehr  vielen  Körperstellen  zu  erhalten,  die  dann  später  nur 
den  28  Angststoff,  nicht  auch  den  anderen  zu  entbinden  ver¬ 
mögen.  In  dieser  Differenzierung  und  Einschränkung  der 
Kulturfortschritt,  die  Moralentwicklung  wie  die  individuelle. 


1)  Eine  Annahme,  von  der  sich  Freud  bald  befreit  hat.  Sie  stellt  den 
Höhepunkt  von  Freuds  Bemühen  dar,  seine  und  Fliess’  Anschauungen  zu 
verbinden. 


192 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Der  hysterische  Anfall  ist  keine  Entladung.»  sondern  eine 
Aktion,  und  behält  den  ursprünglichen  Charakter  jeder 
Aktion  bei,  Mittel  zur  Reproduktion  von  Lust  zu  sein.  Das 
ist  er  wenigstens  in  der  Wurzel,  sonst  motiviert  er  sich  vor  dem 
Vorbewußten  mit  allerlei  Gründen.  So  haben  den  Schlafanfall 
jene  Kranken,  denen  im  Schlaf  Sexuelles  zugefügt  worden, 
sie  schlafen  wieder  ein,  um  dasselbe  zu  erleben,  provozieren  oft 
damit  die  hysterische  Ohnmacht. 

Der  Schwindelanfall,  Weinkrampf,  alles  ist  auf  den  Anderen 
berechnet,  meist  aber  auf  jenen  prähistorischen  unvergeßlichen 
Anderen,  den  kein  späterer  mehr  erreicht.  Auch  das  chronische 
Symptom  der  Bettsucht  erklärt  sich  so.  Einer  meiner  Patienten 
wimmert  jetzt  noch  im  Schlaf  wie  damals  (damit  ihn  die  Mama 
zu  sich  nimmt,  die,  als  er  22  Monate  alt,  gestorben  ist).  Anfall 
als  „gesteigerter  Ausdruck  der  Gemütsbewegung“1  scheint  gar 
nicht  vorzukommen. 


Ich  bin  in  vollster  Arbeit  xo-n  Stunden  täglich  und  ent“ 
sprechend  wohl,  aber  fast  heiser.  Ist  das  Überanstrengung  der 
Stimmbänder  oder  Angstneurose  ?  Braucht  auch  keine 
Antwort.  Am  Besten:  Travailler  sans  raisonner,  wie  der  alte 
Candide  rät. 


Mein  Zimmer  habe  ich  jetzt  mit  Gypsen  der  Florentiner 
Statuen  geschmückt.2  Es  war  eine  Quelle  außerordentlicher 
Erquickung  für  mich;  ich  gedenke  reich  zu  werden,  um  diese 
Reisen  zu  wiederholen.  Ein  Kongreß  auf  italischem  Boden! 
(Neapel,  Pompeji). 

Herzlichste  Grüße  an  Euch  Alle 


Dein 


Sigm. 


x)  In  seiner  1894  erschienenen  Arbeit  „Die  Abwehr-Neuropsychosen“  hatte 
Freud  den  Satz  Oppenheims  „Die  Hysterie  ist  ein  gesteigerter  Ausdruck 
der  Gemütsbewegung“  noch  angenommen.  (G.S.  I,  S.  296.) 

2)  Das  Zimmer  ist  das  neue  vor  kurzem  bezogene  Ordinationszimmer 
Freuds  im  Parterre  des  Hauses  Berggasse  19. 


Brief  vom  17.  12.  96 


193 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  17.  12.  96. 


1 

•  •  • 

Nun  ohne  rechten  Zusammenhang  Psy choneurotisches.  Daß 
Du  die  Aufklärung  der  Angst  als  Angelpunkt  anerkennst,  ist 
mir  sehr  recht.  Vielleicht  habe  ich  Dir  noch  die  Analyse  mehrerer 
Phobien  nicht  mitgeteilt.  „Angst,  sich  aus  dem  Fenster  zu 
stürzen“  ist  ein  Mißverständnis  des  Bewußten,  respektive : 
Vorbewußten,  bezieht  sich  auf  einen  unbewußten  Inhalt,  in  dem 
Fenster  vorkommt,  und  zerlegt  sich  so: 

Angst  + . Fenster . ; 

erklärt  sich  so: 

Unbewußte  Idee :  Zum  Fenster  gehen,  um  sich  einen 
Mann  heraufzuwinken  wie  die  Prostituierten:  Sexualentbin¬ 
dung  von  dieser  Idee. 

Vorbewußtsein.  Ablehnung,  daher :  Angst  aus  der 
Sexualentbindung. 

Aus  dem  Inhalt  bewußt  wird  nur  Fenster,  weil  dieses 
Stück  durch  eine  zur  Angst  passende  Idee:  „Aus  dem  Fenster 
stürzen“  als  Kompromißergebnis  gehoben  wird.  Sie  nehmen 
also  wahr :  Angst  vor  dem  Fenster  und  deuten  sie  im 
Sinne  des  Stürzens;  was  nicht  einmal  immer  bewußt  dabei 
ist.  Ihr  Handeln  ist  übrigens  nach  beiden  Motiven  das  nämliche : 
Sie  gehen  nicht  zum  Fenster.  Denk’  an  Faire  de  la  Fenetre  in 
Guy  de  Maupassant.* 2 


Ich  habe  gleichzeitig  allerlei  schöne  Aufklärungen  in  meinem 
Gebiet.  So  eine  lange  gehegte  Vermutung  über  den  Mechanismus 
der  Agoraphobie  bei  der  Frau  bestätigt.  Du  errätst  es  wohl, 
wenn  Du  an  öffentliche  Frauen  denkst.  Es  ist  die  Verdrängung 

*)  Der  hier  nicht  mitgeteilte  Einleitungsabschnitt  des  Briefes  enthält  einen 
weiteren  Versuch,  die  Fliess’sche  Periodenrechnung  mit  der  Neurosenlehre 
zu  verbinden. 

2)  Die  Angst,  aus  dem  Fenster  zu  stürzen,  läßt  auch  andere  Deutungen  zu. 
Freud  weist  später  (1922)  auf  die  Bedeutung  als  „Darstellung  der  Nieder¬ 
kunft“  hin.  (Vgl.  „Traum  und  Telepathie“,  G.  W.  XIII,  S.  183.) 

P 


194 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


des  Vorsatzes,  sich  den  Ersten  Besten  auf  der  Straße  zu  holen : 
Prostitutionsneid  und  -Identifizierung.  Auch  sonst  könnte  ich 
zufrieden  sein,  aber  immer  noch  ist  niemand  fertig;  es  ist  mir, 
als  fehlte  mir  noch  ein  wesentliches  Stück.  So  lange  kein  Fall 
bis  zum  Ende  durchschaut  ist,  fühle  ich  mich  nicht  sicher  und 
kann  nicht  froh  werden.  Wenn  das  einmal  geschehen  ist,  bin  ich 
im  Stande,  mir  einen  guten  Tag  zwischen  zwei  Reisenächten 
zu  machen. 

Die  Aufklärung  für  die  Phase  des  Clownismus  im  Charcofschen 
Anfallsschema  liegt  in  den  Perversionen  der  Verführer,  die 
offenbar  selbst  im  Repetitionszwang  nach  ihrer  Jugend  ihre 
Befriedigung  unter  den  tollsten  Bocksprüngen,  Purzelbäumen 
und  Grimassen  verfolgen.  Dazu  der  Clownismus  der  Buben¬ 
hysterie,  die  Tiernachahmung  und  Zirkusszenen,  die  sich  aus 
der  Verwebung  von  Jugendspielen  in  der  Kinderstube  mit 
sexuellen  Szenen  erklären.  .  .  . 

Ich  grüße  Dich,  Frau  und  Sohn  herzlichst. 


Dein 


Sigm. 


54 

3-  i-  97- 

IX.  Berggasse  19. 

S.F. 

Mein  teurer  Wilhelm ! 

Wir  werden  nicht  scheitern.  Anstatt  der  Durchfahrt,  die  wir 
suchen,  dürften  wir  Meere  auffinden,  deren  genauere  Durch¬ 
forschung  Späteren  erübrigen  wird,  aber  wenn  es  uns  nicht 
vorzeitig  umbläst,  wenn  unsere  Konstitution  es  aushält,  werden 
wir  ankommen.1  Nous  y  arriverons.  Gib  mir  noch  zehn  Jahre 

*)  Anspielung  auf  einen  Witz,  den  Freud  als  Assoziation  zu  einem  seiner 
Träume  in  der  Traumdeutung  mitteilt  ( G.W .  II- III,  S.  200).  Der  Witz 
berichtet,  „wie  ein  armer  Jude  ohne  Fahrbill  et  den  Einlaß  in  den  Eilzug  nach 
Karlsbad  (Kurort  in  der  Tschechoslovakei)  erschleicht,  dann  ertappt,  bei 
jeder  Revision  vom  Zuge  gewiesen  und  immer  härter  behandelt  wird,  und 
der  dann  einem  Bekannten,  welcher  ihn  auf  einer  seiner  Leidensstationen 
antrifft,  auf  die  Frage,  wohin  er  reise,  —  zur  Antwort  gibt:  ,Wenn’s  meine 
Konstitution  aushält  —  nach  Karlsbad*.“ 


Brief  vom  3.  I.  97 


195 


und  ich  mache  die  Neurosen  und  die  neue  Psychologie  fertig. 
Du  kommst  vielleicht  mit  weniger  Zeit  für  Deine  Organologie 
aus.  Trotz  der  Beschwerden,  auf  die  Du  anspielst,  hat  uns 
beide  doch  kein  Neujahr  so  reich  und  so  reif  angetroffen.  Wenn 
ich  gerade  keine  Angst  habe,  nehme  ich  es  noch  immer  mit 
allen  Teufeln  auf  und  Du  kennst  überhaupt  noch  keine  Angst. 

Du  glaubst  gewiß  nicht,  daß  meine  neurotischen  Theorien 
so  windig  fundiert  sind  wie  die  Bemerkungen,  die  ich  Dir  zur 
Organologie  mitteile.  Hier  fehlt  mir  alles  Material,  ich  kann  nur 
ahnen,  dort  auf  meinem  eigentlichen  Gebiet  stütze  ich  mich  auf 
den  solidesten  Unterbau,  den  Du  Dir  denken  kannst.  Ich  habe 
gewiß  noch  viel  zu  erfahren,  so  werden  die  Grenzen  für  die 
Entstehungszeiten  der  einzelnen  Neurosen  sich  wahrscheinlich 
Korrektur  gefallen  lassen  müssen,  wenn  die  Fälle  abgeschlossen 
sind.  Während  der  Arbeit  widerstreben  sie  gerade  der  Zeit¬ 
bestimmung  am  heftigsten.  Es  rückt  mir  jetzt  alles  mehr  in  die 
erste  Lebensepoche  bis  zu  drei  Jahren.1  Von  meinem  Patienten 
mit  Zwangsvorstellungen,  den  ich  nur  durch  sieben  Monate 
behandelt  hatte,  bekam  ich  heuer  keine  weitere  Nachricht. 
Gestern  erfuhr  ich  von  der  F.,  daß  dieser  Mann  in  seine  Heimat 
gereist  ist,  um  sich  Sicherheit  über  die  Realität  der  von  ihm 
erinnerten  Dinge  zu  holen  und  von  der  noch  lebenden  Ver¬ 
führerin  (Amme,  jetzt  altes  Weib)  die  volle  Bestätigung  bekam.2 
Es  soll  ihm  sehr  gut  gehen,  einer  gründlichen  Heilung  weicht 
er  offenbar  mit  flilfe  dieser  Besserung  aus.  Die  Übereinstim¬ 
mung  mit  den  von  Krafft3  beschriebenen  Perversionen  ist  ein 
neuer  schätzbarer  Realitätsbeweis. 


x)  Der  erste  Hinweis  auf  die  ätiologische  Bedeutung  der  frühen  Kindheit. 
Ähnliche  Gedanken  müssen  aber  Freud  schon  längere  Zeit  beschäftigt  haben, 
denn  schon  im  Jahre  1895  (s.  Entwurf  413)  hat  er  etwa  die  Beziehung  des 
Kindes  zur  mütterlichen  Fflegeperson  und  zur  Mutterbrust  als  Beispiel  für 
eine  Diskussion  des  Unterschiedes  zwischen  Wahrnehmung  und  Halluzination 
verwendet. 

2)  Dies  ist  der  erste  Versuch,  eine  psychoanalytische  Rekonstruktion  zu 
verifizieren. 

3)  Krafft-Ebing,  der  Autor  der  „Psychopathia  Sexualis“,  damals  Ordinarius 
für  Psychiatrie  und  Neurologie  in  Wien,  der  Freud  zwar  skeptisch,  aber 
wohlwollend  gegenüberstand  und  ihm  seine  Schriften  zuzusenden  pflegte. 


196 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Auf  dem  nächsten  Kongreß  werden  hoffentlich  wichtige  Dinge 
zur  Sprache  kommen.  Ich  denke,  Ostern*  spätestens,  etwa  in 
Prag.  Vielleicht  habe  ich  bis  dahin  einen  Fall  zu  Ende  gebracht. 


Vor  den  Abschnitt  „Therapie“  kommt  das  Zitat:  Flavit  et 
dissipati  sunt;1  vor  der  „Sexualität“  das  Motto:  „Vom  Himmel 
durch  die  Welt  zur  Hölle“,  wenn  es  so  richtig  zitiert  ist. 


Ich  freue  mich  jetzt  auf  die  Lösung  eines  Falles,  der  gleich¬ 
zeitig  Einsicht  in  zwei  Psychosen  gestattet,  die  des  kranken 
Verführers  und  die  der  später  erkrankten  vom  Patienten  Ver¬ 
führten.  Der  Fall  hat  auch  organologisches  Interesse,  wie  Du 
sehen  wirst.  (Orale  Sexualorgane.) 

Nun  leb  recht  wohl  im  neuen  Jahr,  bring  Deiner  heben  Frau 
meinen  Dank  und  Robertchen  meinen  schönsten  Onkelgruß, 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm! 


ii.  i.  97. 
IX.  Berggasse  19. 


Ich  teile  Dir  brühwarm  zwei  heutige  Einfälle  mit,  die  mir 
lebensfähig  scheinen,  natürlich  auf  den  Ergebnissen  von  Analysen 
beruhen. 

*)  Verwendet  als  Inschrift  der  englischen  Medaille,  die  zur  Erinnerung 
an  den  Untergang  der  spanischen  Armada  geprägt  wurde;  vgl.  dazu  Traum¬ 
deutung  (G.1F.,  II-III,  219),  wo  Freud  seiner  Absicht  gedenkt,  „diesen 
Spruch  zur  halb  scherzhaft  gemeinten  Überschrift  des  Kapitels  , Therapie* 
zu  nehmen,  wenn  ich  je  dazu  gelangen  sollte,  ausführliche  Kunde  von  meiner 
Auffassung  und  Behandlung  der  Hysterie  zu  geben“. 


Brief  vom  n.  i.  97 


197 


1.  Bedingung  der  Psychose  anstatt  der  Neurose  (d.  h.  der 
Amentia  oder  Verworrenheitspsychose,  Überwältigungspsychose, 
wie  ich  früher  geschrieben  habe)  scheint  zu  sein,  daß  sexueller 
Mißbrauch  vor  dem  ersten  intellektuellen  Termin,  also  vor 
Fertigstellung  des  psychischen  Apparates  in  seiner  ersten  Form 
stattfindet  (vor  Jahre).  Eventuell,  daß  der  Mißbrauch  so 

weit  zurückreicht,  daß  hinter  den  späteren  Erlebnissen  noch  diese 
stecken,  auf  welche  zeitweilig  rekurriert  werden  kann.1  In 
dieselbe  Zeit  meine  ich  gehört  auch  die  Epilepsie.  . . .  Mit  dem 
Tic  convulsiv,  den  ich  früher  an  diese  Stelle  gesetzt,  muß  ich 
mich  anders  auseinandersetzen.  Ich  bin  so  dazu  gekommen. 
Einer  meiner  hysterischen  Männer  .  .  .  hat  seine  älteste  Schwester 
in  eine  hysterische  Psychose  mit  Ausgang  in  komplette  Ver¬ 
worrenheit  gebracht.  Nun  bin  ich  seinem  eigenen  Verführer 
auf  die  Spur  gekommen,  der  ein  genialer  Mensch  war,  aber  vom 
fünzigsten  Jahr  an  Anfälle  von  schwerster  Dipsomanie  gehabt 
hat.  Diese  Anfälle  leiteten  sich  regelmäßig  ein  mit  entweder 
Diarrhoe  oder  Schnupfen  und  Heiserkeit  (orales  Sexualsystem !), 
also  mit  der  Reproduktion  der  eigenen  passiven  Erlebnisse.  Nun 
war  der  Mann  bis  zu  seiner  eigenen  Erkrankung  ein  Perverser 
und  darum  gesund.  Die  Dipsomanie  entsteht  durch  Verstärkung, 
besser  Substitution  des  einen  Impulses  für  den  assoziierten 
sexuellen.  (Dasselbe  wahrscheinlich  für  die  Spielsucht  des  alten 
F.)  Nun  kommen  die  Szenen  zwischen  diesem  Verführer  und 
meinem  Patienten,  bei  einzelnen  derselben  ist  die  kleine  Schwester 
beteüigt,  die  unter  ein  Jahr  alt  ist.  Mit  derselben  nimmt  Patient 
die  Beziehungen  später  auf  und  in  der  Pubertät  wird  sie  psycho¬ 
tisch.  Du  kannst  daraus  entnehmen,  wie  sich  die  Neurose  in 
der  nächsten  Generation  zur  Psychose  steigert,  was  man  De¬ 
generation  heißt,  einfach  indem  ein  zarteres  Alter  herangezogen 
wird.  Übrigens  die  Heredität  dieses  Falles : 


1)  Die  „Verführungshypothese“  gewinnt  in  diesem  und  dem  folgenden 
Brief  an  Bedeutung  für  Freuds  Denken.  Trotz  dieses  Umweges  ergeben  sich 
fruchtbare  Nebenfunde  :  Das  Alter  der  „Fixierung“  für  psychotische  Erkran¬ 
kungen  wird  vorverlegt  und  die  Einsichten  in  die  Phasen  der  Libidoentwicklung 
deuten  sich  an. 


198  Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Ich  hoffe,  Dir  gerade  von  diesem  Falle,  der  drei  Formen  von 
Erkrankung  aufklärt,  noch  viel  Wichtiges  erzählen  zu  können. 

2.  Die  Perversionen  münden  regelmäßig  in  Zoophilie  ein  und 
haben  tierischen  Charakter.  Sie  erklären  sich  nicht  durch 
Funktionieren  von  später  aufgelassenen  erogenen  Zonen,  sondern 
durch  die  Wirkung  erogener  Sensationen,  welche  diese 
Macht  später  verlieren.  Man  erinnert  sich  dabei,  daß  der  leitende 
Sinn  (auch  für  die  Sexualität)  beim  Tier  der  Geruch  ist,  der 
beim  Menschen  abgesetzt  wird.1  So  lange  der  Geruch  (-Ge- 

x)  Die  Gedanken  über  die  Bedeutung  des  Geruchssinnes  bei  Menschund 
Tier  weisen  auf  Freuds  spätere  Hypothesen  über  die  Rolle  des  aufrechten 
Gangs  in  Onto-  und  Phylogenese  hin;  zu  diesem  Thema  s.  den  Brief  vom 
14.  Nov.  1897,  Nr.  75. 


Brief  vom  17.  1.  97 


199 


schmack)  herrscht,  wirkt  Haare,  Kot  und  die  gesamte  Körper¬ 
oberfläche,  auch  das  Blut  sexuell  erregend.  Die  Geruchssteigerung 
der  Hysterie  hat  wohl  damit  zu  tun.  Daß  die  Sensationsgruppen 
mit  der  psychologischen  Schichtung  viel  zu  tun  haben,  geht 
wohl  aus  der  Verteilung  im  Traum  hervor  und  hat  wohl  mit  dem 
Mechanismus  der  hysterischen  Anästhesien  direkt  zu  schaffen. 

Du  siehst,  ich  bin  im  vollen  Finden,  auch  sonst  geht  es  mir 
sehr  gut.  Nun  möchte  ich  von  Dir  das  Gleiche  hören. 

Herzlichen  Gruß 


Dein 


Sigm. 


Mein  teurer  Wilhelm  I1 


17.  1.  97. 
IX.  Berggasse  19. 


Das  Getue  in  meinem  Kopf  macht  Dir  offenbar  Spaß,  darum 
will  ich  Dir  immer  wieder  mitteilen,  wenn  es  etwas  Neues  gibt. 
Die  Psychosenbedingung  steht  bei  mir  noch  hoch  im  Ansehen, 
ich  werde  Dir  nächstens  das  Material  vorlegen.  .  .  .  Was  sagst 
Du  übrigens  zu  der  Bemerkung,  daß  meine  ganze  neue  Hysterie- 
Urgeschichte  bereits  bekannt  und  hundertfach  publiziert  ist, 
allerdings  vor  mehreren  Jahrhunderten?  Erinnerst  Du  Dich, 
daß  ich  immer  gesagt,  die  Theorie  des  Mittelalters  und  der 
geistlichen  Gerichte  von  der  Besessenheit  sei  identisch  mit 
unserer  Fremdkörpertheorie  und  Spaltung  des  Bewußtseins  ? 
Warum  aber  hat  der  Teufel,  der  die  Armen  in  Besitz  genommen, 

*)  Der  vorliegende  Brief  weist  auf  drei  später  bedeutsame  Richtungen  in 
Freuds  Arbeiten  hin:  auf  die  Heranziehung  von  Völkerkunde  und  Anthropo¬ 
logie,  d.h.  auf  eine  Ausdehnung  des  Beobachtungsmaterials;  auf  die  Entdeckung 
der  anal-sadistischen  Phase  und  ihre  Manifestationen,  die  in  den  folgenden 
Monaten  und  Jahren  in  den  Briefen  eine  große  Rolle  spielt ;  und  auf  die 
Widerlegung  von  Freuds  Auffassung  von  der  Rolle  der  sexuellen  Verführung 
in  der  Ätiologie  der  Neurosen,  die  er  zur  Zeit  des  Briefes  noch  mit  Zähigkeit 
festhält  und  festhalten  wird,  bis  er  im  Zuge  der  Selbstanalyse  mit  einem  Schlage 
den  Unterschied  von  Phantasie  und  Realität  in  den  Berichten  seiner  Patienten 
erkennt. 


200 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


regelmäßig  Unzucht  mit  ihnen  getrieben  und  auf  ekelhafte 
Weise?  Warum  sind  die  Geständnisse  auf  der  Folter  so  ähnlich 
den  Mitteilungen  meiner  Patienten  in  der  psychischen  Be“ 
handlung?  Ich  muß  mich  nächstens  in  die  betreffende  Literatur 
vertiefen.  Die  Grausamkeiten  gestatten  übrigens  einige  bisher 
dunkle  Symptome  der  Hysterie  zu  verstehen.  Die  Stecknadeln, 
die  auf  den  sonderbarsten  Wegen  zum  Vorschein  kommen;  die 
Nähnadeln,  wegen  welcher  die  Armen  sich  die  Brüste  zer- 
schinden  lassen  und  die  mit  Röntgen  nicht  zu  sehen  sind,  wohl 
aber  in  der  Verführungsgeschichte  zu  finden !  .  .  . 

Nun  stechen  die  Inquisitoren  wieder  mit  Nadeln,  um  die 
Stigmata  Diaboli  zu  finden,  und  in  der  ähnlichen  Situation  fällt 
den  Opfern  in  Dichtung  (vielleicht  durch  Verkleidungen  der 
Verführer  unterstützt)  die  alte  grausame  Geschichte  ein.  So 
erinnerten  sich  dabei  nicht  nur  die  Opfer,  sondern  auch  die 
Henker  an  ihre  erste  Jugend. 

Samstag  habe  ich  die  Pflicht  erfüllt,  in  der  Neurosenvorlesung 
Deine  Nasenarbeiten  zu  erzählen,  was  ich  Donnerstag  fortsetzen 
werde.  Die  fünf  Buben  haben  ordentlich  aufgehorcht.  Es  macht 
sich  doch  bereits  sehr  packend. 

Du  siehst,  es  geht  mir  sehr  gut.  Warum  bist  Du  jetzt  nicht 
frisch?  .  .  . 

Grüß  mir  Deine  liebe  Frau  und  Deinen  Buben  herzlich 


Dein 


Also:  Ostern,  Prag. 


Sigm. 


Mein  teurer  Wilhelm ! 


24.  1.  97. 
IX.  Berggasse  19. 


Die  Idee  der  Flexeneinbeziehung  gewinnt  Leben.  Ich  halte 
sie  auch  für  zutreffend.  Details  fangen  an  zu  wimmeln.  Das 


Brief  vom  24.  1.  97 


201 


„Fliegen“  ist  erklärt,  der  Besen,  auf  dem  sie  reiten,  ist  wahr- 
scheinlich  der  große  Herr  Penis.  Die  geheimen  Versammlungen 
mit  Tanz  und  Amüsements  kann  man  alle  Tage  auf  den  Straßen, 
wo  Kinder  spielen,  beobachten.  Ich  las  eines  Tages,  daß  das 
Geld,  das  der  Teufel  seinen  Opfern  gibt,  sich  regelmäßig  in 
Kot  verwandelt;  und  am  nächsten  Tag  sagt  Herr  E.,  der  Geld¬ 
delirien  von  seiner  Kinderfrau  berichtet,  plötzlich  (auf  dem 
Umweg  über  Cagliostro  —  Goldmacher  —  Dukatenscheißer), 
daß  das  Geld  der  Louise1  immer  Kot  war.  Es  verwandelt  sich 
also  in  den  Hexengeschichten  nur  zurück  in  die  Substanz,  aus 
der  es  entstanden  ist.  Wenn  ich  nur  wüßte,  warum  das  Sperma 
des  Teufels  in  den  Hexenbeichten  immer  als  „kalt“  bezeichnet 
wird.  Ich  habe  mir  den  Maleus  maleficorum  bestellt  und  werde, 
da  nun  der  letzte  Strich  an  den  Kinderlähmungen  geschehen 
ist,  fleißig  studieren.  Die  Geschichte  des  Teufels,  das  Schimpf¬ 
lexikon  des  Volkes,  die  Gesänge  und  Gebräuche  der  Kinder¬ 
stube,  alles  gewinnt  nun  Bedeutung  für  mich.  Kannst  Du  mir 
aus  Deiner  reichen  Erinnerung  einige  gute  Literatur  ohne  Mühe 
angeben?  Zum  Tanzen  in  den  Hexenbeichten  erinnere  Dich 
der  Tanzepidemien  des  Mittelalters.  E.’s  Louise  war  eine  solche 
Tanzhexe;  er  ist  auch  folgerichtig  im  Ballet  zuerst  an  sie  erinnert 
worden,  daher  seine  Theaterangst. 

Zum  Fliegen,  Schweben  gehören  Gymnastikkunststücke  in 
den  hysterischen  Anfällen  der  Buben  etc. 

Ich  bin  einer  Idee  nahe,  als  hätte  man  in  den  Perversionen, 
deren  Negativ  die  Hysterie2  ist,  einen  Rest  eines  uralten  Sexual¬ 
kultus  vor  sich,  der  einmal  vielleicht  noch  im  semitischen  Orient 
(Moloch,  Astarte)  Religion  war.  .  .  . 

Die  perversen  Handlungen  sind  übrigens  stets  die  nämlichen, 
sinnvoll  und  nach  irgendeinem  Muster  gemacht,  das  sich  wird 
erfassen  lassen. 

Ich  träume  also  von  einer  urältesten  Teufelsreligion,  deren 

x)  E’s  „Kinderfrau  und  erste  Geliebte“.  S.  Brief  Nr.  80. 

2)  Die  Formulierung,  nach  der  die  Hysterie  das  Negativ  der  Perversion  ist, 
hat  sich  in  Freuds  Auffassung  erhalten.  („Drei  Abhandlungen  zur  Sexual¬ 
theorie“,  G.W.  V,  S.  65):  „Die  Symptome  bilden  sich  also  auf  Kosten  abnormer 
Sexualität;  die  Neurose  ist  sozusagen  das  Negativ  der  Perversion.“  (Siehe 
auch  i  b  i  d.,  S.  132,  210.) 


202 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Ritus  sich  im  Geheimen  fortsetzt1  und  begreife  die  strenge 
Therapie  der  Hexenrichter.  Die  Beziehungen  wimmeln. 

Ein  weiterer  Zufluß  in  das  Strombett  leitet  sich  aus  der  Er¬ 
wägung  her,  daß  es  eine  Klasse  von  Leuten  gibt,  die  noch  heute 
ähnliche  Geschichten  wie  die  Hexen  und  wie  mein  Patient 
erzählen,  ohne  Glauben  zu  Anden,  obwohl  ihr  Glaube  daran 
nicht  zu  erschüttern  ist.  Ich  meine,  wie  Du  erraten  hast,  die 
Paranoiker,  deren  Klagen,  man  gebe  ihnen  Kot  in  die  Speisen, 
mißhandle  sie  nachts  auf  die  schändlichste  Weise,  sexuell  etc., 
der  reine  Erinnerungsinhalt  sind.2  Du  weißt,  ich  habe  Erin¬ 
nerungswahn  und  Deutungswahn  unterschieden.  Letzterer  knüpft 
an  die  charakteristische  Unbestimmtheit  betreffs  der  Übeltäter 
an,  die  ja  durch  die  Abwehr  verhüllt  werden. 

Noch  ein  Detail.  Bei  der  Hysterie  erkenne  ich  den  Vater  an 
den  hohen  Ansprüchen,  die  in  der  Liebe  gestellt  werden,  an  der 
Demut  vor  dem  Geliebten  oder  dem  Nicht  Heiraten  Können 
wegen  unerfüllter  Ideale.  Grund  natürlich  die  Hoheit  des  Vaters, 
der  sich  zum  Kind  herabläßt.  Dazu  vergleiche  bei  der  Paranoia 
die  Kombination  von  Größenwahn  mit  Entfremdungsdichtung 
über  die  Abkunft.3  Es  ist  die  Kehrseite  der  Medaille. 

Locker  wird  mir  dabei  eine  bisher  gehegte  Vermutung,  daß 
die  Neurosenwahl  durch  die  Entstehungszeit  bedingt  wird,  die 
vielmehr  auf  die  erste  Kindheit  flxiert  erscheint.  Es  schwankt 
diese  Bestimmung  aber  immer  zwischen  Entstehungszeit  und 
(der  jetzt  bevorzugten)  Verdrängungszeit. 

In  solcher  Fülle  der  Gesichter  läßt  es  mich  ganz  kalt,  daß 
das  Professorenkollegium  meinen  jüngeren  Kollegen  in  der 
Spezialität  zum  Extraordinarius  vorgeschlagen,  mich  also  über¬ 
gangen  hat,  wenn  die  Nachricht  wahr  ist.  Es  läßt  mich  ganz 
kalt,  wird  aber  vielleicht  meinen  definitiven  Bruch  mit  der 
Universität  beschleunigen. 

x)  Die  Phantasien  der  anal-sadistischen  Phase. 

2)  Dieser  Gedanke  taucht  in  etwas  anderer  Formulierung  als  Hypothese  über 
den  Wahrheitsgehalt  des  psychotischen  Wahns  in  Freuds  späten  Arbeiten 
wieder  auf.  Vgl.  „Der  Mann  Moses  und  die  monotheistische  Religion“,  1939, 
und  „Konstruktionen  in  der  Analyse“,  Intern.  Zeitschrift  für  Psychoanalyse, 

xxiii,  1937,  s.  459-469. 

3)  Dieser  Gedanke  ist  später  O.  Rank  („Der  Mythus  von  der  Geburt  des 
Helden“,  1909)  zur  Bearbeitung  überlassen  worden. 


Brief  vom  8.  2.  97 


203 


Für  den  Kongreß  gebe  ich  mich  durch  solche  Briefe  ganz 
aus,  werde  also  lieber  anhören,  wie  sich  Dir  die  Tatsachen  der 
Periodizität  ordnen  und  mir  den  Unterbau  fertig  von  Dir  holen, 
anstatt  ihn  zu  phantasieren. 

Schreib  mir  bald  wieder. 

Die  Altersgrenze  meine  ich  jetzt  überschritten  zu  haben,  mein 
Befinden  ist  soviel  stabiler. 

Herzlich  für  Dich,  Frau  und  Kind, 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


8.  2.  97. 
IX.  Berggasse  19. 


Eine  Nachricht  von  letzthin  muß  ich  korrigieren.  Als  ich  un¬ 
längst  bei  Nothnagel  war,  ihm  ein  Dankexemplar  zu  überreichen, 
teilte  er  mir  spontan  und  als  vorläufiges  Geheimnis  mit,  daß  er 
und  Krafft-Ebing  mich  (neben  Fr  an  kl- H  0  ch  war  t)  zum  Professor 
vorschlagen  würden,  und  zeigte  mir  das  mit  ihren  Unterschriften 
versehene  Schriftstück.  Er  fügte  hinzu,  daß  sie  beide  den  Vor¬ 
schlag  allein  ans  Ministerium  leiten  würden,  wenn  das  Kollegium 
sich  ihnen  nicht  anschließen  sollte.1  Als  verständiger  Mensch 
fügte  er  hinzu:  Sie  kennen  die  weiteren  Schwierigkeiten.  Es 
ist  vielleicht  damit  nur  erreicht,  daß  Sie  aufs  Tapet  gebracht 
sind.  —  Wir  wissen  alle,  welche  geringe  Wahrscheinlichkeit  es 
hat,  daß  der  Minister  dem  Vorschlag  Folge  leistet. 

Vielleicht  ist  der  Vorschlag  in  der  gestrigen  Sitzung  vor¬ 
gebracht  worden.  Das  Erfreuliche  für  mich  ist  daran,  daß  ich 
die  beiden  Männer  weiterhin  für  anständige  Leute  halten  kann, 

J)  An  österreichischen  Universitäten  bestand  der  Brauch,  daß  die  Medizi¬ 
nische  Fakultät  den  Antrag  zweier  ihrer  Mitglieder  auf  Verleihung  des  Pro¬ 
fessorentitels  an  einen  Privatdozenten  mit  einer  Majorität  der  Stimmen  zu 
billigen  hatte,  ehe  er  an  den  Minister  gelangte,  der  das  Ernennungsdekret  zur 
kaiserlichen  Unterschrift  vorzulegen  hatte. 


204 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


denn  im  Ernst,  wenn  sie  mich  übergangen  hätten,  wäre  es  mir 
schwer  gefallen,  gut  von  ihnen  zu  denken.  — 

Ich  habe  eine  Woche  lang  nicht  geschrieben,  weil  die  Arbeit 
(11J-12J  Stunden  täglich)  meine  Kräfte  dann  doch  erschöpft 
hat.  Abends  fiel  ich  um  wie  vom  Holzhacken. 

Meine  Vermutungen  betreffs  dieser  Saison  haben  sich  be- 
stätigt.  Ich  habe  zehn  Kuren  jetzt,  darunter  eine  Kranke  aus 
Budapest;  eine  andere  aus  Breslau  ist  angekündigt.  Vielleicht 
eine  Stunde  davon  ist  vom  Übermaß,  sonst  geht  es  mir  ja  gerade 
bei  vieler  Arbeit  am  besten.  Ich  habe  z.B.  eine  Woche  von 
fl.  700  hinter  mir,  das  bekommt  man  nicht  umsonst.  Reich¬ 
werden  muß  sehr  schwer  sein. 

Der  Fortschritt  der  Arbeit  ist  ein  glänzender,  aber  Rätsel 
und  Zweifel  sind  natürlich  noch  die  schwere  Menge  vorhanden. 
Nicht  alles  will  ich  vor  dem  Kongreß  Dir  mitteilen.  Vielleicht 
ist  bis  dahin  ein  Fall  ganz  fertiggestellt.  Ehe  das  nicht  erreicht 
ist,  gibt  es  ja  auch  keine  Sicherheit. 

11/2.  Heiße  Arbeit  und  zwei  arg  betonte  Tage  —  eine  Selten¬ 
heit  jetzt  —  haben  mich  aufgehalten.  Ich  wollte  Dich  mit  Bezug 
auf  das  Kotfressen  .  .  .l  Tiere  noch  fragen,  wann  der  Ekel  bei 
kleinen  Kindern  auftritt  und  ob  es  eine  ekelfreie  Periode  des 
jüngsten  Alters  gibt.  Warum  ich  nicht  in  die  Kinderstube  gehe 
und  . . .  Versuche  mache?  Weü  ich  bei  12 J  Arbeitsstunden  keine 
Zeit  dazu  habe  und  die  Weiblichkeit  meine  Forschungen  nicht 
unterstützt.  Die  Beantwortung  wäre  theoretisch  interessant. 
Übrigens  ist  mir  die  Theorie  jetzt  sehr  ferne  gerückt.  Ich  schiebe 
alle  Versuche  auf,  Verständnis  zu  gewinnen.  Selbst  die  Zeit¬ 
verhältnisse  sind  mir  unsicher  geworden.2 

Der  Somnambulismus  ist  so,  wie  wir  in  Dresden3  vermutet 
haben,  richtig  erkannt.  Letztes  Ergebnis  die  Auflösung  des 
hysterischen  Starrkrampfes :  Imitation  des  Todes  mit  Toten¬ 
starre,  also  Identifizierung  mit  einem  Toten.  Wenn  sie  den  Toten 


x)  Unleserlich. 

2)  Ein  weiterer  Fortschritt  auf  dem  Wege,  der  zur  Einsicht  in  die  Entwick¬ 
lungsphasen  der  Libido  führt.  Die  ältere  Auffassung  von  den  traumatischen 
Anlässen  der  Verführung  wird  offenbar  nicht  mehr  als  befriedigend  empfunden. 

3)  Bei  einem  Zusammentreffen. 


Brief  vom  6.  4.  97 


205 


gesehen  hat,  dann  verglaste  Augen  und  offener  Mund,  wenn 
nicht,  dann  ruhiges  friedliches  Daliegen. 

Hysterischer  Frostschauer  =  aus  dem  warmen  Bett  genommen 
werden  .  .  . 

Für  Prag1  bringe  ich  jedenfalls  viel  seltsames  Material  mit. 

Sei  mir  herzlich  gegrüßt  samt  Weib  und  Kind.  Den  Meinigen 
geht  es  vortrefflich. 

Dein 

Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


6.  4-  97- 
IX.  Berggasse  19. 


Der  Witz  in  der  Hysterieauflösung,  der  mir  gefehlt  hat,  be¬ 
steht  in  der  Entdeckung  einer  neuen  Quelle,  aus  der  ein  neues 
Element  der  unbewußten  Produktion  herrührt.  Ich  meine  die 
hysterischen  Phantasien,  die  regelmäßig,  wie  ich  sehe,  auf  die 
Dinge  zurückgehen,  welche  die  Kinder  früh  gehört  und  erst 
nachträglich  verstanden  haben.2  Das  Alter,  in  dem  sie  solche 
Kunde  aufgenommen,  ist  sehr  merkwürdig,  von  6-7  Monaten 
an! . .  . 

Ich  habe  meine  Biographie  zum  Gebrauch  von  Krafft-Ebing, 
der  über  mich  referiert,  geschrieben.3  Sonstige  Leistungen 
geringfügig.  Die  Arbeit  dieser  Wochen  ging  denn  doch  bis  an 
die  Grenzen  meines  Vermögens. 

Ich  freue  mich  wesentlich,  daß  es  keine  zwei  Wochen  bis  zu 
unserem  Wiedersehen  sind. 

Herzliche  Grüße  für  Dich,  Weib  und  Kind, 


Dein 


Sigm. 


x)  Der  Ort  der  nächsten  geplanten  Begegnung. 

2)  Ein  weiterer  Hinweis  auf  die  Bedeutung  des  Phantasielebens,  der  aber 
Freuds  Überzeugung  von  der  Realität  der  Verführungserlebnisse  zunächst 
nicht  erschüttert. 

3)  Das  Referat  von  Krafft-Ebing  war  einer  der  zur  Verleihung  des  Pro¬ 
fessortitels  nötigen  Schritte. 


206 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  28.  4.  97. 


Heute  Nacht  hatte  ich  einen  Traum,  der  sich  auf  Dich  bezog. 
Es  war  eine  telegraphische  Nachricht  über  Deinen  Aufenthalt: 

Via  Casa  Secerno“ 

„(Venedig) 

Villa 

Die  Darstellung  gibt  an,  was  undeutlich  und  was  multipel 
erschien.  Secerno  war  am  deutlichsten.  Meine  Empfindung 
dabei  Ärger,  daß  Du  nicht  hingegangen  bist,  wohin  ich  Dich 
empfohlen:  Casa  Kirsch.1 

Motiv enbe rieht.  Anlaß  dazu  aus  Ereignissen  des 
letzten  Tages.  H.  war  da  und  berichtete  von  Nürnberg,  daß  er 
es  sehr  gut  kenne  und  dort  am  Preller  gewohnt.  Ich  erinnerte 
mich  nicht  gleich,  fragte  dann  aber.  „Also  außerhalb  der  Stadt“. 
Dieses  Gespräch  regte  ein  Bedauern  der  letzten  Zeit  an,  daß 
ich  Deinen  Aufenthalt  nicht  weiß  und  keine  Nachricht  von  Dir 
habe.  Ich  wollte  Dich  nämlich  zu  meinem  Publikum  machen. 
Dir  einige  Erfahrungen  und  Erkenntnisse  der  Arbeit  mitteüen, 
wagte  es  aber  nicht,  die  Notizen  ins  Ungewisse  zu  schicken,  da 
ich  Dich  hätte  bitten  müssen,  sie  mir  als  wertvolles  Material  zu 
verwahren.  Somit  ist  es  eine  Wunscherfüllung,  wenn  Du  mir 
Deinen  Aufenthalt  telegraphierst.  Hinter  dem  Wortlaut  des 
Telegramms  steckt  mancherlei:  Die  Erinnerung  an  die  ety¬ 
mologischen  Genüsse,  die  Du  mir  vorzusetzen  pflegst,  die  An¬ 
spielung  an  das  „außerhalb  der  Stadt“  bei  H.,  aber  auch  Ernsteres, 
was  mir  bald  einfiel.  Als  ob  Du  immer  etwas  Besonderes  haben 
müßtest,  sagt  der  Ärger;  und  dazu  kommt  erstens,  daß  Du  am 
Mittelalter  so  gar  kein  Vergnügen  finden  konntest,2  und  ferner 
die  fortwirkende  Reaktion  auf  Deinen  Abwehrtraum,  der  den 
sonst  gebräuchlichen  Vater  durch  den  Großvater  ersetzen  wofte.3 
Dabei,  daß  ich  mich  beständig  quäle,  wie  ich  Dir  den  Fingerzeig 


*)  In  der  „Traumdeutung“  mitgeteilt  ( G.W .  II-III,  S.  322). 

2)  Bezieht  sich  vermutlich  auf  Fliess’  Mißfallen  am  Nürnberger  Stadtbild. 

3)  Eine  unverständliche  Anspielung. 


Brief  vom  28.  4.  97 


207 


zukommen  lassen  soll,  daß  Du  erkundest,  wer  I.  F.  in  ihrer 
Kindheit  „Katzel“  genannt  hat,  wie  sie  Dich  jetzt  nennt.  Da 
ich  in  Sachen  der  Väter  selbst  noch  zweifelhaft  bin,  wird  meine 
Empfindlichkeit  begreiflich.  Der  Traum  sammelt  also  den  in 
mir  unbewußt  vorhandenen  Ärger  gegen  Dich. 

Übrigens  bedeutet  der  Wortlaut  noch  mehr: 

Via  (Straßen  von  Pompeji,  die  ich  studiere). 

Villa  (Böcklins  Römische  Villa). 

Also  unsere  Reisegespräche,  Secerno  klingt  mir  ähnlich  wie 
Salerno  neapolitanisch-sizüianisch.  Dahinter  Dein  Versprechen 
eines  Kongreßes  auf  italischem  Boden. 


Die  komplette  Deutung  fiel  mir  erst  ein,  nachdem  ein  glück¬ 
licher  Zufall  mir  heute  Vormittag  eine  neue  Bestätigung  der 
paternellen  Ätiologie  zugeführt  hatte.  Ich  habe  gestern  eine  neue 
Kur  mit  einer  jungen  Frau  begonnen,  die  ich  aus  Zeitmangel 
eher  abschrecken  möchte.  Sie  hatte  einen  Bruder,  der  geistes¬ 
krank  gestorben  ist,  und  ihr  Hauptsymptom  — ■  Schlaflosigkeit  — 
trat  zuerst  auf,  als  sie  den  Wagen  mit  dem  Kranken  aus  dem 
Haustor  in  die  Anstalt  wegfahren  hörte.  Seither  Angst  vor 
Wagenfahren,  Überzeugung,  daß  ein  Wagenunglück  geschehen 
werde.  Jahre  später  scheuten  während  einer  Spazierfahrt  die 
Pferde,  sie  benutzte  die  Gelegenheit,  aus  dem  Wagen  zu  springen 
und  sich  einen  Fuß  zu  brechen.  Heute  kommt  sie  und  berichtet, 
daß  sie  viel  an  die  Kur  gedacht  und  ein  Hindernis  gefunden  habe. 
Welches?  — -  Mich  selbst  kann  ich  so  schlecht  machen,  als  es 
sein  muß,  aber  andere  Personen  muß  ich  schonen.  Sie  müssen 
mir  gestatten,  keinen  Namen  zu  nennen.  ■—  An  Namen  liegt  es 
wohl  nicht.  Sie  meinen  die  Beziehung  zu  Ihnen.  Da  wird  sich 
wohl  nichts  verschweigen  lassen.  —  Ich  meine  überhaupt,  ich 
wäre  früher  leichter  zu  kurieren  gewesen  als  heute.  Früher 
war  ich  arglos,  seither  ist  mir  die  kriminelle  Bedeutung  mancher 
Dinge  klar  geworden,  ich  kann  mich  nicht  entschließen,  davon 
zu  sprechen.  —  Ich  glaube  umgekehrt,  das  reife  Weib  wird 
toleranter  in  sexuellen  Dingen.  —  Ja,  da  haben  Sie  Recht.  Wenn 
ich  mir  sage,  daß  es  ausgezeichnet  edle  Menschen  sind,  die  sich 


208 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


solcher  Dinge  schuldig  machen,  muß  ich  denken,  es  ist  eine 
Krankheit,  eine  Art  Wahnsinn  und  muß  sie  entschuldigen.  — 
Also  sprechen  wir  deutlich.  In  meinen  Analysen  sind  es  die 
Nächststehenden,  Vater  oder  Bruder,  die  die  Schuldigen  sind.  — 
Ich  habe  nichts  mit  einem  Bruder.  —  Also  mit  dem  Vater. 

Und  nun  kommt  heraus,  daß  der  angeblich  sonst  edle  und 
achtenswerte  Vater  sie  von  8-12  Jahren  regelmäßig  ins  Bett 
genommen  und  äußerlich  gebraucht  („naß  gemacht“,  nächtliche 
Besuche).  Sie  empfand  dabei  bereits  Angst.  Eine  sechs  Jahre 
ältere  Schwester,  mit  der  sie  sich  Jahre  später  ausgesprochen, 
gestand  ihr,  daß  sie  mit  dem  Vater  die  gleichen  Erlebnisse  gehabt. 
Eine  Kusine  erzählte  ihr,  daß  sie  mit  15  Jahren  sich  der  Um¬ 
armung  des  Großvaters  zu  erwehren  hatte.  Natürlich  konnte 
sie  es  nicht  unglaublich  finden,  als  ich  ihr  sagte,  daß  im  frühesten 
Kindesalter  ähnliche  und  ärgere  Dinge  vorgefallen  sein  müssen. 
Es  ist  sonst  eine  ganz  gemeine  Hysterie  mit  gewöhnlichen 
Symptomen. 


Quod  Erat  Demonstrandum. 


61 

Wien,  2.  5.  97. 

Teurer  Wühelm ! 

.  .  .  Wie  Du  aus  dem  Beigelegten  erraten  wirst,  konsolidieren 
sich  meine  Erwerbungen.  Ich  habe  zuerst  eine  sichere  Ahnung 
von  der  Struktur  einer  Hysterie  gewonnen.  Alles  geht  auf  die 
Reproduktion  von  Szenen,  die  einen  sind  direkt  zu  bekommen, 
die  anderen  immer  über  vorgelegte  Phantasien.  Die  Phantasien 
stammen  aus  nachträglich  verstandenem  Gehörten, 
sind  natürlich  in  all  ihrem  Material  echt.  Sie  sind  Schutzbauten, 
Sublimierungen  der  Fakten,  Verschönerungen  derselben,  dienen 
gleichzeitig  der  Selbstentlastung.  Ihre  akzidentelle  Herkunft 
vielleicht  von  den  Onaniephantasien.  Eine  zweite  wichtige 
Erkenntnis  sagt  mir,  daß  das  psychische  Gebilde,  welches  bei 


Brief  vom  2.  5.  97 


209 


Hysterie  von  der  Verdrängung  betroffen  wird,  nicht  eigentlich 
die  Erinnerungen  sind,  denn  kein  Mensch  ergibt  sich  ohne 
Grund  einer  Erinnerungstätigkeit,  sondern  Impulse,  die  sich 
von  den  Urszenen  ableiten.  Nun  überschaue  ich,  daß  alle  drei 
Neurosen,  Hysterie,  Zwangsneurose  und  Paranoia  dieselben 
Elemente  aufweisen  (nebst  derselben  Ätiologie)  nämlich  Erin¬ 
nerungsstücke,  Impulse  (von  der  Erinnerung  abgeleitet)  und 
Schutzdichtungen,  aber  der  Durchbruch  zum  Be¬ 
wußtsein,  die  Kompromiß-  also  Symptombildung  geschieht  bei 
ihnen  an  verschiedenen  Stellen;  bei  der  Hysterie  sind  es  die 
Erinnerungen,  bei  der  Zwangsneurose  die  perversen  Impulse, 
bei  der  Paranoia  die  Schutzdichtungen  (Phantasie),  die  unter 
Kompromißentstellung  ins  Normale  durchdringen. 

Darin  erblicke  ich  einen  großen  Fortschritt  der  Einsicht, 
hoffentlich  erscheint  es  Dir  ebenso.1 


Ich  hoffe,  Du  hast  es  endlich  an  den  Seen  schön  gefunden. 
Den  Tadel  über  Venedig  verzeih5  ich  Dir  auch  nicht  leicht,  aber 
ich  verstehe  ein  bißchen  die  Harmonie  und  den  strengen  Aufbau 
nach  den  schönsten  Proportionen  in  Deinen  psychischen  Vor¬ 
gängen. 

Herzlichen  Wunsch  für  schöne  Tage  Euch  Beiden, 


Dein 


Sigm. 


*)  Der  „große  Fortschritt“,  von  dem  Freud  spricht,  hat  später  den  ganzen 
Aufbau  der  psychoanalytischen  Hypothesen  umgestaltet  und  die  Psychoanalyse 
zur  Triebpsychologie  gemacht.  Freud  hat  beinahe  das  „Es“  entdeckt  (die 
Bedeutung  des  Triebs),  wenn  er  sagt,  „daß  das  psychische  Gebilde,  welches 
von  der  Verdrängung  betroffen  wird,  nicht  eigentlich  die  Erinnerungen  sind, 
denn  kein  Mensch  ergibt  sich  ohne  Grund  einer  Erinnerungstätigkeit“,  son* 
dern  Impulse,  die  sich  von  den  Urszenen  ableiten. 


Q 


210 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


(. Manuskript  L)1 

NOTIZEN  I 


Architektur  der  Hysterie 

Ziel  scheint  die  Erreichung  der  Urszenen  zu  sein.  Diese  gelingt 
bei  einigen  direkt,  bei  anderen  erst  auf  Umwegen  über  Phantasien. 
Die  Phantasien  sind  nämlich  psychische  Vorbauten,  die  aufgeführt 
werden,  um  den  Zugang  zu  diesen  Erinnerungen  zu  sperren.2  Die 
Phantasien  dienen  gleichzeitig  der  Tendenz,  die  Erinnerungen  zu 
verfeinern,  zu  sublimieren.  Sie  sind  hergestellt  mittels  der  Dinge, 
die  gehört  werden  und  nachträglich  verwertet,  und  kom¬ 
binieren  so  Erlebtes  und  Gehörtes,  Vergangenes  (aus  der  Geschichte 
der  Eltern  und  Voreltern)  mit  Selbstgesehenem.  Sie  verhalten  sich 
zum  Gehörten  wie  die  Träume  zum  Gesehenen.  Im  Traum  hört  man 
ja  nichts,  sondern  sieht. 


Rolle  der  Dienstmädchen 3 

Durch  die  Identifizierung  mit  diesen  Personen  niedriger  Moral, 
die  als  wertloses  weibliches  Material  so  häufig  in  sexuellen  Beziehungen 
mit  Vater  und  Bruder  erinnert  werden,  wird  eine  Unzahl  von  Be¬ 
lastungen  mit  Vorwürfen  (Diebstahl,  Kindesabtreibung)  ermöglicht, 
und  infolge  der  Sublimierung  dieser  Mädchen  in  den  Phantasien 
sind  dann  gegen  andere  Personen  sehr  unwahrscheinliche  Anwürfe 

*)  Beilage  zum  Brief  vom  2.  V.  97.  —  Die  folgenden  Bemerkungen  gehören 
zu  jenen,  die  Freud,  meist  angeregt  durch  klinische  Beobachtungen,  in  un¬ 
regelmäßiger  Folge  zu  notieren  pflegte.  —  Andere  Notizen  dieser  Art  folgen 
auf  S.  215, 221.  Freud  hat  ähnliche  Aufzeichnungen  bis  in  seine  letzten  Arbeits¬ 
jahre  fortgesetzt;  vgl.  etwa  die  Notizen,  die  im  XVII.  Band  der  Gesammelten 
Werke  (London,  1941)  S.  151  f.  abgedruckt  sind. 

2)  Dieser  Gedanke  ist  in  Freuds  Schriften  kaum  je  mit  vergleichbarer  Präg¬ 
nanz  formuliert  worden;  vgl.  etwa  Traumdeutung,  G.W.  II-III,  S.  495.  „Das 
Studium  der  Psychoneurosen  führt  zur  überraschenden  Erkenntnis,  daß  diese 
Phantasien  oder  Tagträume  die  nächsten  Vorstufen  der  hysterischen  Symptome 
—  wenigstens  einer  ganzen  Reihe  von  ihnen  —  sind  ;  nicht  an  den  Erinnerungen 
selbst,  sondern  an  den  auf  Grund  der  Erinnerung  aufgebauten  Phantasien 
hängen  erst  die  hysterischen  Symptome.“ 

3)  Das  Verständnis  der  folgenden  Notiz  ist  gebunden  an  die  Berücksichtigung 
der  spezifischen  sozialen  Stellung  des  Dienstmädchens  im  Wiener  bürgerlichen 
Haushalt  der  1890er  Jahre.  Was  von  den  vorliegenden  Überlegungen  Eingang 
in  Freuds  späteres  Denken  gefunden  hat,  ist  in  der  Arbeit  „Über  die  allgemeine 
Erniedrigung  des  Liebeslebens“  (Jahrbuch  II,  G.W.  VIII)  neu  formuliert 
worden. 


Manuskript  L 


21 1 


in  diesen  Phantasien  enthalten.  Auf  die  Dienstmädchen  deutet  noch 
die  Prostitutionsangst  (allein  auf  der  Straße),  die  Furcht  vor  dem 
unter  dem  Bett  versteckten  Mann  u.  dgl.  Es  ist  tragische  Gerechtigkeit 
darin,  daß  die  Herablassung  des  Hausherrn  zur  Dienstmagd  durch 
die  Selbsterniedrigung  der  Tochter  gesühnt  wird. 

Schwämme 

Ein  Mädchen  hatte  vorigen  Sommer  die  Angst,  eine  Blume  zu 
pflücken  oder  gar  einen  Schwamm  auszureißen,  weil  dies  gegen 
Gottes  Gebot  sei,  der  nicht  wolle,  daß  lebende  Keime  vernichtet 
werden.  —  Dies  rührt  von  der  Erinnerung  an  religiöse  Sprüche  der 
Mutter  gegen  die  Vorsichten  beim  Koitus,  weil  dadurch  lebende 
Keime  vernichtet  werden.  „Schwämme“  (Pariser  Schwämmchen) 
waren  darunter  ausdrücklich  angeführt.  Identifizierung  mit  der  Mutter 
Hauptinhalt  der  Neurose. 

Schmerzen 

Nicht  direkt  die  Fixierungsempfindung,  sondern  die  absichtliche 
Wiederholung  derselben.  Das  Kind  stößt  sich  an  eine  Kante,  Möbel, 
etc.  und  berührt  sich  dabei  ad  genitalia,  um  eine  Szene  zu  wiederholen, 
bei  welcher  die  jetzt  schmerzhafte,  damals  an  die  Kante  gedrückte 
Stelle  der  Fixierung  diente. 

Mehrheit  der  psych.  Personen 1 

Die  Tatsache  der  Identifizierung  gestattet  vielleicht  sie  w  ö  r  1 1  i  c  h 
zu  nehmen. 

Einwickeln 

Ergänzung  zur  Schwammgeschichte.  Das  Mädchen  verlangte,  daß 
ihr  alle  Gegenstände  eingewickelt  gereicht  werden.  (Kondom.) 

Mehrfache  Redaktionen  von  Phantasien.  Ob  auch  Wiederanknüpfung  ? 

Wo  das  Kranksein  gewünscht  wird,  die  Kranken  ihr  Leiden  fest- 
halten,  geschieht  es  regelmäßig,  weil  das  Leiden  als  Schutzwehr 
gegen  die  eigene  Libido  betrachtet  wird,  also  aus  Mißtrauen  gegen 


x)  Wohl  eine  Vorahnung  der  Vorstellung  vom  Über- Ich, 


212 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


sich  selbst.  In  dieser  Phase  wird  das  Erinnerungssymptom  zum 
Abwehrsymptom,  vereinigen  sich  beiderlei  aktive  Strömungen.  In 
früheren  Stadien  war  das  Symptom  Folge  der  Libido,  Provokations¬ 
symptom,  dazwischen  dienen  zur  Abwehr  vielleicht  die  Phantasien. 

Es  ist  möglich,  Weg,  Zeit  und  Material  der  Phantasiebildung  zu 
verfolgen,  die  dann  der  Traumbildung  ganz  ähnlich  ist,  nur  daß 
keine  Regression,  sondern  Progression  in  der  Darstellung  vorliegt. 
Verhältnis  von  Traum,  Phantasie  und  Reproduktion.1 2 

Noch  ein  Wunschtraum 

Das  soll  ein  Wunschtraum  sein,  sagt  E.  Ich  träume,  daß  ich  im 
Augenblick,  wo  ich  mit  einer  Dame  nach  Hause  komme,  von  einem 
Wachmann  verhaftet  werde,  der  mich  auffordert,  in  den  Wagen  zu 
steigen.  Ich  verlange  noch  Zeit,  meine  Angelegenheiten  zu  ordnen, 
usw.  —  Nähere  Umstände?  —  Es  war  am  Morgen,  nachdem  ich 
die  Nacht  mit  dieser  Dame  verbracht  hatte.  —  Waren  Sie  sehr  ent¬ 
setzt?  —  Nein.  —  Wissen  Sie,  wessen  Sie  beschuldigt  waren?  —  Ja, 
ein  Kind  umgebracht  zu  haben.  —  Hat  das  irgendeine  Beziehung  zur 
Wirklichkeit?  — -  Ich  hatte  einmal  die  Sorge  für  die  Abtreibung  eines 
Kindes  aus  einem  Verhältnis  und  denke  nicht  gerne  daran.  —  Nun, 
war  da  am  Morgen  vor  dem  Traum  nichts  vorgefallen?  —  Ja,  ich  war 
aufgewacht  und  habe  einen  Koitus  vollzogen.  —  Doch  mit  Vorsicht?  — 
Ja,  mit  Zurückziehen.  —  Dann  haben  Sie  die  Angst  gehabt,  Sie 
könnten  ein  Kind  gemacht  haben  und  der  Traum  zeigt  Ihnen  den 
Wunsch  erfüllt,  daß  nichts  geschehen  ist,  daß  sie  das  Kind  im  Keim 
erstickt  haben.  Die  Angsterregung  nach  einem  solchen  Koitus  ver¬ 
wenden  Sie  als  Traummaterial. 2 


Teurer  Wilhelm ! 


16.  5.  97. 


Die  geistige  Erfrischung  habe  ich  Deinem  Briefe  selbst  ange¬ 
merkt.  Ich  hoffe,  jetzt  bist  Du  wieder  für  lange  Zeit  der  Alte 


1)  Ähnliche  Gedanken  sind  in  der  Arbeit  „Der  Dichter  und  das  Phantasie¬ 
ren“  ausgeführt  worden  (1908).  (G.W.  VII.) 

2)  Verwendet  in  der  Traumdeutung  {G.W.  II-.III,  S.  161  f.). 


Brief  vom  16.  5-  97 


213 


und  läßt  Dich  auch  von  mir  als  wohl  geneigtes  Publikum  weiterhin 
mißbrauchen.  Ohne  solches  kann  ich  eigentlich  doch  nicht 
arbeiten.  Wenn  es  Dir  recht  ist,  mache  ich’s  ähnlich  wie  letztes 
Mal,  schicke  Dir,  was  ich  an  Notizen  fertig  habe  mit  der  Bitte, 
es  mir  auf  Verlangen  zurückzuschicken.  Wo  immer  ich  anfange, 
ich  bin  doch  gleich  wieder  bei  den  Neurosen  und  beim  psy¬ 
chischen  Apparat.  Es  ist  gewiß  nicht  persönliche  oder  sachliche 
Teilnahmslosigkeit,  wenn  ich  nichts  anderes  aus  der  Feder 
bringe.  Es  gärt  und  brodelt  bei  mir,  es  wird  nur  ein  neuer  Schub 
abgewartet.  Zu  der  vorläufigen  Gesamtdarstellung,  die  Du 
wünschest,  kann  ich  mich  nicht  entschließen;  eine  unklare 
Erwartung,  in  kurzer  Zeit  käme  etwas  Wesentliches  hinzu,  ist 
es,  glaube  ich,  was  mich  hindert.  Dagegen  hat  es  mich  gedrängt, 
mit  der  Bearbeitung  des  Traumes  zu  beginnen,  wo  ich  mich  so 
sicher  fühle  und  es  auch  nach  Deinem  Urteil  darf.  Ich  bin 
zunächst  unterbrochen  worden,  mußte  in  Eile  einen  Auszug  aus 
meinen  sämtlichen  Arbeiten  für  den  Druck  fertig  machen.1  Die 
Abstimmung  soll  noch  dieser  Tage  erfolgen.2  Jetzt  bin  ich  fertig 
und  denke  wieder  an  den  Traum.  Ich  habe  in  die  Literatur 
hineingeblickt  und  komme  mir  vor  wie  das  keltische  Zauber¬ 
männchen  „Ach  wie  bin  ich  froh,  daß  es  niemand,  niemand 
weiß  — “.  Niemand  hat  eine  Ahnung  davon,  daß  der  Traum 
kein  Unsinn  ist,  sondern  eine  Wunscherfüllung. 

Ich  weiß  nicht,  ob  ich  Dir’s  nicht  schon  geschrieben  habe; 
doch  sicherlich  und  nur  zur  Vorsicht  wiederhole  ich’s,  daß  nun 
die  Quelle  der  Gehörshalluzinationen  der  Paranoia  aufgedeckt 
ist.  Die  Phantasien  stammen  auch  bei  der  Hysterie  aus  dem 
Gehörten  und  nachträglich  Verstandenen. 

Ein  stolzes  Schilf  ist  mir  wenige  Tage  nach  der  Rückkehr  zu 
Grund  gegangen.  Mein  Bankier,  der  am  weitesten  in  der  Analyse 

x)  Im  Druck  erschienen  (Deuticke  1897)  unter  dem  Titel  „Inhaltsangaben 
der  wissenschaftlichen  Arbeiten  des  Privatdocenten  Dr.  Sigm.  Freud  (1877- 
1897).  Als  Manuskript  gedruckt.“  Nachgedruckt  in  Internationale  Zeitschrift 
für  Psychoanalyse  und  Imago,  XXV,  1940. 

2)  Die  Abstimmung  im  Professorenkollegium  der  Medizinischen  Fakultät, 
bei  der  Freud  mit  Stimmenmehrheit  für  den  Titel  eines  außerordentlichen 
Professors  vorgeschlagen  wurde,  fand  am  12.  Juni  1897  statt.  Seither  war  die 
Verzögerung  der  Ernennung  ausschließlich  der  (antisemitischen)  Politik  des 
Unterrichtsministeriums  zuzuschreiben. 


214 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


war,  ist  an  einem  entscheidenden  Punkt,  kurz  ehe  er  mir  die 
letzten  Szenen  bringen  sollte,  ausgesprungen.  Es  hat  mich  sicher¬ 
lich  auch  materiell  geschädigt,  mich  überzeugt,  daß  ich  die 
Triebfedern  der  Sache  doch  nicht  alle  kenne.  Aber  erfrischt, 
wie  ich  war,  habe  ich’s  leicht  getragen  und  mir  gesagt,  ich  warte 
also  noch  länger  auf  eine  vollendete  Kur.  Es  muß  möglich  sein 
und  gemacht  werden. 

•  •  • 

Ich  wollte  die  Kinder  am  i8ten  nach  Aussee  schicken,  Martha 
wäre  bis  Pfingsten  hier  geblieben.  Das  elende  Wetter  hat  uns 
zu  einem  unbestimmten  Aufschub  genötigt.  Martin  hat  wieder 
einen  Anfall  gehabt  von  ungefährlicher  Dichter  itis.  ...  Es 
war  ein  Gedicht  „Feiertag  im  Walde“  und  dann  ein  zweites  noch 
unvollendetes  „Jagd“.  Daß  die  Operation  bei  ihm  vollzogen 
worden,  kannst  Du  Dir  aus  folgendem  Vers  erschließen,  der 
in  seinen  „Gesprächen  der  klugen  Tiere“  vorkommt: 

„Hase“,  spricht  das  Reh, 

„Tut’s  Dir  beim  Schlucken  im  Halse  noch  weh?“ 

Es  ist  über  alle  Maßen  komisch,  wenn  angesichts  dieser  Produk¬ 
tion  Oli  über  die  nicht  vermiedenen  orthographischen  Fehler  ent¬ 
rüstet  ist.  .  .  .  Mathilde  begeistert  sich  jetzt  für  Mythologie  und 
hat  unlängst  bittere  Tränen  darüber  geweint,  daß  die  Griechen, 
die  solche  Helden  waren,  sich  solche  Schläge  von  den  Türken 
geholt  haben.  Recht  amüsantes  Gesindel. 

«  •  • 

Ich  habe  jetzt  einige  neue  Hörer  und  einen  wirklichen  Schüler 
aus  —  Berlin,  einen  Dr.  Gattl,  der  hieher  gekommen  ist,  von 
mir  zu  lernen.  Ich  versprach,  ihm  Unterricht,  mehr  nach  alt¬ 
klassischer  Weise  (im  Spazierengehen)  als  im  Laboratorium  und 
Krankensaal  zu  geben,  und  bin  neugierig,  wie  er  sich  machen 
wird.  Er  ist  übrigens  Halbamerikaner.  .  .  . 

Ich  habe  dieser  Tage  noch  allerlei  gute  Einfälle  für  Dich 
gehabt,  sie  haben  sich  aber  sämtlich  wieder  zurückgezogen.  Ich 
muß  auf  den  nächsten  Schub  warten,  der  sie  wiederbringt.  Bis 


Manuskript  M 


215 


dahin  möchte  ich  gerne  gute  und  reichliche  Nachricht  von  Dir, 
Ida  und  Robert  haben.  .  .  . 

Herzlichste  Grüße  und  Glückauf  zur  Arbeit 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm  i 


25.  5.  97. 


Ich  schicke  Dir  hiemit  das  „Verzeichnis  sämtlicher  Schönen 
usw.“1  Die  Entscheidung  im  Kollegium  verzögert  sich,  neuer¬ 
licher  Widerspruch  und  Aufschub  infolgedessen  in  letzter  Sitzung. 
Meine  Interessen  sind  zum  Glück  anderswo. 

Die  Beilage  enthält  einen  Schub  von  Ahnungen,  die  mir 
große  Hoffnung  erwecken.  Wenn  ich  da  durchkomme,  mache 
ich  den  bekannten  Besuch  in  Berlin.  Schätze,  daß  er  erst  nächstes 
Jahr  erfolgen  wird. 


Mein  Gesindel  ist  gestern  abends  mit  Minna  nach  Aussee 
gereist  und  laut  Bericht  im  schönsten  Wetter  angekommen. 
Martha  bleibt  bis  Pfingsten  hier. 


Dein 


Sigm. 


(. Manuskript  Ai)2 

NOTIZEN  II 


Architektur  der  Hysterie 

Wahrscheinlich  so:  Einzelne  der  Szenen  sind  direkt  zugänglich, 
andere  nur  über  vorgelegte  Phantasien.  Die  Szenen  sind  nach  steigen- 

1)  Scherzhafte  Anspielung  auf  das  „Verzeichnis  sämtlicher  Schriften“.  Vgl. 
dazu  den  vorangehenden  Brief. 

2)  Beilage  zum  Brief  vom  25.  V.  1897. 


216 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


dem  Widerstand  geordnet,  die  leichter  verdrängten  kommen  zuerst 
nur  unvollständig  wegen  der  Assoziation  mit  den  schwer  verdrängten. 
Der  Arbeitsweg  geht  in  Schleifen  zuerst  an  den  Szenen  herunter  oder 
bis  in  ihre  Nähe,  dann  von  einem  Symptom  ein  Stück  weiter  herab, 
dann  wieder  vom  Symptom  abwärts.1  Da  in  den  wenigen  Symptomen 
die  meisten  Szenen  vereinigt  sind,  so  beschreibt  man  dabei  wiederholte 
Schleifen  durch  die  Hintergedanken  derselben  Symptome. 

Symptome:  Arbeit  besteht  aus  einzelnen  solchen  tiefer  und  tiefer 
laufenden  Stücken.  [Siehe  Abbildung  S.  217.] 

Verdrängung 

Die  Vermutung  geht  dahin,  daß  das  eigentlich  verdrängte  Element 
stets  das  Weibliche  ist,  und  wird  dadurch  bestätigt,  daß  die  Frauen 
sowohl  wie  die  Männer  leichter  die  Erlebnisse  mit  Frauen  hergeben 
als  die  mit  Männern.  Was  die  Männer  eigentlich  verdrängen  ist  das 
päderastische  Element.2 

Phantasien 

Die  Phantasien  entstehen  durch  unbewußte  Zusammenfügung  von 
Erlebnissen  und  Gehörtem  nach  gewissen  Tendenzen.  Diese  Tendenzen 
sind,  die  Erinnerung  unzugänglich  zu  machen,  aus  der  Symptome 
entstanden  sind  oder  entstehen  können.  Die  Phantasiebildung  geschieht 
durch  Verschmelzung  und  Entstellung  analog  der  Zersetzung  eines 
chemischen  Körpers  mit  einem  anderen  zusammengesetzten.  Die 
erste  Art  der  Entstellung  ist  nämlich  die  Erinnerungsfälschung  durch 
Zerteilung,  wobei  gerade  die  zeitlichen  Verhältnisse  vernachlässigt 
werden.  (Das  zeitliche  Korrigieren  scheint  gerade  an  der  Tätigkeit 

1)  Der  Gedanke,  daß  „Szenen  nach  steigendem  Widerstand“  geordnet  sind 
und  daß  der  Arbeitsweg  der  Behandlung  in  Schleifen  vor  sich  gehe,  hat  später 
zu  den  in  Freuds  technischen  Schriften  niedergelegten  Ratschlägen  über  die 
Deutung  des  Widerstands  und  damit  zur  Begründung  der  psychoanalytischen 
Technik  geführt. 

2)  Der  hier  angedeutete  Gedanke  hat  Freud  zeit  seines  Lebens  beschäftigt. 
(Vgl.  dazu  Einl.  S.  46.)  Er  hat  zu  der  Einsicht  in  die  allgemeine  Bedeutung 
der  „Inversionsneigung  bei  Psychoneurotikern“  geführt,  die  Freud  nach  einer 
Bemerkung  in  den  „Drei  Abhandlungen  zur  Sexualtheorie“  (2.  Aufl.  S.  28; 
G.W.  V,  S.  65,  Fußnote)  mit  einer  Anregung  von  Fliess  verbindet,  später  auf 
die  allgemeine  Bedeutung  der  latenten  r.omosexualität  und  endlich,  in  Freuds 
letzten  Arbeitsjahren,  auf  die  Bedeutung  der  Passivität  im  Leben  des  Klein¬ 
kindes. 


Manuskript  M 


217 


218 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


des  Bewußtseinssystems  zu  hängen.)  Das  eine  Teilstück  der  gesehenen 
Szene  wird  dann  mit  einem  Teilstück  der  gehörten  zur  Phantasie 
vereinigt,  während  das  frei  gewordene  Teilstück  eine  andere  Ver¬ 
bindung  eingeht.  Damit  ist  ein  ursprünglicher  Zusammenhang  unauf¬ 
findbar  gemacht.  Durch  die  Bildung  solcher  Phantasien  (in  Erre¬ 
gungszeiten)  hören  die  Erinnerungssymptome  auf.  Dafür  sind  unbe¬ 
wußte  Dichtungen  vorhanden,  die  der  Abwehr  nicht  unterlegen  sind. 
Wächst  nun  die  Intensität  einer  solchen  Phantasie  soweit,  daß  sie 
den  Zugang  ins  Bewußtsein  erzwingen  mußte,  so  unterliegt  die 
Phantasie  der  Verdrängung  und  es  entsteht  ein  Symptom  durch 
Rückdrängung  von  ihr  auf  die  konstituierenden  Erinnerungen. 

Alle  Angstsymptome  (Phobien)  sind  aus  Phantasien  so  abgeleitet. 
Immerhin  werden  die  Symptome  so  vereinfacht.  Ein  dritter  Vorstoß 
und  eine  dritte  Art  der  Symptombildung  geht  vielleicht  von  Im¬ 
pulsen  aus. 

Arten  der  Kompromißverschiebung  : 

Assoziationsverschiebung:  Hysterie 

Ähnlichkeits-  (Begriffs- V erschiebung) : 

Zwangsneurose 

Kausalverschiebung:  Paranoia 

Typischer  Ablauf 

Ein  guter  Verdacht,  daß  die  Erweckung  des  Verdrängten  nicht  dem 
Zufall  überlassen  ist,  sondern  Entwicklungsgesetzen  folgt.  Ferner, 
daß  Verdrängung  vom  Rezenten  nach  rückwärts  schreitet  und  die 
letzten  Ereignisse  zuerst  betrifft. 

Unterschied  der  Phantasien  bei  Hysterie  und  Paranoia 
Letztere  systematisch,  alle  in  Kartell,  erstere  von  einander  unab¬ 
hängig  auch  widersprechend,  also  vereinzelt,  sind  wie  automatisch 
(auf  chemischem  Weg)  entstanden.  Dies  und  Vernachlässigung  des 
Zeitcharakters  wohl  wesentlich  für  Unterschied  zwischen  Tätigkeit  im 
Vorbewußten  und  Unbewußten. 


für  Ort  der  Abwehr 
charakteristisch 
(vielleicht  auch  für  Zeit) 


Brief  vom  31.  5.  97 


219 

Verdrängung  im  Unbeivußten 

Es  genügt  nicht,  die  Verdrängung  zwischen  Vorbewußtem  und 
Unbewußtem  in  Betracht  zu  ziehen,  sondern  auch  die  normale  Ver¬ 
drängung  innerhalb  des  Systems  Unbewußt  selbst.  Sehr  bedeutungs¬ 
voll,  noch  sehr  dunkel.1 

Es  ist  die  schönste  Hoffnung,  die  Anzahl  und  Art  der  Phantasien 
ebenso  vorher  zu  bestimmen  wie  es  mit  den  Szenen  möglich  ist. 
Ein  Entfremdungsroman  (vide  Paranoia)  regelmäßig  dabei,  dient  der 
Illegitimierung  der  genannten  Verwandten.2  Agoraphobie  scheint  an 
Prostitutionsroman  zu  hängen,  der  selbst  wieder  auf  diesen  Familien¬ 
roman  zurückgeht.  Frau,  die  nicht  allein  ausgehen  will,  behauptet  also 
Untreue  der  Mutter. 


Teurer  Wilhelm ! 


31*  5»  97- 

IX.  Berggasse  19. 


Lange  nichts  von  Dir  gehört.  Anbei  einige  bei  dem  letzten 
Schub  ans  Ufer  gespülte  Brocken.  Ich  notiere  jetzt  nur  für 
Dich  und  hoffe.  Du  bewahrst  es  mir  auf.  Zur  Entschuldigung 
oder  Erklärung  füge  ich  hinzu:  ich  weiß,  es  sind  erst  Vorahnungen, 
aber  aus  all  solchen  Dingen  ist  etwas  geworden,  nur  was  ich  mit 
dem  System  Vbw  dazu  klügeln  wollte,  habe  ich  zurücknehmen 
müssen.  Eine  Ahnung  sagt  mir  noch,  als  ob  ich  es  schon  wüßte  — 
ich  weiß  aber  gar  nichts  — -  daß  ich  nächstens  die  Quelle  der 

x)  Das  hier  Angedeutete  läßt  sich  in  mehreren  von  Freuds  späteren  Gedanken 
weiterverfolgen:  in  die  Unterscheidung  von  Triebhaftem  und  Verdrängtem  im 
Es  („Das  Ich  und  das  Es“)  und  in  die  Idee,  daß  das  Verdrängte  selbst  auf¬ 
gearbeitet  und  zum  Verschwinden  gebracht  werden  könne  („Der  Unteigang 
des  Ödipuskomplexes“). 

2)  Der  Familienroman,  der  hier  und  an  früheren  Stellen  in  den  Briefen  als 
Kennzeichen  des  Paranoischen  angesehen  wird,  ist  später  von  Freud  als  Teü 
des  normalen  Phantasielebens  erkannt  worden,  das  sich  unter  dem  Druck  des 
Ödipuskomplexes  entwickelt.  Die  erste  Mitteilung  findet  sich  als  Einschaltung 
isreuds  in  O.  Ranks  „Der  Mythus  von  der  Geburt  des  Helden“,  1909,  S.  190; 
Fehe  auch  G.S.  XII,  G.W.  VII. 


220 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Moral  aufdecken  werde.  So  wächst  die  Sache  noch  immer  in 
meiner  Erwartung  und  macht  mir  die  größte  Freude.  Wenn 
ich  Dich  nur  zur  Mitteilung  bequemer  und  näher  haben  könnte. 

Die  Sommerstimmung  ist  sonst  sehr  mächtig.  Freitag  abends 
wollen  wir  über  Pfingsten  nach  Aussee.  Ich  weiß  nicht,  ob  mir 
noch  mitteilungsfähige  Einfälle  kommen  werden ;  arbeiten  will  ich 
nicht  mehr.  Selbst  den  Traum  habe  ich  bei  Seite  gelegt.  Un¬ 
längst  träumte  ich  von  überzärtlichen  Gefühlen  für  Mathilde, 
sie  hieß  aber  Hella  und  „Hella4  sah  ich  dann  nochmals  fett 
gedruckt  vor  mir.  Auflösung:  Hella  heißt  eine  amerikanische 
Nichte,  deren  Bild  wir  bekommen  haben. 

Mathüde  könnte  HeUa  heißen,  weü  sie  unlängst  über  die 
Niederlagen  der  Griechen  so  bitter  geweint  hat.  Sie  begeistert 
sich  für  die  Mythologie  des  alten  Hellas  und  sieht  in  allen 
Hellenen  natürlich  Helden.  Der  Traum  zeigt  natürlich  meinen 
Wunsch  erfüllt,  einen  Vater  als  Urheber  der  Neurose  zu  ertappen, 
und  macht  so  meinen  noch  immer  sich  regenden  Zweifeln  ein 
Ende. 

Ein  andermal  träumte  ich,  daß  ich  wenig  bekleidet  eine  Treppe 
hinaufgehe,  es  geht,  wie  der  Traum  hervorhob,  sehr  flink 
(Herz  —  Beruhigung !) ;  plötzlich  merke  ich  aber,  daß  ein  Frauen¬ 
zimmer  nachkommt  und  da  tritt  das  im  Traum  so  häufige  an 
der  Stelle  Kleben,  Gelähmtsein,  auf.  Das  begleitende  Gefühl 
war  nicht  Angst,  sondern  erotische  Erregung.  So  siehst  Du,  wie 
die  dem  Schlaf  eigene  Lähmungsempfindung  zur  Erfüllung 
eines  Exhibitionswunsches  gebraucht  wird.  Ich  war  vorher 
tatsächlich  in  der  Nacht  die  Treppe  von  der  unteren  Wohnung 
hinaufgegangen  und  zwar  wenigstens  ohne  Kragen  und  dachte 
daran,  es  könnte  ein  Nachbar  auf  der  Treppe  sein.1 

•  •  • 

Mit  herzlichsten  Grüßen  für  Deine  liebe  Frau  und  Sohn 

Dein 

Sigm. 


x)  Vgl.  damit  die  übereinstimmende,  ausführlichere  Stelle  in  der  Traum¬ 
deutung  ( G.W .  II-III,  S.  244),  wo  auf  diesen  Traum  Bezug  genommen  wird. 


Manuskript  N 


221 


(. Manuskript  N)1 

NOTIZEN  III 

Impulse 

Die  feindseligen  Impulse  gegen  die  Eltern  (Wunsch,  daß  sie  sterben 
mögen)  sind  gleichfalls  ein  integrierender  Bestandteil  der  Neurose. 
Als  Zwangsvorstellung  kommen  sie  bewußt  zu  Tag.  Bei  Paranoia 
entspricht  ihnen  das  Ärgste  am  Verfolgungswahn  (pathologisches 
Mißtrauen  der  Herrscher  und  Monarchen).  Verdrängt  werden  diese 
Impulse  zu  Zeiten,  wenn  sich  A4itleid  für  die  Eltern  regt,  Krankheit, 
Tod  derselben.  Dann  ist  es  eine  Äußerung  der  Trauer,  sich  Vorwürfe 
über  ihren  Tod  zu  machen  (sog.  Melancholien)  oder  sich  hysterisch, 
mittels  der  Vergeltungsidee  mit  denselben  Zuständen  zu  bestrafen, 
welche  sie  gehabt  haben.  Die  dabei  stattfindende  Identifizierung  ist, 
wie  man  sieht,  nichts  anderes  als  ein  Denkmodus  und  macht  die  Suche 
nach  dem  Motiv  nicht  überflüssig. 

Es  scheint,  als  ob  dieser  Todeswunsch  bei  den  Söhnen  sich  gegen 
den  Vater,  bei  den  Töchtern  gegen  die  Mutter  kehren  würde.2  Ein 
dienendes  Mädchen  macht  davon  die  Übertragung,  daß  sie  der  Dienst¬ 
frau  den  Tod  wünscht,  damit  der  Dienstherr  sie  heiraten  kann. 
(Beob.  Traum  von  Lisel3  mit  Bezug  auf  Martha  und  mich.) 

Verhältnis  von  Impulsen  und  Phantasien 

Von  den  Erinnerungen  aus  scheint  es  sich  zu  gabeln,  ein  Teil 
derselben  wird  durch  Phantasien  verlegt  und  ersetzt,  ein  anderer 
zugänglicher  Teil  scheint  direkt  zu  Impulsen  zu  führen.  Ob  dann 
später  Impulse  auch  aus  Phantasien  hervorgehen  können? 

Ähnlich  würden  Zwangsneurose  und  Paranoia  ex  aequo  aus  Hysterie 
hervorgehen,  was  die  Unverträglichkeit  dieser  beiden  erklären  würde. 

Glaubensversetzung 

Glauben  (Zweifeln)  ist  ein  Phänomen,  das  ganz  dem  System  des 
Ich  (Bw)  angehört  und  kein  Gegenstück  im  Ubw  hat.  In  den  Neurosen 
wird  der  Glaube  verschoben,  dem  Verdrängten,  wenn  es  sich  Repro¬ 
duktion  erzwingt,  verweigert,  und  wie  zur  Strafe  auf  das  Abwehrende 

x)  Beilage  zum  Brief  vom  31.  V.  97. 

2)  Erste  Hinweise  auf  den  Ödipuskomplex. 

3)  Kinderfräulein. 


222 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


verlegt.  Titania,  die  ihren  rechtmäßigen  Gatten  Oberon  nicht  lieben 
will,  muß  dafür  die  Liebe  dem  Phantasieesel  Zettel  schenken. 

Dichtung  und  fine  frenzy 

Der  Mechanismus  der  Dichtung  ist  derselbe  wie  der  hysterischen 
Phantasien.  Goethe  vereinigt  zum  Werther  etwas  Erlebtes,  seine 
Liebe  zu  Lotte  Kästner,  und  etwas  Gehörtes,  das  Schicksal  des  jungen 
Jerusalem,  der  durch  Selbstmord  endigt.  Er  spielt  wahrscheinlich  mit 
dem  Vorsatz  sich  zu  töten,  findet  darin  den  Berührungspunkt  und 
identifiziert  sich  mit  Jerusalem,  dem  er  seine  Motive  aus  der  Liebes¬ 
geschichte  leiht.  Mittels  dieser  Phantasie  schützt  er  sich  gegen  die 
Wirkung  seines  Erlebnisses. 

So  behält  Shakespeares  Zusammenstellung  von  Dichtung  und 
Wahn  recht  (fine  frenzy).1 

Motive  der  Symptombildung 

Erinnern  ist  nie  ein  Motiv,  sondern  nur  ein  Weg,  ein  Modus.  Das 
der  Zeit  nach  erste  Motiv  der  Symptombildung  ist  die  Libido.  Das 
Symptom  also  eine  Wunscherfüllung  wie  der  Traum.2 

In  späteren  Stadien  hat  sich  die  Abwehr  gegen  die  Libido  auch  im 
Ubw  Raum  geschafft.  Die  Wunscherfüllung  muß  dieser  unbewußten 
Abwehr  genügen.  Dies  geschieht,  wenn  das  Symptom  als  Strafe 
(wegen  bösen  Impulses),  oder  aus  Mißtrauen  zur  Selbsthinderang 
wirken  kann.  Die  Motive  der  Libido  und  der  Wunsch¬ 
erfüllungais  Strafe  summieren  sich  dann.3  Die  allgemeine 
Tendenz  zum  Abreagieren,  zum  Durchbruch  des  Verdrängten  ist  dabei 
unverkennbar,  auf  welches  sich  die  beiden  anderen  Motive  auftragen. 
Es  scheint,  als  ob  in  späteren  Stadien  einerseits  von  den  Erinnerungen 

x)  Diese  Gedanken  sind  an  anderem  Material  in  Freuds  späteren  Arbeiten 
wiederholt  behandelt  und  weitergeführt  worden;  namentlich  in  der  „Traum¬ 
deutung“,  in  „Der  Wahn  und  die  Träume  in  W.  Jensens  ,Gradivac  “  (1907) 
G.S.  IX,  G.W.  VII  und  in  „Der  Dichter  und  das  Phantasieren“  (1908,  G.S.  X, 
G.W.  VII.) 

a)  Die  Ähnlichkeit  der  Traum-  und  Symptombildung  war  Freud  schon  1895 
aufgefallen  (S.  Entwurf  S.  420),  aber  erst  anfangs  1899  wird  sie  neu  entdeckt, 
d.h.  wird  sich  Freud  der  vollen  Bedeutung  dieses  Umstandes  bewußt.  (Brief 
vom  19.  2.  1899,  Nr.  105.) 

3)  Hier  findet  sich  die  erste  Einsicht  in  das  Wesen  des  Angsttraums  (Vgl. 
“ Traumdeutung,”  G.W.  II/III,  586  ff)  und  in  die  später  entwickelte  An¬ 
schauung  vom  Strafbedürfnis. 


Brief  vom  12.  6.  97 


223 


her  sich  komplizierte  Gebilde  (Impulse,  Phantasien,  Motive)  ver¬ 
schieben,  andererseits  die  Abwehr  vom  Vorbewußten  (Ich)  her  ins 
Unbewußte  eindringen  würde,  so  daß  auch  die  Abwehr  multi- 
1  o  k  u  1  ä  r  wird. 

Die  Symptombildung  durch  Identifizierung  ist  an  die  Phantasien 
geknüpft,  d.  h.  an  die  Verdrängung  derselben  im  Ubw,  Analog  die 
Ichveränderung  der  Paranoia.  Da  an  diese  verdrängten  Phantasien 
der  Ausbruch  von  Angst  geknüpft  ist,  muß  man  schließen,  daß 
die  Verwandlung  von  Libido  in  Angst  nicht  durch  Abwehr  zwischen 
Ich  und  Ubw,  sondern  im  Ubw  selbst  vor  sich  geht.  Es  gibt  darum 
auch  ubw  Libido. 

Die  Verdrängung  von  Impulsen  scheint  nicht  Angst  zu  ergeben, 
sondern  vielleicht  Verstimmung  Melancholie.  Die  Melancholien 
schließen  sich  so  der  Zwangsneurose  an. 

Definition  von  „ Heilig “ 

„Heilig“  ist,  was  darauf  beruht,  daß  die  Menschen  zu  Gunsten 
der  größeren  Gemeinschaft  ein  Stück  ihrer  sexuellen  Perversions¬ 
freiheit  geopfert  haben.  Der  Abscheu  vor  dem  Inzest  (ruchlos)  beruht 
darauf,  daß  infolge  der  sexuellen  Gemeinschaft  (auch  in  der  Kinder¬ 
zeit)  die  Famüienmitglieder  dauernd  Zusammenhalten  und  des  An¬ 
schlusses  an  Fremde  unfähig  werden.  Er  ist  also  antisozial  —  Kultur 
besteht  in  diesem  fortschreitenden  Verzicht.1  Dagegen  der  „Über¬ 
mensch“. 


65 

Teurer  Wilhelm ! 


Dienstag,  12.  6.  97. 


Dein  Brief  haf  mich  sehr  amüsiert,  besonders  die  Bemerkung 
über  den  Titel.  Auf  dem  nächsten  Kongreß  nennst  Du  mich 


x)  Dies  scheint  die  früheste  Formulierung  von  Freuds  Auffassung  über  die 
Triebfeindlichkeit  des  Zivilisationsprozesses  zu  sein,  die  er  zunächst  in  „Die 
, kulturelle4  Sexualmoral  und  die  moderne  Nervosität“  (1908,  G.S.  V,  G.W. 
VII),  später  in  „Totem  und  Tabu“  (1912-13,  G.S.  X,  G.W.  IX),  in  „Das 
Unbehagen  in  der  Kultur“  (1928,  G.S.  XI,  G.W.  XIV)  und  in  „Warum 
Krieg?“  ^1932,  G.S.  XII,  G.W.  XVI)  weiter  entwickelt  hat. 


224 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


„Herr  Professor“ ;  ich  will  ein  Kavalier  sein  wie  andere  Kavaliere. 
Die  Wahrheit,  daß  wir  im  Leidenden  wunderbar  Schritt  halten, 
im  Schaffenden  minder.  So  etwas  wie  diese  Periode  intellektueller 
Lähmung  ist  mir  noch  nicht  vorgestellt  gewesen.  Und  jede 
Zeile  wird  mir  zur  Qual.  Du  aber  blühst  jetzt  wieder,  ich  sperre 
alle  Sinnespforten  auf,  begreife  zwar  nichts,  freue  mich  aber 
auf  den  nächsten  Kongreß.  In  Aussee  hoffentlich  und  im 
August.1.  .  . 

In  Aussee  weiß  ich  einen  wunderbaren  Wald  mit  Farren  und 
Schwämmen,  wo  Du  mir  die  Geheimnisse  der  niederen  Tier- 
und  Kinderwelt  enthüllen  sollst.  Ich  stand  noch  nie  so  er¬ 
wartungsvoll  blöde  vor  Deinen  Mitteilungen,  hoffe  aber,  die 
Welt  erfährt  es  nicht  vor  mir  und  anstatt  eines  kurzen  Artikels 
bescherst  Du  uns  über  Jahresfrist  ein  kleines  Buch,  das  die 
organischen  Geheimnisse  in  Reihen  von  28  und  23  auflöst. 

Eingeschlagen  mit  der  Gewalt  des  als  richtig  Geahnten  hat 
bei  mir  die  Bemerkung  über  das  zeitweise  Verschwinden  der 
Perioden  und  ihr  Wiederauftauchen  oberirdisch.  Es  ist  nämlich 
so  mit  mir  gegangen.  Ich  habe  übrigens  irgendetwas  Neurotisches 
durchgemacht,  komische  Zustände,  die  dem  Bewußtsein  nicht 
faßbar  sind.  Dämmergedanken,  Schleierzweifel,  kaum  hie  und 
da  ein  Lichtstrahl.2  .  .  . 

Umsomehr  freue  ich  mich,  daß  Du  wieder  arbeitest.  Wir 
teilen  uns  wie  die  beiden  Schnorrer,  von  denen  einer  die 
Provinz  Posen  bekommt ;  Du  das  Biologische,  ich  das  Psychische. 
Ich  will  gestehen,  daß  ich  in  letzter  Zeit  eine  Sammlung  tiefsin¬ 
niger  jüdischer  Geschichten  angelegt  habe. 

Ich  mußte  noch  im  Sommer  zwei  neue  Fälle  annehmen,  die 
recht  gut  gehen.  Der  letzte  ist  ein  1  jähriges  Mädchen  mit 
fast  reinen  Zwangsvorstellungen,  das  mich  sehr  neugierig  macht. 

*)  Freud  fordert  hier  Fliess  auf,  den  nächsten  „Kongreß“  in  Aussee  zu 
halten,  wo  er  mit  seiner  Familie  Sommerquartier  gemietet  hatte. 

2)  Diese  Stelle  darf  man  als  das  erste  Anzeichen  vom  Beginn  einer  oder  besser 
von  der  Vorbereitung  zu  einer  Selbstanalyse  ansehen.  Im  Brief  vom  7.  Juli 
1897  tritt  dieses  Thema  schon  deutlicher  hervor.  In  den  weiteren  Briefen 
dieses  Sommers  wird  es  ausdrücklich  erwähnt;  im  Brief  vom  14.  August  heißt 
es  dann:  „D  i  e  Analyse  ist  schwerer  als  irgendeine  andere“.  Es  bildet  das, 
Hauptthema  dar  folgenden  Briefe.  Siehe  Einleitung  S.  37  ff. 


Brief  vom  7.  7.  97 


225 

Nun  gehen  Zwangsvorstellungen  nach  meiner  Spekulation  auf 
ein  höheres  psychisches  Alter  zurück,  deuten  also  von  vor- 
neherein  nicht  auf  den  Vater,  der  ja  das  Kind  umso  eher  schont, 
je  älter  es  wird,  sondern  auf  die  w^enig  älteren  Geschwister,  für 
die  das  Kind  erst  ein  Frauenz immer chen  werden  muß.  Nun 
war  der  Herrgott  so  liebenswürdig,  in  diesem  Fall  den  Vater 
sterben  zu  lassen,  ehe  das  Kind  n  Monate  war,  zwei  Brüder 
aber,  davon  einer  drei  Jahre  älter  als  Patientin,  haben  sich 
erschossen. 

Sonst  bin  ich  blöde  und  empfehle  mich  Deiner  Gnade.  Ich 
glaube,  ich  bin  in  einer  Puppenhülle,  weiß  Gott,  was  für  ein 
Vieh  da  herauskriecht. 

Herzliche  Grüße  und  auf  bald 


Dein 


Sigm. 


66 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 
a.  d.  Universität. 

Mein  teurer  Wühelm ! 


Wien,  7.  7.  97. 
IX.  Berggass.*  19. 


Ich  weiß,  daß  ich  gegenwärtig  ein  unbrauchbarer  Korrespon¬ 
dent  bin,  der  gar  keine  Ansprüche  erheben  darf,  aber  es  war  ja 
nicht  immer  so  und  wird  nicht  so  bleiben.  Was  in  mir  vor¬ 
gegangen  ist,  weiß  ich  noch  immer  nicht;  irgend  etwas  aus  den 
tiefsten  Tiefen  meiner  eigenen  Neurose  hat  sich  einem  Fort¬ 
schritt  im  Verständnis  der  Neurosen  entgegengestellt  und  Du 
warst  irgendwie  mit  hineingezogen.1  Denn  die  Schreibläh¬ 
mung  scheint  mir  bestellt,  um  unseren  Verkehr  zu  hemmen. 
Garantien  dafür  besitze  ich  keine,  es  sind  so  Gefühle  höchst 
dunkler  Natur.  Ob  nicht  etwas  Ähnliches  bei  Dir  der  Fall  war? 
Seit  einigen  Tagen  scheint  mir  das  Auftauchen  aus  diesem 

x)  S.  Einleitung  S.  51  und  den  vorangehenden  Brief. 

R 


226 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Dunkel  in  Vorbereitung.  Ich  merke,  daß  ich  unterdes  allerlei 
Fortschritte  in  der  Arbeit  gemacht  habe;  auch  fällt  mir  wieder 
hie  und  da  etwas  ein.  Hitze  und  Überarbeit  haben  gewiß  ihr 
Teil  dazu  getan. 

Ich  sehe  also,  daß  die  Abwehr  gegen  die  Erinnerungen  nicht 
hindert,  daß  höhere  psychische  Gebilde  aus  ihnen  entstehen, 
die  eine  Weile  Bestand  haben  und  dann  selbst  der  Abwehr 
unterliegen,  welche  aber  eine  höchst  spezifizierte  ist,  genau  wie 
im  Traum,  der  überhaupt  die  Psychologie  der  Neurosen  in  nuce 
enthält.  Es  sind  dies  Erinnerungsfälschungen  und  Phantasien, 
letztere  auf  die  Vergangenheit  oder  Zukunft  bezüglich.  Ich  kenne 
ungefähr  die  Regeln,  nach  denen  diese  Gebilde  sich  zusam¬ 
mensetzen,  und  die  Gründe,  welche  sie  stärker  machen  als  die 
echten  Erinnerungen,  und  habe  so  Neues  zur  Charakteristik 
der  Vorgänge  im  Ubw  gelernt.  Daneben  entstehen  perverse 
Impulse,  und  bei  der  Verdrängung  dieser  Phantasien  und 
Impulse,  die  später  notwendig  wird,  ergeben  sich  die  höheren 
Determinierungen  der  schon  aus  den  Erinnerungen  folgenden 
Symptome  und  neue  Motive,  an  der  Krankheit  festzuhalten. 
Ich  lerne  einige  typische  Fälle  von  Zusammensetzung  dieser 
Phantasien  und  Impulse  kennen  und  einige  typische  Be¬ 
dingungen  für  den  Eintritt  der  Verdrängung  gegen  sie.  Voll¬ 
ständig  ist  diese  Kenntnis  noch  nicht.  Die  Technik  fängt  an, 
einen  gewissen  Weg  als  den  naturgemäßen  zu  bevorzugen. 

Die  Traumaufklärung  scheint  mir  das  Gefestigtste,  rings 
herum  liegen  massenweise  starrende  Rätsel.  Das  Organolo- 
gische  wartet  auf  Dich,  es  hat  bei  mir  keinen  Fortschritt  gemacht. 

Ein  interessanter  Traum  ist  der,  daß  man  halb  oder  ganz 
unbekleidet  mit  Scham  und  Angst  unter  fremden  Leuten 
wandelt.1  Merkwürdigerweise  ist  es  Regel,  daß  die  Leute  es 
nicht  bemerken,  was  wir  der  Wunscherfüllung  zu  danken 
haben.  Dieser  Träumst  off,  welcher  auf  Exhibition  in  der  Kind¬ 
heit  zurückgeht,  ist  in  einem  bekannten  Märchen  mißverstanden 
und  lehrhaft  verarbeitet  worden.  (Das  Scheingewand  des 


x)  Siehe  Freuds  Traum,  erwähnt  im  Brief  vom  31.  5.  1897,  Nr.  64. 


Brief  vom  14.  8.  97 


227 


Königs  —  „Talisman“.)  In  der  nämlichen  Weise  pflegt  das 
Ich  die  sonstigen  Träume  fehlzudeuten. 

Vom  Sommer  interessiert  mich  zunächst,  wann  und  wo  wir 
uns  treffen,  die  Tatsache  als  ganz  sicher  hingestellt.  Der  Dr. 
Gattl  attachiert  sich  sehr  an  mich  und  meine  Theorien,  .  .  . 
Ich  hoffe  Du  wirst  etwas  an  ihm  Anden  und  an  ihm  haben,  wenn 
er  nach  Berlin  kommt. 

In  Aussee  geht  es  sehr  gut.  Ich  bin  auf  Nachrichten  von  Dir 
sehr  begierig. 

Mit  herzlichstem  Gruß  an  die  ganze  Familie 


Dein 


Sigm. 


Aussee,  14.  8.  97. 


Teurer  Wilhelm ! 


Ich  muß  mir  Vorhalten,  daß  ich  mit  der  Absage  gestern  eine 
gute  Tat  getan  habe,  sonst  tut’s  mir  zu  leid.  Ich  meine  aber, 
es  war  wirklich  so. 

•  •  • 

An  meinen  Erzählungen  verlierst  Du  diesmal  nichts. 
Es  gärt  in  mir,  ich  bin  mit  nichts  fertig;  mit  der  Psychologie 
sehr  zufrieden,  in  der  Neurotik  von  schweren  Zweifeln  gequält, 
sehr  denkfaul  und  habe  es  hier  nicht  zu  Stande  gebracht,  das 
Wühlen  im  Kopf  und  in  den  Gefühlen  zu  ducken;  dazu  gehört 
erst  Italien. 

Nachdem  ich  hier  schon  sehr  fidel  geworden  war,  genieße 
ich  jetzt  eine  grantige  Periode.  Der  Hauptpatient,  der  mich 
beschäftigt,  bin  ich  selbst.  Meine  kleine,  aber  durch  die  Arbeit 
sehr  gehobene  Hysterie  hat  sich  ein  Stück  weiter  gelöst.  Anderes 
steckt  noch.  Davon  hängt  meine  Stimmung  in  erster  Linie  ab. 
Die  Analyse  ist  schwerer  als  irgendeine  andere.  Sie  ist  es  auch, 
die  mir  die  psychische  Kraft  zur  Darstellung  und  Mitteilung 


228 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


des  bisher  Gewonnenen  lähmt.  Doch  glaube  ich,  es  muß  gemacht 
werden  und  es  ist  ein  notwendiges  Zwischenstück  in  meinen 
Arbeiten. 

Nun  seid  beide  herzlichst  gegrüßt  und  laßt  mir  auf  das  kurze 
Bedauern  bald  eine  neue  Erwartung  folgen. 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Aussee,  18.  8.  97. 


Ich  merke,  daß  ich  in  letzter  Zeit  den  Briefwechsel  mit  Dir 
ziemlich  zurückgesetzt  habe,  weil  eben  die  Zusammenkunft 
bevor  stand.  Nun  sie  vorüber  ist  —  für  meine  Gedanken  — 
meine  ich,  will  ich  zur  alten,  mit  Unrecht  verschmähten  Technik 
des  Gedankenaustausches  den  Weg  frei  haben.  Meine  Schrift 
ist  auch  wieder  menschlicher,  also  meine  Ermüdung  im  Rückgang. 
Deine  Schrift  ist,  wie  ich  mit  Vergnügen  sehe,  unveränderlich. 

Martha  freut  sich  sehr  auf  die  Reise,  obwohl  die  täglich  be¬ 
richteten  Eisenbahnunfälle  einem  Familienvater-  und  Mutterpaar 
nicht  gerade  viel  Lust  dazu  machen  können.  Du  wirst  lachen  — ■ 
und  hast  Recht  —  aber  ich  muß  neue  Ängstlichkeiten  einge¬ 
stehen,  die  kommen  und  gehen,  aber  dazwischen  halbe  Tage  lang 
Bestand  haben.  Aus  der  Furcht  vor  dem  nächsten  Eisenbahn¬ 
unfall  hat  mich  vor  einer  halben  Stunde  die  Erwägung  gerissen : 
Wilhelm  und  Ida  sind  ja  auch  unterwegs.  Damit  war  der  Nar¬ 
rentanz  zu  Ende.  Das  bleibt  aber  strenge  unter  uns. 

•  •  • 

Ich  hoffe  für  mich,  diesmal  etwas  tiefer  in  die  Kunst  Italiens 
einzudringen.  Ich  ahne  Deinen  Standpunkt,  der  nicht  das 
Kulturhistorisch-Interessante,  sondern  das  Absolutschöne  in  der 
Deckung  von  Gedanken  und  Formgebung  und  in  den  elementar 
angenehmen  Raum-  und  Farbensensationen  sucht.  In  Nürnberg 


Brief  vom  21.  9.  97 


229 


war  ich  noch  fern  davon.  Hab’  ich  Dir  übrigens  schon  einmal 
mitgeteilt,  daß  Neapel  aufgegeben  ist  und  daß  die  Reise  nach 
S.  Gimignano — Siena — Perugia — Assisi™  Ancona,  kurz  nach 
Toscana  und  Umbrien  geht? 

Ich  hoffe,  sehr  bald  von  Dir  zu  hören,  wenn  auch  nur  jedesmal 
wenig.  Schreib  zunächst  hieher,  vom  25.  bis  1.  9.  nach  Venedig, 
Casa  Kirsch. 

Herzlichste  Wünsche  für  ungestört  schönen  Sommerrest. 


Dein 


Sigrn. 


69 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  21.  9.  97. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm! 

Hier  bin  ich  wieder,  seit  gestern  früh,  frisch,  heiter,  verarmt, 
derzeit  beschäftigungslos  und  schreibe  Dir  zuerst  nach  her¬ 
gestellter  Wohnbar keit.1  Und  nun  will  ich  Dir  sofort  das  große 
Geheimnis  anvertrauen,  das  mir  in  den  letzten  Monaten  langsam 
gedämmert  hat.  Ich  glaube  an  meine  Neurotica  nicht  mehr. 
Das  ist  wohl  nicht  ohne  Erklärung  verständlich ;  Du  hast  ja  selbst 
glaubwürdig  gefunden,  was  ich  Dir  erzählen  konnte.  Ich  will 
also  historisch  beginnen,  woher  die  Motive  zum  Unglauben  gekom¬ 
men  sind.  Die  fortgesetzten  Enttäuschungen  bei  den  Versuchen, 
meine  Analyse  zum  wirklichen  Abschluß  zu  bringen,  das  Davon¬ 
laufen  der  eine  Zeit  lang  am  besten  gepackten  Leute,  das  Aus¬ 
bleiben  der  vollen  Erfolge,  auf  die  ich  gerechnet  hatte,  die 
Möglichkeit,  mir  die  partiellen  Erfolge  anders,  auf  die  gewöhnliche 
Art  zu  erklären :  dies  die  erste  Gruppe.  Dann  die  Überraschung, 
daß  in  sämtlichen  Fällen  der  Vater  als  pervers  beschuldigt  werden 


l)  Bezieht  sich  auf  die  ungewöhnlich  späte  Rückkehr  von  den  Sommerferien. 


230 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


mußte,  .  .  .  die  Einsicht  in  die  nicht  erwartete  Häufigkeit  der 
Hysterie,  wo  jedesmal  dieselbe  Bedingung  erhalten  bleibt,  während 
doch  solche  Verbreitung  der  Perversion  gegen  Kinder  wenig 
wahrscheinlich  ist.1  (Die  Perversion  muß  unermeßlich  häufiger 
sein  als  die  Hysterie,  da  ja  Erkrankung  nur  eintritt,  wo  sich  die 
Ereignisse  gehäuft  haben  und  ein  die  Abwehr  schwächender 
Faktor  hinzugetreten  ist.)  Dann  drittens  die  sichere  Einsicht, 
daß  es  im  Unbewußten  ein  Realitätszeichen  nicht  gibt,  so  daß 
man  die  Wahrheit  und  die  mit  Affekt  besetzte  Fiktion  nicht 
unterscheiden  kann.  (Demnach  blieb  die  Lösung  übrig,  daß 
die  sexuelle  Phantasie  sich  regelmäßig  des  Themas  der  Eltern 
bemächtigt.)2  Viertens  die  Überlegung,  daß  in  der  tiefgehendsten 
Psychose  die  unbewußte  Erinnerung  nicht  durchdringt,  so  daß 
das  Geheimnis  der  Jugenderlebnisse  auch  im  verworrensten 
Delirium  sich  nicht  verrät.  Wenn  man  so  sieht,  daß  das  Un¬ 
bewußte  niemals  den  Widerstand  des  Bewußten  überwindet,  so 
sinkt  auch  die  Erwartung,  daß  es  in  der  Kur  umgekehrt  gehen 
müßte  bis  zur  völligen  Bändigung  des  Unbewußten  durch  das 
Bewußte. 

Soweit  beeinflußt  wurde  ich  bereit,  auf  zweierlei  zu  verzichten, 
auf  die  völlige  Lösung  einer  Neurose  und  auf  die  sichere  Kenntnis 
ihrer  Ätiologie  in  der  Kindheit.  Nun  weiß  ich  überhaupt  nicht, 
woran  ich  bin,  denn  das  theoretische  Verständnis  der  Ver¬ 
drängung  und  ihres  Kräftespiels  ist  mir  nicht  gelungen.  Es 
erscheint  wieder  diskutierbar,  daß  erst  spätere  Erlebnisse  den 
Anstoß  zu  Phantasien  geben,  die  auf  die  Kindheit  zurückgreifen, 
und  damit  gewinnt  der  Faktor  einer  hereditären  Disposition  einen 
Machtbereich  zurück,  aus  dem  ihn  zu  verdrängen  ich  mir  zur 


x)  Seit  Atonalen  schon  hatte  Freuds  Interesse  sich  auf  das  Studium  der 
kindlichen  Phantasie  gerichtet;  er  hatte  die  dynamische  Funktion  der  Phan¬ 
tasie  studiert  und  bleibende  Einsichten  auf  diesem  Gebiet  gewonnen.  (Notizen 
S.  21 6,  221  und  die  Briefe  Nr.  62  ff.)  Er  hatte  sich  dem  Ödipuskomplex 
genähert,  in  dem  er  die  aggressiven  Impulse  der  Kinder  gegen  die  Eltern 
erkannte,  aber  hatte  den  Gedanken  an  die  Realität  der  Verführungsszene  noch 
testgehalten.  Es  liegt  nahe  anzunehmen,  daß  erst  die  Selbstanalyse  des  Som¬ 
mers  den  entscheidenden  Schritt,  die  Verwerfung  der  Verführungshypothese 
möglich  gemacht  hat.  Vgl.  Einl.  S.  37  f. 

2)  Von  hier  führt  der  nächste  Schritt  zur  Einsicht  in  den  Ödipuskomplex. 


Brief  vom  21.  9.  97 


231 


Aufgabe  gestellt  hatte  —  im  Interesse  der  Durchleuchtung  der 
Neurose. 

Wäre  ich  verstimmt,  unklar,  ermattet,  so  wären  solche  Zweifel 
wohl  als  Schwächeerscheinungen  zu  deuten.  Da  ich  im  gegen¬ 
sätzlichen  Zustande  bin,  muß  ich  sie  als  Ergebnis  ehrlicher  und 
kräftiger  intellektueller  Arbeit  anerkennen  und  stolz  darauf  sein, 
daß  ich  nach  solcher  Vertiefung  solcher  Kritik  noch  fähig  bin. 
Ob  dieser  Zweifel  nur  eine  Episode  auf  dem  Fortschreiten  zur 
weiteren  Erkenntnis  darstellt? 

Merkwürdig  ist  auch,  daß  jedes  Gefühl  von  Beschämung  aus¬ 
geblieben  ist,  zu  dem  doch  ein  Anlaß  sein  könnte.  Gewiß,  ich 
werde  es  nicht  in  Dan  erzählen,  nicht  davon  reden  in  Askalon, 
im  Lande  der  Philister,  aber  vor  Dir  und  bei  mir  habe  ich  eigent¬ 
lich  mehr  das  Gefühl  eines  Sieges  als  einer  Niederlage  (was  doch 
nicht  recht  ist.).1 

Wie  schön,  daß  jetzt  eben  Dein  Brief  kommt!  Er  veranlaßt 
mich,  einen  Vorschlag  voranzustellen,  mit  dem  ich  schließen 
wollte.  Wenn  ich  Samstag  abends  in  dieser  faulen  Zeit  auf  die 
Nord  westbahn  gehe,  bin  ich  Sonntag  mittags  bei  Dir  und  kann 
die  nächste  Nacht  zurückreisen.  Kannst  Du  Dir  den  Tag  für 
ein  Idyll  zu  Zweien,  unterbrochen  durch  eines  zu  Dreien  und 
Dreieinhalb,  freimachen?  Das  wollte  ich  fragen.  Oder  hast  Du 
einen  lieben  Gast  im  Hause  oder  Dringendes  außerhalb  zu  tun? 
Oder,  wenn  ich  am  Abend  nach  Hause  abreisen  muß,  was  sich 
dann  nicht  lohnen  würde,  gelten  dieselben  Bedingungen  für  den 
Fall,  daß  ich  Freitag  abends  zur  Nordwestbahn  gehe  und  einein - 

b  S.  Einl.,  S.  00.  —  In  einer  1924  datierten  Fußnote  zu  dem  Abschnitt 
„Die  spezifische*  Ätiologie  der  Hysterie“  in  der  Arbeit  „Weitere  Bemerkungen 
über  die  Abwehrneuropsychosen**  (1896)  im  Abdruck  dieser  Arbeit  in  den 
Gesammelten  Schriften  (Bd.  I,  S.  369)  heißt  es  : 

„Dieser  Abschnitt  steht  unter  der  Herrschaft  eines  Irrtums,  den  ich  seither 
wiederholt  bekannt  und  korrigiert  habe.  Ich  verstand  es  damals  noch  nicht, 
die  Phantasien  der  Analysierten  über  ihre  Kinderjahre  von  realen  Erinnerun¬ 
gen  zu  unterscheiden.  Infolgedessen  schrieb  ich  dem  ätiologischen  Moment 
der  Verführung  eine  Bedeutsamkeit  und  Allgemeingültigkeit  zu,  die  ihm 
nicht  zukommen.  Nach  der  Überwindung  dieses  Irrtums  eröffnete  sich  der 
Einblick  in  die  spontanen  Äußerungen  der  kindlichen  Sexualität,  die  ich  in 
den  ,Drei  Abhandlungen  zur  Sexualtheorie*,  1905,  beschrieben  habe.  Doch 
ist  nicht  alles  im  obigen  Text  Enthaltene  zu  verwerfen;  der  Verführung 
bleibt  eine  gewisse  Bedeutung  für  die  Ätiologie  gewahrt  und  manche  psycho¬ 
logische  Ausführungen  halte  ich  auch  heute  noch  für  zutreffend.** 


232 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


halb  Tage  bei  Dir  bleibe?  Ich  meine  natürlich  diese  Woche.1 

Nun  setze  ich  meinen  Brief  fort.  Ich  variiere  das  Hamlet’sche 
Wort  „To  be  in  readiness“  —  Heiter  sein  ist  Alles.  Ich  könnte 
mich  ja  sehr  unzufrieden  fühlen.  Die  Erwartung  des  ewigen 
Nachruhmes  war  so  schön  und  des  sicheren  Reichtums,  die  volle 
Unabhängigkeit,  das  Reisen,  die  Hebung  der  Kinder  über  die 
schweren  Sorgen,  die  mich  um  meine  Jugend  gebracht  haben. 
Das  hing  alles  daran,  ob  die  Hysterie  aufgeht  oder  nicht.  Nun 
kann  ich  wieder  still  und  bescheiden  bleiben,  sorgen,  sparen 
und  da  fällt  mir  aus  meiner  Sammlung  die  kleine  Geschichte  ein : 
Rebekka  zieh  das  Kleid  aus,  Du  bist  keine  Kalle2  mehr.  .  .  . 

Noch  etwas  muß  ich  anfügen.  In  diesem  Sturz  aller  Werte 
ist  allein  das  Psychologische  unberührt  geblieben.  Der  Traum 
steht  ganz  sicher  da  und  meine  Anfänge  metapsychologischer 
Arbeit  haben  an  Schätzung  nur  gewonnen.  Schade,  daß  man  vom 
Traumdeuten  z.B.  nicht  leben  kann. 

Martha  ist  mit  mir  nach  Wien  gekommen,  Minna  und  die 
Kinder  bleiben  noch  eine  Woche  draußen.  Sie  haben  sich  alle 
ausgezeichnet  befunden.  .  .  . 

Wie  es  Euch  geht  und  was  sich  sonst  zwischen  Himmel  und 
Erde  tut,  hoffe  ich  —  Deine  Antwort  vorweggenommen  —  bald 
selbst  zu  erfahren. 

Herzlichst  Dein 

Sigm. 


JO 

Wien,  3.  10.  97. 

Teurer  Wilhelm ! 

Mein  Besuch  hat  den  Vorteil  gebracht,  daß  Du  mir  wieder 
Einzelheiten  mitteilen  kannst,  seitdem  ich  den  Rahmen  des 
gegenwärtigen  Ganzen  kenne.  Nicht  auf  alles  darfst  Du  Antwort 
erwarten  und  bei  manchen  Antworten  wirst  Du,  hoffe  ich,  meine 

x)  Die  geplante  Reise  ist  zustande  gekommen  und  Freud  am  29.  wieder 
nach  Wien  zurückgekehrt. 

3)  Jüdischer  Ausdruck  für  Braut. 


Brief  vom  3.  10.  97 


233 


eigene  Fremdheit  und  Urteilsschwäche  in  Deinen  Dingen  nicht 
außer  Rechnung  lassen.  .  .  . 

Bei  mir  geht  äußerlich  noch  sehr  wenig  vor,  innerlich  etwas 
sehr  Interessantes.  Seit  vier  Tagen  hat  sich  meine  Selbstanalyse, 
die  ich  für  unentbehrlich  halte  zur  Aufklärung  des  ganzen 
Problems,  in  Träumen  fortgesetzt  und  mir  wertvollste  Auf¬ 
schlüsse  und  Anhaltspunkte  ergeben.  An  einzelnen  Stellen  habe 
ich  die  Empfindung,  am  Ende  zu  sein,  und  bisher  wußte  ich 
auch  immer,  wo  die  nächste  Traumnacht  fortsetzen  wird. 
Schwieriger  als  alles  andere  ist  mir  davon  die  schriftliche  Dar¬ 
stellung,  auch  viel  zu  weitläufig.  Ich  kann  nur  andeuten,  daß 
bei  mir  der  Alte  keine  aktive  Rolle  spielt,  daß  ich  aber  wohl 
einen  Analogieschluß  von  mir  auf  ihn  gerichtet  habe,  daß  meine 
„Urheberin4  *  ein  häßliches,  älteres  aber  kluges  Weib  war,  das 
mir  viel  vom  lieben  Gott  und  von  der  Hölle  erzählt  und  mir  eine 
hohe  Meinung  von  meinen  eigenen  Fähigkeiten  beigebracht  hat ; 
daß  später  (zwischen  2  und  2\  Jahren)  meine  Libido  gegen 
matrem  erwacht  ist  und  zwar  aus  Anlaß  der  Reise  mit  ihr  von 
Leipzig  nach  Wien,  auf  welcher  ein  gemeinsames  Übernachten 
und  Gelegenheit  sie  nudam  zu  sehen,  vorgefallen  sein  muß 
(Du  hast  für  Deinen  Sohn  daraus  die  Konsequenz  längst  gezogen, 
wie  mir  eine  Bemerkung  verraten  hat);  daß  ich  meinen  1  Jahr 
jüngeren  Bruder  (der  mit  wenigen  Monaten  gestorben)  mit 
bösen  Wünschen  und  echter  Kindereifersucht  begrüßt  hatte, 
und  daß  von  seinem  Tode  der  Keim  zu  Vorwürfen  in  mir  ge¬ 
blieben  ist.  Auch  den  Genossen  meiner  Untaten  zwischen  1  —  2 
Jahren  kenne  ich  längst,  es  ist  ein  um  1  Jahr  älterer  Neffe, 
jetzt  in  Manchester,  der  als  ich  14  Jahre  war,  uns  in  Wien 
besuchte.  Mit  der  um  1  Jahr  jüngeren  Nichte  scheinen 
wir  beide  gelegentlich  grausam  umgegangen  zu  sein.  Dieser 
Neffe  und  dieser  jüngere  Bruder  bestimmen  nun  das  Neuro¬ 
tische,  aber  auch  das  Intensive  an  allen  meinen  Freundschaften.1 

x)  Vgl.  dazu  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  487,  wo  Freud  dieses  Stück 
analytischer  Einsicht  noch  schärfer  formuliert.  „Ein  intimer  Freund  und  ein 
gehaßter  Feind  waren  mir  immer  notwendige  Erfordernisse  gieines  Gefühls¬ 
lebens;  ich  wußte  beide  mir  immer  von  neuem  zu  verschaffen,  ünd  nicht  selten 
stellte  sich  das  Kindheitsideal  so  weit  her,  daß  Freund  und  Feind  in  dieselbe 
Person  zusammenfielen,  natürlich  nicht  mehr  gleichzeitig  oder  in  mehrfach 


234 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Meine  Reiseangst  hast  Du  noch  selbst  in  Blüte  gesehen.1 

Von  den  Szenen  selbst,  die  der  Geschichte  zu  Grunde  Hegen, 
habe  ich  noch  nichts  erfaßt.  Kommen  die  auch  und  gehngt  mir 
die  Lösung  der  eigenen  Hysterie,  so  werde  ich  dem  Andenken 
des  alten  Weibes  dankbar  sein,  das  mir  in  so  früher  Lebenszeit 
die  Mittel  zum  Leben  und  Weiterleben  vorbereitet  hat.  Du  siehst, 
die  alte  Neigung  schlägt  heute  wieder  durch.  Von  der  intellek¬ 
tuellen  Schönheit  der  Arbeit  kann  ich  Dir  eine  Vorstellung  nicht 
verschaffen. 

Die  Kinder  kommen  morgen  früh.  Das  Geschäft  geht  noch 
sehr  elend.  Ich  fürchte,  wenn  es  stärker  geht,  kann  es  der  Selbst¬ 
analyse  hindernd  in  den  Weg  treten.  Meine  Einsicht,  daß  die 
Behandlungsschwierigkeiten  daher  rühren,  daß  man  endlich  die 
bösen  Neigungen  des  Patienten,  seinen  Willen  krank  zu  bleiben, 
freilegt,  stärkt  und  klärt  sich.  Wir  wollen  weiter  sehen. 

Ich  grüße  Dich  und  Deine  kleine  Familie  herzhch  und  hoffe, 
bald  wieder  Brocken  von  Deinem  Tisch  zu  erhalten 


Dein 


Sigm. 


4.  Okt.  Die  Kinder  sind  angekommen.  Das  schöne  Wetter 
ist  um.  Der  heutige  Traum  hat  unter  den  merkwürdigsten 
Maskierungen  Folgendes  gebracht. 

Sie  war  meine  Lehrerin  in  sexuellen  Dingen  und  hat  ge¬ 
schimpft,  weil  ich  ungeschickt  war,  nichts  gekonnt  habe  (die 
neurotische  Impotenz  geht  immer  so  zu;  die  Angst  vor  dem 
Nichtkönnen  in  der  Schule  bekommt  auf  diese  Weise  ihren 
sexuellen  Untergrund).  Ich  sah  dabei  einen  kleinen  Tierschädel, 
zu  dem  ich  „Schwein“  im  Traum  dachte,  wo  aber  sich  in  der 
Analyse  anreihte  Dein  Wunsch  vor  zwei  Jahren,  ich  möchte  auf 
dem  Lido  einen  mich  auf  klärenden  Schädel  finden  wie  einst 
Goethe.  Ich  fand  ihn  aber  nicht.  Also  „ein  kleiner  Schafskopf.“ 


wiederholter  Abwechslung,  wie  es  in  den  ersten  Kinderjahren  der  Fall  gewesen 

sein  mag.“ 

Für  die  mögliche  Beziehung  dieser  Stelle  auf  das  Verhältnis  zu  Fliess  mag 
es  wichtig  sein,  darauf  hinzuweisen,  daß  Fliess’  (verstorbene)  Schwester  Pauline 
hieß,  wie  Freuds  Nichte,  die  Schwester  des  älteren  Neffen  John.  S.  Einl.,  S.  39. 
x)  Vgl.  dazu  Briefe  Nr.  68  und  77. 


Brief  vom  15.  10.  97 


235 


Der  ganze  Traum  war  voll  der  kränkendsten  Anspielungen  auf 
mein  heutiges  Unvermögen  als  Therapeut.  Die  Neigung,  an 
die  Unheilbarkeit  der  Hysterie  zu  glauben,  fängt  vielleicht  hier 
an.  Außerdem  hat  sie  mich  mit  rötlichem  Wasser  gewaschen, 
in  dem  sie  sich  früher  gewaschen  hatte  (Deutung  nicht  schwer; 
ich  finde  in  meiner  Er  inner  ungs  kette  nichts  ähnliches,  halte  dies 
also  für  einen  echten  alten  Fund) ;  und  mich  veranlaßt,  „Zehner“ 
(10  Kreuzer-Stücke)  wegzunehmen,  um  sie  ihr  zu  geben.1  Von 
diesen  ersten  silbernen  Zehnern  bis  zu  dem  Haufen  papierner 
Zehngulden,  die  ich  im  Traum  als  Wochengeld  für  Martha  sah, 
reicht  eine  lange  Kette.  Der  Traum  läßt  sich  zusammenfassen 
als  „schlechte  Behandlung.“  So  wie  die  Alte  für  ihre  schlechte 
Behandlung  Geld  von  mir  bekam,  so  bekomme  ich  heute  Geld 
für  die  schlechte  Behandlung  meiner  Patienten.  Die  Qu ,  von  der 
Du  mir  jene  Äusserung  hinterbracht  hast,  von  der  ich  als 
Frau  eines  Kollegen  nichts  nehmen  sollte  (er  hat  natürlich 
eine  Bedingung  daraus  gemacht),  spielte  eine  besondere  Rolle. 

Ein  harter  Kritiker  könnte  auf  alles  sagen,  es  sei  nach  rück¬ 
wärts  phantasiert,  anstatt  nach  vorne  bedingt.  Die  experimenta 
crucis  müßten  gegen  ihn  entscheiden.  Das  rötliche  Wasser 
scheint  schon  solcher  Art  zu  sein.  Woher  bei  allen  Patienten  die 
entsetzlichen  perversen  Details,  die  oft  ihrem  Erleben  ebenso 
ferne  sind  wie  ihrer  Kenntnis? 


71 

15.  10.  97. 

IX.  Berggasse  19. 

Teurer  Wilhelm! 

Meine  Selbstanalyse  ist  in  der  Tat  das  Wesentlichste,  was 
ich  jetzt  habe,  und  verspricht,  von  höchstem  Wert  für  mich  zu 
werden,  wenn  sie  bis  zu  Ende  geht.  Mitten  drin  hat  sie  drei 
Tage  plötzlich  versagt  und  dabei  hatte  ich  das  Gefühl  der  inneren 
Bindung,  über  das  die  Kranken  so  klagen  und  war  eigentlich 
trostlos.  .  .  . 


1 )  VgL  dazu  die  „Verifizierung“  der  Deutung  im  nächsten  Brief,  Nr.  71. 


236 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Meine  Praxis  läßt  mir  unheimlicher  Weise  noch  immer  sehr 
viel  Zeit. 

Umso  wertvoller  ist  das  Ganze  für  meine  Absichten,  als  es 
mir  gelungen  ist,  einige  reale  Anhaltspunkte  für  die  Geschichte 
zu  finden.  Ich  fragte  meine  Mutter,  ob  sie  sich  noch  der  Kinder¬ 
frau  erinnert.  Natürlich  sagte  sie,  eine  ältliche  Person,  sehr 
gescheit,  sie  hat  Dich  in  alle  Kirchen  getragen:  wenn  Du  dann 
nach  Hause  gekommen  bist,  hast  Du  gepredigt  und  erzählt,  wie 
der  liebe  Gott  macht.  Als  ich  im  Wochenbett  mit  Anna  war 
(2J  Jahre  jünger),  kam  es  heraus,  daß  sie  eine  Diebin  war,  und 
man  hat  alle  blanken  Kreuzer,  Zehnerl  und  alles  Spielzeug, 
das  Dir  geschenkt  worden  war,  bei  ihr  gefunden.  Dein  Bruder 
Philipp  ist  selbst  um  den  Polizeimann  gegangen,  sie  hat  dann 
10  Monate  Strafe  bekommen.  Nun  sieh  mal,  was  für  Bestätigung 
dies  für  die  Schlüsse  meiner  Traumdeutung  abgibt.  Den  ein¬ 
zigen  möglichen  Irrtum  habe  ich  mir  leicht  erklären  können. 
Ich  habe  Dir  geschrieben:  Sie  hat  mich  verleitet,  Zehnerl  zu 
stehlen  und  ihr  zu  geben.  In  Wahrheit  bedeutet  der  Traum, 
sie  hat  selbst  gestohlen.  Denn  das  Traumbild  war  eine  Erin¬ 
nerung,  daß  ich  Geld  nehme  von  der  Mutter  eines  Arztes,  also 
unrechtmäßig.  Die  richtige  Deutung  ist :  Ich  =  sie,  und  Mutter 
eines  Arztes  gleich  meiner  Mutter.  Ich  habe  so  wenig  gewußt, 
daß  sie  eine  Diebin  war,  daß  ich  die  Deutung  verfehlt  habe.1 
Auch  nach  dem  Arzt,  den  wir  in  Freiberg  gehabt  hatten,  er¬ 
kundigte  ich  mich,  weil  ein  Traum  viel  Groll  auf  ihn  häufte. 
Bei  der  Analyse  der  Traumperson,  hinter  der  er  steckte,  war  mir 
auch  ein  Prof.  v.  K.  eingefallen,  mein  Gymnasiallehrer  für 
Geschichte,  der  mir  gar  nicht  zu  passen  schien,  da  ich  in  in¬ 
differentem,  eher  behaglichem  Verhältnis  zu  ihm  gestanden  bin. 
Die  Mutter  erzählte  mir  nun,  daß  der  Arzt  aus  meiner  Kindheit 
einäugig  war,  und  unter  all  meinen  Lehrern  war  auch  Prof.  K. 
der  einzige  mit  demselben  Gebrechen! 

Die  Beweiskraft  dieser  Übereinstimmungen  könnte  man  durch 
den  Einwand  entkräften,  ich  hätte  einmal  in  späterer  Kindheit 
gehört,  daß  die  Kindsfrau  diebisch  war  und  es  scheinbar  ver- 


1)  Siehe  den  vorangehenden  Brief. 


Brief  vom  15.  10.  97 


237 


gessen,  bis  es  im  Traum  zuletzt  aufgetaucht.  Ich  glaube  selbst, 
es  ist  so.  Aber  ich  habe  einen  anderen  ganz  einwandfreien  und 
amüsanten  Beweis.  Ich  sagte  mir,  wenn  mir  die  Alte  so  plötzlich 
entschwunden  ist,  so  muß  sich  der  Eindruck  davon  bei  mir 
nachweisen  lassen.  Wo  ist  er  nun?  Da  fiel  mir  eine  Szene  ein, 
die  seit  29  Jahren  gelegentlich  in  meiner  bewußten  Erinnerung 
auftaucht,  ohne  daß  ich  sie  verstünde.  Die  Mutter  ist  nicht  zu 
finden,  ich  heule  wie  verzweifelt.  Bruder  Philipp  (20  Jahre 
älter  als  ich)  sperrt  mir  einen  Kasten  auf,  und  nachdem  ich  die 
Mutter  auch  hierin  nicht  gefunden,  weine  ich  noch  mehr,  bis 
sie  schlank  und  schön  zur  Türe  hereinkommt.  Was  soll  das 
bedeuten?  Wozu  sperrt  mir  der  Bruder  den  Kasten  auf,  der 
doch  weiß,  daß  die  Mutter  nicht  drin  ist,  mich  also  nicht  be¬ 
ruhigen  kann?  Jetzt  verstehe  ich’s  plötzlich.  Ich  habe  es  von 
ihm  verlangt.  Als  ich  die  Mutter  vermißte,  habe  ich  gefürchtet, 
sie  werde  mir  ebenso  verschwunden  sein  wie  kurz  vorher  die 
Alte.  Ich  muß  nun  gehört  haben,  die  Alte  sei  eingesperrt  und 
darum  geglaubt  haben,  die  Mutter  sei  es  auch,  oder  besser,  sie 
sei  „eingekastelt,“  denn  solche  scherzhafte  Äusdrucksweise 
behebt  Bruder  Philipp,  der  jetzt  63  Jahre  ist,  noch  bis  auf  den 
heutigen  Tag.  Daß  ich  mich  gerade  an  ihn  gewendet,  beweist, 
daß  mir  sein  Anteil  am  Verschwinden  der  Kinderfrau  wohl 
bekannt  war.1 

Ich  bin  seither  viel  weiter  gekommen,  aber  noch  bei  keinem 
rechten  Ruhepunkt.  Die  Mitteilung  des  Unfertigen  ist  so  weit¬ 
läufig  und  mühselig,  daß  ich  hoffe,  Du  erlassest  sie  mir  und 
begnügst  Dich  mit  der  Kenntnis  der  sichergestellten  Stücke. 
Wenn  die  Analyse  hält,  was  ich  von  ihr  erwarte,  werde  ich  sie 
systematisch  bearbeiten  und  Dir  dann  vorlegen.  Ich  habe  nichts 
völlig  Neues  bis  jetzt  gefunden,  alle  Komplikationen,  die  ich  bis 
jetzt  gewohnt  bin.  Ganz  leicht  ist  es  nicht.  Ganz  ehrlich  mit 

*)  Dieses  Beispiel  einer  auf  eine  Traumdeutung  gestützten  und  verifizierten 
Rekonstruktion  hat  Freud  nie  im  Druck  mitgeteilt.  Dagegen  hat  er  die 
Deckerinnerung  vom  Kasten  in  der  „Psychopathologie  des  Alltagslebens“  ver¬ 
wendet.  (1.  Aufl.  1899,  S.  58.)  In  späteren  Auflagen  hat  er  den  Hinweis  auf 
die  symbolische  Bedeutung  des  Kastens  (Schwangerschaft)  hinzugefügt  ( G.W . 
IV,  S.  60). 


238 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


sich  sein,  ist  eine  gute  Übung.  Ein  einziger  Gedanke  von  all¬ 
gemeinem  Wert  ist  mir  aufgegangen.  Ich  habe  die  Verliebtheit 
in  die  Mutter  und  die  Eifersucht  gegen  den  Vater  auch  bei  mir 
gefunden  und  halte  sie  jetzt  für  ein  allgemeines  Ereignis  früher 
Kindheit,  wenn  auch  nicht  immer  so  früher  wie  bei  den  hysterisch 
gemachten  Kindern.  (Ähnlich  wie  den  Abkunftsroman  der 
Paranoia  —  Heroen,  Religionsstifter.)  Wenn  das  so  ist,  so  ver¬ 
steht  man  die  packende  Macht  des  König  Ödipus  trotz  aller 
Einwendungen,  die  der  Verstand  gegen  die  Fatumsvoraussetzung 
erhebt,  und  versteht,  warum  das  spätere  Schicksalsdrama  so 
elend  scheitern  mußte.  Gegen  jeden  willkürlichen  Einzelzwang 
wie  er  in  der  Ahnfrau  etc.  Voraussetzung  ist,  bäumt  sich  unsere 
Empfindung,  aber  die  griechische  Sage  greift  einen  Zwang  auf, 
den  jeder  anerkennt,  weil  er  dessen  Existenz  in  sich  verspürt 
hat.  Jeder  der  Hörer  war  einmal  im  Keime  und  in  der  Phantasie 
ein  solcher  Ödipus  und  vor  der  hier  in  die  Realität  gezogenen 
Traumerfüllung  schaudert  jeder  zurück  mit  dem  ganzen  Betrag 
der  Verdrängung,  der  seinen  infantilen  Zustand  von  seinem 
heutigen  trennt. 

Flüchtig  ist  mir  durch  den  Kopf  gegangen,  ob  dasselbe  nicht 
auch  dem  Hamlet  zu  Grunde  liegen  möchte.  Ich  denke  nicht 
an  Shakespeares  bewußte  Absicht,  sondern  glaube  lieber,  daß 
eine  reale  Begebenheit  den  Dichter  zur  Darstellung  reizte,  indem 
das  Unbewußte  in  ihm  das  Unbewußte  im  Helden  verstand.  Wie 
rechtfertigt  der  Hysteriker  Hamlet  sein  Wort  „So  macht  Ge¬ 
wissen  Feige  aus  uns  Allen,“  wie  erklärt  er  sein  Zaudern,  durch 
den  Mord  des  Onkels  den  Vater  zu  rächen,  derselbe,  der  un¬ 
bedenklich  seine  Hofleute  in  den  Tod  schickt  und  geradezu  vor¬ 
schnell  den  Laertes  ermordet?  Wie  besser,  als  durch  die  Qual, 
welche  ihm  die  dunkle  Erinnerung  bereitet,  er  habe  sich  mit 
derselben  Tat  gegen  den  Vater  aus  Leidenschaft  zur  Mutter 
getragen  „und  wenn  wir  nach  Verdienst  behandelt  werden,  wer 
würde  dann  dem  Auspeitschen  entgehen“.  Sein  Gewissen  ist 
sein  unbewußtes  Schuldbewußtsein.  Und  seine  Sexualent¬ 
fremdung  im  Gespräch  mit  Ophelia,  ist  die  nicht  typisch 
hysterisch,  seine  Verwerfung  des  Instinkts,  der  Kinder  gebären 


Brief  vom  27.  IO.  97 


239 


will,  endlich  seine  Übertragung  der  Tat  von  seinem  Vater  auf 
Ophelias.  Und  gelingt  es  ihm  nicht  am  Ende  auf  ebenso  wunder¬ 
bare  Weise  wie  meinen  Hysterikern,  sich  seine  Bestrafung  zu 
erzwingen,  indem  er  dasselbe  Schicksal  erfährt  wie  der  Vater, 
von  demselben  Nebenbuhler  vergiftet  wird.1 

Ich  halte  mein  Interesse  so  ausschließlich  auf  die  Analyse 
gerichtet,  daß  ich  noch  nicht  einmal  den  Versuch  gemacht  habe, 
anstatt  meiner  Hypothese,  die  Verdrängung  gehe  jedesmal  vom 
Weiblichen  aus  und  richte  sich  gegen  das  Männliche,  die  von 
Dir  vorgeschlagene  gegensätzliche  zu  versuchen.  Ich  werde  es 
aber  irgend  einmal  vornehmen.  An  Deinen  Arbeiten  und  Fort¬ 
schritten  habe  ich  leider  so  geringen  Anteil.  In  der  einen  Hin¬ 
sicht  bin  ich  besser  daran  als  Du.  Was  ich  Dir  vom  Seelenende 
dieser  Welt  erzähle,  findet  in  Dir  einen  verständnisvollen  Kritiker, 
und  was  Du  mir  von  ihrem  Sternenende  mitteilst,  weckt  in  mir 
nur  unfruchtbares  Staunen. 

Mit  herzlichstem  Gruß  für  Dich,  Deine  liebe  Frau  und  meinen 
neuen  Neffen, 

Dein 


Sigm. 


72 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  27.  10.  97. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Es  scheint,  daß  ich  Deine  Antwort  nicht  „auswartenu  kann. 
Du  hast  für  Dein  Stillschweigen  sicherlich  nicht  die  Erklärung, 

x)  Die  hier  in  Kürze  niedergelegten  Anschauungen  und  Beispiele  sind  aus 
der  „Traumdeutung“  ( G.W .  II-III,  S.  265-273)  bekannt.  Wir  gewinnen  aus 
dieser  Briefstelle,  der  ersten,  die  den  Ödipuskomplex  als  solchen  erwähnt,  die 
Einsicht,  daß  Freud  die  Überzeugung  von  der  Allgemeingültigkeit  des  Ödipus¬ 
komplexes  in  seiner  Selbstanalyse  gefestigt  hat,  oder  daß  sie  ihm  erst  in  seiner 
Selbstanalyse  zur  Gewißheit  geworden  ist  :  den  Zusammenhang  der  Selbst¬ 
analyse  mit  dem  aus  der  Analyse  seiner  Patienten  gewonnenen  Material  hat 
er  in  diese  Worte  gefaßt:  „Ich  kann  mich  nur  selbst  analysieren  mit  den  objektiv 
gewonnenen  Kenntnissen“.  (Brief  vom  14.  11.  1897,  Nr.  75«) 


240 _ Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse _ . 

daß  es  Dich  mit  elementarer  Gewalt  in  die  Zeiten  zurückwirbelt, 
in  denen  Lesen  und  Schreiben  Dir  eine  lästige  Aufgabe  war,  wie 
es  mir  am  Sonntag  ging,  als  ich  Deinen  noch  nicht  vierzigsten 
Geburtstag  durch  einen  Brief  feiern  wollte,  —  aber  hoffentlich 
eine  ebenso  harmlose.  Von  mir  berichte  ich  Dir  nichts  als 
Analyse,  die,  mein5  ich,  auch  für  Dich  das  Interessanteste  an  mir 
sein  wird.  Das  Geschäft  ist  trostlos  schlecht,  übrigens  allgemein 
bis  hinauf  zu  den  Spitzen  der  Profession,  und  so  lebe  ich  nur 
der  „inneren“  Arbeit.  Es  packt  und  zerrt  mich  durch  alte  Zeiten 
in  rascher  Gedankenverbindung,  die  Stimmungen  wechseln 
wie  die  Landschaften  vor  dem  Eisenbahnfahrenden  und  wie 
der  große  Dichter  es  ausdrückt,  in  seinem  Vorrecht  der  Veredlung 
(Sublimierung)  : 

„Und  manche  liebe  Schatten  steigen  auf ; 

Gleich  einer  alten,  halbverklungnen  Sage, 

Kommt  erste  Lieb5  und  Freundschaft  mit  herauf.“1 
Auch  erster  Schreck  und  Hader.  Manches  traurige  Lebensge¬ 
heimnis  geht  hier  auf  seine  ersten  Wurzeln,  mancher  Stolz  und 
Vorzug  wird  seiner  bescheidenen  Herkunft  inne.  Alles,  was  ich 
als  Dritter  bei  den  Patienten  miterlebe,  finde  ich  hier  wieder, 
die  Tage,  an  denen  ich  gedrückt  herumschleiche,  weil  ich  nichts 
vom  Traum,  von  der  Phantasie,  von  der  Stimmung  des  Tages 
verstanden,  und  dann  wieder  die  Tage,  an  denen  ein  Blitz  den 
Zusammenhang  erhellt  und  das  Vorige  als  Vorbereitung  des 
Heutigen  verstehen  läßt.  In  der  Determinierung  ahnen 
mir  große  allgemeine  Rahmenmotive,  möchte  ich  sie  nennen,  und 
andere  Füllmotive,  die  nach  den  Erlebnissen  des  Einzelnen  wech¬ 
seln.  Gleichzeitig  lösen  sich  manche,  wenn  auch  noch  nicht  alle 
Zweifel  über  die  Auffassung  der  Neurose.  Ich  habe  meine  sämt¬ 
lichen  ziemlich  verfahrenen  Fälle  durch  einen  Gedanken  über 
den  Widerstand  sanieren  können,  so  daß  sie  jetzt  erfreulich 
weiter  gehen.  Der  Widerstand,  der  endlich  das  Arbeiten  versagt, 
ist  nichts  anderes  als  der  damalige  Charakter  des  Kindes,  der 
degenerative  Charakter,  der  sich  infolge  jener  Erlebnisse  ent- 

x)  Goethe,  Zueignung.  Von  Freud  1932  in  seiner  „Ansprache  im  Frank¬ 
furter  Goethe-Haus“  ( G.S .  XII,  S.  408  f.)  als  „Worte“  zitiert,  „die  wir  für  jede 
unserer  Analysen  wiederholen  könnten“. 


Brief  vom  31.  10.  97 


241 


wickelt  hat  oder  hätte,  die  man  in  den  sogenannten  degenerativen 
Fällen  als  bewußt  vor  findet,  der  hier  aber  durch  die  Verdrän¬ 
gungsentwicklung  überlagert  wird.  Durch  die  Arbeit  grabe  ich 
ihn  aus,  er  sträubt  sich,  der  erst  so  brave,  edle  Mensch  wird 
gemein,  verlogen  oder  trotzig,  Simulant,  bis  ich’s  ihm  sage,  und 
so  den  Charakter  überwindbar  mache.  So  ist  mir  der  Wider¬ 
stand  sachlich  greifbar  geworden,  und  ich  wollte,  ich  hätte  auch 
schon  anstatt  des  Begriffes  Verdrängung  die  dahinter  verborgene 
Sache.1 

Dieser  Kindercharakter  entwickelt  sich  in  der  Zeit  der  „Sehn¬ 
sucht“,  nachdem  das  Kind  den  sexuellen  Erlebnissen  entzogen 
ist.  Die  Sehnsucht  ist  der  Hauptcharakterzug  der  Hysterie,  wie 
die  aktuelle  Anästhesie  (wenn  auch  nur  fakultativ)  ihr  Haupt¬ 
symptom.  Während  derselben  Periode  der  Sehnsucht  werden 
die  Phantasien  gemacht  und  (ob  regelmäßig?)  die  Masturbation 
gepflegt,  die  dann  der  Verdrängung  weicht.  Weicht  sie  nicht, 
so  entsteht  eben  keine  Hysterie;  die  Abfuhr  der  Sexualerregung 
hebt  die  Möglichkeit  der  Hysterie  größtenteils  auf.  Von  ver¬ 
schiedenen  Zwangsbewegungen  ist  mir  klar  geworden,  daß  sie 
einen  Ersatz  der  unterlassenen  Masturbationsbewegungen  be¬ 
deuten.  Genug  für  heute,  Details  ein  andermal,  bis  ich  von 
Dir  Gutes  und  Neues  gehört  habe.  .  .  . 


Dein 


Sigm, 


Teurer  Wilhelm ! 


31.  10.  97. 
IX.  Berggasse  19. 


•  •  • 

Das  Geschäft  bei  uns  ist  so,  daß  ich  erwarte,  wir  gehen  sehr 
schlechten  Zeiten  entgegen,  die  ja  auf  anderen  Gebieten  längst 
etabliert  sind.  Da  ich  Zeit  habe,  Heß  ich  mich  bestimmen,  zwei 

x)  Es  scheint,  als  ob  Freud  manche  Phänomene  des  Widerstandes  durch  die 
Selbstanalyse  deutlicher  geworden  wären. 

S 


242 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Fälle  für  unentgeltliche  Behandlung  zu  übernehmen.  Macht 
mit  meiner  Person  drei  Analysen,  die  nichts  tragen. 

Meine  Analyse  geht  weiter,  bleibt  mein  Hauptinteresse,  alles 
noch  dunkel,  selbst  die  Probleme,  aber  ein  behagliches  Gefühl 
dabei,  man  brauchte  nur  in  seine  Vorratskammer  zu  greifen, 
um  seinerzeit  herauszuholen,  was  man  braucht.  Das  Unange¬ 
nehmste  sind  die  Stimmungen,  die  einem  die  Wirklichkeit  oft 
ganz  verdecken.  Auch  die  sexuelle  Erregung  ist  für  einen  wie 
ich  nicht  mehr  zu  brauchen.  Ich  bin  aber  noch  immer  freudig 
dabei.  An  Resultaten  ist  jetzt  gerade  wieder  Stille  eingetreten. 

Glaubst  Du,  daß  das  aus  dem  Schlafsprechen  der  Kinder  dem 
Träumen  angehört?  Wenn  ja,  dann  kann  ich  Dir  den  aller¬ 
jüngsten  Wunschtraum  vorstellen:  Annerl  ij  Jahre.  In  Aussee 
eines  Tages  Aushungerung,  weil  sie  morgens  erbrochen,  was 
auf  eine  Erdbeermahlzeit  geschoben  wird.  In  der  Nacht  darauf 
ruft  sie  aus  dem  Schlaf  einen  Speisezettel  aus :  „Erbeer,  Hoch¬ 
beer,  Eierpeis,  Papp.“  Ich  hab’  Dir ’s  vielleicht  schon  erzählt.1 

Unter  dem  Einfluß  der  Analyse  ersetzen  sich  meine  Herz- 
beschwerden  jetzt  sehr  häufig  durch  Magendarmbeschwerden. 

Verzeih  das  Geschwätz  heute,  das  nur  die  Kontinuität 
unseres  Briefverkehrs  betonen  soll. 

Herzlichst  Dein 

Sigm. 


74 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  5.  n.  97. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Ich  habe  Dir  eigentlich  nichts  zu  schreiben,  es  geschieht  nur 
so  in  einer  Stunde,  in  der  man  Zwiegespräch  und  Aufmunterung 
brauchen  könnte.  —  ... 

*)  S.  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  135;  „Über  den  Traum“,  ibido 
S.  657. 


Brief  vom  5.  II.  97 


243 


Interessant,  daß  die  Literatur  sich  jetzt  so  sehr  der  Psy¬ 
chologie  des  Kindes  zuwendet.  Ich  habe  heute  wieder  ein 
derartiges  Buch  erhalten,  von  James  Mark  Baldwin.1  So 
bleibt  man  immer  ein  Kind  seiner  Zeit,  auch  mit  dem,  was 
man  für  sein  Eigenstes  hält. 

Mir  graut  übrigens  vor  all  der  Psychologie,  die  ich  in  den 
nächsten  Jahren  aus  Büchern  holen  soll.  Gegenwärtig  kann  ich 
weder  lesen  noch  denken.  Das  Beobachten  zehrt  mich  genug 
auf.  Meine  Selbstanalyse  stockt  wieder  einmal,  besser,  sie 
träufelt  so  langsam  weiter,  ohne  daß  ich  etwas  von  ihrem  Verlauf 
verstehe.  In  den  anderen  Analysen  hilft  mir  die  letzte  Idee  über 
den  Widerstand  noch  immer  weiter.  Unlängst  bekam  ich  Anlaß, 
einen  alten,  auch  schon  gedruckten  Einfall  zur  Neurosenwahl 
wieder  aufzunehmen,  daß  nämlich  die  Hysterien  sich  auf  sexuelle 
Passivität,  die  Zwangsneurosen  auf  Aktivität  beziehen.  Sonst 
geht  es  langsam,  langsam.  Da  ich  nichts  anderes  kann  als 
analysieren  und  nicht  voll  beschäftigt  bin,  langweile  ich  mich 
am  Abend.  Meine  Vorlesung  wird  von  n  Hörern  besucht,  die 
mit  Bleistift  und  Büchel  dasitzen  und  verflucht  wenig  Positives 
zu  hören  bekommen.  Ich  spiele  vor  ihnen  den  neuro- 
pathologischen  Naturforscher  und  kommentiere  den  Beard; 
mein  Interesse  ist  aber  gar  nicht  dabei.2 * 

Uber  meine  Deutung  des  König  Ödipus  und  des  Hamlet 
hast  Du  mir  nichts  geschrieben.  Da  ich  das  sonst  niemand 
erzähle,  weil  ich  mir  die  befremdete  Ablehnung  vorher  denken 

x)  Offenbar  Baldwins,  „Mental  Development  in  the  Child  and  the  Race “,  1895, 
dessen  1898  erschienene  deutsche  Übersetzung  in  den  „Drei  Abhandlungen 
zur  Sexualtheorie“  zitiert  ist.  Baldwins  Anschauungen  über  das  Verhältnis  von 
Onto-  und  Phylogenese  und  über  die  Beziehung  des  Einzelnen  mit  der  Ge¬ 
meinschaft  stimmen  in  manchen  Punkten  mit  denen  Freuds  überein. 

2)  Beards  Arbeiten  haben  Freud  schon  früh  beschäftigt;  sie  waren  in  Über¬ 

setzungen  von  H.  Neisser  („Die  Nervenschwäche,“  Leipzig,  1893)  und  Rock¬ 
well  („Die  sexuelle  Neurasthenie“,  Wien,  1890)  verbreitet.  Freud  bezieht  sich 
in  den  Jahren  1894-96  wiederholt  auf  Beards  Auffassung  der  Neurasthenie  und 
hat  noch  1908  in  der  Arbeit  „Die  , kulturelle4  Sexualmoral  und  die  moderne 
:  Nervosität“  Beards  Auffassung  von  der  Neurasthenie  als  einer  neuen  „speziell 
*  auf  amerikanischem  Boden  erwachsenen  Nervenkrankheit“  diskutiert. 

|  Über  den  Zusammenhang  der  bis  1869  zurückreichenden  Forschungen  von 
■George  M.  Beard  mit  denen  Freuds,  s.  Henry  A.  Bunker  ,, Symposium  on 
\Neurasthenia ,  From  Beard  to  Freud ,  A  Brief  Hist ory  of  the  Concept  of  Neurasthe- 
■ nia “.  Medical  Review  of  Reviews,  vol.  XXXVI,  Nr.  3  (193c,  S.  108-114). 


244 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


kann,  möchte  ich  eine  kurze  Äußerung  von  Dir  darüber  haben. 
Du  hast  mir  im  Vorjahr  manchen  Einfall  mit  gutem  Recht 
zurückgewiesen. 

Einen  angeregten  Abend  verschaffte  mir  unlängst  mein  Freund 
Emanuel  Löwy,  Professor  der  Archäologie  in  Rom,1  ein  ebenso 
gründlicher  als  ehrlicher  Kopf  und  braver  Mensch,  der  mich 
jährlich  einmal  zu  besuchen  und  bis  3h.  morgens  wachzuhalten 
pflegt.  Er  verbringt  seine  Herbstferien  hier,  wo  seine  Familie 
lebt.  Von  seinem  Rom  — - — 


Herzlichste  Grüße  für  Dich,  Weib  und  Kind, 

Dein 


Sigm. 


15 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  14.  11.  97. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

„Es  war  also  am  12.  November  97;  die  Sonne  stand  eben 
im  östlichen  Winkel,  Merkur  und  Venus  in  Konjunktion  — “ 
Nein,  so  fängt  heute  keine  Geburtsanzeige  mehr  an.  Es  war 
am  12.  November,  einem  von  linksseitiger  Migraine  beherrschten 
Tag,  an  dessen  Nachmittag  Martin  sich  niedersetzte,  um  ein 
neues  Gedicht  zu  schreiben,*  an  dessen  Abend  Oli  seinen  zweiten 
Zahn  verlor,!  daß  mir  nach  den  greulichen  Wehen  der  letzten 

*  Ich  habe  es  nicht  erfahren  sollen.  Es  scheint,  daß  ihm  die 
poetischen  Mandeln  beschnitten  worden  sind. 

f  Der  erste  wurde  in  der  Tat  am  9.  November  abends  von  der 
Kinderfrau  gezogen,  hätte  sich  vielleicht  bis  zum  loten  gehalten. 

*)  Emanuel  Löwy,  Professor  der  Archäologie  in  Rom  und  Wien  (1858-1937), 
mit  dem  Freud  eine  lebenslange  Freundschaft  unterhielt. 


Brief  vom  14.  11.  97 


245 


Wochen  ein  neues  Stück  Erkenntnis  geboren  wurde.  Nicht 
ganz  neu  in  Wahrheit,  es  hatte  sich  schon  wiederholt  gezeigt  und 
wieder  zurückgezogen^  aber  diesmal  blieb  es  und  erblickte 
das  Licht.1  Komischer  Weise  ahne  ich  solche  Ereignisse  eine 
gute  Weile  vorher.  So  schrieb  ich  Dir  einmal  im  Sommer,  ich 
werde  die  Quelle  der  normalen  Sexualverdrängung  (Moral, 
Scham  etc.)  finden  und  fand  sie  dann  lange  nicht.  Vor  den 
Ferien  fiel  die  Äusserung,  der  wichtigste  Patient  sei  für  mich 
meine  eigene  Person,  und  nach  der  Ferienreise  ging  plötzlich  die 


$  Lauter  lange  Kerls  für  S.  Maj.  le  roi  de  Prusse. 

J)  Die  Daten  des  einleitenden  Abschnittes  beziehen  sich  auf  Fliess*  Perioden¬ 
lehre.  Die  Einleitungssätze  selbst  stellen  vermutlich  eine  Travestie  des  Beginnes 
der  Biographie  des  Michel  Angelo  von  Giorgio  Vasari  (1550)  dar,  mit  dessen 
Biographien  Italienischer  Künstler  Freud  vertraut  war.  Die  „Entdeckung“, 
die  Freud  so  einleitet,  ist  die  der  Libidoentwicklung.  Er  schildert  seine  Arbeits¬ 
weise,  wenn  er  von  dem  „vorausahnen“  kommender  Einsichten  spricht.  In  der 
Sprache  der  Psychoanalyse  gesagt,  kann  das  nur  heißen:  wissenschaftliche 
Zusammenhänge  werden  vorbewußt  bearbeitet,  ehe  sie  bewußt  werden.  So 
kommt  es  zu  dem  Vorstoß  in  der  Theorienbildung,  der  sich  in  diesem  Brief 
manifestiert.  Die  Gedanken  des  Briefes  sind  zum  Teil  unverändert  in  die 
„Drei  Abhandlungen  zur  Sexualtheorie“  eingegangen.  Andere  Teile  werden 
erst  später  verwendet.  So  ist  der  zuerst  im  Brief  vom  11.  Jänner  1897  ange¬ 
spielte  Gedanke  der  Bedeutung  des  Übergangs  vom  Vierfüßler  zum  Zweifüßler 
und  die  Rolle  des  aufrechten  Ganges  erst  1928  in  „Das  Unbehagen  in  der 
Kultur“  weitergeführt  worden. 

Freud  unterscheidet  im  vorliegenden  Brief  noch  nicht  immer  scharf  zwischen 
drei  verschiedenen  Bedeutungen  des  Wortes  „Verdrängung“;  erstens  dem  psy¬ 
chologischen  Mechanismus  der  Verdrängung,  zweitens  jenen  Vorgängen,  die 
in  der  Entwicklung  des  Kindes  durch  Reifung  zustande  kommen,  wobei  dann 
gewissen  Körperzonen  die  Besetzung  entzogen  wird,  und  drittens  Veränderun¬ 
gen  in  den  Apparaten,  die  durch  die  Entwicklung  der  Art  zustande  kommen 
und  mit  Freuds  späterer  Auffassung  von  der  „organischen  Verdrängung“ 
Zusammenhängen. 

Die  in  dem  Briefe  gegebene  Darstellung  über  die  Entwicklung  des  mora¬ 
lischen  Verhaltens  hat  sich  später  grundsätzlich  verändert.  Was  Freud  hier 
beschreibt,  ist  im  ganzen  noch  auf  dem  Niveau,  das  er  später  („Drei  Abhand¬ 
lungen“)  als  Reaktionsbildung  angesehen  hat.  Der  Einfluß  der  Umwelt  ist  nur 
teilweise  erkannt  und  der  der  Objektbeziehung  auf  die  Entwicklung  (Identi¬ 
fizierung)  noch  nicht  berücksichtigt. 

Freud  hat  in  diesem  Briefe  zuerst  den  früher  nur  gelegentlich  erwähnten 
Mechanismus  der  Regression  in  den  Mittelpunkt  der  dynamischen  Erklärung 
der  Neurosen  gerückt;  die  spätere  Unterscheidung  zwischen  topischer  Regres¬ 
sion  und  historischer  Regression  ist  noch  nicht  versucht. 

Dagegen  hat  Freud  in  diesem  Brief  einen  Gesichtspunkt  zuerst  entwickelt, 
den  er  in  allen  seinen  späteren  Arbeiten  festgehalten  hat,  der  aber  in  der  psycho¬ 
analytischen  Literatur  sonst  nicht  immer  die  nötige  Beachtung  gefunden  hat : 
den  Gedanken  nämlich,  daß  die  Wirkung  von  spezifischen  Erlebnissen  in  der 


246 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Selbstanalyse  los,  von  der  damals  keine  Spur  zu  sehen  war.1 
Vor  wenigen  Wochen  war  der  Wunsch,  jetzt  die  Verdrängung 
durch  das  Wesentliche  hinter  ihr  ersetzt  zu  wissen,  und  darum 
handelt  es  sich  jetzt. 

Daß  bei  der  Verdrängung  etwas  Organisches  mitwirkt,  habe 
ich  oft  geahnt,  daß  es  sich  um  die  Auflassung  von  ehemaligen 
Sexualzonen  handelt,  konnte  ich  Dir  schon  einmal  erzählen 
und  beifügen,  daß  ich  zu  meinem  Vergnügen  eine  solche  Idee 
auch  bei  Moll  angetroffen.  Die  Priorität  des  Einfalls  trete  ich 
privatim  niemandem  ab;  bei  mir  hatte  sich  die  Vermutung  an 
die  veränderte  Rolle  der  Geruchssensationen  geknüpft :  Aufrechter 
Gang,  Nase  vom  Boden  abgehoben,  damit  eine  Anzahl  von  früher 
interessanten  Sensationen,  die  an  der  Erde  haften,  widerlich 
geworden  —  durch  einen  mir  noch  unbekannten  Vorgang.  (Er 
trägt  die  Nase  hoch  =  Er  hält  sich  für  etwas  besonders  Edles.) 
Die  Zonen  nun,  welche  beim  normalen  und  reifen  Menschen 
sexuelle  Entbindung  nicht  mehr  produzieren,  müssen  Afterregion 
und  Mund-Rachengegend  sein.  Das  ist  zweifach  gemeint, 
erstens  daß  ihr  Anblick  und  ihre  Vorstellung  nicht  mehr  erregend 
wirkt,  zweitens  daß  die  von  ihnen  ausgehenden  Binnensensationen 
keinen  Beitrag  zur  Libido  liefern,  wie  die  von  den  eigentlichen 
Sexualorganen.  Bei  den  Tieren  bestehen  diese  Sexualzonen  nach 
beiden  Hinsichten  in  Kraft;  wo  sich  das  auch  beim  Menschen 
fortsetzt,  entsteht  Perversion.  Es  ist  anzunehmen,  daß  im  infan¬ 
tilen  Alter  die  Sexualentbindung  noch  nicht  so  lokalisiert  ist 
wie  später,  so  daß  hier  gewissermaßen  auch  jene  später  aufge¬ 
lassenen  Zonen  (vielleicht  die  ganze  Körperoberfläche  mit)  etwas 
anregen,  was  der  späteren  Sexualentbindung  analog  ist.  Das 


Entwicklung  des  Kindes  von  der  Reifungsphase  abhängig  ist,  in  der  sich  das 
Kind  befindet.  In  dem  Satz  „Wahrscheinlich  hängt  nun  die  Neurosenwahl 
.  .  .  von  der  Natur  des  Schubes  ab,  der  die  Verdrängung  ermöglicht  .  .  .  “ 
scheint  dieser  Gedanke  klar  formuliert  zu  sein. 

Im  letzten  Abschnitt  des  Briefes  verwirft  Freud  eine  Anzahl  von  Fehl¬ 
hypothesen:  den  engen  Zusammenhang  zwischen  Libido  und  Angst  (ein 
Problem,  das  er  1926  in  „Hemmung,  Symptom  und  Angst“  neu  bearbeitet  hat) 
und  die  im  Anschluß  an  die  Periodenlehre  von  Fliess  entwickelte  These,  „die 
Libido  für  den  männlichen,  die  Verdrängung  für  den  weiblichen  Faktor  zu 
erklären“.  Vgl.  auch  Einleitung,  S.  46  f. 

1)  Vgl.  dagegen  Einleitung,  S.  37. 


Brief  vom  14.  11.  97 


247 


Zugrundegehen  dieser  anfänglichen  Sexualzonen  hätte  ein 
Gegenstück  in  der  Aufzehrung  gewisser  innerer  Organe  im  Laufe 
der  Entwicklung.  Sexualentbindung  (Du  weißt,  ich  meine  eine 
Art  von  Sekretion,  die  man  korrekter  Weise  als  den  inneren 
Zustand  der  Libido  verspürt)  kommt  nun  zu  Stande  nicht  nur 
wie  1.  durch  peripheren  Reiz  an  den  Sexualorganen,  wie  2. 
durch  die  Binnenerregungen  von  diesen  Organen,  sondern  auch 
3.  von  den  Vorstellungen,  also  Erinnerungsspuren  aus,  also  auf 
dem  Wege  der  Nachträglichkeit.  (Du  kennst  den  Gedankengang 
von  früher  her.)  Hat  man  ein  Kind  an  den  Genitalien  irritiert, 
so  entsteht  Jahre  später  durch  Nachträglichkeit  von  der  Erin¬ 
nerung  daran  eine  weit  stärkere  Sexualentbindung  als  damals, 
weil  der  ausschlaggebende  Apparat  und  der  Sekretionsbetrag 
inzwischen  gewachsen  sind.  So  gibt  es  eine  nicht  neurotische 
Nachträglichkeit  normaler  Weise,  und  aus  ihr  entsteht  der 
Zwang.  (Unsere  anderen  Erinnerungen  wirken  sonst  nur,  weil 
sie  als  Erlebnisse  gewirkt  haben.)  Solche  Nachträglichkeit  stellt 
sich  nun  auch  für  die  Erinnerungen  an  die  Erregungen  der 
aufgelassenen  Sexualzonen  her.  Aber  deren  Folge  ist  nicht 
Entbindung  von  Libido,  sondern  von  einer  Unlust,  einer  Bin¬ 
nensensation,  die  analog  ist  dem  Ekel  im  Objektfalle. 

Grob  gesagt,  die  Erinnerung  stinkt  aktuell,  wie  in  der  Gegen¬ 
wart  das  Objekt  stinkt  und  wie  wir  das  Sinnesorgan  (Kopf  und 
Nase)  im  Ekel  abwenden,  so  wendet  sich  Vorbewußtes  und  der 
bewußte  Sinn  von  der  Erinnerung  ab.  Dies  ist  die  Ver¬ 
drängung. 

Was  liefert  nun  die  normale  Verdrängung?  Etwas,  woraus 
frei  Angst,  psychisch  gebunden  Verwerfung  werden  kann,  also 
die  AfFektgrundlage  für  eine  Menge  von  intellektuellen  Vor¬ 
gängen  der  Entwicklung,  wie  Moral,  Scham,  u.  dgl.  Dies  ent¬ 
steht  also  sämtlich  auf  Kosten  untergegangener  (virtueller) 
Sexualität.  Somit  ist  es  ersichtlich,  wie  mit  den  Entwicklungs¬ 
schüben  das  Kind  von  der  Frömmigkeit,  Scham  u.  dgl. 
überzogen  wird,  und  wie  das  Ausbleiben  solchen  Unterganges 
sexueller  Zonen  die  Moral  Insanity  als  Entwicklungshemmung 
produzieren  kann.  Diese  Schübe  werden  beim  männlichen 


248 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


und  weiblichen  Geschlecht  anders  zeitlich  disponiert  sein.  (Der 
Ekel  tritt  beim  kleinen  Mädchen  früher  auf  als  beim  Knaben.) 
Der  Hauptunterschied  zwischen  beiden  Geschlechtern  stellt  sich 
aber  um  die  Zeit  der  Pubertät  her,  wo  eine  nicht  neurotische 
Sexual  abneigung  das  Mädchen,  Libido  den  Mann  erfaßt.  Um 
diese  Zeit  geht  nämlich  beim  Weib  eine  weitere  Sexualzone  (ganz 
oder  teilweise)  unter,  die  beim  Mann  bestehen  bleibt.  Ich  meine 
die  männliche  Genitalzone,  die  Region  der  Klitoris,  in  der  sich 
während  der  Kindheit  die  sexuelle  Empfindlichkeit  auch  des 
Mädchens  konzentriert  zeigt.  Daher  der  Überguß  von  Scham, 
den  das  Weib  um  diese  Zeit  zeigt,  bis  spontan  oder  reflektorisch 
die  neue  Vaginalzone  geweckt  wird.  Daher  etwa  die  Anästhesie 
der  Frauen,  die  Rolle  der  Masturbation  bei  den  zur  Hysterie 
bestimmten  Kindern,  und  das  Aufhören  der  Masturbation,  wenn 
eine  Hysterie  daraus  wird. 

Nun  zu  den  Neurosen !  Kindererlebnisse,  die  bloß  das  Genitale 
betreffen,  erzeugen  beim  Manne  (und  Mannweibe)  nie  Neurose, 
sondern  bloß  Masturbationszwang  und  Libido.  Da  aber  die 
Kindererlebnisse  in  der  Regel  auch  die  beiden  anderen  Sexual¬ 
zonen  betroffen  haben,  bleibt  auch  für  den  Mann  der  Fall  übrig, 
daß  die  durch  Nachträglichkeit  erwachende  Libido  zur  Ver¬ 
drängung  und  zur  Neurose  führt.  Insoferne  die  Erinnerung  ein 
Erlebnis  an  den  Genitalien  betroffen  hat,  erzeugt  es  nachträglich 
Libido ;  insoferne  After,  Mund  usw.,  nachträglichen  inneren 
Ekel  und  daher  der  Endzustand,  daß  ein  Betrag  Libido  nicht 
wie  sonst  zur  Aktion  oder  zur  psychischen  Übersetzung  durch¬ 
dringen  kann,  sondern  sich  in  regressiver  Richtung  (wie 
im  Traum)  durchsetzen  muß.  Libido  und  Ekel  hängen  einmal 
assoziativ  aneinander,  der  ersteren  dankt  man’s,  daß  nicht  all¬ 
gemeine  Unlust  usw.  aus  der  Erinnerung  werden  kann,  sondern 
daß  eine  psychische  Verwertung  statt  findet,  der  letzteren,  daß 
diese  nichts  anderes  als  Symptome  liefert  anstatt  Zielvorstellungen. 
Das  Psychologische  daran  wäre  nicht  schwer  zu  übersehen,  der 
organische  Faktor  ist  nun,  ob  das  Aufgeben  der  Sexualzonen 
nach  dem  männlichen  oder  weiblichen  Entwicklungstypus  oder 
überhaupt  erfolgt. 


Brief  vom  14.  11.  97 


249 


Wahrscheinlich  hängt  nun  die  Neurosenwahl,  die  Entscheidung, 
ob  Hysterie,  Zwangsneurose  oder  Paranoia  entsteht,  von  der 
Natur  des  Schubes  (d.h.  seiner  zeitlichen  Bestimmtheit)  ab,  der 
die  Verdrängung  ermöglicht,  d.h.  eine  Quelle  innerer  Lust  in 
eine  solche  inneren  Ekels  verwandelt. 

Soweit  mit  allen  daran  haftenden  Unklarheiten.  Ich  bin  also 
entschlossen,  das,  was  Libido  und  das,  was  Angst  macht,  fortan 
für  getrennte  Faktoren  zu  halten.  Habe  es  auch  aufgegeben, 
die  Libido  für  den  männlichen,  die  Verdrängung  für  den  weib¬ 
lichen  Faktor  zu  erklären.  Jedenfalls  bedeutsame  Entscheidungen. 
Die  Unklarheit  liegt  hauptsächlich  in  der  Veränderung,  durch 
welche  aus  der  inneren  Bedürfnissensation  die  Ekelsensation 
werden  soll.  Andere  dunkle  Punkte  brauche  ich  Dir  nicht  anzu¬ 
zeigen.  In  der  Verknüpfung  des  neurotischen  Vorganges  mit 
dem  normalen  liegt  der  Hauptwert  der  Synthese.  Es  schreit 
also  jetzt  förmlich  nach  einer  baldigen  Aufklärung  der  gemeinen 
neurasthenischen  Angst. 

Meine  Selbstanalyse  bleibt  unterbrochen.  Ich  habe  einge¬ 
sehen,  warum.  Ich  kann  mich  nur  selbst  analysieren  mit  den 
objektiv  gewonnenen  Kenntnissen  (wie  ein  Fremder),  eigentliche 
Selbstanalyse  ist  unmöglich,1  sonst  gäbe  es  keine  Krankheit. 
Da  ich  noch  irgendein  Rätsel  bei  meinen  Fällen  habe,  so  muß 
mich  dies  auch  in  der  Selbstanalyse  aufhalten. 


*)  Freud  hat  später  die  Selbstanalyse  nur  als  Ergänzung  der  bei  einem  Ana¬ 
lytiker  unternommenen  Analyse  angesehen.  Ausnahmsweise  aber  hat  er  für 
die  Versuche  Einzelner,  durch  Selbstanalyse  in  ihre  Kindheitsgeschichte 
Einsicht  zu  gewinnen,  Interesse  gezeigt.  So  hat  er  der  Redaktion  der  Inter¬ 
nationalen  Zeitschrift  für  Psychoanalyse  eine  Arbeit  von  E.  Pickworth- Farrow 
(„Eine  Kindheitserinnerung  aus  dem  sechsten  Lebensmonat“)  folgendermaßen 
zur  Veröffentlichung  empfohlen:  „Der  Verfasser  ist  mir  als  Mann  von  starker 
und  unabhängiger  Intelligenz  bekannt,  der  wahrscheinlich  infolge  einer  gewis¬ 
sen  Eigenwüligkeit  mit  den  zwei  Analytikern,  mit  denen  er  es  versuchte,  nicht 
zurechtkommen  konnte.  Er  wandte  sich  dann  zur  konsequenten  Anwendung 
des  Verfahrens  der  Selbstanalyse,  dessen  ich  mich  seinerzeit  zur  Analyse  meiner 
eigenen  Träume  bedient  habe.  Seine  Resultate  verdienen  gerade  wegen  der 
Besonderheit  seiner  Person  und  seiner  Technik  Beachtung“.  (Vgl.  Int.  Zeitschr. 
für  Psychoanalyse,  XII,  1926,  S.  79.)  Diese  Empfehlung  wurde  dann  mit 
Zustimmung  Freuds  von  E.  Pickworth-Farrow  als  Vorwort  des  Büchleins, 
„ Psychoanalyse  Yourself ,  a  Practical  Method  of  Seif- Treatment“  (New  York, 
1945)  verwendet. 


250 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


76 

l8.  II.  97. 
ord.  3-5I1. 

Teurer  Wilhelm ! 


Dr.  Sigmund  Freud, 
IX.  Berggasse  19. 


Ich  hatte  heute  früh  ein  angenehmes  Gefühl,  als  ob  mir  etwas 
Wichtiges  gelungen  wäre.  Ich  weiß  aber  nicht,  was  es  sein  soll. 
Es  war  irgendwie  verknüpft  mit  der  Idee,  man  müßte  die 
Hysterieanalyse  beginnen  mit  der  Aufdeckung  der  aktuell  wirk¬ 
samen  Motive,  das  Kranksein  zu  akzeptieren,  von  denen  ich  ja 
einige  kenne.1  (Die  Krankheit  wird  nämlich  erst  konstituiert, 
wenn  sich  die  aberrante  Libido  mit  solchen  Motiven  in  Ver¬ 
bindung  gesetzt,  gleichsam  eine  aktuelle  Verwendung  gefunden 
hat.)  Aber  das  selbst  kann  es  nicht  sein.  Ich  teile  Dir  das 
ganze  Ereignis  mit,  weil  solche  Gefühle  nach  einer  gewissen 
Zeit  recht  zu  behalten  pflegen,  und  weil  heute  ein  leise  betonter 
Tag  war  (müder  Kopf,  besonders  schlechte  Vorlesung). 

Herzlichste  Grüße 

Dein 

Sigm. 

77 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  3.  12.  97. 


5.  Dez.  Ein  kritischer  Tag  hat  mich  gehindert  fortzufahren. 
Zu  Ehren  des  lieben  Besuches  war  mir  ein  Stück  Aufklärung 
eingefallen,  dessen  Überbringerin  Deine  Frau  werden  sollte. 
Wahrscheinlich  war  es  aber  kein  Tag  hervorragender  Art,  das 
Neue,  das  mir  in  der  Euphorie  eingefallen  war,  zog  sich  wieder 
zurück,  gefiel  mir  nicht  mehr  und  wartet  jetzt  auf  seine  Wieder¬ 
geburt.  Mitunter  schwirren  mir  so  Gedanken  durch  den  Kopf, 
die  alles  zu  verwirklichen  versprechen,  das  Normale  und  das 
Pathologische,  das  sexuelle  und  das  psychologische  Problem  zu 
verbinden  scheinen,  dann  sind  sie  wieder  weg,  und  ich  bemühe 

*)  Der  Brief  deutet  auf  die  Einsicht  in  den  „sekundären  Krankheitsgewinn“ 
hin. 


Brief  vom  3.  12.  97 


251 


mich  nicht  sie  festzuhalten,  weil  ich  doch  weiß,  ihr  Vergehen  wie 
ihr  Erscheinen  im  Bewußtsein  ist  nicht  der  wirkliche  Ausdruck 
ihrer  Schicksale.  An  solchen  stillen  Tagen  aber  wie  gestern  und 
heute  ist  es  sehr  still  in  mir,  furchtbar  einsam.  Ich  kann  mit 
niemandem  darüber  reden,  auch  nicht  wie  ein  anderer  Arbeiter 
mich  absichtlich  und  willkürlich  beschäftigen.  Ich  muß  warten, 
bis  es  sich  in  mir  rührt  und  ich  davon  erfahre.  So  träume  ich 
mich  oft  über  Tage  weg.  —  Dies  alles  ist  nur  Einleitung  zu 
unserem  Zusammentreffen  —  in  Breslau,  wie  Ida  vorgeschlagen 
hat,  wenn  die  Zugsverbindungen  Dir  taugen.  Daß  mir  die  Ereig¬ 
nisse  in  Prag  Recht  gegeben  haben,  weißt  Du  ja.  Als  wir  uns  das 
letzte  Mal  für  Prag  entschieden,  spielten  Träume  eine  große 
Rolle.  Du  wolltest  nicht  nach  Prag  kommen,  weißt  auch  noch 
warum,  und  ich  träumte  gleichzeitig :  daß  ich  in  Rom  bin,  in  den 
Straßen  spazieren  gehe  und  mich  über  die  große  Zahl  von  deutschen 
Straßen-  und  Geschäftstafeln  wundere.  Ich  erwachte  und  dachte 
sogleich  daran,  das  war  also  Prag  (wo  bekanntlich  solche  deutsche 
Tafeln  ein  Desiderat  sind).  Somit  hatte  der  Traum  meinen 
Wunsch  erfüllt.  Dich  lieber  in  Rom  als  in  Prag  zu  treffen.1 
Meine  Romsehnsucht  ist  übrigens  tief  neurotisch.  Sie  knüpft 
an  die  Gymnasialschwärmerei  für  den  semitischen  Heros  Hannibal 
an  und  ich  bin  wirklich  heuer  so  wenig  wie  er  vom  Trasimener 
See  nach  Rom  gekommen.2  Seitdem  ich  das  Unbewußte  studiere, 
bin  ich  mir  selbst  so  interessant  geworden.  Schade,  daß  man 
sich  für’s  Intimste  immer  den  Mund  verschließt. 

„Das  Beste,  was  Du  wissen  kannst. 

Darfst  Du  den  Buben  doch  nicht  sagen.“3 


x)  Mit  weiteren  Assoziationen  mitgeteilt  in  der  Traumdeutung,  G.W.  II-IIX, 
S.  201. 

2)  Über  die  Bedeutung  von  Freuds  Vorliebe  für  Hannibal  und  ihre  Wurzeln 
in  der  Beziehung  zu  seinem  Vater,  vgl.  „Die  Traumdeutung“,  G.W.  II-III, 
S.  201  ff. 

3)  Vgl.  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  456.  Dieses  Zitat  aus  Goethes 
Faust  tritt  im  Zuge  von  Assoziationen  auf,  die  sich  auf  die  Überwindung 
beziehen,  die  es  Freud  kostet,  in  der  „Traumdeutung“  so  viel  von  seinem 
„intimen  Wesen“  der  Öffentlichkeit  preiszugeben.  —  In  Freuds  „Ansprache 
im  Frankfurter  Goethehaus“  (1932,  G.S.  XII,  S.  408  ff.)  sagt  Freud  von 
Goethe,  daß  er  „nicht  nur  als  Dichter  ein  großer  Bekenner  war,  sondern  auch 
trotz  der  Fülle  autobiographischer  Aufzeichnungen  ein  sorgsamer  Verhüller“. 
Im  Anschluß  daran  zitiert  Freud  wieder  die  Worte  des  Mephistopheles. 


252 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Breslau  spielt  eine  Rolle  in  meinen  Kindheitserinnemngen.  Im 
Alter  von  3  Jahren  habe  ich  den  Bahnhof  dort  passiert  auf  der 
Übersiedlung  von  Freiberg  nach  Leipzig  und  die  Gasflammen, 
die  ich  zum  ersten  Mal  sah,  haben  mich  an  brennende  Geister 
in  der  Hölle  gemahnt.  Ich  weiß  ein  wenig  den  Zusammenhang. 
Meine  überwundene  Reiseangst  hängt  auch  daran.1  Heute  bin 
ich  zu  nichts  zu  brauchen.  .  .  . 

Leb  recht  wohl  und  laß  bald  .  .  .  eine  vernünftige  Antwort 
hören. 

Dein 

Sigm. 


75 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  12.  12.  97 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19-6. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Kannst  Du  Dir  denken,  was  „eiidopsychische  Mythen“ 
sind?  Die  neueste  Ausgeburt  meiner  Denkarbeit.  Die  unklare 
innere  Wahrnehmung  des  eigenen  psychischen  Apparates  regt 
zu  Denkillusionen  an,  die  natürlich  nach  außen  projiziert  w erden, 
und  charakteristischer  Weise  in  die  Zukunft  und  in  ein  Jenseits. 
Die  Unsterblichkeit,  Vergeltung,  das  ganze  Jenseits  sind 
solche  Darstellungen  unseres  psychischen  Inneren.  .  .  .  Psycho- 
Mythologie.2 

x)  Vgl.  Brief  vom  3.  10.  97  (Nr.  70).  Vgl.  dazu  auchH.  Sachs,  „Freud,  Master 
and  Friend “  (London,  1945,  Imago  Publ.  Co.  Ltd.).  —  Nach  einer  von  Bernfeld 
(Amerik.  Imago,  loc  cit .)  mitgeteilten  Angabe  E.  Simmels  hat  W.  Fliess  Jahre 
nach  dem  Abbruch  der  Beziehung  zu  Freud  im  Gespräche  erwähnt,  daß  Freud 
sich  durch  die  Selbstanalyse  von  einem  phobischen  Symptom  befreit  habe. 

2)  Der  Ausdruck  „endopsychische  Mythen“  steht  für  die  Gedanken,  die 
Freud  in  „Der  Dichter  und  das  Phantasieren“,  1906  ( G.W .  VII)  in  anderer 
Form  ausgedrückt  hat.  Dort  heißt  es:  „Soweit  die  Stoffe  aber  gegeben  sind, 
entstammen  sie  dem  Volksschatze  an  Mythen,  Sagen  und  Märchen.  Die  Unter¬ 
suchung  dieser  völkerpsychologischen  Bildungen  ist  nun  keineswegs  abgeschlos¬ 
sen,  aber  es  ist  z.B.  von  den  Mythen  durchaus  wahrscheinlich,  daß  sie  den 
entstellten  Überresten  von  Wunschphantasien  ganzer  Nationen,  den  Säku¬ 
larträumen  der  jungen  Menschheit,  entsprechen.“ 


Brief  vom  22.  12.  97 


253 


Ein  Buch  von  Kleinpaul  „Die  Lebendigen  und  die  Todten“ 
möchte  ich  Dir  auch  empfehlen.1 

Darf  ich  Dich  bitten,  mir  die  eingeschickten  Traumbeispiele 
(insoweit  sie  auf  separaten  Blättern  standen)  nach  Breslau  mit¬ 
zubringen?  Ich  habe  letzten  Dienstag  einen  Vortrag  über  den 
Traum  in  meinem  jüdischen  Verein  (vor  Laien)  gehalten,  der 
eine  begeisterte  Aufnahme  fand.  Nächsten  Dienstag  die  Fort¬ 
setzung.2 * * 

•  •  • 

Einen  merkwürdigen  Genuß  hatte  ich  unlängst  von  den 
„Meistersingern“  .  .  .  Die  „Morgentraumdeutweise“  hat  mich 
sympathisch  berührt.  ...  Es  sind  übrigens  wie  in  keiner  Oper 
sonst  wirkliche  Gedanken  in  Musik  gesetzt,  die  dem  Nachsinnen 
anhaftenden  Gefühls  töne. 

Leb  recht  wohl  bis  Breslau. 

Dein 

Sigm. 

Hoffe  aber  noch  vorher  zu  hören  und  zu  schreiben. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  22.  12.  97. 


Ich  bin  wieder  fidel  und  sehr  gespannt  auf  Breslau,  d.h.  auf 
Dich  und  Deine  schönen  Neuigkeiten  über  das  Leben  und  seine 
Abhängigkeit  vom  Weltenlauf.  Ich  war  immer  neugierig  darauf, 
fand  aber  bisher  keinen,  der  mir  Antwort  geben  konnte.  Wenn 
es  jetzt  zwei  Leute  gibt,  von  denen  der  eine  sagen  kann,  was  das 
Leben,  der  andere  (beinahe),  was  die  Seele  ist,  so  ist  es  nur  recht, 
daß  sich  die  beiden  Öfter  sehen  und  sprechen.  Ich  will  nun  rasch 

x)  Kleinpaul,  „Die  Lebendigen  und  die  Todten  in  Volksglaube,  Religion 
und  Sage“,  1890. 

2)  Über  Freuds  Beziehung  zum  Verein  B’nai  B’rith,  vgl.  Freuds  Brief  aus 

dem  Jahre  1926,  veröffentlicht  in  seinen  nachgelassenen  Schriften  (G.tt7.  XVII) 

S.  Brief  Nr.  130. 


254 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


einige  Neuigkeiten  ab  werfen,  um  selbst  nicht  erzählen  zu  müssen 
und  ungestört  lauschen  zu  können. 

Es  ist  mir  die  Einsicht  aufgegangen,  daß  die  Masturbation 
die  einzige  große  Gewohnheit,  die  „Ursucht“  ist,  als  deren 
Ersatz  und  Ablösung  erst  die  anderen  Süchte  nach  Alkohol, 
Morphin,  Tabak  etc.  ins  Leben  treten.1  Die  Rolle  dieser  Sucht 
ist  in  der  Hysterie  ganz  ungeheuer,  vielleicht  ist  hier  mein  noch 
ausstehendes  großes  Hindernis  ganz  oder  teilweise  zu  finden. 
Natürlich  regt  sich  dabei  der  Zweifel,  ob  solche  Sucht  heilbar 
ist  oder  ob  Analyse  und  Therapie  hier  Halt  machen  und  sich 
begnügen  müssen,  eine  Hysterie  in  eine  Neurasthenie  zu  ver¬ 
wandeln. 

Für  die  Zwangsneurose  bestätigt  es  sich,  daß  die  Wort¬ 
vorstellung  und  nicht  der  ihr  anhängende  Begriff  die 
Lokalität  ist,  wo  das  Verdrängte  durchbricht.  (Genauer,  die 
Wort-Erinnerung.)  Daher  sind  gerne  die  disparatesten  Dinge 
als  Zwangsvorstellung  unter  einem  mehrdeutigen  Wort  vereinigt. 
Diese  zweideutigen  Worte  sind  gleichsam  mehrere  Fliegen  auf 
einen  Schlag  für  die  Durchbruchstendenz,  z.B.  folgender  Fall. 
Ein  Mädchen,  das  die  Nähschule  besucht  und  bald  beendigt 
haben  wird,  wird  von  der  Zwangsvorstellung  belästigt:  nein, 
Du  darfst  nicht  fortgehen,  Du  bist  noch  nicht  fertig,  Du 
mußt  noch  mehr  machen,  noch  alles  mögliche  lernen.  Da¬ 
hinter  die  Erinnerung  an  Kinderszenen,  wo  sie  auf  den  Topf 
gesetzt  wird,  nicht  bleiben  will  und  denselben  Zwang  erfährt. 
Du  darfst  nicht  fortgehen,  Du  bist  noch  nicht  fertig,  Du 
mußt  noch  mehr  machen.  Das  Wort  machen  gestattet, 
die  spätere  Situation  mit  der  infantilen  zusammenzufassen.  Die 
Zwangsvorstellungen  bekleiden  sich  häufig  mit  einer  eigen¬ 
tümlichen  Wortunbestimmtheit,  um  solche  mehrfache 
Verwendung  zu  gestatten.  Faßt  man  sie  (bewußt)  näher  ins  Auge, 
so  gerät  dann  der  Ausdruck  daneben,  „Du  mußt  noch  mehr 

x)  Freud  hat  diesen  Zugang  zum  Problem  der  Süchtigkeit  in  den  folgenden 
Jahren  vernachlässigt  —  so  etwa  in  den  „Drei  Abhandlungen  zur  Sexual¬ 
theorie“,  G.W.  V,  s.  bes.  S.  81  f.  (Autoerotismus),  —  und  erst  in  seiner  Ab¬ 
handlung  über  „Dostojewski  und  die  Vatertötung“  (G.W.  XIV)  in  einer  Auf¬ 
klärung  des  Spielertums  weitergeführt. 


Brief  vom  22.  12.  97 


255 


lernen“;  was  dann  später  die  fixierte  Zwangsvorstellung  wird, 
entsteht  durch  solche  mißverständliche  Deutung  von  Seiten 
des  Bewußten. 

Es  ist  nicht  alles  Willkür  dabei.  Das  Wort  „machen“  hat 
selbst  die  analoge  Wandlung  in  seiner  Bedeutung  erfahren.1 
Eine  alte  Phantasie  von  mir,  die  ich  Deinem  linguistischen 
Spürsinn  empfehlen  möchte,  handelt  von  der  Abkunft  unserer 
Tätigkeits worte  von  solchen  ursprünglich  koproerotischen  Ter- 
minis. 

Ich  kann  Dir  kaum  ausführen,  was  sich  mir  Alles  (ein  neuer 
Midas !)  in  —  Dreck  auf  löst. 2  Es  stimmt  ganz  zur  Lehre  vom 
innerlichen  Stinken.  Vor  allem  das  Geld  selbst.  Ich  glaube,  dies 
geht  über  das  Wort  „schmutzig“  für  „geizig“.  Ebenso  gehen 
alle  Geburtsgeschichten,  Fehlgeburt,  Periode  über  das  Wort 
„Abort“  (Abortus)  auf  den  Locus  zurück.  Es  ist  ganz  toll,  ist 
aber  ganz  analog  dem  Vorgang,  wie  Worte  eine  übertragene 
Bedeutung  annehmen,  sobald  sich  neue  der  Bezeichnung  be¬ 
dürftige  Begriffe  einfinden. 

•  •  ♦ 

Hast  Du  einmal  eine  ausländische  Zeitung  gesehen,  welche  die 
russische  Zensur  an  der  Grenze  passiert  hat?  Worte,  ganze 
Satzstücke  und  Sätze  schwarz  überstrichen,  so  daß  der  Rest 
unverständlich  wird.  Solche  russische  Zensur3  kommt 
zustande  bei  Psychosen  und  ergibt  die  scheinbar  sinnlosen 
Delirien. 


Auf  Wiedersehen ! 

Dein 


Ich  reise  also  Samstag  8h.  wie  verabredet. 


Sigm. 


1)  Was  Freud  hier  an  der  Zwangsneurose  entdeckt.,  hat  er  später  als  all¬ 
gemeine  Eigenschaft  des  Primärvorganges  erkannt. 

2)  Diese  und  viele  folgende  Briefstellen  beziehen  sich  auf  die  Phänomene 
der  analen  Phase  der  Libidoentwicklung. 

3)  Das  erste  Auftreten  des  aus  der  Traumdeutung  bekannten  Begriffes  ;  vgl. 
hier  G.W.  II-III,  S.  534  f. 


256 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


80 

Wien,  29.  12.  97. 

Teurer  Wilhelm ! 

.  .  .  Eine  kleine  Deutung  ist  mir  in  den  ersten  Tagen  gleich 
zugestoßen.  Herr  E.,  den  Du  kennst,  hat  im  Alter  von  10  Jahren 
einen  Angstanfall  bekommen,  als  er  sich  bemühte,  einen  schwarzen 
Käfer  einzufangen,  der  es  sich  nicht  gefallen  ließ.  Die  Deutung 
dieses  Anfalles  war  bislang  dunkel  geblieben.  Nun  hält  er  beim 
Kapitel  „Unschlüssigkeit“,  repetiert  ein  Gespräch  der  Gro߬ 
mutter  mit  der  Tante  über  die  Heirat  der  damals  schon  ver¬ 
storbenen  Mama,  aus  dem  sich  ergibt,  daß  sie  etwas  lange  mit 
der  Entscheidung  gezögert,  kommt  plötzlich  auf  besagten  seit 
Monaten  nicht  erwähnten  schwarzen  Käfer,  von  ihm  auf  den 
Marienkäfer  (seine  Mutter  hieß  Marie),  lacht  dann  laut  auf 
und  erklärt  dies  Lachen  mangelhaft  durch  die  Bemerkung,  die 
Zoologen  nennen  diesen  Käfer  septempunctate  usw.  je  nach  der 
Anzahl  der  Punkte,  während  er  doch  immer  dasselbe  Tier  sei. 
Dann  brechen  wir  ab  und  vor  der  nächsten  Sitzung  erzählt  er 
mir,  die  Deutung  des  Käfers  sei  ihm  eingefallen.  Nämlich: 
Que  faire?  —  Unschlüssigkeit.  .  .  . 

Daß  man  ein  Frauenzimmer  bei  uns  einen  netten  „Käfer“ 
heißen  kann,  dürfte  Dir  bekannt  sein.  Seine  Kinderfrau  und 
erste  Geliebte  war  eine  Französin;  er  hat  eigentlich  früher 
französisch  sprechen  gelernt  als  deutsch.  Du  erinnerst  Dich  an 
unsere  Gespräche  über  die  Verwendung  der  Worte  „Hinein¬ 
stecken“,  „Abort“,  u.  dgl.1 

«  •  • 

Ich  wünsche  mir  jetzt  recht  viel  Material  für  die  unbarm¬ 
herzig  strenge  Nachprüfung  der  Linkshändigkeit.  Nadel  und 
Faden  habe  ich  bereits.  Übrigens  ist  die  daran  anschließende 
Frage  die  erste  seit  langer  Zeit,  in  welcher  unser  beider 

x)  Das  Thema  des  Primärvorganges  (siehe  den  vorangehenden  Brief)  setzt 
sich  fort. 


Brief  vom  4.  1.  98 


257 


Ahnungen  und  Neigungen  nicht  den  gleichen  Weg  gehen.1 

•  •  • 

Nun  Prosit  Neujahr  und  auf  viel  Wiedersehen  in  1898! 

Dein 

Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  4.  1.  98. 


Daß  Dir  mein  noch  ablehnendes  Verhältnis  zur  Deutung  der 
Linkshändigkeit  so  nahe  geht,  ist  mir  sehr  interessant.  Ich  will 
versuchen,  objektiv  zu  sein,  ich  weiß  nämlich,  wie  schwer  es  ist.2 

Wie  ich  mir  erscheine,  ist  es  so :  ich  bin  auf  die  Betonung 
der  Bisexualität  förmlich  geflogen  und  halte  diesen  Deinen 

x)  Fliess  hat  diesen  Zweifel  Freuds  schlecht  vertragen  ;  s.  den  folgenden 
Brief.  —  Die  Frage  der  Bilateralität  war  kurz  vor  diesen  Briefen  anläßlich  der 
Begegnung  in  Breslau  aufgetaucht,  von  der  die  spätere  Entfremdung  zwischen 
Freud  und  Fliess  ihren  Ausgang  nahm.  —  Im  Jahre  1904,  drei  Jahre  nach  der 
Auflösung  der  Beziehung,  hat  Fliess  auf  diese  Begegnung  in  einem  Brief  an 
Freud  hingewiesen,  in  dem  er  seine  Priorität  in  der  Aufstellung  der  Bisexualität 
gegenüber  Otto  Weininger  betont.  (S.  Einl.,  S.  48.)  Aus  diesem  Briefe  ergibt 
sich,  daß  Fliess  Freuds  Zweifel  an  seiner  Theorie  der  Bilateralität  als  Wider¬ 
spruch  gegen  seine  Annahmen  über  Bisexualität  aufgefaßt  hatte: 

„Zuerst  v%r  zwischen  uns  in  Nürnberg  davon  (d.h.  von  der  Bisexualität) 
die  Rede,  während  ich  noch  im  Bett  lag  und  Du  mir  die  Krankengeschichte 
von  einer  mit  Träumen  von  riesigen  Schlangen  erzähltest.  Damals  warst  Du 
von  dem  Gedanken,  daß  Unter  Strömungen  bei  einem  Weibe  aus  dem  männ¬ 
lichen  Teil  ihrer  Psyche  stammen  könnten,  sehr  betroffen.  Um  so  mehr  hat 
mich  dann  Dein  Widerstand  in  Breslau  gegen  die  Annahme  der  Bisexualität 
in  der  Psyche  gewundert.  In  Breslau  hatte  ich  Dir  auch  davon  gesprochen, 
daß  in  meiner  Bekanntschaft  so  viel  linkshändige  Ehegatten  existierten,  und 
aus  der  Theorie  der  Linkshändigkeit  heraus  habe  ich  Dir  eine  Erklärung 
entwickelt,  die  mit  der  Weiningerschen  (der  von  Linkshändigkeit  nichts  weiß) 
bis  in  die  Einzelheiten  übereinstimmt.  Die  Linkshändigkeit  selbst  hast  Du 
freilich  abgelehnt.  .  .  .“ 

Brief  v.  26.  VII.  1904,  abgedruckt  in  A.  R.  Pfennig,  „Wilhelm  Fliess  und 
seine  Nachentdecker  :  Otto  Weininger  und  H.  Swoboda“,  1906,  S.  29,  und 
in  „W.  Fliess  in  eigener  Sache“,  1906,  S.  16. 

2)  Siehe  die  Bemerkungen  zum  vorangehenden  Brief.  In  der  neueren  Litera¬ 
tur  über  Linkshändigkeit  findet  Fliess’  Hypothese  keine  Erwähnung  mehr;  s. 
A.  Blau,  „The  Master  Hand“,  Research  Monograph  Nr.  5,  New  York,  American 
Orthopsychiatric  Association,  1946. 


25  8 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Einfall  für  den  bedeutsamsten  in  meinen  Themen  seit  der 
„Abwehr“.  Hätte  ich  Abneigung  aus  persönlichen  Gründen, 
weil  ich  selbst  ein  Stück  neurotisch  bin,  so  müßte  sich  diese 
Abneigung  gerade  gegen  die  Bisexualität  kehren,  der  wir  ja  die 
Neigung  zur  Verdrängung  Schuld  geben.  Mir  kommt  vor,  ich 
sträube  mich  nur  gegen  die  Durchdringung  von  Bisexualität 
und  Bilateralität,  die  Du  forderst.  Zu  dieser  Idee  nahm  ich 
anfangs  gar  keine  Stellung,  weil  ich  mich  von  dem  Thema  noch 
so  entfernt  fühlte.  In  Breslau  war  ich  am  zweiten  Nachmittag  . . . 
etwas  auf  den  Kopf  geschlagen,  sonst  hätte  ich  wohl  den  ver¬ 
spürten  Zweifel  zu  einem  Einwand  formieren  können,  vielmehr 
es  aufgreifen  können,  als  Du  selbst  sagtest,  jede  der  beiden 
Hälften  enthalte  wahrscheinlich  beiderlei  Geschlechtsorgane.  Wo 
bleibt  dann  wirklich  die  Weiblichkeit  etwa  der  linken  Hälfte 
beim  Manne,  wenn  sie  einen  Hoden  (und  entsprechende  niedere 
männliche  Sexualorgane)  trägt  wie  die  rechte?  Deinem  Postulat, 
daß  sich  zu  allen  Ergebnissen  männlich  und  weiblich  vereinigen 
müssen,  ist  ja  schon  in  einer  Hälfte  genügt! 

Ferner  kam  mir  vor.  Du  hieltest  mich  selbst  für  ein  Stück 
Linkshänder;  und  wenn,  würdest  Du  mir ’s  sagen,  da  diese 
Selbsterkenntnis  nichts  mich  Verletzendes  hat.  Es  liegt  nur  an 
Dir,  wenn  Du  nicht  alles  Diskrete  von  mir  weißt ;  soweit  kennst 
Du  mich  lange.  Ich  weiß  nun  nichts  von  einer  Bevorzugung  der 
Linken  jetzt  oder  in  der  Kindheit,  eher  könnte  ich  sagen,  daß 
ich  vor  Jahren  zwei  linke  Hände  gehabt  habe.  Nur  eines  kann 
ich  Dir  nicht  entgegenbringen.  Ich  weiß  nicht,  ob  es  anderen 
ohne  weiteres  evident  ist,  wo  sie  rechts  oder  links  haben,  und  wo 
rechts  und  links  bei  anderen  sind.  Für  mich  war  es  (in  früheren 
Jahren)  eher  Sache  der  Überlegung,  wo  meine  Rechte  ist,  kein 
Organgefühl  sagte  es  mir.  Ich  pflegte  rasch  die  Schreibbe¬ 
wegungen  mit  der  Rechten  zu  versuchen.  Bei  anderen  muß 
ich  heute  noch  die  Steilung  usw.  umrechnen.  Vielleicht  paßt 
das  Dir  in  die  Auffassung  hinein,  vielleicht  hängt  es  damit  zu¬ 
sammen,  daß  ich  im  allgemeinen  ein  niederträchtig  geringes 
Raumvorstellungsvermögen  habe,  was  mir  alle  geometrischen 
und  davon  abgeleiteten  Studien  unmöglich  gemacht  hat. 


Brief  vom  16.  i.  98 


259 


So  erscheint  es  mir.  Nun  weiß  ich  ja,  daß  es  trotzdem  anders 
sein  kann  und  daß  meine  bisherige  Abneigung  gegen  Deine 
Auffassung  der  Linken  auf  unbewußten  Motiven  beruhen  mag. 
Sind  die  hysterisch,  so  haben  sie  sicherlich  mit  dem  Thema 
nichts  zu  tun,  sondern  halten  sich  nur  ans  Schlagwort.  Etwa, 
daß  ich  etwas  angestellt  habe,  was  man  nur  mit  der  Linken  tun 
kann.  Die  Aufklärung  darüber  kommt  dann  irgendeinmal, 
Gott  weiß,  wann. 


Du  mußt  mir  versprechen,  von  der  Gartenlaube  gar  nichts 
zu  erwarten.  Es  wird  wirkliches  Geschwätz,  gut  genug  für  die 
Leute,  zwischen  uns  mit  keinem  Wort  zu  berühren.1 


Herzlichst  Dein 


Sigm. 


82 

16.  1.  98. 

Teurer  Wühelm !  IX,  Berggasse  19. 

•  •  • 

Es  wimmelt  allerlei  kleines  Zeug,  Traum  und  Hysterie  fügen 
sich  immer  feiner.  Die  Details  verlegen  jetzt  den  Weg  für  die 
in  Breslau  angeregten  großen  Probleme.  Man  muß  es  nehmen, 
wie  es  kommt,  und  froh  sein,  daß  es  kommt.  Die  Definition 
von  „Glück“  füge  ich  bei  (wenn  ich  sie  Dir  nicht  schon  längst 
mitgeteilt  ?). 

Glück  ist  die  nachträgliche  Erfüllung  eines  prähistorischen 
Wunsches.  Darum  macht  Reichtum  so  wenig  glücklich;  Geld 
ist  kein  Kinderwunsch  gewesen. 

x)  Gemeint  ist  der  Aufsatz  über  „Die  Sexualität  in  der  Ätiologie  der  Neuro¬ 
sen“. 


260 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Allerlei  anderes  dämmert  noch  und  immer  ist  alles  Frühere 
vergessen.  Zusammenfassen  ist  noch  nicht  möglich. 

•  •  • 

Dein 

Sigm. 


83 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  9.  2.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Ich  war  Sonntag  auf  Konsultation  in  Ungarn,  wo  eine 
50jährige  Dame  behauptet,  sie  ginge  auf  hölzernen  Rollen,  ihre 
Glieder  seien  schlaff  wie  die  einer  Gliederpuppe,  sie  werde  bald 
anfangen,  auf  allen  Vieren  zu  kriechen.  Im  Übrigen  bin  ich  ohne 
jeden  Grund  glänzend  aufgelegt  und  habe  mein  Tagesinteresse 
gefunden.  Ich  bin  tief  im  Traumbuch,1  schreibe  es  fließend 
und  freue  mich  in  Gedanken  an  all  das  „Schütteln  des  Kopfes“2 
über  die  Indiskretionen  und  Vermessenheiten,  die  es  enthält. 
Wenn  man  nicht  auch  lesen  müßte!  Das  bißchen  Literatur  ist 
mir  schon  zuwider.  Das  einzige  vernünftige  Wort  ist  dem  alten 
Fechner  in  seiner  erhabenen  Einfalt  in  den  Sinn  gekommen.3 
Der  Traumvorgang  spielt  auf  einem  anderen  psychischen  Terrain. 
Die  erste  rohe  Karte  dieses  Terrains  werde  ich  mitteilen. 

.  .  .  Selbstanalyse  ruht  zugunsten  des  Traumbuches.  Die 
Hysteriefälle  gehen  sogar  schlecht  voraus.  Ich  werde  auch  in 
diesem  Jahr  keinen  zu  Ende  bringen;  für’s  nächste  bin  ich  dann 
ganz  ohne  Patientenmaterial. 

Den  „Gartenlaubenartikel“  habe  ich  heute  zu  Ende  gebracht.4 

*)  „Die  Traumdeutung“. 

2)  Aus  der  „Jobsiade“  von  Wilhelm  Busch. 

3)  „Elemente  der  Psychophysik“,  II.  Teil,  S.  520. 

4)  Der  Aufsatz  „Die  Sexualität  in  der  Ätiologie  der  Neurosen“. 


Brief  vom  9.  2.  98 


261 


Er  ist  ziemlich  frech  und  wesentlich  dazu  bestimmt,  ein  Ärgernis 
zu  geben,  was  ihm  auch  gelingen  wird.  Breuer  wird  sagen,  ich 
hätte  mir  sehr  geschadet. 

Einem  Gerücht  zufolge  sollen  wir  zum  Kaiser jubiläum  2. 

Dezember  mit  dem  Titel  von  Professoren  bekleidet  werden.  Ich 

glaube  nicht  daran,  habe  einen  reizenden  Traum  darüber  gehabt, 

der  leider  nicht  publizierbar  ist,  weil  sein  Hintergrund,  sein 

zweiter  Sinn  zwischen  meiner  Amme  (meiner  Mutter)  und 

•  • 

meiner  Frau  hin  und  hergeht.  .  .  .  Überhaupt.  Das  Beste,  was 
Du  wissen  kannst  usw. 


Zola  hält  uns  sehr  in  Atem.  Der  brave  Kerl,  das  war’  einer, 
mit  dem  man  sich  verständigen  könnte.1  Das  lausige  Benehmen 
der  Franzosen  hat  mir  Deine  Bemerkungen  auf  der  Breslauer 
Brücke  über  Frankreichs  Verfall,  die  mir  anfangs  unangenehm 
waren,  ins  Gedächtnis  gerufen. 

Das  Auftreten  Schweningers  hier  im  Redezirkus  war  eine  arge 
Blamage.2  Ich  war  natürlich  nicht  dabei.  Dafür  habe  ich  mir 
das  Vergnügen  gegönnt,  unseren  alten  Freund  Mark  Twain 
leibhaftig  zu  hören,  was  ein  großer  Genuß  war.3 * 

Leb  recht  wohl  und  grüß5  mir  Deine  ganze  gegenwärtige  und 
zukünftige  Familie 

Dein 


Sigm. 


x)  Diese  Bemerkung  bezieht  sich  auf  den  Zola  Prozeß  in  Paris  (7.-23.  Fe¬ 
bruar  1898).  Zwei  Tage  nach  dem  Freispruch  Eszterhazis,  des  Kronzeugen  der 
Anklage  im  Dreyfus  Prozeß,  hatte  Zola  seine  berühmte  Streitschrift „J’Accuse“ 
veröffentlicht,  in  der  er  die  Anti-Dreyfus-Machinationen  bloßlegte.  Die 
Anklage,  die  gegen  Zola  auf  Grund  dieser  Veröffentlichung  erhoben  wurde, 
führte  zu  seiner  Verurteilung. 

2)  „Geheimrat  Schweninger“,  der  berühmte  Arzt  Bismarcks,  hielt  am  5.  Fe¬ 
bruar  1898  gemeinsam  mit  dem  Schriftsteller  Maximilian  Harden  einen  Vortrag 
in  Dialogform,  in  dem  er  dem  medizinischen  Nihilismus  das  Wort  redete.  Er 
wendete  sich  gegen  das  Spezialistentum  in  der  Medizin,  machte  geringschätzige 
Bemerkungen  über  die  Röntgenphotographie  als  diagnostischen  Behelf  und 
bekannte  sich  dazu,  die  Tierärzte  zu  beneiden,  da  das  Tier  nicht  reden  könne. 
Der  Vortrag  gipfelte  in  dem  Satz  „Dem  Mutigen  gehört  die  Welt,  auch  dem 
mutigen  Kranken“. 

3)  Freud  besuchte  eine  der  Vorlesungen,  die  Mark  Twain  in  Wien  hielt 

(s.  „Das  Unbehagen  in  der  Kultur“,  1928,  G.S.  XI,  S.  93),  an  die  er  sich  noch 

in  späteren  Jahren  häufig  erinnerte. 


262 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


84 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  10.  3.  98. 

Dozent  fiir  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 


Es  war  keine  kleine  Leistung  von  Dir,  das  Traumbuch  fertig  da¬ 
liegen  zu  sehen.1  Es  hat  wieder  geruht  und  das  Problem  unterdes 
sich  vertieft  und  erweitert.  Es  scheint  mir,  als  ob  mit  der  Theorie 
der  Wunscherfüllung  nur  die  psychologische  Lösung  gegeben 
wäre,  nicht  die  biologische,  oder  besser,  metapsychische.  (Ich 
werde  Dich  übrigens  ernsthaft  fragen,  of  ich  für  meine  hinter 
das  Bewußtsein  führende  Psychologie  den  Namen  Metapsychologie 
gebrauchen  darf.)  Biologisch  scheint  mir  das  Traumleben  durch¬ 
wegs  von  den  Resten  der  prähistorischen  Lebenszeit  (1-3  Jahre) 
auszugehen,  derselben  Zeit,  welche  die  Quelle  des  Unbewußten 
ist  und  die  Ätiologie  aller  Psychoneurosen  allein  erhält,  der 
Zeit,  für  welche  normaler  Weise  eine  der  Hysterie  analoge 
Amnesie  besteht.  Mir  ahnt  die  Formel :  Was  in  der  prähistorischen 
Zeit  gesehen  wird,  ergebe  den  Traum,  was  in  ihr  gehört 
wird,  die  Phantasien,  was  in  ihr  sexuell  erlebt 
wird,  die  Psychoneurosen.  Die  Wiederholung  des  in  dieser 
Zeit  Erlebten  sei  an  und  für  sich  Wunscherfüllung,  ein  rezenter 
Wunsch  führt  nur  dann  zum  Traum,  wenn  er  sich  mit  Material 
aus  dieser  prähistorischen  Periode  in  Verbindung  setzen  kann, 
wenn  der  rezente  Wunsch  ein  Abkömmling  eines  prähistorischen 
ist  oder  sich  von  einem  solchen  kann  adoptieren  lassen.  Wie 

x)  Die  einleitende  Bemerkung  bezieht  sich  offenbar  auf  eine  in  der  „Traum¬ 
deutung“  ( G.W .  II-III,  S.  177)  mitgeteilte  Stelle  aus  einem  Brief  von  Fliess: 

„Mein  visueller  Freund  schrieb  mir  gestern  aus  Berlin  :  ,Mit  Deinem 
Traumbuche  beschäftige  ich  mich  sehr  viel.  Ich  sehe  es  fertig  vor  mir 
liegen  und  blättere  darin4.“ 

Diese  Verbindung  erlaubt  es  nun  festzustellen,  daß  der  vorliegende  Brief  am 
Tage  nach  dem  oder  kurz  nach  dem  in  der  „Traumdeutung4*  mitgeteilten 
„Traum  von  der  botanischen  Monographie**  geschrieben  wurde.  In  der  Deu¬ 
tung  dieses  Traumes  spielt  die  Beziehung  auf  eine  Kinderszene  eine  erhebliche 
Rolle.  Aus  dem  vorliegenden  Brief  sehen  wir,  daß  an  der  Deutung  dieses 
Traumes  Freud  eine  der  Grundansichten  seiner  Traumdeutung  festigte. 


Brief  vom  15.  3.  98 


263 


weit  ich  diese  auf’s  Letzte  gehenden  Theorie  festhalten  und  wie 
weit  ich  sie  schon  im  Traumbuch  preisgeben  kann,  steht  noch 
dahin. 

Mein  Kolleg  war  heuer  besonders  animiert,  auch  ein  Assistent 
von  Erb  dabei.  Während  der  unfreiwilligen  Unterbrechung 
durch  die  Schließung  der  Universität  habe  ich  in  meinem  Zimmer 
beim  Bierkrug  und  bei  der  Zigarre  weiter  doziert.  Für’s  nächste 
Semester  habe  ich  außer  den  bisherigen  bereits  zwei  Neuanmel¬ 
dungen. 

Ein  jüngst  erschienenes  Buch  von  Janet,  „Hysterie  et  idees 
fixes“  habe  ich  mit  Herzklopfen  zur  Hand  genommen  und 
ruhigen  Pulses  bei  Seite  gelegt.1  Er  ahnt  den  Schlüssel  nicht. 

So  altere  ich  meist  zufrieden  weiter,  sehe  mich  rapid  grau 
und  die  Kinder  groß  werden,  freue  mich  auf  die  Ostertage  und 
übe  mich  in  Geduld  auf  die  Lösung  der  Neurosenprobleme  zu 
warten. 

Ein  Gerücht  sagt,  daß  R.  W.  heuer  mitkommen  wird  ?  Lassen 
wir  ihn  dann  die  Bekanntschaft  der  Kinder  machen? 


Dein 


Sigm. 


8S  . 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  15.  3.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Habe  ich  Conrad  Ferdinand  je  unterschätzt,  so  bin  ich  seit 
dem  Himmelstor  durch  Dich  längst  bekehrt.2 

A)  P.  Janet,  „Nsvroses  et  id&es  fixe*,“.  2  Bde.,  1898.  (Der  zweite  klinische 
Band  gemeinsam  mit  Charcots  Nachfolger  F.  Raymond.) 

a)  Hinweis  auf  das  Gedicht  „Am  Himmelsthor“  von  Conrad  Ferdinand 
Meyer,  dem  Schweizer  Dichter,  geb.  1825,  gest.  1898.  Durch  Fliess  auf  Meyer 
hingelenkt,  hat  sich  Freud  mit  seinen  Werken  später  nachdrücklich  beschäftigt. 
Siehe  Briefe  Nr.  90  und  91.  Seine  Vorliebe  ist  dem  Dichter  seither  treu  geblie¬ 
ben.  S.  Hanns  Sachs,  „Freud,  Master  ard  Friend 1945,  S.  50. 


264 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Auch  die  Bisexualität  unterschätze  ich  keineswegs,  ich  erwarte 
alle  weitere  Erleuchtung  von  ihr,  speziell  seit  jenem  Moment 
am  Breslauer  Markt,  da  wir  uns  in  einer  Rede  trafen.  Ich  bin 
nur  jetzt  ferne  von  ihr,  weil  ich  in  einem  dunklen  Schacht  ver¬ 
graben  nichts  anderes  sehe.  Meine  Arbeitsfrische  scheint  eine 
Funktion  der  Entfernung  von  unseren  Kongressen.  Um  diese 
Zeit  bin  ich  einfach  blöde,  ...  es  fällt  mir  absolut  nichts  mehr 
ein.  Ich  glaube  wirklich,  meine  Lebensweise,  die  9  Stunden 
Analyse,  8  Monate  im  Jahr,  verwüsten  mich.  Leider  hält  mein 
leichter  Sinn,  der  mir  Erholung  von  Zeit  zu  Zeit  raten  würde, 
vor  dem  schlechten  Ertrag  dieser  Zeiten  und  den  Aussichten 
auf  noch  schlechtere  nicht  stand.  Ich  arbeite  also  weiter  wie  ein 
Komfortableroß,1  sagt  man  bei  uns.  Ich  bin  auf  die  Idee  ge¬ 
kommen,  Du  wolltest  die  Traumarbeit  lesen  und  seiest  zu 
diskret,  sie  zu  verlangen.  Bedarf  keiner  Erörterung,  daß  ich  sie 
Dir  vor  dem  Druck  geschickt  hätte.  Da  sie  aber  jetzt  wieder 
still  hält,  kann  ich  sie  Dir  wirklich  auch  in  Bruchstücken  schicken. 
Dazu  dann  einige  Erläuterungen.  Es  ist  ein  zweites  Kapitel. 
Das  erste  über  Literatur  ist  noch  nicht  geschrieben.  Es  folgen 

3.  Traummaterial, 

4.  Typische  Träume, 

5.  Psychischer  Vorgang  im  Traum, 

6.  Traum  und  Neurosen.2 

Die  hier  angeführten  zwei  Träume  werden  in  späteren  Ab¬ 
schnitten  wieder  kehren,  ihre  noch  unvollständige  Deutung  dort 
zu  Ende  geführt  werden.  Die  freimütigen  Bemerkungen  im 
Professurtraum  wirst  Du  hoffentlich  nicht  beanständen.3  Die 
Philister  hier  werden  froh  sein,  sagen  zu  können,  daß  ich  mich 
dadurch  unmöglich  gemacht  habe.  Was  Dich  etwa  an  dem  Traum 
frappiert,  wird  später  seine  Aufklärung  finden  (mein  Ehrgeiz). 
Bemerkungen  über  König  Ödipus,  das  Talismanmärchen,  viel- 

1)  Wiener  Dialekt  für  Droschkengaul. 

2)  In  der  endgültigen  Fassung  wurde  diese  Disposition  wesentlich  verändert. 

3)  Gemeint  ist  offenbar  der  Traum  „Freund  R.  ist  mein  Onkel“,  „Traum¬ 
deutung“,  G.W.  II-III,  S.  143  ff. 


Brief  vom  24.  3.  98 


265 


leicht  den  Hamlet,  werden  ihre  Stelle  finden.  Vorher  muß 
ich  über  die  Ödipussage  nachlesen,  weiß  noch  nicht  wo. 

Mein  Bedenken,  Dich  in  einer  arbeitsunlustigen  Zeit  zu  be¬ 
schweren,  bekämpfe  ich  mit  der  Erwägung,  daß  das  Ding  bei 
seinem  minimalen  spekulativen  Inhalt  Dich  wahrscheinlich  nur 
harmlos  amüsieren  wird. 

In  Hysterie  bin  ich  jetzt  völlig  disorientiert.  .  .  . 

Mit  herzlichstem  Gruß 

Dein 


Sigm. 


86 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  24.  3.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Du  wirst  darauf  gefaßt  sein,  daß  ich  Dir  heute  von  Deinem 
Urteü  über  mein  Traummanuskript  schreibe,  welches  mir  einen 
guten  Tag  verschafft  hat.  .  .  . 

Deine  Einwendungen  kann  ich  glücklicher  Weise  durch  den 
Hinweis  auf  die  späteren  Abschnitte  beantworten.  Ich  bin  eben 
vor  einem  solchen  stehen  geblieben,  welcher  die  somatischen 
Reize  für  den  Traum  behandelt.  Dabei  wird  auch  der  Angst¬ 
traum  berührt  werden,  auf  den  im  letzten  Abschnitt  „Traum  und 
Neurose“  neuerdings  Licht  fallen  soll.  In  die  Darstellung,  die 
Du  gelesen,  werden  aber  Verweisungen  aufgenommen  werden, 
damit  Dein  Eindruck,  daß  sich  der  Autor  hier  die  Arbeit  zu 
leicht  mache,  vermieden  wird. 

Ich  denke  mir  diese  Redaktion  überhaupt  nicht  als  definitive. 
Ich  will  zuerst  mein  Eigentum  in  Form  gebracht  haben,  dann 
die  Literatur  eingehend  studieren  und  nachher  einschalten  oder 
umarbeiten,  wozu  diese  Lektüre  Anlaß  geboten  hat.  Ich  kann 
nicht  lesen,  ehe  ich  selbst  nicht  fertig  bin,  und  ich  kann  nur 


266 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


beim  Schreiben  in’s  Detail  komponieren.  Bis  jetzt  sind  weitere 
24  Seiten  fertig;  aber  so  amüsant  oder  so  gründlich  wie  das  von 
Dir  Gelesene  wird  wohl  keine  andere  Partie. 

Über  vieles  Einzelne  hoffe  ich  von  Dir  mündlich  zu  hören. 
Du  sollst  mir  die  Pflichten  des  ersten  Publikums  und  obersten 
Richters  nicht  verweigern.  .  .  . 

Martin  hat  unlängst  in  einem  Gedicht  die  Verführung  der 
Gans  durch  den  Fuchs  geschildert.  Die  Liebeswerbung  darin 
lautet : 

Ich  liebe,  Dich, 

herzinniglich, 
komm,  küsse  mich. 

Du  könntest  mir  von  allen 
Tieren  am  besten  gefallen. 

Findest  Du  die  Form  nicht  bemerkenswert  ?  Gelegentlich  macht 
er  Verse,  die  sein  Auditorium  empören,  z.B. 

Der  Fuchsvater  sagt :  Wir  gehen  nach  Aussee, 

Darauf  freuen  sich  die  Kinder  und  trinken  Cafe. 

Zur  Beschwichtigung  sagt  er  dann:  Das  ist  nur  wie  Gesichter¬ 
schneiden,  wenn  ich  solche  Sachen  dichte. 

Und  Robert  Wilhelm?  Bringt  Ihr  ihn  mit,  wenn  Ihr  nach 
Wien  kommt? 

Auf  die  besten  Nachrichten  wartet 


Dein 


Sigm. 


87 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  3.  4.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d,  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  »  ♦ 

At  odd  hours  schreibe  ich  am  Traumbuch  weiter,  ein  zweiter 

Abschnitt,  der  sich  mit  den  Traumquelien  und  typischen 


Brief  vom  14.  4.  98 


267 


Träumen  beschäftigt,  ist  beinahe  vollendet,  aber  weit  weniger 
befriedigend  als  der  erste  und  wahrscheinlich  der  Umarbeitung 
bedürfig.  Sonst  sagt  mir  die  Wissenschaft  gar  nichts,  es  ist  auch 
kein  anderes  Interesse  als  für  den  Traum  in  mir  lebendig. 

Die  Influenza  ist  nach  geringem  Schaden  und  ohne  Vorliebe 
für  das  männliche  Geschlecht  zu  zeigen  abgelaufen.  Das  Volk 
ist  lebhaft  und  amüsant,  die  Frauenzimmer  wohl,  der  Mann 
grantig. 

•  •  • 

Die  Kinder  wollen,  daß  ich  heute  das  große  Reisespiel  „100 
Reisen  durch  Europa“  mit  ihnen  spiele.  Ich  werde  es  tun,  denn 
auch  die  Lust  zur  Arbeit  ist  nicht  immer  vorhanden. 

Meine  Vorlesung  langweilt  mich,  ich  mag  die  Hysterie  nicht 
vortragen,  weil  mir  an  zwei  wichtigen  Stellen  die  sichere  Ent¬ 
scheidung  fehlt. 

Sehr  gerne  möchte  ich  heuer  wieder  in  unser  schönes  Italien, 
aber  der  Erwerb  war  schlecht.  Ich  muß  sparen. 


Dein 


\ 

Sigm. 


88 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  14,  4.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wühelm ! 

Ich  meine,  es  ist  eine  gute  Regel  für  den  Briefschreiber,  das 
unerwähnt  zu  lassen,  was  der  Empfänger  schon  weiß,  ihm  dafür 
Heber  etwas  Neues  zu  erzählen.  Darum  gehe  ich  darüber  hin¬ 
weg,  daß  ich  gehört,  Du  hattest  zu  Ostern  eine  schlechte  Zeit 
gehabt;  das  weißt  Du  ohnehin.  Ich  will  Dir  Heber  von  meiner 


268 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Osterreise  erzählen,  die  ich  grantig  zurückgelegt,  von  der  ich 
aber  erfrischt  zurückgekommen  bin.1 

Wir  fuhren  Freitag  abends  (Alexander  und  ich)  vom  Süd¬ 
bahnhof  fort  und  langten  Samstag  ioh.  früh  in  Görz  an,  wo  wir 
im  hellen  Sonnenschein  zwischen  weißgestrichenen  Häusern 
spazierten,  weißblühende  Bäume  sahen,  Orangen  und  kandierte 
Früchte  essen  konnten.  Dabei  sammeln  wir  Erinnerungen,  die 
Aussicht  von  der  Festung  erinnert  an  Florenz,  die  Fortezza 
selbst  an  S.  Pietro  in  Verona  und  an  die  Burg  in  Nürnberg. 
Die  erste  Empfindung,  die  einem  im  italienischen  Lande  nach¬ 
geht,  das  Vermissen  von  Wiese  und  Wald,  war  natürlich  wie  bei 
jedem  Übergang  sehr  lebhaft.  Der  Isonzo  ist  ein  herrlicher 
Fluß.  Auf  dem  Wege  begegneten  wir  drei  Zügen  der  Julischen 
Alpen.  Am  Sonntag  hieß  es  früh  aufstehen,  um  mit  der  friau- 
lischen  Lokalbahn  bis  nahe  an  Aquileja  zu  kommen.  Die  ehe¬ 
malige  Großstadt  ist  ein  kleiner  Misthaufen,  das  Museum  zeigt 
freilich  einen  unerschöpflichen  Reichtum  an  Römerfunden : 
Grabsteine,  Amphoren,  Göttermedaillons  vom  Amphitheater, 
Statuen,  Bronzen  und  Schmuck.  Mehrere  priapäische  Dar¬ 
stellungen.  Eine  Venus,  die  sich  von  dem  eben  geborenen 
Kinde  unwillig  abwendet,  nachdem  ihr  das  Membrum  gezeigt 
worden  ist;  Priapus  als  alter  Mann,  dem  ein  Silen  die  Scham 
verhüllt,  der  sich  von  jetzt  an  also  dem  Trunk  ergeben  wird. 
Ein  steinernes  Priapusornament,  der  Penis  als  Flügeltier,  von 
dem  an  natürlicher  Stelle  ein  kleinerer  abgeht,  während  die 
Flügel  selbst  als  Penis  endigen.  Der  Priapus  war  die  festge¬ 
haltene  Erektion,  die  Wunscherfüllung  als  Gegensatz  der  psy¬ 
chischen  Impotenz. 

Um  ioh.  wurde  von  einem  merkwürdigen  Motor  ein  kleiner 
Dampfer  in  den  Kanal  von  Aquileja  geschleppt,  der  gerade 
niedriges  Wasser  hatte.  Der  Motor  hatte  einen  Strick  um  den 
Leib  und  rauchte  während  seiner  Tätigkeit  Pfeife.  Den  Dampfer 
hätte  ich  gerne  den  Kindern  mitgebracht,  er  war  aber  als  einzige 

x)  Freud  hatte  geplant,  Fliess  zu  treffen;  die  Absicht  war  durch  Fliess’ 
Erkrankung  vereitelt  worden.  Die  Reise  nach  Istrien,  die  dieser  Brief  be¬ 
schreibt,  ist  im  Anschluß  an  Freuds  Traum  vom  „Schloß  am  Meer“  in  der 
Traumdeutung  ausführlich  erwähnt.  (G.W.  XI-III,  S.  4 66  ff.) 


Brief  vom  14.  4.  98 


269 


Weltverbindung  nach  dem  Kurort  Grado  nicht  zu  entbehren. 
Eine  2|stündige  Fahrt  durch  die  ödesten  Lagunen  brachte  uns 
nach  Grado,  wo  wir  endlich  wieder  am  Strande  der  Adria 
Muscheln  und  Seeigeln  sammeln  konnten. 

Noch  am  Nachmittag  kamen  wir  nach  Aquileja  zurück,  nachdem 
wir  von  unseren  Vorräten  und  von  einem  köstlichen  Istrianerwein 
auf  dem  Schiff  Mahlzeit  gehalten  hatten.  Im  Dom  von  Aquileja 
waren  gerade  mehrere  hundert  der  schönsten  Friauler  Mädchen 
zur  Feiertagsmesse  versammelt.  Die  Pracht  der  alten  romanischen 
Basilika  tat  wohl  mitten  in  der  Armut  der  Neuzeit.  Auf  dem 
Rückweg  sahen  wir  ein  Stück  alter  Römerstraße  mitten  in  einem 
Feld  freigelegt.  Ein  rezenter  Betrunkener  lag  auf  den  antiken 
Pflastersteinen.  Am  selben  Abend  kamen  wir  noch  nach  Divaca 
auf  dem  Karst,  wo  wir  übernachteten,  um  am  nächsten  und 
letzten  Tag  —  Montag  —  die  Höhlen  zu  besuchen.  Am  Vor¬ 
mittag  gingen  wir  in  die  Rudolfshöhle,  J  Stunde  von  der  Station, 
angefüllt  mit  allerlei  seltsamen  Tropfsteinbildungen,  Riesen¬ 
schachtelhalmen,  Baumkuchen,  Stoßzähnen  von  unten,  Vor¬ 
hängen,  Maiskolben,  faltenschweren  Zelten,  Schinken  und 
Geflügel  von  oben  herabhängend.  Das  merkwürdigste  war  unser 
Führer,  im  schweren  Alkoholdusel,  aber  ganz  sicher  und  hu¬ 
moristisch  belebt.  Er  war  der  Entdecker  der  Höhle  selbst,  ein 
verkommenes  Genie  offenbar,  sprach  immer  von  seinem  Tode, 
seinen  Konflikten  mit  den  Geistlichen  und  seinen  Eroberungen 
in  diesen  unterirdischen  Reichen.  Als  er  äußerte,  daß  er  schon 
in  36  „Löchern4 e  im  Karst  gewesen,  erkannte  ich  ihn  als  Neu¬ 
rotiker  und  sein  Konquistadorentum  als  erotisches  Äquivalent. 
Er  gab  wenige  Minuten  später  die  Bestätigung,  denn  als  Alexander 
ihn  fragte,  wie  weit  man  in  der  Höhle  kommen  kann,  antwortete 
er:  Es  ist  wie  bei  einer  Jungfrau;  je  weiter  man  kommt,  desto 
schöner  ist  es. 

Das  Ideal  des  Mannes  ist  es,  einmal  nach  Wien  zu  kommen, 
um  sich  dort  in  den  Museen  Vorbilder  für  die  Namengebung 
seiner  Tropfsteine  zu  holen.  Ich  überzahlte  den  „größten 
Lumpen  von  Divaca“,  wie  er  sich  nennt,  mit  einigen  Gulden, 
damit  er  sich  schneller  aus  dem  Leben  trinken  kann. 


270 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Die  Höhlen  von  St.  Cangian,  die  wir  am  Nachmittag  sahen, 
sind  ein  schauerliches  Naturwunder,  ein  unterirdischer  Flußlauf 
durch  großartige  Gewölbe,  Wasserfälle,  Tropfsteinfelsbildungen, 
Nacht,  schlüpfrige,  mit  eisernen  Geländern  versicherte  Wege. 
Der  reine  Tartarus.  Wenn  Dante  dergleichen  gesehen  hat,  so 
brauchte  er  für  sein  Inferno  nicht  viel  Phantasieanstrengung 
mehr.  Der  Herr  von  Wien,  Herr  Dr.  Carl  Lueger,1  war  mit 
uns  gleichzeitig  in  der  Höhle,  die  uns  alle  nach  3!  Stunden 
wieder  an’s  Licht  spie. 

Montag  abends  fing  die  Heimreise  an.  Tags  darauf  konnte 
ich  an  der  Wiederkehr  von  Einfällen  bei  der  Arbeit  merken, 
daß  die  Ruhe  dem  Apparat  wohlgetan  hat. 


Dein 


89 

Dr.  Sigm.  Freud,  *  Wien,  1.  5.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Anbei  Caput  III  vom  Traume.  Du  wirst  mich  etwas  unge¬ 
nießbar  finden,  ich  bin  ganz  im  Traum  und  darin  ganz  blöde. 
Ich  habe  jetzt  das  Stück  Psychologie,  bei  dem  ich  stecken  ge¬ 
blieben  war,  geschrieben,  aber  es  gefallt  mir  nicht,  wird  auch 
nicht  stehen  bleiben.  Der  Abschnitt,  den  Du  jetzt  in  Händen 
hast,  ist  stilistisch  noch  ganz  roh  und  in  einzelnen  Stücken 
schlecht,  d.h.  leblos  dargestellt.  Die  darin  gelassenen  Stücke 

x)  Dr.  Karl  Lueger,  1844-1910,  der  christlich-soziale,  anti-semitische  Bür¬ 
germeister  von  Wien,  der,  nachdem  seiner  Wahl  die  kaiserliche  Bestätigung  in 
den  Jahren  1895  und  1896  dreimal  verweigert  worden  war,  nach  einer  aber¬ 
maligen  Neuwahl  am  8.  April  1897  Bürgermeister  wurde  und  in  der  Wiener 
Stadtpolitik  mit  unerbittlichem  Eher  reaktionäre  Ziele  verfolgte. 


Brief  vom  9.  6.p 98 


271 


in  Betreff  der  somatischen  Anregungen  zum  Traum  müssen  noch 
stärker  hervorgehoben  werden.  Ich  erwarte  natürlich*  daß  Du 
mir  verschiedene  kräftige  Worte  dazu  sagst*  wenn  wir  uns 
Wiedersehen.  Das  Ergebnis  halte  ich  für  richtig. 

Ich  möchte  irgendeine  kräftige  Anregung  haben.  Ich  bin, 
wie  ich  unlängst  jemand  von  sich  sagen  hörte,  eine  Maschine  auf 
10  Atmosphären  Druck  gespannt  und  bei  2  Atmosphären  laufe 
ich  heiß.  Ich  habe  es  heuer  noch  kaum  zum  Gefühl  der  Er¬ 
müdung  gebracht,  sonst  schnappe  ich  um  diese  Zeit  längst  nach 
Erholung.  Ich  habe  nicht  viel,  und  was  ich  habe,  plagt  mich 
weniger. 

Meine  intellektuelle  Arbeit  leiten  habe  ich  nie  können;  somit 
geht  meine  Muße  unbenutzt  verloren. 


90 


Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 


Wien,  9.  6.  98. 
IX.  Berggasse  19. 


a.  d.  Universität. 

Mein  teurer  Wilhelm ! 

•  *  • 

Mit  der  Fortsetzung  des  Traumes  hapert’s.1  (Ida  wird  Dir 
das  Wort  erklären.)  Ich  bin  zwar  schon  bei  p.  14,  aber  unmöglich, 
es  so  publizieren,  vielleicht  selbst  es  einem  anderen  vorzulegen. 
Der  bloße  Vorversuch.  Es  ist  nämlich  die  neue  Psychologie, 
soweit  sie  sich  auf  den  Traum  bezieht,  hundeschwer  darzustellen, 
von  Natur  aus  Fragment,  und  alle  die  dunkeln  Partien,  die  ich 

*)  Wiener  Sprachgebrauch  für  „gibt  es  Schwierigkeiten“. 


272 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


mir  bisher  in  Trägheit  gelassen,  verlangen  nun  nach  Aufhellung. 
Ich  brauche  viel  Geduld,  frohe  Laune  und  einige  gute  Einfälle. 
So  stecke  ich  bei  dem  Verhältnis  der  zwei  Denksysteme ;  ich  muß 
Ernst  mit  ihnen  machen.  Eine  Weile  wird  wieder  mit  mir  nicht 
zu  reden  sein.  Die  Spannung  der  Unsicherheit  ergibt  einen 
niederträchtig  unbehaglichen  Zustand,  den  man  fast  leiblich 
verspürt. 


C.  F.  Meyer  lese  ich  mit  großem  Genuß.  In  „Gustav  Adolfs 
Page“  finde  ich  den  Gedanken  der  Nachträglichkeit  zweimal, 
in  der  berühmten  von  Dir  entdeckten  Stelle  mit  dem  schlum¬ 
mernden  Kuß  und  in  der  Episode  mit  dem  Jesuiten,  der  sich  als 
Lehrer  bei  der  kleinen  Christine  einschleicht.  In  Innsbruck  wird 
ja  die  Kapelle  gezeigt,  wo  sie  zum  Katholizismus  übergetreten 
ist!  Sonst  aber  stehe  ich  ratlos  vor  der  Willkürlichkeit  der 
Annahme,  auf  der  die  Verknotung  beruht.  Die  Ähnlichkeit  des 
Pagen  mit  dem  Lauenburger  in  Hand  und  Stimme,  an  sich  so 
unwahrscheinlich  und  gar  nicht  weiter  begründet. 

Uber  die  Richterin  nächstens  ein  kleiner  Aufsatz. 

Herzlichste  Grüße 

Dein 


Sigm. 


91 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  20.  6.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Ich  bin  heute  früh  von  Aussee  zurückgekommen,  wo  ich  mein 
armes  Volk  verschnupft  und  erfroren  getroffen  habe.  Sie  wollen 
trozt  aller  Schönheit  nicht  wieder  nach  Aussee.  Ich  finde  hier 
noch  ausgiebige  Beschäftigung  bis  Ende  dieses  Monats. 


Brief  vom  20.  6.  98 


273 


Die  Richterin 1 

Kein  Zweifel,  daß  es  sich  um  die  poetische  Abwehr  der 
Erinnerung  an  ein  Verhältnis  mit  der  Schwester  handelt.  Merk¬ 
würdig  nur,  daß  diese  genau  so  geschieht  wie  in  der  Neurose. 
Alle  Neurotiker  bilden  den  sogenannten  Familienroman  (der  in 
der  Paranoia  bewußt  wird),  der  einerseits  dem  Größenbedürfnis 
dient,  andererseits  der  Abwehr  des  Inzestes.  Wenn  die  Schwester 
nicht  das  Kind  der  Mutter  ist,  so  ist  man  ja  des  Vorwurfes 
ledig.2  (Ebenso  wenn  man  selbst  das  Kind  anderer  Leute  ist.) 
Woher  nimmt  man  nun  das  Material  von  Untreue,  illegitimem 
Kind  u.  dgl.,  um  diesen  Roman  zu  bilden?  Gewöhnlich  aus 
dem  niedrigeren  sozialen  Kreis  der  Dienstmädchen.  Dort 
kommt  dergleichen  so  häufig  vor,  daß  man  nie  um  Material 
verlegen  ist  und  hat  besonderen  Anlaß  dazu,  wenn  die  Verführerin 
selbst  eine  dienende  Person  war.  In  allen  Analysen  bekommt 
man  darum  dieselbe  Geschichte  zweimal  zu  hören,  einmal  als 
Phantasie  auf  die  Mutter,  das  zweite  als  wirkliche  Erinnerung 
von  der  Magd.  So  erklärt  sich,  daß  in  der  Richterin,  die  ja  die 
Mutter  ist,  dieselbe  Geschichte  unverändert  zweimal  erscheint, 
was  als  Komposition  kaum  eine  gute  Leistung  wäre.  Herrin  und 
Dienerin  hegen  am  Ende  entseelt  neben  einander.  Die  Magd 
geht  am  Ende  vom  Hause  fort,  der  gewöhnliche  Ausgang  von 
Dienstbotengeschichten,  aber  auch  die  Buße  der  Dienerin  in 
der  Novelle.  Außerdem  dient  dieses  Stück  des  Romans  zur 
Rache  gegen  die  gestrenge  Frau  Mama,  die  einen  etwa  beim 
Verkehr  überrascht  und  ausgezankt  hat.  Im  Roman  wie  in  der 
Novelle  wird  die  Mutter  überrascht  und  gerichtet,  bloßgestellt. 
Das  Wegnehmen  des  Horns  ist  ein  echt  kindlicher  Klagepunkt, 
das  Wiederfinden  eine  geradezu  kindische  Wunscherfüllung.  Der 
Zustand  der  Schwester,  die  Anorexie,  geradezu  die  neurotische 
Folge  des  Kinderverkehrs,  nur  ist  es  in  der  Novelle  nicht  Schuld 
des  Bruders,  sondern  der  Mutter.  Gift  entspricht  paranoisch 
genau  der  Anorexie  der  Hysterie,  also  der  unter  den  Kindern 
gebräuchlichsten  Perversion.  Sogar  der  „Schlag“  spukt  darin 


x)  Freuds  erste  Anwendung  der  Analyse  auf  ein  Werk  der  Literatur. 

2)  Zum  Familienroman  s.  S.  219. 

U 


274 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


(die  Angst  vor  dem  Schlag  als  Phobie  bedeutet  Kinderschläge). 
Die  Rauferei,  die  in  einer  Kinderliebe  nie  fehlt,  ist  auch  in  der 
Novelle  durch  das  an  die  Felsen  Schleudern  der  Schwester 
dargestellt,  geschieht  aber  als  Gegensatz  aus  Tugend,  weil  die 
Kleine  zu  zudringlich  ist.  Der  Herr  Lehrer  spielt  mit  der  Person 
des  Alcuin  hinein.  Der  Vater  winkt  als  Kaiser  Karl  in  seiner 
dem  Kindertreiben  fernen  Größe  und  in  anderer  Inkarnation  als 
der,  dem  die  Mutter  das  Leben  vergiftet  hat  und  den  der  Familien¬ 
roman  regelmäßig  beseitigt,  weil  er  dem  Sohn  im  Weg  steht. 
(Wunschtraum  vom  Tod  des  Vaters.)  Zwistigkeiten  zwischen  den 
Eltern  sind  das  fruchtbarste  Material  für  die  Kinderromane. 
Die  Erbitterung  gegen  die  Mutter  macht  sie  in  der  Novelle  zur 
Stiefmutter.  Also  in  jedem  einzelnen  Zug  identisch  mit  einem 
der  Rache-  und  Entlastungsromane,  den  meine  Hysteriker  gegen 
ihre  Mutter  dichten,  wenn  sie  Knaben  sind. 

Mit  der  Psychologie  geht  es  seltsam,  sie  ist  fast  fertig,  wie  im 
Traum  komponiert  und  sicher  in  der  Form  nicht  zur  Publikation 
geeignet,  auch  nicht  dazu  bestimmt,  wie  der  Stil  zeigt.  Ich 
stehe  ihr  sehr  zaghaft  gegenüber.  Alle  Motive  für  sie  hegen  in 
der  Neurosen-,  nicht  in  der  Traumarbeit.  Ich  werde  vor  den 
Ferien  nichts  Definitives  mehr  machen. 

Der  Sommer  wird  bald  sehr  langweilig  werden.  Laß  mich 
bald  von  Dir  und  Deiner  Familie  hören.  .  .  . 

Herzlichst 

Dein 


Sigm. 


92 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  7.  7.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

Teurer  Wilhelm ! 

Hier  ist  sie.1  Ich  habe  mich  sehr  schwer  entschlossen  sie  aus 

*)  Es  scheint  sich  um  einen  weiteren  Abschnitt  der  „Traumdeutung“  oder 
um  eine  nicht  erhaltene  Niederschrift  von  Freuds  Selbstanalyse  zu  handeln. 


Brief  vom  7.  7.  98 


275 


der  Hand  zu  geben.  Persönliche  Intimität  hätte  nicht  hingereicht, 
es  gehörte  unsere  intellektuelle  Aufrichtigkeit  vor  einander  dazu. 
Sie  ist  ganz  dem  Unbewußten  nachgeschrieben  nach  dem  be¬ 
rühmten  Prinzip  von  Itzig  dem  Sonntagsreiter.  „Itzig,  wohin 
reifst  Du?  —  Weiß  ich,  frag  das  Pferd.“  Ich  wußte  bei  keinem 
Absatzanfang,  wo  ich  landen  werde.  Es  ist  natürlich  nicht  für 
den  Leser  geschrieben,  der  Versuch  einer  Stilisierung  nach  den 
ersten  zwei  Seiten  aufgegeben.  Natürlich  glaube  ich  aber  doch 
an  die  Resultate.  In  welcher  Form  der  Inhalt  sich  endlich  fügen 
wird,  ahne  ich  noch  gar  nicht. 

Ich  lebe  jetzt  in  behaglicher  Faulheit  und  ernte  ein  bißchen  die 
Früchte  der  Vertrautheit  mit  den  hysterischen  Dingen,  Es 
wird  mir  alles  leicht  und  durchsichtig.  Sonntag  und  Montag 
habe  ich  als  Konsiliarius  die  Schlachtfelder  von  Königgrätz1 
aus  der  Ferne  gesehen.  Nach  Aussee  komme  ich  jetzt  nicht. 
Es  geht  ihnen  endlich  gut  drunten.  Schmerzen  habe  ich  jetzt 
ausnahmsweise  keine,  wenn  ich  wohl  bin,  bin  ich  auch  furcht¬ 
bar  faul. 

Die  schönste  und  von  den  Kinderszenen  entlegenste  Novelle 
unseres  Dichters2  scheint  mir  die  „Hochzeit  des  Mönchs“  zu 
sein,  welche  eine  in  späteren  Jahren  bei  der  Phantasiebildung 
auftretende  Aktion  herrlich  illustriert,  das  Zurückphantasieren 
von  einem  neuen  Erlebnis  auf  eine  alte  Zeit,  so  daß  die  neuen 
Personen  mit  den  alten  Reihen  büden  und  die  Vorbüder  für  sie 
abgeben.  Das  geheime  Thema  ist  wohl  die  ungesättigte,  durch 
Dante  in  die  Ewigkeit  fortgesetzte  Rache  und  unausweichliche 
Strafe.  Vorgeschoben,  gleichsam  als  gelinde  Mißdeutung  des 
Bewußtseins,  ist  das  Thema  von  der  Haltlosigkeit,  wenn  man 
einmal  seine  feste  Stütze  aufgegeben  hat.  Dem  manifesten  wie 
dem  latenten  Thema  gemeinsam  ist  wohl  der  Zug,  von  Streich 
zu  Streich  zu  gehen,  als  ob  die  „Richterin“  die  Reaktion  wäre 
auf  die  damals  aufgedeckten,  diese  Novelle  der  Nachklang  der 

*)  In  Königgrätz  wurde  im  Jahre  1866  die  österreichische  von  der  preus- 
sischen  Armee  geschlagen. 

2)  Der  Dichter  ist  natürlich  C.  F.  Meyer.  Die  Freudsche  Deutung,  in  der 
die  Rolle  von  manifesten  und  latenten  Themen  betont  wird,  leitet  unmittelbar 
auf  seine  spätere  Analyse  von  Jensens  „Gradiva“  hin. 


276 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


unentdeckt  gebliebenen  Kinderuntaten.  Der  Mönch  ist  der 
Bruder,  „Frate“.  Als  ob  es  vor  seiner  eigenen  Ehe  phantasiert 
wäre,  und  besagen  wollte,  so  ein  Frater  wie  ich  soll  nicht  heiraten 
sonst  rächt  sich  die  Kinderliebe  an  der  späteren  Ehefrau. 

Herzlichste  Grüße  an  Euch  alle  3§ 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Aussee,  20.  8.  98. 


Deine  Zeilen  haben  mir  die  Genüsse  der  Reise  wieder  belebt. 
Es  war  wirklich  herrlich,  das  aus  wenigen  Elementen  in  einfachen 
Linien  zusammengesetzte  Engadin,  eine  Art  Nachrenaissance  von 
Landschaft,  und  Maloja  mit  Italien  dahinter  und  einem  vielleicht 
nur  von  der  Erwartung  eingetragenen  italienischen  Charakter. 
Leprese  war  für  uns  ein  Zauberidyll  auch  durch  die  Aufnahme, 
die  wir  dort  fanden  und  durch  den  Kontrast,  den  der  Weg  von 
Tirano  hinauf  mit  sich  brachte.  Wir  mußten  diesen,  der  nicht 
gerade  eben  ist,  im  entsetzlichsten  Staubsturm  machen  und 
kamen  halbtot  oben  an.  Die  Luft  machte  mich  heiter  und  streit¬ 
süchtig  erregt,  wie  ich  es  selten  gewesen  bin.  An  der  Güte  meines 
Schlafes  haben  die  1600  m  mehr  nichts  geändert. 

Bis  zum  letzten  Tag  in  Maloja  hat  uns  die  Sonne  nicht  geniert. 
Dann  wurde  es  aber  heiß,  selbst  für  oben,  und  es  fehlte  uns  der 
Mut,  nach  Chiavenna,  d.h.  an  die  Seen  herabzugehen.  Ich 
glaube,  es  war  klug,  denn  einige  Tage  später  in  Innsbruck  gab 
es  für  uns  beide  Zustände  von  lähmungsartiger  Schwäche. 
Seither  ist  es  auch  immer  heißer  geworden  und  hier  in  unserem 
schönen  Obertressen  liegen  wir  von  10h.  früh  bis  6h.  abends  auf 
verschiedenen  Unterlagen  herum,  ohne  einen  Schritt  über  die 
Grenze  unseres  kleinen  Gutes  zu  wagen. 

Eine  kleine  römische  Statuette,  die  ich  in  Innsbruck  gekauft, 
hat  Annerl  nicht  unpassend  „ein  altes  Kind“  genannt. 


Brief  vom  20.  8.  98_ 277 

Scheinbar  allem  Nachdenken  entrückt,  kaum  im  Stande  z.B. 
Deine  schönen  Aufklärungen  über  die  Lebenszeit  der  alten  Leute 
zu  verstehen,  beschäftige  ich  mich  jetzt  wesentlich  mit  der 
Kränkung  darüber,  daß  die  Ferien  schon  so  weit  aufgezehrt 
sind.  Ein  lebhaftes  Bedauern,  daß  Ihr  beide  diese  Zeit  über  an 
die  Stadt  gebunden  seid,  wird  dann  durch  die  Erwägung  ge¬ 
mäßigt,  daß  Du  Deine  Reisezeit  hinter  Dir  hast  und  Ida  einen 
schönen  Ersatz  dafür  vor  sich. 


Doch,  ich  habe  auch  Nansen  durchflogen,  für  den  mein  ganzes 
Haus  schwärmt,  Martha,  indem  die  Nordländer  (Großmama, 
die  jetzt  bei  uns  ist,  spricht  noch  schwedisch)  offenbar  ihr  Jugend¬ 
ideal  erneuern,  das  sich  im  Leben  für  sie  nicht  getroffen  hat, 
Mathilde,  die  vom  griechischen  Helden,  der  sie  bisher  erfüllt, 
den  Übergang  zum  Wikinger  herstellt,  und  Martin,  der  wie 
gewöhnlich  mit  einem  —  nicht  üblen  —  Gedicht  auf  die  drei 
Bände  Abenteuer  reagiert  hat. 


Nansens  Träume  werde  ich  sehr  gut  verwenden  können,  sie 
sind  geradezu  durchsichtig.1  Daß  sein  seelischer  Zustand  einfach 
typisch  ist  für  den,  der  Neues  wagt  und  Vertrauen  in  Anspruch 
nimmt,  und  der  wahrscheinlich  auf  falschem  Weg  was  Neues 
entdeckt  und  nicht  so  viel,  als  er  sich  vorgestellt,  das  weiß  ich 
aus  eigenster  Erfahrung.  Dich  hält  zum  Glück  die  sichere 
Harmonie  Deines  Wesens  davon  ferne. 

.  .  .  Ich  grüße  Dich  und  Deine  liebe  Frau  herzlichst.  Ich 
bin  noch  immer  nicht  ausgesöhnt  mit  der  Entfernung,  die  uns 
während  der  Arbeitszeit  trennt  und  sich  während  der  Ferien  so 
selten  aufhebt. 


Dein 


Sigm. 


l)  S.  Traumdeutung,  G.W.  II-III,  S.  196. 


2?  8 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


94 

Aussee,  2 6.  8.  98. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Was  ich  hier  treibe?  In  Aussee,  dessen  Spaziergänge  mir 
ziemlich  bekannt  sind,  langweile  ich  mich  ein  wenig.  Ganz 
ohne  Material  kann  ich  doch  nicht  sein.  Ich  habe  mir  die  Aufgabe 
gestellt,  zwischen  meiner  keimenden  Metapsychologie  und  der 
in  Büchern  enthaltenen  die  Brücke  herzustellen  und  mich  darum 
in  das  Studium  von  Lipps  versenkt,  in  dem  ich  den  klarsten 
Kopf  unter  den  heutigen  phüosophischen  Schriftstellern  ahne.1 
Es  geht  bis  jetzt  mit  Verständnis  und  Übertragung  in  meine 
Annahmen  recht  gut.  Natürlich  ist  die  Zeit  arm  an  Aufklärungen. 


*)  Theodor  Lipps  (geb.  1851,  gest.  1914)  war  Professor  der  Psychologie  in 
München.  Die  Schriften  von  Lipps  mussten  Freuds  Interesse  fesseln,  da  Lipps 
mit  der  Annahme  unbewusster  seelischer  Prozesse  arbeitete.  Im  Sommer  1898 
hat  Freud  Lipps’  1883  erschienene  „Grundtatsachen  des  Seelenlebens“  zum 
Teile  (s.  dazu  Brief  Nr.  95)  gelesen.  Im  Exemplar  dieses  Buches  in  Freuds 
Bibliothek  findet  sich  u.a.  die  folgende  Stelle  angestrichen:  (S.  149)  Wir  be¬ 
haupten  „nicht  nur  die  Existenz  unbewusster  seelischer  Vorgänge  neben  den 
bewussten.  Wir  nehmen  vielmehr  an,  daß  unbewusste  Vorgänge  allen  be¬ 
wussten  zu  Grunde  liegen  und  sie  begleiten.  Aus  dem  Unbewussten  erhebt 
sich,  wie  wir  schon  sagten,  das  Bewusste,  wenn  nämlich  das  Glück  günstig  ist, 
und  sinkt  dann  wieder  ins  Unbewusste  zurück“.  Die  Worte  „bewusst“  und 
„unbewusst“  haben  freilich  für  Lipps  nicht  die  gleiche  Bedeutung  wie  für 
Freud.  Lipps  verwendete  sie  ohne  Beziehung  zu  dynamischen  Vorstellungen 
rein  beschreibend.  Er  folgt  darin  der  Tradition  der  deutschen  Romantik,  die 
in  Eduard  von  Hartmanns  berühmtem  Werk,  die  „Philosophie  des  Unbe¬ 
wussten“  ihren  Niederschlag  gefunden  hatte. 

Freud  verdankt  nach  seinem  eigenen  Zeugnis  („Der  Witz  und  seine  Be¬ 
ziehung  zum  Unbewussten“,  G.W.  VI,  S.  5)  der  Bekanntschaft  mit  Lipps’  Buch 
über  „Komik  und  Humor“  (1898)  „den  Mut  und  die  Möglichkeit“,  sich  mit 
den  Problemen  der  Komik  zu  befassen.  Er  setzt  sich  in  dieser  Arbeit  (S.  165) 
im  einzelnen  mit  den  Abweichungen  zwischen  seinen  und  Lipps’  Anschau¬ 
ungen  auseinander.  Er  anerkennt  die  Übereinstimmung  mit  Lipps,  wo  es  sich 
um  die  Einsicht  handelt,  daß  „nicht  die  Bewusstseinsinhalte,  sondern  die  an 
sich  unbewussten  psychischen  Vorgänge“  von  entscheidender  Bedeutung  seien. 
(Lipps,  „Komik  und  Humor“,  S.  123)  und  meint,  daß  er  sich  nur  da  von 
Lipps  unterscheide,  wo  er  „von  der  Besetzung  psychischer  Wege“  spreche. 
Freud  fügt  hinzu  „Die  Erfahrungen  über  die  Verschiebbarkeit  der  psychischen 
Energie  längs  gewisser  Assoziationsbahnen  und  über  die  fast  unverwüstliche 
Erhaltung  der  Spuren  psychischer  Vorgänge  haben  es  mir  in  der  Tat  nahe¬ 
gelegt,  eine  solche  Verbildlichung  für  das  Unbekannte  zu  versuchen“.  Die 
Erfahrungen,  auf  die  sich  Freud  hier  beruft,  konnte  nur  der  biologisch  ge¬ 
richtete  Naturforscher  gewinnen,  und  konnten  sich  nur  auf  dem  Gebiete  der 
Psychopathologie  gewinnen  lassen. 


Brief  vom  31.  8.  98 


279 


Die  Hysteriearbeit  wird  mir  in  Gedanken  immer  zweifelhafter, 
ihr  Wert  geringer,  als  hätte  ich  noch  ein  paar  mächtige  Faktoren 
außer  Rechnung,  und  vor  der  Wiederaufnahme  der  Arbeit  graut 
mir  stark. 

Eine  Kleinigkeit,  lang  vermutet,  habe  ich  endlich  gefaßt.  Du 
kennst  den  Fall,  daß  einem  ein  Name  entfällt  und  sich  ein  Stück 
eines  anderen  dafür  einschiebt,  auf  das  man  schwören  möchte, 
obwohl  es  sich  jedesmal  als  falsch  erweist.1  So  ging  es  mir  un¬ 
längst  mit  dem  Namen  des  Dichters,  von  dem  Andreas  Hofer 
(„Zu  Mantua  in  Banden“)  ist.  Es  muß  etwas  mit  —  au  sein, 
Lindau,  Feldau.  Natürlich  heißt  der  Mann  Julius  Mosen, 
das  „Julius“  war  mir  nicht  entfallen.  Nun  gelang  es  mir  nach¬ 
zuweisen,  1.  daß  ich  den  Namen  Mosen  wegen  gewisser  Bezie¬ 
hungen  verdrängt  habe,  2.  daß  in  dieser  Verdrängung  infantiles 
Material  mitgewirkt,  und  3.  daß  die  vorgeschobenen  Ersatznamen 
aus  beiden  Materialgruppen  wie  Symptome  entstanden  waren. 
Die  Analyse  fiel  ganz  lückenlos  aus,  leider  kann  ich  sie  so  wenig 
wie  meinen  großen  Traum  der  Öffentlichkeit  preisgeben.  .  .  . 

Leb  recht  wohl.  Wie  lange  dauert  es  noch  bis  zu  Paulinens 
Auftreten  ? 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Aussee,  31.  8.  98. 


Ich  reise  heute  Mittag  mit  Martha  an  die  Adria,  ob  Ragusa, 
Grado  oder  sonst  was,  das  soll  sich  unterwegs  entscheiden.  „Sein 
letztes  Hemd  soll  man  verkaufen  und  ein  reicher  Mann  sein 
dafür“  sagt  ein  exzentrisch  scheinender  aber  weiser  Spruch. 
Das  Geheimnis  dieser  Ruhelosigkeit  ist  die  Hysterie.  In  der 
Untätigkeit  ohne  fesselnde  Neuheit  hier  hat  sich  die  ganze 

!)  Der  erste  Fund  aus  dem  Gebiete  der  „Psychopathologie  des  Alltagslebens“. 
Das  hier  mitgeteilte  Beispiel  wurde  später  nicht  verwertet. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


280 

Angelegenheit  mir  drückend  schwer  auf  die  Seele  gelegt.  Meine 
Arbeit  kommt  mir  sehr  entwertet  vor,  die  Desorientierung 
komplett,  die  Zeit,  von  der  wieder  ein  rundes  Jahr  ohne  greif¬ 
baren  Fortschritt  in  den  Prinzipien  vergangen  ist,  als  inkom¬ 
mensurabel  mit  den  Zeitforderungen  des  Problems.  Dazu  ist 
es  die  Arbeit,  auf  deren  Gelingen  ich  meine  bürgerliche  Existenz 
gesetzt  habe.  Die  Erfolge  sind  zwar  gut,  aber  vielleicht  nur 
indirekt,  als  hätte  ich  den  Plebel  in  einer  Richtung  angesetzt,  die 
allerdings  eine  brauchbare  Komponente  für  die  Spaltrichtung 
des  Zeugs  abgibt;  letztere  bliebe  mir  aber  selbst  unbekannt. 
So  will  ich  mir  entfliehen  und  möglichst  Frische  und  Objektivität 
sammeln,  da  ich  die  Arbeit  doch  nicht  verlassen  kann. 

In  der  Psychologie  geht  es  besser.  Bei  Lipps  habe  ich  die 
Grundzüge  meiner  Einsicht  ganz  klar  wiedergefunden,  vielleicht 
etwas  mehr,  als  mir  recht  ist.  „Der  Sucher  fand  oft  mehr,  als 
er  zu  finden  wünschte !“  Das  Bewußtsein  nur  Sinnesorgan,  aller 
psychische  Inhalt  nur  Vorstellung,  die  seelischen  Vorgänge 
sämtlich  unbewußt.  Auch  in  den  Einzelheiten  ist  die  Über¬ 
einstimmung  groß,  vielleicht  kommt  später  die  Gabelung,  von 
der  aus  mein  Neues  ansetzen  kann.  Ich  habe  etwa  ein  kleines 
Drittel  durchgearbeitet.  Bei  den  Tonverhältnissen  bin  ich  stehen 
geblieben,  die  mir  immer  ärgerlich  waren,  weil  mir  hier  die 
elementarsten  Kenntnisse  fehlen,  dank  der  Verkümmerung 
meiner  akustischen  Sinnesempfindungen.  Die  große  Neuigkeit 
des  Tages,  das  Manifest  des  Zaren,  hat  mich  auch  persönlich 
berührt.  Ich  habe  vor  Jahren  schon  die  Diagnose  gemacht,  daß 
der  junge  Mann  zum  Glück  für  uns  —  an  Zwangsvorstellungen 
leidet,  übergut  ist  und  „kein  Blut  sehen  kann“,  wie  der  Koko 
im  „Mikado“,1  der  dabei  Oberscharfrichter  ist.  Es  könnte  zwei 
Leuten  geholfen  werden,  wenn  man  mich  mit  ihm  zusammen¬ 
brächte.  Ich  gehe  auf  i  Jahr  nach  Rußland,  nehme  ihm  soviel 
weg,  daß  er  nicht  leidet,  und  lasse  soviel  übrig,  daß  er  keinen 
Krieg  anfängt.  Von  da  an  halten  wir  drei  Kongresse  im  Jahr, 
ausschließlich  auf  italischem  Boden,  und  ich  behandle 
nur  mehr  gratis. —  Nebstbei  glaube  ich,  daß  auch  er  mit  ge- 


Operette  von  Gilbert  und  Sullivan. 


Brief  vom  31.  8.  98 


281 

mischten  Motiven  arbeitet  und  daß  das  Egoistische  bei  dem 
Manifest  die  Absicht  ist,  sich  durch  die  friedliche  Aufteilung 
Chinas  auf  dieser  Konferenz  befriedigen  zu  lassen. 

Das  Unvergängliche  an  dem  Manifest  ist  übrigens  die  revolu¬ 
tionäre  Sprache.  Jeder  Leitartikler  eines  demokratischen  Organs 
wird  wegen  solcher  Äusserungen  über  den  Militarismus  in 
Österreich  konfisziert,  in  Rußland  selbst  nach  Sibirien  geschickt.1 

Ich  grüße  Dich,  Ida,  Robert  und  Paulinchen  herzlich  und 
werde  Dir  weitere  Nachricht  von  der  Reise  geben. 


Dein 


Sigm. 


*■)  Am  28.  August  übergab  der  Kaiserlich  Russische  Außenminister  Graf 
Muraview  den  am  St.  Petersburger  Hof  akkreditierten  auswärtigen  Vertretern 
eine  Note,  in  der  der  Zar  zu  einer  Friedenskonferenz  aufruft,  deren  Aufgabe 
es  wäre,  in  einem  mächtigen  Brennpunkte  die  Bemühungen  aller  Staaten  zu 
vereinigen,  welche  aufrichtig  darnach  streben,  der  großen  Idee  des  allgemeinen 
Friedens  zum  Siege  über  die  Elemente  der  Zerstörung  und  der  Zwietracht  zu 
verhelfen.  Sie  würde  zu  gleicher  Zeit  gerade  durch  diese  solidarische  Aner¬ 
kennung  der  Grundsätze  der  Billigkeit  und  des  Rechtes,  auf  denen  die  Sicher¬ 
heit  der  Staaten  und  die  Wohlfahrt  der  Völker  beruhen,  das  Einver¬ 
nehmen  der  Staaten  befestigen. 

Die  „revolutionäre  Sprache“,  auf  die  Freud  hinweist,  kommt  in  folgenden 
Aussprüchen  zur  Geltung.  „Die  Aufrechterhaltung  des  allgemeinen  Friedens 
und  die  möglichste  Verminderung  der  übermäßigen  Rüstungen,  welche  auf 
allen  Nationen  lasten,  stellen  sich  bei  der  gegenwärtigen  allgemeinen  Weltlage 
als  das  Ideal  dar,  auf  dessen  Erreichung  die  Bemühungen  aller  Regierungen 
gerichtet  sein  sollten.  Im  Laufe  der  letzten  20  Jahre  haben  sich  die  Wünsche 
nach  einem  allgemeinen  Frieden  im  Bewußtsein  der  zivilisierten  Völker  außer¬ 
ordentlich  befestigt.  Die  Erhaltung  des  Friedens  wurde  als  der  Zweck  der 
internationalen  Politik  bezeichnet;  in  ihrem  Namen  haben  die  großen  Staaten 
untereinander  mächtige  Allianzen  geschlossen;  um  den  Frieden  wirksamer 
sicherstellen  zu  können,  haben  sie  in  bisher  ungeahnter  Ausdehnung  ihre  mili¬ 
tärischen  Streitkräfte  entwickelt  und  sie  setzen  diese  Tätigkeit  noch  immer 
fort,  ohne  vor  einem  Opfer  zurückzuscheuen.  Die  in  aufsteigender  Richtung 
sich  bewegenden  finanziellen  Lasten  treffen  die  öffentliche  Wohl¬ 
fahrt  an  ihrer  Wurzel,  sowie  die  intellektuellen  und  physischen 
Kräfte  der  Völker.  Arbeit  und  Kapital  sind  zum  überwiegenden  Teil  ihrer 
natürlichen  Bestimmung  entfremdet  und  werden  in  unproduktiver  Weise  auf¬ 
gezehrt.  Die  wirtschaftlichen  Krisen  sind  zu  ihrem  großen 
Teile  den  übermäßigen  Rüstungen  und  der  anhaltenden  Gefahr 
zuzuschreiben,  die  in  der  Anhäufung  von  Kriegsmaterial  besteht.  Der 
bewaffnete  Friede  unserer  Zeit  wird  auf  diese  Weise  zu  einer 
erdrückenden  Last,  welche  die  Völker  immer  schwerer  zu  ertragen 
vermögen.“ 


282 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  22.  9.  98. 


Es  war  wohl  Zeit,  daß  ich  heimkehre,  ich  bin  aber  kaum  drei 
Tage  hier  und  schon  hat  mich  der  ganze  Mißmut  des  Wiener tums 
ergriffen.  Es  ist  ein  Elend  hier  zu  leben  und  keine  Atmosphäre, 
in  der  die  Hoffnung,  etwas  Schweres  zu  Ende  zu  bringen,  sich 
erhalten  kann. 

Ich  wollte.  Du  hieltest  weniger  von  meiner  Meisterschaft  und 
ich  hätte  Dich  in  der  Nähe,  um  Deine  Kritik  öfter  zu  hören. 
Ich  bin  aber  gar  nicht  anderer  Meinung  als  Du,  gar  nicht  geneigt, 
das  Psychologische  ohne  organische  Grundlage  schwebend  zu 
erhalten.  Ich  weiß  nur  von  der  Überzeugung  aus  nicht  weiter, 
weder  theoretisch  noch  therapeutisch,  und  muß  also  mich  so 
benehmen,  als  läge  mir  nur  das  Psychologische  vor.1  Warum 
mir  das  nicht  zusammengeht,  ahne  ich  noch  gar  nicht. 

Ein  zweites  Beispiel  von  Namensvergessen  hat  sich  noch 
leichter  gelöst.  Den  Namen  des  großen  Malers,  der  das  Welt- 
gericht  in  Orvieto  gemacht  hat,  das  Größte,  was  ich  bisher  gesehen, 
konnte  ich  nicht  finden  und  dafür  trat  Botticelli,  Boltraffio  ein, 
mit  der  Sicherheit  des  Unrichtigen.  Endlich  erfuhr  ich  den 
Namen  :  Signorelli  und  wußte  aus  Eigenem  sofort  den  Vor¬ 
namen  :  Luca  als  Beweis,  daß  es  nur  ein  Verdrängen,  kein  echtes 
Vergessen  war.  Es  ist  klar,  warum  sich  Botticelli  vorgeschoben, 
das  Verdrängte  war  nur  Signor,  das  doppelte  B  in  den  beiden 
Ersatznamen  findet  seine  Aufklärung  in  der  zur  Verdrängung 
wirksamen  Erinnerung,  deren  Inhalt  in  Bosnien  spielt  und 
mit  einer  Rede,  Herr,  was  läßt  sich  da  machen  ?  anfängt.  Ich 
verlor  den  Namen  Signorelli  auf  einem  kleinen  Ausflug  in  der 
Her  zegowina,  den  ich  von  Ragusa  aus  mit  einem  Berliner 
Assessor  (Freyhau)  machte,  mit  dem  ich  unterwegs  auf  Bilder 
zu  sprechen  kam.  In  dem  Gespräch,  das  also  als  verdrängend 
dahinter  erinnert  wurde,  handelte  es  sich  um  Tod  und  um 
Sexualität.  Die  Silbe  Trafio  ist  wohl  Anklang  an  das  auf  der 


^4 Vgl.  hiezu  Einleitung  S.  51  ff. 


Brief  vom  27.  9.  98 


283 


ersten  Reise  gesehene  Trafoi!  Wem  soll  ich  das  nun  glaub¬ 
würdig  machen?1 

Ich  bin  noch  allein,  Ende  der  Woche  oder  des  Monats  kommt 
„das  Haus“,  nach  dem  ich  mich  schon  sehr  sehne.  Ein  Brief 
von  Gattl,  der  Anknüpfung  sucht,  hat  mir  nahe  gelegt,  nach 
Berlin  zu  kommen  wegen  eines  Patienten,  den  er  behandeln 
soll.  So  eine  halbe  Geschichte,  die  ich  zum  Vorwand  nehmen 
könnte,  Dich  (und  die  neue  Tochter)  wiederzusehen.  Es  geht 
aber  mit  der  ärztlichen  Würde  nicht  zusammen,  und  ich  darf 
Götter  und  Menschen  durch  weitere  Reisen  nicht  aufbringen, 
sondern  hier  geduldig  warten,  bis  die  Schäflein  Zusammen¬ 
kommen. 

Ich  hoffe,  bald  von  Dir  zu  hören,  wie  sich  die  Tochter  be¬ 
nimmt,2  und  was  mich  besonders  interessiert,  wie  Robert  sich 
gegen  die  Schwester  stellt.  Daß  es  der  Mutter  sehr  gut  geht, 
habe  ich  hier  erfahren. 

Mit  herzlichstem  Gruß 

Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  27.  9.  98. 


Aus  dem  Signorelli  habe  ich  einen  kleinen  Aufsatz  gemacht, 
den  ich  Ziehen  (Wernicke)  geschickt.3  Sollten  sie  refüsieren, 
so  gedenke  ich  eine  alte  Idee  von  Dir  aufzugreifen  und  das  Ding 
etwa  der  Deutschen  Rundschau  anzubieten. 

«  •  1 

Noch  gar  nichts  zu  tun,  d.h.  2  Stunden  anstatt  10.  Eine  neue 

x)  Verwendet  in  der  Arbeit  „Zum  Psychischen  Mechanismus  der  Vergeßlich¬ 
keit“,  Monatsschrift  für  Psychiatrie  und  Neurologie  1898  und  im  ersten 
Kapitel  von  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens“. 

2)  Fliess’  zweites  Kind,  Pauline. 

3)  Ziehen  und  Wernicke  waren  die  Herausgeber  der  Monatsschrift  für 
Psychiatrie  und  Neurologie. 


284 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Behandlung  begonnen,  an  die  ich  also  ganz  vorurteilslos  her¬ 
angehe.  Natürlich  geht  anfangs  alles  glänzend  zusammen.  Ein 
Bursche  von  25  Jahren,  der  vor  Steifigkeit  der  Beine,  Krampf, 
Zittern  etc.  kaum  gehen  kann.  Vor  jeder  Fehldiagnose  schützt 
die  Angst  dabei,  die  ihn  sich  an  die  Mutterschürze  hängen  läßt 
wie  das  Baby,  das  dahinter  steckt.  Tod  des  Bruders  und  Tod 
des  Vaters  in  Psychose  als  Anlässe  für  den  Ausbruch  des  seit 
dem  I4ten  Jahr  spielenden  Zustandes.  Er  schämt  sich  vor  jedem, 
der  ihn  so  gehen  sieht,  und  hält  das  für  natürlich.  Vorbüd: 
ein  tabischer  Onkel,  mit  dem  er  sich  wegen  der  geltenden 
Ätiologie  (ausschweifender  Lebenswandel)  schon  als  13 jähriger 
Junge  identifiziert  hat.  Übrigens  körperlich  ein  Bärenlackel ! 

Bitte  zu  bemerken,  daß  das  Schämen  bloß  an  die  Symptome 
gehängt  ist  und  anderen  Anlässen  entsprechen  muß.  Er  läßt 
sich  selbst  auf  klären,  daß  ja  sein  Onkel  sich  gar  nicht  seines 
Ganges  schämt.  Die  Verbindung  zwischen  Scham  und  Gang 
war  eine  korrekte  vor  Jahren,  als  er  seine  Gonorrhoe  hatte,  die 
man  dem  Gang  natürlich  anmerkte,  auch  noch  Jahre  früher, 
als  ihn  beständige  (ziellose)  Erektionen  am  Gehen  behinderten. 
Außerdem  liegt  der  Grund  des  Schämens  tiefer.  Er  hat  mir 
erzählt,  daß  im  Vorjahr,  als  sie  an  der  Wien  wohnten,1  (auf 
dem  Lande)  die  Donau  plötzlich  zu  steigen  begann,  eine  ent¬ 
setzliche  Angst  ihn  erfaßte,  das  Wasser  würde  in  sein  Bett  kom¬ 
men,  d.h.  sein  Zimmer  überschwemmen  und  zwar  während  der 
Nacht.  Ich  bitte,  den  zweideutigen  Ausdruck  zu  beachten;  ich 
wußte,  der  Mann  war  als  Kind  ein  Bettnässer.  Fünf  Minuten 
später  erzählte  er  spontan,  daß  er  noch  in  der  Schule  regelmäßig 
das  Bett  genäßt  und  daß  die  Mutter  gedroht,  sie  werde  kommen 
und  es  dem  Lehrer  und  allen  Mitschülern  erzählen.  Er  habe 
großartige  Angst  ausgestanden.  Dazu  gehört  also  das  Schämen. 
Die  ganze  Jugendgeschichte  gipfelt  einerseits  in  den  Beinsymp¬ 
tomen,  andererseits  entbindet  sie  ihren  zugehörigen  Affekt  und 
die  beiden  werden  nur  für  die  innere  Wahrnehmung  zusammen¬ 
gelötet.  Die  ganze  untergegangene  Kindheitsgeschichte  ist  da¬ 
zwischen  einzuschalten. 


!)  D.  h.  an  dem  Flusse  Wien. 


Brief  vom  9. 10.  98 


285 


Nun  muß  ein  Kind,  das  regelmäßig  bis  ins  siebente  Jahr 
Bett  näßt  (ohne  epileptisch  u.  dgl.  zu  sein)  sexuelle  Erregungen 
in  früherer  Kindheit  durchgemacht  haben.  Spontan  oder  Ver¬ 
führung?  Da  liegt  es  mm  und  muß  auch  die  nähere  Deter- 
minierung  —  auf  die  Beine  —  enthalten. 

Du  siehst,  ich  könnte  zur  Not  von  mir  sagen: 

„Zwar  bin  ich  gescheiter  als  alle  die  Laffen“  etc.,  aber  auch 
der  traurige  Nachsatz  bleibt  mir  nicht  aus.  „Führe  meine  Leute 
an  der  Nase  herum  und  seh’,  daß  wir  nichts  wissen  können.“ 

Wer  Lipps  ist?  Professor  in  München  und  in  seinem  Dialekt 
sagt  er  gerade  das,  was  ich  mir  ausspekuliert  über  Bewußtsein, 
Qualität  u.  dgl.  Ich  studierte  die  „Gr undtat Sachen  des  Seelen¬ 
lebens“  bis  die  Reise  kam;  muß  jetzt  wieder  die  Anknüpfung 
suchen. 

Die  Kinder  sollen  in  den  nächsten  Tagen  von  Aussee  kommen. 


Herzliche  Grüße  an  Dich,  Ida,  Robert  und  Paulinchen, 


Dein 


Sigm. 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  9.  10.  98. 


•  •  • 

Bei  mir  ist  Stimmung,  Kritik,  Nebengedanken,  kurz  alles 
psychische  Beiwerk  durch  eine  Lawine  von  Praxis  verschüttet 
worden,  die  vor  8  Tagen  über  mich  hereingebrochen.  Wenig 
vorbereitet  und  durch  die  Ferien  verwöhnt,  fühlte  ich  mich 
zuerst  wie  ein  Erschlagener,  jetzt  bin  ich  wieder  frisch,  habe 
aber  auch  nichts  übrig.  Alle  Kräfte  konzentrieren  sich  auf  die 
Arbeit  mit  den  Kranken.  Um  9h  fangen  die  Behandlungen  an  — 
vorher  zwei  kurze  Besuche  —  dauern  bis  |2h,  von  3-5I1  Pause 
für  die  Ordination,  die  abwechselnd  leer  oder  voll  ist;  von 
5 -9h  wieder  Behandlungen.  Auf  einen  weiteren  Fall  rechne  ich 


286 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


noch  mit  Sicherheit,  xo-n  Psychotherapien  im  Tage.  Natürlich 
bin  ich  abends  sprachlos  und  halbtot.  Sonntag  ist  aber  fast 
frei.  Ich  rücke  mit  den  Dingen  herum,  probiere  und  verändere 
hier  und  dort,  bin  nicht  ganz  ohne  neue  Spur.  Sollte  ich  auf 
etwas  kommen,  so  hörst  Du  davon.  Die  Hälfte  meiner  Patienten 
sind  jetzt  Männer,  alle  Altersstufen,  14-45  Jahre. 

•  •  • 

Leonardo,  von  dem  kein  Liebeshandel  bekannt  ist,  war  viel¬ 
leicht  der  berühmteste  Linkshänder.  Kannst  Du  ihn  brauchen? 

Herzlichsten  Gruß 

Dein 

Sigm. 


99 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  23.  10.  98. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Dieser  Brief  soll  Dich  an  dem  für  Dich  bedeutungsvollsten 
Datum  treffen  und  Dir  über  die  Entfernung  hinweg  meinen 
und  der  Meinigen  Glückwunsch  bringen,  einen  Wunsch  der  — 
wie  es  seine  Natur  und  nicht  der  menschliche  Mißbrauch  ver¬ 
langt  —  sich  auf  die  Zukunft  bezieht,  und  zum  Inhalt  hat :  die 
Erhaltung  und  Entwicklung  des  gegenwärtigen  Besitzes  sowie 
die  Erwerbung  neuer  Güter  an  Kindern  und  Erkenntnissen, 
endlich  die  Fernhaltung  von  jeder  Spur  mehr  an  Leid  und 
Krankheit,  als  der  Mensch  dringend  zur  Anspannung  seiner 
Kräfte  und  zur  Vergleichung  mit  dem  Guten  bedarf. 

Es  sind  wohl  diesmal  gute  Zeiten  bei  Dir,  von  denen  so  wenig 
zu  sagen  ist.  Bei  mir  wäre  es  ähnlich,  wenn  nicht  bei  der  letzten 


287 


Brief  vom  23. 10.  98 

Influenzaepidemie  eine  Infektion  mich  gestreift  hätte,  die  mir 
die  Stimmung  nimmt,  die  Nasenatmung  behindert  und  deren 
Nachwirkung  ich  wohl  zu  fürchten  habe. 

Martha  geht  es  vortrefflich,  Mathilde  verträgt  und  genießt 
die  Schule  besser  als  wir  gehofft.  Meine  Kräfte  empfinden 
längst  die  von  9-9I1  dauernde  Arbeit  nicht  mehr  schwer,  ja,  wenn 
einmal  eine  Stunde  ausfällt,  komme  ich  mir  unbeschäftigt  vor. 
Es  dämmert  auch  wieder,  als  sollte  ich  heuer  in  den  Stand  kommen, 
von  schweren  Irrtümern  den  Weg  zur  Wahrheit  zu  finden.  Aber 
es  ist  noch  nicht  licht  und  ich  mag  mich  nicht  äußern,  um  mich 
nicht  vor  unserem  Zusammentreffen,  mit  dem  ich  längst  rechne, 
auszugeben. 

Ich  bin  allerdings  nicht  gesammelt  genug,  daneben  etwas 
anderes  zu  tun,  außer  etwa  Topographie  von  Rom  zu  studieren, 
da  die  Sehnsucht  immer  quälender  wird.  Der  Traum  ruht, 
unveränderlich ;  es  fehlt  mir  das  Motiv,  ihn  zur  Publikation  fertig 
zu  machen,  und  die  Lücke  in  der  Psychologie  sowie  die  andere, 
in  der  das  zu  Grunde  analysierte  Beispiel  gesteckt  hat,  sind 
Hindernisse  für  den  Abschluß,  die  ich  noch  nicht  überwinde. 
Sonst  bin  ich  ganz  einsam,  auch  die  Vorlesung  habe  ich  heuer 
aufgegeben,  um  nichts  erzählen  zu  müssen,  was  ich  erst  zu 
erfahren  hoffe. 

•  •  • 

Eine  Lehre  habe  ich  aber  doch  bekommen,  die  mich  zum 
alten  Mann  macht.  Wenn  die  Feststellung  so  weniger  Punkte, 
wie  sie  in  der  Auflösung  der  Neurosen  gefordert  wird,  soviel 
Arbeit,  Zeit  und  Irrtümer  mit  sich  bringt,  wie  soll  ich  hoffen 
dürfen,  was  einst  meine  stolze  Erwartung  war,  einen  Einblick 
in  das  Ganze  des  psychischen  Geschehens  zu  bekommen? 

Vom  Standpunkt  dieser  Erkenntnis  habe  ich  den  I.  Band 
von  Kassowitz’  „Allgemeiner  Biologie“  mit  traurigem  und 
neidischem  Lächeln  empfangen.  Kauf  das  Buch  nicht ;  ich  werde 
Dir  mein  Exemplar  schicken. 

Mit  herzlichstem  Gruß 


Dein 


Sigm. 


288 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


100 


Teurer  Wilhelm ! 


5.  12.  98, 


Die  Literatur  (über  den  Traum),  die  ich  jetzt  lese,  macht  mich 
ganz  blöde.  Eine  schreckliche  Strafe,  die  auf  alles  Schreiben 
gesetzt  ist.  Dabei  diffundiert  einem  alles  Eigene  weg;  ich  weiß 
mich  oft  nicht  zu  besinnen,  was  ich  denn  Neues  habe,  und  es 
ist  doch  alles  daran  neu.  Die  Lesearbeit  dehnt  sich,  bis  jetzt 
unabsehbar.  Genug  davon.  Die  Erlösung  unseres  lieben  C.  F. 
Meyer  habe  ich  durch  die  Anschaffung  der  mir  noch  fehlenden 
Bände  Hutten  —  Pescara  —  Der  Heilige  gefeiert.1  Ich  glaube, 
jetzt  tue  ich  es  Dir  an  Begeisterung  für  ihn  gleich.  Vom 
Pescara  konnte  ich  mich  kaum  losreißen.  Ich  möchte  gerne  etwas 
von  seiner  Lebensgeschichte  und  damit  von  der  Reihenfolge 
der  Werke  wissen,  was  ich  zur  Deutung  nicht  entbehren  könnte. 

Schön  finde  ich  es  aber,  daß  Du  wieder  wohl  bist,  Pläne 
machst  wie  ich  „Programme“.  Schmerzen  werden  ja  bald  ver¬ 
gessen. 

Also  auf  Wiedersehen !  Wir  wechseln  noch  einige  Briefe  bis 
dahin,  auch  trifft  Dich  wohl  noch  in  Berlin  ein  winziger  Separat¬ 
abdruck  von  mir. 


Dein 


Sigm. 


x)  C.  F.  Meyer  war  am  28.  November  nach  fast  fünfjähriger  Krankheit 
gestorben. 


Brief  vom  3. 1.  99 


289 


IOI 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  3.  1.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

1 

•  •  • 

Zuerst  hat  sich  ein  Stückchen  Selbstanalyse  durchgerungen 
und  mir  bestätigt,  daß  die  Phantasien  Produkte  späterer  Zeiten 
sind,  die  sich  von  der  damaligen  Gegenwart  bis  in  die  erste 
Kindheit  zurückprojizieren,  und  auch  der  Weg,  auf  dem  das 
geschieht,  hat  sich  ergeben,  wieder  eine  Wortverbindung.* 2 

Auf  die  Frage,  was  ist  in  der  ersten  Kindheit  vorgefallen, 
lautet  die  Antwort:  Nichts,  aber  es  war  ein  Keim  sexueller 
Regung  da.  Die  Sache  wäre  glatt  und  schön  zu  erzählen,  ge¬ 
schrieben  würde  sie  einen  halben  Bogen  füllen,  also  für  den 
Oster kongreß,  nebst  anderen  Aufschlüssen  über  meine  Jugend¬ 
geschichte. 

Dann  habe  ich  ein  neues  psychisches  Element  erfaßt,  das  ich 
für  allgemein  bedeutsam  und  für  eine  Vorstufe  des  Symptoms 
(noch  vor  der  Phantasie)  auffasse. 

4.  1.  Gestern  wurde  ich  müde  und  heute  kann  ich  in  der 
beabsichtigten  Richtung  nicht  weiter  schreiben,  weü  die  Sache 
wächst.  Es  ist  etwas  daran.  Es  dämmert.  In  den  nächsten  Tagen 
kommt  sicherlich  noch  etwas  dazu.  Ich  schreibe  Dir  dann,  wenn 
es  durchsichtig  geworden  ist.  Ich  will  Dir  nur  verraten,  daß 
das  Traumschema  einer  allgemeinsten  Anwendung  fähig  ist, 
daß  im  Traum  wirklich  der  Schlüssel  mit  zur  Hysterie  liegt.3 
Ich  verstehe  jetzt  auch,  warum  ich  den  Traum  trotz  aller  Be¬ 
mühung  nicht  abgeschlossen  habe.  Wenn  ich  noch  ein  Stück 
warte,  kann  ich  den  psychischen  Vorgang  im  Traum  so  dar- 

b  Geschrieben  nach  einem  Zusammentreffen. 

2)  An  dem  neuen  Stück  Selbstanalyse  hat  sich  das  Thema  von  Phantasie 
und  Erinnerung,  das  Freud  viele  Jahre  hindurch  beschäftigte,  in  dem  Sinn 
gelöst,  in  dem  wir  es  in  Freuds  späteren  Schriften  dargestellt  finden. 

8)  Vergl.  oben  S.  222. 


X 


290 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


stellen,  daß  er  mir  den  Vorgang  bei  der  hysterischen  Symptom¬ 
bildung  miteinschließt.  Also  warten  wir. 

Etwas  Erfreuliches,  was  ich  gestern  schon  Dir  schreiben  wollte, 
ist  eine  Sendung  aus  —  Gibraltar  von  Mr.  Havelock  Ellis,  einem 
Autor,  der  sich  mit  dem  sexuellen  Thema  beschäftigt  und  offenbar 
ein  sehr  gescheiter  Mensch  ist,  denn  sein  im  „Alienist  und 
Neurologist“  (Okt.  98)  erschienener  Aufsatz,1  der  die  Beziehung 
der  Hysterie  zum  Sexualleben  behandelt,  mit  Plato  anfängt  und 
mit  Freud  aufhört,  gibt  letzterem  sehr  viel  Recht  und  würdigt 
die  Studien  über  Hysterie  sowie  spätere  Aufsätze  in  sehr  ver¬ 
ständiger  Weise.  .  .  .  Am  Ende  nimmt  er  einen  Teil  des  Lobes 
wieder  zurück.  Aber  es  bleibt  etwas  übrig  und  der  gute  Eindruck 
ist  nicht  mehr  zu  verwischen.  .  .  . 

Jetzt  sieh  einmal  an.  Ich  lebe  da  verdrossen  und  in  DunkelheiL 
bis  Du  kommst ;  ich  schimpf’  mich  aus,  entzünde  mein  flackerndes 
Licht  an  Deinem  ruhigen,  fühle  mich  wieder  wohl  und  nach 
Deiner  Abreise  habe  ich  wieder  Augen  bekommen  zu  sehen  und 
was  ich  sehe,  ist  schön  und  gut.  Ist  es  nur  der  Termin,  der  noch 
ausgestanden  war,  oder  können  aus  den  vielen,  für  alle  Zwecke 
reichenden  Tagen  nicht  die  Termine  geschaffen  werden  durch 
die  seelischen  Einflüsse,  die  den  Wartenden  treffen?  Muß  nicht 
ein  Platz  dafür  gelassen  werden,  so  daß  durch  die  Zeit  nicht 
die  Kraft  aus  der  Betrachtung  verdrängt  wird?2 

Ich  grüße  Dich  und  die  Deinigen  herzlichst 


Dein 


Sigm. 


*)  „Hysteria  in  Relation  to  the  Sexual  Emotions“,  The  Alienist  and  Neuro¬ 
logist,  XIX,  St.  Louis,  1898,  S.  599-615;  der  Aufsatz  ist  eine  Fortsetzung  einer 
vorangehenden  Abhandlung  über  „Autoerotism“  und  war,  wie  diese,  für  den 
II.  Band  von  H.  Ellis  „Studies  in  the  Psychology  of  Sex“  bestimmt. 

2)  Die  Zweifel  Freuds  an  Fliess’  Periodenlehre  finden  hier  einen  ersten 
Ausdruck:  er  fürchtet,  daß  durch  die  Periodenlehre  die  psychische  Dynamik 
ausgeschaltet  wird.  S.  Einleitung  S.  45  f. 


Brief  vom  16.  i.  99 


291 


102 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  16.  1.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Wenn  ich  nicht  durch  zehnstündiges  Sprechen  so  schreibfaul 
wäre  — ■  Du  wirst  es  meiner  ungleichen  Schrift  anmerken  —  so 
könnte  ich  Dir  eigentlich  eine  kleine  Abhandlung  über  die 
kleinen  Fortschritte  der  Wunschtheorie  schreiben,  denn  das  Licht 
ist  seit  dem  3ten*  nicht  mehr  ganz  ausgegangen,  und  die  Sicher¬ 
heit,  einen  wichtigen  Knotenpunkt  in  die  Hand  bekommen  zu 
haben,  auch  nicht.  Vielleicht  ist  es  aber  besser,  wenn  ich  spare 
und  sammle,  um  auf  dem  Osterkongreß  nicht  wieder  als  armer 
Schnorrer  vor  Dir  zu  stehen  und  Dir  nur  durch  Ankündigungen 
Lust  mache. 

Auch  ein  paar  andere  Dinge  haben  sich  ergeben  von  minderer 
Bedeutung,  z.B.  daß  die  hysterischen  Kopfschmerzen  auf  einer 
phantastischen  Vergleichung  beruhen,  die  das  Kopfglied  mit 
dem  Endglied  gleichstellt.  Haare  hier  und  dort  —  Backen  und 
Hinterbacken  —  Lippen  und  Schamlippen,  Mund  =  Vagina, 
so  daß  der  Migraineanfall  zur  Darstellung  einer  gewaltsamen 
Defloration  verwendet  werden  kann  und  das  ganze  Leiden  doch 
wieder  eine  Wunscherfüllungssituation  darstellt.  Die  Bedingung 
des  Sexuellen  stellt  sich  immer  schärfer  und  schärfer;  bei  einer 
Patientin  (die  ich  mit  dem  Phantasieschlüssel  zurecht  gebracht 
habe),  gab  es  immer  Zustände  von  Verzweiflung  mit  der  melan¬ 
cholischen  Überzeugung,  sie  tauge  zu  nichts,  sei  nicht  leistungs¬ 
fähig  u.  dgl.  Ich  meinte  immer,  sie  habe  einen  analogen  Zustand, 
eine  wirkliche  Melancholie  der  Mutter,  in  frühen  Kinder jahren 
mit  angesehen.  Es  war  der  früheren  Theorie  konform,  ließ 
sich  aber  in  zwei  Jahren  nicht  bestätigen.  Jetzt  ergibt  sich,  daß 
sie  als  I4)ähriges  Mädchen  eine  Atresia  hymenalis  an  sich  ent- 


*)  Datum  des  vorangehenden  Briefes. 


Aus  dm  Anfängm  der  Psychoanalyse 


292 

deckt  hat  und  verzweifelt  war,  als  Weib  nichts  zu  taugen  etc. 
Melancholie  —  also  Impotenzfurcht.  Ähnliche  Zustände,  in 
denen  sie  sich  nicht  entschließen  kann,  einen  Hut,  Kleid  zu 
wählen,  gehen  auf  den  Kampf  zur  Zeit,  da  sie  ihren  Mann  zu 
wählen  hatte,  zurück. 

Bei  einer  anderen  Patientin  habe  ich  mich  überzeugt,  daß  es 
eine  hysterische  Melancholie  wirklich  gibt  und  wodurch  sie 
sich  auszeichnet,  auch  die  vielfachsten  Übersetzungen  derselben 
Erinnerung  notiert  und  von  dem  Zustandekommen  der  Melan¬ 
cholie  durch  Summation  eine  erste  Ahnung  bekommen.  Diese 
Kranke  ist  übrigens  total  anästhetisch,  wie  sie  nach  einer  Idee 
aus  den  ältesten  Zeiten  der  Neurosenarbeit  sein  sollte.1 

Von  einer  dritten  habe  ich  auf  folgende  interessante  Art 
gehört.  Ein  hochstehender  und  hochvermögender  Herr  (Bank¬ 
direktor),  etwa  60  Jahre  alt,  sucht  mich  auf  und  unterhält  mich 
von  den  Eigentümlichkeiten  eines  jungen  Mädchens,  mit  dem 
er  ein  Verhältnis  hat.  Ich  werfe  die  Vermutung  hin,  sie  sei  wohl 
ganz  anästhetisch.  Im  Gegenteil,  sie  hat  4-6  Entladungen  während 
eines  Koitus.  Aber  —  sie  gerät  schon  bei  der  Annäherung  in 
Tremor,  ist  unmittelbar  nachher  in  einem  pathologischen  Schlaf 
und  spricht  aus  diesem  wie  aus  einer  Hypnose,  führt  auch  post¬ 
hypnotische  Suggestionen  aus,  für  den  ganzen  Zustand  volle 
Amnesie.  Er  wird  sie  verheiraten  und  für  den  Mann  wird  sie 
sicher  anästhetisch  sein.  Der  Alte  wirkt  offenbar  durch  die 
mögliche  Identifizierung  mit  dem  hochvermögenden  Vater  der 
Kinderjahre  so,  daß  er  die  an  Phantasien  hängende  Libido 
flüssig  machen  kann.  Lehrreich! 


Kinder  und  Frau  sind  jetzt  endlich  wieder  wohl.  Annerl  ist 
plötzlich  eines  Morgens  genesen  und  seither  köstlich  frech. 

Leb  recht  wohl,  grüß  herzlich  Frau  und  Kinder  und  gib  mir 
bald  Nachricht 

Dein 


Sigm. 


*)  Siehe  Seite  in  ff. 


Brief  vom  30.  1 .  99 


293 


103 


Teurer  Wilhelm ! 


Wien,  30.  1.  99. 


Meine  Verzögerung  erklärt  sich  so :  ich  hatte  schon  vor  acht 
Tagen  einen  Brief  an  Dich  fertig,  weil  ich  glaubte,  einen  schönen 
Fund  getan  zu  haben.  Während  des  Schreibens  kamen  Zweifel, 
ich  beschloß  zu  warten  und  hatte  recht,  denn  die  Sache  war 
nicht  richtig,  d.h.  es  war  etwas  daran,  aber  es  mußte  auf  ein 
ganz  anderes  Gebiet  umgedeutet  werden. 

Du  weißt  wohl  nicht,  welche  Hebung  Dein  letzter  Besuch 
mir  bedeutet  hat.  Ich  zehre  immer  noch  daran.  Das  Licht 
ist  seitdem  nicht  ausgegangen,  bald  hier,  bald  dort  dämmert 
ein  Stückchen  Erkenntnis,  gegen  die  Trostlosigkeit  des  letzten 
Jahres  eine  wahre  Erfrischung.  Was  diesmal  sich  aus  dem  Chaos 
hebt,  ist  die  Anknüpfung  an  die  in  den  Studien  enthaltene 
Psychologie,  der  Zusammenhang  mit  dem  Konflikt,  dem  Leben : 
die  klinische  Psychologie  möchte  ich’s  nennen.  Die  Pubertät 
rückt  immer  mehr  in’s  Zentrum,  der  Phantasieschlüssel  bewährt 
sich.  Doch  ist  nichts  Großes  und  Ganzes  noch  da.  Ich  notiere 
fleißig  die  Merkwürdigkeiten,  um  sie  Dir  am  Kongreß  vorzulegen. 
Ich  brauche  Dich  als  Publikum. 

Zu  meiner  Erholung  lese  ich  Burckhardt’s  Griechische  Kultur¬ 
geschichte,  die  mir  unerwartete  Parallelen  liefert.  Meine  Vor¬ 
hebe  für  das  Prähistorische  in  allen  menschlichen  Formen  ist  im 
gleichen  gebheben. 

•  •  • 

3.  2.  Ich  konnte  mich  nicht  entschließen,  den  kurzen  Brief 
als  beendet  abzuschicken  und  wartete  auf  neues  Material.  Es 
kam  aber  nichts,  es  geht  jetzt  alles  in  die  Blätter,  auf  denen  ich 
für  den  Kongreß  notiere,  und  zu  anderem  reicht  mein  Interesse 
und  meine  Kraft  überhaupt  nicht  aus.  Heute  nach  I2stüniiger 
Arbeit  und  100  fl.  Verdienst  bin  ich  wieder  einmal  mit  meinen 
Kräften  fertig.  Alle  Sehnsüchte  der  Seele  schlafen,  etwa  so  wie 
die  Kunst  nur  im  Reichtum  gedeiht,  so  die  Sehnsucht  nur  in  der 
Muße.  Ich  antizipiere  nur,  was  Du  zu  den  Notizen  sagen  wirst, 


294 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


die  Dir  einen  besseren  Einblick  als  je  zuvor  geben  werden. 
Vom  ersten  Rang  ist  allerdings  nichts  darunter. 

Ich  weiß  übrigens.,  daß  Du  nicht  gern  Pläne  auf  lange 

hinaus  machst. 

Sonst  nichts  Neues  hier.  Ich  erwarte  gute  Nachricht  von 
Dir,  Frau  und  Kindern 

Dein 


Sigm. 


104 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  6.  2.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Fälle,  wie  Du  nach  ihnen  fragst,  sehe  ich  nicht,  einfach  weil 
ich  nichts  anderes  sehe  als  meine  täglichen  Kranken,  mit  denen 
ich  ja  auch  für  eine  ganze  lange  erste  Arbeitsperiode  mein  Aus¬ 
kommen  finde.  Sie  liefern  mir  das  Typische;  hoffentlich  brauche 
ich  mich  um  die  Korollarien  nicht  mehr  selbst  zu  bemühen. 
Erinnerlich  sind  mir  Fälle  von  Tbc.  mit  Angst  auch  aus  früherer 
Zeit,  ohne  daß  sie  mir  besonderen  Eindruck  hinterlassen  hätten. 

.  .  .  Die  Kunst,  einen  Kranken  zu  täuschen,  ist  ja  gerade  nicht 
groß  erforderlich.  Wohin  ist  es  aber  mit  dem  Einzelnen  ge¬ 
kommen,  wie  gering  muß  der  Einfluß  der  Wissenschaftsreligion 
sein,  welche  die  alte  Religion  abgelöst  haben  sollte,  wenn  man 
sich  der  Eröffnung  nicht  mehr  getraut,  daß  der  oder  jener  jetzt 
zu  sterben  hat.  .  .  .  Der  Christ  läßt  sich  wenigstens  noch  einige 
Stunden  vorher  mit  den  Sterbesakramenten  versehen.  Es  heißt 
doch  bei  Shakespeare:  Du  bist  der  Natur  einen  Tod  schuldig. 
Hoffentlich  finde  ich  zu  meiner  Zeit  jemanden,  der  mich  mit 
mehr  Achtung  behandelt  und  es  mir  sagt,  wenn  ich  bereit  sein 


Brief  vom  19.  2.  99 


295 


soll.  Mein  Vater  hat  es  klar  gewußt,  nicht  davon  gesprochen  und 
seine  schöne  Fassung  bis  an’s  Ende  bewahrt. 

So  arm  an  Externi  wie  diese  war  lange  keine  andere  Zeit. 
Für  Familienangelegenheiten  ist  das  ja  ein  Glück,  denn  diese 
Neuigkeiten  sind  selten  begehrenswert.  In  der  Arbeit  geht  es 
langsam  vorwärts,  nie  ohne  gewisse  Ausbeute,  aber  jetzt  schon 
wieder  länger  ohne  eine  überraschende  Wendung.  Das  geheime 
Dossier  wird  dabei  immer  dicker,  sehnt  sich  förmlich  nach  der 
Ostereröffnung.  Wann  Ostern  in  Rom  möglich  sein  wird, 
daraufhin  ich  schon  selbst  neugierig. 

Auch  ist  es  mir  noch  völlig  Ernst  mit  dem  Wechsel  des  Berufs 
und  des  Aufenthaltes,  trotz  aller  Besserung  in  Arbeit  und 
Erwerb.1  Es  ist  doch  im  Ganzen  zu  arg.  Schade,  daß  diese 
Pläne  ebenso  phantastisch  sind  wie  „Ostern  in  Rom“.  Das 
sonst  so  bunte,  erinnerungs-  und  überraschungssüchtige  Schicksal 
hat  Deinen  Freund  in  seinem  einsamen  Winkel  rein  vergessen. 


Dein 


Sigm. 


Ich  bin  tief  in  Burckhardt’s  Griechischer  Kulturgeschichte. 


105 


Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  19.  2.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wühelm ! 


Der  letzte  allgemeine  Gedanke  hat  sich  erhalten  und  scheint 
ins  Unabsehbare  wachsen  zu  wollen.  Nicht  der  Traum  allein 
ist  eine  Wunscherfüllung,  auch  der  hysterische  Anfall.  Das 

x)  Aus  dem  Briefwechsel  ist  nicht  ersichtlich,  worauf  sich  Freuds  Pläne  eines 
Berufs-  und  Ortswechsels  beziehen.  Er  spricht  in  späteren  Briefen  von  dem 
Versuch,  Anschluß  an  eine  Heilanstalt  zu  suchen,  und  die  Anerkennung  für 
Berlin  im  Vergleich  mit  Wien  findet  sich  wiederholt  erwähnt. 


296 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


hysterische  Symptom  ist  es,  wahrscheinlich  jedes  neurotische 
Ergebnis,  da  ich  es  frühzeitig  schon  vom  akuten  Wahnsinn 
erkannt  habe.  Realität — Wunscherfüllung,  aus  diesen  Gegen¬ 
sätzen  sprießt  unser  psychisches  Leben.  Ich  glaube,  ich  weiß 
nun,  welche  Bedingung  den  Traum  von  dem  Symptom,  das 
sich  ja  ins  wache  Leben  eindrängt,  scheidet.  Für  den  Traum 
genügt  es,  daß  er  die  Wunscherfüllung  des  verdrängten  Ge¬ 
dankens  sei ;  er  ist  ja  von  der  Realität  ferngehalten.  Das  Symptom 
aber,  mitten  im  Leben,  muß  noch  etwas  anderes  sein,  auch  die 
Wunscherfüllung  des  verdrängenden  Gedankens.  Ein  Symptom 
entsteht  dort,  wo  der  verdrängte  und  der  verdrängende  Gedanke 
in  einer  Wunscherfüllung  Zusammentreffen  können.  Wunsch¬ 
erfüllung  des  verdrängenden  Gedankens  ist  das  Symptom  z.B. 
als  Strafe,  Selbstbestrafung,  die  letzte  Ersetzung  der  Selbstbe¬ 
friedigung,  der  Onanie.1 

Mit  dem  Schlüssel  geht  nun  vieles  auf.  Weißt  Du  z.B.,  warum 
die  X.  Y.  hysterisch  erbricht?  Weü  sie  in  der  Phantasie  gravid 
ist,  weil  sie  in  ihrer  Unersättlichkeit  es  nicht  entbehren  kann, 
auch  von  dem  letzten  Phantasiegeliebten  ein  Kind  zu  tragen. 
Aber  sie  darf  auch  erbrechen,  weü  sie  dann  ausgehungert  wird, 
abmagert,  ihre  Schönheit  verliert  und  niemandem  mehr  gefaüen 
wird.  So  ist  ein  kontradiktorisches  Paar  von  Wunscherfüüungen 
der  Sinn  des  Symptoms. 

Weißt  Du,  warum  unser  Freund  E.,  den  Du  kennst,  rot  wird 
und  schwitzt,  sobald  er  eine  gewisse  Kategorie  von  Bekannten 
sieht,  besonders  im  Theater?  Er  schämt  sich;  freilich,  aber 
wessen?  Einer  Phantasie,  in  der  er  sich  als  Deflorator  jeder 
Person,  der  er  begegnet,  vorkommt.  Er  schwitzt  beim  Deflorieren, 
plagt  sich  tüchtig  dabei.  Ein  Nachklang  dieser  Bedeutung  wird 
jedesmal  wie  ein  Grollen  des  Niedergeworfenen  in  ihm  laut, 

x)  Die  Einsicht  schreitet  fort:  nachdem  die  Brücke  zwischen  Neurosen-  und 
Traumlehre  hergestellt  ist,  wird  die  Bedeutung  des  Symptoms  erkannt.  Schon 
früher  (Brief  Nr.  ioi  ff.)  hatte  Freud  Einsicht  in  den  Kompromißcharakter  der 
Symptombildung  gewonnen;  jetzt  werden  die  Kräfte,  zwischen  denen  das 
Kompromiß  zustande  kommt,  in  die  Formel  eingesetzt.  Die  Auffassung  des 
Symptoms  als  Ausdruck  von  verdrängten  und  verdrängenden  Gedanken  (als 
Kompromiß  zwischen  Es  und  Über- Ich),  hat  von  anderer  Seite  her  die  Auf¬ 
fassung  von  der  Traumarbeit  befruchtet  und  so  die  zentralen  Hypothesen  der 
„Traumdeutung“  ergänzt. 


Brief  vom  2.  3.  99 


297 


wenn  er  sich  vor  einer  Person  geschämt  hat:  jetzt  glaubt  die 
dumme  Gans,  ich  schäm’  mich  vor  ihr.  Wenn  ich  sie  im  Bett 
hätte,  würde  sie  merken,  wie  wenig  ich  mich  vor  ihr  geniere! 
Und  die  Zeit,  in  der  er  seine  Wünsche  auf  diese  Phantasie  ge¬ 
richtet  hat,  hat  ihre  Spur  im  psychischen  Komplex,  der  das 
Symptom  auslöst,  hinterlassen.  Es  ist  die  lateinische  Zeit,  der 
Theatersaal  erinnert  ihn  an  den  Schulsaal,  er  strebt,  immer 
denselben  festen  Sitz  zu  haben  in  der  ersten  Bank.  Der  Zwischen¬ 
akt  ist  das  Respirium  und  das  „Schwitzen“  hieß  damals  „operam 
dare“.  Über  diese  Phrase  hat  er  einen  Streit  mit  dem  Professor. 
Übrigens  kann  er  es  nicht  verwinden,  daß  er  dann  auf  der 
Universität  mit  der  Botanik  nicht  fertig  geworden,  jetzt  setzt 
er  das  als  „Deflorator“  fort.  Die  Fähigkeit,  in  Schweiß  aus¬ 
zubrechen,  dankt  er  freilich  der  Kindheit,  seitdem  ihm  der 
Bruder  im  Bad  (mit  3  Jahren)  Badewasser  mit  Seifenschaum 
über’s  Gesicht  gegossen,  ein  Trauma,  aber  kein  sexuelles.  Und 
warum  hat  er  damals  in  Interlaken  mit  14  Jahren  in  so  merk¬ 
würdiger  Stellung  im  Abort  masturbiert?  Es  war  nur,  um  die 
„Jungfrau“  dabei  zu  sehen,  eine  andere  hat  er  auch  seither 
nicht  zu  Gesicht  bekommen,  ad  genitalia  wenigstens.  Er  ist 
dem  freilich  absichtlich  ausgewichen,  denn  warum  sucht  er  sonst 
nur  Verhältnisse  mit  Schauspielerinnen?  Wie  „ausgeklügelt“ 
und  doch  der  ganze  „Mensch  mit  seinem  Widerspruch“  I1 

Herzlichst 

Dein  Sigm. 


106 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  2.  3.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

„Das  Schreiben  hat  er  ganz  vergessen“.  Warum  das?  Und 

1 )  C.  F.  Meyer  „Huttens  letzte  Tage“.  Von  Freud  zitiert  in  der  „Analyse 
der  Phobie  eines  fünfjährigen  Knaben“,  G.W.  VII,  S.  347. 


29B 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


mit  einer  plausibel  warnenden  Theorie  der  Vergeßlichkeit  frisch 
im  Gedächtnis? 

Sollte  wieder  eine  Kreuzung  unterwegs  sein?  Nun,  einen  Tag 
bleibt  der  Brief  noch  liegen. 

Mir  geht  es  fast  gleichmäßig  gut.  Ich  kann  Ostern  nicht 
erwarten,  um  Dir  ein  Hauptstück  der  Geschichte,  das  von  der 
Wunscherfüllung  und  von  der  Kuppelung  der  Gegensätze  aus¬ 
führlich  zu  zeigen.  Ich  erlebe  manche  Freude  an  alten  Fällen 
und  habe  zwei  neue,  nicht  die  günstigsten  zwar,  bekommen. 
Noch  immer  ist  das  Reich  der  Unsicherheit  riesig  groß,  die 
Probleme  wimmeln,  von  dem,  was  ich  tue,  ist  erst  der  kleinste 
Teil  vom  Denken  gefaßt;  doch  wird  es  alle  paar  Tage  lichter, 
bald  hier,  bald  dort,  und  ich  bin  bescheiden  geworden,  rechne 
mit  langen  Jahren  Arbeit  und  geduldigem  Zusammenklauben, 
unterstützt  durch  einige  brauchbare  Einfälle  nach  den  Ferien, 
nach  unseren  Zusammenkünften. 

Rom  ist  noch  weit.  Du  kennst  ja  meine  römischen  Träume. 

5.  3.  Das  Leben  ist  sonst  unglaublich  inhaltslos.  Kinderstube 
und  Ordinationszimmer,  es  gibt  in  diesen  Zeiten  nichts  anderes, 
wenn  beides  gut  ist,  ist  dem  Neid  der  Götter  doch  sonst  genug 
geopfert.  .  .  .  Das  Wetter  wechselt  zwischen  Schneesturm  und 
Frühlingsahnung  alle  24  Stunden.  Der  Sonntag  ist  noch  immer 
eine  schöne  Einrichtung,  obwohl  Martin  behauptet,  nach  seiner 
Empfindung  werden  die  Sonntage  immer  seltener.  Ostern  ist 
eigentlich  nicht  mehr  so  weit.  Sind  Deine  Pläne  schon  fixiert? 
In  mir  zuckt  es  schon  vor  Reiselust. 

Pour  revenir  ä  nous  moutons  —  ich  kann  sehr  deutlich  zwei 
verschiedene  intellektuelle  Zustände  an  mir  unterscheiden, 
einen,  in  dem  ich  mir  alles,  was  meine  Leute  erzählen,  sehr  gut 
merke,  während  der  Arbeit  auch  Neues  erfinde,  aber  außer 
derselben  nicht  nachdenken  kann  und  nichts  anderes  arbeiten 
kann,  und  einen  zweiten,  in  dem  ich  Schlüsse  ziehe,  Notizen 
mache,  auch  freies  Interesse  habe,  aber  eigentlich  weiter  weg 
von  den  Dingen  und  nicht  recht  aufmerksam  bei  der  Arbeit 
mit  den  Kranken  bin.  —  Mitunter  dämmert  mir  ein  zweites 
Stück  der  Behandlung,  ihre  Gefühle  so  zu  provozieren  wie 


Brief  vom  28.  5.  99 


299 


ihre  Einfälle,  als  ob  dies  ganz  unentbehrlich  wäre.  Die  Über¬ 
windung  der  Phantasie  scheint  mir  das  Hauptergebnis  der 
heurigen  Arbeit  zu  sein;  sie  haben  mich  doch  weit  weg  vom 
Wirklichen  gelockt.  Meinem  eigenen  Seelenleben  hat  die  ganze 
Beschäftigung  doch  sehr  wohl  getan ;  ich  bin  offenbar  viel  normaler 
als  ich  vor  4  oder  5  Jahren  war. 

Meine  Vorlesungen  habe  ich  heuer  trotz  sehr  zahlreicher 
Anmeldungen  eingestellt  und  gedenke,  sie  in  nächster  Zeit  nicht 
wieder  aufzunehmen.  Vor  der  kritiklosen  Anhängerschaft  der 
ganz  Jungen  habe  ich  dasselbe  Grauen,  wie  es  mir  die  Gegner¬ 
schaft  der  etwas  Älteren  verursacht  hat.  Auch  ist  die  ganze 
Sache  nicht  reif — nonum  prematur  in  annum !  Schüler  ä  la  Gattl 
die  schwere  Menge  zu  haben;  in  der  Regel  verlangen  sie  dann 
selbst  behandelt  zu  werden.  Auch  habe  ich  die  Nebenabsicht, 
einen  geheimen  Wunsch  zu  verwirklichen,  der  etwa  gleichzeitig 
mit  Rom  reif  werden  kann.  Wenn  also  Rom  möglich  ist,  dann 
werfe  ich  auch  die  Dozentur  hin.  Aber,  wie  gesagt,  wir  sind  noch 
nicht  in  Rom. 

Ich  vermisse  Deine  Nachrichten  schmerzlich.  Muß  es  so  sein  ? 

Herzlichst  und  mit  vielen  Grüßen  für  Deine  liebe  Frau 


Dein 


Sigm. 


107 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  28.  5.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 
a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

.  .  .  Die  Deckerinnerungen  sind  in  Jena  bei  Ziehen.1  .  .  . 
Der  Traum  aber  wird  plötzlich,  ohne  besondere  Motivierung, 


*)  „Über  Deckerinnerungen“,  Monatsschrift  für  Psychiatrie  und  Neurologie, 
1899.  G.S.I;-S.  Bernfeld („AnUnknown  Autobiographical Fragment by  Freud“, 
The  American  Imago,  IV,  1946,  Nr.  1)  zeigt,  daß  es  sich  um  eine  Deckerin¬ 
nerung  Freuds  selbst  handelt. 


300 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


aber  diesmal  sicher.  Ich  hab5  mir  überlegt,  daß  es  mit  all  den 
Verkleidungen  nicht  geht,  daß  es  auch  mit  dem  Verzichten 
nicht  geht,  denn  ich  bin  nicht  reich  genug,  den  schönsten,  den 
wahrscheinlich  einzig  überlebenden  Fund,  den  ich  gemacht  habe, 
für  mich  zu  behalten.  Ich  habe  mich  dann  in  diesem  Dilemma 
benommen  wie  der  Rabbi  in  der  Geschichte  vom  Hahn  und  der 
Henne.  Kennst  Du  sie?  „Ein  Ehepaar,  das  einen  Hahn  und 
eine  Henne  besitzt,  beschließt,  sich  zu  den  Feiertagen  einen 
Hühnerbraten  zu  gönnen,  kann  sich  aber  zur  Wahl  des  Opfers 
nicht  entschließen  und  wendet  sich  darum  an  den  Rabbi.  ,Rabbe, 
was  sollen  wir  tun,  wir  haben  nur  einen  Hahn  und  eine  Henne. 
Wenn  wir  den  Hahn  schlachten,  wird  sich  die  Henne  kränken, 
und  wenn  wir  die  Henne  schlachten,  wird  sich  der  Hahn  kränken. 
Wir  wollen  aber  Huhn  essen  zum  Feiertag;  Rabbe,  was  sollen 
wir  tun?4  Der  Rabbi:  ,So  schlacht’s  den  Hahn.4  —  ,Da  wird 
sich  doch  die  Henne  kränken.4  —  ,Ja,  das  ist  wahr,  also  schlacht’s 
die  Henne.4  —  ,Aber  Rabbi,  dann  kränkt  sich  ja  der  Hahn.4  — 
Der  Rabbi :  ,Loss  er  sich  kränken !  !4  44 

Der  Traum  wird  also  werden.  .  .  .  Leider  haben  die  Götter 
vor  die  Abhandlung  die  Literatur  zur  Abschreckung  gesetzt. 
Das  erste  Mal  bin  ich  in  ihr  stecken  geblieben.  Diesmal  werde 
ich  mich  durchbeißen ;  es  steht  ja  ohnedies  nichts  Rechtes  darin. 
So  autochthon  war  noch  keine  meiner  Arbeiten,  mein  eigen 
Mistbeet,  mein  Setzling  und  eine  nova  species  mihi  (sic !)  darauf. 
Nach  der  Literatur  kommen  dann  die  Streichungen,  Ein¬ 
schaltungen  usw.  und  das  Ganze  soll  Ende  Juli,  wenn  ich  aufs 
Land  gehe,  druckfertig  sein.  Mit  der  Verlagsänderung  versuche 
ich’s  vielleicht,  wenn  ich  merke,  daß  Deuticke  nicht  viel  dafür 
zahlen  will  oder  nicht  sehr  darauf  brennt. 

Der  io  Analysen  eilte  es  noch  nicht;  ich  habe  jetzt  z\\ 
4  Anknüpfungen  zerschlagen,  auch  sonst  Totenstille.  Merk¬ 
würdiger  Weise  läßt  es  mich  kühl.  Die  Technik  war  zuletzt 
schon  sehr  vollkommen. 

Die  Buben  haben  nach  zweitägigem  Fieber  eine  leichte  Angina 
produziert,  Emst  leidet  noch  sehr  unter  seiner  angeblichen 
Magenerweiterung;  er  soll  Kassowitz  gezeigt  werden.  Freitag 


Brief  vom  9.  6-99 


301 


geht  es  (Minna  mit  den  Kindern  außer  Mathilde)  nach  Berchtes¬ 
gaden. 

Ich  habe  mir  Schliemann’s  Ilias  geschenkt  und  mich  an  seiner 
Kindheitsgeschichte  erfreut.  Der  Mann  war  glücklich,  als  er 
den  Schatz  des  Priamos  fand,  denn  Glück  gibt  es  nur  als  Er¬ 
füllung  eines  Kinderwunsches.  Dabei  fällt  mir  ein,  daß  ich 
heuer  nicht  nach  Italien  reisen  werde.  Auf  nächstes  Mal. 

Mit  herzlichsten  Grüßen  für  Dich,  Frau,  Sohn  und  Tochter 


Dein 


Sigm. 


108 

Dr.  Sigm.  Freud,  9.  6.  99. 

IX.  Berggasse  19.  ord.  3-5  Uhr. 

Teurer  Wilhelm ! 

Lebenszeichen !  Das  „Schweigen  im  Walde“  ist  Großstadtlärm 
gegen  meine  Ordination.  Hier  läßt  sich  trefflich  „träumen“. 
In  der  Literatur  gibt  es  einzelne  Produkte,  die  mir  das  erste 
Mal  den  Eindruck  gemacht  haben,  daß  ich  am  liebsten  nie  etwas 
mit  der  Sache  zu  tun  gehabt  hätte.  Einer  heißt  Spitta  (to  spit  = 
Speien).1  Jetzt  bin  ich  über  die  Klippe.  Natürlich  kommt  man 
immer  tiefer  hinein,  muß  dann  einmal  abbrechen.  Die  ganze 
Sache  löst  sich  mir  wieder  in  einen  Gemeinplatz  auf.  Der 
Traum  sucht  einen  Wunsch  jedesmal  zu  erfüllen,  der  sich  in 
verschiedene  verwandelt  hat.  Es  ist  der  Wunsch  zu  schlafen! 
Man  träumt,  um  nicht  erwachen  zu  müssen,  weil  man  schlafen 
will.  Tant  de  bruit. 


x)  Spitta,  W.  „Die  Schlaf-  und  Traumzustände  der  menschlichen  Seele“, 
1892. 


302 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


.  .  .  Ich  habe  bei  einer  Freundin  (Frau  A.),  einer  Frau  vom 
ersten  Rang  —  sollte  ich  noch  nie  von  ihr  gesprochen  haben?  — 
eine  Analyse  begonnen  und  kann  mich  wieder  überzeugen,  wie 
glänzend  alles  zusammengeht.  Sonst  bin  ich  resigniert.  Für 
einige  Monate  habe  ich  ja  zu  leben.  .  .  .  Deprimierend  wirkt 
auf  mich  die  Überschwemmung  mit  psychologischer  Literatur, 
ein  Gefühl,  gar  nichts  zu  wissen,  wo  ich  schon  das  Neue  zu 
greifen  vermeinte.  Das  Malheur  ist  auch,  daß  man  diese  lesende 
und  exzerpierende  Tätigkeit  nur  wenige  Stunden  im  Tag  aushält. 
Frage  mich  also,  ob  Du  mir  wirklich  gut  geraten,  ob  ich  Dich 
nicht  lieber  dafür  verwünschen  soll.  Einzige  Ersatzmöglichkeit : 
Du  mußt  mir  in  Deiner  Einführung  in  die  Biologie  etwas  Er¬ 
frischendes  zu  lesen  geben. 

Herzlichste  Grüße  an  Dich  und  Euch  alle 


Dein 


Sigm. 


109 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  27.  6.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Ich  bin  müde  und  freue  mich  sehr  auf  die  vier  Tage  vom 
29--2.7.,  die  ich  in  Berchtesgaden  zubringen  werde.  Die 
Schreiberei  —  ich  habe  es  einmal  bis  zu  einem  Bogen  im  Tag 
gebracht  —  geht  weiter,  der  Abschnitt  dehnt  sich  und  wird  weder 
schön  noch  fruchtbar.  Es  ist  doch  eine  Verpflichtung,  ihn  zu 
machen.  Das  Thema  wird  mir  nicht  Heber  dabei. 

•  •  • 

Morgen  gebe  ich  die  ersten  Bogen  in  den  Druck;  vielleicht 
gefällt  es  anderen  besser  als  mir.  „Mir  gefällt  sie  nicht“,  könnte 


Brief  vom  3.  7.  99 


303 


man  Onkel  Jonas  variieren.1  Meine  eigenen  Träume  erheben 
sich  jetzt  zu  blödsinniger  Kompliziertheit.  Unlängst  berichtet 
man  mir,  Annerl  hätte  zu  Tante  Minnas  Geburtstag  geäussert: 
„An  Geburtstagen  bin  ich  meistens  ein  bißchen  brav“.  Darauf 
träume  ich  den  bekannten  Schultraum,  bei  dem  ich  in  der  Sexta 
bin,  und  denke  dabei :  „Bei  solchen  Träumen  ist  man  meistens 
in  der  Sexta“.  Einzig  mögliche  Lösung,  Annerl  ist  meine  Sexta, 
mein  6tes  Kind !  Brr  .  .  . 

Es  herrscht  ein  Hundewetter.  Du  merkst,  daß  ich  nichts  zu 
schreiben  habe,  nicht  heiter  bin.  .  .  . 


Dein 


Sigm. 


IIO 


Teurer  Wilhelm ! 


3-  7-  99. 


•  ♦  • 

Der  Autor  des  „hochbedeutsamen,  leider  von  der  Wissen¬ 
schaft  nicht  genug  geschätzten  Buches  über  den  Traum“  befand 
sich  vier  Tage  lang  in  Berchtesgaden  vortrefflich,  au  sein  de  sa 
famille ,  und  ließ  sich  nur  durch  einen  Rest  von  Schamgefühl 
abhalten,  Dir  keine  Ansichtskarte  vom  Königsee  zu  schicken. 
Die  Wohnung  ist  ein  kleines  Juwel  an  Sauberkeit,  Einsamkeit 
und  Aussicht,  die  Frauen  und  Kinder  behagen  sich  sehr  und 
sehen  vortrefflich  aus.  Annerl  wird  geradezu  schön  vor  Schlimm¬ 
heit.  Die  Buben  sind  bereits  zivilisierte  und  genußfähige 
Menschen.  Martin  ist  ein  komischer  Kauz,  feinsinnig  und 
gutmütig  in  seinen  Privatverhältnissen,  ganz  in  eine  humoristische 
phantastische  Welt  eingesponnen.  Wir  gehen  z.B.  an  einer 

x)  Es  handelt  sich  um  einen  in  vielen  Varianten  bekannten  Witz,  auf  den 
sich  Freud  in  den  folgenden  Briefen  immer  wieder  bezieht.  Die  hier  zitierte 
Fassung  ist  unter  dem  Titel  „Vernunftehe“  bekannt  gewesen.  Onkel  Jonas 
trifft  seinen  Neffen,  der  ihm  gratuliert,  da  er  von  seiner  Verlobung  gehört  hat. 
„Und  wie  ist  denn  Deine  Braut,  Onkel?“  Der  Onkel  erwidert:  „Geschmack¬ 
sache,  —  mir  gefällt  sie  nicht!“ 


304 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


kleinen  Höhle  im  Felsen  vorüber.  Er  beugt  sich  hinab  und  fragt : 
Ist  der  Herr  Drache  zu  Hause?  Nein,  nur  die  Frau  Drachin. 
Guten  Tag,  Frau  Drachin.  Der  Herr  ist  nach  München  ge¬ 
flogen?  Sagen  Sie  ihm,  ich  werde  ihn  nächstens  besuchen  und 
ihm  Bonbons  mitbringen  —  der  Name  „Drachenloch“  zwischen 
Salzburg  und  Berchtesgaden  hat  das  veranlaßt.  Oli  ordnet  hier 
Berge  wie  in  Wien  Stadtbahn-  und  Tramway linien.  Sie  halten 
auch  sehr  gut  und  neidlos  zusammen. 

Martha  und  Minna  lesen  jetzt  Briefe  von  Hehn  an  einen  Herrn 
Wichmann  und  da  Du  überhaupt  alles  weißt,  auch  in  der  Wich- 
mannstrasse  gewohnt  hast,  wollen  sie  von  Dir  wissen,  wer  dieser 
Herr  Wichmann  war.  Ich  habe  ihnen  angedeutet,  daß  Du  etwas 
Wichtigeres  im  Moment  zu  tun  hast. 

Weißt  Du,  woran  mich  der  Ausflug  lebhaft  erinnert  hat?  An 
unsere  erste  Zusammenkunft  90  oder  91  in  Salzburg  und  die 
Wanderung  von  dort  über  den  Hirschbühel  nach  Berchtesgaden, 
wo  Du  dann  auf  dem  Bahnhof  einen  meiner  schönsten  Anfälle 
von  Reiseangst  mitangesehen.  Auf  dem  Hirschbühel  stehst  Du 
im  Fremdenbuch  von  meiner  Hand  eingetragen  als  „Universal¬ 
spezialist  aus  Berlin“.  Zwischen  Salzburg  und  Reichenhall 
hattest  Du,  wie  gewöhnlich,  kein  Auge  für  die  schöne  Natur, 
sondern  schwärmtest  von  Mannesmann’schen  Röhren.  Ich  fühlte 
mich  damals  etwas  gedrückt  durch  Deine  Überlegenheit,  das 
war  die  klare  Empfindung,  und  daneben  lief  eine  unklare,  die 
ich  erst  heute  in  Worte  fassen  kann;  die  Ahnung,  daß  dieser 
Mann  seinen  Beruf  noch  nicht  entdeckt  hat,  als  der  sich  später 
herausstellte,  das  Leben  in  die  Fesseln  der  Zahlen  und  Formeln 
zu  schlagen.  Auch  von  dem  anderen  Beruf  war  damals  noch 
keine  Rede  und  hätte  ich  von  Frl.  Ida  Bondy  erzählt,  so  hättest 
Du  noch  gefragt :  Wer  ist  das  ?  Ich  bitte,  die  betreffende  Dame 
von  den  Meinigen  herzlichst  zu  grüßen. 


Dein 


Sigm. 


Brief  vom  17*1.99 


305 


III 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  17.  7.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 


Ich  habe  hier  noch  115  kleine  Geschäfte  zu  erledigen,  mit 
den  großen  bin  ich  fertig.  Das  I.  Traumkapitel  ist  im  Druck 
und  wartet  auf  Korrekturen.  .  .  . 

Noch  einige  Abschiedsbesuche,  Ordnung,  Zahlungen  etc.  und 
ich  bin  flott.  Es  war  ein  zweifellösendes,  siegreiches  Jahr  im 
Ganzen,  nur  zu  verwundern,  daß  man  sich  nicht  mehr  freut, 
wenn  die  lang  erwarteten  Dinge  kommen.  Die  Konstitution 
läßt  eben  nach.  .  .  .  Den  Lassale  und  einige  Schriften  über  das 
Unbewußte  nehme  ich  nach  Berchtesgaden  nebst  meinem 
Manuskript  mit.  Auf  Reisen  wird  —  ungern  — -  verzichtet. 
In  guten  Stunden  phantasiere  ich  von  neuen  großen  und  kleinen 
Arbeiten.  Motto  für  den  Traum  hat  sich  nicht  ergeben,  seitdem 
Du  das  Goethe’sche  sentimentale  umgebracht.  Es  wird  beim 
Hinweis  auf  die  Verdrängung  bleiben. 

Fledere  si  nequeo  Superos ,  Acheronta  movebo. 

Titel  aus  den  Phantasien: 

Zur  Psychopathologie  des  täglichen  Lebens. 

Verdrängung  und  Wunscherfüllung . 

(. Eine  psychologische  Theorie  der  Neuropsy chosen.) 

Soviel  von  mir. 


Es  gibt  noch  alte  Götter,  denn  ich  habe  unlängst  einige  be¬ 
kommen,  darunter  einen  Janus  aus  Stein,  der  mit  seinen  zwei 
Gesichtern  mich  sehr  überlegen  anschaut. 

Also  herzlichste  Grüße  und  ich  hoffe,  in  Berchtesgaden  bereits 
Nachricht  von  Dir  vorzu finden. 


Dein 


Sigm. 


T 


306 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


112 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  22.  7.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Mit  dem  Traum  steht  es  so.  Es  hat  ein  erstes  in  die  Literatur 
einführendes  Kapitel  gefehlt,  das  Du,  wenn  ich  nicht  sehr  irre, 
auch  verlangt  hast,  um  das  Weitere  zu  entlasten.  Dieses  ist 
geschrieben  worden,  wurde  mir  ‘sehr  sauer  und  ist  nicht  sehr 
befriedigend  ausgefallen.  Die  meisten  Leser  werden  in  diesem 
Dornengestrüpp  stecken  bleiben  und  Dornröschen  dahinter  gar 
nicht  zu  Gesicht  bekommen.  Das  andere,  was  Du  kennst,  wird 
einer  nicht  eingreifenden  Durcharbeitung  unterzogen.  Was  die 
Literatur  behandelt,  kommt  heraus,  einzelne  detaillierte  Be¬ 
ziehungen  auf  die  Literatur,  die  ich  erst  jetzt  kennen  gelernt, 
werden  eingestreut,  neue  Traumbeispiele  zur  Illustration  ein¬ 
geschoben,  was  alles  nicht  viel  ausmacht,  dann  wird  der  letzte 
psychologische  Abschnitt  neu  gemacht,  die  Wunschtheorie,  die 
ja  das  Bindeglied  zu  dem  Folgenden  wird,  einiges  von  Annahmen 
über  den  Schlaf,  die  Abrechnung  mit  dem  Angsttraum,  die 
Verwicklung  zwischen  dem  Wunsch  zu  schlafen  und  dem  Unter¬ 
drückten.  Vielleicht  alles  mehr  andeutungsweise. 

Nun  verstehe  ich  nicht,  was  und  wann  Du  es  sehen  willst. 
Soll  ich  Dir  dieses  I.  Kapitel  schicken?  Und  dann  auch  die 
fortlaufende  Umarbeitung,  ehe  ich  sie  in  Druck  gebe?  Du 
würdest  Dich  ohne  Genuß  sehr  belasten.  Mir  wäre  es  ja  nur 
Genuß,  wenn  Du  Dich  noch  darum  kümmertest.  An  den  Be¬ 
dingungen  der  Publikation  ist  nichts  geändert  worden.  Deuticke 
wollte  das  Buch  nicht  abgeben  und  so  habe  ich  mich  entschlossen, 
durch  nichts  zu  verraten,  wie  sauer  mir  der  Entschluß  geworden 
ist.  Es  wird  immerhin  ein  Stück  vom  ersten  Drittel  der  großen 
Aufgabe  erledigt  sein,  Neurosen  und  Psychose  in  die  Wissen¬ 
schaft  einzureihen  durch  die  Lehre  von  Verdrängung  und 


Brief  vom  i.  8.  99 


307 


Wunscherfüllung.  1.  Das  Organisch- Sexuelle,  2.  das  Faktisch- 
Klinische,  3.  das  Metapsychologische  daran.  Die  Arbeit  ist 
jetzt  im  zweiten  Dritteil,  über  das  erste  müssen  wir  noch  viel 
verhandeln,  wenn  das  Dritte  erreicht  ist  (Rom,  Karlsbad)1  will 
ich  mich  gern  zur  Ruhe  legen.  Die  Zuversicht  in  Deinen  Äus¬ 
serungen  hat  immer  etwas  äußerst  Wohltuendes  für  mich  und 
wirkt  exzitierend  für  längere  Zeit. 

Nun  möchte  ich  auch  bald  Genaues  von  Dir  und  den  Deinigen 
hören.  Ich  werde  von  Berchtesgaden  schreiben,  so  oft  ich  die 
Lust  verspüre  und  das  wird  nicht  selten  der  Fall  sein. 

Mit  herzlichstem  Gruß 


Dein 


Sigm. 


113 

Riemer lehen,  1.  8.  99. 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Gleichzeitig  sende  ich  Dir  in  zwei  Umschlägen  die  ersten 
Korrekturen  des  einleitenden  (Literatur-)  Kapitels.  Wenn  Du 
etwas  zu  beanständen  hast,  so  schicke  mir  das  Blatt  mit  Deinen 
Bemerkungen,  es  ist  noch  bis  zur  zweiten  und  dritten  Korrektur 
Zeit,  es  zu  verwerten.  Dein  lebhaftes  Interesse  für  die  Arbeit 
tut  mir,  ich  kann  nicht  sagen  wie,  wohl.  Leider  wird  dies  Kapitel 
eine  harte  Prüfung  für  den  Leser  sein. 

Wir  haben  es  hier  unvergleichlich  schön,  machen  größere  und 
kleinere  Spaziergänge  und  befinden  uns  alle  sehr  wohl,  bis 
auf  einige  Zustände,  die  ich  gelegentlich  habe.  Ich  arbeite  in 


x)  Vgl.  Anmkg.  zum  Brief  vom  3.  1.  1897,  Nr.  54. 


308 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


einem  großen,  ruhigen  Parterreraum  mit  Bergaussicht  an  der 
Vervollständigung  der  Traumarbeit.  Meine  von  Dir  so  wenig 
anerkannten  alten  und  dreckigen  Götter  beteiligen  sich  als 
Manuskriptbeschwerer  an  der  Arbeit.  Der  Ausfall  des  großen 
von  Dir  gestrichenen  Traumes  soll  durch  Einschiebung  einer 
kleinen  Traumsammlung  (harmlose,  absurde  Träume,  Rechnen 
und  Reden  im  Traum,  Affekte  im  Traum)  wettgemacht  werden. 
Die  Umarbeitung  wird  nur  das  letzte  psychologische  Kapitel 
betreffen,  das  ich  vielleicht  im  September  angreifen  und  Dir 
im  Manuskript  schicken  oder  —  mitbringen  werde.  Mein 
Interesse  ist  ganz  dabei. 

Schwämme  gibt  es  hier  auch,  aber  noch  nicht  reichlich.  Die 
Kinder  nehmen  an  dem  Sport  natürlich  Anteil.  Der  Geburtstag 
der  Hausfrau  ist  groß  gefeiert  worden,  u.a.  durch  einen  Familien¬ 
ausflug  nach  Bartholomäe.  Annerl  hättest  Du  auf  dem  Königsee 
sehen  sollen.  Martin,  der  hier  ganz  in  seiner  Phantasie  lebt, 
sich  ein  Malepartus  im  Wald  erbaut  hat  usw.,  hat  gestern  ge¬ 
äußert:  „Ich  glaube  eigentlich  nicht,  daß  meine  sogenannten 
Gedichte  wirklich  schön  sind“.  Wir  stören  ihn  nicht  in  dieser 
Selbsterkenntnis.  Oli  übt  sich  wieder  in  der  exakten  Aufnahme 
der  Wege,  Entfernungen,  Orts-  und  Bergnamen.  Mathilde  ist 
ein  ganzer  Mensch  und  natürlich  ein  volles  Frauenzimmer.  Sie 
haben  alle  gute  Zeiten. 

•  •  • 

Je  mehr  die  Arbeit  dieses  Jahres  jetzt  zurücktritt,  desto  zu¬ 
friedener  werde  ich  mit  ihr.  Nur  die  Bisexualität !  Mit  der  hast 
Du  sicherlich  Recht.  Ich  gewöhne  mich  auch,  jeden  sexuellen 
Akt  als  einen  Vorgang  zwischen  vier  Individuen  aufzufassen. 
Darüber  wird  viel  zu  reden  sein. 

Manches,  was  Du  schreibst,  tut  mir  schrecklich  leid.  Ich 
wollte,  ich  könnte  helfen. 

Grüß  mir  herzlichst  die  ganze  Familie  und  erinnere  Dich  an 
das  Riemerlehen,  wo  ich  sitze. 

Herzlichst 


Dein 


Sigm. 


Brief  vom  6.  8.  99 


309 


114 

Dr.  Sigm.  Freud,  Berchtesgaden, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  Riemerlehen,  6.  8.  99. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

üS 

Wann  hättest  Du  nicht  Recht?  Du  sprichst  wieder  aus,  was 
ich  mir  leise  gedacht  habe,  daß  dieses  erste  Kapitel  einen  Haufen 
Leser  von  den  weiteren  abhalten  kann.  Aber  ’s  ist  nicht  viel  zu 
machen.  Bis  auf  die  Notiz  in  der  Vorrede,  die  wir  am  Ende 
noch  konstruieren  werden.  Im  Inneren  der  Arbeit  wolltest  Du 
die  Literatur  nicht  und  hattest  Recht,  am  Anfang  auch  nicht 
und  wieder  Recht.  Es  geht  Dir  wie  mir,  das  Geheimnis  dürfte 
sein,  wir  mögen  sie  überhaupt  nicht.  Wenn  wir  aber  den  „Wissen¬ 
schaftlern“  nicht  ein  Beil  in  die  Hand  geben  wollen,  das  arme 
Buch  zu  erschlagen,  müssen  wir  sie  irgendwo  dulden.  Nun 
ist  das  Ganze  so  auf  eine  Spaziergangsphantasie  angelegt. 
Anfangs  der  dunkle  Wald  der  Autoren  (die  die  Bäume  nicht 
sehen),  aussichtlos,  irrwegreich.  Dann  ein  verdeckter  Hohlweg, 
durch  den  ich  den  Leser  führe  —  mein  Traummuster  mit  seinen 
Sonderbarkeiten,  Details,  Indiskretionen,  schlechten  Witzen,  — 
und  dann  plötzlich  die  Höhe  und  die  Aussicht  und  die  Anfrage  : 
Bitte,  wohin  wünschen  Sie  zu  gehen? 

Die  Korrekturbogen,  die  ich  Dir  schicke,  brauche  ich  natürlich 
nicht  wieder.  Da  Du  im  I.  Kapitel  nichts  beanständet  hast, 
werde  ich  es  jetzt  in  der  Korrektur  erledigen.  Vom  Übrigen 
ist  noch  nichts  gesetzt.  Du  bekommst  die  Bogen,  sobald  sie 
anfangen,  und  das  Neue  wird  darin  angestrichen  sein.  —  Es 
werden  massenhaft  neue  Träume  eingefügt,  die  Du  hoffentlich 
nicht  streichen  wirst.  Pour  faire  une  Omelette  il  faut  casser  des 
oeufs.  Übrigens  sind  es  humana  und  humaniora,  nichts  von 
wirklich  Intimem,  d.h.  persönlich  Sexuellem.  .  .  .  Die  Arbeit 
hat  mich  die  letzten  Tage  sehr  gefreut.  „Mir  gefällt  sie“,  sagt 
Onkel  Jonas;  für  den  Erfolg  erfahrungsgemäß  ein  schlechtes 
Zeichen.  Den  Traum  von  Robert  werde  ich  mit  Deiner  Er- 


3io 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


laubnis  unter  die  Hungerträume  der  Kinder,  nach  dem  geträumten 
Speisezettel  von  Annerl  einreihen.1 . . .  Das  „Groß“  in  Kinderträu¬ 
men  muß  doch  auch  einmal  berücksichtigt  werden,  es  gehört  zur 
Größensucht  der  Kinder,  auch  einmal  so  eine  Schüssel  Salat 
zu  essen  wie  der  Papa,  das  Kind  hat  nie  genug,  auch  nicht  an 
Wiederholungen.  Maßhalten  ist  ihm  das  Schwerste,  so  auch 
dem  Neurotiker. 

Ich  habe  es  hier  ideal  gut  und  bin  entsprechend  wohl;  ge¬ 
gangen  wird  nur  früh  und  abends,  sonst  sitze  ich  bei  der  Arbeit. 
Eine  Seite  des  Hauses  hat  immer  köstlichen  Schatten,  wenn 
die  andere  glüht.  Ich  kann  mir  leicht  vorstellen,  wie  es  in  der 
Stadt  ist.  .  .  . 

Schwämme  gibt  es  allerdings  täglich.  Am  nächsten  Regen¬ 
tag  marschiere  ich  aber  zu  Fuß  in  mein  geliebtes  Salzburg, 
wo  ich  das  letzte  Mal  sogar  ein  paar  ägyptische  Altertümer  auf¬ 
gestöbert  habe.  Die  Dinge  geben  mir  Stimmung  und  sprechen 
von  fernen  Zeiten  und  Ländern. 


Der  Traum  ist  endlich  an  anderer  Stelle  eingereiht  worden  (siehe  Brief 
vom  27.  August  1899,  Nr.  116).  Die  Stelle  („Traumdeutung/4  G.W.  II-III, 
S.  274)  lautet: 

„Ein  noch  nicht  vierjähriger  Knabe  erzählt:  Er  hat  eine  große  garnierte 
Schüssel  gesehen,  worauf  ein  großes  Stück  Fleisch  gebraten  war,  und  das 
Stück  war  auf  einmal  ganz  —  nicht  zerschnitten  —  aufgegessen.  Die  Person, 
die  es  gegessen  hat,  hat  er  nicht  gesehen. 

Wer  mag  der  fremde  Mensch  sein,  von  dessen  üppiger  Fleischmahlzeit 
unser  Kleiner  träumt?  Die  Erlebnisse  des  Traumtages  müssen  uns  darüber 
aufklären.  Der  Knabe  bekommt  seit  einigen  Tagen  nach  ärztlicher  Vor¬ 
schrift  Milchdiät;  am  Abend  des  Traumtages  war  er  aber  unartig,  und  da 
wurde  ihm  zur  Strafe  die  Abendmahlzeit  entzogen.  Er  hat  schon  früher 
einmal  eine  solche  Hungerkur  durchgemacht  und  sich  sehr  tapfer  dabei  be¬ 
nommen.  Er  wußte,  daß  er  nichts  bekommen  würde,  getraute  sich  aber  auch 
nicht  mit  einem  Worte  anzudeuten,  daß  er  Hunger  hat.  Die  Erziehung  fängt 
an,  bei  ihm  zu  wirken;  sie  äußert  sich  bereits  im  Traum,  der  einen  Anfang 
von  Traumentstellung  zeigt.  Es  ist  kein  Zweifel,  daß  er  selbst  die  Person 
ist,  deren  Wünsche  auf  eine  so  reiche  Mahlzeit,  und  zwar  eine  Bratenmahl¬ 
zeit,  zielen.  Da  er  aber  weiß,  daß  diese  ihm  verboten  ist,  wagt  er  es  nicht, 
wie  die  hungrigen  Kinder  es  im  Traum  tun  (vgl.  den  Erdbeertraum  meiner 
kleinen  Anna,  S.  135),  sich  selbst  zur  Mahlzeit  hinzusetzen.  Die  Person 
bleibt  anonym.44 

Die  im  Briefe  anschließende  Bemerkung  bezieht  sich  auf  den  Inhalt  des 
Traumes. 


Brief  vom  20.  8.  99 


.311 

In  Wien  habe  ich  einige  Male  J.  J.  David1  zum  Gast  ge¬ 
habt,  einen  unglücklichen  Menschen  und  nicht  unansehnlichen 
Dichter.  .  .  . 

Mit  herzlichsten  Grüßen  und  Dank  für  Deine  Teilnahme  am 
ägyptischen  Traumbuch. 

Dein 

Sigm. 


115 

Dr.  Sigm.  Freud,  Berchtesgaden,  20.  8.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Jetzt  bin  ich  vier  Wochen  hier  und  jammere,  daß  die  schöne 
Zeit  so  schnell  vergeht.  In  wieder  vier  Wochen  bin  ich  mit  dem 
Urlaub  fertig,  und  er  ist  mir  zu  wenig.  Ich  habe  hier  so  wunder¬ 
schön  gearbeitet,  in  Ruhe,  ohne  Nebensorgen,  in  fast  völligem 
Wohlsein,  dazwischen  bin  ich  spazieren  gerannt  und  habe  Berg 
und  Wald  genossen.  Du  sollst  Nachsicht  mit  mir  haben,  ich 
bin  von  der  Arbeit  ganz  übersponnen,  kann  von  nichts  anderem 
schreiben.  Ich  bin  weit  im  Kapitel  von  der  „Traumarbeit“  und 
habe  den  von  Dir  gestrichenen  ganzen  Traum  durch  eine  kleine 
Sammlung  von  Traumflicken,  wie  ich  meine,  mit  Vorteil  ersetzt. 
Im  nächsten  Monat  beginnt  dann  das  letzte  philosophische 
Kapitel,  vor  dem  mir  bangt,  für  das  ich  auch  wieder  lesen  muß. 

Der  Druck  geht  langsam  vorwärts.  Was  ich  neu  habe,  gestern 
an  Dich  geschickt.  Ich  bitte  Dich,  mir  nur  die  Blätter  zurück¬ 
zuschicken,  die  Du  beanständest  und  die  Bemerkung  an  den 

2)  Jacob  Julius  David,  geb.  1859,  gest.  1906.  Nach  einer  Angabe  in  der 
„Traumdeutung“  (G.W.  II-III,  S.  305)  war  David  ein  Freund  von  Alexander 
-Freud  und  stammte  aus  Freiberg  in  Mähren,  dem  Geburtsort  Freuds.  Er  hat 
später  Freuds  „Traumdeutung“  besprochen. 


Ans  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Rand  zu  schreiben.  Auch  wenn  Du  später  in  die  Lage  kommst, 
ein  Zitat  oder  eine  Referenz  zu  korrigieren ;  ich  bin  hier  natürlich 
ohne  literarische  Hilfsmittel. 

Heute  nach  fünfstündiger  Arbeit  habe  ich  etwas  Schreib- 
krarnpfartiges  in  der  Hand.  Die  Fratzen  machen  auf  der  Wiese 
ein  Höllenspektakel,  nur  Ernst  liegt  mit  einem  argen  Insek¬ 
tenstich.  .  .  .  Seitdem  der  Junge  den  einen  Vorderzahn  verloren 
hat,  beschädigt  er  sich  fortwährend,  er  ist  voll  von  Wunden  wie 
ein  Lazarus,  dabei  tollkühn  und  wie  anästhetisch.  Ich  erkläre 
mir  das  durch  eine  leise  Hysterie.  Er  ist  der  einzige,  der  von 
der  damaligen  Kinderfrau  schlecht  behandelt  worden  ist. 

.  .  .  Alexander  war  vier  Tage  lang  hier,  er  hat  den  Unterricht 
in  Tarifkunde  an  der  Exportakademie  bekommen  und  soll 
Titel  und  Rang  eines  außerordentlichen  Professors  nach  einem 
Jahr  haben,  also  viel  früher  als  ich.  .  .  .l 

Meine  Hand  versagt  heute  den  Dienst.  Sehr  bald  mehr  und 
herzlichste  Grüße 


Dein 


Sigm. 


116 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  B.,  27.  8.  99. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Ich  danke  Dir,  eben  habe  ich  die  zwei  Blätter  aus  Harzburg 
erhalten,  die,  wenn  die  Korrektur  mir  zurückkommt,  natürlich 
getreu  nachgeahmt  werden  sollen.  Ähnliches  von  überflüssiger 
Subjektivität  wirst  Du  noch  einige  Male  anzustreichen  haben. 
Deine  Durchsicht  ist  mir  doch  eine  große  Beruhigung. 

Ich  bin  sonst  unbrauchbar,  wie  Du  leicht  verstehen  wirst. 


Vgl.  dazu  „Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens,“  G.W.  IV,  S.  120. 


Brief  vom  27.8.99 


313 


Ganz  Traum.  Gestern  habe  ich  einen  Haufen  Schreibpapier 
im  Manuskriptzustande  (dabei  56  neue  Seiten,  Traumdeutungen, 
Beispiele)  auf  die  Post  gebracht  und  schon  regen  sich  die  Vor¬ 
arbeiten  für  den  letzten  und  heikelsten  Abschnitt,  den  psycholo¬ 
gischen,  für  den  es  mir  noch  an  Begrenzung  und  Anordnung  fehlt. 
Lesen  soll  ich  auch  etwas  dazu,  die  Psychologen  werden  ohnedies 
genug  zu  schimpfen  finden,  aber  so  ein  Ding  wird,  wie  es  einmal 
wird.  Jeder  Versuch,  es  besser  zu  machen,  als  es  von  selbst 
gerät,  verleiht  ihm  etwas  Gequältes.  Es  wird  also  2467  Fehler 
haben,  —  die  ich  ihm  lassen  werde.1 

*)  In  einer  Nachschrift  zu  diesem  Briefe  hat  Freud  die  Determinierung 
dieses  Zahleneinfalles  aufgeklärt.  Diese  Nachschrift  ist  nicht  im  Briefwechsel 
enthalten;  Freud  hat  sie  von  Fliess  zurückerbeten  und  in  der  „Psychopathologie 
des  Alltagslebens“  ( G.W .  IV,  S.  270)  abgedruckt. 

„Ich  versuche  sofort,  mir  diese  Zahl  aufzuklären  und  füge  die  kleine 
Analyse  noch  als  Nachschrift  dem  Briefe  an.  Am  besten  zitiere  ich  jetzt, 
wie  ich  damals  geschrieben,  als  ich  mich  auf  frischer  Tat  ertappte: 

,Noch  rasch  einen  Beitrag  zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens.  Du 
findest  im  Briefe  die  Zahl  2467  als  übermütige  Willkürschätzung  der  Fehler, 
die  sich  im  Traumbuch  finden  werden.  Es  soll  heißen:  irgendeine  große 
Zahl,  und  da  stellt  sich  diese  ein.  Nun  gibt  es  aber  nichts  Willkürliches, 
Undeterminiertes  im  Psychischen.  Du  wirst  also  auch  mit  Recht  erwarten, 
daß  das  Unbewußte  sich  beeilt  hat,  die  Zahl  zu  determinieren,  die  von  dem 
Bewußten  freigelassen  wurde.  Nun  hatte  ich  gerade  vorher  in  der  Zeitung 
gelesen,  daß  ein  General  E.  M.  als  Feldzeugmeister  in  den  Ruhestand  ge¬ 
treten  ist.  Du  mußt  wissen,  der  Mann  interessiert  mich.  Während  ich  als 
müitärärztlicher  Eleve  diente,  kam  er  einmal,  damals  Oberst,  in  den  Kran¬ 
kenstand  und  sagte  zum  Arzte:  ,Sie  müssen  mich  aber  in  acht  Tagen  gesund 
machen,  denn  ich  habe  etwas  zu  arbeiten,  worauf  der  Kaiser  wartet4.  Damals 
nahm  ich  mir  vor,  die  Laufbahn  des  Mannes  zu  verfolgen,  und  siehe  da, 
heute  (1899)  ist  er  am  Ende  derselben,  Feldzeugmeister  und  schon  im 
Ruhestande.  Ich  wollte  ausrechnen,  in  welcher  Zeit  er  diesen  Weg  zurück¬ 
gelegt,  und  nahm  an,  daß  ich  ihn  1882  im  Spital  gesehen.  Das  wären  also 
17  Jahre.  Ich  erzähle  meiner  Frau  davon  und  sie  bemerkt:  ,Da  müßtest  Du 
also  auch  schon  im  Ruhestand  sein4.  Und  ich  protestiere:  Davor  bewahre 
mich  Gott.  Nach  diesem  Gespräch  setze  ich  mich  an  den  Tisch,  um  Dir  zu 
schreiben.  Der  frühere  Gedankengang  setzt  sich  aber  fort  und  mit  gutem 
Recht.  Es  war  falsch  gerechnet;  ich  habe  einen  festen  Punkt  dafür  in  meiner 
Erinnerung.  Meine  Großjährigkeit,  meinen  24.  Geburtstag  also,  habe  ich  im 
Militärarrest  gefeiert  (weil  ich  mich  eigenmächtig  absentiert  hatte).  Das  war 
also  1880;  es  sind  19  Jahre  her.  Da  hast  Du  nun  die  Zahl  24  in  2467!  Nimm 
nun  meine  Alterszahl  43  und  gib  24  Jahre  hinzu,  so  bekommst  Du  67!  Das 
heißt,  auf  die  Frage,  ob  ich  auch  in  den  Ruhestand  treten  will,  habe  ich  mir 
im  Wunsche  noch  24  Jahre  Arbeit  zugelegt.  Offenbar  bin  ich  gekränkt  da¬ 
rüber,  daß  ich  es  in  dem  Intervall,  durch  das  ich  den  Obersten  M.  verfolgt, 
selbst  nicht  weit  gebracht  habe,  und  doch  wie  in  einer  Art  von  Triumph 
darüber,  daß  er  jetzt  schon  fertig  ist,  während  ich  noch  alles  vor  mir  habe. 
Da  darf  man  mit  Recht  sagen,  daß  nicht  einmal  die  absichtslos  hingeworfene 
Zahl  2467  ihre  Determinierung  aus  dem  Unbewußten  entbehrt.4  44 


314 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Die  Kürze  der  Ferien  habe  ich  noch  nie  so  bedauert  wie  heuer. 
In  drei  Wochen  ist  alles  um,  dann  kommen  wieder  die  Sorgen.  .  .  . 

Roberts  Traum  wirst  Du  an  anderer,  späterer  Stelle  finden  — 
beim  Egoismus  der  Träume.  Hier  geht  es  sehr  gut,  es  ist  ein 
heißer,  ungestört  schöner  Sommer.  Ein  bißchen  Italien  schlösse 
ihn  schön  ab.  Aber  das  wird  wohl  nicht  werden. 

Was  meinst  Du  zu  io  Tagen  Rom  zu  Ostern  (wir  beide  natür¬ 
lich),  wenn  alles  gut  geht,  ich  wieder  zu  leben  habe  und  nicht  des 
ägyptischen  Traumbuches  wegen  eingesperrt,  gelyncht  oder 
boykottiert  worden  bin?  Lange  versprochen!  Von  den  ewigen 
Gesetzen  des  Lebens  in  der  ewigen  Stadt  zuerst  zu  hören,  keine 
üble  Komposition. 

Ich  vermute  Dich  wieder  in  Berlin,  schön,  daß  Du  wenigstens 
einige  freie  Tage  gefunden  hast  für  den  Besuch  in  Harzburg 
mit  allen  Kindern. 


Etwas  Spielraum  für  meinen  „Gift“  wirst  Du  mir  in  den 
Traumdeutungen  frei  lassen  müssen.  Es  tut  der  Konstitution 
wohl,  sich  auszuschimpfen. 

Sei  mir  herzlichst  gegrüßt,  ich  werde  Dich  in  den  nächsten 
Wochen  ja  mit  Zusendungen  überreichlich  belästigen  müssen. 


Dein 


Sigm. 


117 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  B.,  6.  9.  99. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wühelm ! 

Heute  ist  Dein  Hochzeitstag,  den  ich  sehr  wohl  erinnere. 
Aber  hab’  noch  eine  Weile  Nachsicht  mit  mir.  Ich  bin  eben 


Brief  vom  6.  9.  99 


315 


ganz  im  Traum,  schreibe  8-10  Seiten  täglich  und  habe  eben  das 
Ärgste  in  der  Psychologie  überstanden.  Unter  großer  Quälerei, 
ich  mag  gar  nicht  denken,  wie  es  geworden.  Du  wirst  mir  dann 
sagen,  ob  es  überhaupt  zulässig  ist,  aber  an  den  Aushängebogen, 
Manuskript  lesen  ist  eine  zu  große  Schinderei,  und  es  kann  noch 
alles  geändert  werden.  Ich  habe  endlich  doch  mehr  hergegeben, 
als  ich  wollte,  wie  man  ja  immer  tiefer  hineinkommt,  aber  ich 
fürchte,  es  ist :  Stuß,  wie  Ihr  sagt :  Quatsch.  Und  was  werde 
ich  da  zu  hören  bekommen!  Wenn  das  Gewitter  über  mich 
hereinbricht,  flüchte  ich  zu  Dir  ins  Fremdenzimmer.  Du  wirst 
immer  noch  etwas  zu  loben  finden,  denn  Du  bist  parteiisch  für 
wie  die  anderen  gegen. 

Nun  habe  ich  heute  60  Blätter  bekommen,  die  gleichzeitig 
an  Dich  abgehen.  Beinahe  schäme  ich  mich,  Dich  so  auszunützen 
und  den  Gegendienst  bei  der  Biologie  wirst  Du  von  mir  nicht 
brauchen,  weü  Du  allein  zu  sondern  weißt  und  mit  der  Helle, 
nicht  dem  Dunkel,  der  Sonne,  nicht  dem  Unbewußten  zu  tun 
hast.  Ich  bitte  Dich  aber  sehr.  Dich  nicht  mit  einem  Mal  über 
das  Ganze  zu  setzen  und  mir  die  Blätter,  auf  denen  Du  die  Zensur 
übst,  zu  schicken,  wenn  Du  einige  beisammen  hast,  damit  ich 
Deine  Korrekturen  vor  Absendung  meiner,  die  im  Ganzen 
abgehen,  bekomme.  Es  sind  massenhaft  neue  Geschichten  dabei, 
die  ich  Dir  fertig  anstreiche.  Dem  Sexuellen  bin  ich  ja  aus¬ 
gewichen,  aber  der  Dreck  ist  unvermeidlich  und  bittet  um 
humane  Behandlung.  Gemeine  Druckfehler  werden  Dich 
natürlich  nicht  bekümmern;  wo  Du  meine  Zitierignoranz,  Stil 
oder  schlechtes  Gleichnis  anstreichen  kannst,  da  tu  es  nur. 
Wenn  mir  jemand  den  wirklichen  Wert  von  der  Geschichte 
sagen  könnte. 

Es  war  hier  schön,  vielleicht  bringe  ich  es  noch  zu  einigen 
freien  Tagen.  Mein  Stil  war  leider  schlecht,  weil  es  mir  zu  gut 
körperlich  ging,  ich  muß  etwas  elend  sein,  um  schön  zu 
schreiben.  —  Also  jetzt  von  etwas  anderem.  Alle  befinden  sich 
hier  sehr  wohl,  wachsen  und  gedeihen,  das  Kleine  allen  voran. 
Ich  denke  nicht  gerne  an  die  kommende  Saison. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


316 


Es  wird  heuf  nichts  mehr,  immer  das  Gleiche, 
herzlichst  gegrüßt  und  bedankt 

Dein 


Sei  mir 


Sigm. 


Kennst  Du  David ?  und  Friedjungs  Geschichte  von 
1859-1866. 1 


118 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  B.,  11.  9.  99. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wühelm ! 

Ich  danke  Dir  herzlich  für  Deine  Bemühung.  Einiges  Nach¬ 
lässige  und  durch  Auslassung  Verworrene  hatte  ich  schon  selbst 
bemerkt,  die  anderen  Verbesserungen  werden  getreulich  ein¬ 
getragen  werden.  —  .  .  .  Leider  folgt  heute  ein  weiterer  Pack 
von  30  Blättern,  auch  der  lange  nicht  der  letzte. 

Ich  bin  fertig,  d.h.  alles  Manuskript  ist  abgesendet.  Meine 
Verfassung  kannst  Du  Dir  denken,  die  Steigerung  der  normalen 
Depression  nach  dem  Aufschwung.  Vielleicht  liest  Du  den 
Simplicissimus  nicht,  an  dem  ich  mich  regelmäßig  ergötze. 
Gespräch  zwischen  zwei  militärischen  Kameraden :  „Nun,  Herr 
Kamerad,  haben  sich  verlobt,  Braut  wohl  reizend,  schön,  geistreich, 
anmutig?“  —  „Jeschmubozeche,  mir  gefällt  sie  nicht.“  Das  ist 
ganz  mein  Fall.2 

Mit  der  Psychologie  steht  es  so,  daß  ich  es  von  Deinem  Urteil 
werde  abhängen  lassen,  ob  ich  sie  noch  einmal  umarbeiten  oder 
in  dieser  Form  wagen  soll.3  Die  Traumsachen  selbst  halte  ich 

x)  Zu  David  siehe  Brief  Nr.  114;  s.  a.  Friedjung,  „Der  Kampf  um  die  Vor¬ 
herrschaft  in  Deutschland  1859-66“  und  „Österreich  von  1848-1860“. 

2)  S.  Bemerkung  zu  Brief  Nr.  109. 

3)  Bezieht  sich  offenbar  auf  das  VII.  Kapitel  der  „Traumdeutung“. 


Brief  vom  21.  9.  99 


317 


für  unangreifbar;  was  mir  an  ihnen  mißfällt,  ist  der  Stil,  der 
ganz  unfähig  war,  den  edlen  einfachen  Ausdruck  zu  finden,  und 
in  witzelnde,  bildersuchende  Umschreibungen  verfallen  ist.  Ich 
weiß  das,  aber  der  Teil  in  mir,  der  es  weiß  und  zu  schätzen  weiß, 
der  produziert  leider  nicht. 

Daß  der  Träumende  zu  witzig  ist,  ist  sicher  richtig,  aber  es 
trifft  weder  mich,  noch  motiviert  es  einen  Vorwurf.  Alle  Träumer 
sind  ebenso  unausstehlich  witzig  und  sie  sind  es  aus  Not,  weil 
sie  im  Gedränge  sind,  ihnen  der  gerade  Weg  versperrt  ist.  Wenn 
Du  meinst,  werde  ich  noch  eine  solche  Bemerkung  irgendwo 
einschalten.1  Der  scheinbare  Witz  aller  unbewußten  Vorgänge 
hängt  intim  mit  der  Theorie  des  Witzigen  und  Komischen 
zusammen.2 

Grüß  Deine  liebe  Frau  und  Kinderchen  herzlichst  von  mir. 
Vielleicht  sehen  wir  uns  wirklich. 


Dein 


Sigm. 


119 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  21.  9.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Da  sitze  ich  nach  32stündiger  ekelhafter  Fahrt  durch  Wasser 
wieder  am  vertrauten  Platz,  7  Bogen  Korrekturen  vor  mir  und 
keine  ärztliche  Nachricht  und  von  Deinem  lieben  Brief  mit 

*)  Vgl.  den  Hinweis  auf  diese  Bemerkung  von  Fliess,  „Traumdeutung,“ 
G.W.  II-III,  S.  303. 

2)  Gemeint  ist  die  Beziehung  des  Witzigen  und  Komischen  zum  Primär¬ 
vorgang  und  zum  Infantilen.  So  kündigt  sich  hier  schon  das  nächste  Interesse 
Freuds  an,  das  in  dem  Buch  „Der  Witz  und  seine  Beziehung  zum  Unbewußten“ 
(1905)  Ausdruck  fand.  Die  Wurzeln  dieser  Interessen  lassen  sich  in  Freuds 
Schriften  weiter  zurück  verfolgen.  Siehe  etwa  die  abschließende  Fußnote  zur 
Krankengeschichte  der  Elisabeth  von  R.  in  den  „Studien  über  Hvsterie“, 
(G.S,  I,  S.  177.) 


3i8 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


seinen  guten  Nachrichten  schön  empfangen.  Eine  Art  Ersatz 
für  unser  vereiteltes  Wiedersehen  finde  ich  in  der  gesteigerten 
Lebhaftigkeit  unseres  Briefverkehrs  und  hoffe,  auch  während 
der  Zeit,  da  Du  den  Toten  nachgräbst,  wirst  Du  des  Lebenden 
öfter  gedenken.  Wie  Du  richtig  vermutest,  ist  mein  Grant  von 
mir  abgefallen,  nicht  nach  einer  Migraine,  sondern  nach  einer 
schönen  Reihe  ähnlicher  Zustände.  Allein  ich  glaube,  meine 
Selbstkritik  war  nicht  ganz  unberechtigt.  Es  steckt  auch  in  mir 
irgendwo  ein  Stück  Formgefühl,  eine  Schätzung  der  Schönheit 
als  einer  Art  der  Vollkommenheit  und  die  gewundenen,  auf 
indirekten  Worten  stolzierenden,  nach  dem  Gedanken  schielenden 
Sätze  meiner  Traumschrift  haben  ein  Ideal  in  mir  schwer  beleidigt. 
Ich  tue  auch  kaum  Unrecht,  wenn  ich  diesen  Formmangel  als 
ein  Zeichen  fehlender  Stoffbeherrschung  auffasse.  Du  wirst  es 
ebenso  empfunden  haben  und  wir  sind  immer  zu  ehrlich  mit 
einander  gewesen,  als  daß  einer  dem  anderen  etwas  vorzumachen 
brauchte.  Der  Trost  liegt  in  der  Notwendigkeit,  es  ist  eben 
nicht  besser  gegangen.  Es  tut  mir  noch  leid,  daß  ich  mir  den 
liebsten  und  besten  Leser  durch  die  Mitteilung  der  Korrekturen 
verderben  muß,  denn  was  kann  einem  überhaupt  gefallen,  wenn 
man  es  als  Korrektor  lesen  muß.  Ich  kann  Dich  aber,  den 
Repräsentanten  des  „Anderen“,  leider  nicht  entbehren  und  — 
habe  wieder  60  Blätter  für  Dich. 

Und  jetzt  ein  Jahr  weiter  in  dieses  sonderbare  Leben  hinein, 
in  dem  die  Stimmung  wohl  der  einzige  wirkliche  Wert  ist.  Die 
meine  schwankt,  aber  wie  Du  siehst,  wie  es  im  Wappen  unserer 
lieben  Stadt  Paris  heißt: 

Fluctuat  nec  mergitur.1 

Eben  hat  sich  eine  Patientin,  .  .  .  mit  der  ich  schon  in  Unter¬ 
handlungen  gestanden  bin,  angekündigt,  ich  weiß  nicht,  ob 
abzusagen  oder  anzunehmen.  Von  dem  Erwerb  hängt  meine 
Stimmung  auch  sehr  ab.  .  .  .  Aus  meiner  Jugend  weiß  ich, 
daß  die  wilden  Pferde  in  den  Pampas,  die  einmal  mit  dem  Lasso 
gefangen  worden  sind,  ihr  Leben  über  etwas  Ängstliches  behalten. 

x)  Verwendet  als  Motto  der  Arbeit  „Zur  Geschichte  der  psychoanalytischen 
Bewegung“. 


Brief  vom  9.  10.  99 


319 


So  habe  ich  die  hilflose  Armut  kennen  gelernt  und  fürchte  mich 
beständig  vor  ihr.  Du  wirst  sehen,  mein  Stil  wird  besser  und 
meine  Einfälle  richtiger  werden,  wenn  mir  diese  Stadt  reichlich 
zu  leben  gibt. 

Mit  Verifizieren  von  Zitaten  usw.  plagst  Du  Dich  diesmal  nicht  ? 
Ich  bin  ja  wieder  im  Besitze  aller  literarischen  Hilfsmittel.  Das 
Hauptstück  der  Deutungsleistung  kommt  diesmal.  Die  absurden 
Träume.  Es  ist  erstaunlich,  wie  oft  Du  vor  kommst.  In  dem 
Traum  „non  vixit“  freue  ich  mich.  Dich  überlebt  zu  haben;1 
ist  es  nicht  arg,  so  etwas  andeuten,  für  jeden  Wissenden  also 
heraussagen  zu  müssen. 

Frau  und  Kinder  bleiben  noch  bis  Ende  September  in 
Berchtesgaden.  Paulinchen  kenne  ich  noch  immer  nicht! 

Herzlichsten  Gruß 


Dein 


Sigm. 


120 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  9.  10.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Denk’  Dir,  daß  ich  durch  die  dunkle  innerliche  Macht  zur 
Lektüre  psychologischer  Schriften  getrieben  werde  und  mich 
in  ihnen  besser  als  vorhin  zurechtfinde.  Unlängst  hatte  ich  die 
Freude,  ein  Stück  meiner  imaginierten  Lust — und  Unlustlehre 


l)  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  424  f. 


320 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


bei  einem  englischen  Autor  Marshall  zu  finden.  Andere  Autoren, 
auf  die  ich  stoße,  sind  mir  freilich  ganz  unergründlich.1 

Auch  meine  Stimmung  hält  noch  immer.  Das  Ausschreiben 
im  Traumbuch  muß  mir  wohl  getan  haben.  .  .  .  Deiner  Be¬ 
merkung  über  die  Beschleunigung  der  Praxis  möchte  ich  ent¬ 
gegenhalten,  daß  es  auch  Bummelzüge  gibt.  .  .  .  Die  Sache 
liegt  so :  Selbst  wenn  sich  z.B.  der  November  zur  vollen  Tätigkeit 
hebt,  so  ist  doch  dieses  Jahr  mit  seiner  schlechten  Zeit  vom 
i.  Mai  bis  Ende  Oktober  (6  Monate)  unzureichend  zur  Deckung 
unserer  Bedürfnisse.  Ich  muß  mich  nach  Anderem  umsehen 
und  habe  jetzt  einen  Schritt  nach  einer  bestimmten  Richtung 
getan.  Ich  will  für  den  Sommer  eine  Anlehnung  an  eine  Wasser¬ 
anstalt  suchen,  in  deren  Nähe  wir  Wohnung  nehmen  würden. 
Auf  dem  Kobenzl  soll  eine  solche  eröffnet  werden  und  der  Leiter 
hat  mir  im  Vorjahr  schon  Andeutungen  gemacht,  daß  ich  mich 
darum  einer  Wohnung  auf  der  Bellevue  versichern  sollte.  (Beides 
in  der  Kahlenberggegend.)2  Diesem  Mann  habe  ich  also  wieder 
geschrieben.  Der  Schulbesuch  der  Kinder  wird  uns  ohnedies 
nötigen,  die  lange  Sommer  ab  Wesenheit  aufzugeben. 

In  der  diesjährigen  Beförderung  (Ende  September:  Schub 
von  5  Professoren)  ist  unsere  Gruppe :  Königstein,  ich  etc.  wieder 
übergangen  worden. 


•  •  ♦ 

Der  Traum  ist  bis  auf  drei  Bogen  imprimiert.  Die  Vorrede, 
die  ich  Dir  einmal  gezeigt,  ist  geblieben.  .  .  . 

Mit  herzlichstem  Gruß  für  alle  Deinen 


Dein 


Sigm. 


x)  H.  R.  Marshall,  „Pain,  Pleasure  and  Aesthetics,“  London,  1894. 
„Aesthetic  Principles“,  1895. 

3)  In  den  Vororten  Wiens. 


Brief  vom  27.  10.  99 


321 


121 


Dr.  Sigm.  Freud, 
IX.  Berggasse  19. 


11.  10.  99. 
ord.  3-5  Uhr. 


Teurer  Wilhelm ! 


Psych .  Apparat.  9 
Hysterie  —  Klinisch. 
Sexualität .  Organisch. 


Es  arbeitet  merkwürdiger  Weise  im 
untersten  Stockwerk.  Eine  Sexualtheorie 
dürfte  die  nächste  Nachfolgerin  des 
Traumbuches  werden.  Heute  sind  mir 
mehrere  sehr  merkwürdige  Dinge  ein¬ 
gefallen,  die  ich  noch  gar  nicht  recht  verstehe.  V om  Nachdenken 
ist  ja  bei  mir  keine  Rede.  Diese  Art  zu  arbeiten  tritt  ruckweise 
ein.  Gott  allein  kennt  das  Datum  des  nächsten  Schubes,  wenn 
Du  nicht  schon  meine  Formel  hast.  Kommt  da  mehr  dazu,  so 
wird  sich  ein  Aussprechen  und  Zusammenarbeiten  kaum  ver¬ 
meiden  lassen.  Tolle  Sachen  übrigens,  einiges  davon  schon  in 
der  stürmischen  ersten  Produktionsepoche  geahnt. 

„Ihr  naht  Euch  wieder,  schwankende  Gestalten/ 4  Nach  einer 
früheren  Rechnung  von  Dir  (auf  alle  7}  J.)  stünde  mir  1 900-1 
eine  leistungsfähige  Zeit  bevor. 

Leb’  recht  wohl! 

Dein 

Sigm, 


122 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  27.  10.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Dank  für  die  freundlichen  Worte,  mit  denen  Du  die  Über¬ 
sendung  des  Traumbuches  beantwortet  hast.  Ich  bin  mit  dem 

z 


322 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Zeug  schon  lange  ausgesöhnt  und  sehe  seinen  Schicksalen  mit  — 
resignierter  Spannung  — -  entgegen.  Wenn  das  Buch  nicht 
rechtzeitig,  wie  ich  wollte,  auf  Deinen  Geburtstagstisch  gekommen 
ist,  so  ist  der  nicht  in  Rechnung  gezogene  Umstand  daran  Schuld, 
daß  die  Post  es  nur  als  Paket  annehmen  wollte.  Wir  hatten  die 
Absendung  so  abgepaßt,  als  ob  es  als  rekommandierter  Brief 
gehen  sollte.  So  ist  es  vielleicht  bei  Dir  zu  spät  gekommen, 
anderwärts  wird  es  sicherlich  zu  früh  kommen.  Es  ist  übrigens 
bis  heute  noch  nicht  ausgegeben,  andere  als  unsere  zwei  Exemplare 
haben  das  Licht  der  Öffentlichkeit  noch  nicht  erblickt. 

Jetzt,  die  anderen  fünf  Bücher,  die  ich  vorhabe  — ,  da  werden 
wir  uns  Zeit  lassen  müssen.  Lebenszeit,  Material,  Gedanken, 
Fernbleiben  der  ärgsten  Störungen,  und  was  gehört  nicht  noch 
alles  dazu.  Auch  dann  einmal  ein  kräftiger  Stoß  von  „befreundeter 
Seite“.  Vorläufig  ist  der  Faden  wieder  abgerissen,  darum  auch 
die  Antwort  auf  Deine  Frage  ausgeblieben.  Ich  suche  nach  dem 
richtigen  Angriffspunkt.  Die  pathologischen  Erscheinungen  sind 
auch  auf  dem  Sexualgebiet  vielfach  Kompromißbildungen  und 
zur  Auflösung  ungeeignet. 


Wenn  sich  in  der  Sexualtheorie  wieder  etwas  rührt,  überrasche 
ich  Dich  wieder  mit  ein  paar  rätselvollen  Zeilen.  Unterdes 
wünsche  ich  Euch  beiden  alles  Glück  zu  dem,  was  das  Jahr  — 
und  Jahrhundert .  .  .  Euch  noch  zu  bringen  hat.  Im  Dezember, 
meine  ich! 

Mit  herzlichstem  Gruß 

Dein 


Sigm. 


I2J 


Dr.  Sigm.  Freud, 

IX.  Berggasse  19. 

Teurer  Wilhelm ! 


5,  11.  99* 
ord.  3-5  Uhr. 


Man  kann  nicht  sagen,  daß  Du  übermäßig  mitteilsam  bist. 
Ich  will  mir  kein  Beispiel  an  Dir  nehmen,  wenngleich  eine 


Brief  vom  12.  11.  99 


323 


betrübende  Gleichförmigkeit  Mitteilungen  erschwert.  Das  Buch 
ist  endlich  gestern  erschienen.  Hannibals  Vater  heißt,  wie  ich 
immer  gewußt  und  wie  mir  unlängst  plötzlich  eingefallen  — - 
Hamilkar,  nicht  Hasdrubal.1  Geschäfts-  und  Kinderkrankheiten 
sind  im  Gleichen.  .  .  . 

Von  der  Sexualtheorie  hätte  ich  Dir  gerne  geschrieben,  da 
ich  etwas  habe,  was  plausibel  ist  und  sich  praktisch  bestätigt, 
allein  mit  dem  +  +  +  Weiblichen  weiß  ich  noch  gar  nichts 
anzufangen,  und  das  macht  mich  gegen  das  Ganze  mißtrauisch. 
Sonst  langsame  Aufklärung,  bald  hier,  bald  dort,  wie  der  Tag 
es  gestattet,  im  Ganzen  etwas  gemächlich.  Als  Leckerei  darunter 
das  Verständnis,  wie  Ahnungsträume  entstehen  und  was  sie 
bedeuten.  Ich  möchte  übrigens  bald  von  Dir  hören  und  wie  es 
Deiner  heben  Frau  geht  und  den  Kindern. 

Herzlichst  Dein 

Sigm. 


124 

Dr.  Sigm.  Freud,  12.  11.  99. 

IX.  Berggasse  19.  ord.  3-5  Uhr. 

Teurer  Wilhelm ! 

Frl.  G.  wird  wie  alle  fremden  Patienten  die  nötige  Unter¬ 
stützung  für  Unterkunft  und  Wartung  bei  mir  finden.  Aus  den 
beiden  anderen  scheint  nichts  geworden  zu  sein.  Sie  haben 
seither  nichts  von  sich  hören  lassen. 

Man  trägt  mir  jetzt  komische  Irrtümer  zu,  die  sich  im  Traum¬ 
buch  finden.  Schillers  Geburtsort  ist  Marburg  genannt  anstatt 
Marbach,  von  Hannibals  Vater,  der  dort  Hasdrubal  anstatt 
Hamilkar  heißt,  habe  ich  Dir  schon  geschrieben.  Es  sind  das 

.  .  _  _ - -  — .  _  .  _  _ 2 _ ,  _ , 

x)  Die  Analyse  dieser  und  anderer  aus  der  Vater- Sohn-Beziehung  ableit¬ 
baren  Irrtümer  in  der  „Traumdeutung“  ist  in  „Zur  Psychopathologie  des  All¬ 
tagslebens“,  Kap.  X,  (G.VT.  IV,  S.  242  ff.)  gegeben.  Siehe  auch  Brief  Nr.  124. 


324 


Am  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


aber  nicht  Gedächtnisfehler,  sondern  Verschiebungen,  Symptome. 
Die  Kritik  wird  nichts  Besseres  zu  tun  finden,  als  diese  Flüchtig¬ 
keiten  hervorzuheben,  die  keine  sind. 

Endlich  wieder  einmal  alle  wohl. 

Jetzt,  da  alle  Gefahr  vorüber,  schreibst  Du  mir  wohl,  was  das 
Kind  gehabt  hat. 

HerzJichst 

Dein 


Sigm. 


125 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  9.  12.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Durch  Deine  letzte  Anwesenheit  ist  mein  Durst  nach  Perso¬ 
nalien  von  Dir  noch  etwas  gesättigt.  Ich  kann  mich  also  ruhig 
wissenschaftlichen  Dingen  zuwenden. 

Vieleicht  ist  mir  imlängst  ein  erster  Einblick  in  neue  Dinge 
gelungen.  Vor  mir  steht  als  Problem  das  der  „Neurosenwahl“ . 
Wann  wird  ein  Mensch  hysterisch  anstatt  paranoisch?  Ein  erster, 
roher  Versuch  zur  Zeit,  da  ich  im  Sturm  die  Festung  bezwingen 
wollte,  meinte,  es  hinge  vom  Alter  ab,  in  dem  die  sexuellen 
Traumen  vorfallen,  vom  Erlebensalter.1  Das  ist  längst  aufgegeben, 
dann  blieb  ich  ahnungslos  bis  vor  wenigen  Tagen,  wo  sich  mir 
ein  Zusammenhang  mit  der  Sexualtheorie  er  öffnete. 

Das  unterste  in  der  Sexualschichtung  ist  der  Autoerotismus, 
der  auf  ein  psychosexpelles  Ziel  verzichtet  und  nur  die  lokal 
befriedigende  Empfindung  verlangt.  Er  wird  dann  vom  AHo- 


J)  Siehe  etwa  S.  174  ff. 


Brief  vom  9.  12.  99 


(Homo-  und  Hetero-)  erotismus  abgelöst,  besteht  aber  gewiß 
als  besondere  Strömung  fort.  Die  Hysterie  (und  ihre  Abart,  die 
Zwangsneurose)  ist  alloerotisch,  ihr  Hauptweg  ist  ja  die  Identifi¬ 
zierung  mit  der  geliebten  Person.  Die  Paranoia  löst  die  Identifi¬ 
zierung  wieder  auf,  sie  stellt  alle  die  weggelassenen  Liebespersonen 
der  Kindheit  wieder  her  (vgl.  die  Erörterung  zu  den  Exhibitions¬ 
träumen)  und  löst  das  Ich  selbst  in  fremde  Personen  auf.  So 
bin  ich  darauf  gekommen,  die  Paranoia  als  einen  Vorstoß  der 
autoerotischen  Strömung  zu  betrachten,  als  eine  Rückkehr  auf 
den  damaligen  Standpunkt.1  Die  ihr  entsprechende  Perversions¬ 
bildung  wäre  die  sogenannte  originäre  Verrücktheit.  Die  be¬ 
sonderen  Beziehungen  des  Autoerotismus  zum  ursprünglichen 
„Ich“  würden  den  Charakter  dieser  Neurose  gut  beleuchten. 
Hier  reißt  der  Faden  wieder  ab. 

Ungefähr  gleichzeitig  kommen  zwei  meiner  Patienten  auf  die 
Vorwürfe  nach  Krankenpflege  und  Tod  der  Eltern  und  zeigen 
mir,  daß  meine  Träume  hierin  das  Typische  getroffen  haben. 
Es  ist  jedesmal  die  Rache,  Schadenfreude,  Genugtuung  über  die 
Exkretionsschwierigkeiten  der  Kranken  (Ham  und  Stuhl),  an 
die  der  Vorwurf  angeknüpft  hat.  Ein  wirklich  unbeachteter 
Winkel  des  Seelenlebens. 

•  •  • 

14. 12.  Es  ist  wohl  eine  Seltenheit,  daß  Du  eher  zum  Schreiben 
kommst  als  ich.  Die  Öde  der  letzten  Tage  hat  die  Vollendung 
aufgehalten.  Eine  Weihnachtszeit,  in  der  man  sich  des  Kantens 
enthalten  muß,  drückt  ein  wenig  auf  die  Stimmung.  Daß  Wien 
nicht  der  richtige  Ort  für  uns  ist,  wissen  wir  ja.  Diskretion  ver¬ 
langte,  Dich  Deiner  Familie  nicht  zu  viel  zu  entziehen.  Dem 
älteren  Anspruch  stand  der  innigere  entgegen.  So  ward  der 
Abschied  am  Bahnhof  nur  zum  Symbol. 

Deine  Nachricht  von  dem  Dutzend  Leser  in  Berlin  erfreut 
mich  sehr.  Leser  habe  ich  wohl  auch  hier,  für  Anhängerschaft 
wird  die  Zeit  nicht  reif  sein.  Es  ist  zuviel  des  Neuen  und  Un¬ 
glaublichen  und  zu  wenig  strenger  Beweis.  Auch  bei  meinem 

*)  Diese  Formulierung  weist  auf  die  später  erkannte  Beziehung  zwischen 
Narzißmus  und  der  Gruppe  der  schizophrenen  Psychosen  hin. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Philosophen1  habe  ich  es,  während  er  mir  die  glänzendsten  Be¬ 
stätigungen  am  Material  lieferte,  nicht  zur  Überzeugung  gebracht. 
Die  Intelligenz  ist  immer  schwach  und  der  Philosoph  hat  es 
leicht,  inneren  Widerstand  in  logischen  Widerspruch  zu  ver¬ 
wandeln. 

Wieder  ist  eine  neue  Behandlung  in  naher  Sicht,  Bis  auf 
meinen  Schnupfen  herrscht  bei  uns  Wohlsein,  Ich  schreibe 

der 

nochmals,  ehe  —  Ankömmling  zu  Dir  ins  Haus  kommt. 


die 

Herzlichsten  Gruß  an  sie  alle 


Dein 


Sigm, 


126 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  21.  12.  99. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Noch  einen  herzlichen  Gruß  vor  Weihnachten,  einer  unserer 
sonstigen  Kongreßzeiten.  Ich  bin  nicht  ohne  eine  frohe  Aus- 
sicht.  Du  kennst  meinen  Traum,  der  trotzig  die  Beendigung  von 
E.’s  Kur  verspricht  (unter  den  absurden  Träumen2),  denkst  Dir 
wohl  auch,  wie  wichtig  mir  dieser  eine  andauernde  Patient 
geworden  ist.  Nun  scheint  es,  daß  er  in  Erfüllung  gehen  soll. 
Scheint,  sage  ich  vorsichtig,  meine  es  aber  mit  größerer  Sicherheit. 
Tief  unter  allen  Phantasien  verschüttet,  fanden  wir  eine  Szene  aus 

1)  Dr.  Heinrich  Gomperz,  später  Professor  der  Philosophie  in  Wien  und 
Los  Angeles  (gest.  1939),  der  damals  mit  Freud  Probleme  der  Traumdeutung 
besprach. 

2)  Ein  neuer  absurder  Traum  vom  toten  Vater,  „Traumdeutung“,  G.W. 
II-III,  S.  437  f. 


Brief  vom  21.12.99 


3^7 


seiner  Urzeit  (vor  22  Monaten)  auf,  die  allen  Anforderungen 
entspricht,  und  in  die  alle  übrig  gelassenen  Rätsel  einmünden; 
die  alles  zugleich  ist,  sexuell,  harmlos,  natürlich  etc.  Ich  getraue 
mir  noch  kaum,  daran  ordentlich  zu  glauben.  Es  ist,  als  hätte 
Schliernann  wieder  einmal  das  für  sagenhaft  gehaltene  Troja 
ausgegraben.  Dabei  geht  es  dem  Kerl  unverschämt  gut.  Er  hat 
mir  die  Realität  meiner  Lehre  am  eigenen  Leibe  gezeigt,  indem 
er  mir  mit  einer  überraschenden  Wendung  die  von  mir  über¬ 
sehene  Lösung  meiner  einstigen  Eisenbahnphobie  gegeben.  .  .  . 
Meine  Phobie  also  war  eine  Verarmungsphantasie,  oder  besser 
eine  Hungerphobie,  von  meiner  infantilen  Gefräßigkeit  abhängig 
und  durch  die  Mitgiftlosigkeit  meiner  Frau  (auf  die  ich  stolz 
bin)  hervorgerufen.  Von  alledem  hörst  Du  mehr  auf  dem  nächsten 
Kongreß.1 

Sonst  wenig  Neues.  Eine  einzige  Kritik  des  Buches  in  der 
„Gegenwart“,  als  Kritik  inhaltslos,  als  Referat  mangelhaft,  aus 
meinen  eigenen  Brocken  schlecht  zusammengekittet;  wegen  des 
einzigen  Wortes  „epochal“  will  ich  alles  verziehen  haben.  Das 
Benehmen  der  Leute  in  Wien  sonst  sehr  ablehnend;  ich  glaube 
nicht,  daß  ich  hier  eine  öffentliche  Besprechung  durchsetzen 
werde.  Wir  sind  doch  schrecklich  weit  voraus. 

*  •  • 

Zum  theoretischen  Arbeiten  reicht  die  Kraft  jetzt  gar  nicht. 
Am  Abend  langweüe  ich  mich  also  gräßlich.  Heuer  lerne  ich 
auch  frieren,  was  ich  bis  jetzt  nicht  zustande  gebracht.  Ich 
kann  vor  Frost  in  meinem  Kellerloch  kaum  schreiben. 

Die  letzte  Seite2  der  Neugierde,  wie  es  Dir  und  den  Deinigen, 
besonders  Paulinchen  geht.  Ich  hoffe,  die  Zeit  des  Gedeihens 
hat  sich  für  sie  aufgetan. 

•  •  • 

Oscar3  kommt  wegen  eines  Abszesses  täglich  zu  Mathüde. 
Die  Fratzen  sind  sonst  wohl  und  fesch.  Martin  verträgt  die 
Schule  gut  und  OH  ist  auf  der  Höhe,  erledigt  alles  spielend. 


x)  Siehe  auch  Brief  vom  3.  10.  1897  (Nr.  70). 

2)  Des  Briefpapiers. 

3)  Dr.  Oscar  Rie,  der  frühere  Mitarbeiter  Freuds. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


328 


So  altere  ich  geduldig  weiteren  Ergebnissen  entgegen.  Ein 
Kongreß  wäre  eine  schöne  Unterbrechung  —  aber  auf  italischem 
Boden  einmal. 

Sei  herzlichst  gegrüßt  von 

Deinem 


Sigm. 


127 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  8.  1.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Ich  freue  mich,  von  meinem  Freund  Conrad  zu  hören.1 
Schon  nach  den  wenigen  Proben  seines  Benehmens  möchte  ich 
mitteilen,  er  ist  ein  braver  Junge.  Ob  er  sich  nun  den  Namen 
oder  die  von  mir  gefeierten  merkwürdigen  Umstände  seiner 
Geburt  zur  Richtschnur  für  sein  späteres  Wirken  wählt,  ich 
glaube  Vorhersagen  zu  können,  er  hat  etwas  Tüchtiges  und  Ver¬ 
läßliches  an  sich,  und  was  er  anpackt,  wird  ihm  gelingen.  Ich 
behalte  mir  vor,  seine  persönliche  Bekanntschaft  zu  machen, 
wenn  er  erst  über  das  Schwerste  hinaus  ist. 

Das  neue  Jahrhundert,  von  dem  uns  am  Interessantesten  sein 
dürfte,  daß  es  unsere  Todesdaten  in  sich  schließt,  hat  mir  nichts 
gebracht  als  ein  blödes  Referat  in  der  „Zeit“2  von  dem  ehemaligen 
Burgtheaterdirektor  Burckhard  (mit  unserem  alten  Jacob  ja 
nicht  zu  verwechseln).  Es  ist  wenig  schmeichelhaft,  ungemein 
verständnislos  und  —  was  das  ärgste  daran  —  in  nächster  Num¬ 
mer  fortzusetzen.  .  .  . 

Auf  Anerkennung  zu  Lebzeiten  wenigstens  rechne  ich  nicht. 
Möge  es  Dir  besser  zu  gehen!  Du  wirst  Dich  wenigstens  an 

x)  Conrad,  der  Name  von  Fliess’  jüngerem,  kurz  vorher  geborenen  Sohn. 

2)  Das  Referat  von  Max  Burckhard  war  in  der  Wiener  Tageszeitung  „Die 
Zeit“  vom  6.  und  13.  Jänner  1900  unter  dem  Titel  „Ein  modernes  Traumbuch“ 
erschienen;  eine  boshafte  Darstellung  der  Freudschen  Gedanken,  mit  jour¬ 
nalistischem  Geschick  verzerrt  und  ironisiert. 


329 


Brief  vom  8.  i.  1900 


ein  anständigeres,  im  Denken  geschultes  Publikum  wenden 
können.  Ich  habe  in  dunkeln  Dingen  mit  Leuten  zu  tun,  denen 
ich  um  10-15  Jahre  voraus  bin,  und  die  mich  nicht  einholen 
werden.  Ich  suche  also  nur  Ruhe  und  etwas  materielles  Behagen. 
Ich  arbeite  nichts  und  es  ist  still  in  mir.  Kommt  die  Sexual¬ 
theorie,  so  werde  ich  sie  anhören.* 1  Wenn  nicht,  dann  nicht. 
Ich  lese  abends  Prähistorie  11.  dgl.  ohne  ernste  Absicht,  denke 
sonst  nur  daran,  die  Fälle  in  guter  Stimmung  weiter  zur  Lösung 
zu  führen.  .  .  .  Bei  E.  kommt  die  zweite  echte  Szene,  durch 
Jahre  vorbereitet,  sogar  eine,  die  sich  durch  Nachfragen  bei 
seiner  älteren  Schwester  vielleicht  wird  objektiv  bestätigen 
lassen.  Dahinter  naht  etwas  Drittes,  lang  Vermutetes. 

•  «  « 

Daß  wir  hier  immer  mehr  herunterkommen,  ist  traurig. 
Denke  Dir  am  1.  Januar,  an  dem  die  Kronenwährung  begonnen 
hat,2  gab  es  noch  keine  Postkarten  zu  kaufen,  die  5  Heller  kosten 
sollen;  die  Post  hat  aber  trotzdem  für  die  Verwendung  der 
alten  mit  2  Kreuzer-Marke  Strafporto  eingehoben.  Es  gab 
auch  noch  keine  1  Hellermarken  als  Zusatz.  Die  neuen  Geld¬ 
sorten  zu  5  und  10  Kronen  werden  erst  Ende  März  ausgegeben. 
Ganz  Österreich  liegt  in  diesen  Details.  Du  wirst  mir  einmal 
einige  Söhne  nach  Berlin  nehmen  müssen,  meinetwegen  um 
sie  weiter  in  die  Welt  zu  schicken. 

Nun  laß  keine  so  lange  Pause  mehr  eintreten  (24.  Dezember- 
28 

7.  Januar  =  —  und  grüße  herzlich  von  uns  Deine  hebe  Frau 
2 

als  glückliche  dreifache  Mutter 

Dein 

Sigm. 


x)  Freud  hat  Einsicht  in  die  Natur  seines  Arbeitsvorgangs  und  in  dessen 
Beziehung  zum  Vorbewußten  gewonnen.  (Der  Vorstoß  vom  Vorbewußten 
wird  dabei  als  ein  der  „Inspiration“  ähnlicher  Vorgang  erlebt;  vgl.  E.  Kris, 
„On  Inspiration,“  Int.  Journal  of  Psycho-Analysis,  1940,  XX,  S.  377-389.)  — 
Später  hat  Freud  seine  Arbeitsweise  geändert.  In  einem  Brief  vom  11.  XII. 
1914  an  Karl  Abraham  heißt  es:  „Meine  Art  zu  arbeiten  war  früher  eine  andere, 
ich  pflegte  zu  warten,  bis  mir  ein  Einfall  kam.  Jetzt  gehe  ich  ihm  entgegen, 

1  ch  weiß  nicht,  ob  ich  ihn  darum  schneller  finden  werde.“ 

2)  Die  Kronenwährung  war  an  Stelle  der  Guldenwährung  getreten,  wobei 

2  Kronen  1  Gulden  entsprach. 


330 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


128 


Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 


Wien,  2 6,  1.  1900. 
IX.  Berggasse  19. 


a.  d.  Universität, 

Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

Es  geht  wirklich  nichts  vor.  Wenn  ich  mich  erinnere,  daß 
ich  seit  Mai  99  nur  einen  neuen  Fall  bekommen  habe,  den  Du 
kennst,  und  daß  ich  zwischen  April  und  Mai  wieder  vier  Patienten 
verlieren  soll,  bin  ich  nicht  gerade  sehr  heiter  gestimmt.  Wie 
ich  mich  durchbringen  werde,  weiß  ich  noch  nicht,  bin  aber 
entschlossen  auszuhalten.  Die  geringe  Lust  zu  klagen  ist  auch 
Grund,  daß  ich  seltener  geschrieben  habe.  Von  dem  Buch  ist 
seit  der  verständnislosen,  leider  auch  frech  respektlosen  Rezension 
in  der  „Zeit“  weiter  nicht  die  Rede  gewesen.1  Für  den  Sommer 
bemühen  wir  uns  wieder  um  die  Bellevue  bei  Grinzing;  die 
Projekte  nach  einer  Sommerbeschäftigung  habe  ich  als  aussichts¬ 
los  wieder  fallen  gelassen. 

Die  Arbeiten  gehen  gut,  nicht  so  anstrengend  wie  einst.  .  .  . 

Mit  Neuigkeiten  geht  es  langsam,  nie  ganz  stille.  Bei  E.  ist 
wieder  eine  Verzögerung  und  dunklere  Region,  das  frühere 
bleibt  aufrecht.  Zur  Sexualtheorie  wird  gesammelt  und  gewartet, 
bis  das  aufgehäufte  Material  durch  einen  zündenden  Funken  in 
Brand  gesteckt  werden  kann. 

Ein  Buch  zur  Lebensgeschichte  von  Eurem  C.  F.  Meyer 
lesen  wir  jetzt  (von  Frey).  Er  weiß  das  Interne  nicht  oder  darf 
es  aus  Diskretion  nicht  sagen.  Es  ist  auch  gerade  nicht  viel 
zwischen  den  Zeilen  zu  lesen. 

Somit  bleibt  nur  nocn  die  Neugierde  zu  erfahren,  wie  es  Dir 
und  Deiner  nicht  mehr  ganz  kleinen  Familie  geht.  Auf  diese 
Nachricht  wartend  mit  herzlichen  Grüßen, 


Dein 


Sigm. 


*)  Siehe  den  vorangehenden  Brief. 


33i 


Brief  vom  12.  2.  1900 


129 

Dr«  Sigrn.  Freud*  Wien*  12.  2.  1900, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX,  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm! 

Wenn  ich  das  Bedürfnis  eines  öfteren  Gedankenaustausches 
mit  Dir  jetzt  häufig  zurückdränge*  so  ist  es*  um  nicht  klagen  zu 
müssen*  was  ich  Dir  gerade  jetzt  ersparen  möchte*  wo  Du  unter 
dem  Einflüsse  der  noch  nicht  abgelaufenen  Erkrankung  Deiner 
Mutter  stehst.  .  .  . 

Beinahe  mache  ich  mir  Vorwürfe,  Dir  nur  von  mir  schreiben 
zu  sollen.  Vieles,  was  sich  sagen  ließe,  ergibt  sich  nicht  beim 
Schreiben. 

Meine  ärztliche  Tätigkeit  hat  sich  schon  seit  einer  Woche 
etwas  gehoben.  Die  Zeit,  wo  ich  in  5  Ordinationen  1  Patienten 
sah  (in  allen  5)  scheint  wieder  überwunden.  Heute  habe  ich 
sogar  eine  neue  Behandlung  begonnen,  von  der  ich  freilich  nicht 
weiß*  ob  sie  sich  halten  wird.  Seit  heute  ist  auch  der  Druck  von 
meiner  Stimmung  gewichen.  Könnte  ich  Dir  einmal  erzählen, 
welche  Umwandlungen  ich  noch  immer  mit  meinen  Gedanken 
über  mein  Arbeitsthema  vornehmen  muß*  also  was  für  Xrrtümer 
ich  noch  zu  korrigieren  finde*  und  wie  schwer  das  alles  ist,  so 
würdest  Du  für  meine  neurotischen  Eigenschwankungen  wahr¬ 
scheinlich  viel  Nachsicht  haben*  besonders  wenn  Du  an  die 
Lebenssorgen  dabei  nicht  vergißt. 

•  •  • 

Ich  sträube  mich  gar  nicht,  das  Stück  nasaler  Therapie  von  Dir 
zu  erlernen*  wenn  wir  einmal  die  Gelegenheit  dazu  finden,  aber 
es  ist  sehr  schwer,  hier  etwas  Neues  durchzuführen  und  eine 
Schwierigkeit  liegt  auch  an  mir.  Du  ahnst  nicht,  wie  schwer 
ich  etwas  lerne  und  wie  leicht  Dir  etwas  vorkommt,  wenn  Du 
es  kannst. 

Im  Ganzen  bin  ich  weiter  weg  von  Rom  als  je,  seitdem  wir 
uns  kennen,  und  die  Jugendfrische  läßt  sehr  merklich  nach. 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


m 

Die  Reise  ist  lang,  die  Stationen,  auf  denen  man  hinausgeworfen 
wird,  sehr  zahlreich,  und  es  bleibt  beim  „Wenn  ich  es  aushalt“. 
Leb  recht  wohl  und  schreib  sehr  bald  wieder 


Deinem 


Sigm. 


IJO 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  Sonntag,  11.  3.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Endlich  ein  ausführlicher  Brief  von  Dir.  Seit  dem  15.  Februar 
habe  ich  nichts  von  Dir  gehört,  ich  war  der  letztschreibende 
und  eine  Karte  anfangs  März,  in  der  ich  Dich  auf  das  Buch 
von  Jonas  über  nasogene  Reflexneurosen  aufmerksam  mache, 
scheint  nicht  zu  Dir  gelangt  zu  sein.  .  .  . 

Nun  freue  ich  mich,  soviel  von  Dir  zu  hören,  denn  ich  stelle 
mir  vor,  daß  Du  wie  ich  ungern  an  das  Versiegen  unseres  Brief¬ 
verkehrs  und  das  Aufhören  unserer  Zusammenkünfte  denkst. 
Ich  war  erstaunt  zu  lesen,  daß  schon  drei  Wochen  vergangen  sind, 
seit  ich  Dir  geschrieben.  Die  Zeit  ist  so  unmerklich  verflossen, 
behaglich  fast  nach  meinem  neuen  Regime,  von  dem  Du  hören 
wirst.  Die  Kinder  waren  alle  wohl,  Martha  frischer  als  gewöhnlich, 
mein  Befinden  war  glänzend,  durch  eine  regelmäßige  leichte 
Sonntagsmigraine  reguliert;  ich  sah  täglich  dieselben  Leute,  in 
letzter  Woche  hat  sogar  eine  neue  Behandlung  angefangen,  die 
noch  in  der  Probezeit  ist,  vielleicht  wieder  nicht  über  sie  hinaus¬ 
kommt.  Von  der  Außenwelt  war  ich  so  gut  wie  abgeschnitten; 
kein  Blättchen  rauschte  um  zu  verraten,  daß  die  Traumdeutung 
irgendwem  das  Gemüt  bewegt.  Erst  gestern  überraschte  mich 


Brief  vom  n.  3.  1900 


333 


ein  recht  liebenswürdiger  Aufsatz  im  Feuilleton  einer  Tages¬ 
zeitung  „Wiener  Fremdenblatt“. 

•  «  • 

Meinen  Patienten  geht  es  meistens  gut;  es  ist  jetzt  meine 
starke  Zeit,  70-80  fl.  täglich,  etwa  500  fl.  wöchentlich,  die  er¬ 
fahrungsgemäß  mit  Ostern  abschließt.  Für  den  Sommer  hat 
sich  nichts  machen  lassen.  Überhaupt  läßt  sich  nichts  machen, 
es  ist  schade  um  jede  Energieanwendung ;  dies  ist  der  Schlüssel 
der  Situation. 

Ich  möchte  zu  Ostern  gerne  auf  drei  Tage  fortgehen,  und 
gewiß  am  liebsten  Dich  sehen.  Aber  ich  leide  unter  einem  argen 
Frühlingshunger,  Sonne,  Blumen,  ein  Streifen  blauen  Wassers 
u.  dgl.  wie  ein  Jüngling.  Ich  hasse  Wien  geradezu  persönlich 
und  wie  ein  Gegensatz  zum  Riesen  Antaeus  sammle  ich  frische 
Kraft,  so  oft  ich  den  Fuß  vom  vaterstädtischen  Boden  abgehoben 
habe.  Diesen  Sommer  muß  ich  der  Kinder  wegen  auf  Ferne 
und  Gebirge  verzichten,  muß  auf  der  Bellevue  immer  wieder 
Wien  als  Aussicht  genießen,  weiß  nicht,  ob  ich  das  Geld  für 
eine  Septemberreise  haben  werde  und  möchte  darum  gerne  zu 
Ostern  von  den  Herrlichkeiten  der  Erde  naschen.  .  .  , 

Wenn  Du  noch  mehr  von  mir  wissen  willst,  so  höre  dies. 
Nach  dem  großen  Aufschwung  im  Sommer,  der  in  fieberhafter 
Tätigkeit  den  Traum  fertig  brachte,  war  ich  Tor  wieder  einmal 
hoflhungstrunken,  daß  jetzt  ein  Schritt  gegen  die  Freiheit  und 
das  Wohlbehagen  geschehen  sei.  Der  Empfang  des  Buches  und 
das  Stillschweigen  seither  haben  das  keimende  Verhältnis  zum 
Milieu  wieder  zerstört.  Mein  zweites  Eisen  im  Feuer  ist  ja  die 
Arbeit,  die  Aussicht  irgendwo  zu  Ende  zu  kommen,  viele  Zweifel 
zu  erledigen  und  dann  zu  wissen,  was  ich  von  der  therapeutischen 
Chance  zu  halten  habe.  Die  Aussicht  schien  am  günstigsten  bei 
E.  Dort  traf  mich  auch  der  Schlag  am  heftigsten.  Als  ich  gerade 
glaubte,  die  Lösung  in  Händen  zu  haben,  entzog  sie  sich  mir, 
und  ich  sah  mich  genötigt,  alles  umzuwenden,  um  es  neu  zusam¬ 
menzusetzen,  wobei  mir  alle  bisherigen  Wahrscheinlichkeiten 
verloren  gingen.  Die  Depression  hierauf  hielt  ich  nicht  aus. 
Ich  fand  auch  bald,  daß  es  unmöglich  ist,  die  wirklich  schwere 


334 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Arbeit  unter  Verstimmung  und  lauernden  Zweifeln  fortzu¬ 
setzen.  Jeder  einzelne  der  Kranken  ist  mein  Quälgeist,  wenn 
ich  nicht  heiter  und  gesammelt  bin.  Ich  glaubte  wirklich,  ich 
müßte  gleich  erliegen.  Ich  habe  mir  so  geholfen,  daß  ich  auf  alle 
bewußte  Gedankenarbeit  verzichtet  habe,  um  nur  mit  einem 
dunkeln  Takt  weiter  in  den  Rätseln  zu  tappen.  Seitdem  mache 
ich  die  Arbeit,  vielleicht  geschickter  als  je,  aber  ich  weiß  nicht 
recht,  was  ich  mache.  Ich  könnte  nicht  Auskunft  geben,  wie 
die  Sache  steht.  In  den  Stunden,  die  ich  übrig  habe,  sorge  ich 
dafür,  nicht  zur  Reflexion  zu  kommen.  Ich  überlasse  mich 
meinen  Phantasien,  spiele  Schach,  lese  englische  Romane;  alles 
Ernsthafte  bleibt  verbannt.  Seit  Monaten  ist  keine  Zeile  mehr 
von  dem,  was  ich  lerne  oder  ahne,  schriftlich  fixiert  worden. 
Ich  lebe  so  als  genußsüchtiger  Philister,  sowie  ich  vom  Handwerk 
frei  bin.  Du  weißt,  wie  eingeschränkt  meine  Genüsse  sind,  ich 
darf  nichts  Gutes  rauchen,  Alkohol  leistet  mir  gar  nichts,  mit 
dem  Kinderzeugen  bin  ich  fertig,  der  Verkehr  mit  Menschen 
ist  mir  abgeschnitten.  Ich  vegetiere  also  harmlos,  sorgsam  die 
Aufmerksamkeit  von  dem  Thema,  das  ich  tagsüber  bearbeite, 
abgelenkt  zu  erhalten.  Bei  diesem  Regime  bin  ich  heiter  und 
meinen  acht  Opfern  und  Quälern  voll  gewachsen. 

Samstag  abends  freue  ich  mich  auf  einen  großen  Tarockexzess 
und  jeden  zweiten  Dienstag  Abend  verbringe  ich  unter  meinen 
jüdischen  Brüdern,  denen  ich  kürzlich  wieder  einen  Vortrag 
gehalten  habe.1  Bis  Ostern  bin  ich  so  gedeckt,  dann  wird  wohl 

A)  An  der  wöchentlichen  Tarockpartie  hat  Freud  zeitlebens  festgehalten. 
Seine  Beziehung  zum  Verein  B’nai  B’rith  hat  Freud  im  Jahre  1926  in  der 
Antwort  auf  eine  Festrede  anläßlich  seines  70sten  Geburtstages  folgendermaßen 
beschrieben:  (G.W.  XVII,  S.  51) 

,>Es  geschah  in  den  Jahren  1895,  daß  zwei  starke  Eindrücke  bei  mir  zur 
gleichen  Wirkung  zusammentrafen.  Einerseits  hatte  ich  die  ersten  Einblicke 
in  die  Tiefen  des  menschlichen  Trieblebens  gewonnen,  manches  gesehen, 
was  ernüchtern,  zunächst  sogar  erschrecken  konnte,  anderseits  hatte  die 
Mitteüung  meiner  unliebsamen  Funde  den  Erfolg,  daß  ich  den  größten  Teil 
meiner  damaligen  menschlichen  Beziehungen  einbüßte;  ich  kam  mir  vor  wie 
geächtet,  von  allen  gemieden.  In  dieser  Vereinsamung  erwachte  in  mir  die 
Sehnsucht  nach  einem  Kreis  von  auserlesenen,  hochgestimmten  Männern, 
die  mich  ungeachtet  meiner  Verwegenheit  freundschaftlich  aufnehmen  soll¬ 
ten.  Ihre  Vereinigung  wurde  mir  als  der  Ort  bezeichnet,  wo  solche  Männer 
zu  finden  seien.“ 


Brief  vom  23.  3.  1900 


135 


mit  dem  Abbruch  mehrerer  Behandlungen  eine  neue  und  unbe¬ 
haglichere  Zeit  beginnen. 

So  wirst  Du  genug  haben.  Wenn  ich  Dir  je  in  Rom  oder 
Karlsbad  begegne,  werde  ich  Dich  um  Verzeihung  bitten  für 
die  vielen  Klagen,  die  ich  auf  dem  Weg  verschwendet  habe. 

Grüß  mir  aber  Frau  und  Kinder  recht  herzlich  .  .  . 


Dein 


Sigm. 


131 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  23.  3,  1900, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

T eurer  Wilhelm ! 

Ich  muß  Dir  doch  wieder  ausführlich  schreiben.  Was  denkst 
Du  Dir  sonst?  Herzlichsten  Dank  vor  allem  für  Minnas  Auf¬ 
nahme.  Endlich  habe  ich  auch  wieder  etwas  Ordentliches  über 
Dein  Haus  gehört.  Daß  es  Deiner  Mutter  wieder  gut  geht, 
gegen  meine  Erwartung,  und  darum  doppelt  erwünscht,  wie 
schön  und  wie  klein  das  teure  Paulinchen  ist,  wie  robust  Conrad 
auftritt,  unseren  alten  Freund  Robert  nicht  zu  vergessen  und 
seine  apta  dicta  —  jetzt  habe  ich  wieder  einen  guten  Eindruck 
davon  bekommen.  Daß  Dein  Interesse  für  das  Traumkind  un- 
verringert  geblieben  ist  und  Du  die  Hand  dazu  bietest,  es  der 
Rundschau  und  ihrem  trägen  Referenten  aufzudrängen,  habe  ich 
mit  großer  Genugtuung  gehört.  Denn  nach  mancherlei  Schwan¬ 
kungen  im  Urteil  bin  ich  dabei  stehen  geblieben,  Dir  für  die 
Patenschaft  sehr  dankbar  zu  werden  und  es  für  gut  und  echt 
zu  halten.  In  vielen  trüben  Stunden  ist  es  mir  zum  Trost  ge¬ 
worden,  dies  Buch  hinterlassen  zu  können.  Seine  Aufnahme,  die 
bisherige  mindestens  —  hat  mich  zwar  nicht  gefreut ;  Verständnis 
ist  spärlich,  Lob  nur  wie  Almosen,  es  ist  den  Meisten  offenbar 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


336 

unsympathisch,  von  einer  Ahnung  des  Bedeutungsvollen  an  ihm 
habe  ich  noch  keine  Spur  gesehen.  Ich  erkläre  mir’s  so,  daß 
ich  um  15-20  Jahre  voraus  gekommen  bin.  Dann  kommt  freilich 
die  regelmäßige  Qual,  die  sich  an  ein  Urteil  in  propriis  haftet. 

Es  hat  noch  kein  Halbjahr  gegeben,  in  welchem  ich  mich 
so  ständig  und  so  innig  nach  Zusammenleben  mit  Dir  und  den 
Deinigen  gesehnt  habe,  wie  das  eben  abgelaufene.  Du  weißt, 
es  war  eine  tiefgehende  innerliche  Krise,  Du  würdest  sehen, 
wie  alt  ich  in  ihr  geworden  bin.  Es  hat  mich  darum  mächtig 
gepackt,  als  ich  hörte,  Du  schlügest  ein  Wiedersehen  in  diesen 
Ostertagen  vor.  Wenn  man  nicht  verstünde,  Widersprüche 
feiner  aufzulösen,  müßte  man  es  unbegreiflich  finden,  daß  ich 
nicht  eilig  dem  Vorschlag  zustimme.  In  Wirklichkeit  ist  es 
wahrscheinlicher,  daß  ich  Dir  ausweichen  werde.  Nicht  nur 
mein  fast  kindliches  Lechzen  nach  dem  Frühling  und  nach 
schönerer  Natur,  das  opferte  ich  gerne  der  Befriedigung,  Dich 
für  drei  Tage  neben  mir  zu  haben.  Es  sind  noch  andere,  innere 
Gründe  vom  Aggregatzustand  der  Imponderabilien,  die  mir  aber 
schwer  wiegen.  .  .  .  Ich  bin  innerlich  tief  verarmt,  mußte  meine 
sämtlichen  Luftschlösser  demolieren,  und  gerade  eben  faßte  ich 
etwas  Mut,  sie  wieder  aufzubauen.  Während  der  Katastrophe 
des  Einsturzes  wärst  Du  mir  unschätzbar  gewesen,  im  gegen¬ 
wärtigen  Stadium  würde  ich  mich  Dir  kaum  verständlich  machen 
können.  Ich  habe  meine  Depression  dann  mit  Hilfe  einer  be¬ 
sonderen  Diät  in  intellektuellen  Dingen  besiegt,  nun  heilt  es 
unter  der  Ablenkung  langsam  aus.  Wenn  ich  mit  Dir  wäre, 
würde  ich  unvermeidlich  versuchen,  alles  bewußt  zu  fassen  und 
für  Dich  darzustellen,  wir  würden  Vernunft  und  Wissenschaft 
reden.  Deine  schönen  und  sicheren  biologischen  Aufdeckungen 
würden  meinen  tiefinnersten  (impersönlichen)  Neid  erwecken. 
Das  Ende  wäre,  ich  würde  Dir  fünf  Tage  lang  klagen  und  käme 
aufgewühlt  und  unzufrieden  in  den  Sommer  zurück,  für  den 
ich  wahrscheinlich  meine  ganze  Fassung  brauchen  werde. 
Abhelfen  läßt  sich  dem  Allerwenigsten,  was  mich  bedrückt;  es 
ist  mein  Kreuz,  ich  muß  es  tragen,  und  weiß  Gott,  mein  Rücken 
ist  bei  der  Anpassung  merklich  krumm  geworden. 


Brief  vom  4.  4.  1900 


337 


Meine  Osterabsicht  geht  mit  Alexander  nach  Trient  und  von 
dort  an  den  Gardasee,  mit  langer  Reise  ein  paar  schöne  Frühlings¬ 
blicke  zu  erhaschen.  Heute  drei  Wochen,,  wenn  nichts  da¬ 
zwischen  kommt,  wollen  wir  abdampfen,  vier  Tage  lang  leben 
wie  Studenten  und  Touristen,  wie  wir  es  immer  tun. 


Vorige  Woche  hörten  wir  einen  Vortrag  von  G.  Brandes1 
über  Lektüre.  Thema  nichts  besonderes,  Vortrag  anstrengend, 
Stimme  schnarrt,  die  Aussprache  fremdartig,  aber  der  Mann 
eine  Erholung.  Die  ganze  Art  muß  den  guten  Wienern  fremd¬ 
ländisch  genug  erschienen  sein,  er  sagte  dem  Publikum  eigentlich 
nur  Grobheiten.  So  strenge  Lebensauffassung  kennen  wir  hier 
nicht;  unsere  kleine  Logik  wie  unsere  kleine  Moral  sind  von 
der  nordischen  doch  schon  sehr  verschieden.  Ich  habe  geschwelgt 
im  Zuhören,  Martha,  .  .  .  hat  mich  dann  veranlaßt,  ihm  ein 
Traumbuch  ins  Hotel  zu  schicken.  Er  hat  bis  jetzt  nicht  darauf 
reagiert,  vielleicht  liest  er  es  wirklich  zu  Hause. 

Nun  leb  recht  wohl  mit  Ida  und  den  Kindern,  Ich  hoffe 
von  Dir  bald  zu  hören  und  Dir  noch  mehrmals  vor  Ostern  zu 
schreiben. 


Dein  getreuer 


Sigm. 


132 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  4.  4.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Der  Ausdruck  der  Gefühle  läßt  sich  aufschieben,  Geschäft¬ 
liches  erfordert  Erledigung.  Darum  rasch  die  Anmort,  daß  ich 


l)  Der  dänische  Schriftsteller  und  Kritiker  (geb.  1842,  gest.  1927). 


338 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


nicht  dabei  bin,  für  die  Rundschau  einen  kleinen  Traum  zu 
schreiben.  Aus  einer  Anzahl  von  Gründen.  Erstens  weil  dies 
nach  der  großen  Arbeit  ein  schweres  Mißvergnügen  ist,  zweitens 
weil  ich  solchen  Essay  schon  für  Löwenfeld  versprochen  habe,  es 
also  gar  nicht  anderswo  kann.1  Drittens  weil  es  ein  Vergehen 
gegen  die  Differenzierung  ist,  die  darin  sich  zeigte,  daß  der  Eine 
ein  Buch  schreibt  und  ein  Anderer  es  referiert,  wobei  noch  der 
Leser  die  Kritik  und  der  Autor  die  Art,  wie  sich  sein  Werk  bei 
einem  Fremden  reflektiert,  dazubekommt.  Viertens  endlich  soll 
die  Rundschau  nicht  genötigt  werden,  ein  Referat  wider  ihren 
Willen  zu  bringen.  Ein  widerwilliger  Referent  verwandelt  sich 
sofort  in  einen  widerwärtigen.  Dies  scheint  auch  das  Geheimnis 
der  Burkhardschen  in  der  „Zeit“  gewesen  zu  sein,  einer  Kritik, 
die  mit  all  ihrer  Blödheit  das  Buch  in  Wien  umgebracht  hat. 
Fünftens  will  ich  alles  vermeiden,  was  einer  Reklame  ähnlich 
sieht.  Ich  weiß,  was  ich  mache  ist  der  Mehrzahl  widerwärtig. 
So  lange  ich  völlig  korrekt  bleibe,  sind  die  Herren  Gegner  un¬ 
sicher,  erst  wenn  ich  dasselbe  tue  wie  sie  selbst,  werden  sie  sich 
sicher  fühlen,  daß  ich  nichts  Besseres  mache  als  sie.  Durch 
ähnliche  Erwägungen  habe  ich  mich  seinerzeit  abhalten  lassen, 
eine  Kritik  über  Dein  Buch  zu  schreiben,  die  mir  sonst  nahe 
gelegen  wäre.  Die  Kerle  sollten  nicht  sagen,  daß  wir  einander 
in  der  Öffentlichkeit  poussieren.  So  meine  ich  denn,  es  sei  am 
geratensten,  die  Absage  der  Rundschau  als  Zeichen  der  öffent¬ 
lichen  Stimmung,  das  nicht  wegzuleugnen  ist,  ruhig  hinzunehmen. 

Mathilde  liegt  entsprechend  wenig  unwohl,  mit  Schafblattern; 
alle  anderen  wohlauf.  Von  den  kleinen  Unfällen  in  Deinem 
Hause  sind  wir  im  Anschluß  an  Minnas  Reise  unterrichtet  ge¬ 
wesen,  .  .  .  E.  endigt  zu  Ostern,  hoffentlich  mit  größtem  Profit, 
Ich  bin  noch  immer  zu  faul,  mir  etwas  zurechtzulegen.  Der 
letzte  neue  Fall  mußte  nach  zwei  Wochen  weggeschickt  werden, 
es  war  eine  Paranoia. 

Mit  herzlichsten  Grüßen  für  Dich,  Weib,  Tochter  und  Söhne, 


Dein 


Sigm, 


x)  Siehe  Brief  Nr.  136. 


Brief  vom  16.4.  1900 


339 


133 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  16.  4.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Dies  der  bestellte  Gruß  aus  dem  Lande  des  Sonnenscheins. 
Ich  bin  nämlich  wieder  einmal  nicht  hingekommen,  .  .  . 

E.  hat  endlich  mit  einer  Abendeinladung  in  meinem  Hause 
seine  Laufbahn  als  Patient  beschlossen.  Sein  Rätsel  ist  fast 
ganz  gelöst,  sein  Befinden  vortrefflich,  Wesen  ganz  verändert, 
von  den  Symptomen  ist  derzeit  ein  Rest  geblieben.  Ich  fange 
an  zu  verstehen,  daß  die  scheinbare  Endlosigkeit  der  Kur  etwas 
Gesetzmäßiges  ist  und  an  der  Übertragung  hängt.1  Ich  hoffe, 
daß  dieser  Rest  den  praktischen  Erfolg  nicht  beeinträchtigen 
wird.  Es  lag  nur  an  mir,  die  Kur  noch  weiter  fortzusetzen,  aber 
mir  ahnte,  daß  dies  ein  Kompromiß  zwischen  Krank-und  Ge¬ 
sundsein  ist,  den  sich  die  Kranken  selbst  wünschen,  auf  den 
der  Arzt  darum  nicht  eingehen  soll.  Der  assymptotische  Ab¬ 
schluß  der  Kur,  mir  im  Wesen  gleichgiltig,  ist  immerhin  eine 
Enttäuschung  mehr  für  die  Außenstehenden.  Ich  behalte  den 
Mann  übrigens  im  Auge.  Da  er  alle  meine  technischen  und 
theoretischen  Irrtümer  hat  mitmachen  müssen,  so  meine  ich 
wohl,  ein  nächster  Fall  wäre  in  der  Hälfte  dieser  Zeit  zu  lösen. 
Der  Herr  sende  nun  diesen  nächsten.  .  .  . 

Gelegentlich  rührt  es  sich  zur  Synthese,  aber  ich  halte  es 
nieder. 


l)  Es  ist  dies  die  erste  Einsicht  in  die  Rolle  der  Übertragung  in  der 
psychoanalytischen  Therapie.  Die  Schwierigkeiten,  die  sich  durch  Über- 
tragungsphänomenc  ergaben,  waren  Freud  schon  begegnet,  da  er  noch  hypno¬ 
tische  Kuren  vornahm  (s.  „Selbstdarstellung,“  S.  58).  Aus  dem  „Bruchstück 
einer  Hysterieanalysc,“  das  uns  mit  Freuds  Technik  der  Zeit  bekannt  macht, 
in  der  der  vorliegende  Brief  entstanden  ist,  wissen  wir,  daß  Freud  die  Über¬ 
tragung  technisch  noch  nicht  zu  meistern  verstand;  im  Nachwort  dieser  Ver¬ 
öffentlichung  hat  Freud  dann  die  Theorie  der  Übertragung  zum  ersten  Male 
entwickelt  (G.W.  V,  S.  279  ff.)  Der  Mangel  eines  vollen  Verständnisses  für 
die  Dynamik  der  Übertragung  erklärt  auch  den  um  diese  Zeit  vorkommenden 
persönlichen  Kontakt  Freuds  mit  manchen  seiner  Patienten. 


340 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Wien  ist  sonst  Wien.,  also  höchst  ekelhaft.  Wenn  ich  schließen 
würde,  nächste  Ostern  in  Rom,1  käme  ich  mir  wie  ein  fromm¬ 
gläubiger  Jude  vor.  Also  lieber  auf  Wiedersehen  im  Sommer 
oder  Herbst  in  Berlin  oder  wo  Du  willst. 

Herzlichster  Gruß 


Dein 


Sigrn. 


134 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  7.  5.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Vielen  Dank  für  so  herzliche  Worte  1  Es  umschmeichelt  mich 
so,  daß  ich  Dir  beinahe  ein  Stück  davon  glauben  würde  —  wenn 
ich  bei  Dir  wäre.  So  sehe  ich  es  ein  wenig  anders.  Gegen  die 
Tatsache  der  splendid  Isolation  hätte  ich  nichts  einzuwenden, 
wenn  sie  sich  nicht  zu  wreit,  nicht  auch  zwischen  uns  beide  selbst 
fortsetzte.  Ich  bin  zwar  im  allgemeinen  —  bis  auf  einen 
schwachen  Punkt:  der  Angst  vor  der  Not  —  zu  verständig  zu 
klagen,  und  befinde  mich  auch  jetzt  zu  wohl  dafür;  ich  weiß, 
was  ich  alles  habe,  und  auf  wie  wenig  man  nach  der  Statistik 
des  menschlichen  Elends  ein  Recht  hat.  Aber  den  Verkehr  mit 
dem  Freund,  den  eine  besondere  —  etwa  feminine  —  Seite 
fordert,  ersetzt  mir  niemand,  und  innere  Stimmen,  denen  zu 
lauschen  ich  gewöhnt  bin,  raten  mir  eine  weit  bescheidenere 
Schätzung  meiner  Arbeit  an,  als  Du  sie  proklamierst.  Wenn 


l)  Dem  jüdischen  Gruß  „nächstes  Jahr  in  Jerusalem“  nachgebildet. 


Brief  vom  7.  5.  1900 


341 


Deine  Arbeit1  vorliegen  wird,  wird  uns  allen  zwar  Urteil  über 
ihre  Richtigkeit  abgehen,  das  Nach  kommenden  Vorbehalten 
bleibt,  wie  bei  allen  großen  Neuerungen,  aber  die  Schönheit  der 
Konzeption,  die  Originalität  der  Gedanken,  die  Einfachheit  der 
Zusammenhänge  und  die  Sicherheit  des  Autors  werden  einen 
Eindruck  hervorrufen,  der  die  erste  Entschädigung  für  die 
Mühsal  des  Ringens  mit  dem  Dämon  schenken  wird.  Anders 
bei  mir.  Kein  Kritiker  .  .  .  kann  schärfer  als  ich  sehen,  weiches 
Mißverhältnis  sich  zwischen  Problemen  und  Lösungen  auftut, 
und  zur  gerechten  Strafe  wird  es  mir  sein,  daß  keine  der  unent- 
deckten  Provinzen  im  Seelenleben,  die  ich  zuerst  von  den  Sterb¬ 
lichen  betreten,  je  meinen  Namen  führen  oder  meinen  Gesetzen 
gehorchen  wird.  Als  mir  im  Ringkampf  der  Atem  auszugehen 
drohte,  bat  ich  den  Engel  abzulassen,  und  das  hat  er  seitdem  getan. 
Ich  bin  aber  nicht  der  Stärkere  gewesen,  obwohl  ich  seitdem 
deutlich  hinke.  Ja,  ich  bin  wirklich  schon  44  Jahre,  ein  alter, 
etwas  schäbiger  Israelit,  wie  Du  Dich  im  Sommer  oder  Herbst 
überzeugen  wirst.  Die  Meinigen  haben  den  Tag  doch  feiern 
wollen.  Mein  bester  Trost  ist,  daß  ich  ihnen  nicht  alles  Zu¬ 
künftige  vorwegnehme.  Sie  können  erleben  und  erobern,  soviel 
in  ihren  Kräften  stehen  wird.  Ich  lasse  ihnen  eine  Stufe  zum 
Fuß  darauf  fassen,  führe  sie  nicht  auf  einen  Gipfel,  von  dem 
aus  sie  nicht  weiter  steigen  können. 

Samstag  beginne  ich  die  Vorlesung  über  den  Traum.  In  10 
Tagen  werden  wir  die  Bellevue  beziehen.  .  .  . 

Gesundheitszustand  jetzt  erträglich.  Wien  ist  plötzlich  un¬ 
erquicklich  heiß  geworden.  .  .  .  Ein  neuer  Mann,  psychisch 
impotent,  wohl  nur  über  die  Sommersaison.  Einige  noch  nicht 
reife  Anknüpfungen.  Im  allgemeinen  etwas  Regung. 

Mit  herzlichstem  Gruß  an  Dein  ganzes  Haus 

Dein 

Sigm. 


b  „Die  Periodenlehre“, 


342 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


135 

Wien,  16.  5.  1900. 

IX.  Berggasse  19. 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 
a,  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

.  .  .  Eine  Abendpatientin  hat  mich  verlassen,  mein  schwerster, 
in  der  Ätiologie  sicherster  Fall,  an  den  ich  durch  vier  Jahre 
nicht  herankommen  konnte  und  zudem  der  einzige  Fall  von 
Breuer.  Er  hat  das  Mädchen  immer  wieder  zu  mir  geschickt, 
wenn  ich  sie  in  heller  Verzweiflung  weggejagt  habe.  Im  vorigen 
Jahr  fing  ich  endlich  an,  mich  mit  ihr  zu  befreunden,  und  heuer 
ist  es  endlich  gegangen.  Ich  habe  die  Schlüssel  gefunden,  d.h. 
mich  überzeugt,  daß  anderswo  gefundene  Schlüssel  bei  ihr  passen, 
und  habe,  soweit  die  knappe  Zeit  es  gestattete  (Dezember  bis 
heute)  ihren  Zustand  tief  und  wesentlich  beeinflußt.  Sie  hat 
heute  mit  den  Worten  Abschied  genommen:  „Sie  haben  mir 
Unschätzbares  geleistet“.  Von  ihr  weiß  ich,  daß  Breuer,  als  sie 
ihm  ihre  außerordentliche  Besserung  eingestand,  in  die  Hände 
geklatscht  und  ein  über  das  andere  Mal  gerufen:  „Also  hat  er 
doch  Recht“.  .  .  . 

Hörer  habe  ich  nur  drei,  Hans  Königstein,  Frl.  Dora  Teleky 
und  einen  Dr.  Marcuse  aus  Breslau.  Der  Buchhändler  beklagt 
sich,  daß  die  „Traumdeutung“  schwach  gehe.  In  der  „Umschau“ 
vom  10.  März  war  ein  kurzes,  hebenswürdiges  und  einsichtsloses 
Referat.  Mich  dominiert  aber  natürlich  nur  die  Arbeit  und  ich 
bin  bereit,  ganz  einseitig  zu  werden,  wenn  ich  dort  nur  durch¬ 
komme. 

«  •  • 

Herzlichst 


Dein 


Sigm. 


Brief  vom  20.  5.  1900 


343 


136 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  20.  5.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

.  .  .  Jetzt  kommt  die  öde  Zeit,  vor  der  ich  mich  fürchte,  d.h. 
in  der  ich  mich  vor  mir  fürchte.  Die  vierte  Patientin  gestern 
verabschiedet,  im  herzlichsten  Einvernehmen,  im  besten  Zustand, 
mit  der  Böcklinschen  „Toteninsel“ 1  als  Abschiedsgeschenk;  ein 
Fall,  der  mir  das  größte  Vergnügen  gemacht  hat  und  der  vielleicht 
fertig  ist.  Es  ist  heuer  also  gut  gegangen.  Ich  habe  es  endlich 
bezwungen.  Aber  was  fang5  ich  jetzt  an?  Ich  habe  noch  3J 
Personen,  d.h.  Stunden  täglich,  viel  zu  wenig  Tonnen  für  den 
Walfisch.  Weh!  wenn  ich  mich  langweile.  Es  wird  alle  mög¬ 
lichen  Zustände  geben.  Arbeiten  kann  ich  nichts.  Ich  bin  mit 
Faulheit  infiltriert,  die  Art  Arbeit,  die  ich  vom  Oktober  bis 
jetzt  getrieben,  ist  der  Art  Arbeit,  die  zum  Niederschreiben 
führt,  so  sehr  unähnlich  und  so  sehr  ungünstig.  Nicht  einmal 
das  Traumbrochürchen  für  Löwenfeld  habe  ich  begonnen.2 
Nicht  einmal  bei  den  Allotriis  halte  ich  aus,  ich  schwanke 
zwischen  Schach,  Kunstgeschichte  und  Prähistorie,  aber  nichts 
darf  sich  lange  fortsetzen.  Ein  paar  Wochen  möchte  ich  irgendwo 
untertauchen,  wo  es  gar  nichts  von  Wissenschaft  gibt.  Das  ist 
außer  dem  Kongreß  mit  Dir.  Hätt  ich  nur  Geld  oder  einen 
Reisebegleiter  für  Italien ! 


Ich  hätte  Angst,  daß  Du  Pfingsten  mit  nach  Wien  kämest, 
denn  mein  ältester  Bruder  aus  Manchester  hat  sich  für  diese 
Tage  angekündigt.  Er  ist  kein  Jüngling  mehr,  ich  meine  68 
Jahre  (!)  obwohl  sehr  jugendlich  in  seiner  Erscheinung. 

Sei  mir  herzlichst  gegrüßt.  .  .  . 

Dein 


Sigm. 


1)  Unsichere  Lesung. 

2)  S.  Brief  Nr.  132;  gemeint  ist  die  Schrift  „Über  den  Traum“. 


344 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


137 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  12.  6.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Wir  haben  Familienbesuch  gehabt.  Am  Tag  vor  Pfingsten 
kam  mein  ältester  Bruder  Emanuel  mit  seinem  jüngsten  Sohn 
Sam,  auch  schon  über  35  Jahre  alt,  und  blieb  bis  Mittwoch 
abends.  Er  brachte  eine  große  Erfrischung  mit  sich,  denn  er 
ist  ein  prächtiger  trotz  seiner  68-69  Jahre  frischer  und  geistig 
rastloser  Mensch,  der  mir  immer  viel  bedeutet  hat.  Er  reiste 
dann  nach  Berlin,  wo  jetzt  das  Hauptquartier  der  Familie  ist.  .  .  . 

Das  Leben  auf  Bellevue  gestaltet  sich  sonst  für  alle  sehr 
angenehm.  Die  Abende  und  Morgen  sind  entzückend;  nach 
Flieder  und  Goldregen  duften  jetzt  Akazien  und  Jasmin,  die 
Heckenrosen  blühen  auf,  und  zwar  geschieht  das  alles,  wie  ich 
auch  sehe,  plötzlich. 

Glaubst  Du  eigentlich,  daß  an  dem  Hause  dereinst  auf  einer 
Marmortafel  zu  lesen  sein  wird  ? : 

„Hier  enthüllte  sich  am  24  Juli  1895  dem 
Dr.  Sigm.  Freud 

das  Geheimnis  des  Traumes “ 

1 

Die  Aussichten  sind  bis  jetzt  hiefür  gering.  Wenn  ich  aber  in 
den  neueren  psychologischen  Büchern  (Mach,  „Analyse  der 
Empfindungen“,  2.  Auf!.,  Kroell,  „Aufbau  der  Seele“  u.  dgl.),* 2 
die  alle  nach  ähnlichen  Richtungen  zielen  wie  meine  Arbeit, 
lese,  was  sie  über  den  Traum  zu  sagen  wissen,  so  freue  ich  mich 
doch  wie  der  Zwerg  im  Märchen,  „daß  die  Prinzessin  es  nicht 
weiß“. 

x)  Am  „Traum  von  Irmas  Injektion“,  „Traumdeutung,“  G.W.  II-III,  S.  m. 

2)  S.  Dr.  med.  H.  Kroell,  „Der  Aufbau  der  menschlichen  Seele,  eine  psycho- 

logische  Skizze,“  1900, 


Brief  vom  io.  7.  1900 


345 


Ein  neuer  Fall  ist  nicht  gekommen,  oder  doch,  d.h.  für  diesen 
neuesten  habe  ich  einen  im  Mai  gekommenen  neuen  verloren, 
so  daß  ich  auf  demselben  Niveau  bin.  Das  neueste  aber  ist 
schön,  ein  13 jähriges  Mädchen,  bei  dem  ich  mit  Dampf  heilen 
soll  und  die  mir  auch  einmal  das  oberflächlich  zeigt,  was  ich 
sonst  unter  überlagernden  Schichten  freizulegen  bemüht  bin. 
Ich  brauche  Dir  nicht  zu  sagen,  daß  es  genau  das  Nämliche 
ist.  Wir  werden  von  dem  Kind  im  August  sprechen,  wenn  es 
mir  nicht  vorzeitig  entrissen  wird.  Denn  im  August  sehe  ich 
Dich  bestimmt,  falls  ich  nicht  um  1500  Kronen,  die  ich  am 
1.  Juli  erwarte,  enttäuscht  werde.  Vielmehr  ich  bin  im  stände, 
trotzdem  nach  Berlin  zu  kommen  und  .  .  .  mir  noch  in  den 
Bergen  oder  in  Italien  etwas  Kühlung  und  neue  Spannkraft 
für  1901  zu  holen.  Bei  der  schlechten  Laune  kommt  so  wenig 
etwas  heraus  wie  beim  Sparen. 

Von  Conrads  Unfall  hat  mich  die  Kunde  erreicht,  auch  vom 
glücklichen  Ablauf.  Nun  habe  ich  wieder  ein  Recht,  von  Dir 
und  den  Deinen  Neues  zu  hören. 

Sei  mir  mit  ihnen  herzlichst  gegrüßt! 


Dein 


Sigm. 


138 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  10.  7.  1900. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Es  erklärt  und  löst  sich  doch  leicht.  Da  Du  mir  bisher  keinen 
bestimmten  Anhalt  geben  konntest  und  ich  einen  solchen  festen 


346 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Punkt  hatte,  verschob  ich  unseren  Kongreß  auf  eine  spätere 
Ferienzeit.  Seitdem  Du  Deine  Pläne  eröffnet  hast,  kann  ich  nur 
antworten,  daß  es  mir  vortrefflich  so  paßt.  Ich  kann  am  31.  7. 
in  Innsbruck  sein,  dort  bis  zum  4.  8.  mit  Dir  bleiben,  am  4.  8. 
können  die  Frauen  nachkommen  und  ich  gehe  mit  Martha  nach 
Landeck,  von  wo  aus  wir  die  Wagenfahrt  nach  Trafoi  machen. 
Wenn  kein  Kind  krank  wird,  kein  Steg  einstürzt  usw.,  wird  es 
so  sein.  Ich  habe  ein  leichtes  Bedauern  zu  überwinden,  daß 
ich  die  Kinder  wieder  nicht  sehen  soll,  auch  daß  Du  mich  auf 
dem  Gipfel  der  Erschöpfung  und  üblen  Laune  sehen  sollst, 
aber  die  Zusammenkunft  bleibt  doch  die  Hauptsache  und  jeder 
Aufschub  bringt  Gefahren  mit  sich.  Deine  weiteren  Absichten 
hast  Du  mir  nicht  mitgeteilt,  ich  weiß  also  gar  nicht,  ob  es  anders 
in  diesen  Ferien  ginge.  Das  wäre  abgemacht  und  ich  freue 
mich  darauf,  nachdem  ich  lange  Zeit  nichts  gehabt,  worauf  ich 
mich  hätte  freuen  können. 

.  .  .  Ich  bin  von  der  Arbeit  und  allem,  was  daran  hängt,  damit 
keimt,  lockt  und  droht,  ganz  erschöpft.  Der  Sommer  war 
übrigens  nicht  sehr  schlecht.  Was  vor  einem  Jahr  ein  Problem 
schien,  sich  Sommerbeschäftigung  zu  verschaffen,  zeigt  sich 
jetzt  als  erledigt.  Es  ist  einerseits  nicht  notwendig,  andererseits 
reichten  meine  Kräfte  dazu  nicht  aus.  Von  den  großen  Pro¬ 
blemen  ist  noch  nichts  entschieden.  Alles  wogt  und  dämmert, 
eine  intellektuelle  Hölle,  eine  Schicht  hinter  der  anderen;  im 
dunkelsten  Kern  die  Umrisse  von  Lucifer-Amor  sichtbar. 

Das  Wohlgefallen  der  Menschen  am  Traumbuch  beginnt  mich 
kalt  zu  lassen  und  ich  beginne,  sein  Schicksal  zu  beklagen.  Der 
Stein  ist  durch  den  Tropfen  offenbar  nicht  weicher  geworden. 
Ich  habe  übrigens  von  keiner  weiteren  Besprechung  gehört, 
gelegentliche  Anerkennungen  im  Verkehr  fallen  beleidigender 
aus  als  die  sonstige  schweigsame  Verurteilung.  Ich  selbst  habe 
bis  jetzt  noch  keine  Korrektur  aufgefunden.  Es  ist  und  bleibt 
wohl  wahr.  Den  kleinen  Traumaufsatz  habe  ich  auf  Oktober 
verschoben. 

Das  Wiedersehen  am  31.  7.  oder  x,  8,  wenigstens  ist  ein  Licht- 


Brief  vom  io.  7.  1900 


347 


blick.  Halten  wir  daran  fest.  Die  Details  können  wir  noch 

besprechen.  Vielleicht  daß  sich  anstatt  Innsbruck  ein  anderer 
Ort  derselben  Strecke  einschieben  läßt.  Übrigens  auch  nicht 
wesentlich. 1 

Mit  herzlichen  Grüßen  für  Deine  liebe  Frau  und  Kinder 

Dein 

Sigm. 


x)  Dies  ist  der  letzte  Brief  vor  dem  Zusammentreffen,  bei  dem  die  bisher 
latente  Entfremdung  manifest  wurde. 

Aus  den  folgenden  Briefen  ergibt  sich  Freuds  Reaktion  auf  die  Begegnung. 
Fliess  hat  die  seine  in  späterer  Zeit  auf  seine  Weise  geschildert: 

„Mit  Freud  habe  ich  oft  Zusammenkünfte  zu  wissenschaftlicher  Aus¬ 
sprache  gehabt.  So  in  Berlin,  Wien,  Salzburg,  Dresden,  Nürnberg,  Breslau, 
Innsbruck.  Das  letzte  Mal  im  Sommer  1900  am  Achensee.  Damals  war 
Freud  von  einer  mir  zuerst  unerklärlichen  Heftigkeit  gegen  mich.  Weil  ich 
in  einer  Diskussion  über  Freuds  Beobachtungen  an  seinen  Kranken  den 
periodischen  Vorgängen  auch  für  die  Psyche  unbedingt  Geltung  zusprach; 
insbesondere  sie  auch  für  diejenigen  psychopathischen  Erscheinungen  als 
wirksam  hinstellte,  mit  deren  Analyse  zum  Zweck  der  Heilung  sich  Freud 
beschäftigte.  Weder  plötzliche  Verschlechterungen,  noch  plötzliche  Besserun¬ 
gen  seien  daher  ohne  weiteres  auf  die  Analyse  und  ihre  Einwirkungen  zu 
schieben.  Ich  belegte  meine  Meinung  mit  eigenen  Beobachtungen.  Im 
Gefolge  jener  Diskussion  glaubte  ich  bei  Freud  eine  persönliche  Animosität 
gegen  mich  wahrzunehmen,  die  aus  Neid  entsprang.  Hatte  doch  Freud 
früher  in  Wien  zu  mir  gesagt:  ,Es  ist  gut,  daß  wir  Freunde  sind.  Ich  würde 
vor  Neid  zerspringen,  wenn  ich  sonst  hörte,  daß  einer  in  Berlin  solche 
Sachen  findet.4  Die  Äußerung  habe  ich  in  meiner  Bestürzung  seinerzeit 
meiner  Gattin  mitgeteilt,  und  ferner  auch  der  uns  befreundeten  Frau 
Hofkapellmeister  Schalk  geb.  Hopfen,  z.  Z.  in  Wien,  die  das  gerne  bekundet. 

Wegen  der  Situation  am  Achensee  (Sommer  1900)  habe  ich  mich  still  von 
Freud  zurückgezogen  und  unseren  regelmäßigen  Briefwechsel  eingehen  las¬ 
sen.  Seit  jener  Zeit  hat  Freud  über  meine  wissenschaftlichen  Funde  nichts 
mehr  von  mir  gehört,  wohl  aber  hat  er  in  demselben  Jahre  1900,  wo  er  sich 
über  meine  Zurückziehung  beklagte,  Weiningers  Freund  Swoboda  kennen 
gelernt  und  ihn  wegen  einer  Psychoneurose  in  Behandlung  genommen.  Bei 
dieser  Behandlung  hat  Swoboda  die  Tatsache  der  dauernden  Bisexualität 
erfahren,  die  seit  meiner  Mitteilung  nach  Freuds  Angabe  in  seiner  psycho- 
neurotischen  Kur  zur  Sprache  kommt.“ 

(„In  Eigener  Sache4 4  von  Wilhelm  Fliess.  Gegen  Otto  Weininger  und  Hermann 
Swoboda.  Emil  Goldschmidt,  Berlin,  1906.) 


348 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


139 


Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 


Wien,  14.  10.  1900. 
IX.  Berggasse  19. 


a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Du  hast  jetzt  Weib  und  Kind  wieder  im  Hause  und  weißt 
wohl  auch,  daß  ich  sie  beide  noch  einen  Moment  lang  gesehen 
und  gesprochen  habe.  Robert  war  glänzend.  .  .  . 

Ich  hoffe  von  Dir  zu  hören  was  vorgeht.  Ich  selbst  schreibe 
den  Traum  ohne  rechten  Genuß  und  werde  Professor  auf  dem 
Wege  der  Zerstreutheit,  während  ich  Material  für  die  Alltags- 
psychologie  sammle.  Die  Zeit  war  belebt,  hat  auch  wieder  einen 
neuen  und  für  die  vorhandene  Sammlung  von  Dietrichen  glatt 
aufgehenden  Fall  eines  1 8jährigen  Mädchens  gebracht. 

Für  die  Alltagspsychologie  möchte  ich  mir  das  schöne  Motto 
„Nun  ist  die  Welt  von  diesem  Spuk  so  voll  etc.“  von  Dir  aus¬ 
bitten.1  —  Außerdem  lese  ich  griechische  Archäologie  und 
schwelge  in  Reisen,  die  ich  nie  machen,  in  Schätzen,  die  ich  nie 
besitzen  kann. 


Mit  herzlichstem  Gruß 


Dein 


Sigm. 


P.S.  —  Referat  über  Traum  in  der  Münchner  Allgemeinen 
Zeitung  vom  12.  Oktober. 


x)  Freud  hat  dieses  Motto  (Faust,  2,  Teil,  5.  Akt)  für  die  „Psychopathologie 
des  Alltagslebens“  verwendet, 


Brief  vom  25.  1.  01 


349 


140 


Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 


Wien,  25.  1.  01. 
IX.  Berggasse  19. 


a.  a.  Universität. 


Teurer  Wilhelm ! 

•  •  • 

„Traum  und  Hysterie“  ist  gestern  fertig  geworden,  heute 
fehlt  es  mir  bereits  an  einer  Betäubung.  Es  ist  ein  Bruchstück 
einer  Hysterieanalyse,  in  der  sich  die  Aufklärungen  um  zwei 
Träume  gruppieren,  also  eigentlich  eine  Fortsetzung  des  Traum¬ 
buches.1  Außerdem  sind  Auflösungen  hysterischer  Symptome 
und  Ausblicke  auf  das  sexuell-organische  Fundament  des  Ganzen. 
Es  ist  immerhin  das  Subtilste,  was  ich  bis  jetzt  geschrieben  und 
wird  noch  abschreckender  als  gewöhnlich  wirken.  Immerhin 
man  tut  seine  Pflicht  und  schreibt  ja  nicht  für  den  Tag.  Die 
Arbeit  ist  schon  von  Ziehen  akzeptiert,2  der  nicht  ahnt,  daß 
ich  bald  ihm  auch  die  Psychopathologie  des  Alltagslebens  an- 
hängen  werde.  Wie  lange  Wernicke  diese  Kuckuckseier  ver¬ 
tragen  will,  ist  seine  Sache.3 

Erschienen  unter  dem  Titel  „Bruchstück  einer  Hysterieanalyse“  in  der 
Monatsschrift  für  Psychiatric  und  Neurologie  1905,  Im  Vorwort  erwähnt 
Freud,  daß  die  Arbeit  „ursprünglich  den  Namen  , Traum  und  Hysterie*“, 
führte  und  daß  die  Verwertung  der  Träume  mit  Absicht  in  den  Mittelpunkt 
der  Darstellung  gerückt  wurde.  In  der  „Geschichte  der  psychoanalytischen 
Bewegung“  und  in  einem  Zusatz  zum  „Bruchstück“  von  1923  (G.W.  VI,  S.  171) 
teilt  Freud  mit,  daß  die  Behandlung  des  in  dieser  Arbeit  geschilderten  Falles 
am  31.  12.  1899  unterbrochen  wurde.  Freud  erwähnt  auch,  daß  die  Kranken¬ 
geschichte  „in  den  nächsten  zwei  Wochen“  niedergeschrieben  wurde.  Die 
vorliegende  Briefstelle  macht  es  wahrscheinlich,  daß  sich  Freud  geirrt  hat  und 
die  Behandlung  am  31.  Dez.  1900  zum  Abschluß  kam. 

-)  Im  Brief  vom  8.  März  aber  erfahren  wir,  daß  Freud  sich  nicht  entschließen 
kann,  das  Manuskript  abzusenden;  er  sendet  es  endlich  ab  (Brief  vom  6.  9.), 
um  es  dann  von  der  Redaktion  zurückzuerbitten. 

.a)  Freud  bezieht  sich  darauf,  daß  seine  letzten  Arbeiten  (seit  dem  Aufsatz 
„Über  Deckerinnerungen“)  in  der  von  Ziehen  und  Wernicke  herausgegebenen 
Monatsschrift  für  Psychiatrie  und  Neurologie  erschienen  sind,  obgleich  zumin¬ 
dest  Wernicke  seinem  Standpunkt  ablehnend  gegenüberstand.  Ziehens  Wider¬ 
spruch  hat  sich  erst  später  entwickelt. 


350 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Ich  grüße  Dich  herzlich  und  hoffe  bald  zu  hören,  daß  der 
Druck  von  Dir  gewichen  ist. 


Dein  getreuer 


Sigm. 


141 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  30.  1.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

♦  •  # 

„Traum  und  Hysterie“  soll  Dich  womöglich  nicht  enttäuschen. 
Die  Hauptsache  darin  ist  noch  immer  das  Psychologische,  die 
Verwertung  des  Traumes,  einige  Besonderheiten  der  unbewußten 
Gedanken.  Aufs  Organische  gibt  es  nur  Durchblicke  und  zwar 
auf  die  erogenen  Zonen  und  die  Bisexualität.  Aber  genannt 
und  anerkannt  ist  es  einmal  und  vorbereitet  für  eine  ausführliche 
Darstellung  ein  anderes  Mal.  Es  ist  eine  Hysterie  mit  Tussis 
nervosa  und  Aphonie,  die  sich  auf  den  Charakter  der  Lutscherin 
zurückführen  lassen,  und  in  den  sich  bekämpfenden  Gedanken¬ 
vorgängen  spielt  der  Gegensatz  zwischen  einer  Neigung  zum 
Manne  und  einer  zur  Frau  die  Hauptrolle. 

Alltagsleben  ruht  indes  halbfertig  und  soll  bald  fortgesetzt 
werden.  Ich  habe  selbst  etwas  Drittes,  Kleines  vor;  eben  sehr 
viel  freie  Zeit  und  Bedürfnis  mich  zu  beschäftigen.  Es  ist  heuer 
eine  Entlastung  um  3-4  Arbeitsstunden  täglich,  dem  entsprechend 
größeres  psychisches  Wohlbefinden,  aber  ein  gewisses  Un¬ 
behagen  im  Budget. 

«  *  • 

Meinst  Du  nicht,  daß  es  jetzt  der  richtige  Moment  wäre,  die 
paar  Nachträge  zu  dem  aktuellen  Thema,  die  Headschen  Zonen, 


Brief  vom  15,  2.  01 


35i 


die  Wirkung  bei  Herpes  Zoster  und  was  Du  sonst  hast,  auf  drei1 
Seiten  zusammenzustellen  und  der  Ölfentlichkeit  zu  übergeben? 
Der  Kontakt  mit  dem  Volk  wird  schließlich  doch  ein  xMittel 
sein,  den  großen  biologischen  Dingen,  die  Dir  wichtiger  sind, 
eine  gewisse  Beachtung  zu  sichern.  Die  Leute  gehen  doch  nur 
auf  die  Autorität,  die  man  sich  wiederum  nur  erwerben  kann, 
wenn  man  etwas  macht,  was  ihnen  zugänglich  ist. 

Mitten  in  der  gemütlichen  und  materiellen  Depression  dieser 
Zeit  quält  mich  die  Versuchung,  die  heurige  Osterwoche  in  Rom 
zu  verbringen.  Mit  gar  keinem  Recht,  es  ist  nichts  erreicht, 
und  es  wird  wahrscheinlich  auch  äußerlich  unmöglich  sein. 
Holfen  wir  auf  bessere  Zeiten.  Ich  wünsche  sehnlichst,  daß 
Du  mir  bald  von  solchen  berichten  magst. 

Herzlichst  Dein 

Sigm. 


142 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  15.  2.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Ich  gehe  so  wenig  Ostern  nach  Rom  wie  Du.  Deine  Bemerkung 
hat  mich  erst  über  den  Sinn  der  mir  sonst  selbst  unverständ¬ 
lichen  Einschaltung  in  meinem  letzten  Brief  aufgeklärt.  Es  war 
gewiß  eine  Mahnung  an  Dein  in  besseren  Zeiten  gegebenes 
Versprechen  dahinter;  einen  Kongreß  auf  klassischem  Boden 
mit  mir  abzuhalten.  Ich  wußte  sehr  wohl,  daß  diese  Mahnung 
gerade  jetzt  übel  angebracht  ist.  Ich  flüchtete  mich  nur  vor  der 

x)  Bezieht  sich  auf  Fliess’  Interessen.  Fliess  ist  Freuds  Anregung  gefolgt. 
Vgl.  Brief  vom  20.  9.  1901.,  Nr.  147. 


352 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Gegenwart  in  die  schönste  der  damaligen  Phantasien  und  merkte 
es  selbst,  in  welche.  Unterdes  sind  die  Kongresse  selbst  Über- 
lebsel  geworden;  ich  mache  selbst  nichts  Neues  und  bin,  wie 
Du  schreibst,  dem  völlig  entfremdet,  was  Du  machst. 

Ich  kann  mich  nur  noch  aus  der  Ferne  freuen,  wenn  Du  die 
Darstellung  der  großen  Lösungen  als  bevorstehend  ankündigst 
und  Dich  so  zufrieden  mit  dem  Fortgang  der  Arbeit  äußerst. 
Du  hast  dann  gewiß  Recht,  wenn  Du  Dir  die  weiteren  Mit¬ 
teilungen  über  die  nasalen  Beziehungen  für  diesen  weiteren 
Zusammenhang  aufsparst. 

In  einigen  Tagen  wird  auch  die  Alltagspsychologie  fertig  und 
dann  werden  beide  Aufsätze  korrigiert,  abgesendet  usw.1  Es 
ist  alles  in  einer  gewissen  Dumpfheit  geschrieben,  deren  Spuren 
sich  nicht  werden  verbergen  lassen.  Das  Dritte,  was  ich  begon¬ 
nen,  ist  etwas  ganz  Harmloses;  die  reine  Wasser kocherei  der 
armen  Leute.  Ich  sammle  die  Notizen  über  die  Neurotiker  in 
der  Ordination,  um  zu  zeigen,  was  eine  notwendig  flüchtige 
Beobachtung  von  den  Beziehungen  zwischen  Vita  sexualis  und 
Neurose  enthüllt  und  um  Bemerkungen  daran  zu  knüpfen. 
Also  etwa  dasselbe,  womit  sich  Gattl  seinerzeit  so  unbeliebt 
in  Wien  gemacht  hat.2  Da  ich  neue  Fälle  haben  will  und  die 
Ordination  sehr  spärlich  geht,  habe  ich  bis  jetzt  erst  6  Nummern 
und  nicht  von  der  besten  Art  beisammen.  Auch  die  Probe  auf 
die  Linkshändigkeit  habe  ich  eingeführt:  Dynamometer  und 
Einfädeln. 

♦  *  « 

Einen  letzten  Montag  in  der  Neuen  Freien  Presse  ange¬ 
kündigten  Vortrag  habe  ich  nicht  gehalten.  Es  war  .  .  .  Breuer, 
der  die  Philosophische  Gesellschaft,  die  zu  ihm  betteln  kam, 
auf  mich  hetzte.  Ich  sagte  sehr  ungern  zu,  merkte  später  bei 
der  Ausarbeitung,  daß  ich  allerlei  Intimes  und  Sexuelles  bringen 
müßte,  was  für  ein  gemischtes  und  mir  fremdes  Publikum  nicht 
tauge,  und  sagte  brieflich  ab  (i.  Woche).  Darauf  erschienen 

x)  „Zur  Psychopathologie  des  Alltaglebens,“  zuerst  erschienen  in  Monats¬ 
schrift  für  Neurologie  und  Psychiatrie.  Bd.  X.  (G.  W.  IV). 

a)  Siehe  Felix  Gattl  „Über  die  sexuellen  Ursachen  der  Neurasthenie  und 
Angstneurose,“  Berlin,  1898. 


Brief  vom  8.5.01 


353 


zwei  Abgesandte  bei  mir  und  suchten  mich  doch  zu  nötigen. 
Ich  riet  ihnen  dringend  ab  und  forderte  sie  auf,  sich  den  Vortrag 
eines  Abends  bei  mir  selbst  anzuhören  (2.  Woche).  In  der 
dritten  Woche  hielt  ich  ihnen  zweien  den  Vortrag  und  hörte 
er  sei  wunderschön,  ihr  Publikum  würde  ihn  anstandslos  ver¬ 
tragen  usw.  Der  Vortrag  wurde  also  für  die  4.  Woche  angesetzt. 
Einige  Stunden  vorher  erhielt  ich  aber  einen  pneumatischen 
Brief,  einige  Mitglieder  hätten  doch  Einwände  erhoben  und  sie 
ließen  mich  bitten,  meine  Theorie  zuerst  durch  unverfängliche 
Beispiele  zu  erläutern,  dann  anzukündigen,  jetzt  käme  das  Ver¬ 
fängliche  und  eine  Pause  zu  machen,  damit  die  Damen  den 
Saal  verlassen  könnten.  Ich  habe  natürlich  sofort  abgesagt  und 
der  Brief,  in  dem  ich  es  tat,  war  wenigstens  gewürzt  und  gesalzen. 
Dies  ist  wissenschaftliches  Leben  in  Wien! 


In  der  Hoffnung,  bald  Gutes  von  Dir  zu  hören, 

Dein  getreuer 


Sigm. 


143 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  8.  5.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Gewiß  darfst  Du  mir  die  Fortdauer  Deiner  kräftigen  Stimmung 
und  die  Wiederholung  so  erfrischender  Zwischenzeiten  auch  zu 
meinem  Geburtstag  wünschen,  und  ich  will  selbstlos  den  Wunsch 
unterstützen.  Dein  Brief  lag  neben  anderen  Gaben,  die  mich 
erfreut  haben  und  die  zum  Teil  auf  Dich  zurückweisen,  auf  dem 
Geburtstagstische,  obwohl  ich  gebeten  hatte,  von  der  elen¬ 
den  Mittelzahl,  die  zu  klein  für  einen  Jubilar  und  viel  zu 
groß  für  ein  Geburtstagskind  ist,  abzusehen.  Er  hat  mir  nicht 

BB 


354 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


die  kleinste  Freude  bereitet,  bis  auf  die  Stelle  vom  Zauber, 
die  ich  als  überflüssiges  Pflaster  für  Deine  Zweifel  am 
„Gedankenlesen“  beanstände.  Ich  bleibe  dem  Gedanken¬ 
lesen  treu  und  zweifle  weiterhin  am  „Zauber“. 

Sein  Bestes  leistet  der  Mensch  erst  in  der  Not,  klingt  mir 
von  irgendwoher  nach.  Ich  habe  mich  also,  wie  Du  wünschest 
und  schon  einige  Wochen  ehe  Du  es  wünschtest,  zurechtge¬ 
kriegt  und  mit  den  Verhältnissen  in  Eintracht  gebracht.  Ein 
Orchideenkorb  spiegelt  mir  Pracht  und  Sonnenglut  vor,  ein 
Stück  Mauer  aus  Pompeji  mit  Zentaur  und  Faun  versetzt  mich 
in  das  ersehnte  Italien.1 

Fiuctuat  nec  mergitur! 

.  .  .  Ich  korrigiere  eben  die  ersten  Seiten  des  „Alltagslebens“, 
das  60  Seiten  stark  ausgefallen  ist.  Es  m  i  fl  fällt  mir  großartig, 
hoffentlich  anderen  noch  viel  mehr.  Die  Arbeit  ist  ganz  formlos 
und  es  stehen  allerlei  verbotene  Dinge  drin.  Zur  Absendung 
der  zweiten  Arbeit  habe  ich  mich  noch  nicht  entschlossen.  Eine 
neue  Patientin,  entgleiste  Braut,  hat  die  Lücke  ausgefüllt,  die 
durch  die  Abreise  von  R.  entstanden  ist,  und  löst  sich  natürlich 
ganz  nach  Wunsch.  Auch  sonst  ist  es  nicht  mehr  so  stille  wie 
vor  einigen  Wochen.  .  .  . 

Der  Fortschritt  in  meinen  Arbeiten  ist  offenbar  nur  von  der 
viertausendfachen  Wiederholung  derselben  Eindrücke  zu  er¬ 
warten,  und  ich  bin  ganz  bereit,  mich  dem  Nämlichen  immer 
wieder  zu  unterziehen.  Bis  jetzt  erweist  sich  alles  richtig,  ich 
übersehe  aber  den  Reichtum  noch  nicht  und  kann  ihn  nicht 
mit  dem  Denken  bewältigen. 

„Beziehungen“  wird  einen  aufmerksamen  Leser  finden.  Du 
wirst  Neues  darin  doch  nicht  vermieden  haben.2 

Sei  recht  herzlich  gegrüßt  von 

Deinem 


Sigm. 


*)  Ein  kleines  gerahmtes  Fragment  eines  pompe janischen  Frescos,  das  sich  in 
Freuds  Sammlung  befindet. 

8)  Bezieht  sich  auf  Fliess’  Monographie  „Über  den  ursächlichen  Zusammen¬ 
hang  von  Nase  und  Geschlechtsorgan,  zugleich  ein  Beitrag  zur  Nerven- 
physiologie,“  Halle  1902,  eine  Arbeit,  deren  Titel  damals  noch  nicht  feststand. 


Brief  vom  4.  7.  01 


355 


144 


Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 


Wien,  4.  7.  01. 
IX.  Berggasse  19. 


a.  d.  Universität. 


Teurer  Wilhelm ! 


Du  fragst  soviel,  daß  es  ein  langer  Antwortbrief  werden  muß. 
Die  Ordination  werde  also  zur  Schreibstunde. 

Wohin  wir  gehen,  kann  ich  Dir  noch  immer  nicht  sicher  sagen. 
Nach  den  vielfältigsten  mißglückten  Plänen  sind  wir  auf  etwas 
Improvisiertes  gestoßen,  das  sich  wahrscheinlich  wird  durch¬ 
setzen  lassen.  In  den  zwei  Feiertagen  am  Ende  des  Junimonats 
war  ich  zu  Besuch  in  Reichenhall  bei  Mama  und  Minna1  und 
habe  mich  auf  einem  Wagenausflug  nach  dem  nahen  Thumsee 
so  für  das  Plätzchen  begeistert:  die  Alpenrosen  bis  zur  Straße 
herab,  das  kleine  grüne  Wasserbecken,  die  herrlichen  Wälder 
herum  mit  Erdbeeren,  Blumen  und  (hoffentlich  auch)  Pilzen, 
daß  ich  nachgefragt  habe,  ob  man  in  dem  einzigen  Wirtshaus 
dort  auch  wohnen  kann.  Dort  wird  nun  heuer  zum  ersten  Mal 
vermietet,  da  der  Besitzer,  ein  Arzt  und  Eigentümer  von  Bad 
Kirchberg,  der  es  sonst  selbst  bewohnt,  gestorben  ist.  Und 
nun  schweben  die  von  Reichenhall  geführten  Unterhandlungen, 
die  wahrscheinlich  zum  Abschluß  fuhren  werden.  .  .  . 

Der  Vater  einer  Patientin  schickt  mir  eifrig  Zeitungsaus¬ 
schnitte  und  Artikel,  in  denen  er  mich  oder  das  Traumbuch 
erwähnt  findet,  so  einen  Aufsatz  „Traum  und  Märchen4  £  aus 
dem  „Lotse44,  den  mir  dann  der  Verfasser,  ein  Münchener 
Dozent  auch  geschickt  hat.2  Er  steht  jetzt  mit  mir  im  Brief¬ 
wechsel  wegen  dessen,  was  man  im  Dienste  der  „Propaganda44 
von  der  Kur  mitteilen  kann.  Ob  da  nun  viel,  wenig  oder  gar 

x)  Freuds  Schwiegermutter  und  Schwägerin. 

2)  Der  Verfasser  ist  Friedrich  v.  d.  Leyen,  der  mit  Freud  eine  Zeitlang  im 
Briefwechsel  stand  und  in  einem  Brief  vom  17.  Mai  1902  (Warburg  Institute, 
London  University)  Roscher,  den  Verfasser  des  berühmten  mythologischen 
Lexikons  auf  Freuds  Forschungen  hinweist.  Leyen  hat  die  späteren  Arbeiten 
Freuds  mit  zurückhaltender  Skepsis  verfolgt. 


356 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


nichts  daraus  wird,  es  geht  jedenfalls  auf  den  Moment  zurück, 
da  Du  dem  Manne  meinen  Namen  genannt  hast. 

•  •  • 

Meinen  anderen  Kunden  geht  es  heuer  höchst  befriedigend; 
es  waren  allerdings  weniger  als  im  Vorjahr.  Dank  der  geringen 
Plage  bin  ich  zur  gleichen  Zeit  unvergleichlich  wohler,  aber 
doch  schon  etwas  gehirnmüde.  Es  fällt  mir  gar  nichts  mehr 
ein;  ich  weiß  auch  nicht  recht,  womit  die  freien  Stunden  aus¬ 
zufüllen. 

Der  Münchener  Dr.  van  der  Leyen  hat  mich  auf  ein  Buch 
von  L.  Laistner  1889  „Das  Rätsel  der  Sphinx“  aufmerksam 
gemacht,  welches  die  Rückführung  der  Mythen  auf  Träume 
sehr  energisch  vertritt.1  Ich  habe  darin  zunächst  eine  reizende 
Vorrede  gelesen,  vom  Weiteren  hält  mich  die  Faulheit  ab;  ich 
merke,  er  weiß  nichts  von  dem  hinter  dem  Traum,  dagegen 
scheint  er  den  Angst  träum  trefflich  im  Auge  zu  behalten. 

#  •  • 

Das  Alltagsleben  wird  das  Licht  der  Öffentlichkeit  in  diesen 
Tagen  erblicken,  doch  wahrscheinlich  erst  halb  geboren,  so  daß 
ich  Dir  den  Sonderabdruck  erst  im  August  schicken  kann.  Es 
ist  zu  stark  für  ein  einziges  Heft  der  Monatsschrift. 

Martin  dichtet  jetzt  wenig,  er  zeichnet  und  malt,  meist  Tier¬ 
phantasien  von  gutem  Humor,  fängt  an  Bewegungen  zu  charak¬ 
terisieren  u.  dgl.  Wichtiger  ist  vielleicht,  daß  er  mit  einem  relativ 
guten  Zeugnis  in  die  zweite  Klasse  aufgestiegen  ist.  Olis  Auf¬ 
nahmsprüfung  ist  es,  die  uns  bis  zum  15.  dieses  Monats  hier 
festhält.  So  lange  halten  auch  alle  meine  großen  Kinder  aus. 

•  •  • 

Hast  Du  gelesen,  daß  die  Engländer  auf  Kreta  (Knossos) 
einen  alten  Palast  ausgegraben  haben,  den  sie  für  das  richtige 
Labyrinth  des  Minos  erklären?2  Es  scheint,  daß  Zeus  ursprüng¬ 
lich  ein  Stier  war.  Auch  unser  alter  Gott  soll  zuerst,  vor  der 

x)  S.  Ludwig  Laistner,  „Das  Rätsel  der  Sphinx,  Grundzüge  der  Mythen¬ 
forschung“,  2  Bde.,  1889. 

2)  Hinweis  auf  die  ersten  Berichte  von  Evans*  Ausgrabungen  der  Kretisch- 
Minoischen  Denkmäler,  an  denen  Freud  auch  später  mit  lebhaftem  Interesse 
teilnahm. 


Brief  vom  7.  8.  01 


357 


durch  die  Perser  angeregten  Sublimierung,  als  Stier  verehrt 
worden  sein.  Es  gibt  da  allerlei  zu  denken,  worüber  noch  nicht 
zu  schreiben  ist. 


In  Treue 


Dein 


Sigm. 


145 


Teurer  Wilhelm ! 


Thumsee,  7.  8.  01. 


Zum  ersten  Male  seit  drei  Wochen  ist  das  Wetter  heute  un¬ 
leidlich  und  schließt  jede  andere  Beschäftigung  aus;  morgen 
sollen  wir  nach  Salzburg  zur  Don  Juanvor Stellung  .  .  . ;  so  kommt 
es,  daß  ich  Dir  heute  gleich  antworte  oder  wenigstens  zu  ant¬ 
worten  beginne. 

Zuerst  vom  Geschäft,  dann  vom  Ernst  und  am  Ende  das 
Vergnügen. 

Frau  D.  wäre  ein  sehr  schöner  Ersatz  für  G.,  nach  Deinen 
früheren  Mitteilungen  gewiß  für  diese  Kur  die  richtige  Person 
und  ein  vollerer  Erfolg  als  im  Durchschnitt  darum  vorherzu¬ 
sehen.  Allein  ich  gehe  nicht  vor  dem  16.  September  wieder  ins 
Geschirr,  keiner  Patientin  zu  Liebe,  bekannten  oder  unbekannten, 
und  bis  dahin  kann  sie  den  Paroxysmus  wieder  hinter  sich  haben. 
Ich  rechne  mit  niemandem,  der  nicht  schon  in  meiner  Faust 
sitzt.  Meine  Leute  sind  Kranke,  also  ganz  besonders  irrationell 
und  bestimmbar.  Die  nächste  Saison  wird  mich  übrigens 
besonders  interessieren.  Ich  habe  nur  einen  Kranken,  einen 
Jüngling  mit  Zwangsneurose,  sozusagen  sicher,  und  meine  gute 
alte  Frau,  die  mir  eine  kleine  Rente  war,  ist  in  den  Ferien  ge¬ 
storben. 


•  •  • 

Es  ist  gar  nicht  zu  verhehlen,  daß  wir  beide  ein  Stück  weit 
auseinander  geraten  sind.  An  dem  und  jenem  merke  ich  die 


35* 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Distanz.  .  .  .  Du  bist  hier  an  die  Grenze  Deiner  Scharfsichtig¬ 
keit  gekommen,  nimmst  Partei  gegen  mich  und  sagst  mir,  was 
alle  meine  Bemühungen  entwertet:  „Der  Gedankenleser  liest 
bei  den  Anderen  nur  seine  eigenen  Gedanken.“ 

Wenn  ich  so  einer  bin,  so  wirf  mein  Alltagsleben  nur  ungelesen 
in  den  Papier  korb.  Es  ist  voll  von  Beziehungen  auf  Dich, 
manifesten,  zu  denen  Du  das  Material  geliefert,  und  versteckten, 
bei  denen  das  Motiv  auf  Dich  zurückgeht.  Das  Motto  ist  auch 
von  Dir  geschenkt.  Von  allem  Bleibenden  des  Inhaltes  abge¬ 
sehen,  kann  es  Dir  Zeugnis  für  die  Rolle  ablegen,  die  Du  bei 
mir  bis  jetzt  gespielt  hast.  Nach  solcher  Ankündigung  darf  ich 
Dir  dann  wohl  die  Arbeit  wortlos  schicken,  wenn  sie  in  meine 
Hände  gelangt. 

•  •  • 

Ich  versprach,  Dir  noch  vom  „Vergnügen“  zu  schreiben. 
Thumsee  ist  wirklich  ein  kleines  Paradies,  besonders  für  die 
Kinder,  die  hier  wüd  gefüttert  werden,  sich  mit  einander  und 
mit  den  Gästen  um  die  Boote  raufen,  auf  denen  sie  dann  unserem 
besorgten  Elternblick  entschwinden.  Mich  hat  der  Umgang  mit 
den  Fischen  bereits  gehörig  verdummt,  doch  habe  ich  noch 
nicht  die  freie  Seele,  die  ich  mir  sonst  in  den  Ferien  hole,  und 
mir  ahnt,  8-12  Tage  Öl  und  Wein  werden  nicht  zu  entbehren 
sein.  Mein  Bruder  wird  vielleicht  Reisegefährte.  .  .  . 

Nun  die  Hauptsache !  Soviel  ich  erkenne,  wird  meine  nächste 
Arbeit  lauten  „Die  menschliche  Bisexualität“,  wird  das  Problem 
an  der  Wurzel  fassen  und  das  letzte  Wort  sagen,  das  mir  zu  sagen 
vergönnt  sein  dürfte.  Das  letzte  und  tiefste.  Ich  habe  dafür 
vorläufig  nur  eines,  die  Haupterkenntnis,  die  sich  seit  längerer 
Zeit  auf  der  Idee  aufgebaut  hat,  daß  die  Verdrängung,  mein 
Kernproblem,  nur  durch  Reaktion  zwischen  zwei  sexuellen 
Strömungen  möglich  ist.  Ich  werde  etwa  ein  halbes  Jahr 
brauchen,  das  Material  zusammenzustellen  und  hoffe  zu  finden, 
daß  die  Arbeit  jetzt  schon  ausführbar  ist.  Dann  aber  muß  ich 
eine  lange  ernsthafte  Unterhaltung  mit  Dir  haben.  Die  Idee 
selbst  ist  Deine.  Du  erinnerst  Dich,  ich  habe  Dir  vor  Jahren 
gesagt,  die  Lösung  liegt  in  der  Sexualität,  als  Du  noch  Nasenarzt 


Brief  vom  19.  9.  01 


359 


und  Chirurg  warst,  und  Du  hast  Jahre  später  korrigiert:  in  der 
Bisexualität,  und  ich  sehe,  Du  hast  Recht.  Vielleicht  muß  ich 
also  noch  mehr  von  Dir  entlehnen,  vielleicht  nötigt  mich  mein 
Ehrlichkeitsgefühl  Dich  zu  bitten,  die  Arbeit  mit  mir  zu  zeichnen, 
wobei  der  bei  mir  kärgliche  anatomisch-biologische  Teil  eine 
Ausbreitung  für  sich  gewinnen  würde.  Den  psychischen  Aspekt 
der  Bisexualität  und  die  Erklärung  der  Neurotik  würde  ich  zum 
Ziel  nehmen.  Das  ist  also  das  nächste  Zukunftsprojekt,  das  uns 
hoffentlich  wieder  recht  ordentlich  auch  in  wissenschaftlichen 
Dingen  einigen  wird. 

Ich  grüße  Dich  und  die  Deinen  herzlichst.  Laß  etwas  von 
Dir  hören. 


Dein 


Sigm. 


146 

19.  9.  01. 

Teurer  Wilhelm ! 

Einige  Stunden  vor  der  Abreise  habe  ich  noch  Deine  Karte 
erhalten.  Nun  sollte  ich  Dir  über  Rom  schreiben,  es  ist  schwer. 
Es  war  auch  für  mich  überwältigend  und  die  Erfüllung  eines, 
wie  Du  weißt,  lange  gehegten  Wunsches.  Wie  solche  Erfüllungen 
sind,  etwas  verkümmert,  wenn  man  zu  lange  auf  sie  gewartet 
hat,  aber  doch:  ein  Höhepunkt  des  Lebens.  Während  ich  aber 
ganz  ungestört  bei  der  Antike  war  (das  Stückchen  Minervatempel 
neben  dem  Nervaforum  hätte  ich  in  seiner  Erniedrigung  und 
Verstümmelung  anbeten  können),  ist  mir  ein  freier  Genuß  des 
zweiten  Rom1  nicht  möglich  geworden,  die  Tendenz  hat  mich 
gestört,  unfähig  mein  Elend  und  alles  andere,  von  dem  ich  weiß, 
in  Gedanken  los  zu  werden,  habe  ich  die  Lüge  von  der  Erlösung 
der  Menschheit,  die  so  himmelragend  ihr  Haupt  erhebt,  nicht 
gut  vertragen. 


*)  D.  h.,  des  mittelalterlichen  und  nachmittelalterlichen  Rom. 


360 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Das  dritte,  italienische  Rom  finde  ich  hoffnungsvoll  und 
sympathisch. 

Ich  war  übrigens  bescheiden  im  Genuß,  habe  in  den  zwölf 
Tagen  nicht  alles  sehen  wollen.  Ich  habe  nicht  nur  Trevi  be¬ 
stochen,1  wie  alle  tun,  sondern  auch,  was  ich  mir  selbst  erfunden, 
die  Hand  in  die  Bocca  della  Veritä  bei  S.  Maria  Cosmedin 
gesteckt  mit  dem  Schwur,  daß  ich  wieder  komme.  Das  Wetter 
war  heiß,  aber  gut  zu  ertragen,  bis  eines  Tages,  zum  Glück  erst 
am  9ten  ein  Scirocco  losbrach,  der  mich  einfach  knickte  und 
von  dem  ich  mich  nicht  mehr  erholt  habe.  Nach  meiner 
Ankunft  ist  eine  Magen-Darmverderbnis  aufgetreten,  die  ich 
auf  den  Reisetag  zurückführe,  und  unter  der  ich  jetzt,  ohne 
zu  murren,  leide.  Mein  Volk  war  eine  Nacht  früher  als  ich 
heimgekehrt,  meine  Beschäftigmig  ist  noch  minimal. 

Dein  letzter  Brief  war  doch  eigentlich  woltuend.  Ich  kann 
mir  jetzt  Dein  Briefverhalten  im  abgelaufenen  Jahr  erklären. 
Das  erste  Mal  übrigens,  daß  Du  mir  etwas  anderes  als  die  Wahr¬ 
heit  gesagt  hattest. 

Was  Du  über  mein  Verhalten  gegen  Deine  große  Arbeit 
schreibst,  erkenne  ich  bei  mir  als  ungerecht.  Ich  weiß,  wie  oft 
ich  mit  Stolz  und  mit  Zittern  an  sie  gedacht  habe,  und  wie  die 
Unfähigkeit,  dem  oder  jenem  Schluß  mich  anzuschließen,  mich 
verstört  hat.  Du  weißt,  daß  ich  von  quantitativer  Begabung 
keine  Spur  und  für  Zahlen  und  Maße  kein  Gedächtnis  habe; 
vielleicht  hat  es  Dir  darum  den  Eindruck  gemacht,  daß  ich 
nichts  von  dem  halte,  was  Du  mir  mitgeteilt.  Alles,  was  sich 
aus  den  Zahlen  von  Gesichtspunkten  und  Qualitäten  heraus¬ 
lesen  ließ,  ist,  glaube  ich,  bei  mir  nicht  untergegangen.  Viel¬ 
leicht  hast  Du  zu  rasch  auf  meine  Mitwisserschaft  verzichtet. 
Ein  Freund,  der  das  Recht  hat  auch  Widerspruch  zu  versuchen, 
der  bei  seiner  Unkenntnis  kaum  je  gefährlich  werden  kann,  ist 
nicht  wertlos  für  einen,  der  so  dunkle  Pfade  geht  und  mit  sehr 
wenigen  Personen  verkehrt,  die  alle  ihn  unbedingt  und  kritiklos 
verehren. 

x)  Nach  einer  Tradition  wird  der  Reisende,  der  ein  Geldstück  in  die  Fontana 
del  Trevi  wirft,  nach  Rom  zurückkehren. 


Brief  vom  19.  9.  01 


361 


Einzig  kränkend  war  ein  anderes  Mißverständnis  in  Deinem 
Brief,  daß  sich  mein  Ausruf,1  „Du  untergräbst  ja  den  Wert 
meiner  Funde“,  auf  meine  Therapie  beziehe.  ...  Es  hat  mir 
leid  getan,  den  „einzigen  Publikum“,  wie  unser  Nestroy  sagt, 
zu  verlieren.  Für  wen  schreibe  ich  denn  noch?  Wenn  Du  also 
in  dem  Moment,  da  eine  Deutung  von  mir  Dir  Unbehagen 
macht,  bereit  bist  zuzustimmen,  daß  der  „Gedankenleser“  nichts 
am  anderen  errät,  sondern  nur  seine  eigenen  Gedanken  projiziert, 
bist  Du  wirklich  mein  Publikum  auch  nicht  mehr,  mußt  Du 
die  ganze  Arbeitsweise  für  ebenso  wertlos  halten  wie  die  anderen. 

Deine  Antwort  auf  das  Thema  der  Bisexualität  habe  ich  nicht 
verstanden.  Es  ist  offenbar  sehr  schwer,  einander  zu  verstehen. 
Gewiß  wollte  ich  nichts  anderes,  als  meine  Zugabe  zu  der  Theorie 
der  Bisexualität  bearbeiten,  den  Satz  ausführen,  daß  die  Ver¬ 
drängung  und  die  Neurosen,  die  Selbständigkeit  des  Unbe¬ 
wußten  also,  die  Bisexualität  zur  Voraussetzung  hat. 

Daß  ich  nicht  daran  denke,  meinen  Anteil  an  dieser  Erkenntnis 
zu  vergrößern,  wird  Dir  seither  die  betreffende  Stelle  von  der 
Priorität  im  „Alltagsleben“  gezeigt  haben.2  Irgendeine  An¬ 
knüpfung  an  das  allgemein  Biologische  und  Anatomische  der 
Bisexualität  wäre  da  aber  doch  nicht  zu  entbehren,  und  da  fast 
alles,  was  ich  dazu  weiß,  von  Dir  herrührt,  so  bleibt  nichts  anderes 
übrig,  als  mich  auf  Dich  zu  berufen  oder  diese  Einleitung  ganz 
von  Dir  zu  beziehen.  Ich  bin  aber  gar  nicht  publikationslustig 
jetzt.  Unterdes  sprechen  wir  wohl  einmal  darüber. 

Einfach  sagen:  Das  Bewußtsein  ist  das  herrschende,  das 
Unbewußte  das  unterliegende  sexuelle  Moment,  kann  man 
nicht  ohne  gröbste  Vereinfachung  der  sehr  viel  komplizierteren 
Natur,  obwohl  es  natürlich  die  Grundtatsache  ist.  —  Ich  schreibe 
an  einem  mehr  psychologischen  Aufsatz:  „Vergessen  und  Ver¬ 
drängen“,  den  ich  aber  auch  lange  bei  mir  behalten  werde.3 

Die  Zeit  für  Deinen  Beziehungsvortrag  ist  ja  auch  schon 
überschritten,  ich  erwarte  ihn  mit  Spannung;  hat  er  sich  ver¬ 
zögert  ? 

B  Bei  dem  letzten  Zusammentreffen  am  Achensee.  S.  Brief  Nr,  138. 

2)  G.W .  IV,  S.  159  f.  S.  Einleitung  S.  36. 

3)  Nicht  veröffentlicht. 


362 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Ich  grüße  Dich  herzlich  und  bin  in  Erwartung  guter  Nach¬ 
richten  von  Dir  und  den  Deinigen. 


Dein 


Sigm. 


147 


Dr.  Sigm.  Freud, 

IX.  Berggasse  19. 

Teurer  Wilhelm ! 


20.  9.  01. 
ord.  3-5  h., 


Tableau!  Kreuzung!  Gerade  gestern  habe  ich  mich  nach 
ihm  erkundigt.  Da  ist  er  also.  Ich  habe  ihn  zum  ersten  Mai 
durchgelesen  und  sage  gerne :  so  ein  Stück  von  Klarheit,  Knapp¬ 
heit  und  Inhaltsfülle  hast  Du  noch  nicht  von  Dir  gegeben.  Und 
welch  ein  Segen,  daß  an  der  Wahrheit  kein  Zweifel  ist!  Dank 
Dir  auch  für  das  Plätzchen,  das  Du  mir  bereitet  hast.1  Mit 
dem  Herpes  habe  ich  mich  auch  sehr  gefreut.  Und  überall 
verspürt  man,  daß  Du  noch  mehr  dahinter  hast,  Deinen  Reich¬ 
tum  aber  bei  Seite  zu  schieben  und  Dich  zur  Beschränkung  zu 
meistern  weißt.  Ich  glaube,  das  sind  die  Kennzeichen  des 
klassischen  Stils. 

Der  Titel  fällt  sonderbar  ab  „Ursächlicher“  Zusammenhang 
von  Nase  und  Geschlechtsorgan?  Abkürzung  von  „Verände¬ 
rungen  in  Nase  und  Geschlechtsorgan“.  Aber  es  ist  so  gleich- 
giltig,  ich  will  kein  Pedant  sein. 

Sei  herzlichst  bedankt 

Dein 


Sigm. 


x)  Der  Brief  bezieht  sich  auf  die  neueste  Fliess’sche  Arbeit  (S.  Bern.  z.  Brief 
Nr.  143).  Die  Stelle,  in  der  Fliess  auf  Freud  verweist,  lautet:  „Die  typische 
Ursache  der  Neurasthenie  junger  Leute  beiderlei  Geschlechts  ist  die  Onanie 
(Freud),  die  bei  Älteren  sehr  häufig  durch  den  Onanismus  conjugalis  ersetzt 
wird“. 

Der  Abschnitt  über  Herpes  Zoster  S.  19  knüpft  an  die  Arbeit  von  Head  and 
Campbell  („The  Pathology  of  Herpes  Zoster  and  its  Bearing  on  Sensory 
Localisation“,  Brain,  XCI,  3,  S.  353  ff.,  1900)  an.  (S.  Brief  vom  30.  1.  1901 
Nr.  141.) 


Brief  vom  7. 10. 01 


363 


I48 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  7.  10.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Vor  drei  Wochen  kam,  von  Dir  geschickt,  Frau  D.  bei  mir 
an,  es  gehört  sich  also  längst,  daß  ich  über  sie  berichte. 

Sie  ist  natürlich  ganz  die  Person,  die  ich  brauche ;  ein  schwerer 
konstitutioneller  Fall,  bei  dem  alle  Schlüssel  passen,  alle  Saiten 
nachhallen.  Schmerzloses  Arbeiten  ist  bei  ihr  kaum  möglich, 
dazu  hat  sie  Schmerzen  und  Schmerzen  bereiten  zu  gerne; 
aber  Erfolg  müßte  sicher  und  dauernd  sein. 

Leider  stehen  andere  Dinge  im  Wege.  Der  Mann  ...  ist  noch 
immer  nicht  einverstanden;  er  hat  sie  nur  für  drei  Monate  frei 
gegeben,  was  ich  natürlich  zurückgewiesen,  aber  auch  diese 
Konzession  is  keine,  denn  er  wollte  sie  am  nämlichen  Abend 
noch  einpacken,  und  sie  erwartet  täglich,  daß  er  kommen  wird, 
sie  zu  holen.  Dann  wird  sie  aber  mit  ihm  gehen.  Sie  hält  es 
auch  bereits  nicht  mehr  ohne  ihn  aus. 

Wenn  es  so  mit  der  Zeitbereitschaft  geht,  scheint  es  mit  der 
Geldbereitschaft  nicht  viel  sicherer  zu  sein.  Liegt  alles  nun 
wirklich  so  ungünstig  oder  gelingt  es  ihr  bereits,  mich  so  zu 
verwirren;  kurz,  es  ist  gar  nicht  unmöglich,  daß  ich  nächstens 
erkläre,  auf  so  unsicherem  Fundament  beginnt  man  besser 
nicht  zu  bauen.  Daß  sie  in  drei  Monaten  etwas  Wertvolles 
erreicht,  ist  bei  all  ihrer  Intelligenz  sehr  unwahrscheinlich.  Der 
Mann  aber  ist  mir  mit  so  deutlichem  eifersüchtigem  Mißtrauen 
entgegengekommen,  daß  ich  nicht  hoffen  kann,  ihm  in  einer 
Auseinandersetzung  einen  Eindruck  zu  machen. 

Vielleicht  leimt  sich  noch  alles.  Ich  wollte  Dich  nur  auf  die 
Möglichkeit  vorbereiten,  daß  Du  sie  eher  wiedersiehst  als  Du 
erwartest  und  meine  Rechtfertigung,  wenn  ich  Deiner  großen 
Bemühung  so  entsprechen  muß,  Vorarbeiten. 


364 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


In  Folge  der  Seltenheit  unseres  Verkehrs  habe  ich  Dir  noch 
nicht  danken  können. 

Mit  herzlichen  Gruß 

Dein 


Sigm. 


149 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  2.  11.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Du  hast  wohl  ein  Recht,  von  Zeit  zu  Zeit  zu  erfahren,  wie  es 
mit  Deiner  Patientin  steht,  und  ich  schreibe  umso  lieber  über 
sie,  als  mir  für  anderes  die  Stimmung  völlig  abgeht. 

Du  hast  mir  da  einen  Fall  ausgesucht,  der  für  diese  Therapie 
geradezu  geschaffen  ist.  Ich  kann  sagen,  es  geht  bis  jetzt  her¬ 
vorragend  gut,  vielleicht  auch,  weil  es  mir  leicht  wird,  mich  für 
diese  Natur  zu  interessieren.  Näheres  erzähle  ich  Dir  wohl 
einmal  mündlich,  nachdem  ich  die  Diskretion  ungestraft  verletzen 
kann.  Es  stimmt  aber  wieder  einmal  alles,  wenigstens  mit 
meiner  neueren  Auffassung,  und  das  Instrument  gehorcht  willig 
den  meisternden  Fingern.  Nicht  daß  sie  nicht  Versuche  genug 
machte,  mir  das  Leben  zu  erschweren;  solche  waren  schon  und 
werden  auch  noch  kommen.  Der  verstimmte  Brief,  auf  den 
Du  mit  richtigen  Auskünften  geantwortet,  war  die  Folge  einer 
Betörung,  in  die  sie  mich  gestürzt,  indem  sie  Berge  von 
Schwierigkeiten  vor  mir  aufgetürmt.  Ein  zweites  Mal  sitze  ich 
ihr  gewiß  weniger  leicht  auf,  habe  wenigstens  den  Vorsatz.  Sie 
ist  jedenfalls  eine  interessante  und  wertvolle  Person. 

Ich  freue  mich.  Dir  dieses  berichten  zu  können  und  grüße 
Dich  herzlich. 


Dein 


Sigm. 


Brief  vom  7.  12.  01 


365 


150 

Dr.  Sigm.  Freud,  Wien,  7.  12.  01. 

Dozent  für  Nervenkrankheiten  IX.  Berggasse  19. 

a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Frau  D.  hat  eben  Abschied  genommen.  Meine  Besorgnisse, 
die  ich  Dir  nach  zwei  Wochen  äußerte,  waren  nicht  ganz  un¬ 
gerechtfertigt.  Der  Mann  hat,  wie  Du  weißt,  die  Behandlung 
durch  gewalttätigen  Eingriff  gestört,  den  er  mit  Rücksichten 
auf  Geld  und  Zeit  motivierte,  wiewohl  diese  —  ganz  im  Einklang 
mit  Deinen  Aufklärungen  —  nur  vorgeschoben  sein  dürften, 
um  Eifersucht  zu  maskieren.  Zuletzt  kam  noch  ein  Brief,  der 
es  unmöglich  machte,  die  zugestandene  Verlängerung  bis  zum 
19.  dieses  Monats  auszunützen.  Der  Mann  hat  sich  im  Ganzen 
so  beleidigend  gegen  mich  benommen,  daß  viel  Überwindung 
dazu  gehört  hat,  es  so  lange  mitzumachen. 

Die  Kur  war  so  kurz  —  10  Wochen  — ,  daß  von  einem  Dauer¬ 
erfolg  keine  Rede  sein  kann.  Die  Gestaltung  der  nächsten  Zeit 
für  die  Kranke  kann  ich  auch  nicht  Vorhersagen.  Andererseits 
ist  die  Sache  so  glänzend  gegangen,  daß  die  Arbeit  unmöglich 
fruchtlos  bleiben  kann.  Nach  Ablauf  des  jetzt  entfesselten 
Sturmes  wird  sich  der  erzielte  Effekt  wohl  feststellen  lassen. 

Es  war  jedenfalls  die  bestgeeignete  und  interessanteste  Person, 
die  ich  Deiner  Empfehlung  verdankt  habe.  Daß  es  nicht  besser 
ausgegangen  ist,  dafür  können  wir  wohl  beide  gleich  wenig. 
Die  Übertragung  des  Zutrauens  von  Dir  auf  mich  ist  dem  Herrn 
Professor  D.  eben  nicht  gelungen.  Ich  passiere  eben  durch  eine 
schwierige  Region  des  Zufalls,  da  ereignen  sich  für  mich  vor¬ 
wiegend  unangenehme  Dinge.  Ich  übe  mich  fortdauernd  im 
Ertragen. 

Nochmals  also  herzlichen  Dank. 

Dein 

Sigm, 


3*66 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse  

151 

Dr.  Sigm.  Freud,  8.  3.  02. 

IX.  Berggasse  19.  ord.  3-5  h. 

Teurer  Wilhelm ! 

Es  freut  mich.  Dir  mitteilen  zu  können,  daß  nun  endlich  der 
lange  vorenthaltene  und  zuletzt  recht  wünschenswert  gewordene 
Professor  eingetroffen  ist.  In  nächster  Woche  tut  es  die  Wiener 
Zeitung  dem  Publikum  kund,  von  dem  ich  erwarte,  daß  es  solche 
amtliche  Stempelung  honorieren  wird.  Es  ist  ziemlich  lange 
her,  daß  Du  keine  Nachricht,  an  die  man  angenehme  Er¬ 
wartungen  knüpfen  konnte,  von  mir  erhalten  hast. 

Ich  grüße  Dich  herzlich 

Dein 

Sigm. 


1$2 

Wien,  11.  3.  02. 
IX.  Berggasse  19. 

Dr.  Sigm.  Freud, 

Dozent  für  Nervenkrankheiten 
a.  d.  Universität. 

Teurer  Wilhelm ! 

Was  so  eine  Exzellenz  alles  zu  Stande  bringt!  Sogar,  daß 
ich  wieder  einmal  Deine  traute  Stimme  in  einem  Brief  vernehme. 
Da  Du  aber  so  schöne  Dinge  an  die  Nachricht  knüpfest,  von 
Anerkennung,  Meisterschaft  etc.  fühle  ich  mich  im  gewohnten 
schädlichen  Aufrichtigkeitsdrang  verpflichtet,  Dir  zu  schreiben, 
wie  es  denn  endlich  doch  gegangen  ist. 

Mein  Verdienst  nämlich.  Als  ich  von  Rom  zurück  kam,  war 
die  Lust  am  Leben  und  Wirken  etwas  gesteigert,  die  am  Mar¬ 
tyrium  etwas  verringert  bei  mir.  Meine  Praxis  fand  ich  recht 


Brief  vorn  n.  3.  02 


367 


eingeschmolzen,  meine  letzte  Publikation  zog  ich  vom  Druck 
zurück,  da  ich  kurz  vorher  an  Dir  meinen  letzten  Publikum 
verloren  hatte.*  Ich  konnte  mir  denken,  daß  das  Warten  auf 
Anerkennung  noch  ein  ziemliches  Stück  meiner  Lebenszeit  in 
Anspruch  nehmen  würde  und  daß  sich  unterdes  kein  Neben-* 
mensch  um  mich  bekümmern  würde.  Und  ich  wollte  doch 
Rom  Wiedersehen,  meine  Kranken  pflegen  und  meine  Kinder 
bei  guter  Stimmung  erhalten.  So  beschloß  ich  denn,  mit  der 
strengen  Tugend  zu  brechen  und  zweckmäßige  Schritte  zu  tun, 
wie  andere  Menschenkinder  auch.  Von  etwas  muß  man  sein 
Heil  erwarten  können  und  wählte  den  Titel  zum  Heiland.  Vier 
Jahre  lang  hatte  ich  auch  nicht  ein  Wort  für  ihn  aufgewendet, 
jetzt  kündigte  ich  mich  bei  meinem  alten  Lehrer  Exner  an.1 
Er  war  so  unliebenswürdig  als  möglich,  fast  grob,  wollte  mir 
von  Gründen  für  meine  Zurücksetzung  nichts  verraten,  warf 
sich  ganz  in  die  Rolle  des  hohen  Beamten.  Erst  nachdem  ich 
ihn  durch  einige  spöttische  Bemerkungen  über  die  Tätigkeit 
des  hohen  Ministeriums  in  Aufruhr  gebracht,  verriet  er  etwas 
Dunkles  von  persönlichen  Einflüssen,  die  bei  seiner  Exzellenz2 
gegen  mich  tätig  seien,  und  riet  mir,  einen  persönlichen  Gegen¬ 
einfluß  zu  suchen.  Ich  konnte  ihm  ankündigen,  daß  ich  meine 
alte  Freundin  und  frühere  Patientin,  die  Frau  des  Hofrates 
Gomperz,  ansprechen  könnte.3  Das  schien  ihm  selbst  zu  gefallen. 

*)  Nestroy  soll,  als  er  einmal  durchs  Guckloch  vor  einem 
Benefice  schauend  nur  zwei  Personen  im  Parterre  erblickte,  aus¬ 
gerufen  haben:  „Den  einen  , Publikum*  kenn’  ich,  der  hat  eine 
Freikarte.  Ob  der  andere  Publikum  auch  eine  Freikarte  hat, 
weiß  ich  nicht“. 

x)  Sigmund  R.  v.  Exner  (geb.  1846,  gest.  1926),  Professor  der  Physiologie  an 
der  Universität  Wien,  seit  1891  Nachfolger  Brückes  im  Ordinariat,  und  seit 
1894  Fachreferent  im  Unterrichtsministerium. 

2)  Der  Unterrichtsminister  Wilhelm  Freiherr  von  Härtel  (geb.  1839),  vorher 
Professor  der  Philologie  an  der  Universität  Wien. 

8)  Elise  Gompertz,  die  Gattin  von  Theodor  Gompertz  (1832-1912),  der 
zugleich  mit  Härtel  im  Jahre  1869  zum  Professor  der  Philologie  ernannt  worden 
war  und  als  Verfasser  des  Buches  „Die  griechischen  Denker“  berühmt  ge¬ 
worden  ist.  In  der  von  Gompertz  herausgegebenen  deutschen  Ausgabe  der 
Werke  von  John  Stuart  Mills  hatte  Freud  noch  als  Student  einen  im  Dezember 
1880  erschienenen  Band  übersetzt  („Über  Frauenemanzipation,  Plato,  Arbei¬ 
terfrage,  Sozialismus“). 


368 


Aus  den  Anfängen  der  Psychoanalyse 


Frau  Elise  war  sehr  liebenswürdig  und  nahm  sich  der  Sache 
warm  an.  Sie  besuchte  den  Minister  und  bekam  eine  erstaunte 
Miene  zur  Antwort:  4  Jahre?  Und  wer  ist  das?  Der  Fuchs 
tat,  als  sei  ich  ihm  unbekannt.  Jedenfalls  sei  ein  neuer  Vorschlag 
notwendig.  Ich  schrieb  mm  an  Nothnagel  und  Krafft-Ebing, 
der  kurz  vor  seinem  Rücktritt  war,  und  bat  sie,  ihren  damaligen 
Vorschlag  zu  erneuern.1  Beide  benahmen  sich  reizend.  Nothnagel 
schrieb  nach  einigen  Tagen :  Wir  haben  den  Vorschlag  ein¬ 
gebracht.  Der  Minister  wich  aber  Gomperz  hartnäckig  aus  und 
die  Sache  schien  wieder  zu  verlaufen. 

Da  trat  eine  andere  Kraft  in  Aktion,  eine  meiner  Patientin¬ 
nen  .  .  .  hatte  von  der  Sache  gehört  und  begann  auf  eigene  Faust 
zu  wühlen.  Sie  ruhte  nicht,  bis  sie  die  Bekanntschaft  des 
Ministers  in  einer  Gesellschaft  gemacht,  verstand  es,  sich  ihm 
zu  empfehlen  und  ließ  ihn  dann  durch  eine  gemeinsame  Freundin 
versprechen,  daß  er  ihren  Arzt,  der  sie  gesund  gemacht,  zum 
Professor  ernennen  werde.  Genügend  aufgeklärt  darüber,  daß 
ein  erstes  Versprechen  von  ihm  soviel  wie  nichts  bedeute,  stellte 
sie  ihn  dann  persönlich,  und  ich  glaube,  wenn  ein  gewisser 
Böcklin  sich  in  ihrem  Besitz  befände  anstatt  in  dem  ihrer 
Tante  .  .  .  ,  wäre  ich  drei  Monate  früher  ernannt  worden.  So 
wird  sich  Seine  Exzellenz  mit  einem  modernen  Bild  für  die 
Galerie  begnügen  müssen,  die  er  jetzt,  natürlich  nicht  für  die 
eigene  Person,  schaffen  will.2  Endlich  also,  als  der  Minister  zu 
Tische  bei  meiner  Patientin  war,  machte  er  ihr  gnädigst  die 
Mitteilung,  der  Akt  befinde  sich  schon  beim  Kaiser  und  sie 
werde  die  erste  sein,  der  er  von  dem  Vollzug  der  Ernennung 
Kunde  gebe. 

Sie  kam  dann  auch  eines  Tages  strahlend  und  einen  pneu¬ 
matischen  Brief  des  Ministers  schwingend  zur  Arbeit.  Es  war 
also  erreicht.  Die  Wiener  Zeitung  hat  die  Ernennung  noch  nicht 
gebracht,  aber  die  Nachricht,  daß  sie  bevorstehe,  hat  sich  von 

*)  Siehe  Brief  Nr.  58  f. 

2)  Nach  dem  etwas  vereinfachten  Bericht  dieses  Vorfalles  bei  H.  Sachs 
(„Freud,  Master  and  Friend“,  1945,  S.  76)  handelte  es  sich  um  Böcklins 
„Schloßruine“,  die  Härtel  für  die  damals  in  Gründung  begriffene  „Moderne 
Galerie“  in  Wien  geschenkt  haben  wollte. 


3^9 


Brief  vom  io.  9.  02 


der  amtlichen  Stelle  aus  rasch  verbreitet.  Die  Teilnahme  der 
Bevölkerung  ist  sehr  groß.  Es  regnet  auch  jetzt  schon  Glück¬ 
wünsche  und  Blumenspenden,  als  sei  die  Rolle  der  Sexualität 
plötzlich  von  Sr.  Majestät  amtlich  anerkannt,  die  Bedeutung 
des  Traumes  vom  Ministerrat  bestätigt,  und  die  Notwendigkeit 
einer  psychoanalytischen  Therapie  der  Hysterie  mit  §  Majorität 
im  Parlament  durchgedrungen. 

Ich  bin  offenbar  wieder  ehrlich  geworden,  die  scheu  ge- 
wordensten  Verehrer  grüßen  auf  der  Straße  von  weitem. 

Ich  selbst  gebe  noch  immer  je  fünf  Gratulationen  für  einen 
anständigen  Fall  zur  längeren  Behandlung.  Ich  habe  gelernt, 
daß  diese  alte  Welt  von  der  Autorität  regiert  wird  wie  die  neue 
vom  Dollar.  Ich  habe  meine  erste  Verbeugung  vor  der  Autorität 
gemacht,  darf  also  hoffen,  belohnt  zu  werden.  Wenn  die  Wirkung 
auf  die  ferneren  Kreise  so  groß  ist  wie  auf  die  näheren,  so  dürfte 
ich  mit  Recht  hoffen. 

In  der  ganzen  Geschichte  gibt  es  eine  Person  mit  sehr  langen 
Ohren,  die  in  Deinem  Brief  nicht  genügend  gewürdigt  wird, 
das  bin :  Ich.  Wenn  ich  die  paar  Schritte  vor  drei  Jahren  unter¬ 
nommen  hätte,  wäre  ich  vor  drei  Jahren  ernannt  worden  und 
hätte  mir  mancherlei  erspart.  Andere  sind  eben  so  klug,  ohne 
erst  nach  Rom  kommen  zu  müssen.  Das  also  ist  der  ruhmreiche 
Vorgang,  dem  ich  unter  anderen  auch  Deinen  freundlichen 
Brief  verdanke.  Ich  bitte  Dich,  behalte  den  Inhalt  dieses 
Schreibens  für  Dich. 

Ich  danke  Dir  und  grüße  Dich  herzlich 


Dein 


Sigm. 


153 

Ansichtskarte  (Tempio  di  Nettu no,  Pesto) 

Einen  herzlichen  Gruß  vom  Höhepunkt  der  Reise 

Dein 


10.  9.  02. 


Sigm. 


cc 


ANHANG  I 


ENTWURF  EINER  PSYCHOLOGIE ' 


x)  Der  Titel  wurde  von  den  Herausgebern  hinzugefügt.  Freuds  Manu¬ 
skript  hat  keinen  Titel;  in  den  Briefen  spricht  er  von  den  „Heften“  oder 
der  „Psychologie“.  Über  die  Stellung  des  Entwurfs  in  Freuds  Entwicklung 
s.  Einleitung  S.  32  ff. 


■ 

. 


- 


VORBEMERKUNG  DER  HERAUSGEBER 

Das  folgende  Manuskript  ist  im  Herbst  1895  entstanden.  Der 
erste  und  zweite  Teil  (S.  379  ff.)  wurden  nach  einer  Begegnung  mit 
Fliess  noch  im  Eisenbahnzug  begonnen  (Brief  vom  23.  9.  1895;  ein 
Teil  des  Manuskriptes  ist  mit  Bleistift  geschrieben),  und  (siehe  Datum 
am  Schluß  des  Manuskriptes)  am  25.  September  beendet.  Der  dritte 
Teil  (S.  439  ff.)  wurde  (siehe  Datum  am  Beginn  des  Manuskriptes) 
am  5.  Oktober  1895  begonnen.  Am  8.  Oktober  ging  die  alle  drei 
Teile  enthaltende  Sendung  an  Fliess  ab. 

Ein  vierter  Teil,  der  sich  mit  der  Psychologie  der  Verdrängung 
beschäftigen  sollte,  die  Freud  als  „den  Kern  des  Rätsels“  ansah, 
ist  offenbar  nie  vollendet  worden.  Bei  der  Arbeit  an  diesem 
Problem  hatten  sich  Freuds  Bedenken  gegen  die  Fruchtbarkeit  der 
im  Entwurf  versuchten  Betrachtungsweise  verstärkt.  Diese  Bedenken 
stellten  sich  bald  nach  Abschluß  der  in  fieberhafter  Anteilnahme 
begonnenen  Arbeit  ein.  Schon  am  29.  November  1895  (Brief  Nr.  36) 
ist  Freud  skeptisch :  „Den  Geisteszustand,  in  dem  ich  die  Psychologie 
ausgebrütet,  verstehe  ich  nicht  mehr.“  Im  Brief  vom  1.  Jänner  1896 
(Nr.  35)  versucht  er  eine  Revision  seiner  Annahmen  über  das  Ver¬ 
hältnis  der  drei  Neuronenarten  zueinander,  das  namentlich  die  Stellung 
der  „Wahrnehmungsneuronen“  klärt.  Mehr  als  ein  Jahr  nach  der 
Niederschrift  des  „Entwurfes“  hatte  sich  seine  Auffassung  soweit 
entwickelt,  daß  er  ein  Modell  des  psychischen  Apparates  annähernd 
in  demselben  Sinne  entwarf,  in  dem  es  im  siebenten  Kapitel  der 
„Traumdeutung“  dargestellt  ist  (Brief  Nr.  52  vom  6.  Dezember  1896); 
seit  dieser  Zeit  ist  Freuds  Interesse  an  dem  Versuch,  den  psychischen 
Apparat  in  Begriffen  der  Himphysiologie  darzustellen,  erlahmt. 
Jahre  später  hat  Freud  auf  das  Scheitern  seiner  Bemühungen  in  dieser 
Richtung  mit  folgenden  Worten  angespielt:  „Es  ist  ein  unerschütter- 


374 


Entwurf  einer  Psychologie 


liches  Resultat  der  Forschung,  daß  die  seelische  Tätigkeit  an  die 
Funktion  des  Gehirns  gebunden  ist  wie  an  kein  anderes  Organ.  Ein 
Stück  weiter  —  es  ist  nicht  bekannt,  wie  weit  —  führt  die  Entdeckung 
von  der  Ungleichwertigkeit  der  Gehirnteile  und  deren  Sonderbe¬ 
ziehung  zu  bestimmten  Körperteüen  und  geistigen  Tätigkeiten. 
Aber  alle  Versuche,  von  da  aus  eine  Lokalisation  der  seelischen  Vor¬ 
gänge  zu  erraten,  also  Bemühungen,  die  Vorstellungen  in  Nerven¬ 
zellen  aufgespeichert  zu  denken  und  die  Erregungen  auf  Nerven¬ 
fasern  wandern  zu  lassen,  sind  gründlich  gescheitert.“  (Das  Un¬ 
bewußte,  1915,  G.W.,  X,  S.  273.)  Die  neuere  himphysiologische 
Forschung  teilt  im  ganzen  und  großen  diese  Auffassung.  Vgl.  dazu 
die  schöne  Arbeit  von  E.  D.  Adrian,  „The  Mental  and  Physical  Origins 
of  Behaviour“,  International  Journal  of  Psycko-Analysis ,  1946, 
XXVII,  1-6. 

In  die  Sprache  der  Himphysiologie  aber  kleidet  der  Entwurf  einen 
Reichtum  an  konkreten  psychologischen  Hypothesen,  allgemeinen 
theoretischen  Annahmen  und  verstreuten  Andeutungen.  Viele  dieser 
Gedanken  sind,  nach  der  durch  den  Verzicht  auf  den  physiologischen 
Ansatz  nötig  gewordenen  Umgestaltung,  in  Freuds  Schriften  einge¬ 
gangen,  manche  gehören  zum  festen  Bestand  psychoanalytischer 
Hypothesen.  Andere  Teile  des  Entwurfs,  so  etwa  die  Behandlung 
der  Denkpsychologie  im  dritten  Teil  (S.  439  ff.)  haben  in  Freuds 
Schriften  keine  vergleichbare  Beachtung  gefunden,  obgleich  sich 
einige  der  hier  entwickelten  Gedanken  mühelos  in  das  System  psy¬ 
choanalytischer  Hypothesen  einfügen  ließen. 

Die  unmittelbare  Fortsetzung  des  „Entwurfs“  in  Freuds  Schriften 
ist  in  der  „Traumdeutung“  zu  finden.  Aber  die  Neuformulierung 
über  das  Wesen  des  psychischen  Apparates,  wie  sie  im  siebenten 
Kapitel  der  „Traumdeutung“  versucht  wird,  reicht  mindestens  in 
einem  Punkt  nicht  an  die  im  „Entwurf“  gemachten  Annahmen 
heran:  die  Stellung  der  Wahrnehmungsfunktion  konnte  dort  nicht 
völlig  geklärt  werden.  (Vgl.  dazu  „Metapsychologische  Ergänzung 
zur  Traumlehre“,  1917,  G.W.>  X,  S.  412.)  Die  Lösung  dieses 
Problems  ergab  sich  erst  durch  die  Freudschen  Annahmen  über 
psychische  Struktur,  wie  sie  sich  seit  „Das  Ich  und  das  Es“  (1923) 
entwickelt  haben.  Gerade  dieser  Ansatz  war  aber  im  „Entwurfs 


Vorbemerkung  der  Herausgeber 


m 


vorbereitet  durch  die  ausführlich  begründete  Annahme  einer  kon¬ 
tinuierlich  besetzten  Ichorganisation,  die  in  Freuds  Denken  nach 
dreißigjährigem  Intervall  wirksam  geworden  ist. 

Zur  Zeit  der  Niederschrift  des  „Entwurfs“  war  Freuds  Interesse 
hauptsächlich  auf  die  hirnphysiologischen  Teile  gerichtet.  Mit  dem 
Scheitern  der  Hypothesen  auf  diesem  Gebiet  sind  andere  Über¬ 
legungen  vorübergehend  mit  fallen  gelassen  worden.  Das  dürfte 
namentlich  von  den  Annahmen  über  das  Ich  gelten,  die  im  „Entwurf“ 
an  eine  besonders  ausgezeichnete  Gruppe  von  Neuronen  geknüpft 
sind. 

Unmittelbar  nach  der  Niederschrift  wendet  sich  Freuds  Interesse 
anderen  Fragen  zu.  Mit  der  Rückkehr  zur  klinischen  Arbeit  im 
Herbst  rückt  die  Neurosenlehre  in  den  Vordergrund  und  der  ent¬ 
scheidende  Fund  aus  dem  Herbst  1895  bezieht  sich  auf  die  Unter¬ 
scheidung  der  genetischen  Verhältnisse  bei  Zwangsneurose  und 
Hysterie.  (Briefe  Nr.  34  ff.) 

Um  dem  Leser  das  Verständnis  der  in  äußerster  Kondensierung 
dargestellten  Gedanken  zu  erleichtern,  stellen  wir  ein  Inhaltsver¬ 
zeichnis  voran  und  weisen  durch  Anmerkungen  gelegentlich  auf 
Stellen  der  Arbeit  hin,  in  denen  ein  eben  eingeführtes  Thema  später 
fortgeführt  wird. 


INHALTSVERZEICHNIS 


I.  TEIL 

Allgemeiner  Plan 

Seite 

Einleitung  . 379 

1 .  Erster  Hauptsatz  :  Die  quantitative  Auffassung  . 380 

2.  Zweiter  Hauptsatz :  Die  Neuronentheorie  . 382 

3.  Die  Kontaktschranken . 383 

4.  Der  biologische  Standpunkt  . 387 

5.  Das  Quantitätsproblem  . 390 

6.  Der  Schmerz . 391 

7.  Das  Qualitätsproblem . 392 

8.  Das  Bewußtsein  . 396 

9.  Das  Funktionieren  des  Apparates  . 397 

10.  Die  ^-Leitungen . 400 

11.  Das  Befriedigungserlebnis . 402 

12.  Das  Schmerzerlebnis . 404 

13.  Affekte  und  Wunschzustände  .  405 

14.  Einführung  des  „Ich“ . 406 

15.  Primär-  und  Sekundärvorgang  in  4;  409 

16.  Das  erkennende  und  reproduzierende  Denken  . 41 1 

17.  Das  Erinnern  und  das  Urteilen . 414 

18.  Denken  und  Realität . 416 

19.  Primärvorgänge— Schlaf  und  Traum  . . 419 

20.  Die  Traumanalyse  . . 422 

2T.  Das  Traumbewußtsein  . .  . .  . 424 

II.  TEIL 

Psychopathologie 
Psychopathologie  der  Hysterie 

1.  Der  hysterische  Zwang . 427 

2.  Die  Entstehung  des  hysterischen  Zwanges  . 43$ 

3.  Die  pathologische  Abwehr .  431 

4.  Das  hysterische  upcoTov  lyeOSos . 43* 

5.  Bedingungen  des  Trpörov  435 

6.  Die  Denkstömng  durch  den  Affekt  . ,  .  -  .  -  , .  , .  . .  . .  43& 

III.  TEIL 


Versuch,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


439 


i 


I.  TEIL 


ALLGEMEINER  PLAN 


EINLEITUNG 

Es  ist  die  Absicht  dieses  Entwurfs,  eine  naturwissenschaftliche 
Psychologie  zu  liefern,  d.h.  psychische  Vorgänge  darzustellen  als 
quantitativ  bestimmte  Zustände  aufzeigbarer  materieller  Teile,  und 
sie  damit  anschaulich  und  widerspruchsfrei  zu  machen.  Der  Ent¬ 
wurf  enthält  zwei  Hauptideen, 

1.  das,  was  Tätigkeit  von  Ruhe  unterscheidet,  als  Quantität  (Q) 
aufzufassen,  die  dem  allgemeinen  Bewegungsgesetz  unterworfen 
ist, 

2.  als  materielle  Teilchen  die  Neuronen  anzunehmen. 

N  und  Op1  —  Ähnliche  Versuche  sind  jetzt  häufig.2 

x)  Die  zahlreichen  von  Freud  im  folgenden  verwendeten  Abkürzungen 
wurden  zum  größten  Teil  aufgelöst.  Neben  gebräuchlichen  oder  leicht  zu 
erratenden  Abkürzungen  verwendet  Freud  eine  Anzahl  von  Sigeln.  N  steht 
regelmäßig  für  Neuronen.  Die  Neuronensysteme  hat  Freud  mit  9  »9  co  be¬ 
zeichnet.  y  verwendet  Freud  öfters  auch  adjektivisch.  In  diesen  Fällen 
wurde  das  Wort  „psychisch“  eingesetzt.  Das  System  der  co-Neuronen  be¬ 
zeichnet  Freud  öfters  auch  als  das  der  Wahrnehmungsneuronen.  In  diesen 
Fällen  haben  wir  das  Abkürzungszeichen  in  Klammer  wiederholt.  Zur  Be¬ 
zeichnung  von  „Quantität“  verwendet  Freud  zwei  Abkürzungen  Q  und  Qf|. 
Gegen  Ende  des  Entwurfs,  siehe  z.B.  (Seite  441)  hat  er  Kriterien  für  die 
Unterscheidung  angegeben:  Q  bezieht  sich  auf  die  „externe“,  Qv\  auf  die 
„psychische“  Quantität.  Die  Unterscheidung  ist  im  Manuskript  nicht  immer 
konsequent  durchgeführt  und  sie  ist  im  Brief  vom  1.  1.  1896,  Nr.  39,  fallen 
gelassen.  Im  vorliegenden  Text  wurden  beide  Abkürzungen:  Q  und  Qf\ 
durch  das  Wort  „Quantität“  ersetzt.  Die  Abkürzung  wurde  in  Klammer 
nachgestellt.  Wo  dem  Wort  „Quantität“  kein  Abkürzungszeichen  folgt,  hat 
Freud  keines  verwendet,  sondern  das  Wort  ausgeschrieben. 

s)  Wir  vermögen  nicht  mit  Bestimmtheit  anzugeben,  auf  welche  „Ver¬ 
suche“  sich  Freud  bezieht.  Für  die  hirnphysiologischen  Auffassungen  ist  zu 
vergleichen  E.  Fleisch!  v.  Marxow,  „Gesammelte  Abhandlungen“,  heraus¬ 
gegeben  von  Otto  Fleischl  v.  Marxow,  mit|biogr.  Skizze  von  Prof.  Sigmund 
Exner,  1893;  für  die  Beziehung  von  Physiologie  zur  Psychologie  Exners 
eigene  Schriften,  namentlich  sein  „Entwurf  einer  physiologischen  Erklärung 
der  psychischen  Erscheinungen/4  1894,  wo  es  etwa  heißt  (S.  225):  „Alle  Er¬ 
scheinungen  der  Qualität  und  Quantität  von  bewußten  Empfindungen,  Wahr¬ 
nehmungen  und  Vorstellungen  lassen  sich  zurückführen  auf  quantitativ 
variable  Erregungen  verschiedener  Anteile  dieser  Summe  von  Bahnen.“ 
Für^die  Theorie  des  Gedächtnisses  mag  neben  den  französischen  Autoren 
A.  Forels  Vortrag  „Das  Gedächtnis  und  seine  Abnormitäten,“  Zürich,  1885, 
den  Freud  sorgfältig  las,  anregend  gewesen  sein. 


380 


Entwurf  einer  Psychologie 


ERSTER  HAUPTSATZ 

DIE  QUANTITATIVE  AUFFASSUNG 

Sie  ist  direkt  pathologisch-klinischen  Beobachtungen  entnommen, 
besonders  wo  es  sich  um  überstarke  Vorstellungen  handelte,  wie  in 
der  Hysterie  und  in  der  Zwangsneurose,  wobei,  wie  sich  zeigen  wird, 
der  quantitative  Charakter  reiner  als  im  Normalen  hervortritt.  Vor¬ 
gänge  wie  Reiz,  Substitution,  Konversion,  Abfuhr,  die  dort  zu  be¬ 
schreiben  waren,  haben  direkt  die  Auffassung  der  Neuronenerregung 
als  fließender  Quantitäten  nahegelegt.1  Ein  Versuch,  das  hier  Er¬ 
kannte  zu  verallgemeinern,  schien  nicht  unstatthaft.  Von  dieser 
Betrachtung  an  ließ  sich  ein  Grundprinzip  der  Neuronentätigkeit 
mit  Beziehung  auf  die  Quantität  ( Q )  aufstellen,  das  viel  Licht  ver¬ 
sprach,  indem  es  die  gesamte  Funktion  zu  umfassen  schien.  Es  ist 
dies  das  Prinzip  der  Neuronen-Trägheit;  es  besagt,  daß  Neuronen 
sich  der  Quantität  zu  entledigen  trachten.  Bau  und  Entwicklung 
sowie  Leistungen  der  Neuronen  sind  hiernach  zu  verstehen. 

Das  Prinzip  der  Trägheit  erklärt  zunächst  die  Bau- 
Zweispältigkeit  der  Neuronen  in  motorische  und  sensible,  als  eine  Ein¬ 
richtung,  um  die  Quantitätsaufnahme  durch  Abgabe  aufzuheben.  Die 
Reflexbewegung  ist  als  feste  Form  dieser  Abgabe  jetzt  verständlich. 
Das  Trägheitsprinzip  gibt  das  Motiv  für  die  Reflexbewegung.  Geht 
man  von  hier  aus  weiter  zurück,  so  hat  man  das  Neuronensystem 
zuerst  als  Erbe  der  allgemeinen  Reizbarkeit  des  Protoplasmas  mit  der 
reizbaren  Außenfläche  verknüpft,  die  durch  größere  Strecken  um 

x)  Die  Angabe,  daß  die  erfolgreiche  Anwendung  dynamischer  Vorstellungen 
auf  Probleme  der  Hysterie  die  hier  vertretene  Auffassung  Freuds  angeregt 
habe,  erinnert  uns  daran,  daß  zur  Zeit  der  Niederschrift  des  Entwurfes  die 
„Studien  über  Hysterie“  noch  nicht  erschienen  waren;  der  Gedanke,  daß 
Freuds  Entwurf  zu  lösen  versucht,  was  Breuer  in  seinem  theoretischen  Ab¬ 
schnitt  der  Studien  nicht  zu  lösen  vermochte,  liegt  nahe;  Freuds  Ansatz 
steht  hier  in  schärfstem  Widerspruch  zu  Breuers,  bei  dem  es  heißt:  „In  diesen 
Erörterungen  wird  wenig  vom  Gehirn  und  gar  nicht  von  Molekülen  die  Rede 
sein.  Psychische  Vorgänge  sollen  in  der  Sprache  der  Psychologie  behandelt 
werden,  ja  es  kann  gar  nicht  anders  geschehen.“ 


Erster  Hauptsatz  :  Die  quantitative  Auffassung 


38r 


erregbarer  .  .  A  zersprengt  ist.  Ein  primäres  Neuronensystem  bedient 
sich  dieser  so  erworbenen  Quantität  (ßf|),  um  sie  durch  Verbindung 
an  die  Muskelmaschinen  abzugeben  und  erhält  sich  so  reizlos.  Diese 
Abfuhr  stellt  die  Primärfunktion  der  Neuronensysteme  dar.  Hier  ist 
Platz  für  die  Entwicklung  einer  Sekundärfunktion,  indem  unter 
Abfuhrwegen  solche  bevorzugt  und  erhalten  werden,  mit  denen 
Aufhören  des  Reizes  verbunden  ist,  Reizflucht.  Hiebei  be¬ 
steht  im  allgemeinen  eine  Proportion  zwischen  Erregungsquantität 
und  der  zur  Reizflucht  nötigen  Leistung,  so  daß  das  Träg- 
h  e  i  t  s-  Prinzip  hiedurch  nicht  gestört  wird.  Allein  das  Trägheits¬ 
prinzip  wird  von  Anfang  durchbrochen  durch  ein  anderes  Ver¬ 
hältnis.  Mit  der  Komplexität  des  Inneren  nimmt  das  Neuronensystem 
Reize  auf  aus  dem  Körperelement  selbst,  endogene  Reize,  die  gleich¬ 
falls  abgeführt  werden  sollen.  Diese  entstammen  Körperzellen  und 
ergeben  die  großen  Bedürfnisse,  Plunger,  Atem,  Sexualität.  Diesen 
kann  sich  der  Organismus  nicht  entziehen  wie  den  Außenreizen,  er 
kann  ihre  Quantität  (ß)  nicht  zur  Reizflucht  verwenden.  Sie  hören 
auf  nur  unter  bestimmten  Bedingungen,  die  in  der  Außenwelt  realisiert 
werden  müssen.  Z.B.  Nahrungsbedürfnis.  Um  diese  Aktion,  die 
spezifisch  genannt  zu  werden  verdient,  zu  vollführen,  bedarf  es  einer 
Leistung,  die  imabhängig  ist  von  endogenen  Quantitäten  (ßf|),  im  all¬ 
gemeinen  größer  ist,  da  das  Individuum  unter  Bedingungen  gesetzt 
ist,  die  man  als  Not  des  Lebens  bezeichnen  kann.  Pliemit 
ist  das  Neuronensystem  gezwungen,  die  ursprüngliche  Tendenz  zur 
Trägheit  d.h.  zum  Niveau  —  O  aufzugeben.  Es  muß  sich  Vorrat 
von  Quantität  gefallen  lassen,  um  den  Anforderungen  zur  spezi¬ 
fischen  Aktion  zu  genügen.  In  der  Art,  wie  es  dies  macht,  zeigt  sich 
indes  die  Fortdauer  derselben  Tendenz  modifiziert  zum  Bestreben, 
die  Quantität  (ßf|)  wenigstens  möglichst  niedrig  zu  halten  und  sich 
gegen  Steigerung  zu  wehren,  d.h.  konstant  zu  halten.  Alle  Leistungen 
des  Neuronensystems  sind  entweder  unter  den  Gesichtspunkt  der 
Primärfunktion  oder  der  Sekundärfunktion,  die  durch  Not  des  Lebens 
aufgedrungen  ist,  zu  bringen.* 2 


J)  Offenbar  fehlt  ein  Wort. 

2)  An  die  hier  entwickelten  Gedanken  knüpft  später  Freuds  Überlegung 
über  die  „Zwei  Prinzipien  des  psychischen  Geschehens“  („Formulierungen 
über  die  zwei  Prinzipien  des  psychischen  Geschehens“,  1911,  G.W.  VIII) 


382 


Entwurf  einer  Psychologie 


ZWEITER  HAUPTSATZ 

DIE  NEURONENTHEORIE 

Der  Gedanke,  mit  dieser  Quantitätstheorie  (Qf\)  die  Kenntnis  der 
Neuronen  zu  kombinieren,  wie  sie  die  neuere  Histologie  ergibt,  ist 
ein  zweiter  Pfeiler  dieser  Lehre.  Hauptinhalt  dieser  neuen  Erkenntnis 
ist,  daß  das  Neuronensystem  aus  distinkten,  gleich  gebauten  Neuronen 
besteht,  die  sich  durch  Vermittlung  fremder  Masse  berühren,  die 
aneinander  endigen  wie  an  fremden  Gewebsteilen,  in  denen  gewisse 
Leitungsrichtungen  vorgebildet  sind,  indem  sie  mit  Zellfortsätzen 
aufnehmen,  mit  Axenzylindern  abgeben.  Dazu  kommt  noch  die 
reichliche  Verzweigung  mit  Verschiedenheit  des  Kalibers. 

Kombiniert  man  diese  Darstellung  der  Neuronen  mit  der  Auf¬ 
fassung  der  Quantitätstheorie  (Qfj),  so  erhält  man  die  Vorstellung 
eines  besetzten  Neurons  (N),  das  mit  gewisser  Quantität  (Qr\) 
gefüllt  ist,  andere  Male  leer  sein  kann.  Das  Trägheitsprinzip  findet 
seinen  Ausdruck  in  der  Annahme  einer  Strömung,  die  von  den 
Zelleitungen  oder  -Fortsätzen  zum  Axenzylinder  gerichtet  ist.  Das 
einzelne  Neuron  ist  so  Abbild  des  gesamten  Neuronensystems  mit 
seinem  zwiespältigen  Bau,  der  Axenzylinder  das  Abfuhrorgan.  Die 
Sekundärfunktion  aber,  die  eine  Aufspeicherung  von  Quantität  (Qp) 
verlangt,  ist  ermöglicht  durch  die  Annahme  von  Widerständen,  die 
sich  der  Abfuhr  entgegensetzen,  und  der  Bau  der  Neurone  legt  es 
nahe,  die  Widerstände  sämtlich  in  die  Kontakte  zu  versetzen, 
die  hiedurch  den  Wert  von  Schranken  erhalten.  Die  Annahme 
der  Kontaktschranken  ist  fruchtbar  nach  vielen  Richtungen. 


an;  dazwischen  liegen  die  Ausführungen  im  7.  Kapitel  der  „Traumdeutung“ 
(G.  W.  II-III,  604  f.)  Die  Unterscheidung  zwischen  einer  Tendenz  des 
psychischen  Apparates,  die  Spannung  auf  O  herabzusetzen  (s.  dazu  auch  S. 
446  f.)  und  die  Modifizierung  dieser  Tendenz  zum  Bestreben,  die  Spannung 
möglichst  niedrig  zu  halten,  also  die  Unterscheidung  zwischen  dem  Nirwana- 
Prinzip  und  dem  Lustprinzip  ist  in  „Jenseits  des  Lustprinzips“  ( G.W .  XIII, 
S.  60)  aus  geführt. 


Die  Kontaktschranken 


3S3 


DIE  KONTAKTSCHRANKEN 

Die  erste  Berechtigung  zu  dieser  Annahme  entspringt  der  Er¬ 
wägung,  daß  hier  die  Leitung  über  undifferenziertes  Protoplasma 
geht  anstatt  wie  sonst  innerhalb  des  Neurons  über  differenziertes, 
wahrscheinlich  zur  Leitung  besser  geeignetes  Protoplasma.  Man 
bekommt  so  einen  Wink,  das  Leitungsvermögen  an  die  Differen¬ 
zierung  zu  knüpfen,  so  daß  man  erwarten  darf,  durch  den  Leitungs¬ 
vorgang  selbst  werde  eine  Differenzierung  im  Protoplasma  und  damit 
ein  besseres  Leitungsvermögen  für  fernere  Leitungen  geschaffen. 

Ferner  läßt  die  Kontaktschrankentheorie  folgende  Verwertungen 
zu:  Eine  Haupteigenschaft:  des  Nervengewebes  ist  das  Gedächtnis, 
d.h.  ganz  allgemein  die  Fähigkeit,  durch  einmalige  Vorgänge  dauernd 
verändert  zu  werden,  was  einen  so  auffälligen  Gegensatz  gibt  zum 
Verhalten  einer  Materie,  die  eine  Wellenbewegung  durchläßt  und 
darauf  in  ihren  früheren  Zustand  zurückkehrt.  Eine  irgendwie  be¬ 
achtenswerte  psychologische  Theorie  muß  eine  Erklärung  des  „Ge¬ 
dächtnisses“  liefern.  Nun  stößt  jede  solche  Erklärung  auf  die 
Schwierigkeit,  daß  sie  einerseits  annehmen  muß,  die  Neuronen  seien 
nach  der  Erregung  dauernd  anders  als  vorher,  während  doch  nicht 
geleugnet  werden  kann,  daß  die  neuen  Erregungen  im  allgemeinen  auf 
dieselben  Aufnahmsbedingungen  stoßen  wie  die  früheren.  Die  Neu¬ 
ronen  sollen  also  sowohl  beeinflußt  sein  als  auch  unverändert,  un¬ 
voreingenommen.  Einen  Apparat,  der  diese  komplizierte  Leistung 
vermöchte,  können  wir  vorderhand  nicht  ausdenken;  die  Rettung 
liegt  also  darin,  daß  wir  die  dauernde  Beeinflussung  durch  die 
Erregung  einer  Klasse  von  Neuronen  zuschreiben,  die  Unverander- 
lichkeit  dagegen,  also  die  Frische  für  neue  Erregungen  einer  anderen. 
So  entstand  die  gangbare  Scheidung  von  „Wahrnehmungszeilen“ 
und  „Erinnerungszellen“,  die  sich  aber  sonst  in  nichts  eingefügt  hat 
und  selbst  sich  auf  nichts  berufen  kann. 

Wenn  die  Kontaktschranken-  Theorie1  sich  diesen  Ausweg 
aneignet,  so  kann  sie  ihm  folgenden  Ausdruck  geben :  Es  gibt  2  Klassen 
von  Neuronen.  Erstens  solche,  die  Quantität  (Qr\)  durchlassen,  als 
ob  sie  keine  Kontaktschranken  hätten,  die  also  nach  jedem  Erregungs- 

x)  Die  Funktion  der  Kontaktschranken  wird  an  späterer  Stelle  genauer 
präzisiert;  s.  S.  403. 


3  »4 


Entwurf  einer  Psychologie 


ablauf  im  selben  Zustand  sind  wie  vorher,  und  zweitens  solche* 
deren  Kontaktschranken  sich  geltend  machen*  so  daß  sie  Quantität 
(Qt\)  nur  schwer  oder  nur  partiell  durchlassen.  Solche  können  nach 
jeder  Erregung  in  anderem  Zustand  sein  als  vorher,  ergeben  also 
eine  Möglichkeit,  das  Gedächtnis  darzu  stellen.1 

Es  gibt  also  durchlässige  (keinen  Widerstand  leistende  und 
nichts  retenierende)  Neuronen*  die  der  Wahrnehmung  dienen,  und 
undurchlässige  (mit  Widerstand  behaftete  und  Quantität 
.Qj\i  zurückhaltende)  Neuronen,  die  Träger  des  Gedächtnisses, 
wahrscheinlich  also  der  psychischen  Vorgänge  überhaupt  sind.  Ich 
will  also  das  erstere  System  von  Neuronen  fortan  9,  das  letztere  vp 
nennen.2 

Es  ist  jetzt  gut*  sich  klar  zu  machen*  welche  Annahmen  über  die 
y-Neuronen  notwendig  sind,  um  die  allgemeinsten  Charaktere  des 
Gedächtnisses  zu  decken.  Das  Argument  ist:  sie  werden  durch  den 
Erregungsablauf  dauernd  verändert.  Mit  Einfügung  der  Kontakt¬ 
schrankentheorie :  ihre  Kontaktschranken  geraten  in  einen  dauernd 
veränderten  Zustand.  Und  da  die  psychologische  Erfahrung  zeigt*  daß 
es  ein  Über-Erlernen  gibt  auf  Grund  des  Gedächtnisses,  muß  diese 
Veränderung  darin  bestehen,  daß  die  Kontaktschranken  leistungs¬ 
fähiger,  minder  undurchlässig  werden,  also  denen  des  9- Systems 
ähnlicher.  Diesen  Zustand  der  Kontaktschranken  wollen  wir  als 
Grad  der  Bahnung  bezeichnen.  Dann  kann  man  sagen :  D  a  s 
Gedächtnis  ist  dargestellt  durch  die  zwischen 
den  vp-N  euronen  vorhandenen  Bahnungen. 

x)  Freud  hat  manche  dieser  Gedanken  in  „Jenseits  des  Lustprinzips“ 
(G.W.  XIII,  S.  23  ff.)  verwendet.  Er  verweist  dort  ausdrücklich  darauf,  daß 
er  sich  dabei  der  „lokalisierenden  Hirnanatomie“  anschließe.  Nach  M. 
Dorers  Analyse  der  Beziehung  Freuds  zu  Meynerts  Theorien  besteht  kein 
Zweifel  daran,  daß  Freud  mit  diesen  Worten  auf  Meynert  verweist.  (Vgl. 
M.  Dorer,  „Historische  Grundlagen  der  Psychoanalyse,“  1932,  S.  128  ff. 
und  bes.  S.  151.)  Der  Einfluß  Meynerts  ist  im  Gedankengang  des  Entwurfs 
an  mehreren  Stellen  zu  vermuten:  er  ist  nicht  immer  ohne  weiteres  von  dem 
der  in  der  Neurologie  der  neunziger  Jahre  allgemein  verbreiteten  Annahmen 
zu  sondern. 

2)  Aus  dem  weiteren  Verlaufe  der  Darstellung  ergeben  sich  für  beide 
Neuronengruppen  folgende  Eigenschaften:  Die  <p-Neuronen  sind  „durch¬ 
lässig“,  d.  h.  nicht  mit  Widerstand  behaftet,  sie  dienen  der  Bewältigung  der 
Außenweltreize  und  sind  mit  dem  Spinalgrau  zu  identifizieren;  die  y -Neuronen 
retenieren,  dienen  der  Bewältigung  der  Innenreize  und  sind  mit  dem  sup- 
ponierten  Gehirngrau  zu  identifizieren. 


Die  Kontaktschranken 


385 


Nehmen  wir  an,  daß  alle  y-Kontaktschranken  gleich  gut  gebahnt 
wären  oder  den  gleichen  Widerstand  böten,  was  dasselbe  ist,  so 
kämen  die  Charaktere  des  Gedächtnisses  offenbar  nicht  heraus. 
Denn  das  Gedächtnis  ist  im  Verhältnis  zum  Erregungsablauf  offenbar 
eine  der  bestimmenden,  den  Weg  weisenden  Mächte  und  bei  überall 
gleicher  Bahnung  wäre  eine  Wegbevorzugung  nicht  einzusehen. 
Man  kann  daher  noch  richtiger  sagen :  Das  Gedächtnis 
sei  dargestellt  durch  die  Unterschiede  in  den 
Bahnungen  zwischen  den  vp-N  e  u  r  o  n  e  n. 

Wovon  hängt  nun  die  Bahnung  in  den  ^-Neuronen  ab?  Nach 
der  psychologischen  Erfahrung  hängt  das  Gedächtnis,  d.h.  die  fort¬ 
wirkende  Macht  eines  Erlebnisses  ab  von  einem  Faktor,  den  man 
die  Größe  des  Eindrucks  nennt,  und  von  der  Häufigkeit  der  Wieder¬ 
holung  desselben  Eindrucks.  In  die  Theorie  übersetzt:  Die  Bahnung 
hängt  ab  von  der  Quantität  (Qf|),  die  im  Erregungsvorgang  durch 
das  Neuron  läuft,  und  von  der  Wiederholungszahl  des  Vorganges. 
Dabei  zeigt  sich  also  Quantität  (Qf])  als  das  wirksame  Moment,  die 
Quantität  und  die  Bahnung  als  Erfolg  der  Quantität  (Qf]), 
gleichzeitig  als  das,  was  die  Quantität  ersetzen  kann. 

Wie  unwillkürlich  denkt  man  hier  an  das  ursprüngliche,  durch 
alle  Modifikationen  festgehaltene  Bestreben  der  Neuronensysteme, 
sich  die  Belastung  durch  Quantität  (Qf|)  zu  ersparen  oder  sie  möglichst 
zu  verringern.  Durch  die  Not  des  Lebens  gezwungen,  hat  das  Neu¬ 
ronensystem  sich  einen  Quantitätsvorrat  ( Qf) )  anlegen  müssen.  Dazu 
hat  es  einer  Vermehrung  seiner  Neuronen  bedurft  und  diese  mußten 
undurchlässig  sein.  Nun  erspart  es  sich  die  Erfüllung  mit  Quan¬ 
tität  (Qp),  die  Besetzung,  wenigstens  teüweise,  indem  es  die 
Bahnungen  herstellt.  Man  sieht  also,  die  Bahnungen 
dienen  der  Primärfunktion. 

Noch  eines  fordert  die  Anwendung  der  Gedächtnisforderung  auf 
die  Kontaktschrankentheorie :  Jedem  y-Neuron  sind  im  allgemeinen 
mehrere  Verbindungswege  mit  anderen  Neuronen,  also  mehrere 
Kontaktschranken  zuzuschreiben.  Darauf  beruht  ja  die  Möglichkeit 
der  Auswahl,  die  durch  die  Bahnung  determiniert  wird.  Ganz  ein¬ 
leuchtend  ist  es  jetzt,  daß  der  Bahnungszustand  der  einen  Kontakt¬ 
schranke  unabhängig  sein  muß  von  dem  aller  anderen  Kontakt- 

Di) 


386 


Entwurf  einer  Psychologie 


schranken  derselben  y-Neuronen ;  sonst  erhielte  sich  wieder  keine 
Bevorzugung,  also  kein  Motiv.  Hieraus  kann  man  einen  negativen 
Schluß  ziehen  auf  die  Natur  des  „gebahnten“  Zustandes. 
Denkt  man  sich  ein  Neuron  mit  Quantität  (Qfj)  erfüllt,  also  besetzt, 
so  kann  man  diese  Quantität  (2)  nur  gleichmäßig  annehmen  über 
alle  Regionen  des  Neurons,  also  auch  über  alle  Kontaktschranken 
desselben.  Dagegen  hat  es  keine  Schwierigkeit  sich  vorzustellen, 
daß  bei  strömender  Quantität  (Qy\)  nur  ein  bestimmter  Weg  durch 
das  Neuron  genommen  wird,  so  daß  nur  eine  Kontaktschranke  der 
Einwirkung  der  strömenden  Quantität  (Qf|)  unterliegt  und  nachher 
davon  Bahnung  übrig  behält.  Es  kann  also  die  Bahnung  nicht  ihren 
Grund  haben  in  einer  zurückgehaltenen  Besetzung;  dabei  ergäben 
sich  nicht  die  Unterschiede  in  der  Bahnung  der  Kontaktschranken 
derselben  Neurone. 

Worin  die  Bahnung  sonst  besteht,  bleibt  dahingestellt.  Man  könnte 
zunächst  denken:  in  der  Absorption  von  Quantität  (Qf\)  durch  die 
Kontaktschranken.  Vielleicht  fällt  hierauf  später  Licht.  Die  Quan¬ 
tität  (Qf)),  die  Bahnung  hinterlassen  hat,  wird  wohl  abgeführt,  gerade 
infolge  der  Bahnung,  die  ja  durchlässiger  macht.  Es  ist  übrigens 
nicht  notwendig,  daß  die  Bahnung,  die  nach  einem  Quantitätsablauf 
(Qf\)  bleibt,  so  groß  ist  wie  sie  während  des  Ablaufes  sein  mußte. 
Möglich,  daß  nur  ein  Quotientbetrag  davon  als  dauernde 
Bahnung  bleibt.  Insoferne  läßt  sich  auch  noch  nicht  übersehen, 
ob  es  gleichwertig  ist,  wenn  eine  Quantität  3  Qf\  auf  einmal  oder  eine 
Quantität  Qy\  auf  dreimal  abläuft.1  All  dies  bleibt  späteren  Anpassungen 
der  Theorie  an  die  psychischen  Tatsachen  Vorbehalten. 


x)  Vgl.  dazu  S.  405,  wo  diese  Frage  beantwortet  ist.  —  Manches  des  in 
dem  vorangehenden  Abschnitt  Gesagten  ist  in  veränderter  Form  in  Freuds 
Annahmen  über  die  Beziehung  von  Gedächtnis  und  Bewußtsein  weiterent¬ 
wickelt;  vgl.  dazu  das  in  der  „Traumdeutung“  gegebene  Schema  ( G.W . 
II-III,  S.  542  f.)  und  die  Annahme,  daß  „Gedächtnis  und  Qualität  für  das 
Bewußtsein  an  den  ^-Systemen  einander  ausschließen“.  Diesen  Gedanken 
hat  Freud  später  noch  radikaler  formuliert,  in  der  Annahme,  „das  Bewußtsein 
entstehe  an  der  Stelle  der  Erinnerungsspur“.  („Jenseits  des  Lustprinzips,“ 
1920,  G.W.  XIII,  S.  25,  „Notiz  über  den  Wunderblock,“  G.S.  XIV,  1925). 
Vgl.  auch  Brief  Nr.  52.  Eine  ähnliche  Auffassung  war  von  Breuer  im  theore¬ 
tischen  Kapitel  der  „Studien“  vertreten  worden.  Es  heißt  dort  (1.  Aufl.  S. 
164):  „Dieser  Perceptionsapparat,  einschließlich  der  corticalen  Sinnesphären 
muß  verschieden  sein  von  dem  Organ,  welches  die  Sinneseindrücke  als 
Erinnerungsbilder  auf  bewahrt  und  reproduciert,“  etc. 


Der  biologische  Standpunkt 


387 


DER  BIOLOGISCHE  STANDPUNKT 

Mit  der  Annahme  zweier  Neuronensysteme  9  und  y,  von  denen 
9  aus  durchlässigen,  y  aus  undurchlässigen  Elementen  besteht,  scheint 
die  eine  Eigentümlichkeit  der  Neuronensysteme,  zu  retenieren  und 
doch  aufnahmsfähig  zu  bleiben,  der  Erklärung  zugeführt.  Alles 
psychische  Erwerben  bestünde  dann  in  der  Gliederung  des  vp-  Systems 
durch  teilweise  und  topisch  bestimmte  Aufhebung  des  Widerstandes 
in  den  Kontaktschranken,  der  9  und  y  unterscheidet.  Mit  dem  Fort¬ 
schritt  derselben  hätte  die  Aufnahmsfrische  des  Neuronensystems 
tatsächlich  eine  Schranke  gefunden. 

Indes  wird  jeder,  der  sich  mit  Hypothesenbauen  wissenschaftlich 
beschäftigt,  erst  dann  beginnen,  seine  Aufstellungen  ernst  zu  nehmen, 
wenn  sie  von  mehr  als  einer  Seite  her  sich  in  das  Wissen  einfügen 
lassen,  und  wenn  sich  die  Willkürlichkeit  der  Constructio  ad  hoc 
bei  ihnen  mildern  läßt.  Gegen  unsere  Kontaktschrankenhypothese 
wird  eingewendet  werden,  daß  sie  2  Klassen  von  Neuronen  annimmt 
mit  fundamentaler  Verschiedenheit  der  Funktionsbedingungen,  für 
welche  Scheidung  zunächst  andere  Begründung  fehlt.  Morphologisch 
wenigstens,  d.h.  histologisch  ist  keine  Unterstützung  dieser  Sonderung 
bekannt. 

Woher  soll  man  sonst  einen  Grund  zu  dieser  Klassenteilung  nehmen? 
Wenn  möglich,  aus  der  biologischen  Entwicklung  des  Neuronen¬ 
systems,  das  für  den  Naturforscher  wie  alles  andere  etwas  allmählich 
Gewordenes  ist.  Man  verlangt  zu  wissen,  ob  die  2  Neuronenklassen 
biologisch  verschiedene  Bedeutung  gehabt  haben  können,  und  wenn 
ja,  durch  welchen  Mechanismus  sie  sich  zu  den  so  verschiedenen 
Charakteren  der  Durchlässigkeit  und  Undurchlässigkeit  entwickelt 
haben  mögen.  Natürlich  wäre  es  am  meisten  befriedigend,  wenn  der 
gesuchte  Mechanismus  sich  selbst  aus  der  primitiven  biologischen 
Rolle  ergäbe;  man  hätte  dann  beide  Fragen  mit  einer  Antwort  behoben. 

Nun  erinnern  wir  uns,  daß  das  Neuronensystem  von  Anfang  an 
2  Funktionen  hatte,  die  Reize  von  außen  aufzunehmen  und  die 
endogen  entstandenen  Erregungen  abzuführen.  Aus  letzterer  Ver¬ 
pflichtung  ergab  sich  ja  durch  die  Not  des  Lebens  der  Zwang  zur 
weiteren  biologischen  Entwicklung.  Nun  könnte  man  vermuten. 


388 


Entwurf  einer  Psychologie 


unsere  Systeme  9  und  9»  seien  es  aber,  die  jedes  eine  dieser  primären 
Verpflichtungen  auf  sich  genommen  hätten.  Das  System  9  sei  jene 
Gruppe  von  Neuronen,  zu  der  die  Außenreize  gelangen,  das  System 
9  enthielte  die  Neuronen,  welche  die  endogenen  Erregungen  auf¬ 
nehmen.  Dann  hätten  wir  die  beiden  9  und  9  nicht  erfunden, 
sondern  sie  v  o  r  g  e  f  u  n  d  e  n.  Es  erübrigt  noch,  sie  mit  Bekann¬ 
tem  zu  identifizieren.  Tatsächlich  kennen  wir  aus  der  Anatomie  ein 
System  von  Neuronen  (das  Spinalgrau),  welches  allein  mit  der  Außen¬ 
welt  zusammenhängt,  und  ein  superponiertes  (das  Gehimgrau),  das 
keine  direkten  peripheren  Verbindungen  hat,  an  dem  aber  die  Ent¬ 
wicklung  des  Neuronensystems  und  die  psychischen  Funktionen 
haften.  Das  primäre  Gehirn  paßt  nicht  übel  zu  unserer  Charak¬ 
teristik  des  Systems  9,  wenn  wir  annehmen  dürfen,  daß  das  Gehirn 
direkte  und  von  9  unabhängige  Bahnen  zum  Körperinnem  hat.  Die 
Herkunft  und  ursprüngliche  biologische  Bedeutung  des  primären 
Gehirns  ist  nun  den  Anatomen  nicht  bekannt;  nach  unserer  Theorie 
wäre  es  ein  Sympathicusganglion,  direkt  herausgesagt. 
Es  ist  hier  die  erste  Möglichkeit,  die  Theorie  an  tatsächlichem  Material 
zu  prüfen.1 

Vorläufig  halten  wir  das  9- System  für  identifiziert  mit  dem  Gehirn¬ 
grau.  Man  versteht  nun  leicht  aus  den  einleitenden  biologischen 
Bemerkungen,  daß  gerade  9  der  Weiterentwicklung  unterliegt  durch 
Neuronenvermehrung  und  Quantitätsanhäufung,  und  sieht  auch  ein, 
wie  zweckmäßig  es  ist,  daß  9  aus  undurchlässigen  Neuronen  besteht, 
da  es  sonst  den  Anforderungen  der  spezifischen  Aktion  nicht  nach- 
kommen  könnte.  Allein  auf  welchem  Weg  ist  9  zur  Eigenschaft  der 
Undurchlässigkeit  gekommen?  9  hat  doch  auch  Kontaktschranken, 
wenn  diese  so  gar  keine  Rolle  spielen,  warum  die  Kontaktschranken 
von  9?  Die  Annahme  einer  ursprünglichen  Verschiedenheit  in  der 
Wertigkeit  der  Kontaktschranken  von  9  und  9  hat  wieder  den  mi߬ 
lichen  Charakter  von  Willkür,  obwohl  man  sich  jetzt  nach  Darwinschen 
Gedankengängen  auf  die  Unentbehrlichkeit  und  somit  das  Überleben 
undurchlässiger  Neuronen  berufen  könnte. 

Ein  anderer  Ausweg  scheint  fruchtbarer  und  anspruchsloser  zu 
sein.  Erinnern  wir  uns,  daß  auch  die  Kontaktschranken  von  9 


x)  Weitere  Vorschläge  für  die  empirische  Überprüfung,  s.  S.  390. 


Der  biologische  Standpunkt 


389 


Neuronen  schließlich  der  Bahnung  unterliegen  und  daß  es  die 
Quantität  (Qr\)  ist,  welche  sie  bahnt.  Je  größer  die  Quantität  im 
Erregungsablauf,  desto  größer  die  Bahnung,  d.h.  aber  die  Annäherung 
an  die  Charaktere  von  9-Neuronen.  Verlegen  wir  daher  die  Unter¬ 
schiede  nicht  in  die  Neuronen,  sondern  in  die  Quantitäten,  mit  denen 
sie  zu  tun  haben.  Dann  ist  ja  zu  vermuten,  daß  auf  den  9-Neuronen 
Quantitäten  ablaufen,  gegen  welche  der  Kontaktschrankenwiderstand 
nicht  in  Betracht  kommt,  daß  aber  zu  den  ^-Neuronen  nur  Quanti¬ 
täten  gelangen,  die  von  der  Größenordnung  dieses  Widerstandes  sind. 
Dann  würde  ein  9-Neuron  undurchlässig  und  ein  ^-Neuron  durch¬ 
lässig  werden,  wenn  wir  ihre  Topik  und  Verbindungen  vertauschen 
könnten;  sie  behalten  aber  ihre  Charaktere,  weil  sie  —  das  9-Neuron 
nur  mit  der  Peripherie,  das  vp-Neuron  nur  mit  dem  Körperinnern  Zu¬ 
sammenhängen.  Die  Wesensverschiedenheit  ist  durch  eine  Schicksals- 
Milieuverschiedenheit  ersetzt. 

Wir  haben  aber  jetzt  die  Annahme  zu  prüfen,  ob  man  sagen  darf, 
von  der  Außenperipherie  gelangten  Reizquantitäten  höherer  Ordnung 
zu  den  Neuronen  als  von  der  Innenperipherie  des  Körpers.  Dafür 
spricht  wirklich  mancherlei. 

Zunächst  ist  es  keine  Frage,  daß  die  Außenwelt  die  Herkunft  aller 
großen  Energiequantitäten  ist,  da  sie  nach  physikalischer  Erkenntnis 
aus  mächtigen,  hefdg  bewegten  Massen  besteht,  die  ihre  Bewegung 
fortpflanzen.  Das  System  9,  welches  dieser  Außenwelt  zugekehrt  ist, 
wird  die  Aufgabe  haben,  die  auf  die  Neuronen  eindringenden 
Quantitäten  (Qfj)  möglichst  rasch  abzuführen,  wird  aber  jedenfalls 
der  Einwirkung  großer  Quantitäten  ( Q )  ausgesetzt  sein. 

Das  System  4;  ist  nach  unserer  besten  Kenntnis  außer  Verbindung 
mit  der  Außenwelt,  es  empfängt  Quantitäten  ( Q )  nur  einerseits  von 
den  9-Neuronen  selbst,  andererseits  von  den  zelligen  Elementen  im 
Körperinnern,  und  es  handelt  sich  jetzt  darum,  wahrscheinlich  zu 
machen,  daß  diese  Reizquantitäten  niedrigerer  Größenordnung  sind. 
Es  stört  vielleicht  zuerst  die  Tatsache,  daß  wir  den  ^-Neuronen  zwei 
so  verschiedene  Reizquellen  wie  9  und  die  Körperinnenzellen  zuer¬ 
kennen  müssen;  allein  gerade  hier  hilft  uns  die  neuere  Histologie  der 
Neuronensysteme  in  zureichender  Weise.  Sie  zeigt,  daß  Neuron- 
Endigung  und  Neuron-V  erbindung  nach  demselben  Typus 


390 


Entwurf  einer  Psychologie 


gebaut  ist,  daß  die  Neuronen  aneinander  endigen  wie  an  den  Körper¬ 
elementen;  wahrscheinlich  ist  auch  das  Funktionelle  beider  Vorgänge 
gleichartig.  Es  wird  sich  wahrscheinlich  bei  der  Nervenendigung  um 
ähnliche  Quantitäten  handeln  wie  bei  der  interzellulären  Leitung. 
Wir  dürfen  auch  erwarten,  daß  die  endogenen  Reize  von  solcher 
interzellulären  Größenordnung  sind.  Im  übrigen  eröffnet 
sich  hier  ein  zweiter  Zugang  zur  Prüfung  der  Theorie.1 


DAS  QUANTITÄTSPROBLEM 

Ich  weiß  nichts  über  die  absolute  Größe  interzellulärer  Reize,  werde 
mir  aber  die  Annahme  gestatten,  sie  seien  von  geringerer  Größen¬ 
ordnung  und  von  derselben  wie  die  Widerstände  der  Kontakt¬ 
schranken,  was  dann  leicht  einsichtlich  ist.  Mit  dieser  Annahme  ist 
die  Wesensgleichheit  der  9  und  ^-Neuronen  gerettet  und  deren  Ver¬ 
schiedenheit  in  Betreff  der  Durchlässigkeit  biologisch  erklärt. 

An  Beweisen  ist  hier  Mangel,  desto  interessanter  sind  gewisse 
Ausblicke  und  Auffassungen,  die  sich  an  obige  Annahme  knüpfen. 
Zunächst,  wenn  man  sich  von  der  Größe  der  Quantitäten  ( Q )  in  der 
Außenwelt  den  richtigen  Eindruck  geholt  hat,  wird  man  sich  fragen, 
ob  die  ursprüngliche  Tendenz  des  Neuronensystems,  die  Quantität 
(Qr\)  auf  O  zu  erhalten,  denn  ihr  Genüge  an  der  raschen  Abfuhr 
findet,  ob  sie  sich  nicht  schon  bei  der  Reizaufnahme  betätigt?2 
Tatsächlich  sieht  man  die  9-Neuronen  nicht  frei  an  der  Peripherie 
endigen,  sondern  unter  Zellbildungen,  die  an  ihrer  Statt  den  exogenen 
Reiz  aufnehmen.  Diese  „Nervenendapparate“  im  allgemeinsten 
Sinn  könnten  wohl  den  Zweck  haben,  die  exogenen  Quantitäten  ( Q ) 
nicht  unverringert  auf  9  wirken  zu  lassen,  sondern  zu  dämpfen. 
Sie  hätten  dann  die  Bedeutung  von  Quantitätsschirmen  (Q),  durch 
die  nur  Quotienten  der  exogenen  Quantitäten  (Q)  durchgehen. 


J)  Der  zweite  Vorschlag  zur  empirischen  Überprüfung;  s.  o.  S.  388. 

2)  S.  381  und  Anmkg.  2. 


Der  Schmerz 


391 


Dazu  stimmt  es  dann,  wenn  die  andere  Art  der  Nervenendigung, 
die  freie,  ohne  Endorgane  in  der  Körperinnenperipherie  die  hei 
weitem  bevorzugtere  ist.  Dort  scheint  es  keiner  Quantitätsschirme  (Q) 
zu  bedürfen,  wahrscheinlich  weil  die  dort  aufzunehmenden  Quanti¬ 
täten  (Qf|)  nicht  erst  die  Herabdrückung  auf  das  interzelluläre  Niveau 
erfordern,  sondern  von  vorne  herein  so  sind. 

Da  man  die  Quantitäten  (Q)  berechnen  kann,  die  von  den  Endi¬ 
gungen  der  (p-Neuronen  aufgenommen  werden,  ergibt  sich  hier  viel¬ 
leicht  ein  Zugang,  sich  von  den  Größen,  die  zwischen  ^-Neuronen 
ablaufen,  die  also  von  der  Art  der  Kontaktschrankenwiderstände  sind, 
eine  Vorstellung  zu  verschaffen. 

Man  ahnt  hier  ferner  eine  Tendenz,  die  etwa  den  Aufbau  des 
Neuronensystems  aus  mehreren  Systemen  beherrschen  mag:  immer 
weiter  gehende  Abhaltung  von  Quantität  (Qi))  von  den  Neuronen. 
Der  Aufbau  also  des  Neuronensystems  dürfte  der  Abhaltung, 
die  Funktion  der  Abfuhr  der  Quantität  (Qi))  von  den  Neuronen 
dienen. 


DER  SCHMERZ1 

Alle  Einrichtungen  biologischer  Natur  haben  ihre  Wirksamkeits¬ 
schranken,  außerhalb  deren  sie  versagen.  Dies  Versagen  äußert  sich 
in  Phänomenen,  die  ans  Pathologische  streifen,  sozusagen  die  Normal- 
vorbüder  für  das  Pathologische  geben.  Wir  haben  das  Neuronen¬ 
system  so  eingerichtet  gefunden,  daß  die  großen  äußeren  Quantitäten 
(Q)  von  9  und  noch  mehr  von  vp  abgehalten  werden :  Die  Nervenend- 
schirme  und  die  bloß  indirekte  Verbindung  von  vp  mit  der  Außenwelt 
dienen  diesem  Zweck.  Gibt  es  eine  Erscheinung,  die  sich  zur  Deckung 
bringen  läßt  mit  dem  Versagen  dieser  Einrichtungen?  Ich  glaube, 
es  ist  der  Schmerz. 

Alles  was  wir  vom  Schmerz  wissen,  stimmt  hiezu.  Das  Neuronen¬ 
system  hat  die  entschiedenste  Neigung  zur  Schmerzflucht. 
Wir  erblicken  darin  die  Äußerung  der  primären  Tendenz  gegen  die 
Erhöhung  der  Quantitätsspannung  (Qi))  und  schließen,  der  Schmerz 
bestehe  in  dem  Hereinbrechen  großer  Quantitäten 


x)  Eine  Weiterführung  des  hier  Angedeuteten  findet  sich  in  dem  Abschnitt 
, Schmerzerlebnis“  S.  404  ff. 


392 


Entwurf  einer  Psychologie 


(Q)  nach  y.  Dann  sind  die  beiden  Tendenzen  eine  einzige.  Der 
Schmerz  setzt  das  9  wie  das  9/- System  in  Bewegung,  es  gibt  für  ihn 
kein  Leitungshindernis,  er  ist  der  gebieterischeste  aller  Vorgänge. 
Die  vp-Neuronen  scheinen  also  durchlässig  für  ihn  zu  sein,  er  besteht 
also  in  der  Aktion  von  Quantitäten  (g)  höherer  Ordnung. 

Die  Schmerzanlässe  sind  einerseits  quantitative  Steigerung;  jede 
sensible  Erregung  neigt  zum  Schmerz  mit  Zunahme  des  Reizes,  selbst 
der  höchsten  Sinnesorgane.  Dies  ist  ohne  weiteres  als  Versagen  zu 
verstehen.  Andererseits  gibt  es  Schmerz  bei  geringen  Außenquanti¬ 
täten  und  dieser  ist  dann  regelmäßig  an  Kontinuitätstrennung  ge¬ 
bunden,  d.h.  äußere  Quantität  (g),  die  auf  die  Enden  der  9-Neurone 
direkt  wirkt,  nicht  durch  die  Nervenendapparate,  ergibt  Schmerz. 
Der  Schmerz  ist  hiedurch  charakterisiert  als  Hereinbrechen 
übergroßer  Quantitäten  (g)  nach  9  und  vp,  d.h.  solcher  Quantitäten 
(g),  die  von  noch  höherer  Ordnung  sind  als  die  9-Reize. 

Daß  der  Schmerz  alle  Abfuhrwege  geht,  ist  leicht  verständlich.  In 
y  hinterläßt  er  nach  unserer  Theorie,  daß  Quantität  (g)  Bahnung 
macht,  wohl  dauernde  Bahnungen,  wie  wenn  der  Blitz  durchgeschlagen 
hätte,  Bahnungen,  die  möglicherweise  den  Widerstand  der  Kontakt¬ 
schranken  völlig  aufheben  und  dort  einen  Leitungsweg  etablieren, 
wie  er  in  9  besteht. 


DAS  QUALITÄTSPROBLEM 

Es  ist  bisher  gar  nicht  zur  Sprache  gekommen,  daß  jede  psycholo¬ 
gische  Theorie  außer  den  Leistungen  von  naturwissenschaftlicher 
Seite  her  noch  eine  große  Anforderung  erfüllen  muß.  Sie  soll  uns 
erklären,  was  wir  auf  die  rätselhafteste  Weise  durch  unser  „Be- 
*  wußtsein“  kennen,  und  da  dieses  Bewußtsein  von  den  bisherigen 
Annahmen  —  Quantitäten  und  Neuronen  —  nichts  weiß,  uns  auch 
dieses  Nichtwissen  erklären. 

Sofort  werden  wir  uns  einer  Voraussetzung  klar,  die  uns  bisher 
geleitet  hat.  Wir  haben  die  psychischen  Vorgänge  als  etwas  behandelt, 
was  dieser  Kenntnis  durch  das  Bewußtsein  entbehren  könnte,  was 
unabhängig  von  einer  solchen  existiert.  Wir  sind  darauf  gefaßt,  ein¬ 
zelne  unserer  Annahmen  nicht  durch  das  Bewußtsein  bestätigt  zu 


Das  Qualitätsproblem 


393 


finden.  Wenn  wir  uns  darum  nicht  irre  machen  lassen,  so  folgt  dies 
aus  der  Voraussetzung,  das  Bewußtsein  gebe  weder  vollständige  noch 
verläßliche  Kenntnis  der  Neuronenvorgänge ;  dieselben  seien  im 
ganzen  Umfang  zunächst  als  unbewußt  zu  betrachten  und  wie  andere 
natürliche  Dinge  zu  erschließen. 

Dann  aber  ist  der  Inhalt  des  Bewußtseins  einzureihen  in  unsere 
quantitativen  tp- Vorgänge.  Das  Bewußtsein  gibt  uns,  was  man 
Qualitäten  heißt,  Empfindungen,  die  in  großer  Mannigfaltigkeit 
anders  sind  und  deren  Anders  nach  Beziehungen  zur  Außenwelt 
unterschieden  wird.  In  diesem  Anders  gibt  es  Reihen,  Ähnlichkeiten 
u.  dgl.,  Quantitäten  gibt  es  eigentlich  darin  nicht.  Man  kann  fragen, 
wie  entstehen  die  Qualitäten  und  wo  entstehen  die  Qualitäten?  Es 
sind  Fragen  der  sorgsamsten  Untersuchung  bedürftig,  über  die  hier 
nur  ungefähr  gehandelt  werden  kann. 

Wo?  entstehen  die  Qualitäten?  In  der  Außenwelt  nicht,  denn  nach 
unserer  naturwissenschaftlichen  Anschauung,  der  hier  auch  die  Psy¬ 
chologie  unterworfen  werden  soll,  gibt  es  draußen  nur  bewegte  Massen, 
nichts  sonst.  Im  9- System  etwa?  Dem  stimmt  zu,  daß  die  Qualitäten 
an  die  Wahrnehmung  geknüpft  sind,  widerspricht  aber  alles,  was 
für  den  Sitz  des  Bewußtseins  in  oberen  Etagen  des  Neuronensystems 
mit  Recht  geltend  zu  machen  ist.  Also  im  vp- System.  Dagegen  gibt 
es  nun  einen  wichtigen  Einwand.  Bei  der  Wahrnehmung  sind  das  9 
und  das  <9- System  mitsammen  tätig;  es  gibt  nun  einen  psychischen 
Vorgang,  der  sich  wohl  ausschließlich  in  9  vollzieht,  das  Reproduzieren 
oder  Erinnern,  und  dieser  ist  allgemein  gesprochen  qualitätslos. 
Die  Erinnerung  bringt  de  norma  nichts  von  der  besonderen  Art  der 
Wahrnehmungsqualität  zustande.  So  schöpft  man  Mut  zur  Annahme, 
es  gäbe  ein  drittes  System  von  Neuronen,  Wahmehmungsneuronen 
etwa,  welches  bei  der  Wahrnehmung  mit  erregt  wird,  bei  der  Re¬ 
produktion  nicht,  dessen  Erregungszustände  die  verschiedenen 
Qualitäten  ergeben,  d.h.  bewußte  Empfindungen  sind.1 


x)  Die  Rolle  der  Wahmehmungsneuronen  und  ihre  Stellung  zu  den  9  und 
9-Neuronen  ist  im  Brief  vom  1.  1.  1896  neu  formuliert;  es  heißt  dort:  „Ich 
schiebe  jetzt  die  W.  Neuronen  zwischen  die  9  und  die  ^-(Neuronen)  ein, 
so  daß  9  seine  Qualität  an  W  überträgt,  W  jetzt  an  9  weder  Qual(ität)  noch 
Quant(ität)  überträgt,  sondern  <9  nur  anregt,  d.h.  der  freien  9-Energie  ihre 
Wege  anweist.“ 


394 


Entwurf  einer  Psychologie 


Hält  man  fest,  daß  unser  Bewußtsein  nur  Qualitäten  liefert, 
während  die  Naturwissenschaft  Quantitäten  anerkennt,  so 
ergibt  sich  wie  aus  einer  Regeldetri  eine  Charakteristik  der  Wahr¬ 
nehmungsneuronen.  Während  nämlich  die  Wissenschaft  sich  zur 
Aufgabe  gesetzt  hat  , unsere  Empfindungs-Q  u  a  1  i  t  ä  t  e  n  sämtlich 
auf  äußere  Quantität  zurückzuführen,  ist  vom  Bau  des 
Neuronensystems  zu  erwarten,  daß  es  aus  Vorrichtungen  bestehe,  um 
die  äußere  Quantität  in  Qualität  zu  verwandeln,  womit  wieder 
die  ursprüngliche  Tendenz  zur  Abhaltung  von  Quantität 
siegreich  erscheint.  Die  Nervenendapparate  waren  ein  Schirm,  um 
nur  Quotienten  der  äußeren  Quantität  zur  Wirkung  auf  9  zuzulassen, 
während  9  gleichzeitig  die  grobe  Quantitätsabfuhr  besorgt.  Das 
System  y  war  vor  höheren  Ordnungen  von  Quantitäten  bereits 
geschützt,  hatte  nur  mit  interzellulären  Größen  zu  tun.  In  weiterer 
Fortsetzung  ist  zu  vermuten,  daß  das  System  W  von  noch  geringeren 
Quantitäten  bewegt  wird.  Man  ahnt,  es  käme  der  Qualitätscharakter 
(also  die  bewußte  Empfindung)  nur  dort  zustande,  wo  die  Quantitäten 
möglichst  ausgeschaltet  sind.  Ganz  beseitigen  läßt  sie  sich  nicht, 
denn  auch  diese  Wahrnehmungsneuronen  müssen  wir  uns  mit 
Quantität  (Qr\)  besetzt  und  zur  Abfuhr  strebend  denken.1 

Damit  eröffnet  sich  aber  eine  anscheinend  ungeheure  Schwierigkeit. 
Wir  sahen,  Durchlässigkeit  hängt  von  der  Einwirkung  der  Quantität 
(Qf|)  ab,  die  y-Neuronen  sind  bereits  undurchlässig.  Bei  noch 
kleinerer  Quantität  (ßf|)  müßten  die  Wahrnehmungsneuronen  noch 
undurchdringlicher  sein.  Allein  diesen  Charakter  können  wir  den 
Bewußtseinsträgern  nicht  lassen.  Zum  Wechsel  des  Inhalts,  zur 
Flüchtigkeit  des  Bewußtseins,  zur  leichten  Verknüpfung  gleichzeitig 
wahrgenommener  Qualitäten  stimmt  nur  volle  Durchlässigkeit  der 
Wahrnehmungsneuronen  mit  vollständiger  restitutio  in  integrum. 
Die  Wahrnehmungsneuronen  verhalten  sich  wie  Wahrnehmungs¬ 
organe,  auch  wüßten  wir  mit  einem  Gedächtnis  derselben  nichts 
anzufangen.  Also  Durchlässigkeit,  volle  Bahnung,  die  nicht  von 
Quantitäten  herrührt,  wovon  sonst? 

Ich  sehe  nur  einen  Ausweg,  die  Grundannahme  über  den  Quantitäts¬ 
ablauf  (Qri)  zu  revidieren.  Ich  habe  denselben  bisher  nur  als  Über- 


x)  S.  S.  393  Anmkg. 


Das  Qualitätsproblem 


395 


tragung  von  Quantität  (Of])  von  einem  Neuron  zum  anderen  be¬ 
trachtet.  Er  muß  aber  noch  einen  Charakter  haben,  zeitlicher  Natur, 
denn  auch  den  anderen  Massenbewegungen  der  Außenwelt  hat  die 
Mechanik  der  Physiker  diese  zeitliche  Charakteristik  gelassen.  Ich 
heiße  dieselbe  kurz :  Die  Periode.  So  will  ich  annehmen,  daß 
aller  Widerstand  der  Kontaktschranken  nur  für  die  Quantitätsüber¬ 
tragung  (2)  güt,  daß  aber  die  Periode  der  Neuronenbewegung 
sich  ungehemmt  überallhin  fortpflanzt,  gleichsam  als  Induktions¬ 
vorgang. 

Für  physikalische  Klärung  ist  hier  sehr  viel  zu  tun,  denn  die  allge¬ 
meinen  Bewegungsgesetze  müssen  auch  hier  widerspruchsfrei  zur 
Geltung  kommen.  Die  Annahme  geht  aber  weiter,  daß  die  Wahr¬ 
nehmungsneuronen  unfähig  sind,  Quantitäten  (Qr\)  aufzunehmen, 
dafür  sich  die  Periode  der  Erregung  aneignen,  und  daß  dieser 
ihr  Zustand  von  Affektion  durch  die  Periode  bei  geringster  Quantitäts¬ 
erfüllung  (ßfi)  das  Fundament  des  Bewußtseins  ist.  Auch  die  y 
Neuronen  haben  natürlich  ihre  Periode,  allein  diese  ist  qualitätslos, 
besser  gesagt :  monoton.  Abweichungen  von  dieser  psychischen 
Eigenperiode  kommen  als  Qualitäten  zum  Bewußtsein. 

Woher  rühren  die  Verschiedenheiten  der  Periode  ?  Alles  weist 
auf  die  Sinnesorgane  hin,  deren  Qualitäten  durch  verschiedene 
Perioden  der  Neuronenbewegung  dargestellt  werden  sollen.  Die 
Sinnesorgane  wirken  nicht  nur  als  Quantitätsschirme  (2)  wie  alle 
Nervenendapparate,  sondern  auch  als  Siebe,  indem  sie  nur  von 
gewissen  Vorgängen  mit  bestimmter  Periode  Reiz  durchlassen. 
Wahrscheinlich  übertragen  sie  dann  auf  9  diese  Verschiedenheit, 
indem  sie  der  Neuronenbewegung  irgend  analog  verschiedene  Perioden 
mitteüen  (spezifische  Energie)  und  diese  Modifikationen  sind  es,  die 
sie  durch  9  über  vp  nach  W  fortsetzen,  und  dort,  wo  sie  fast  quantitäts¬ 
frei  sind,  bewußte  Empfindungen  von  Qualitäten  erzeugen.  Haltbar 
ist  diese  Qualitätsfortpflanzung  nicht,  sie  hinterläßt  keine  Spuren, 
ist  nicht  reproduzierbar. 


396 


Entwurf  einer  Psychologie 


DAS  BEWUSSTSEIN 

Nur  durch  solche  komplizierte  und  wenig  anschauliche  Annahmen 
ist  es  mir  bisher  gelungen,  die  Phänomene  des  Bewußtseins  in  den 
Aufbau  der  quantitativen  Psychologie  einzubeziehen. 

Eine  Erklärung,  wieso  Erregungsvorgänge  in  den  Wahrnehmungs- 
neuronen  (c oN)  Bewußtsein  mit  sich  bringen,  ist  natürlich  nicht  zu 
versuchen.  Es  handelt  sich  nur  darum,  die  uns  bekannten  Eigen¬ 
schaften  des  Bewußtseins  durch  parallel  veränderliche  Vorgänge  in 
den  Wahrnehmungsneuronen  (coiV)  zu  decken.  Das  geht  dann  im 
Einzelnen  nicht  übel. 

Ein  Wort  über  das  Verhältnis  dieser  Bewußtseinstheorie  zu  anderen. 
Nach  einer  vorgeschrittenen  mechanistischen  Theorie  ist  das  Be¬ 
wußtsein  eine  bloße  Zutat  zu  den  physiologisch-psychischen  Vor¬ 
gängen,  deren  Wegfall  am  psychischen  Ablauf  nichts  ändern  würde. 
Nach  anderer  Lehre  ist  Bewußtsein  die  subjektive  Seite  alles  psy¬ 
chischen  Geschehens,  also  untrennbar  vom  physiologischen  Seelen¬ 
vorgang.  Zwischen  beiden  steht  die  hier  entwickelte  Lehre.  Be¬ 
wußtsein  ist  hier  die  subjektive  Seite  eines  Teües  der  physischen 
Vorgänge  im  Neuronensystem,  nämlich  der  Wahrnehmungs Vorgänge 
(co- Vorgänge),  und  Wegfall  des  Bewußtseins  läßt  das  psychische 
Geschehen  nicht  ungeändert,  sondern  schließt  den  Wegfall  des 
Beitrages  aus  dem  W  (co)  System  in  sich  ein. 

Stellt  man  das  Bewußtsein  durch  Wahmehmungsneuronen  (c oN) 
dar,  so  hat  dies  mehrere  Folgerungen.  Diese  Neuronen  müssen  eine 
Abfuhr  haben,  so  klein  sie  sein  mag,  und  es  muß  einen  Weg  geben, 
die  Wahrnehmungsneuronen  mit  Quantitäten  (Qv\)  im  geringen 
erforderlichen  Betrag  zu  erfüllen.  Die  Abfuhr  geht  wie  jede  nach  der 
Seite  der  Motüität,  wobei  zu  bemerken  ist,  daß  beim  motorischen 
Umsatz  offenbar  jeder  Qualitätscharakter,  jede  Besonderheit  der 
Periode  verloren  geht.  Die  Quantitätserfüllung  der  Wahrnehmungs¬ 
neuronen  kann  wohl  nur  von  y  aus  geschehen,  da  wir  diesem  dritten 
System  keine  direkte  Verknüpfung  mit  9  zugestehen  möchten.  Was 
der  ursprüngliche  biologische  Wert  der  Wahrnehmungsneuronen  war, 
läßt  sich  nicht  angeben. 


Das  Funktionieren  des  Apparates 


397 


Wir  haben  aber  bisher  den  Inhalt  des  Bewußtseins  unvollständig 
beschrieben;  er  zeigt  außer  den  Reihen  der  sinnlichen  Qualitäten 
eine  andere  davon  sehr  verschiedene  Reihe,  die  der  Lust-  und 
Unlust  -Empfindungen,  die  jetzt  der  Deutung  bedarf.  Da  uns  eine 
Tendenz  des  psychischen  Lebens,  Unlust  zu  vermeiden, 
sicher  bekannt  ist,  sind  wir  versucht,  diese  mit  der  primären  Träg¬ 
heitstendenz  zu  identifizieren.  Dann  wäre  Unlust  zu  decken  mit 
Erhöhung  des  Quantitätsniveaus  (Qr\)  oder  quantitativer  Druck¬ 
steigerung,  wäre  die  Wahrnehmung  Empfindung  bei  Quantitäts¬ 
steigerung  (Qfj)  in  4;.  Lust  wäre  die  Abfuhrempfindung.  Da  das 
System  W  von  vp  aus  erfüllt  werden  soll,  ergäbe  sich  die  Annahme, 
daß  bei  höherem  ^-Niveau  die  Besetzung  in  W  zu-,  bei  fallendem 
Niveau  dagegen  abnimmt.  Lust  und  Unlust  wären  die  Empfindungen 
der  eigenen  Besetzung,  des  eigenen  Niveaus  in  W ,  wobei  W  und  4; 
gewissermaßen  kommunizierende  Gefäße  darstellen.  Auf  solche 
Weise  kämen  auch  die  quantitativen  Vorgänge  in  4;  zum  Bewußtsein, 
wieder  als  Qualitäten. 

Mit  der  Lust-  and  Unlustempfindung  schwindet  die  Eignung, 
sinnliche  Qualitäten  wahrzunehmen,  die  sozusagen  in  der  Indif¬ 
ferenzzone  zwischen  Lust  und  Unlust  liegen.  Es  wäre  dies  zu  über¬ 
setzen,  daß  die  Wahrnehmungsneurone  (0 oN)  bei  einer  gewissen 
Besetzung  ein  Optimum  zeigen,  die  Periode  der  Neuronenbe¬ 
wegung  aufzunehmen,  bei  stärkerer  Besetzung  Unlust  ergeben,  bei 
schwächerer  Lust,  bis  die  Aufnahmsfähigkeit  mit  dem  Mangel  an 
Besetzung  schwindet.  Zu  solchen  Daten  wäre  die  entsprechende 
Bewegungsform  zu  konstruieren. 


DAS  FUNKTIONIEREN  DES  APPARATES 

Man  kann  sich  nun  folgende  Vorstellung  von  der  Leistung  des 
aus  94;co  bestehenden  Apparates  büden. 

Von  außen  dringen  die  Erregungsgrößen  auf  die  Enden  des  9 
Systems  ein,  stoßen  zunächst  auf  die  Nervenendapparate  und  werden 
durch  diese  auf  Quotienten  gebrochen,  welche  wahrscheinlich  höherer 
Ordnung  als  Interzellularreize  sind  (vielleicht  doch  derselben  Ord¬ 
nung?).  Es  gibt  hier  eine  erste  Schwelle;  unterhalb  einer  gewissen 


398 


Entwurf  einer  Psychologie 


Quantität  kommt  ein  wirksamer  Quotient  überhaupt  nicht  zustande, 
so  daß  die  Wirkungsfähigkeit  der  Reize  gewissermaßen  auf  die 
mittleren  Quantitäten  beschränkt  ist.  Nebstbei  wirkt  die  Natur 
der  Nervendecken  als  Sieb,  so  daß  an  den  einzelnen  Endstellen  nicht 
Reize  jeder  Art  wirken  können.  Die  auf  9-Neuronen  wirklich  an¬ 
langenden  Reize  haben  eine  Quantität  und  einen  qualitativen 
Charakter,  sie  bilden  in  der  Außenwelt  eine  Reihe  gleicher  Qualität 
und  wachsender  Quantität  von  der  Schwelle  an  bis  zur  Schmerz¬ 
grenze. 

Während  in  der  Außenwelt  die  V  o  r  g  ä  n  g  e  ein  Kontinuum  nach 
zwei  Richtungen  darstellen,  der  Quantität  wie  der  Periode  (Qualität) 
nach,  sind  die  ihnen  entsprechenden  Reize  der  Quantität  nach 
erstens  reduziert,  zweitens  durch  einen  Ausschnitt  begrenzt, 
der  Qualität  nach  diskontinuierlich,  so  daß  gewisse  Perio¬ 
den  gar  nicht  als  Reize  wirken. 


Der  Qualitätscharakter  der  Reize  setzt  sich  nun  ungehindert  durch 
9  über  4;  nach  00  fort,  wo  er  Empfindung  erzeugt;  er  ist  dargestellt 
durch  eine  besondere  Periode  der  Neuronenbewegung,  die  gewiß 
nicht  die  gleiche  ist  wie  die  des  Reizes,  aber  eine  gewisse  Relation 
zu  ihr  hat  nach  einer  uns  unbekannten  Reduktionsformel.  Diese 
Periode  erhält  sich  nicht  lange  und  schwindet  gegen  die  motorische 
Seite  hin;  da  sie  durchgelassen  wird,  hinterläßt  sie  auch  kein  Ge¬ 
dächtnis. 

Die  Quantität  des  9-Reizes  erregt  die  Abfuhrtendenz  des  Nerven¬ 
systems,  indem  sie  sich  in  proportionale  motorische  Erregung  um¬ 
setzt.  Der  Motilitätsapparat  ist  direkt  an  9  gehängt,  die  so  über- 


Das  Funktionieren  des  Apparates 


399 


setzten  Quantitäten  schaffen  eine  ihnen  quantitativ  weit  überlegene 
Wirkung,  indem  sie  in  die  Muskeln,  Drüsen  u.  dgl.  eingehen,  also 
dort  durch  Entbindung  wirken,  während  zwischen  den  Neu¬ 
ronen  nur  Übertragung  stattfindet. 


In  den  9-Neuronen  endigen  ferner  die  y-Neuronen,  auf  welche 
ein  Teil  der  Quantität  (ßf|)  übertragen  wird,  aber  nur  ein  Teil,  etwa 
ein  Quotient,  welcher  einer  interzellulären  Reizgröße  entspricht.  Es 
fragt  sich  hier,  ob  die  auf  4;  übertragene  Quantität  nicht  proportional 
der  in  9  strömenden  Quantität  wächst,  so  daß  ein  größerer  Reiz  eine 
stärkere  psychische  Wirkung  ausübt.  Hier  scheint  eine  besondere 
Einrichtung  vorzuliegen,  welche  neuerdings  Quantität  (2)  von  y 
abhält.  Die  sensible  9  Leitung  ist  nämlich  in  eigentümlicher  Weise 
gebaut,  sie  verzweigt  sich  fortwährend  und  zeigt  dickere  und  dünnere 
Bahnen,  welche  in  zahlreichen  Endstellen  ausgehen,  wahrscheinlich 
von  folgender  Bedeutung:  Ein  starker  Reiz  geht  andere  Wege  als 

ein  schwächerer.  (Qf|)  1  z.B.  wird 
nur  den  Weg  I  gehen  und  bei  der 
Endstelle  a  einen  Quotienten  auf  4; 
übertragen.  (Qf|)  2  wird  nicht  in  oc 
den  doppelten  Quotienten  übertragen, 
sondern  auch  den  Weg  II  gehen 
können,  der  enger  ist  und  eine 
zweite  Endstelle  nach  4;  eröffnen. 
(Qfi)  3  wird  die  engste  Bahn  eröffnen  und  auch  durch  y 
übertragen.  So  wird  die  einzelne  9-Bahn  entlastet,  die  größere 
Quantität  in  9  sich  dadurch  ausdrücken,  daß  sie  in  4;  mehrere  Neurone 
anstatt  eines  einzigen  besetzt.  Die  einzelnen  Besetzungen  der  4; 
Neuronen  können  dabei  ungefähr  gleich  sein.  Wenn  Qf\  in  9  eine 
Besetzung  in  4;  ergibt,  so  drückt  sich  (Qf\)  3  aus  durch  Besetzung  in 
T1+T2  +  T3-  Quantität  in  9  drückt  sich  also  aus  durch 
Komplikation  in  4;.  Hiedurch  ist  die  Quantität  ( Q )  von  4; 
abgehalten,  bis  zu  gewissen  Grenzen  wenigstens.  Es  erinnert  dies 
sehr  an  die  Verhältnisse  des  Fechner‘schen  Gesetzes,  welches  sich 
so  lokalisieren  ließe. 


Auf  solche  Weise  wird  4;  von  9  aus  besetzt  in  Quantitäten  (0), 
die  normaler  Weise  klein  sind.  Die  Quantität  der  9-Erregung  drückt 


400 


Entwurf  einer  Psychologie 


sich  in  9  aus  durch  Komplikation,  die  Qualität  durch  T  o  p  i  k, 
indem  den  anatomischen  Verhältnissen  nach  die  einzelnen  Sinnes¬ 
organe  durch  9  nur  mit  bestimmten  9-Neuronen  in  Verkehr  stehen. 
9  erhält  aber  noch  Besetzung  vom  Körperinneren  aus  und  es  geht 
wohl  an,  sich  die  9-Neuronen  in  zwei  Gruppen  zu  zerlegen,  die 
Mantel  -Neurone  die  von  9  aus  und  die  Kern  -Neurone,  die  von 
den  endogenen  Leitungen  aus  besetzt  werden. 


DIE  9-LEITUNGEN 

Der  Kern  von  <9  steht  in  Verbindung  mit  jenen  Bahnen,  auf  welchen 
endogene  Erregungsquantitäten  aufsteigen.  Ohne  daß  wir  Verbin¬ 
dungen  dieser  Bahnen  mit  9  ausschließen,  müssen  wir  doch  die  ur¬ 
sprüngliche  Annahme  festhalten,  daß  ein  direkter  Weg  vom  Körperin¬ 
neren  zu  9-Neuronen  führt.  Dann  ist  aber  9  auf  dieser  Seite  den 
Quantitäten  (2)  schutzlos  ausgesetzt  und  hierin  liegt  die  Trieb¬ 
feder  des  psychischen  Mechanismus. 

Was  wir  von  den  endogenen  Reizen  wissen,  läßt  sich  in  der 
Annahme  ausdrücken,  daß  sie  interzellulärer  Natur  sind,  kon¬ 
tinuierlich  entstehen  und  nur  periodisch  zu  psychischen  Reizen  werden. 
Die  Idee  einer  Anhäufung  ist  unabweislich  und  die  Intermittenz  der 
psychischen  Wirkung  läßt  nur  die  Auffassung  zu,  daß  sie  auf  ihrem 
Leitungsweg  nach  9  auf  Widerstände  stoßen,  die  erst  beim  Anwachsen 
der  Quantität  überwunden  werden.  Es  sind  also  Leitungen  mehr¬ 
facher  Gliederung,  mit  Einschaltung  mehrerer  Kontaktschranken  bis 
zum  9-Kern.  Von  einer  gewissen  Quantität  (2)  an  wirken  sie  aber 
beständig  als  Reiz  und  jede  Steigerung  der  Quantität  (2)  wird  als 
Steigerung  des  9-Reizes  wahrgenommen.  Es  gibt  also  dann  einen 
Zustand,  in  dem  die  Leitung  durchlässig  geworden  ist.  Die  Erfahrung 
lehrt  weiter,  daß  nach  Abfuhr  des  9-Reizes  die  Leitung  ihren  Wider¬ 
stand  wieder  aufnimmt. 

Man  heißt  einen  solchen  Vorgang :  Summation.  Die  9- 
Leitungen  erfüllen  sich  durch  Summation,  bis  sie  durchlässig  werden. 
Offenbar  ist  es  die  Kleinheit  des  einzelnen  Reizes,  welche  die  Sum¬ 
mation  gestattet.  Summation  ist  auch  für  die  9-Leitungen,  z.B.  für 
die  Schmerzleitung  nachgewiesen,  sie  güt  dort  nur  für  kleine  Quanti- 


Die  41“ Leitungen 


401 


täten.  Die  geringere  Rolle  der  Summation  auf  der  9- Seite  spricht 
dafür,  daß  es  sich  dort  in  der  Tat  um  größere  Quantitäten  handelt. 
Sehr  kleine  scheinen  durch  die  Schwellenwirkung  der  Nervenend- 
apparate  abgehalten,  während  auf  der  '9-  Seite  solche  fehlen  und  nur 
kleine  Quantitäten  wirken. 

Es  ist  bemerkenswert,  daß  die  9-Leitungsneurone  sich  zwischen 
den  Charakteren  der  Durchlässigkeit  und  der  Undurchlässigkeit 
erhalten  können,  indem  sie  trotz  des  Durchganges  von  Quantität 
(2f))  ihren  Widerstand  im  vollen  Umfang  beinahe  wieder  aufnehmen. 
Es  widerspricht  dies  ganz  der  angenommenen  Eigenschaft  der  9- 
Neurone,  durch  strömende  Quantität  (Qr\)  dauernd  gebahnt  zu 
werden.  Wie  läßt  sich  dieser  Widerspruch  aufklären?  Durch  die 
Annahme,  daß  die  Wiederherstellung  des  Widerstandes  bei  Auf¬ 
hören  der  Strömung  allgemeine  Eigenschaft  der  Kontaktschranken 
ist.  Dies  läßt  sich  auch  dann  unschwer  mit  der  Beeinflussung  der  9- 
Neurone  zur  Bahnung  vereinen.  Man  braucht  nur  anzunehmen, 
daß  die  Bahnung,  die  nach  dem  Quantitätsablauf  übrig  bleibt,  nicht 
in  der  Aufhebung  eines  jeden  Widerstandes  besteht,  sondern  in  der 
Herabsetzung  desselben  bis  auf  ein  notwendig  bleibendes  Minimum. 
Während  des  Quantitätsablaufes  ( Q )  ist  der  Widerstand  aufgehoben, 
nachher  stellt  er  sich  wieder  her,  allein  je  nach  der  durchgelaufenen 
Quantität  (2)  bis  zu  verschiedener  Höhe,  so  daß  nächstes  Mal  bereits 
eine  kleinere  Quantität  ( Q )  passieren  kann  u.  dgl.  Bei  völligster 
Bahnung  bleibt  dann  ein  gewisser  für  alle  Kontaktschranken  gleicher 
Widerstand,  der  also  auch  Anwachsen  von  Quantitäten  ( Q )  bis  zu 
einer  gewissen  Schwelle  fordert,  damit  diese  passieren.  Dieser  Wider¬ 
stand  wäre  eine  Konstante.  Somit  bedeutet  die  Tatsache  der  Ein¬ 
wirkung  der  endogenen  Quantitäten  (Qy\)  durch  Summation  weiter 
nichts,  als  daß  diese  Quantität  sich  aus  sehr  kleinen,  unter  der  Kon¬ 
stante  befindlichen  Größen  von  Erregung  zusammensetzt,  die  endogene 
Leitung  ist  darum  vollkommen  gebahnt. 

Daraus  folgt  aber,  daß  die  9  Kontaktschranken  im  allgemeinen 
höher  reichen  als  die  Leitungsschranken,  so  daß  in  den  Kern- 
Neuronen  eine  neue  Aufspeicherung  von  Quantität  (Q?\)  erfolgen 
kann.  Dieser  ist  von  der  Ausgleichung  der  Leitung  an  weiter  keine 
Grenze  gesetzt.  9  ist  hier  der  Quantität  (2)  preisgegeben  und  damit 

EE 


402 


Entzourf  einer  Psychologie 


entsteht  im  Innern  des  Systems  der  Antrieb,  welcher  alle  psychische 
Tätigkeit  unterhält.  Wir  kennen  diese  Macht  als  den  Willen, 
den  Abkömmling  der  Triebe. 

DAS  BEFRI  EDI  GUN  GS  ERLEBNIS 

Die  Erfüllung  der  Kern-Neuronen  in  vy  wird  ein  Abfuhrbestreben, 
einen  Drang  zur  Folge  haben,  der  sich  nach  motorischem  Weg 
hin  entlädt.  Der  Erfahrung  nach  ist  es  die  Bahn  zur  inneren 
Veränderung  (Ausdruck  der  Gemütsbewegung,  Schreien,  Ge¬ 
fäßinnervation),  die  dabei  zuerst  beschritten  wird.  Alle  solche  Abfuhr 
wird  aber,  wie  eingangs  dargelegt,  keinen  entlastenden  Erfolg  haben, 
da  die  Aufnahme  endogenen  Reizes  doch  fortdauert  und  die  ty- 
Spannung  wieder  herstellt.  Reizaufhebung  ist  hier  nur  möglich 
durch  einen  Eingriff,  welcher  im  Körperinnern  die  Quantitätsent¬ 
bindung  (Qf|)  für  eine  Weile  beseitigt,  und  dieser  Eingriff  erfordert 
eine  Veränderung  in  der  Außenwelt  (Nahrungszufuhr,  Nähe  des 
Sexualobjektes),  welche  als  spezifische  Aktion  nur  auf 
bestimmten  Wegen  erfolgen  kann.  Der  menschliche  Organismus  ist 
zunächst  unfähig,  die  spezifische  Aktion  herbeizuführen.  Sie  erfolgt 
durch  fremde  Hilfe,  indem  durch  die  Abfuhr  auf  dem  Wege 
der  inneren  Veränderung  ein  erfahrenes  Individuum  auf  den  Zustand 
des  Kindes  aufmerksam  gemacht  wird.  Diese  Abfuhrbahn  gewinnt 
so  die  höchst  wichtige  Sekundärfunktion  der  Verständigung 
und  die  anfängliche  Hilflosigkeit  des  Menschen  ist  die  Urquelle 
aller  moralischen  Motive.1 

Wenn  das  hilfreiche  Individuum  die  Arbeit  der  spezifischen  Aktion 
in  der  Außenwelt  für  das  hilflose  geleistet  hat,  so  ist  dieses  durch 
reflektorische  Einrichtungen  imstande,  die  zur  endogenen  Reizauf¬ 
hebung  nötige  Leistung  in  seinem  Körperinnern  ohne  weiteres  zu 
vollziehen.  Das  Ganze  stellt  dann  ein  Befriedigungser¬ 
lebnis  dar,  welches  die  eingreifendsten  Folgen  für  die  Funktions¬ 
entwicklung  des  Individuums  hat.  Es  geschieht  nämlich  dreierlei  im 
y- System.  i.  Es  wird  dauernde  Abfuhr  geleistet  und  damit  dem 

x)  In  späteren  Formulierungen  Freuds  ist  die  hier  gegebene  kaum  je  er¬ 
reicht  oder  übertroffen  worden:  sie  weist  der  Objektbeziehung  ihren  Platz 
an  beim  Übergang  vom  Lust-  zum  Reaiitätsprinzip ;  s.  auch  S.  412  ff. 


Das  Befriedigung serlebnis 


403 


Drang,  der  in  W  Unlust  erzeugt  hatte,  ein  Ende  gemacht,  2.  es  ent¬ 
steht  im  Mantel  die  Besetzung  eines  Neurons  (oder  mehrerer),  die 
der  Wahrnehmung  eines  Objektes  entsprechen,  3.  es  kommen  in 
andere  Stellen  des  Mantels  die  Abfuhrnachrichten  von  der  ausge¬ 
lösten  Reflexbewegung,  die  sich  an  die  spezifische  Aktion  anschließt. 
Zwischen  diesen  Besetzungen  und  den  Kern-Neuronen  bildet  sich 
dann  eine  Bahnung. 

Die  Reflexabfuhrnachrichten  kommen  dadurch  zustande,  daß  jede 
Bewegung  durch  ihre  Nebenfolgen  Anlaß  zu  neuen  sensiblen  Er¬ 
regungen  (von  Haut  und  Muskeln)  wird,  die  in  vp  ein  B  e  w  e  g  u  n  g  s- 
b  i  1  d  ergeben.  Die  Bahnung  bildet  sich  aber  auf  eine  Weise,  welche 
tieferen  Einblick  in  die  Entwicklung  von  9»  gestattet.  Bisher  haben 
wir  Beeinflussung  von  vp-Neuronen  durch  cp-Neuronen  und  durch 
endogene  Leitungen  kennen  gelernt ;  die  einzelnen  9-Neuronen  aber 
waren  durch  Kontaktschranken  mit  starken  Widerständen  gegen¬ 
einander  abgesperrt.  Nun  gibt  es  ein  Grundgesetz  der  Assozia¬ 
tion  durch  Gleichzeitigkeit,  welches  sich  bei  der 
reinen  ^-Tätigkeit,  beim  reproduzierenden  Erinnern  betätigt  und  das 
die  Grundlage  aller  Verbindungen  zwischen  den  9-Neuronen  ist. 
Wir  erfahren,  daß  das  Bewußtsein,  also  die  quantitative  Besetzung 
von  einem  y-Neuron  a  auf  ein  zweites  ß  übergeht,  wenn  a  und  ß 
einmal  gleichzeitig  von  9  aus  (oder  sonst  woher)  besetzt  waren.  Es 
ist  also  durch  gleichzeitige  Besetzung  a — ß  eine  Kontaktschranke 
gebahnt  worden.  Hieraus  folgt  in  den  Ausdrücken  unserer  Theorie, 
daß  eine  Quantität  aus  einem  Neuron  leichter  übergeht  in  ein  be¬ 
setztes  als  in  ein  unbesetztes. 

Die  Besetzung  des  zweiten  Neurons  wirkt  also  wie  die  stärkere 
Besetzung  des  ersten.  Besetzung  zeigt  sich  hier  wiederum 
als  gleichwertig  mit  Bahnung  für  den  Quantitäts¬ 
ablauf. 

Wir  lernen  also  hier  einen  zweiten  wichtigen  Faktor  für  die  Richtung 
des  Quantitätsablaufes  kennen.  Eine  Quantität  im  Neuron  a  wird 
nicht  nur  nach  der  Richtung  der  am  besten  gebahnten  Schranke 
gehen,  sondern  auch  nach  der  von  der  Gegenseite  besetzten.  Die 
beiden  Faktoren  können  einander  unterstützen  oder  eventuell  einander 
entgegenwirken. 


404 


Entwurf  einer  Psychologie 


Es  entsteht  also  durch  das  Befriedigungserlebnis  eine  Bahnung 
zwischen  zwei  Erinnerungsbildern  und  den  Kem-Neuronen,  die  im 
Zustande  des  Dranges  besetzt  werden.  Mit  der  Befriedigungsabfuhr 
strömt  wohl  auch  die  Quantität  ( Qf\ )  aus  den  Erinnerungsbildern 
ab.  Mit  Wiederauftreten  des  Drang-  oder  Wunsch-  Zustandes 
geht  nun  die  Besetzung  auch  auf  die  beiden  Erinnerungen  über  und 
belebt  sie.  Zunächst  wird  wohl  das  Objekterinnerungsbüd  von  der 
Wunschbelebung  betroffen. 

Ich  zweifle  nicht,  daß  diese  Wunschbelebung  zunächst  dasselbe 
ergibt  wie  die  Wahrnehmung,  nämlich  eine  Halluzination. 
Wird  daraufhin  die  reflektorische  Aktion  eingeleitet,  so  bleibt  die 
Enttäuschung  nicht  aus. 

DAS  SCHMERZERLEBNIS 

y  ist  der  Quantität  (Qr\)  normaler  Weise  ausgesetzt  von  den  endo¬ 
genen  Leitungen  aus,  in  abnormer,  wenngleich  noch  nicht  patholo¬ 
gischer  Weise  für  den  Fall,  daß  übergroße  Quantitäten  (Q) 
die  Schirmvorrichtungen  in  9  durchbrechen,  also  im  Falle  des 
Schmerzes.  Der  Schmerz  erzeugt  in  vy  1.  große  Niveausteigerung, 
die  von  W  als  Unlust  empfunden  wird,  2.  eine  Abfuhrneigung,  die 
nach  gewissen  Richtungen  modifiziert  sein  kann,  3.  eine  Bahnung 
zwischen  dieser  und  einem  Erinnerungsbild  des  schmerzerregenden 
Objektes.  Es  ist  überdies  keine  Frage,  daß  der  Schmerz  eine  be¬ 
sondere  Qualität  hat,  die  sich  neben  der  Unlust  geltend  macht. 

Wird  das  Erinnerungsbüd  des  Objektes  (feindlichen)  irgendwie  neu 
besetzt,  z.B.  durch  neue  Wahrnehmungen,  so  stellt  sich  ein  Zustand 
her,  welcher  nicht  Schmerz  ist,  aber  doch  Ähnlichkeit  mit  ihm  hat. 
Er  enthält  Unlust  und  die  Abfuhrneigung,  die  dem  Schmerz¬ 
erlebnis  entspricht.  Da  Unlust  Niveausteigerung  bedeutet,  fragt  es 
sich  nach  der  Herkunft  dieser  Quantität  (Qfy).  Im  eigentlichen 
Schmerzerlebnis  war  es  die  hereinbrechende  äußere  Quantität  ( Q ), 
welche  das  ^-Niveau  steigerte.  In  dessen  Reproduktion  —  dem 
Affekt  —  ist  nur  die  Quantität  hinzugekommen,  die  Erinnerung 
besetzt,  und  es  ist  klar,  daß  diese  von  der  Natur  einer  jeden  Wahr¬ 
nehmung,  nicht  eine  allgemeine  Quantitätssteigerung  (ßf))  zur  Folge 
haben  kann. 


Affekte  und  Wunschzustände 


405 


Es  bleibt  also  nur  übrig  anzunehmen,  daß  durch  die  Besetzung  von 
Erinnerungen  Unlust  aus  dem  Körperinnern  entbunden,  neu 
hinauf  befördert  wird.  Den  Mechanismus  dieser  Entbindung  kann 
man  sich  nur  in  folgender  Weise  vorstellen:  Wie  es  motorische 
Neuronen  gibt,  die  bei  einer  gewissen  Erfüllung  Quantitäten  (Qr\) 
in  die  Muskeln  leiten  und  somit  abführen,  muß  es  „sekretorische“ 
Neuronen  geben,  die,  wenn  sie  erregt  sind,  im  Körperinnern  ent¬ 
stehen  lassen,  was  auf  die  endogenen  Leitungen  nach  y  als  Reiz 
wirkt,  die  also  die  Produktion  endogener  Quantitäten  (Qf))  beein¬ 
flussen,  somit  nicht  Quantität  (Qf))  abführen,  sondern  auf  Umwegen 
zuführen.  Diese  motorischen1  Neuronen  wollen  wir  „Schlüssel¬ 
neuronen“  heißen.  Sie  werden  offenbar  erst  bei  gewissem  Niveau 
in  4;  erregt.  Durch  das  Schmerzerlebnis  hat  das  Erinnerungsbild 
des  feindlichen  Objektes  eine  vortreffliche  Bahnung  zu  diesen 
Schlüsselneuronen  erhalten,  kraft  deren  sich  nun  im  Affekt  Unlust 
entbindet. 

Eine  Anlehnung  für  diese  befremdende  aber  unentbehrliche  An¬ 
nahme  gibt  das  Verhalten  der  Sexualentbindung.  Gleichzeitig  drängt 
sich  die  Vermutung  auf,  die  endogenen  Reize  bestünden  hier  wie  dort 
in  chemischen  Produkten,  deren  Anzahl  eine  erhebliche 
sein  mag.  Da  die  Unlustentbindung  bei  ganz  geringfügiger  Besetzung 
der  feindlichen  Erinnerung  eine  außerordentliche  sein  kann,  darf 
man  schließen,  daß  der  Schmerz  ganz  besonders  ausgiebige  Bahnungen 
hinterläßt.  Die  Bahnung,  ahnt  man  dabei,  hängt  durchwegs  von  der 
erreichten  Quantität  ab,  so  daß  die  bahnende  Wirkung  von  3  Qf\ 
der  von  3  x  Qr\  weit  überlegen  sein  könnte.2 

AFFEKTE  UND  WUNSCHZUSTÄNDE 

Die  Reste  der  beiden  behandelten  Arten  von  Erlebnissen  sind  die 
Affekte  und  die  Wunschzustände,  denen  beiden  gemeinsam  ist,  daß 
sie  eine  Erhöhung  der  Quantitätsspannung  in  4/  enthalten,  i  m 
Affekt  durch  plötzliche  Entbindung,  im  Wunsch  durch  Sum¬ 
mation  hergestellt.  Beide  Zustände  sind  von  der  größten  Bedeutung 

x)  Wahrscheinlich  verschrieben  für  „sekretorisch“;  vgl.  dagegen  S.  418  wo 
die  motorischen  Neuronen  als  „Schlüsselneuronen“  bezeichnet  sind. 

2)  Siehe  oben  S.  386. 


406 


Entwurf  einer  Psychologie 


für  den  Ablauf  in  y,  da  sie  zwangsartige  Motive  für  denselben  hinter¬ 
lassen.  Aus  dem  Wunschzustand  folgt  geradezu  eine  Attraktion 
nach  dem  Wunschobjekt  respektive  dessen  Erinnerungsbild;,  aus  dem 
Schmerzerlebnis  resultiert  eine  Abstoßung,  eine  Abneigung,  das 
feindliche  Erinnerungsbild  besetzt  zu  halten.  Es  sind  dies  die 
primäre  Wunschanziehung  und  die  primäre  Abwehr. 

Die  Wunschanziehung  kann  man  sich  leicht  durch  die  Annahme 
erklären,  daß  die  Besetzung  der  freundlichen  Erinnerung  im 
Begierdezustand  an  Quantität  (Qf\)  die  bei  bloßer  Wahrnehmung 
erfolgte  weit  übersteigt,  so  daß  eine  besonders  gute  Bahnung  vom 
y-Kern  zu  dem  entsprechenden  Neuron  des  Mantels  führt. 

Schwieriger  zu  erklären  ist  die  primäre  Abwehr  oder  Ver¬ 
drängung,  die  Tatsache,  daß  ein  feindliches  Erinnerungsbild  so 
bald  als  möglich  von  der  Besetzung  verlassen  wird.1  Indes  dürfte  die 
Erklärung  darin  liegen,  daß  die  primären  Schmerzerlebnisse  durch 
reflektorische  Abwehr  zu  Ende  gebracht  wurden.  Das  Auftauchen 
eines  anderen  Objektes  an  Stelle  des  feindlichen  war  das  Signal  dafür, 
daß  das  Schmerzerlebnis  beendet  sei,  und  das  y- System  versucht, 
biologisch  belehrt,  den  Zustand  in  vp  zu  reproduzieren,  der  das  Auf¬ 
hören  des  Schmerzes  bezeichnete.  Mit  dem  Ausdruck  biolo¬ 
gisch  belehrt  haben  wir  einen  neuen  Erklärungsgrund  einge¬ 
führt,  der  selbständige  Geltung  haben  soll,  wenngleich  er  eine  Zu¬ 
rückführung  auf  mechanische  Prinzipien  (quantitative  Momente) 
nicht  ausschließt,  sondern  erfordert.  Im  vorliegenden  Falle  kann  es 
leicht  die  bei  Besetzung  von  feindlichen  Erinnerungen  jedesmal  auf¬ 
tretende  Quantitätssteigerung  (Qf\)  sein,  die  zur  gesteigerten  Ab¬ 
fuhrtätigkeit,  somit  zum  Abfluß  auch  von  Erinnerungen  drängt. 


EINFÜHRUNG  DES  „ICH“ 

Tatsächlich  aber  haben  wir  mit  der  Annahme  der  „W  u  n  sch¬ 
anz  i  e  h  u  n  g£<  und  der  Neigung  zur  Verdrängung  bereits  einen 


x)  Freud  hat  noch  in  der  vorliegenden  Abhandlung  zwischen  primärer 
Abwehr  und  Verdrängung  unterschieden  (S.  430)  und  später  die  Reaktion 
auf  Schmerz  von  der  Veidrängung  getrennt.  S.  Die  Verdrängung,  1915, 
G.IF.X,  S.  249. 


Einführung  des  „Ich“ 


407 


Zustand  von  y  berührt,  welcher  noch  nicht  erörtert  worden  ist,  denn 
diese  beiden  Vorgänge  deuten  darauf  hin,  daß  sich  in  vp  eine  Organisa¬ 
tion  gebildet  hat,  deren  Vorhandensein  Abläufe  stört,  die  sich  zum 
ersten  Mal  in  bestimmter  Weise  vollzogen  haben.  Diese  Organisa¬ 
tion  heißt  das  „Ich“  und  kann  leicht  dargestellt  werden  durch  die 
Erwägung,  daß  die  regelmäßig  wiederholte  Aufnahme  endogener 
Quantitäten  in  bestimmte  Neuronen  (des  Kernes)  und  die  bahnende 
Wirkung,  die  von  dort  ausgeht,  eine  Gruppe  von  Neuronen  ergeben 
wird,  die  konstant  besetzt  ist,  also  dem  durch  die  sekundäre  Punktion 
erforderten  Vorratsträger  entspricht.1  Das  Ich  ist  also  zu 
definieren  als  die  Gesamtheit  der  jeweiligen  vp-Besetzungen,  in  denen 
sich  ein  bleibender  von  einem  wechselnden  Bestandteil  sondert.  Wie 
man  leicht  einsieht,  gehören  die  Bahnungen  zwischen  tp-Neuronen 
als  Möglichkeiten,  in  nächsten  Momenten  dem  veränderten  Ich 
seine  Ausbreitung  anzuweisen,  mit  zum  Besitz  des  Ich. 

Während  es  das  Bestreben  dieses  Ich  sein  muß,  seine  Besetzungen 
auf  dem  Wege  der  Befriedigung  abzugeben,  kann  es  nicht  anders 
geschehen,  als  daß  es  die  Wiederholung  von  Schmerzerlebnissen  und 
Affekten  beeinflußt  und  zwar  auf  folgendem  Wege,  der  allgemein 
als  der  der  Hemmung  bezeichnet  wird. 

Eine  Quantität  (Qp)  die  von  irgendwoher  in  ein  Neuron  einbricht, 
wird  sich  nach  der  Kontaktschranke  der  größten  Bahnung  fortsetzen 
und  eine  dorthin  gerichtete  Strömung  hervorrufen.  Genauer  ge¬ 
sprochen,  es  wird  sich  der  Strom  Quantität  (Qp)  im  umgekehrten 
Verhältnis  zum  Widerstand  nach  den  einzelnen  Kontaktschranken 
verteilen,  und  wo  dann  eine  Kontaktschranke  von  einem  Quotient 
getroffen  wird,  der  unter  ihrem  Widerstand  liegt,  da  wird  praktisch 
nichts  durchpassieren.  Leicht  kann  für  jede  Quantität  (Qp)  im 
Neuron  sich  dieses  Verhältnis  anders  gestalten,  da  dann  Quotienten 
entstehen,  die  auch  bei  anderen  Kontaktschranken  die  Schwelle 
überragen.  So  ist  der  Ablauf  abhängig  von  Quantitäten  (Qp)  und  dem 
Verhältnis  der  Bahnungen.  Wir  haben  aber  den  dritten  mächtigen 

x)  Die  konstante  Energiebesetzung,  die  Funktion,  gewisse  Abläufe  zu 
hemmen  oder  aufzuschieben,  und  die  Beziehung  zum  Sekundärvorgang 
gehören  auch  zu  den  Eigenschaften  der  Ich-Organisation  in  Freuds  Ver¬ 
wendung  dieses  Ausdrucks  in  seiner  Strukturlehre;  s.  „Das  Ich  und  das  Es“ 
(1923)  und  Freuds  spätere  Schriften. 


408 


Entwurf  einer  Psychologie 


Faktor  kennen  gelernt.  Wenn  ein  anstoßendes  Neuron  gleichzeitig 
besetzt  ist,  so  wirkt  dies  wie  eine  zeitweilige  Bahnung  der  zwischen 
beiden  liegenden  Kontaktschranken  und  modifiziert  den  Ablauf, 
der  sich  sonst  nach  der  einen  gebahnten  Kontaktschranke  gerichtet 

hätte.  Eine  Seitenbe¬ 
setzung  ist  also  eine 
Hemmung  für  den 
Quantitätsablauf  (Qf |). 
Stellen  wir  uns  das  Ich  als 
ein  Netz  besetzter,  gegen  ein¬ 
ander  gut  gebahnter  Neuro¬ 
nen  vor,  etwa  so:  So  wird 
eine  Quantität  (Qf]),  die  von 
außen  (9)  her  in  a  eindringt  und  unbeeinflußt  nach  dem  Neuron  b 
gegangen  wäre,  durch  die  Seitenbesetzung  in  a,  a,  so  beeinflußt,  daß 
sie  nur  einen  Quotient  nach  b  abgibt,  eventuell  gar  nicht  nach  b  ge¬ 
langt.  Wenn  also  ein  Ich  existiert,  muß  es  psychische  Primärvor¬ 
gänge  hemmen. 

Solche  Hemmung  ist  aber  ein  entschiedener  Vorteil  für  9».  Nehmen 
wir  an,  a  sei  eine  feindliche  Erinnerung,  b  ein  Schlüssel-Neuron  zur 
Unlust,  so  wird  primär  bei  Erweckung  von  a  Unlust  entbunden  werden, 
die  vielleicht  zwecklos  wäre,  es  jedenfalls  ihrem  vollen  Betrag  nach 
ist.  Bei  Hemmungswirkung  von  a  wird  die  Unlustentbindung  sehr 
gering  ausfallen,  und  dem  Neuronensystem  wird  die  Entwicklung 
und  Abfuhr  von  Quantität  ohne  sonstigen  Schaden  erspart.  Man 
kann  sich  nun  leicht  vorstellen,  daß  mit  HÜfe  eines  Mechanismus, 
welcher  das  Ich  auf  die  ankommende  Neubesetzung  des  feindlichen 
Erinnerungsbüdes  aufmerksam  macht,  das  Ich  dazu  gelangen 
kann,  durch  ausgiebige,  nach  Bedarf  zu  verstärkende  Seitenbesetzung 
den  Ablauf  vom  Erinnerungsbüd  zur  Unlustentbindung  zu  hemmen. 
Ja,  wenn  man  annimmt,  daß  die  anfängliche  Unlust-  (Qf])  Entbindung 
vom  Ich  selbst  aufgenommen  wird,  so  hat  man  in  ihr  selbst  die  Quelle 
für  den  Aufwand,  welchen  die  hemmende  Seitenbesetzung  vom  Ich 
erfordert. 

Die  primäre  Abwehr  ist  dann  umso  stärker,  je  stärker  die  Unlust. 


Primär -  und  Sekundärvorgang  in  4» 


409 


PRIMÄR-  UND  SEKUNDÄRVORGANG  IN  y 

Aus  den  bisherigen  Entwicklungen  folgt,  daß  das  Ich  in  vp,  welches 
wir  seinen  Tendenzen  nach  wie  das  Gesamtnervensystem  behandeln 
können,  bei  den  unbeeinflußten  Vorgängen  in  vp  zweimal  in  Hilflosig¬ 
keit  und  Schaden  gerät.  Nämlich  erstens,  wenn  es  im  Wunsch¬ 
zustande  die  Objekt-Erinnerung  neu  besetzt  und  dann  Abfuhr 
ergehen  läßt,  wo  dann  die  Befriedigung  ausbleiben  muß,  weil  das 
Objekt  nicht  real,  sondern  nur  in  Phantasie- V  orstellung  vor¬ 
handen  ist.  y  ist  zunächst  außer  Stande,  diese  Unterscheidung  zu 
treffen,  weil  es  nur  nach  der  Folge  analoger  Zustände  zwischen  seinen 
Neuronen  arbeiten  kann.  Es  bedarf  also  von  anderswoher  eines 
Kriteriums,  um  Wahrnehmung  und  Vorstellung  zu 
unterscheiden.1 

Andererseits  bedarf  y  eines  Zeichens,  um  auf  die  Wiederbesetzung 
des  feindlichen  Erinnerungsbildes  aufmerksam  zu  werden  und  der 
daraus  folgenden  Unlustentbindung  durch  Seitenbesetzung  vorzu¬ 
beugen.  Wenn  vy  diese  Hemmung  zeitig  genug  vornehmen  kann, 
fällt  die  Unlustentbindung  und  damit  die  Abwehr  geringfügig  aus, 
im  anderen  Falle  gibt  es  enorme  Unlust  und  exzessive  primäre  Abwehr. 

Die  Wunschbesetzung  wie  die  Unlustentbindung  bei  Neubesetzung 
der  betreffenden  Erinnerung  können  biologisch  schädlich  sein.  Die 
Wunschbesetzung  ist  es  jedesmal,  wenn  sie  ein  gewisses  Maß  über¬ 
schreitet  und  so  zur  Abfuhr  verlockt,  die  Unlustentbindung  ist  es 
wenigstens  jedesmal,  wenn  die  Besetzung  des  feindlichen  Erinnerungs- 
büdes  nicht  von  der  Außenwelt  sondern  von  vp  selbst  aus  erfolgt 
(durch  Assoziation).  Es  handelt  sich  also  auch  hier  um  ein  Zeichen, 
Wahrnehmung  von  Erinnerung  (Vorstellung)  zu  unterscheiden. 

Wahrscheinlich  sind  es  nun  die  Wahrnehmungsneuronen,  welche 
dieses  Zeichen,  das  Realitätszeichen  liefern.  Bei  jeder 

x)  Im  Folgenden  findet  sich  die  früheste  Formulierung  eines  von  Freud 
vielfach  variierten  und  verschiedentlich  formulierten  Gedankens,  dem  er 
zuletzt  die  Fassung  gegeben  hat,  daß  die  Realitätsprüfung  eine  Ichfunktion 
sei.  Frühere  Formulierungen,  die  sich  an  die  Darstellung  des  Entwurfs 
unmittelbar  anschließen,  finden  sich  in  der  „Traumdeutung“  und  in  „Formu¬ 
lierungen  über  die  zwei  Prinzipien  des  psychischen  Geschehens“,  1911,  s. 
G.W.  VIII,  bes.  S.  231. 


4io 


Entwurf  einer  Psychologie 


äußeren  Wahrnehmung  entsteht  eine  Qualitätserregung  in  W ,  die 
aber  zunächst  für  vp  ohne  Bedeutung  ist.  Es  muß  noch  hinzugefügt 
werden,  daß  die  Wahrnehmungserregung  zur  Wahrnehmungsabfuhr 
führt  und  von  dieser  wie  von  jeder  Abfuhr  eine  Nachricht  nach  y 
gelangt.  Die  Abfuhrnachricht  von  lF(co)  ist  dann 
das  Qualität s-  oder  Realitätszeichen  füry. 

Wird  das  Wunschobjekt  ausgiebig  besetzt,  so  daß  es  halluzinatorisch 
belebt  wird,  so  erfolgt  auch  dasselbe  Abfuhr-  oder  Realitätszeichen 
wie  bei  äußerer  Wahrnehmung.  Für  diesen  Fall  versagt  das  Kriterium. 
Findet  aber  die  Wunschbesetzung  unter  Hemmung  statt,  wie  es 
bei  besetztem  Ich  möglich  wird,  so  ist  ein  quantitativer  Fall  denkbar, 
daß  die  Wunschbesetzung  als  nicht  intensiv  genug,  kein  Quali¬ 
tätszeichen  ergibt,  während  die  äußere  Wahrnehmung  es  er¬ 
geben  würde.  Für  diesen  Fall  behält  das  Kriterium  also  seinen  Wert. 
Der  Unterschied  ist  nämlich,  daß  das  Qualitätszeichen  von 
außen  her  bei  jeder  Intensität  der  Besetzung  erfolgt,  von  y  her  nur 
bei  großen  Intensitäten.  Es  ist  demnach  die  I  c  h  h  e  m  m  u  n  g, 
welche  ein  Kriterium  zur  Unterscheidung 
zwischen  Wahrnehmung  und  Erinnerung  er¬ 
möglicht.  Biologische  Erfahrung  wird  dann  lehren,  die  Abfuhr 
nicht  eher  einzuleiten,  als  bis  das  Realitätszeichen  eingetroffen  ist, 
und  zu  diesem  Zweck  die  Besetzung  von  den  erwünschten  Erin¬ 
nerungen  nicht  über  ein  gewisses  Maß  zu  treiben. 

Andererseits  kann  die  Erregung  der  Wahrnehmungsneuronen 
auch  dazu  dienen,  das  ^-System  im  zweiten  Fall  zu  schützen,  d.h. 
indem  y  auf  die  Tatsache  einer  Wahrnehmung  oder  das  Wegbleiben 
derselben  aufmerksam  gemacht  wird.  Man  muß  zu  diesem  Zwecke 
annehmen,  daß  die  Wahrnehmungsneuronen  (coIV)  ursprünglich  in 
anatomischer  Verbindung  mit  der  Leitung  von  den  einzelnen  Sinnes¬ 
organen  stehen  und  ihre  Abfuhr  wieder  auf  motorische  Apparate 
richten,  die  denselben  Sinnesorganen  angehören.  Dann  wird  die 
letztere  Abfuhrnachricht  (die  der  reflektorischen  Auf¬ 
merksamkeit)  für  y  biologisch  ein  Signal  werden,  nach  den¬ 
selben  Richtungen  Besetzungsquantität  zu  schicken. 

Also :  bei  Hemmung  durch  besetztes  Ich  werden  die  co 
Abfuhrzeichen  ganz  allgemein  zu  Realitätszeichen,  welche 


Das  erkennende  und  reproduzierende  Denken  41 1 

y  biologisch  verwerten  lernt.  Befindet  sich  das  Ich  beim  Auftauchen 
eines  solchen  Realitätszeichens  im  Zustande  der  Wunschspannung, 
so  wird  es  die  Abfuhr  nach  der  spezifischen  Aktion  folgen  lassen; 
fällt  mit  dem  Realitätszeichen  eine  Unluststeigerung  zusammen,  so 
wird  4;  durch  geeignete  große  Seitenbesetzung  am  angezeigten  Orte 
eine  Abwehr  von  normaler  Größe  veranstalten ;  ist  keines  von  beiden 
der  Fall,  so  wird  die  Besetzung  ungehindert  nach  den  Bahnungs¬ 
verhältnissen  vor  sich  gehen  dürfen.  Die  Wunschbesetzung  bis  zur 
Halluzination,  die  volle  Unlustentwicklung,  die  vollen  Abwehrauf¬ 
wand  mit  sich  bringt,  bezeichnen  wir  als  pyschische  Primär¬ 
vorgänge  ;  hingegen  jene  Vorgänge,  welche  allein  durch  gute 
Besetzung  des  Ich  ermöglicht  werden  und  Mäßigung  der  obigen 
darstellen,  als  psychische  Sekundär  Vorgänge.  Die 
Bedingung  der  letzteren  ist,  wie  man  sieht,  eine  richtige  Verwertung 
der  Realitätszeichen,  die  nur  bei  Ichhemmung  möglich  ist.1 


DAS  ERKENNENDE  UND  REPRODUZIERENDE 

DENKEN 

Nachdem  wir  die  Annahme  eingeführt  haben,  daß  beim  Wunsch¬ 
vorgang  die  Ichhemmung  eine  gemäßigte  Besetzung  des  gewünschten 
Objektes  herbeiführt,  welche  gestattet,  es  als  nicht  real  zu  erkennen, 
dürfen  wir  die  Analyse  dieses  Vorganges  fortsetzen.  Es  können  sich 
mehrere  Fälle  ereignen.  Erstens:  gleichzeitig  mit  der  Wunschbe¬ 
setzung  des  Erinnerungsbildes  ist  die  Wahrnehmung  desselben  vor- 

x)  Zum  Vergleich  mit  dem  vorangehenden  Abschnitt  setzen  wir  hier 
Zitate  aus  der  „Traumdeutung“  ein:  (G.W.  II-III,  S.  604  f.)  „Eine  solche, 
von  der  Unlust  ausgehende,  auf  die  Lust  zielende  Strömung  im  Apparat 
heißen  wir  einen  Wunsch.  .  .  .  Das  erste  Wünschen  dürfte  ein  halluzina¬ 
torisches  Besetzen  der  Befriedigungserinnerung  gewesen  sein.  .  .  .  Ich 
halte  nur  an  der  Vorstellung  fest,  daß  die  Tätigkeit  des  ersten  ^-Systems 
auf  freies  Abströmen  der  Erregungsquantitäten  ge¬ 
richtet  ist,  und  daß  das  zweite  System  durch  die  von  ihm  ausgehenden 
Besetzungen  eine  Hemmung  dieses  Abströmens,  eine  Verwandlung  in 
ruhende  Besetzung,  wohl  unter  Niveauerhöhung,  herbeiführt.  Ich  nehme 
also  an,  daß  der  Ablauf  der  Erregung  unter  der  Herrschaft  des  zweiten 
Systems  an  ganz  andere  mechanische  Verhältnisse  geknüpft  wird  als  unter 
der  Herrschaft  des  ersten.  Hat  das  zweite  System  seine  probende  Denkarbeit 
beendigt,  so  hebt  es  auch  die  Hemmung  und  Stauung  der  Erregungen  auf 
und  läßt  dieselben  zur  Motilität  abfließen.“ 


412 


Entwurf  einer  Psychologie 


handen;  dann  fallen  die  beiden  Besetzungen  übereinander,  was 
biologisch  nicht  verwertbar  ist,  es  entsteht  aber  außerdem  das  Real¬ 
zeichen  von  W  aus,  nach  welchem  erfahrungsgemäß  die  Abfuhr 
erfolgreich  ist.i  Dieser  Fall  ist  leicht  erledigt.  Zweitens :  die  Wunsch¬ 
besetzung  ist  vorhanden,  daneben  eine  Wahrnehmung,  die  nicht 
ganz,  sondern  nur  teüweise  mit  ihr  übereinstimmt.  Es  ist  nämlich 
Zeit  sich  zu  erinnern,  daß  die  Wahmehmungsbesetzungen  nie  Be¬ 
setzungen  einzelner  Neurone  sind,  sondern  stets  von  Komplexen. 
Wir  haben  diesen  Zug  bisher  vernachläßigt ;  es  ist  jetzt  an  der  Zeit, 
ihm  Rechnung  zu  tragen.  Die  Wunschbesetzung  betreffe  ganz  all¬ 
gemein  Neuron  a  +  Neuron  6,  die  Wahrnehmungsbesetzungen  Neu¬ 
ron  a  +  Neuron  c.  Da  dies  der  häufigere  Fall  sein  wird,  häufiger  als 
der  der  Identität,  erfordert  er  genauere  Erwägung.  Die  biologische 
Erfahrung  wird  auch  hier  lehren,  daß  es  unsicher  ist,  Abfuhr  ein¬ 
zuleiten,  wenn  die  Realitätszeichen  nicht  den  ganzen  Komplex, 
sondern  nur  einen  Teü  davon  bestätigen.  Es  wird  aber  jetzt  ein  Weg 
gefunden,  die  Ähnlichkeit  zur  Identität  zu  vervollkommnen.  Der 
IF-Komplex  wird  sich  durch  den  Vergleich  mit  anderen  W- 
Komplexen  zerlegen  in  einen  Bestandteil  Neuron  a  eben,  der  sich 
meist  gleichbleibt  und  in  einen  zweiten,  Neuron  h ,  der  zumeist 
varüert.  Die  Sprache  wird  später  für  diese  Zerlegung  den  Terminus 
Urteil  aufstellen  und  die  Ähnlichkeit  heraus  finden,  die  zwischen 
dem  Kern  des  Ich  und  dem  konstanten  Wahrnehmungsbestandteü, 
den  wechselnden  Besetzungen  im  Mantel  und  dem  inkonstanten 

*)  Vgl.  dazu  und  zum  Folgenden  eine  von  Freuds  späteren  Formulierungen 
aus  diesem  weiteren  Problemkreis:  „Der  erste  und  nächste  Zweck  der  Re¬ 
alitätsprüfung  ist  also  nicht,  ein  dem  Vorgestellten  entsprechendes  Objekt 
in  der  realen  Wahrnehmung  zu  finden,  sondern  es  wiederzufinden, 
sich  zu  überzeugen,  daß  es  noch  vorhanden  ist.  Ein  weiterer  Beitrag  zur 
Entfremdung  zwischen  dem  Subjektiven  und  dem  Objektiven  rührt  von 
einer  anderen  Fähigkeit  des  Denkvermögens  her.  Die  Reproduktion  der 
Wahrnehmung  in  der  Vorstellung  ist  nicht  immer  deren  getreue  Wiederholung; 
sie  kann  durch  Weglassungen  modifiziert,  durch  Verschmelzungen  ver¬ 
schiedener  Elemente  verändert  sein.  Die  Realitätsprüfung  hat  dann  zu  kon¬ 
trollieren,  wie  weit  diese  Entstellungen  reichen.  Man  erkennt  aber  als  Be¬ 
dingung  für  die  Einsetzung  der  Realitätsprüfung,  daß  Objekte  verlorenge¬ 
gangen  sind,  die  einst  reale  Befriedigung  gebracht  hatten.“  („Die  Ver¬ 
neinung,“  1925,  G.S.  XI,  6). 

Die  in  dem  letzten  Satz  gegebene  Beziehung  zur  frühen  Objektbeziehung 
ist  im  „Entwurf“  oft  nur  impliziert,  aber  das  Beispiel,  an  dem  Freud  die 
Herstellung  der  Identität  zwischen  Vorstellung  und  Vorgestelltem  diskutiert 
(s.  u.  und  S.  415)  ist  die  Vorstellung  des  Säuglings  von  der  Mutterbrust. 


Das  erkennende  und  reproduzierende  Denken 


413 


Bestandteil  tatsächlich  vorliegt ;  wird  Neuron  a  das  Ding  und 
Neuron  b  dessen  Tätigkeit  oder  Eigenschaft,  kurz  dessen  Prädi¬ 
kat  benennen. 

Das  Urteilen  ist  also  ein  vp-Vorgang,  welchen  erst  die  Ich- 
hemmung  ermöglicht,  und  der  durch  die  Unähnlichkeit  zwischen 
der  Wunschbesetzung  einer  Erinnerung  und  einer  ihr  ähn¬ 
lichen  Wahrnehmungsbesetzung  hervorgerufen  wird.  Man  kann 
davon  ausgehen,  daß  das  Zusammenfallen  beider  Besetzungen  zum 
biologischen  Signal  wird,  den  Denkakt  zu  beenden  und  Abfuhr  ein- 
treten  zu  lassen.  Das  Auseinanderfallen  gibt  den  Anstoß  zur  Denk¬ 
arbeit,  die  wieder  mit  dem  Zusammenfallen  beendet  wird. 

Man  kann  den  Vorgang  weiter  analysieren:  Wenn  Neuron  a  zu¬ 
sammenfällt,  Neuron  c  aber  anstatt  Neuron  b  wahrgenommen  wird, 
so  folgt  die  Icharbeit  den  Verbindungen  dieses  Neuron  c  und  läßt 
durch  Strömung  von  Quantität  längs  dieser  Verbindungen  neue  Be¬ 
setzungen  auftauchen,  bis  sich  ein  Zugang  zu  dem  fehlenden  Neuron  b 
findet.  In  der  Regel  ergibt  sich  ein  Bewegungsbild,  welches  zwischen 
Neuron  c  und  Neuron  b  eingeschaltet  ist  und  mit  der  Neubelebung 
dieses  Bildes  durch  eine  wirklich  ausgeführte  Bewegung  ist  die 
Wahrnehmung  von  Neuron  b  und  damit  die  gesuchte  Identität  her¬ 
gestellt.  Z.B.  das  gewünschte  Erinnerungsbild  sei  das  Bild  der 
Mutterbrust  und  ihrer  Warze  in  Vollansicht,  die  erste  Wahrnehmung 
sei  eine  Seitenansicht  desselben  Objektes  ohne  die  Warze.  In  der 
Erinnerung  des  Kindes  befindet  sich  eine  Erfahrung,  beim  Saugen 
zufällig  gemacht,  daß  mit  einer  bestimmten  Kopfbewegung  das  Voll¬ 
bild  sich  in  das  Seitenbüd  verwandelt.  Das  nun  gesehene  Seitenbild 
führt  auf  die  Kopfbewegung,  ein  Versuch  zeigt,  daß  ihr  Gegenstück 
ausgeführt  werden  muß,  und  die  Wahrnehmung  der  Vollansicht  ist 
gewonnen. 

Hierin  ist  noch  wenig  vom  Urteü,  allein  es  ist  ein  Beispiel  von  der 
Mögüchkeit,  durch  Reproduktion  von  Besetzungen  auf  eine  Aktion 
zu  kommen,  welche  bereits  zum  akzidentellen  Schenkel  der  spezi¬ 
fischen  Aktion  gehört. 

Es  ist  kein  Zweifel,  daß  es  Quantität  (Qf\)  aus  dem  besetzten  Ich 
ist,  welche  diesen  Wanderungen  längs  der  gebahnten  Neuronen 
unterhegt,  und  daß  diese  Wanderung  nicht  von  den  Bahnungen, 


414 


Entwurf  einer  Psychologie 


sondern  von  einem  Ziel  beherrscht  wird.  Welches  ist  dieses  Ziel 
und  wie  wird  es  erreicht? 

Das  Ziel  ist,  zu  dem  vermißten  Neuron  b  zurückzukehren  und  die 
Identitätsemplindung  auszulösen,  d.h.  den  Moment,  in  dem  nur 
Neuron  b  besetzt  ist,  die  wandernde  Besetzung  in  Neuron  b  ein¬ 
mündet.  Es  wird  erreicht  durch  probeweises  Verschieben  der  Quanti¬ 
tät  auf  allen  Wegen  und  es  ist  klar,  daß  hiezu  bald  ein  größerer  bald 
ein  geringerer  Aufwand  von  Seitenbesetzung  nötig  ist,  je  nachdem 
man  sich  der  vorhandenen  Bahnungen  bedienen  kann,  oder  ihnen 
entgegenwirken  muß.  Der  Kampf  zwischen  den  festen  Bahnungen 
und  den  wechselnden  Besetzungen  charakterisiert  den  Sekundärvor¬ 
gang  des  reproduzierenden  Denkens  im  Gegensatz  zur  primären 
Assoziationsfolge . 

Was  leitet  auf  dieser  Wanderung?  Daß  die  Wunschvorstellungs- 
Erinnemng  besetzt  gehalten  wird,  während  man  von  Neuron  c  die 
Assoziation  verfolgt.  Wir  wissen,  daß  durch  solche  Besetzung  von 
Neuron  b  alle  seine  etwaigen  Verbindungen  selbst  gebahnter  und 
zugänglicher  werden. 

Auf  dieser  Wanderung  kann  es  geschehen,  daß  die  Quantität  (Qi]) 
auf  eine  Erinnerung  stößt,  die  mit  einem  Schmerzerlebnis  in  Be¬ 
ziehung  steht  und  somit  Anlaß  zur  Unlustentbindung  gibt.  Da  dies 
ein  sicheres  Anzeichen  ist,  Neuron  b  sei  auf  diesem  Weg  nicht  zu 
erreichen,  lenkt  sich  der  Strom  sofort  von  der  betreffenden  Be¬ 
setzung  ab.  Die  Unlustbahnen  behalten  aber  ihren  hohen  Wert, 
um  den  Reproduktionsstrom  zu  dirigieren. 


DAS  ERINNERN  UND  DAS  URTEILEN 

Das  reproduzierende  Denken  hat  also  einen  praktischen  Zweck 
und  ein  biologisch  festgestelltes  Ende,  nämlich  eine  von  der  über¬ 
schüssigen  Wahrnehmung  aus  wandernde  Quantität  (Qfj)  auf  die  ver¬ 
mißte  Neuronenbesetzung  zurückzuführen.  Dann  ist  Identität  und 
Abfuhrrecht  erreicht,  wenn  noch  das  Realitätszeichen  von  Neuron  b 
auftritt.  Es  kann  aber  der  Vorgang  sich  vom  letzteren  Ziel  unab¬ 
hängig  machen  und  nur  die  Identität  anstreben.  Dann  hat  man  einen 
reinen  Denkakt  vor  sich,  der  aber  in  jedem  Falle  später  praktisch 


Das  Erinnern  und  das  Urteilen 


415 


verwertbar  gemacht  werden  kann.  Auch  benimmt  sich  das  besetzte 
Ich  dabei  in  völlig  gleicher  Weise. 

Wir  folgen  einer  dritten  Möglichkeit,,  die  sich  im  Wunschzustande 
ereignen  kann,  daß  nämlich  bei  vorhandener  Wunschbesetzung  eine 
auftauchende  Wahrnehmung  gar  nicht  mit  dem  gewünschten  Erin¬ 
nerungsbild  (Er  -f)  zusammenfällt.  Dann  entsteht  ein  Interesse, 
dieses  Wahrnehmungsbild  zu  erkennen,  um  eventuell  doch  von 
ihm  einen  Weg  zu  Er  -j-  zu  finden.  Es  ist  anzunehmen,  daß  zu  diesem 
Zwecke  die  Wahrnehmung  auch  vom  Ich  aus  überbesetzt  wird,  wie  im 
vorigen  Falle  bloß  der  Bestandteil  Neuron  c.  Wenn  die  Wahr¬ 
nehmung  nicht  absolut  neu  ist,  wird  sie  jetzt  an  die  Erinnerung 
einer  Wahrnehmung  erinnern,  diese  wach  rufen,  mit  welcher 
sie  wenigstens  teilweise  zusammenfällt.  An  diesem  Erinnerungsbild 
wiederholt  sich  nun  der  Denkvorgang  von  vorhin  nur  gewissermaßen 
ohne  das  Ziel,  welches  die  besetzte  Wunschvorstellung  bot. 

Soweit  die  Besetzungen  übereinander  fallen,  geben  sie  keinen 
Anlaß  zur  Denkarbeit.  Die  auseinanderfallenden  Anteile  dagegen 
„erwecken  das  Interesse“  und  können  zu  zweierlei  Weisen  von 
Denkarbeit  Anlaß  geben.  Entweder  richtet  sich  der  Strom  auf  die 
geweckten  Erinnerungen  und  setzt  eine  ziellose  Erinnerungs¬ 
arbeit  in  Gang,  die  also  durch  die  Verschiedenheiten,  nicht  durch 
die  Ähnlichkeiten  bewegt  wird,  oder  er  verbleibt  in  den  neu  auf¬ 
getauchten  Bestandteilen  und  stellt  dann  eine  ebenfalls  ziellose  U  r- 
teilsarbeit  dar. 

Nehmen  wir  an,  das  Objekt,  welches  die  Wahrnehmung  liefert, 
sei  dem  Subjekt  ähnlich,  ein  Nebenmensch.  Das  theoretische 
Interesse  erklärt  sich  dann  auch  dadurch,  daß  ein  solches  Objekt 
gleichzeitig  das  erste  Befriedigungsobjekt,  im  ferneren  das  erste  feind¬ 
liche  Objekt  ist,  wie  die  einzig  helfende  Macht.  Am  Nebenmenschen 
lernt  darum  der  Mensch  erkennen.  Dann  werden  die  Wahrneh¬ 
mungskomplexe,  die  von  diesem  Nebenmenschen  ausgehen,  zum 
Teil  neu  und  unvergleichbar  sein,  seine  Züge,  etwa  auf  visuellem 
Gebiet;  andere  visuelle  Wahrnehmungen,  z.B.  die  seiner  Handbe¬ 
wegungen,  aber  werden  im  Subjekt  über  die  Erinnerung  eigener 
ganz  ähnlicher  visueller  Eindrücke  vom  eigenen  Körper  fallen,  mit 
denen  die  Erinnerungen  von  selbst  erlebten  Bewegungen  in  Assozia- 


4i6 


Entwurf  einer  Psychologie 


tion  stehen.  Noch  andere  Wahrnehmungen  des  Objektes,  z.B.  wenn 
es  schreit,  werden  die  Erinnerung  an  eigenes  Schreien  und  damit 
an  eigene  Schmerzerlebnisse  wecken.  Und  so  sondert  sich  der  Kom¬ 
plex  des  Nebenmenschen  in  2  Bestandteile,  von  denen  der  eine 
durch  konstantes  Gefüge  imponiert,  als  Ding  beisammenbleibt, 
während  der  andere  durch  Erinnerungsarbeit  verstanden,  d.h. 
auf  eine  Nachricht  vom  eigenen  Körper  zurückgeführt  werden  kann.1 
Diese  Zerlegung  eines  Wahrnehmungskomplexes  heißt  ihn  e  r- 
kennen,  enthält  ein  Urteil  und  findet  mit  dem  letzt  erreichten 
Ziel  ein  Ende.  Das  Urteil  ist,  wie  man  sieht,  keine  Primärfunktion, 
sondern  setzt  die  Besetzung  des  disparaten  Anteües  vom  Ich  aus 
voraus;  es  hat  zunächst  keinen  praktischen  Zweck  und  es  scheint, 
daß  beim  Urteilen  die  Besetzung  der  disparaten  Bestandteile  ab¬ 
geführt  wird,  da  sich  so  erklären  würde,  warum  sich  die  Tätigkeiten, 
„Prädikate“,  vom  Subjektkomplex  durch  eine  lockere  Bahn  sondern. 

Man  könnte  von  hier  aus  tief  in  die  Analyse  des  Urteüsaktes  ein- 
gehen,  allein  dies  führt  vom  Thema  ab. 

Begnügen  wir  uns  damit  festzuhalten,  daß  es  das  ursprüngliche 
Interesse  an  der  Herstellung  der  Befriedigungssituation  ist,  welches 
in  einem  Falle  das  reproduzierende  Nachdenken,  im 
anderen  Falle  das  Beurteilen  als  Mittel  erzeugt  hat,  aus  der 
real  gegebenen  Wahrnehmungssituation  auf  die  gewünschte  zu  ge¬ 
langen.  Voraussetzung  dabei  bleibt,  daß  die  ^-Vorgänge  nicht  un¬ 
gehemmt,  sondern  bei  tätigem  Ich  ablaufen.  Der  eminent  prak¬ 
tische  Sinn  aller  Denkarbeit  wäre  aber  dabei  erwiesen. 


DENKEN  UND  REALITÄT2 

Ziel  und  Ende  aller  Denkvorgänge  ist  also  die  Herbeiführung 
eines  Identitätszustandes,  die  Überführung  einer  von 

*)  Diese  Gedanken  über  die  Wurzeln  des  Ausdrucksverständnisses  haben 
in  Freuds  Werken  keine  adäquate  Fortsetzung  gefunden.  Ein  Abschnitt  in 
„Der  Witz  und  seine  Beziehung  zum  Unbewußten“  (1904)  verwendet  die 
Hypothese,  daß  die  Erinnerung  an  den  eigenen  Innervationsaufwand  das 
Verständnis  der  Mimik  und  der  Gesten  des  Nebenmenschen  ermöglichen. 
(Vgl.  dazu  S.  416.)  Die  neueren  Forschungen  über  das  Körperschema  rücken 
Freuds  im  „Entwurf“  formulierte  Gedanken  in  ein  neues  Licht.  Vgl.  Paul 
Schilder,  „Mind,  Perception  and  Thought,“  1942. 

2)  Zum  Folgenden  vgl.  unten  S.  422  ff.  (Arten  des  Denkens). 


Denken  und  Realität 


417 


außen  stammenden  Besetzungsquantität  (Qf\)  in  ein  vom  Ich  aus 
besetztes  Neuron.  Das  erkennende  oder  urteilende 
Denken  sucht  eine  Identität  mit  einer  Körperbesetzung,  das  r  e- 
produzierende  Denken  mit  einer  psychischen  Besetzung 
(eigenes  Erlebnis)  auf.  Das  urteilende  Denken  arbeitet  dem  repro- 
duzierenden  vor,  indem  es  ihm  fertige  Bahnungen  zur  weiteren 
Assoziationswanderung  bietet.  Kommt  nach  Abschluß  des  Denkaktes 
das  Realitätszeichen  zur  Wahrnehmung  hinzu,  so  ist  das  Reali¬ 
tätsurteil,  der  Glaube,  gewonnen  und  das  Ziel  der  ganzen 
Arbeit  erreicht. 

Für  das  Urteilen  ist  noch  zu  bemerken,  daß  dessen  Grundlage 
offenbar  das  Vorhandensein  von  eigenen  Körpererfahrungen,  Em¬ 
pfindungen  und  Bewegungsbildern  ist.  Solange  diese  fehlen,  bleibt 
der  verarbeitende  Anteil  des  Wahrnehmungskomplexes  unverstanden, 
d.h.  er  kann  reproduziert  werden,  gibt  aber  keine  Richtung  für 
weitere  Denkwege.  So  können  z.B.,  was  in  der  Folge  wichtig  sein 
wird,  alle  sexuellen  Erfahrungen  keine  Wirkung  äußern,  so  lange 
das  Individuum  keine  Sexualempfindung  kennt,  d.h.  im  allgemeinen 
bis  zum  Beginn  der  Pubertät. 

Das  primäre  Urteilen  scheint  eine  geringere  Beeinflussung 
durch  das  besetzte  Ich  vorauszusetzen  als  die  reproduzierenden 
Denkakte.  Handelt  es  sich  dabei  um  Verfolgung  einer  Assoziation 
durch  teilweises  Übereinanderfallen,  der  keine  Modifikation  angetan 
wird,  so  kommen  dann  auch  Fälle  vor,  in  denen  der  Urteilsassozia¬ 
tionsvorgang  sich  mit  voller  Quantität  vollzieht.  Wahrnehmung 
entspricht  etwa  einem  Objektkern  -f  einem  Bewegungsbild.  Während 
man  W  wahrnimmt,  ahmt  man  die  Bewegungen  selbst  nach,  d.h. 
innerviert  das  eigene  Bewegungsbild,  das  auf  Aufeinanderfallen  ge¬ 
weckt  ist,  so  stark,  daß  die  Bewegung  sich  vollzieht.  Man  kann 
daher  von  einem  Imitations  wert  einer  Wahrnehmung  sprechen.1 
Oder  die  Wahrnehmung  weckt  das  Erinnerungsbild  einer  eigenen 
Schmerzempfindung,  man  verspürt  dann  die  entsprechende  Unlust 
und  wiederholt  die  zugehörigen  Abwehrbewegungen.  Dies  ist  der 
Mitleidswert  einer  Wahrnehmung. 

x)  Vgl.  Anmerkg.  zu  S.  416. 

PF 


4i8 


Entwurf  einer  Psychologie 


In  diesen  beiden  Fällen  haben  wir  wohl  den  Primärvorgang 
für  das  Urteilen  zu  sehen  und  können  annehmen,  daß  alles  sekundäre 
Urteilen  durch  Ermäßigung  dieser  rein  assoziativen  Vorgänge  zustande 
gekommen  ist.  Das  Urteilen,  später  ein  Mittel  zur  Erkenntnis 
des  vielleicht  praktisch  wichtigen  Objektes,  ist  also  ursprünglich  ein 
Assoziationsvorgang  zwischen  von  außen  kommenden  und  vom 
eigenen  Körper  stammenden  Besetzungen,  eine  Identifizierung 
von  9  und  Binnennachrichten  oder  Besetzungen. 
Es  ist  vielleicht  nicht  unrecht  zu  vermuten,  daß  es  gleichzeitig  einen 
Weg  darstellt,  wie  von  9  kommende  Quantitäten  ( Q )  übergeführt 
und  abgeführt  werden  können.  Was  wir  Dinge  nennen,  sind  Reste, 
die  sich  der  Beurteilung  entziehen. 

Aus  dem  Urteilsbeispiel  ergibt  sich  zuerst  ein  Wink  für  die  Ver¬ 
schiedenheit  im  Quantitativen,  welche  zwischen  Denken  und  Primär¬ 
vorgang  zu  statuieren  ist.  Es  ist  berechtigt  anzunehmen,  daß  beim 
Denken  ein  leiser  Strom  motorischer  Innervation  von  <9  abläuft, 
natürlich  nur  dann,  wenn  im  Verlauf  ein  motorisches  oder  Schlüssel- 
Neuron  innerviert  worden  ist.  Doch  wäre  es  unrecht,  diese  Abfuhr 
für  den  Denkvorgang  selbst  zu  nehmen,  von  dem  sie  nur  eine  un¬ 
beabsichtigte  Nebenwirkung  ist.  Der  Denkvorgang  besteht  in 
der  Besetzung  von  9-Neuronen  mit  Abänderung  des  Bahnungs¬ 
zwanges  durch  Seitenbesetzung  vom  Ich  aus.  Es  ist  mechanisch 
verständlich,  daß  dabei  nur  ein  Teil  der  Quantität  (Qf\)  den  Bahnungen 
folgen  kann  und  daß  die  Größe  dieses  Teils  beständig  durch  die 
Besetzungen  reguliert  wird.  Es  ist  aber  auch  klar,  daß  damit  gleich¬ 
zeitig  Quantität  ( Q )  genug  erspart  wird,  um  die  Reproduktion  über¬ 
haupt  nutzbringend  zu  machen.  Im  anderen  Falle  würde  alle  Quan¬ 
tität  (ßf)).,  die  am  Schlüsse  zur  Abfuhr  nötig  ist,  während  des  Um¬ 
laufes  auf  den  motorischen  Auslaufspunkten  verausgabt  werden. 
Der  S e kundärvor gang  ist  also  eine  Wiederholung 
des  ursprünglichen  9-A blaufes  auf  niedrigerem 
Niveau,  mit  geringeren  Quantitäten. 

Noch  kleinere  Quantitäten  (Qf]),  wird  man  einwerfen,  als  sonst 
in  9-Neuronen  verlaufen!  Wie  bringt  man  es  zustande,  so  kleinen 
Quantitäten  (ßf|)  die  Wege  zu  eröffnen,  die  doch  nur  für  größere, 
als  9  in  der  Regel  empfängt,  gangbar  sind  ?  Die  einzig  mögliche  Ant- 


Primärvorgänge  —  Schlaf  und  Traum 


419 


wort  ist,  dies  muß  eine  mechanische  Folge  der  Seitenbesetzungen 
sein.  Wir  müssen  derartige  Verhältnisse  erschließen,  daß  bei  Seiten¬ 
besetzung  kleine  Quantitäten  (gf|)  durch  Bahnungen  abströmen,  wo 
sonst  nur  große  den  Durchgang  gefunden  hätten.  Die  Seitenbe¬ 
setzung  bindet  gleichsam  einen  Betrag  der  durch  das  Neuron 
strömenden  Quantität  (gr ]). 

Das  Denken  muß  ferner  einer  anderen  Bedingung  genügen.  Es 
darf  die  durch  die  Primärvorgänge  geschaffenen  Bahnungen  nicht 
wesentlich  verändern,  sonst  fälscht  es  ja  die  Spuren  der  Realität. 
Dieser  Bedingung  genügt  die  Bemerkung,  daß  Bahnung  wahrschein¬ 
lich  der  Erfolg  einmaliger  großer  Quantität  ist,  und  daß  Besetzung, 
im  Moment  sehr  mächtig,  doch  keinen  vergleichbar  dauernden  Effekt 
hinterläßt.  Die  kleinen  beim  Denken  passierenden  Quantitäten  (g) 
kommen  im  allgemeinen  gegen  die  Bahnungen  nicht  auf. 

Es  ist  aber  unzweifelhaft,  daß  der  Denkvorgang  doch  dauernde 
Spuren  hinterläßt,  da  ein  zweites  Überdenken  soviel  weniger  Aufwand 
fordert  als  ein  erstes.  Um  die  Realität  nicht  zu  fälschen,  bedarf  es  also 
besonderer  Spuren,  Anzeichen  für  die  Denkvorgänge,  die  ein  Denk¬ 
gedächtnis  konstituieren,  welches  sich  bisher  nicht  formen  läßt.  Wir 
werden  später  hören,  durch  welche  Mittel  die  Spuren  der  Denkvor¬ 
gänge  von  denen  der  Realität  geschieden  werden. 


PRIMÄRVORGÄNGE  —  SCHLAF  UND  TRAUM 

Nun  taucht  die  Frage  auf,  aus  welchen  quantitativen  Mitteln  wird 
dann  der  vp-P  rimärvorgang  bestritten  ?  Beim  Schmerzer¬ 
lebnis  ist  es  offenbar  die  von  außen  einbrechende  Quantität  (g), 
beim  Affekt  die  durch  Bahnung  entbundene  Quantität ;  beim 
Sekundärvorgang  des  reproduzierenden  Denkens  kann 
offenbar  auf  Neuron  c  eine  größere  oder  geringere  Quantität  (gf)) 
aus  dem  Ich  übertragen  werden,  die  man  als  Denkinteresse 
bezeichnen  darf,  und  die  dem  Affektinteresse  proportional 
ist,  wo  ein  solches  entstehen  konnte.  Es  fragt  sich  nur,  gibt  es  y- 
Vorgänge  primärer  Natur,  für  welche  die  aus  9  mitgebrachte  Quan¬ 
tität  (gp)  hinreicht  oder  kommt  zur  9-Besetzung  einer  Wahrnehmung 
ein  ^-Beitrag  (Aufmerksamkeit)  automatisch  hinzu,  der  erst  einen  4;- 


420 


Entwurf  einer  Psychologie 


Vorgang  ermöglicht?  Diese  Frage  bleibe  offen*  ob  sie  nicht  etwa 
durch  Spezialanpassung  an  psychologische  Tatsachen  entschieden 
werden  kann. 

Eine  wichtige  Tatsache  ist  es*  daß  wir  vp-P  rimärvorgänge* 
wie  sie  in  der  ^-Entwicklung  biologisch  allmählich  unterdrückt  worden 
sind,  alltäglich  während  des  Schlafes  vor  uns  haben.  Eine  zweite 
Tatsache  derselben  Bedeutung,  daß  die  pathologischen  Mechanismen, 
welche  die  sorgfältigste  Analyse  bei  den  Psychoneurosen  aufdeckt,  mit 
den  Traumvorgängen  die  größte  Ähnlichkeit  haben.  Aus  diesem 
später  auszuführenden  Vergleich  ergeben  sich  die  wichtigsten  Schlüsse.1 

Zunächst  ist  die  Tatsache  des  Schlafes  in  die  Theorie  einzutragen. 
Die  wesentliche  Bedingung  des  Schlafes  ist  beim  Kinde 
klar  zu  erkennen.  Das  Kind  schläft,  solange  es  kein  Bedürfnis  oder 
äußerer  Reiz  quält  (Hunger  und  Nasskälte).  Es  schläft  mit  der  Be¬ 
friedigung  (an  der  Brust)  ein.  Auch  der  Erwachsene  schläft  leicht  post 
coenam  et  coitum.  Bedingung  des  Schlafes  ist  somit  Absinken 
der  endogenen  Ladung  im  vp-K ern,  welche  die  Sekun¬ 
därfunktion  überflüssig  macht.  Im  Schlaf  ist  das  Individuum  im 
Idealzustand  der  Trägheit,  des  Quantitätsvorrates  (ßf))  entledigt. 

Dieser  Vorrat  ist  beim  Erwachen  im  „Ich“  angesammelt;  wir 
dürfen  annehmen,  daß  es  die  Ichentladung  ist,  die  den  Schlaf  bedingt 
und  charakterisiert.  Hiemit  ist,  wie  sofort  klar,  die  Bedingung 
für  psychische  Primärvorgänge  gegeben. 

Ob  das  Ich  sich  beim  Erwachsenen  im  Schlaf  vollständig  ent¬ 
lastet,  ist  nicht  sicher.  Jedenfalls  zieht  er  eine  Unzahl  seiner  Be¬ 
setzungen  ein,  die  aber  mit  dem  Erwachen  sofort  und  mühelos  her¬ 
gestellt  werden.  Dies  widerspricht  keiner  unserer  Voraussetzungen, 
macht  aber  aufmerksam  darauf,  daß  zwischen  gut  verbundenen 
Neuronen  Strömungen  anzunehmen  sind,  welche  wie  in  kommuni¬ 
zierenden  Gefäßen  das  gesamte  Niveau  betreffen,  obwohl  die  Niveau¬ 
höhe  im  einzelnen  Neuron  nur  proportional,  nicht  gleichförmig  zu 
sein  braucht. 

*)  Vgl.  zum  Folgenden  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  besonders  S.  603. 
Die  hier  ausgesprochene  Einsicht  in  die  „Ähnlichkeit“  von  Traumvor¬ 
gängen  und  Mechanismen  der  Psychoneurosen  hat  Freud  anscheinend  nicht 
festgehalten,  sondern  erst  anfangs  1899  wieder  entdeckt.  Vgl.  auch  S.  432. 
und  S.  222  Am  kg.  2. 


Primärvorgänge  —  Schlaf  und  Traum 


421 


Aus  den  Eigentümlichkeiten  des  Schlafes  ist  manches  zu  entnehmen, 
was  sich  nicht  erraten  läßt. 

Der  Schlaf  ist  ausgezeichnet  durch  motorische  (W  i  1 1  e  n  s-) 
Lähmung.  Der  Wille  ist  die  Abfuhr  der  gesamten  ^-Quantität  (Qf\). 
Im  Schlaf  ist  der  spinale  Tonus  teilweise  gelöst;  es  ist  wahrscheinlich, 
daß  die  motorische  9-Abfuhr  sich  im  Tonus  äußert;  andere  Innerva¬ 
tionen  bestehen  mitsamt  ihren  Erregungsquellen. 

Es  ist  höchst  interessant,  daß  der  Schlafzustand  beginnt  und  her¬ 
vorgerufen  ist  mit  dem  Verschluß  der  verschließbaren  Sinnesorgane. 
Wahrnehmungen  sollen  im  Schlaf  nicht  gemacht  werden,  nichts  stört 
den  Schlaf  mehr  als  Auftreten  von  Sinneseindrücken,  Besetzung  von 
9  her  in  p.  Dies  scheint  darauf  zu  deuten,  daß  während  des  Tages 
den  Mantelneuronen,  welche  Wahrnehmungen  von  9  her  empfangen, 
eine  beständige,  wenngleich  verschiebbare  Besetzung  entgegenge¬ 
schickt  wird  (Aufmerksamkeit),  sodaß  sehr  wohl  die  p-Pri- 
märvorgänge  sich  mit  diesem  p-Beitrag  vollziehen  können.  Ob  die 
Mantelneurone  selbst  bereits  vorbesetzt  sind  oder  anstoßende  Kern¬ 
neurone,  das  stehe  dahin.  Zieht  p  diese  Mantelbesetzungen  ein,  so 
erfolgen  die  Wahrnehmungen  auf  unbesetzte  Neuronen,  sind  gering, 
vielleicht  nicht  imstande,  von  Wahrnehmungen  aus  ein  Quantitäts¬ 
zeichen  zu  geben.  Wie  wir  vermutet  haben,  hört  mit  der  Entleerung 
der  Wahrnehmungsneurone  (c oN)  dann  auch  eine  die  Aufmerksam¬ 
keit  steigernde  Abfuhrinnervation  auf.  Auch  das  Rätsel  des  Hyp- 
notisierens  hätte  hier  anzusetzen.  Auf  dieser  Einziehung  der  Auf¬ 
merksamkeitsbesetzung  wird  die  scheinbare  Unerregbarkeit  der  Sinnes¬ 
organe  beruhen. 

Durch  einen  automatischen  Mechanismus  also,  das  Gegenstück 
vom  Aufmerksamkeitsmechanismus,  schließt  p  die  9 -Eindrücke  aus, 
solange  es  selbst  unbesetzt  ist. 

Das  Merkwürdigste  aber  ist,  daß  im  Schlaf  p-Vorgänge  ablaufen, 
die  Träume,  mit  vielen  unverstandenen  Charakteren. 


422 


Entwurf  einer  Psychologie 


DIE  TRAUMANALYSE1 

Die  Träume  zeigen  alle  Übergänge  zum  Wachen  und  Vermengung 
mit  normalen  ^-Vorgängen,  doch  läßt  sich  das  eigentlich  Traumhafte 
leicht  heraus  klauben. 

1.  Die  Träume  entbehren  der  motorischen  Ab¬ 
fuhr,  sowie  zumeist  motorischer  Elemente.  Man  ist  im  Traum 
gelähmt. 

Die  bequemste  Erklärung  dieses  Charakters  ist  der  Wegfall  der 
spinalen  Vorbesetzung  durch  Auf  hören  der  9 -Abfuhr.  Die  motorische 
Erregung  kann  die  Schranke  bei  unbesetzten  Neuronen  nicht  über¬ 
schreiten.  In  sonstigen  Traumzuständen  ist  Bewegung  nicht  aus¬ 
geschlossen.  Es  ist  nicht  der  wesentliche  Charakter  des  Traumes. 

2.  Die  Traumverknüpfungen  sind  teilweise  widersinnig, 
teils  schwachsinnig,  oder  auch  sinnlos,  seltsam  toll. 

Der  letztere  Charakter  erklärt  sich  daraus,  daß  im  Traum  der 
Assoziationszwang  herrscht,  wie  wohl  primär  im  psychischen  Leben 
überhaupt.  Zwei  gleichzeitig  vorhandene  Besetzungen  müssen, 
scheint  es,  in  Verbindung  gebracht  werden.  Ich  habe  komische 
Beispiele  für  das  Walten  dieses  Zwanges  im  Wachen  gesammelt. 
(Z.B.  Zuhörer  während  des  Attentates  in  der  französischen  Kammer 
aus  der  Provinz,  haben  den  Schluß  gezogen,  daß  nach  jeder  guten 
Rede  eines  Deputierten  als  Beifallszeichen  —  geschossen  wird.)  2 

Die  beiden  anderen,  eigentlich  identischen  Charaktere  beweisen, 
daß  ein  Teil  der  psychischen  Erfahrungen  vergessen  ist.  Tatsächlich 
sind  ja  alle  die  biologischen  Erfahrungen  vergessen,  die  sonst  den 
Primärvorgang  hemmen  und  dies  wegen  mangelnder  Ichbesetzung. 
Wahrscheinlich  ist  die  Unsinnigkeit  und  Unlogik  des  Traumes  auf 

x)  Der  folgende  erste  Versuch  einer  Traumlehre  ist  in  so  wesentlichen 
Teilen  stückhaft,  daß  es  wenig  lohnend  scheint,  ihn  im  einzelnen  mit  den  in 
der  Traumdeutung  entwickelten  Hypothesen  zu  vergleichen.  Wir  gewinnen 
die  Einsicht,  daß  Freud  sich  dem  Studium  des  Traumes  von  zwei  Seiten 
genähert  hat:  Seine  Versuche,  das  Wesen  des  psychischen  Apparates  zu 
ergründen,  lassen  ihn  allgemeine  Mechanismen  der  Traumbüdung  verstehen; 
erst  die  Analyse  der  eigenen  Träume  aber  —  und  das  konkrete  Erlebnis  der 
Selbstanalyse  —  ermöglicht  den  Fortschritt,  der  aus  der  Fassung  des  Ent¬ 
wurfes  zu  der  „Traumdeutung“  geführt  hat. 

2)  Freud  hat  diese  Beispiele  in  der  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III, 
S.  503  f.,  verwendet  und  aus  dem  Bestreben  erklärt,  „die  gebotenen  Sinnes¬ 
eindrücke  verständlich  zusammenzusetzen“. 


Die  Traumanalyse 


423 


eben  denselben  Charakter  zurückzuführen.  Es  scheinen  nicht  einge- 
zogene  9 -Besetzungen  zum  Teil  nach  ihren  nächsten  Bahnungen, 
zum  Teil  nach  den  benachbarten  Besetzungen  sich  abzugleichen. 
Bei  vollständiger  Ichentladung  müßte  der  Schlaf  traumlos  sein. 

3.  Die  Traum  Vorstellungen  sind  halluzinatorischer  Art,  erwecken 
Bewußtsein  und  finden  Glauben. 

Dies  ist  der  bedeutsamste  Schlafcharakter.  Er  tritt  gleich  beim 
alternierenden  Einschlafen  auf,  man  schließt  die  Augen  und  hal¬ 
luziniert,  öffnet  sie  und  denkt  in  Worten.  Es  gibt  mehrere  Erklä¬ 
rungen  für  die  halluzinatorische  Natur  der  Traumbesetzungen.  Erstens 
könnte  man  annehmen,  die  Strömung  von  9  zur  Motilität  habe 
eine  rückläufige  Besetzung  der  9-Neuronen  gehindert  von  9/  aus; 
mit  dem  Aufhören  dieser  Strömung  werde  9  rückläufig  besetzt  und 
damit  die  Qualitätsbedingung  gegeben.  Dagegen  spricht  nur  die 
Erwägung,  daß  die  9-Neuronen  durch  Nichtbesetzung  gegen  Be¬ 
setzung  von  9  aus  geschützt  sein  sollen,  ähnlich  wie  die  Motilität. 
Es  ist  bezeichnend  für  den  Schlaf,  daß  er  das  ganze  Verhältnis  hier 
umkehrt,  die  motorische  Abfuhr  von  9  auf  hebt,  die  rückläufige  nach 
9  ermöglicht.  Man  könnte  geneigt  sein,  den  großen  Abfuhrstrom 
des  Wachens,  von  9  zur  Motilität,  hier  die  entscheidende  Rolle  spielen 
zu  lassen.  Man  könnte  zweitens  auf  die  Natur  des  Primärvorganges 
rekurrieren,  anführen,  daß  die  primäre  Erinnerung  einer  Wahrneh¬ 
mung  stets  Halluzination  ist  und  daß  erst  die  Ichhemmung  gelehrt 
hat,  W  nie  so  zu  besetzen,  daß  es  rückläufig  auf  9  übertragen  kann. 
Man  könnte  dabei  zur  Erleichterung  der  Annahme  anführen,  daß 
die  Leitung  9—9  jedenfalls  leichter  vor  sich  geht  alsdie9  — 9,  sodaß 
selbst  eine  9-Besetzung  eines  Neurons,  welche  die  Wahrnehmungs¬ 
besetzung  desselben  Neurons  weit  überschreitet,  doch  nicht  rück¬ 
läufig  zu  leiten  braucht.  Ferner  spricht  für  diese  Erklärung  der 
Umstand,  daß  im  Traum  die  Lebhaftigkeit  der  Halluzination  im 
geraden  Verhältnis  steht  zur  Bedeutung,  also  zur  quantitativen  Be¬ 
setzung  der  betreffenden  Vorstellung.  Dies  weist  darauf  hin,  daß  es 
die  Quantität  (Q)  ist,  welche  die  Halluzination  bedingt.  Kommt  eine 
Wahrnehmung  von  9  aus  im  Wachen,  so  wird  sie  durch  9-Besetzung 
(Interesse)  zwar  deutlicher,  aber  nicht  lebhafter,  sie  ändert  ihren 
quantitativen  Charakter  nicht. 


424 


Entwurf  einer  Psychologie 


4.  Der  Zweck  und  Sinn  der  Träume  (der  normalen  wenigstens) 
ist  mit  Sicherheit  festzustellen.  Sie  sind  Wunscherfül¬ 
lungen,1  also  Primärvorgänge  nach  den  Befriedigungserlebnissen, 
und  werden  nur  darum  nicht  als  solche  erkannt,  wTeil  die  Lustent¬ 
bindung  (Reproduktion  von  Lustabfuhren)  bei  ihnen  gering  ist,  weil 
sie  überhaupt  fast  affektlos  (ohne  motorische  Entbindung)  verlaufen. 
Diese  ihre  Natur  ist  aber  sehr  leicht  nachzuweisen.  Gerade  daraus 
möchte  ich  schließen,  daß  die  primäre  Wunschbe¬ 
setzung  auch  halluzinatorischer  Natur  war. 

5.  Bemerkenswert  ist  das  schlechte  Gedächtnis  und  der  geringe 
Schade  der  Träume  im  Vergleich  mit  anderen  Primärvorgängen. 
Das  erklärt  sich  aber  leicht  daraus,  daß  die  Träume  meist  nach  alten 
Bahnungen  gehen,  also  keine  Veränderung  machen,  daß  die  y-Er- 
lebnisse  von  ihnen  abgehalten  sind  und  daß  sie  nicht  Abfuhrspuren 
hinterlassen  wegen  Motilitätslähmung. 

6.  Interessant  ist  noch,  daß  das  Bewußtsein  im  Traum  so 
ungestört  die  Qualität  wie  im  Wachen  liefert.  Dies  zeigt,  daß  Be¬ 
wußtsein  nicht  am  Ich  haftet,  sondern  Zutat  zu  allen  ^-Vorgängen 
werden  kann.  Es  warnt  uns  davor,  etwa  die  Primärvorgänge  mit  un¬ 
bewußten  zu  identifizieren. 

Zwei  für  die  Folge  unschätzbare  Winke!  Fragt  man  das  Bewußtsein 
bei  erhaltenem  Traumgedächtnis  nach  dem  Trauminhalt  aus,  so 
ergibt  sich,  daß  die  Bedeutung  der  Träume  als  Wunscherfüllungen 
verdeckt  ist  durch  eine  Reihe  von  vp -Vorgängen,  die  sich  alle  bei  den 
Neurosen  wiederfinden  und  deren  krankhafte  Natur  charakterisieren.2 


DAS  TRAUMBEWUSSTSEIN 

Das  Bewußtsein  der  Traumvorstellung  ist  vor  allem  ein  diskon¬ 
tinuierliches,  es  ist  nicht  ein  ganzer  Assoziationsablauf  bewußt  ge¬ 
worden,  sondern  nur  einzelne  Stationen.  Dazwischen  liegen  unbe¬ 
wußte  Mittelglieder,  welche  man  mit  Leichtigkeit  im  Wachen  auf- 

*)  Die  Einsicht  hatte  sich  Freud  im  Anschluß  an  die  Deutung  des  Traumes 
von  Irmas  Injektion  im  Juli  1895  ergeben;  S.  Brief  Nr.  137.  Die  Analyse 
dieses  Traumes  stand  anscheinend  noch  nicht  im  Zusammenhang  der 
„Selbstanalyse“;  sie  war  dynamisch,  aber  noch  nicht  genetisch  gerichtet. 

2)  Vgl.  dazu  S.  65  und  dort  Anmkg.  1. 


Das  Traumbewusstsein 


425 


7 


findet.  Forscht  man  nach  dem  Grunde  dieses  Überspringens,  so 
zeigt  sich  folgendes:  Es  sei  A  eine  bewußt  gewordene  Traumvor¬ 
stellung,  sie  führe  zu  B;  anstatt  B  findet  sich  aber  C  im  Bewußtsein 
und  zwar  weil  es  auf  dem  Wege  zwischen  B  und  einer  gleichzeitig 
vorhandenen  D-Besetzung  liegt. 

Es  ergibt  sich  also  eine  Ablenkung  durch  eine  / 
gleichzeitige,  andersartige,  selbst  übrigens  nicht  0^ 
bewußte  Besetzung.  Es  hat  sich  also  darum  C  dem  « 

B  substituiert,  während  B  der  Gedankenverbindung,  <  ~  / 

der  Wunscherfüllung  besser  entspricht.  Z.B.  O.  Q  0 
hat  der  Irma  eine  Injektion  von  Propyl 
gemacht,  dann  sehe  ich  vor  mir  Trimethylamin  Z.B. 
sehr  lebhaft,  halluziniere  als  formale  Erklärung:  Der  gleichzeitig 
vorhandene  Gedanke  ist  die  sexuelle  Natur  von  Irmas  Krankheit. 
Zwischen  diesem  Gedanken  und  dem  Propyl  gibt  es  eine  Assoziation 
in  der  Sexualchemie,  die  ich  mit  W.  Fl.  besprochen  habe,  wobei  er 
mir  das  Trimethylamin  hervorgehoben.  Dies  wird  nun  bewußt  durch 
beiderseitige  Förderung.1 

Es  ist  sehr  rätselhaft,  daß  nicht  auch  das  Mittelglied  (Sexualchemie) 
oder  die  ablenkende  Vorstellung  (sexuelle  Natur  der  Krankheit) 
bewußt  wird,  und  es  bedarf  einer  Erklärung  hiefür.  Man  würde 
meinen,  die  Besetzung  von  B  oder  D  sei  allein  nicht  intensiv  genug, 
sich  zur  rückläufigen  Halluzination  durchzusetzen,  das  gemeinsam 
besetzte  C  brächte  diese  zustande.  Allein  im  gewählten  Beispiel  war 
D  (Sexualnatur)  gewiß  so  intensiv  wie  A  (Propylinjektion)  und  der 
Abkömmling  beider,  die  chemische  Formel  war  enorm  lebhaft. 


Das  Rätsel  unbewußter  Mittelglieder  gilt  ebenso  für  das  wache 
Denken,  wo  ähnliche  Vorkommnisse  alltäglich  sind.  Charakteristisch 
für  den  Traum  bleibt  aber  die  Leichtigkeit  der  Ver¬ 
schiebung  der  Quantität  und  somit  die  Ersetzung 
von  B  durch  ein  quantitativ  bevorzugtes  C. 

Ähnlich  bei  der  Wunscherfüllung  im  Traum  überhaupt.  Es  wird 
nicht  etwa  der  YCunsch  bewußt  und  dann  dessen  Erfüllung  halluzi¬ 
niert,  sondern  nur  das  letztere,  das  Mittelglied  bleibt  zu  erschließen. 


x)  Aus  dem  Traum  „Von  Irmas  Injektion“.  S.  „Traumdeutung“  G.W. 
II-III,  S.  in  ff. 


426 


Entwurf  einer  Psychologie 


Es  ist  ganz  gewiß  passiert  worden,  ohne  sich  qualitativ  ausbilden  zu 
können.  Man  sieht  aber  ein,  daß  die  Besetzung  der  Wunschvor¬ 
stellung  unmöglich  stärker  sein  kann  als  das  dazu  drängende  Motiv. 
Der  psychische  Ablauf  geschieht  also  im  Traum  nach  der  Quantität 
( Q ) ;  aber  nicht  die  Quantität  ( Q )  entscheidet  über  das  Bewußtwerden. 

Es  ist  aus  den  Traumvorgängen  etwa  noch  zu  entnehmen,  daß  das 
Bewußtsein  während  eines  Quantitätsablaufes  (Qf\)  entsteht,  d.h. 
nicht  durch  eine  konstante  Besetzung  geweckt  wird.  Ferner  sollte 
man  auf  die  Vermutung  geraten,  daß  eine  intensive  Quantitäts¬ 
strömung  der  Entstehung  des  Bewußtseins  nicht  günstig  ist,  da  sich 
dies  an  den  Erfolg  der  Bewegung,  gewissermaßen  an  ein  ruhigeres 
Verweilen  der  Besetzung  anschließt.  Es  ist  schwer,  zwischen  diesen 
einander  widersprechenden  Bestimmungen  zur  wirklichen  Bedingtheit 
des  Bewußtseins  durchzudringen.  Auch  wird  man  dazu  die  Ver¬ 
hältnisse  berücksichtigen  müssen,  unter  denen  Bewußtsein  im  Se¬ 
kundärvorgang  entsteht. 

Vielleicht  erklärt  sich  die  vorhin  angegebene  Eigentümlichkeit  des 
Traumbewußtseins  daraus,  daß  ein  Rückströmen  von  Quantität 
(ßfj)  nach  9  mit  einer  energischeren  Strömung  nach  y-Assoziations- 
bahnen  unverträglich  ist.  Für  die  9-Bewußtseinsvorgänge  scheinen 
andere  Bedingungen  zu  gelten. 


II.  TEIL 

PSYCHOPATHOLOGIE 

25.  Sept.  95. 

Der  erste  Teil  dieses  Entwurfes  enthielt,  was  sich  aus  der  Grund¬ 
annahme  gewissermaßen  a  priori  ableiten  ließ,  gemodelt  und  korri¬ 
giert  nach  einzelnen  tatsächlichen  Erfahrungen.  Dieser  II.  Teil 
sucht  aus  der  Analyse  pathologischer  Vorgänge  fernere  Bestimmungen 
des  auf  die  Grundannahme  fundierten  Systems  zu  erraten ;  ein  dritter 
soll  aus  beiden  vorhergehenden  die  Charaktere  des  normalen  psy¬ 
chischen  Ablaufes  aufbauen. 

PSYCHOPATHOLOGIE  DER  HYSTERIE 

Der  hysterische  Zwang 

Ich  beginne  von  Dingen,  die  sich  bei  der  Hysterie  finden,  ohne 
daß  sie  ihr  einzig  eigen  sein  müssen.  —  Jedem  Beobacher  der 
Hysterie  fällt  zunächst  auf,  daß  die  Hysterien  einem  Zwang  unter¬ 
liegen,  der  von  überstarken  Vorstellungen  ausgeübt  wird.  Es 
taucht  etwa  eine  Vorstellung  besonders  häufig  im  Bewußtsein  auf, 
ohne  daß  der  Ablauf  es  rechtfertigen  würde ;  oder  es  ist  die  Erweckung 
dieser  Neurone  von  psychischen  Folgen  begleitet,  die  sich  nicht  ver¬ 
stehen  lassen.  Mit  dem  Auftauchen  der  überstarken  Vorstellung  sind 
Folgen  verbunden,  die  einerseits  nicht  zu  unterdrücken,  andererseits 
nicht  zu  verstehen  sind,  Affektentbindungen,  motorische  Innervationen, 
Verhinderungen.  Dem  Individuum  geht  die  Einsicht  in  das  Auf¬ 
fällige  des  Sachverhaltes  keineswegs  ab. 

Überstarke  Vorstellungen  gibt  es  auch  normaler  Weise.  Sie  ver¬ 
leihen  dem  Ich  seine  Besonderheit.  Wir  wundem  uns  nicht  über  sie, 
wenn  wir  ihre  genetische  Entwicklung  (Erziehung,  Erfahrungen)  und 
ihre  Motive  kennen.  Wir  sind  gewohnt,  in  solchen  überstarken  Vor¬ 
stellungen  das  Ergebnis  großer  und  berechtigter  Motive  zu  sehen. 
Die  hysterischen  überstarken  Vorstellungen  fallen  uns 
dagegen  durch  ihre  Sonderbarkeit  auf,  es  sind  Vorstellungen,  die  bei 
anderen  folgenlos  sind  und  von  deren  Würdigkeit  wir  nichts  ver¬ 
stehen.  Sie  erscheinen  uns  als  Emporkömmlinge,  Usurpatoren,  daher 
als  lächerlich. 


428 


Entwurf  einer  Psychologie 


Der  hysterische  Zwang  ist  also  i.  unverständlich,  2. 
durch  Denkarbeit  unlöslich,  3.  in  seinem  Gefüge  inkongruent. 

Es  gibt  einen  einfachen  neurotischen  Zwang,  den  man 
mit  dem  hysterischen  in  Kontrast  bringen  darf,  z.B. :  Ein  Mann  ist 
aus  einem  Wagen  gestürzt,  dabei  in  Gefahr  geraten  und  kann  seither 
nicht  mehr  in  einem  Wagen  fahren.  Dieser  Zwang  ist  1.  verständlich, 
denn  wir  kennen  seine  Herkunft,  2.  kongruent,  denn  die  Assoziation 
mit  Gefahr  rechtfertigt  die  Verknüpfung  des  Wagenfahrens  mit 
Furcht.  Er  ist  aber  auch  durch  Denkarbeit  nicht  löslich.  Letzterer 
Charakter  ist  nicht  ganz  pathologisch  zu  heißen,  auch  unsere  normalen, 
überstarken  Ideen  sind  oft  unlöslich.  Man  würde  den  neurotischen 
Zwang  für  gar  nicht  pathologisch  halten,  wenn  die  Erfahrung  nicht 
zeigte,  daß  ein  solcher  beim  gesunden  Menschen  nur  kurz  nach  der 
Veranlassung  fortbesteht,  dann  mit  der  Zeit  zerfällt.  Die  Fortdauer 
des  Zwanges  ist  also  pathologisch  und  weist  auf  eine  einfache 
Neurose  hin. 

Nun  ergeben  unsere  Analysen,  daß  der  hysterische  Zwang  sofort 
gelöst  ist,  wenn  er  aufgeklärt  (verständlich  gemacht)  ist. 
Diese  beiden  Charaktere  sind  also  im  Wesen  eines.  Bei  der  Analyse 
erfährt  man  auch  den  Vorgang,  durch  welchen  der  Anschein  von 
Absurdität  und  Inkongruenz  zustande  gekommen  ist.  Das 
Resultat  der  Analyse  ist  allgemein  ausgedrückt  folgendes : 

Vor  der  Analyse  ist  A  eine  überstarke  Vorstellung,  die  sich  zu  oft 
ins  Bewußtsein  drängt,  jedesmal  Weinen  hervorruft.  Das  Individuum 
weiß  nicht,  warum  es  bei  A  weint,  findet  es  absurd,  kann  es  aber  nicht 
hindern. 

Nach  der  Analyse  hat  sich  gefunden,  daß  es  eine  Vorstellung  B 
gibt,  die  mit  Recht  Weinen  hervorruft,  die  mit  Recht  sich  oft  wieder¬ 
holt,  so  lange  nicht  eine  gewisse  komplizierte  psychische  Leistung 
gegen  sie  vom  Individuum  vollbracht  ist.  Die  Wirkung  von  B  ist 
nicht  absurd,  ist  dem  Individuum  verständlich,  kann  selbst  von  ihm 
bekämpft  werden. 

B  steht  zu  A  in  einem  bestimmten  Verhältnis. 

Es  hat  nämlich  ein  Erlebnis  gegeben,  welches  aus  B  +  A  bestand. 
A  war  ein  Nebenumstand,  B  war  geeignet,  jene  bleibende  Wirkung 
zu  tun.  Die  Reproduktion  dieses  Ereignisses  in  der  Erinnerung  hat 


Der  hysterische  Zwang 


429 


sich  nun  so  gestaltet,  als  ob  A  an  die  Stelle  von  B  getreten  wäre.  A 
ist  das  Substitut,  das  Symbol  für  B  geworden.1  Daher  die  In¬ 
kongruenz,  A  ist  von  Folgen  begleitet,  deren  es  nicht  würdig  scheint, 
die  nicht  zu  ihm  passen. 

Symbolbildungen  kommen  auch  normaler  Weise  vor.  Der 
Soldat  opfert  sich  für  einen  mehrfarbigen  Fetzen  auf  einer  Stange, 
weil  dieser  zum  Symbol  des  Vaterlandes  geworden  ist  und  niemand 
findet  dies  neurotisch. 

Das  hysterische  Symbol  benimmt  sich  aber  anders.  Der  Ritter, 
der  sich  für  den  Handschuh  der  Dame  schlägt,  weiß  erstens,  daß 
der  Handschuh  seine  Bedeutung  der  Dame  verdankt,  er  ist  zweitens 
durch  die  Verehrung  des  Handschuhes  in  keiner  Weise  gehindert, 
an  die  Dame  zu  denken  und  ihr  sonst  zu  dienen.  Der  Hyste¬ 
riker,  der  bei  A  weint,  weiß  nichts  davon,  daß  er  dies  wegen  der 
Assoziation  A  —  B  tut  und  B  selbst  spielt  in  seinem  psychischen 
Leben  gar  keine  Rolle.  Das  Symbol  hat  sich  hier  dem  Ding  voll¬ 
kommen  substituiert. 

Diese  Behauptung  ist  im  strengsten  Sinne  richtig.  Man  überzeugt 
sich,  daß  bei  allen  Erweckungen  von  außen  und  aus  der  Assoziation 
her,  die  eigentlich  B  besetzen  sollten,  anstatt  dessen  A  ins  Bewußtsein 
tritt.  Ja,  man  kann  aus  den  Anlässen,  die  —  merkwürdiger  Weise 
—  A  erwecken,  auf  die  Natur  von  B  schließen. 

Man  kann  den  Sachverhalt  zusammenfassen,  A  ist  zwangsartig, 
B  ist  verdrängt  (wenigstens  aus  dem  Bewußtsein). 

Die  Analyse  hat  das  überraschende  Resultat  ergeben,  daß  jedem 
Zwang  eine  Verdrängung  entspricht,  jedem  übermäßigen 
Eindrängen  ins  Bewußtsein  eine  Amnesie. 

Der  Terminus  „überstark“  weist  auf  quantitative  Charaktere  hin; 
es  liegt  nahe  anzunehmen,  daß  die  Verdrängung  den  quanti¬ 
tativen  Sinn  einer  Entblößung  von  Quantität  (2)  hat,  und  daß  die 
Summe  von  beiden  dem  normalen  gleich  wäre.  Dann  hat  sich  nur 
die  Verteüung  geändert.  Dem  A  ist  etwas  zugelegt  worden,  was  dem 
B  entzogen  wurde.  Der  pathologische  Vorgang  ist  der  einer  Ver¬ 
schiebung,  wie  wir  sie  im  Traume  kennen  gelernt  haben,  also 
ein  Primärvorgang. 

x)  Freud  hat  nach  den  „Studien  über  Hysterie“  den  Ausdruck  „Symbol' 
nur  ausnahmsweise  in  diesem  Sinne  verwendet. 


430 


Entwurf  einer  Psychologie 


Die  Entstehung  des  hysterischen  Zwanges 

Nun  entstehen  mehrere  inhaltsvolle  Fragen.  Unter  welchen  Be¬ 
dingungen  kommt  es  zu  einer  solchen  pathologischen  Symbolbildung 
oder  (andererseits)  Verdrängung?  Welches  ist  die  bewegende  Kraft 
dabei?  In  welchem  Zustand  befinden  sich  die  Neuronen  der  über¬ 
starken  und  die  der  verdrängten  Vorstellung? 

Es  wäre  da  nichts  zu  erraten  und  nicht  weiter  zu  bauen,  wenn  nicht 
die  klinische  Erfahrung  zwei  Tatsachen  lehrte.  Erstens  die  Ver¬ 
drängung  betrifft  durchwegs  Vorstellungen,  die  dem  Ich  einen 
peinlichen  Affekt  (Unlust)  erwecken,  zweitens  Vorstellungen  aus  dem 
sexuellen  Leben. 

Man  kann  schon  vermuten,  daß  es  jener  Unlustaffekt  ist,  welcher 
die  Verdrängung  durchsetzt.  Wir  haben  ja  schon  eine  primäre 
Abwehr  angenommen,  die  darin  besteht,  daß  die  Denkströmung 
umkehrt,  sobald  sie  auf  ein  Neuron  stößt,  dessen  Besetzung  Unlust 
entbindet. 

Die  Berechtigung  dazu  ergab  sich  aus  2  Erfahrungen,  1.  daß  diese 
Neuronenbesetzung  gewiß  nicht  die  gesuchte  ist,  wo  der  Denkvor¬ 
gang  ursprünglich  die  Herstellung  der  y-Befriedigungssituation  be¬ 
zweckte,  2.  daß  bei  reflektorischer  Beendigung  eines  Schmerzerleb¬ 
nisses  die  feindliche  Wahrnehmung  durch  eine  andere  ersetzt  wurde. 

Allein  man  kann  sich  von  der  Rolle  des  Abwehraffektes  direkter 
überzeugen.  Forscht  man  nach  dem  Zustand,  in  dem  sich  die  ver¬ 
drängte  (Vorstellung)  B  befindet,  so  entdeckt  man,  daß  diese  leicht 
aufzufinden  und  ins  Bewußtsein  zu  bringen  ist.  Dies  ist  eine  Über¬ 
raschung,  man  hätte  ja  meinen  können,  B  sei  wirklich  vergessen, 
keine  Erinnerungsspur  von  B  in  4;  geblieben.  Nein,  B  ist  ein  Erin- 
nerungsbüd  wie  ein  anderes,  ist  nicht  verlöscht,  aber  wenn,  wie  ge¬ 
wöhnlich,  B  ein  Besetzungskomplex  ist,  so  erhebt  sich  ein  ungemein 
großer,  schwer  zu  beseitigender  Widerstand  gegen  die  Denk¬ 
arbeit  mit  B.  Man  darf  ohne  weiteres  in  diesem  Widerstand  gegen 
B  das  Maß  des  Zwanges  sehen,  den  A  ausübt,  und  darf  glauben, 
daß  man  die  Kraft,  welche  seinerzeit  B  verdrängt  hat,  hier  neuerdings 
bei  der  Arbeit  sieht.  Gleichzeitig  erfährt  man  etwas  anderes.  Man 
hat  ja  nur  gewußt,  daß  B  nicht  bewußt  werden  kann,  über  das 
Verhalten  von  B  zur  Denkbesetzung  war  nichts  bekannt.  Nun  lernt 


Die  Pathologische  Abwehr 


431 


man,  daß  der  Widerstand  sich  gegen  jede  Denkbeschäftigung  mit 
B  kehrt,  wenn  es  auch  schon  teilweise  bewußt  gemacht  ist.  Man 
darf  also  anstatt  vom  Bewußtsein  ausgeschlossen,  einsetzen:  vom 
Denkvorgang  ausgeschlossen. 

Es  ist  also  ein  vom  besetzten  Ich  ausgehender  Abwehrvor¬ 
gang,  der  die  hysterische  Verdrängung  und  damit  den  hysterischen 
Zwang  zur  Folge  hat.  Insoferne  scheint  sich  der  Vorgang  von  den 
y-Primärvorgängen  abzusondern. 


Die  pathologische  Abwehr 

Wir  sind  indes  weit  entfernt  von  einer  Lösung.  Der  Erfolg  der 
hysterischen  Verdrängung  unterscheidet  sich,  wie  wir 
wissen,  sehr  weitgehend  von  dem  der  normalen  Abwehr,  von  der 
wir  genau  Bescheid  wissen.  Es  ist  ganz  allgemein,  daß  wir  es  ver¬ 
meiden,  an  das  zu  denken,  was  nur  Unlust  erweckt,  und  wir  tun  dies, 
indem  wir  die  Gedanken  auf  anderes  richten.  Allein,  wenn  wir  dann 
noch  erreichen,  daß  die  unverträgliche  B-  Vorstellung  selten  in  unserem 
Bewußtsein  auftaucht,  weil  wir  sie  möglichst  isoliert  erhalten  haben, 
so  gelingt  es  uns  doch  nie  an  B  so  zu  vergessen,  daß  wir  nicht  durch 
neue  Wahrnehmung  daran  erinnert  werden  könnten.  Nun  kann  solche 
Erweckung  auch  bei  der  Hysterie  nicht  verhütet  werden,  der  Unter¬ 
schied  besteht  nur  darin,  daß  dann  anstatt  B  immer  A  bewußt,  also 
besetzt  wird.  Es  ist  also  die  Symbolbildung  so  fester  Art  jene 
Leistung,  welche  über  die  normale  Abwehr  hinausgeht. 

Die  nächste  Erklärung  dieser  Mehrleistung  wäre,  daß  die  größere 
Intensität  des  Abwehraffektes  zu  beschuldigen  ist.  Allein  die  Er¬ 
fahrung  zeigt,  daß  die  peinlichsten  Erinnerungen,  welche  notwendi¬ 
gerweise  die  größte  Unlust  erwecken  müssen  (Erinnerung  von  Reue 
über  schlechte  Taten),  nicht  verdrängt  und  durch  Symbole  ersetzt 
werden  können.  Die  Existenz  der  zweiten  Bedingung  für  die  patholo¬ 
gische  Abwehr  —  die  Sexualität  —  weist  auch  darauf  hin,  daß  die 
Erklärung  anderswo  zu  suchen  ist. 

Es  ist  ganz  unmöglich  anzunehmen,  daß  peinliche  sexuelle  Affekte 
an  Intensität  allen  anderen  Unlustaffekten  so  sehr  überlegen  seien. 
Es  muß  ein  anderer  Charakter  der  sexuellen  Vorstellung  sein,  welche 


432 


Entwurf  einer  Psychologie 


erklären  kann,  daß  einzig  sexuelle  Vorstellungen  der  Verdrängung 
unterliegen. 

Noch  eine  Bemerkung  ist  hier  anzufügen.  Die  hysterische  Ver¬ 
drängung  geschieht  offenbar  mit  Hilfe  der  Symbolbildung, 
der  Verschiebung  auf  andere  Neurone.  Man  könnte  nun 
meinen,  das  Rätsel  liege  nur  im  Mechanismus  dieser  Verschiebung, 
an  der  Verdrängung  selbst  sei  nichts  zu  erklären.  Allein  wir  werden 
bei  der  Analyse  z.B.  der  Zwangsneurose  hören,  daß  dort  Ver¬ 
drängung  ohne  Symbolbildung  statt  findet,  ja  daß  Verdrängung 
und  Substitution  dort  zeitlich  auseinanderfallen.  Somit  bleibt  der 
Vorgang  der  Verdrängung  als  Kern  des  Rätsels  bestehen. 


Das  hysterische  TrpooTOV  yelSos. 

Wir  haben  gehört,  daß  der  hysterische  Zwang  von  einer  eigen¬ 
tümlichen  Art  der  Quantitätsbewegung  (Symbolbüdung)  herrührt, 
welche  wahrscheinlich  ein  Primärvorgang  ist,  da  er  sich  im 
Traum  leicht  erweisen  läßt;1  daß  die  bewegende  Kraft  dieses  Vor¬ 
ganges  die  A  b  w  e  h  r  des  Ich  ist,  welche  aber  hier  nicht  mehr  leistet 
als  normal.  Wir  brauchen  eine  Erklärung  dafür,  daß  bei  einem  Ich- 
Vorgang  sich  Folgen  einstellen,  die  wir  nur  bei  Primärvorgängen 
gewohnt  sind.  Es  sind  da  besondere  psychische  Bedingungen  zu 
erwarten.  Von  klinischer  Seite  wissen  wir,  daß  sich  dies  alles  nur 
auf  sexuellem  Gebiet  ereignet;  vielleicht  haben  wir  also  die  besondere 
psychische  Bedingung  aus  natürlichen  Charakteren  der  Sexualität  zu 
erklären. 

Nun  gibt  es  auf  sexuellem  Gebiet  allerdings  eine  besondere 
psychische  Konstellation,  die  für  unsere  Absicht  verwertbar  sein 
könnte.  Wir  wollen  sie,  die  aus  Erfahrung  bekannt  ist,  an  einem 
Beispiel  erörtern.2 

Emma  steht  heute  unter  dem  Zwange,  daß  sie  nicht  allein  in 
einen  Kaufladen  gehen  kann.  Zur  Begründung  desselben  eine  Erin¬ 
nerung,  als  sie  12  Jahre  alt  war  (kurz  nach  Pubertät).  Sie  ging  in  einen 
Laden  etwas  einkaufen,  sah  die  beiden  Kommis,  von  denen  ihr  einer 


x)  Vgl.  dazu  über  den  Primärvorgang  S.  409  ff. 

2)  In  Freuds  Schriften  nicht  verwendet. 


Das  Hysterische  npwTov  y^ddos 


433 


in  Erinnerung  ist,  miteinander  lachen,  und  lief  in  irgendwelchem 
Schreckaffekt  davon.  Dazu  lassen  sich  Gedanken  erwecken, 
daß  die  beiden  über  ihr  Kleid  gelacht  und  daß  ihr  einer  sexuell  ge¬ 
fallen  habe. 

Sowohl  die  Beziehung  dieser  Teilstücke  als  auch  die  Wirkung  des 
Erlebnisses  sind  unverständlich.  Wenn  sie  Unlust  empfunden  hat, 
wegen  ihres  Kleides  ausgelacht  zu  werden,  so  hätte  sich  das  längst 
korrigieren  müssen,  seitdem  sie  als  Dame  gekleidet  ist  j  auch  ändert 
es  nichts  an  ihrer  Kleidung,  ob  sie  allein  in  den  Laden  geht  oder  be¬ 
gleitet.  Daß  sie  nicht  direkt  Schutz  braucht,  geht  daraus  hervor,  daß 
wie  bei  Agoraphobie  schon  die  Begleitung  eines  kleinen  Kindes  ihr 
Sicherheit  bringt.  Ganz  unvereinbar  steht  da,  daß  ihr  der  eine  ge¬ 
fallen  hat;  auch  daran  würde  Begleitung  nichts  ändern.  Die  erweckten 
Erinnerungen  erklären  also  weder  den  Zwang,  noch  die  Determi- 
nierung  des  Symptoms. 

Weiteres  Forschen  deckt  nun  eine  zweite  Erinnerung  auf,  die  im 
.Moment  der  Szene  I  gehabt  zu  haben,  sie  bestreitet.  Es  ist  auch  durch 
nichts  erwiesen.  Als  Kind  von  8  Jahren  ging  sie  zweimal  in  den 
Laden  eines  Greißlers  allein,  um  Näschereien  einzukaufen.  Der  Edle 
kniff  sie  dabei  durch  die  Kleider  in  die  Genitalien.  Trotz  der  ersten 
Erfahrung  ging  sie  ein  zweites  Mal  hin.  Nach  dem  zweiten  blieb  sie 
aus.  Sie  macht  sich  nun  Vorwürfe,  daß  sie  zum  zweiten  Mal  hinge¬ 
gangen,  als  ob  sie  damit  das  Attentat  provozieren  hätte  wollen.  Tat¬ 
sächlich  ist  ein  Zustand  des  „drückenden  bösen  Gewissens“  auf  dieses 
Erlebnis  zurückzuführen. 

Wir  verstehen  nun  Szene  I  (Kommis)  wenn  wir  Szene  II  (Greißler) 
dazunehmen.  Wir  brauchen  nur  eine  assoziative  Verbindung  zwischen 
beiden.  Sie  gibt  selbst  an,  diese  sei  durch  das  Lachen  gegeben. 
Das  Lachen  der  Kommis  habe  sie  an  das  Grinsen  erinnert,  mit  dem 
der  Greißler  sein  Attentat  begleitet  hatte.  Nun  läßt  sich  der  Vorgang 
wie  folgt  rekonstruieren.*  Im  Laden  lachen  die  beiden  Kommis, 
dieses  Lachen  ruft  (unbewußt)  die  Erinnerung  an  den  Greißler  wach. 
Die  Situation  hat  ja  noch  eine  Ähnlichkeit,  sie  ist  wieder  im  Laden 
allein.  Mit  dem  Greißler  wird  der  Kniff  durch  die  Kleider  erinnert, 
sie  ist  aber  seitdem  pubes  geworden.  Die  Erinnerung  weckt,  was  sie 
damals  gewiß  nicht  konnte,  eine  sexuelle  Entbindung,  die 

GG 


434 


Entwurf  einer  Psychologie 


sich  in  Angst  umsetzt.  Mit  dieser  Angst  fürchtet  sie,  die  Kommis 
könnten  das  Attentat  wiederholen,  und  läuft  davon. 

Es  ist  ganz  sichergestellt,  daß  hier  2  Arten  von  ^-Vorgängen  durch¬ 
einander  gehen,  daß  die  Erinnerung  an  Szene  II  (Greißler)  in  einem 
anderen  Zustand  geschah  als  das  andere.  Der  Hergang  läßt  sich 
folgendermaßen  darstellen : 


Davon  sind  die  geschwärzten  Vorstellungen  (V)  Wahrnehmungen, 
die  auch  erinnert  werden.  Daß  die  Sexualentbindung  zum  Bewußt¬ 
sein  kam,  beweist  die  sonst  unverständliche  Idee,  der  lachende  Kom¬ 
mis  habe  ihr  gefallen.  Der  Schluß,  nicht,  allein  im  Laden  zu  bleiben 
wegen  Attentatsgefahr,  ist  ganz  korrekt  gebüdet,  mit  Rücksicht  auf 
alle  Stücke  des  Assoziations Vorganges.  Allein  von  dem  (oben  dar¬ 
gestellten)  Vorgang  ist  nichts  zum  Bewußtsein  gekommen  als  das 
Stück  „Kleider“  und  das  mit  Bewußtsein  arbeitende  Denken 
hat  aus  dem  vorhandenen  Material:  (Kommis,  Lachen,  Kleider, 
Sexualempfindung)  zwei  falsche  Verknüpfungen  gestaltet,  daß  sie 
wegen  ihrer  Kleider  ausgelacht  worden,  und  daß  der  eine  Kommis 
ihr  sexuelles  Gefallen  erregt  hat. 

Der  ganze  Komplex  (gebrochene  Linien)  ist  im  Bewußtsein  ver¬ 
treten  durch  die  eine  Vorstellung  „Kleider“,  offenbar  die  harmloseste. 
Es  ist  hier  eine  Verdrängung  mit  Symbolbildung  vorgefallen.  Daß 
der  Schluß  —  das  Symptom  —  dann  ganz  korrekt  gebüdet  ist,  so 


Bedingung  des  npcorov  yf/evSos’  vor 


435 


daß  das  Symbol  keine  Rolle  darin  spielt,  ist  eigentlich  eine  Be¬ 
sonderheit  des  Falles. 

Man  könnte  sagen,  es  sei  ganz  gewöhnlich,  daß  eine  Assoziation 
durch  unbewußte  Mittelglieder  durchgeht,  bis  sie  auf  ein  bewußtes 
kommt,  wie  es  hier  geschieht.  Wahrscheinlich  tritt  dann  jenes  Glied 
ins  Bewußtsein,  welches  ein  besonderes  Interesse  erweckt.  In 
unserem  Beispiel  ist  aber  gerade  das  bemerkenswert,  daß  nicht  jenes 
Glied  ins  Bewußtsein  tritt,  welches  ein  Interesse  weckt  (Attentat), 
sondern  ein  anderes  als  Symbol  (Kleider).  Fragt  man  sich,  was  die 
Ursache  dieses  eingeschobenen  pathologischen  Vorganges  sein  mag, 
so  ergibt  sich  nur  eine  einzige,  die  S  e  x  u  a  1  e  n  t  b  i  n  d  u  n  g,  die 
auch  im  Bewußtsein  bezeugt  ist.  Diese  ist  an  die  Attentatserinnerung 
geknüpft,  allein  es  ist  höchst  bemerkenswert,  daß  sie  an  das  Attentat, 
als  es  erlebt  wurde,  nicht  geknüpft  war.  Es  liegt  hier  der  Fall  vor, 
daß  eine  Erinnerung  einen  Affekt  erweckt,  den  sie  als  Erlebnis  nicht 
erweckt  hatte,  weil  unterdes  die  Veränderung  der  Pubertät  ein  anderes 
Verständnis  des  Erinnerten  ermöglicht  hat. 

Dieser  Fall  ist  nun  typisch  für  die  Verdrängung  bei  der  Hysterie. 
Überall  findet  sich,  daß  eine  Erinnerung  verdrängt  wird,  die  nur 
nachträglich  zum  Trauma  geworden  ist.  Ursache  dieses  Sach¬ 
verhaltes  ist  die  Verspätung  der  Pubertät  gegen  die  sonstige  Ent¬ 
wicklung  des  Individuums.1 


Bedingung  des  TTpooTOv  tp£u5o$  ucjt 

Obwohl  es  im  psychischen  Leben  nicht  gewöhnlich  vorkommt, 
daß  eine  Erinnerung  einen  Affekt  erweckt,  den  sie  als  Erlebnis  nicht 
mitgebracht,  so  ist  dies  doch  für  die  sexuelle  Vorstellung  etwas  ganz 
Gewöhnliches,  gerade  weü  die  Pubertätsverzögerung  ein  allgemeiner 
Charakter  der  Organisation  ist.  Jede  adoleszente  Person  hat  Erin¬ 
nerungsspuren,  welche  erst  mit  dem  Auftreten  von  sexuellen  Eigen¬ 
empfindungen  verstanden  werden  können,  jede  sollte  also  den  Keim 
zur  Hysterie  in  sich  tragen.  Es  bedürfte  offenbar  noch  mitwirkender 

x)  Freuds  spätere  Einsicht  über  die  Bedeutung  der  infantilen  Sexualität 
hat  diese  Auffassung  nicht  ganz  außer  Kraft  gesetzt ;  sie  weist  auf  die 
regressive  Besetzung  des  infantilen  Materials  in  der  Pubertät  hin 


436 


Entwurf  einer  Psychologie 


Momente,  sollte  diese  allgemeine  Nötigung  sich  auf  die  geringe  Anzahl 
von  Personen  einschränken,  welche  wirklich  hysterisch  werden. 

Nun  weist  die  Analyse  darauf  hin,  daß  das  Störende  an  einem 
sexuellen  Trauma  offenbar  die  Affektentbindung  ist,  und  die  Er¬ 
fahrung  lehrt  die  Hysteriker  als  Personen  kennen,  von  denen  man 
zum  Teil  weiß,  daß  sie  durch  mechanische  und  durch  Gefühlsreizung 
vorzeitig  sexuell  erregbar  geworden  sind  (Masturbation),  und 
zum  Teil  annehmen  kann,  daß  eine  vorzeitige  Sexualentbindung  in 
ihrer  Anlage  liegt.  Vorzeitiger  Beginn  der  Sexualentbindung  oder 
vorzeitig  stärkere  Sexualentbindung  ist  aber  offenbar  gleich¬ 
wertig.  Dies  Moment  ist  auf  einen  quantitativen  Faktor  reduziert. 

Worin  soll  nun  aber  die  Bedeutung  der  Vorzeitigkeit  in 
der  Sexualentbindung  bestehen?  Es  fällt  hier  alles  Gewicht  auf  die 
Vorzeitigkeit,  denn  daß  Sexualentbindung  überhaupt  zur  Ver¬ 
drängung  Anlaß  gibt,  läßt  sich  nicht  festhalten ;  es  würde  die  Ver¬ 
drängung  wiederum  zu  einem  Vorgang  von  normaler  Häufigkeit 
machen. 


Die  Denkstörung  durch  den  Affekt 

Wir  haben  es  nicht  abweisen  können,  daß  die  Störung  des  normalen 
psychischen  Vorganges  2  Bedingungen  hatte,  1.  daß  die  Sexualent¬ 
bindung  an  eine  Erinnerung  statt  an  ein  Erlebnis  anknüpfte,  2.  daß 
die  Sexualentbindung  vorzeitig  stattfand. 

Durch  diese  beiden  Zutaten  sollte  eine  Störung  verursacht  werden, 
welche  das  normale  Maß  überschreitet,  die  aber  auch  im  Normalen 
vorgebildet  ist. 

Es  ist  eine  ganz  alltägliche  Erfahrung,  daß  Affektentwicklung  den 
normalen  Denkablauf  hemmt  und  zwar  in  verschiedener  Weise. 
Erstens,  indem  viele  Denkwege  vergessen  werden,  die  sonst  in  Be¬ 
tracht  kämen,  also  ähnlich  wie  im  Traum;  so  z.B.  ist  es  mir  vorge¬ 
kommen,  daß  ich  in  der  Erregung  einer  großen  Besorgnis  vergessen 
habe,  mich  des  seit  kurzer  Zeit  bei  mir  eingeführten  Telephons  zu 
bedienen.  Die  rezente  Bahn  unterlag  im  Affektzustand.  Die 
Bahnung,  d.h.  die  A  n  c  i  e  n  n  i  t  ä  t  gewann  die  Oberhand.  Mit 
diesem  Vergessen  schwindet  die  Auswahl,  die  Zweckmäßigkeit  und 


Die  Denkstörung  durch  den  Affekt 


437 


Logik  des  Ablaufes  ganz  ähnlich  wie  im  Traum.  Zweitens,  indem 
ohne  Vergessen  Wege  beschritten  werden,  die  sonst  vermieden  sind, 
insbesondere  Wege  zur  Abfuhr,  etwa  Handlungen  im  Affekt.  Schlie߬ 
lich  nähert  sich  der  Affektvorgang  dem  ungehemmten  Primärvor¬ 
gang  an. 

Hieraus  ist  mancherlei  zu  erschließen.  Erstens  daß  bei  der  Affekt¬ 
entbindung  die  entbindende  Vorstellung  selbst  eine  Verstärkung  ge¬ 
winnt,  zweitens  daß  die  Hauptleistung  des  besetzten  Ich  in  der  Ver¬ 
hütung  neuer  Affektvorgänge  und  der  Herabdrückung  der  alten 
Affektbahnungen  besteht.  Man  kann  sich  das  Verhältnis  nur  folgender 
Art  vorstellen.  Ursprünglich  hat  eine  Wahrnehmungsbesetzung  als 
Erbe  eines  Schmerzerlebnisses  Unlust  entbunden,  sich  durch  die 
entbundene  Quantität  verstärkt  und  ist  nun  auf  den  zum  Teil  vor¬ 
gebahnten  Ablaufwegen  zur  Abfuhr  vorgegangen.  Auf  bekannte 
Weise  hat  sich,  nachdem  ein  besetztes  Ich  gebildet  war,  die  „Auf¬ 
merksamkeit“  gegen  neue  Wahrnehmungsbesetzungen  entwickelt,  die 
nun  dem  Ablauf  von  W  aus  mit  Seitenbesetzungen  folgte.  Dadurch 
ist  die  Unlustentbindung  quantitativ  eingeschränkt  worden  und  deren 
Beginn  war  für  das  Ich  gerade  ein  Signal,  normale  Abwehr  vorzu¬ 
nehmen;  so  ist  verhütet  worden,  daß  neue  Schmerzerlebnisse  mit 
ihren  Bahnungen  so  leicht  entstehen.  Je  stärker  doch  die  Unlustent¬ 
bindung,  desto  schwieriger  die  Aufgabe  für  das  Ich,  das  mit  seinen 
Seitenbesetzungen  doch  nur  den  Quantitäten  bis  zu  gewisser  Grenze 
ein  Gegengewicht  bieten  kann,  somit  einen  Primärablauf 
zulassen  muß. 

Ferner,  je  größer  die  zum  Ablauf  strebende  Quantität  ist,  desto 
schwieriger  ist  für  das  Ich  die  Denkarbeit,  welche  nach  allen  An¬ 
deutungen  in  einem  probeweisen  Verschieben  von  kleinen  Quantitäten 
(Qf))  besteht.1  Das  „Überlegen“  ist  eine  zeiterfordernde  Tätigkeit 
des  Ich,  die  bei  starken  Quantitäten  (ßfj)  im  Affektniveau  nicht  statt¬ 
haben  kann.  Daher  die  Voreiligkeit  und  die  dem  Primärvorgang 
ähnliche  Auswahl  der  Wege  im  Affekt. 

Es  handelt  sich  also  für  das  Ich  darum,  keine  Affektentbindung 
zuzulassen,  weil  es  damit  einen  Primärvorgang  zuläßt.  Sein  bestes 
Werkzeug  hiefür  ist  der  Aufmerksamkeitsmechanismus.  Könnte  sich 


x)  S.  S.  446. 


43  8 


Entwurf  einer  Psychologie 


eine  Unlust  entbindende  Besetzung  diesem  entziehen,  so  käme  das 
Ich  dagegen  zu  spät.  Nun  liegt  beim  hysterischen  proton  pseudos 
gerade  dieser  Fall  vor.  Die  Aufmerksamkeit  ist  auf  die  Wahrneh¬ 
mungen  eingestellt,  welche  sonst  zur  Unlustentbindung  Anlaß  geben. 
Hier  ist  es  keine  Wahrnehmung,  sondern  eine  Erinnerungsspur,  die 
unvermuteter  Weise  Unlust  entbindet,  und  das  Ich  erfährt  davon 
erst  zu  spät;  es  hat  einen  Primärvorgang  zugelassen,  weil  es  keinen 
erwartete. 

Allein,  es  kommt  doch  auch  sonst  vor,  daß  Erinnerungen  Unlust 
entbinden.  Gewiß,  bei  frischen  Erinnerungen  ist  dies  ganz  normaler 
Weise  der  Fall.  Zunächst,  wenn  das  Trauma  (Schmerzerlebnis) 
kommt  —  die  allerersten  entgehen  überhaupt  dem  Ich  —  zur  Zeit, 
da  es  schon  ein  Ich  gibt,  geschieht  eine  Unlustentbindung,  aber  gleich¬ 
zeitig  ist  auch  das  Ich  tätig,  Seitenbesetzungen  zu  schaffen.  Wieder¬ 
holt  sich  die  Besetzung  der  Erinnerungsspur,  so  wiederholt  sich  auch 
die  Unlust,  allein  auch  die  Ichbahnungen  sind  schon  vorhanden,  die 
Erfahrung  zeigt,  daß  zum  zweiten  Male  die  Entbindung  geringer 
ausfällt,  bis  sie  mit  weiterer  Wiederholung  auf  die  dem  Ich  genehme 
Intensität  eines  Signals  einschrumpft.  Es  handelt  sich  also  nur  darum, 
daß  bei  der  ersten  Unlustentbindung  die  Ichhemmung  nicht 
ausfällt,  der  Vorgang  nicht  als  ein  posthumes  primäres  Affekterlebnis 
verläuft,  und  gerade  dies  wird  erfüllt,  wenn  wie  im  Fall  des  hysterischen 
proton  pseudos  die  Erinnerung  zuerst  die  Unlustentbindung  ver¬ 
anlaßt. 

Eine  der  angeführten,  von  der  klinischen  Erfahrung  gelieferten 
Bedingungen  wäre  hiemit  in  ihrer  Bedeutung  gewürdigt.  Die 
P  u  b  e  r  t  ä  t  s  v  e  r  s  p  ä  t  u  n  g  ermöglicht  posthume 
Primärvorgänge. 


III.  TEIL 


VERSUCH,  DIE  NORMALEN  ^-VORGÄNGE 

DARZUSTELLEN 

5.  Okt.  95. 

Die  sogenannten  Sekundärvorgänge  müssen  mechanisch  zu  erklären 
sein  durch  die  Wirkung,  welche  eine  stetig  besetzte  Neuronenmasse 
(das  Ich)  auf  andere  mit  wechselnden  Besetzungen  ausübt.  Ich  will 
zunächst  die  psychologische  Darstellung  solcher  Vorgänge  versuchen. 

Habe  ich  einerseits  das  Ich,  andererseits  W  (Wahrnehmungen),  d.h. 
Besetzungen  in  tp  von  9  (der  Außenwelt  her),  so  bedarf  ich  eines 
Mechanismus,  welcher  das  Ich  veranlaßt,  den  Wahrnehmungen  zu 
folgen  und  sie  zu  beeinflussen.  Ich  finde  ihn  darin,  daß  eine 
Wahrnehmung  nach  meinen  Voraussetzungen  jedesmal  oo1  erregt, 
also  Quantitätszeichen  abgibt.  Genauer  gesagt,  sie  erregt  in  W  Be¬ 
wußtsein  (Bewußtsein  einer  Qualität)  und  die  Abfuhr  der  Wahrneh¬ 
mungserregung  wird  eine  Nachricht  nach  y  liefern,  welche  eben  das 
Qualitätszeichen  ist.  Ich  stelle  also  die  Vermutung  auf,  daß  es  diese 
Qualitätszeichen  sind,  welche  vp  für  die  Wahrnehmung  interes¬ 
sieren. 

Es  wäre  dies  der  Mechanismus  der  psychischen,  Aufmerksamkeit.2 
Seine  Entstehung  mechanisch  (automatisch)  zu  erklären,  fällt  mir 
schwer.  Ich  glaube  darum,  daß  er  biologisch  bedingt  ist,  d.h.  übrig 
geblieben  im  Laufe  der  psychischen  Entwicklung,  weü  jedes  andere 
Verhalten  von  y  durch  Unlustentwicklung  ausgeschlossen  worden 
ist.  Der  Effekt  der  psychischen  Aufmerksamkeit  ist 
die  Besetzung  derselben  Neurone,  welche  Träger  der  Wahrneh¬ 
mungsbesetzung  sind.  Dieser  Zustand  hat  ein  Vorbild  in  dem  für 
die  ganze  Entwicklung  so  wichtigen  Befriedigungserlebnis 
und  in  dessen  Wiederholungen,  den  B  e  g  i  e  r  d  e-Zuständen,  die  sich 
zu  Wunsch-Zuständen  und  Erwartungs-Zuständen  entwickelt 

x)  Das  System  W. 

*)  Die  Rolle,  die  die  Aufmerksamkeit  in  den  folgenden  Ausführungen 
spielt,  erklärt  es,  daß  sich  verhältnismäßig  wenige  Anknüpfungspunkte  zu 
Freuds  späteren  Schriften  ergeben.  Schon  in  der  „Traumdeutung“,  G.W. 
II-III,  S.  598,  hat  Freud  betont,  „daß  die  kompliziertesten  Denkleistungen 
ohne  Mittun  des  Bewußtseins  möglich  sind“ ;  .  .  .  das  „Bewußtwerden 
hängt  mit  Zuwendung  einer  bestimmten  psychischen  Funktion,  der  Auf¬ 
merksamkeit,  zusammen* *“  vgl.  auch  u.  S.  452. 


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Entwurf  einer  Psychologie 


haben.  Ich  habe  dargelegt,  daß  diese  Zustände  die  biologische 
Rechtfertigung  alles  Denkens  enthalten.  Die  psychische 
Situation  ist  dort  folgende:  Im  Ich  herrscht  die  Begierdespannung, 
in  deren  Folge  die  Vorstellung  des  geliebten  Objektes  (die  Wunsch- 
Vorstellung)  besetzt  wird.  Biologische  Erfahrung  hat  gelehrt,  daß 
diese  Vorstellung  nicht  so  stark  besetzt  werden  darf,  um  mit  einer 
Wahrnehmung  verwechselt  werden  zu  können,  und  daß  man  die 
Abfuhr  aufschieben  muß,  bis  von  der  Vorstellung  her  die  Qualitäts¬ 
zeichen  auftreten,  als  Beweis,  daß  die  Vorstellung  jetzt  real,  eine 
Wahrnehmungsbesetzung  ist.  Kommt  eine  Wahrnehmung  an,  die 
mit  der  Vorstellung  identisch  oder  ähnlich  ist,  so  findet  sie  ihre 
Neurone  durch  den  Wunsch  vorbesetzt,  d.h.  entweder  schon 
alle  besetzt  oder  einen  Teil  davon,  soweit  eben  die  Übereinstimmung 
geht.  Die  Differenz  zwischen  der  Vorstellung  und  der  ankommenden 
Wahrnehmung  gibt  dann  den  Anlaß  zum  Denkvorgang,  der  sein 
Ende  erreicht,  wenn  die  überschüssigen  Wahrnehmungsbesetzungen 
auf  einem  gefundenen  Wege  in  Vorstellungsbesetzungen  überführt 
sind;  dann  ist  Identität  erreicht.1 

Die  Aufmerksamkeit  besteht  dann  darin,  die  psychische 
Situation  des  Erwartungszustandes  auch  für  solche  Wahrnehmungen 
herzustellen,  die  nicht  mit  Wunschbesetzungen  teilweise  zusammen¬ 
fallen.  Es  ist  eben  von  Wichtigkeit  geworden,  allen  Wahrnehmungen 
eine  Besetzung  entgegenzuschicken.  Die  Aufmerksamkeit 
ist  biologisch  gerechtfertigt;  es  handelt  sich  nur  darum,  das  Ich  an¬ 
zuleiten,  welche  Erwartungsbesetzung  es  herstellen  soll,  und  dazu 
dienen  die  Qualitätszeichen. 

Man  kann  den  Vorgang  der  psychischen  Einstellung 
etwa  noch  genauer  verfolgen.  Zunächst  sei  das  Ich  nicht  vorbereitet. 
Es  entstehe  eine  Wahrnehmungsbesetzung  und  darauf  deren  Quali¬ 
tätszeichen.  Die  innige  Bahnung  zwischen  beiden  Nachrichten  wird 

x)  Vgl.  dazu  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  571,  wo  es  nach  einer 
Diskussion  der  Beziehung  von  Wahrnehmung  und  Wunscherfüllung  heißt. 
„Diese  erste  psychische  Tätigkeit  zielt  also  auf  eine  Wahrnehmungs¬ 
identität,  nämlich  auf  die  Wiederholung  jener  Wahrnehmung,  welche 
mit  der  Befriedigung  des  Bedürfnisses  verknüpft  ist.“  Der  „Entwurf“  geht 
mehr  ins  einzelne:  Freud  versucht  hier,  das  Denken  und  die  Realitätsprüfung 
aus  der  Spannung  abzuleiten,  der  das  Kind  ausgesetzt  ist,  während  es  auf 
Befriedigung  wartet;  vgl.  auch  o.  S.  412  ff. 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


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die  Wahrnehmungsbesetzung  noch  steigern  und  nun  wird  die  Auf¬ 
merksamkeitsbesetzung  der  Wahrnehmungsneuronen  erfolgen.  Die 
nächste  Wahrnehmung  desselben  Objektes  wird  (nach  dem  zweiten 
Assoziationsgesetz)  eine  ausgiebigere  Besetzung  derselben  Wahrneh¬ 
mung  zufolge  haben  und  erst  diese  wird  die  psychisch  brauchbare 
Wahrnehmung  sein.  (Schon  aus  diesem  Stück  der  Darstellung  ergibt 
sich  ein  höchst  bedeutsamer  Satz:  Die  Wahrnehmungsbesetzung  ist 
das  erstemal  eine  wenig  intensive,  mit  geringer  Quantität  (2),  das 
zweite  Mal  bei  y-Vorbesetzung  eine  quantitativ  größere.  Nun  wird 
an  dem  Urteil  über  die  quantitativen  Eigenschaften  des  Objektes 
durch  die  Aufmerksamkeit  prinzipiell  nichts  geändert.  Folglich  kann 
die  äußere  Quantität  (2)  der  Objekte  sich  in  vp  nicht  durch  psychische 
Quantität  (Qf\)  ausdrücken.  Die  psychische  Quantität  bedeutet  etwas 
ganz  anderes,  in  der  Realität  nicht  Vertretenes  und  die  äußere 
Quantität  (2)  drückt  sich  wirklich  in  vp  durch  etwas  anderes  aus, 
durch  Komplexität  der  Besetzungen.  Dadurch  ist  aber  die  äußere 
(2)  Quantität  von  y  abgehalten.) 

Noch  befriedigender  ist  folgende  Darstellung:  Es  ist  ein  Resultat 
biologischer  Erfahrung,  daß  die  y-Aufmersamkeit  ständig  Qualitäts¬ 
zeichen  zugewendet  ist.  Diese  erfolgen  also  auf  vorbesetzten  Neuronen 
und  mit  genügend  großer  Quantität.  Die  so  verstärkten  Qualitäts¬ 
nachrichten  verstärken  durch  ihre  Bahnung  die  Wahrnehmungs¬ 
besetzungen  und  das  Ich  hat  gelernt,  seine  Aufmerksamkeitsbe¬ 
setzungen  dem  Verlauf  dieser  Assoziationsbewegung  vom  Qualitäts¬ 
zeichen  zur  Wahrnehmung  folgen  zu  lassen.  Es  wird  dadurch  geleitet, 
gerade  die  richtigen  Wahrnehmungen  oder  deren  Umgebung  zu 
besetzen.  Ja,  wenn  man  annimmt,  daß  es  dieselbe  Quantität  (2u) 
aus  dem  Ich  ist,  welche  auf  der  Bahnung  vom  Qualitätszeichen  zur 
Wahrnehmung  hinwandert,  so  hat  man  die  Aufmerksamkeitsbe¬ 
setzung  sogar  mechanisch  (automatisch)  erklärt.  Die  Aufmerksamkeit 
verläßt  also  die  Qualitätszeichen,  um  sich  den  jetzt  überbesetzten 
Wahrnehmungsneuronen  zuzuwenden. 

Nehmen  wir  an,  aus  irgendeinem  Grunde  versagte  der  Aufmerksam¬ 
keitsmechanismus,  so  wird  die  ^-Besetzung  der  Wahrnehmungs¬ 
neuronen  ausbleiben  und  die  dorthin  gelangte  Quantität  (2)  wird 
nach  den  besten  Bahnungen  (rein  assoziativ)  sich  fortpflanzen,  soweit 


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Entwurf  einer  Psychologie 


es  die  Verhältnisse  zwischen  Widerständen  und  Quantität  der 
Wahrnehmungsbesetzung  gestatten.  Wahrscheinlich  würde  dieser 
Ablauf  bald  sein  Ende  erreichen,  da  die  Quantität  ( Q )  sich  teilt  und 
alsbald  in  einem  nächsten  Neuron  zu  klein  zur  weiteren  Strömung 
wird.  Der  Ablauf  der  an  der  Wahrnehmung  haftenden  Quantitäten 
(Wq)  kann  unter  gewissen  Bedingungen  nachträglich  Aufmerksamkeit 
erregen  oder  auch  nicht.  Dann  endet  er  unbeachtet  in  Besetzung 
irgendwelcher  Nachbar-Neuronen,  deren  Schicksal  wir  nicht  kennen. 

Dies  ist  ein  Wahrnehmungsablauf  ohne  Aufmerksamkeit,  wie  er 
täglich  ungezählte  Male  Vorkommen  muß.1  Er  kann  nicht  weit  reichen, 
wie  die  Analyse  des  Aufmerksamkeitsvorganges  zeigen  wird,  und 
daraus  kann  man  auf  die  Kleinheit  der  an  der  Wahrnehmung  haftenden 
Quantitäten  (Wq)  schließen. 

Wenn  aber  das  System  W  seine  Aufmerksamkeitsbesetzung  be¬ 
kommen  hat,  kann  sich  mancherlei  ereignen,  worunter  sich  2  Situa¬ 
tionen  herausheben  lassen,  die  des  gemeinen  Denkens  und 
die  des  bloß  beobachtenden  Denkens.  Letzterer  Fall  scheint 
der  einfachere  zu  sein ;  er  entspricht  etwa  dem  Zustande  des  Forschers, 
der  eine  Wahrnehmung  gemacht  hat  und  sich  fragt,  was  bedeutet 
das,  wohin  führt  das  ?  Er  geht  dann  so  vor :  (ich  muß  aber  der  Ein¬ 
fachheit  halber  jetzt  der  komplexen  Wahrnehmungsbesetzung  die 
eines  einzelnen  Neurons  substituieren).  Das  Wahrnehmungsneuron  ist 
überbesetzt,  die  aus  äußerer  und  psychischer  Quantität  ( Q  und  Qf\) 
zusammengesetzte  Quantität  strömt  ab  nach  den  besten  Bahnungen 
und  wird  je  nach  Widerstand  und  Quantität  einige  Schranken  über¬ 
winden,  weil  der  auf  sie  entfallende  Quotient  unter  der  Schwelle 
liegt.  Es  werden  sicherlich  jetzt  mehr  und  entfernter  liegende  Neu¬ 
ronen  besetzt  als  beim  bloßen  Assoziationsvorgang  ohne  Aufmerk¬ 
samkeit.  Endlich  wird  auch  hier  der  Strom  in  gewissen  Endbesetzungen 
oder  in  einer  einzigen  enden.  Der  Erfolg  der  Aufmerksamkeit  wird 
sein,  daß  an  Stelle  der  Wahrnehmung  mehrere  oder  eine  (durch 
Assoziation  mit  dem  Ausgangsneuron  verbundene)  Erinne¬ 
rung  s-Besetzungen  auftreten. 

x)  Das  Folgende  steht  im  Widerspruch  zu  Freuds  späterer,  schon  in  der 
Traumdeutung  entwickelten  Auffassung  von  der  Bedeutung  vorbewußter 
psychischer  Abläufe;  s.  dagegen  S.  452. 


Versuch,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


443 


Der  Einfachheit  halber  nehmen  wir  an,  es  sei  ein  einziges  Erin¬ 
nerungsbild.  Könnte  dieses  wieder  von  y  aus  (mit  Auf¬ 
merksamkeit)  besetzt  werden,  so  würde  sich  das  Spiel  wiederholen, 
die  Quantität  (Q)  neuerdings  in  Fluß  geraten  und  auf  dem  Weg  der 
besten  Bahnung  ein  neues  Erinnerungsbild  besetzen  (er¬ 
wecken).  Nun  liegt  es  offenbar  in  der  Absicht  des  beobach¬ 
tenden  Denkens,  die  vom  System  W  aus  führenden  Wege 
möglichst  weit  kennen  zu  lernen;  damit  ist  ja  die  Kenntnis  des 
Wahrnehmungsobjektes  zu  erschöpfen.  Wir  merken,  daß  die  hier 
beschriebene  Art  des  Denkens  zum  Erkennen  führt.  Darum 
braucht  es  wieder  eine  ^-Besetzung  für  die  erreichten  Erinnerungs- 
büder,  aber  auch  einen  Mechanismus,  der  solche  Besetzung  an  die 
richtigen  Stellen  leitet.  Wie  sollen  die  y-Neuronen  im  Ich  sonst 
wissen,  wohin  die  Besetzung  zu  leiten  ist?  Ein  Aufmerksamkeits¬ 
mechanismus  wie  der  oben  geschilderte  setzt  aber  wieder  Qualitäts¬ 
zeichen  voraus.  Entstehen  diese  während  des  Assoziationsablaufes? 
Nach  unseren  Voraussetzungen  sonst  nicht.  Sie  können  aber  durch 
eine  neue  Einrichtung  gewonnen  werden,  die  folgendermaßen  aus¬ 
sieht  :  Qualitätszeichen  kommen  normaler  Weise  nur  von  der  Wahrneh¬ 
mung;  also  es  handelt  sich  darum,  aus  dem  Quantitätsablauf  (Qf|) 
eine  Wahrnehmung  zu  gewinnen.  Wenn  an  den  Quantitätsablauf 
(Qfi)  eine  Abfuhr  geknüpft  wäre  (neben  dem  Rundlauf),  so  würde 
diese  wie  jede  Bewegung  eine  Bewegungsnachricht  liefern.  Sind  doch 
die  Qualitätszeichen  selbst  Abfuhrnachrichten  (vielleicht  besprechen 
wir  später,  welcher  Art).  Nun  kann  es  geschehen,  daß  während  des 
Quantitätsablaufes  (£>n)  auch  ein  motorisches  Neuron  besetzt  wird, 
daß  dann  Quantität  (Qf))  abführt  und  ein  Qualitätszeichen  liefert. 
Allein  es  handelt  sich  darum,  von  allen  Besetzungen  solche  Abfuhren 
zu  erhalten.  Sie  sind  nicht  alle  motorisch,  müssen  also  zu  diesem 
Zweck  mit  motorischen  Neuronen  in  eine  sichere  Bahnung  gebracht 
werden. 

Diesen  Zweck  erfüllt  die  Sprachassoziation.  Sie  be¬ 
steht  in  der  Verknüpfung  der  ^-Neuronen  mit  Neuronen,  welche 
den  Klangvorstellungen  dienen  und  selbst  die  engste  Assoziation 
mit  motorischen  Sprachbildem  haben.  Diese  Assoziationen  haben 
vor  den  anderen  2  Charaktere  voraus,  sie  sind  geschlossen  (wenig 


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Entwurf  einer  Psychologie 


an  Zahl)  und  ausschließlich.  Vom  Klangbild  gelangt  die  Erregung 
jedenfalls  zum  Wortbild,  von  diesem  zur  Abfuhr.  Sind  also  die  Erin¬ 
nerungsbilder  derart,  daß  ein  Teilstrom  von  ihnen  zu  den  Klang¬ 
bildern  und  motorischen  Wortbildern  gehen  kann,  so  ist  die  Besetzung 
der  Erinnerungsbilder  mit  Abfuhrnachrichten  begleitet,  welche 
Qualitätszeichen,  damit  auch  Bewußtseinszeichen  der  Erinnerung  sind. 
Wenn  nun  das  Ich  diese  Wortbilder  vorbesetzt  wie  früher  die  Wahr¬ 
nehmungs-Abfuhrbilder,  so  hat  es  sich  den  Mechanismus  geschaffen, 
der  die  ^-Besetzung  auf  die  im  Quantitätsablauf  auftauchenden 
Erinnerungen  lenkt.1  Dies  ist  bewußtes,  beobachtendes 
Denken. 

Die  Sprachassoziation  leistet  außer  der  Ermöglichung  des  Erkennens 
noch  etwas  anderes,  sehr  Wichtiges.  Die  Bahnungen  zwischen  den 
^-Neuronen  sind,  wie  wir  wissen,  das  „G  edächtni  s“,  die 
Darstellung  aller  Beeinflussungen,  welche  vp  von  der  Außenwelt 
erfahren  hat.  Nun  merken  wir,  daß  das  Ich  selbst  gleichfalls  Be¬ 
setzungen  der  ^-Neurone  vornimmt  und  Abläufe  anregt,  die  sicher¬ 
lich  auch  Bahnungen  als  Spuren  hinterlassen  müssen,  y  hat  nun 
kein  Mittel,  diese  Folgen  von  Denkvorgängen  von  den  Folgen  von 
Wahrnehmungs Vorgängen  zu  unterscheiden.  Etwa  die  Wahrneh¬ 
mungsvorgänge  sind  durch  die  Assoziation  mit  Wahrnehmungs¬ 
abfuhren  zu  erkennen  und  zu  reproduzieren,  von  den  Bahnungen 
aber,  die  das  Denken  gemacht  hat,  bleibt  nur  das  Resultat,  nicht 
ein  Gedächtnis.  Dieselbe  Denkbahnung  kann  durch  einen 
intensiven  oder  durch  zehn  minder  eindringliche  Vorgänge  ent¬ 
standen  sein.  Diesem  Mangel  helfen  nun  die  Sprachabfuhr- 
Zeichen  ab,  sie  stellen  die  Denkvorgänge  den  Wahrnehmungs¬ 
vorgängen  gleich,  verleihen  ihnen  eine  Realität  und  ermögli¬ 
chen  deren  Gedächtnis. 

Die  biologische  Entwicklung  dieser  höchst  wichtigen  Assoziation 
verdient  auch  betrachtet  zu  werden.  Die  Sprachinnervation  ist 
ursprünglich  eine  ventilartig  wirkende  Abfuhr  für  vp,  um  Quantitäts- 

x)  In  der  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  622,  heißt  es:  „Um  den 
Denkvorgängen  eine  Qualität  zu  verleihen,  werden  sie  beim  Menschen  mit 
den  Worterinnerungen  assoziiert“.  In  seinen  späteren  Arbeiten  hat  Freud 
die  Formulierung  gewählt ,,  .  .  .  die  bewußte  Vorstellung  umfaßt  die  Sachvor- 
stellung  plus  der  Wortvorstellung,  die  unbewußte  ist  die  Sachvor Stellung 
allein“.  („Das  Unbewußte,“  1915,  G.W.  X,  S.  300.) 


Versuch ,  die  normalen  Vorgänge  darzustellen 


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Schwankungen  (ßf))  zu  regeln,  ein  Stück  der  Bahn  zur  inneren 
Veränderung,  die  die  einzige  Abfuhr  darstellt,  solange  die 
spezifische  Aktion  erst  zu  finden  ist.  Diese  Bahn  gewinnt 
eine  Sekundärfunktion,  indem  sie  das  hilfreiche  Individuum  (ge¬ 
wöhnlich  das  Wunschobjekt  selbst)  auf  den  begehrlichen  und  not- 
leidenden  Zustand  des  Kindes  aufmerksam  macht,  und  dient  von  nun 
an  der  Verständigung,  wird  also  in  die  spezifische  Aktion 
miteinbezogen.  Zu  Beginn  der  Urteilsleistung,  wenn  die  Wahrneh¬ 
mungen  wegen  ihrer  möglichen  Beziehung  zum  Wunschobjekt 
interessieren  und  ihre  Komplexe  (wie  bereits  geschildert)  in  einen 
unassimilierbaren  Teil  (das  Ding)  und  einen  dem  Ich  aus  eigener 
Erfahrung  bekannten  (Eigenschaft,  Tätigkeit)  zerlegen,  was  man 
Verstehen  heißt,  ergeben  sich  für  die  Sprachäußerung  zwei 
Verknüpfungen.  Erstens  finden  sich  Objekte  —  Wahrnehmungen  — 
die  einen  schreien  machen,  weil  sie  Schmerz  erregen,  und  es 
stellt  sich  als  ungeheuer  bedeutsam  heraus,  daß  diese  Assoziation 
eines  Klanges  (der  auch  eigene  Bewegungsbilder  anregt)  mit  einer 
sonst  zusammengesetzten  Wahrnehmung  dies  Objekt  als  feind¬ 
liches  hervorhebt  und  dazu  dient,  die  Aufmerksamkeit  auf  die 
Wahrnehmung  zu  lenken.  Wo  man  sonst  vor  Schmerz  keine  guten 
Qualitätszeichen  des  Objektes  erhielt,  dient  die  eigene  Schrei¬ 
nachricht  zur  Charakteristik  des  Objektes.  Es  ist  also  diese 
Assoziation  ein  Mittel,  die  Unlust  erregenden  Erinnerungen  be¬ 
wußt  und  zum  Gegenstand  der  Aufmerksamkeit  zu  machen,  die  erste 
Klasse  bewußter  Erinnerungen  ist  geschaffen.1  Es 
braucht  nun  nicht  viel,  um  die  Sprache  zu  erfinden.  Es  gibt  andere 
Objekte,  die  konstant  gewisse  Laute  von  sich  geben,  in  deren  Wahr¬ 
nehmungskomplex  also  ein  Klang  eine  Rolle  spielt.  Vermöge  der 
beim  Urteüen  auftretenden  Imitation  s -Tendenz  kann  man  zu 
diesem  Klangbild  die  Bewegungsnachricht  finden.  Auch  diese  Klasse 
von  Erinnerungen  kann  nun  bewußt  werden.  Nun  erübrigt  noch, 
daß  man  willkürliche  Klänge  zu  den  Wahrnehmungen  hinzuasso- 


1)  In  Freuds  späterer  Terminologie  ausgedrückt:  Die  Versagungssitua¬ 
tionen  frühester  Kindheit  leisten  im  allgemeinen  einen  wichtigen  Beitrag 
für  Entwicklung  des  Wirklichkeitssinnes,  im  besonderen  liefern  sie  die 
Motivierung  für  das  Erkennen  und  Bezeichnen  der  Pflegeperson,  von  der 
Befriedigung  und  Versagung  ausgeht. 


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Entwurf  einer  Psychologie 


znert,  dann  werden  die  Erinnerungen  beim  Aufmerken  auf  die 
Klangabfuhrzeichen  wie  die  Wahrnehmungen  bewußt  und  können 
von  y  aus  besetzt  werden. 

Wir  haben  also  als  charakteristisch  für  den  Vorgang  des  e  r- 
kennenden  Denkens  herausgefunden,  daß  dabei  von  vor- 
neherein  die  Aufmerksamkeit  den  Denkabfuhrzeichen,  den  Sprach- 
zeichen  zugewendet  ist.  Wie  bekannt,  geht  ja  auch  das  sogenannte 
bewußte  Denken  mit  leiser  motorischer  Verausgabung  vor  sich.1 

Der  Vorgang  der  Verfolgung  des  Quantitätsablaufes  ( Q )  durch 
eine  Assoziation  kann  somit  unbestimmt  lange  fortgesetzt  werden, 
gewöhnlich  bis  zu  „völlig  bekannten“  Assoziationsendgliedern.  Die 
Fixierung  dieses  Weges  und  der  Endstationen  enthält  dann  die 
„Erkenntnis“  der  etwa  neuen  Wahrnehmung. 

Nun  möchte  man  gerne  etwas  Quantitatives  über  diesen  Er¬ 
kenntnis-Denkvorgang  wissen.  Die  Wahrnehmung  ist  ja  hier  im 
Vergleich  zum  naiven  Assoziationsvorgang  überbesetzt,  der  Vorgang 
selbst  besteht  in  einer  durch  die  Assoziation  mit  Qualitätszeichen 
geregelten  Verschiebung  von  Quantitäten  (Qf |);  bei  jeder  Station 
wird  die  ^-Besetzung  erneuert  und  endlich  entsteht  von  den  moto¬ 
rischen  Neuronen  der  Sprachbahn  aus  eine  Abfuhr.  Man  fragt  sich 
nun,  geht  bei  diesem  Vorgang  viel  Quantität  (Qfj)  dem  Ich  verloren 
oder  ist  der  Denkaufwand  ein  relativ  geringer?  Einen  Fingerzeig 
für  die  Beantwortung  gibt  die  Tatsache,  daß  die  beim  Denken  ab¬ 
fließenden  Sprachinnervationen  offenbar  sehr  gering  sind.  Es  wird 
nicht  wirklich  gesprochen,  so  wenig  wie  beim  Vorstellen  eines  Be¬ 
wegungsbildes  wirklich  bewegt  wird.  Das  Vorstellen  und  das  Be¬ 
wegen  sind  aber  nur  quantitativ  verschieden,  wie  wir  aus  den  Ver¬ 
suchen  über  Gedankenlesen  gelernt  haben.  Bei  intensivem  Denken 
wird  wohl  auch  laut  gesprochen.  Wie  kann  man  aber  so  kleine  Ab¬ 
fuhren  zustandebringen,  da  kleine  Quantitäten  doch  nicht  strömen 
können  und  große  sich  durch  die  motorischen  Neuronen  en  masse 
abgleichen? 

Es  ist  wahrscheinlich,  daß  auch  die  Verschiebungsquantitäten 

x)  Das  Denken  „ist  im  wesentlichen  ein  Probehandeln  mit  Verschiebung 
kleinerer  Besetzungsquantitäten,  unter  geringer  Verausgabung  (Abfuhr) 
derselben“.  („Formulierungen  über  die  zwei  Prinzipien  des  psychischen 
Geschehens,“  1911,  G.W.  VIII,  S.  233.) 


Versuch ,  die  normalen  Vorgänge  darzustellen 


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nicht  groß  sind  beim  Denkvorgang.  Erstens  ist  der  Aufwand  großer 
Quantitäten  (Qfj)  für  das  Ich  ein  möglichst  einzuschränkender  Ver¬ 
lust,  die  Quantität  (Qf\)  ist  ja  für  die  anspruchsvolle  spezifische  Aktion 
bestimmt.  Zweitens  würde  eine  große  Quantität  (Qf \)  gleichzeitig 
mehrere  Assoziationswege  gehen  und  dem  Denkbesetzen  keine  Zeit 
lassen,  auch  großen  Aufwand  verursachen.  Es  sollen  also  wohl  kleine 
Quantitäten  (gfj)  beim  Denkvorgang  strömen.  Demnach  sollen  nach 
unserer  Annahme  die  Wahrnehmung  und  Erinnerung  beim  Denken 
überbesetzt  sein,  stärker  als  bei  der  einfachen  Wahrnehmung.  Ferner 
gibt  es  ja  verschiedene  Intensitäten  von  Aufmerksamkeit,  was  wir 
nur  übersetzen  können,  verschiedene  Steigerungen  der  besetzenden 
Quantitäten  (Qf|).  Gerade  mit  stärkerer  Aufmerksamkeit  wäre  dann 
das  beobachtende  Verfolgen  schwieriger,  was  so  unzweckmässig  ist, 
daß  man  es  nicht  annehmen  darf. 

Man  hat  zwei  scheinbar  entgegengesetzte  Anforderungen:  Starke 
Besetzung  und  schwache  Verschiebung.  Wül  man  die  beiden  ver¬ 
einigen,  so  kommt  man  zur  Annahme  eines  gleichsam  ge¬ 
bundenen  Zustandes  im  Neuron,  der  bei  hoher  Be¬ 
setzung  doch  nur  eine  geringe  Strömung  ge¬ 
stattet.  Man  kann  sich  diese  Annahme  plausibler  machen,  wenn 
man  bedenkt,  daß  die  Strömung  in  einem  Neuron  offenbar  von  den 
es  umgebenden  Besetzungen  beeinflußt  wird.  Nun  ist  das  Ich  selbst 
eine  solche  Masse  von  Neuronen,  welche  ihre  Besetzung  festhalten, 
d.h.  im  gebundenen  Zustand  sind,  und  dies  kann  wohl  nur  durch 
Einwirkung  untereinander  geschehen.  Man  kann  sich  also  vor¬ 
stellen,  ein  Wahrnehmungsneuron,  das  mit  Aufmerksamkeit  besetzt 
ist,  wird  dadurch  gleichsam  in  das  Ich  vorübergehend  aufgenommen 
und  unterliegt  jetzt  derselben  Quantitätsbindung  wie  alle  Ich- 
Neuronen.  Wird  es  stärker  besetzt,  so  kann  dadurch  die  Strö¬ 
mungsquantität  verringert,  nicht  notwendig  vergrößert  werden.  (?) 
Man  kann  sich  etwa  vorstellen,  daß  durch  diese  Bindung  gerade  die 
externe  Quantität  (Q)  zur  Strömung  frei  bleibt,  während  die  Auf¬ 
merksamkeitsbesetzung  gebunden  ist;  ein  Verhältnis,  das  natürlich 
nicht  beständig  zu  sein  braucht. 

Durch  diesen  gebundenen  Zustand,  der  hohe 
Besetzung  mit  geringer  Strömung  vereint,  würde 


448 


Entwurf  einer  Psychologie 


sich  also  der  Denkvorgang  mechanisch  charak¬ 
terisieren.  Es  sind  andere  Vorgänge  denkbar,  in  denen  die  Strö¬ 
mung  der  Besetzung  parallel  läuft,  Vorgänge  mit  ungehemmter  Abfuhr. 

Ich  hoffe,  die  Annahme  eines  solchen  gebundenen  Zustandes  wird 
sich  als  mechanisch  haltbar  herausstellen.  Ich  möchte  die  psy¬ 
chologischen  Folgen  dieser  Annahme  beleuchten.  Zunächst  scheint 
die  Annahme  an  einem  inneren  Widerspruch  zu  leiden.  Wenn  der 
Zustand  darin  besteht,  daß  bei  solcher  Besetzung  nur  kleine  Quanti¬ 
täten  (ß)  zur  Verschiebung  bleiben,  wie  kann  er  neue  Neuronen  ein¬ 
beziehen,  d.h.  große  Quantitäten  ( Q )  in  neue  Neuronen  wandern 
lassen?  Und  dieselbe  Schwierigkeit  zurückverlegt,  wie  hat  sich  über¬ 
haupt  ein  derart  zusammengesetztes  Ich  entwickeln  können  ? 

So  sind  wir  ganz  unerwartet  vor  das  dunkelste  Problem  gelangt, 
die  Entstehung  des  „Ich“,  d.h.  eines  Komplexes  von  Neuronen,  die 
ihre  Besetzung  festhalten,  also  für  kurze  Zeiträume  ein  Komplex 
konstanten  Niveaus  sind.  Die  genetische  Behandlung  wird  die  lehr¬ 
reichste  sein.  Das  Ich  besteht  ursprünglich  aus  den  Kern-Neuronen, 
welche  die  endogene  Quantität  durch  Leitungen  empfangen  und  auf 
dem  Weg  zur  inneren  Veränderung  abführen.  Das  Befriedigungs- 
erlebnis  hat  diesem  Kern  eine  Assoziation  verschafft  mit  einer  Wahr¬ 
nehmung  (dem  Wunschbild)  und  einer  Bewegungsnachricht  (des 
reflektorischen  Anteils  der  spezifischen  Aktion).  Im  Wiederholungs¬ 
zustande  der  Begier,  in  der  Erwartung  findet  die  Erziehung 
und  Entwicklung  dieses  anfänglichen  Ich  statt.  Es  lernt  zuerst,  daß 
es  nicht  die  Bewegungsbilder  besetzen  darf,  sodaß  Abfuhr  erfolgt, 
solange  nicht  gewisse  Bedingungen  von  Seite  der  Wahrnehmung 
erfüllt  sind.  Ferner  lernt  es,  daß  es  die  Wunschvorstellung  nicht 
über  ein  gewisses  Maß  besetzen  darf,  weil  es  sich  sonst  halluzina¬ 
torisch  täuschen  würde.  Wenn  es  aber  diese  beiden  Schranken 
respektiert  und  seine  Aufmerksamkeit  den  neuen  Wahrnehmungen 
zuwendet,  hat  es  Aussicht,  die  gesuchte  Befriedigung  zu  erreichen. 
Es  ist  also  klar,  die  Schranken,  welche  das  Ich  hindern,  Wunschbüd 
und  Bewegungsbild  über  ein  gewisses  Maß  zu  besetzen,  sind  der 
Grund  einer  Aufspeicherung  von  Quantität  (Qf\)  im  Ich  und  nötigen 
dieses  etwa,  seine  Quantität  (Qf])  bis  zu  gewissen  Grenzen  auf  die 
von  ihm  erreichbaren  Neuronen  zu  übertragen. 


Versuch ,  die  normalen  tp- Vorgänge  darzustellen 


449 


Die  überbesetzten  Kern-Neurone  stoßen  in  letzter  Linie  an  die 
durch  kontinuierliche  Erfüllung  mit  Quantität  (Qf))  durchlässig  ge¬ 
wordenen  Leitungen  aus  dem  Inneren  an  und  müssen  als  deren 
Fortsetzung  gleichfalls  erfüllt  bleiben.  Die  Quantität  in  ihnen  wird 
nach  Maßgabe  der  auf  dem  Wege  befindlichen  Widerstände  soweit 
abfließen,  bis  die  nächsten  Widerstände  größer  sind  als  der  zur 
Strömung  disponierte  Quantitätsquotient.  Dann  aber  ist  die  ganze 
Besetzungsmasse  im  Gleichgewicht,  einerseits  gehalten  durch  die 
beiden  Schranken  gegen  Motilität  und  Wunsch,  andererseits  durch 
die  Widerstände  der  äußersten  Neurone  und  gegen  das  Innere  durch 
den  konstanten  Druck  der  Leitung.  Die  Besetzung  wird  im  Innern 
dieses  Ichgefüges  keineswegs  überall  gleich  sein,  sie  muß  nur  pro¬ 
portional  gleich  sein,  d.h.  im  Verhältnis  zu  den  Bahnungen. 

Wenn  das  Besetzungsniveau  im  Ichkem  steigt,  wird  die  Ichweite 
ihren  Kreis  ausdehnen  können,  wenn  sie  sinkt,  wird  sich  das  Ich 
konzentrisch  verengern.  Bei  einem  gewissen  Niveau  und  einer  ge¬ 
wissen  Weite  des  Ich  wird  gegen  eine  Verschiebbarkeit  im  Be¬ 
setzungsgebiet  nichts  einzuwenden  sein. 

Es  fragt  sich  jetzt  nur,  wie  stellen  sich  die  beiden  Schranken  her, 
welche  das  konstante  Niveau  des  Ich  garantieren,  besonders  die  gegen 
Bewegungsbilder,  welche  die  Abfuhr  hindert?  Hier  steht  man  an 
einem  entscheidenden  Funkt  für  die  Auffassung  der  ganzen  Organi¬ 
sation.  Man  kann  nur  sagen,  als  diese  Schranke  noch  nicht  bestand 
und  mit  dem  Wunsch  auch  die  motorische  Entladung  eintrat,  wurde 
regelmäßig  die  erwartete  Lust  vermißt  und  die  Fortdauer  der  en¬ 
dogenen  Reizentbindung  rief  endlich  Unlust  hervor.  Nur  diese 
U  n  1  u  s  t-Drohung,  die  sich  an  die  vorzeitige  Abfuhr  geknüpft  hat, 
kann  die  in  Rede  stehende  Schranke  darstellen.  Im  Laufe  der  Ent¬ 
wicklung  hat  dann  die  Bahnung  einen  Teil  der  Aufgabe  übernommen. 
Es  steht  aber  noch  fest,  daß  die  Quantität  (Qf|)  im  Ich  die  Bewegungs¬ 
bilder  nicht  ohne  weiteres  besetzt,  weil  eine  Unlustentbin¬ 
dung  die  Folge  davon  wäre. 

Alles  was  ich  einen  biologischen  Erwerb  des  Neuronen¬ 
systems  heiße,  denke  ich  mir  dargestellt  durch  eine  solche  U  n- 
lustdrohung,  deren  Wirkung  darin  besteht,  daß  jene  Neuronen 
nicht  besetzt  werden,  welche  zur  Unlustentbindung  führen.  Es 

HH 


450 


Entwurf  einer  Psychologie 


ist  die  primäre  Abwehr,  eine  verständliche  Folge  der  ur¬ 
sprünglichen  Tendenz  des  Neuronensystems.  Die  Unlust  bleibt  das 
einzige  Erziehungsmittel.  Wie  die  primäre  Abwehr,  die 
Nichtbesetzung  durch  Unlustdrohung  mechanisch  darstellbar  ist,  das 
weiß  ich  freilich  nicht  anzugeben. 

Ich  gestatte  mir  von  jetzt  an,  die  mechanische  Darstellung  solcher 
biologischer  Regeln,  die  auf  Unlustdrohung  beruhen,  schuldig  zu 
bleiben;  zufrieden,  wenn  ich  von  da  aus  einer  anschaulichen  Ent¬ 
wicklung  treu  bleiben  kann.  Eine  zweite  biologische  Regel,  aus  dem 
Erwartungsvorgang  abstrahiert,  wird  wohl  sein,  die  Aufmerksamkeit 
auf  die  Qualitätszeichen  zu  richten,  weü  diese  zu  Wahrnehmungen 
gehören,  die  zur  Befriedigung  führen  können  und  sich  sodann  von 
dem  Qualitätszeichen  zur  aufgetauchten  Wahrnehmung  leiten  zu 
lassen.  Kurz,  der  Aufmerksamkeitsmechanismus  wird  seine  Ent¬ 
stehung  einer  solchen  biologischen  Regel  zu  danken  haben;  er  wird 
die  Verschiebung  der  Ichbesetzungen  regeln.1 

Man  kann  jetzt  einwenden,  daß  ein  solcher  Mechanismus  mit 
Hilfe  der  Qualitätszeichen  überflüssig  ist.  Das  Ich  könnte  biologisch 
gelernt  haben,  im  Erwartungszustande  das  Wahmehmungsgebiet 
selbst  zu  besetzen,  anstatt  erst  durch  die  Qualitätszeichen  zu  dieser 
Besetzung  veranlaßt  zu  werden.  Allein  hier  ist  zweierlei  zu  sagen, 
um  den  Aufmerksamkeitsmechanismus  zu  rechtfertigen,  i.  daß  das 
Gebiet  der  Abfuhrzeichen  von  System  W  (co)  offenbar  ein  kleineres 
ist,  weniger  Neuronen  umfaßt,  als  das  der  Wahrnehmung,  d.h.  des 
ganzen  mit  den  Sinnesorganen  in  Beziehung  stehenden  Mantels  von 
y,  sodaß  das  Ich  außerordentlich  viel  Aufwand  spart,  wenn  es  anstatt 
der  Wahrnehmung  die  Abfuhr  besetzt  hält,  und  2.  daß  die  Abfuhr¬ 
zeichen  oder  Qualitätszeichen  zunächst  auch  Realitätszeichen  sind, 
welche  gerade  dazu  dienen  sollen,  die  realen  Wahmehmungsbe- 
setzungen  von  den  Wunschbesetzungen  zu  unterscheiden.  Es  ist 
also  der  Aufmerksamkeitsmechanismus  nicht  zu  umgehen.  Er  be¬ 
steht  aber  in  jedem  Fall  darin,  daß  das  Ich  diejenigen  Neuronen 

x)  Vgl.  dazu  die  Fortsetzung  dieses  Gedankens  in  „Formulierungen  über 
die  zwei  Prinzipien  des  psychischen  Geschehens“,  1911,  G.W.  VIII,  S.  233, 
wo  der  Aufmerksamkeit  die  Aufgabe  zugeteüt  wird,  „die  Außenwelt 
periodisch  abzusuchen.  .  .  .,  damit  die  Daten  derselben  in  vorhinein  be¬ 
kannt  wären,  wenn  sich  ein  unaufschiebbares  inneres  Bedürfnis  einstellte  .  .  .“ 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


45i 


besetzt,  in  denen  eine  Besetzung  bereits  aufgetreten  ist. 

Die  biologische  Aufmerksamkeitsregel  aber  lautet 
für  das  Ich :  Wenn  ein  Realitätszeichen  auftritt, 
so  ist  die  gleichzeitig  vorhandene  Wahrneh¬ 
mungsbesetzung  überzubesetzen. 

Es  ist  dies  die  zweite  biologische  Regel,  die  erste  war  die  pri¬ 
märe  Abwehr. 


Aus  dem  bisherigen  lassen  sich  auch  einige  allgemeine  Winke  für 
die  mechanische  Darstellung  gewinnen  wie  jener  erste  war,  daß  die 
externe  Quantität  nicht  durch  Qf\,  psychische  Quantität,  dargestellt 
sein  kann.  Aus  der  Darstellung  des  Ich  und  dessen  Schwankungen 
folgt  nämlich,  daß  auch  die  Niveauhöhe  keine  Beziehung  zur  Außen¬ 
welt  hat,  daß  allgemeine  Erniedrigung  oder  Erhöhung  am  Weltbild 
(normaler  Weise)  nichts  ändert.  Da  das  Außenweltbild  auf  Bahnungen 
beruht,  so  heißt  das,  allgemeine  Niveauschwankungen  ändern  an 
dan  Bahnungen  nichts.  Ein  zweites  Prinzip  ist  schon  erwähnt,  daß 
bei  hohem  Niveau  kleine  Quantitäten  leichter  verschiebbar  sind  als 
bei  niedrigem.  Es  sind  dies  einzelne  Punkte,  durch  die  die  Charak¬ 
teristik  der  noch  ganz  unbekannten  Neuronenbewegung  zu  gehen  hat. 

Kehren  wir  nun  zur  Beschreibung  des  beobachtenden  oder  e  r- 
kennenden  Denkvorganges  zurück,  der  sich  vom  Erwartungs¬ 
vorgang  dadurch  unterscheidet,  daß  die  Wahrnehmungen  nicht  auf 
Wunschbesetzungen  fallen.  Dann  wird  also  das  Ich  durch  die  ersten 
Realitätszeichen  aufmerksam  gemacht,  welches  Wahrnehmungsgebiet 
zu  besetzen  ist.  Der  Assoziationsablauf  der  mitgebrachten  Quantität 
(2)  vollzieht  sich  über  vorbesetzte  Neuronen  und  die  sich  verschie¬ 
bende  29  (Quantität  der  cp-Neuronen)  wird  jedesmal  wieder  flott. 
Während  dieses  Ablaufes  entstehen  die  Qualitätszeichen  (der  Sprache), 
denen  zufolge  der  Assoziationsablauf  bewußt  und  reproduzierbar 
wird. 

Man  könnte  hier  nun  abermals  die  Ersprießlichkeit  der  Qualitäts¬ 
zeichen  in  Frage  ziehen.  Was  sie  leisten,  sei  ja  doch  nur,  das  Ich 
zu  veranlassen,  daß  sie  dort  Besetzung  hinschicken,  wo  im  Ablauf 
eine  Besetzung  auftaucht.  Sie  bringen  diese  besetzenden  Quantitäten 


452 


Entwurf  einer  Psychologie 


(Qfi)  aber  nicht  selbst,  sondern  höchstens  einen  Beitrag  dazu.  Dann 
aber  kann  das  Ich  ohne  solche  Unterstützung  seine  Besetzung  längs 
des  Quantitätsablaufes  (Q)  wandern  lassen. 

Das  ist  gewiß  richtig,  allein  die  Beachtung  der  Qualitätszeichen  ist 
doch  nicht  überflüssig.  Es  ist  nämlich  hervorzuheben,  daß  die  obige 
biologische  Regel  der  Aufmerksamkeit  aus  der  Wahrnehmung  ab¬ 
strahiert  ist  und  zunächst  nur  für  Realitätszeichen  gilt.  Die  Sprach- 
abfuhrzeichen  sind  in  gewissem  Sinne  auch  Realitätszeichen,  Zeichen 
der  Denkrealität,  aber  nicht  der  externen,  und  für  sie  hat  sich  eine 
solche  Regel  keineswegs  durchgesetzt,  weil  keine  konstante  Un¬ 
lustdrohung  an  deren  Verletzung  geknüpft  wäre.  Die  Unlust  durch 
Vernachlässigung  der  Erkenntnis  ist  nicht  so  eklatant  wie  die  bei 
Ignorierung  der  Außenwelt,  obwohl  sie  im  Grund  eines  sind.  Es 
gibt  also  wirklich  einen  beobachtenden  Denkvorgang, 
bei  dem  die  Qualitätszeichen  nicht  oder  nur  sporadisch  erweckt 
werden,  und  der  dadurch  ermöglicht  wird,  daß  das  Ich  automatisch 
mit  seinen  Besetzungen  dem  Ablauf  folgt.  Dieser  Denkvorgang  ist 
sogar  der  bei  weitem  häufigere,  ohne  abnorm  zu  sein,  es  ist  unser 
gemeines  Denken,  unbewußt,  mit  gelegentlichen  Einfällen  ins 
Bewußtsein,  sogenanntes  bewußtes  Denken  mit  unbewußten  Mittel¬ 
gliedern,  die  aber  bewußt  gemacht  werden  können.1 

Doch  ist  der  Nutzen  der  Qualitätszeichen  für  das  Denken  un¬ 
bestreitbar.  Zunächst  verstärken  ja  die  erweckten  Qualitätszeichen 
die  Besetzungen  im  Ablauf  und  sichern  die  automatische  Auf¬ 
merksamkeit,  die  offenbar  an  das  Hervortreten  von  Besetzung  —  wir 
wissen  nicht  wie  —  geknüpft  ist.  Sodann,  was  wichtiger  erscheint, 
sichert  die  Aufmerksamkeit  auf  die  Qualitätszeichen  die  Unparteilich¬ 
keit  des  Ablaufes.  Es  ist  nämlich  sehr  schwer  für  das  Ich,  sich  in  die 
Situation  des  bloßen  „Fo  r  s  c  h  e  n  s“  zu  versetzen.  Das  Ich  hat 
fast  immer  Ziel-  oder  Wunschbesetzungen,  deren  Bestand  während 
des  Forschens  den  Assoziationsablauf,  wie  wir  hören  werden,  be¬ 
einflußt,  also  eine  falsche  Kenntnis  von  Wahrnehmungen  ergibt.  Es 
gibt  nun  keinen  besseren  Schutz  gegen  diese  Denkfälschung,  als 
wenn  im  Ich  eine  sonst  verschiebbare  Quantität  (Qrj)  auf  eine  Region 

x)  Die  früheste  Freudsche  Schilderung  des  vorbewußten  Denkvorganges; 
s.  o.  S.  442. 


Versuch ,  die  normalen  <p- Vorgänge  darzustellen 


453 


gerichtet  wird,  die  eine  solche  Ablenkung  des  Ablaufes  nicht  äußern 
(i.e.  hervorrufen)  kann.  Solcher  Auskünfte  gibt  es  nur  eine  einzige, 
wenn  nämlich  die  Aufmerksamkeit  sich  den  Qualitätszeichen  zu¬ 
wendet,  die  keine  Zielvorstellungen  sind,  deren  Besetzung  im  Gegen¬ 
teile  den  Assoziationsablauf  stärker  hervorhebt  durch  Beiträge  zur 
Besetzungsquantität. 

Das  Denken  mit  Besetzung  der  Denkrealitäts¬ 
zeichen  oder  Sprachzeichen  ist  also  die  höchste, 
sicherste  Form  des  erkennenden  Denkvorganges. 

Bei  der  unzweifelhaften  Nützlichkeit  einer  Erweckung  der  Denk¬ 
zeichen  darf  man  Einrichtungen  erwarten,  welche  diese  Erweckung 
sichern.  Die  Denkzeichen  entstehen  ja  nicht  wie  die  Realitätszeichen 
spontan,  ohne  Dazutun  von  tp.  Da  sagt  uns  die  Beobachtung,  daß 
diese  Einrichtungen  nicht  für  alle  Fälle  von  Denkvorgängen  so  gelten 
wie  für  den  forschenden.  Bedingung  der  Erweckung  der  Denkzeichen 
überhaupt  ist  ja  deren  Aufmerksamkeitsbesetzung;  sie  entstehen 
dann  nach  dem  Gesetz,  daß  zwischen  2  verbundenen  und  gleichzeitig 
besetzten  Neuronen  die  Leitung  begünstigt  ist.  Doch  hat  die 
Lockung,  erzeugt  durch  die  Vorbesetzung  der  Denkzeichen,  nur 
eine  gewisse  Kraft,  um  gegen  andere  Einflüsse  zu  kämpfen.  So  wird 
z.B.  jede  außerdem  in  der  Nähe  des  Ablaufes  befindliche  Besetzung 
(Zielbesetzung,  AfFektbesetzung)  konkurrieren  und  den  Ablauf  un¬ 
bewußt  machen.  Ebenso  werden  (was  die  Erfahrung  bestätigt) 
größere  Ablaufsquantitäten  wirken,  die  eine  größere  Strömung  und 
damit  Beschleunigung  des  ganzen  Ablaufes  erzeugen.  Die  land¬ 
läufige  Behauptung  „es  habe  sich  etwas  so  rasch  in  einem  vollzogen, 
daß  man  es  nicht  gemerkt  habe“,  ist  wohl  ganz  korrekt.  Auch  daß 
der  Affekt  die  Erweckung  der  Denkzeichen  stören  kann,  ist  allbekannt. 

Für  die  mechanische  Darstellung  psychischer  Vorgänge  ergibt  sich 
hieraus  ein  neuer  Satz,  daß  der  Ablauf  nämlich,  der  durch  die 
Niveauhöhe  nicht  verändert  wird,  durch  die  strömende  Quantität 
selbst  zu  beeinflussen  ist.  Eine  große  Quantität  (Q)  geht 
im  allgemeinen  andere  Wege  im  Netz  der  Bah¬ 
nungen  als  eine  kleine.  Es  scheint  mir  nicht  schwer,  dies 
zu  illustrieren: 


454 


Entwurf  einer  Psychologie 


Es  gibt  für  jede  Schranke  einen  Schwellenwert,  unterhalb  dessen 
die  Quantität  ( Q )  überhaupt  nicht  passiert,  geschweige  denn  ein 
Quotient  von  ihr;  die  so  kleine  Quantität  ( Q )  wird  sich  noch  auf 
2  andere  Wege  verteilen,  für  deren  Bahnung  die  Quantität 
(2)  ausreicht.  Steigt  nun  die  Quantität  (Q),  so  wird  der  erste  Weg 
in  Betracht  kommen  und  seine  Quotienten  fördern,  und  jetzt  können 
auch  Besetzungen  sich  geltend  machen,  die  jenseits  der  nun  über¬ 
windbaren  Schranke  liegen.  Ja,  vielleicht  kann  noch  ein  anderer 
Faktor  zur  Bedeutung  kommen.  Man  darf  etwa  annehmen,  daß 
nicht  alle  Wege  eines  Neurons  aufnahmsfähig  für  die  Quantität  (2) 
sind,  und  diese  Verschiedenheit  als  Wegbreite  bezeichnen.  Die 
Wegbreite  ist  an  sich  unabhängig  vom  Widerstand,  der  ja  durch 
Ablaufsquantität  (Abq)  zu  verändern  ist,  während  die  Wegbreite 
konstant  bleibt.  Nehmen  wir  nun  an,  daß  bei  steigender  Quantität 
(2)  ein  Weg  eröffnet  wird,  der  seine  Breite  geltend  machen  kann,  so 
sieht  man  die  Möglichkeit  ein,  daß  der  Ablauf  der  Quantität  (2) 
durch  die  Erhöhung  der  strömenden  Quantität  ( Q )  gründlich  ge¬ 
ändert  werde.  Die  Alltagserfahrung  scheint  gerade  diese  Folgerung 
nachdrücklich  zu  unterstützen. 

Die  Erweckung  der  Denkzeichen  scheint  nun  an  den  Ablauf  mit 
kleinen  Quantitäten  (2)  geknüpft  zu  sein.  Damit  ist  nicht  behauptet, 
daß  jeder  andere  Ablauf  auch  unbewußt  bleiben  muß,  denn  die 
Erweckung  der  Sprachzeichen  ist  nicht  der  einzige  Weg,  Bewußtsein 
zu  erwecken. 

Wie  kann  man  sich  nun  etwa  das  Denken  mit  unterbrochenem  Be¬ 
wußtwerden,  die  plötzlichen  Einfälle  anschaulich  darstellen?  Unser 
gewöhnliches  zielloses  Denken,  obwohl  unter  Vorbesetzung  und 
automatischer  Aufmerksamkeit,  legt  doch  keinen  Wert  auf  die  Denk¬ 
zeichen.  Es  hat  sich  nicht  biologisch  ergeben,  daß  diese  für  den 
Vorgang  unentbehrlich  sind.  Sie  pflegen  aber  doch  zu  entstehen, 
i.  wenn  der  glatte  Ablauf  zu  einem  Ende  gekommen  oder  auf  ein 
Hindernis  gestoßen  hat,  2.  wenn  er  eine  Vorstellung  erweckt  hat, 
die  aus  anderen  Gründen  Qualitätszeichen,  d.h.  Bewußtsein  wachruft. 
Hier  darf  diese  Erörterung  abbrechen. 


Versuch >  die  normalen  Vorgänge  darzustellen 


455 


Es  gibt  offenbar  andere  Arten  des  Denkvorganges,  denen  nicht  das 
uneigennützige  Ziel  des  Erkennens,  sondern  ein  anderes  praktisches 
vorschwebt.  Der  Erwartungszustand,  von  dem  das  Denken  über¬ 
haupt  ausgegangen,  ist  ein  Beispiel  dieser  zweiten  Art  des  Denkens. 
Es  wird  hier  eine  Wunschbesetzung  festgehalten  und  daneben  eine 
zweite  auftauchende  Wahmehmungsbesetzung  unter  Aufmerksam¬ 
keit  verfolgt.  Es  ist  aber  dabei  nicht  die  Absicht  zu  erfahren,  wohin 
sie  überhaupt  führt,  sondern  auf  welchen  Wegen  sie  zur  Belebung 
der  unterdes  festgehaltenen  Wunschbesetzung  führt.  Diese  biologisch 
ursprünglichere  Art  des  Denkvorganges  läßt  sich  leicht  nach  unseren 
Voraussetzungen  darstellen.  Sei  —  V  die  Wunschvorstellung,  die 
besonders  besetzt  gehalten  wird,  und  W  die  zu  verfolgende  Wahr¬ 
nehmung,  so  wird  der  Effekt  der  Aufmerksamkeitsbesetzung  von  W 
zunächst  sein,  daß  die  <29  nach  dem  best  gebahnten  Neuron  a  ab¬ 
läuft  ;  von  dort  würde  sie  abermals  nach  der  besten  Bahn  gehen,  wird 
aber  gestört  werden  durch  das  Vorhandensein  von  Seitenbe¬ 
setzungen.  Wenn  von  a  aus  3  Wege  führen,  ihrer  Bahnung 
nach  geordnet  nach  h3  c,  d}  und  d  hege  benachbart  an  die  Wunsch¬ 
besetzung  +  F,  so  kann  der  Erfolg  der  sein,  daß  die  Qy  trotz  der 
Bahnungen  nicht  nach  c  und  b3  sondern  nach  d  strömt,  von  dort  nach 

+  F  und  somit  den  Weg  W  —  a  —  d - j-F  als  den  gesuchten 

enthüllt.  Es  wirkt  hier  das  von  uns  längst  anerkannte  Prinzip,  daß 
Besetzung  die  Bahnung  verleiten,  ihr  also  auch  entgegenwirken  kann, 
somit  Seitenbesetzung  den  Quantitätsablauf  modifiziert.  Da  die  Be¬ 
setzungen  veränderlich  sind,  liegt  es  im  Belieben  des  Ich,  den  Ablauf 
von  W  aus  nach  irgendwelcher  Zielbesetzung  hin  zu  modifizieren. 

Unter  Zielbesetzung  ist  hierbei  keine  gleichmäßige  verstanden,  wie 
sie  bei  der  Aufmerksamkeit  ein  ganzes  Gebiet  trifft,  sondern  eine 
hervorhebende,  über  das  Ichniveau  hervorragende.  Wahrscheinlich 
muß  man  die  Annahme  machen,  daß  bei  diesem  Denken  mit  Ziel¬ 
besetzungen  gleichzeitig  auch  Quantität  von  -f-  F  aus  wandert,  sodaß 
der  Ablauf  von  W  nicht  nur  von  +  F,  sondern  auch  von  dessen 
weiteren  Stationen  beeinflußt  werden  kann.  Nur  ist  dabei  der  Weg 
-f  F.  .  .  bekannt  und  fixiert,  der  Weg  von  W ...  a  ...  zu  suchen. 
Da  unser  Ich  eigentlich  immer  Zielbesetzungen,  oft  gleichzeitig  in 
mehrfacher  Zahl  unterhält,  versteht  sich  nun  sowohl  die  Schwierigkeit 


456 


Entwurf  einer  Psychologie 


eines  rein  erkennenden  Denkens  als  auch  die  Möglichkeit,  bei  dem 
praktischen  Denken  auf  die  allerverschiedensten  Wege  zu  gelangen, 
zu  verschiedenen  Zeiten,  unter  verschiedenen  Bedingungen  und  für 
verschiedene  Personen. 

Beim  praktischen  Denken  kann  man  auch  eine  Würdigung  der 
Denkschwierigkeiten  bekommen,  die  man  ja  aus  eigener 
Empfindung  kennt.  Um  das  frühere  Beispiel  aufzunehmen,  daß 
der  G  9- Strom  der  Bahnung  nach  b  und  c  abfließen  würde,  während 
d  durch  die  nahe  Verbindung  mit  der  Zielbesetzung  oder  ihrer 
Folgevorstellung  ausgezeichnet  ist;  so  kann  der  Einfluß  der  Bahnung 
zu  Gunsten  von  b  .  .  c  so  groß  sein,  daß  er  die  Anziehung  d  .  .  .  .  -j-  V 
weit  überwiegt.  Um  doch  den  Ablauf  nach  +  V  zu  lenken,  müßte 
die  Besetzung  von  +  V  und  seinen  Ausläufervorstellungen  noch 
mehr  gesteigert  werden,  vielleicht  auch  die  Aufmerksamkeit  auf 
W  verändert,  damit  eine  größere  oder  geringere  Bindung  und  ein 
Strömungsniveau  erreicht  wird,  welches  dem  Weg  d  .  .  +  V  günsti¬ 
ger  ist.  Solcher  Aufwand  zur  Überwindung  guter  Bahnungen, 
um  die  Quantität  ( Q )  auf  schlechter  gebahnte,  der  Zielbesetzung 
aber  näher  gelegene  Wege  zu  locken,  entspricht  der  Denkschwie¬ 
rigkeit. 

Die  Rolle  der  Qualitätszeichen  beim  praktischen  Denken  wird 
sich  von  der  beim  erkennenden  wenig  unterscheiden.  Die  Qualitäts¬ 
zeichen  sichern  und  fixieren  den  Ablauf,  sind  aber  nicht  unumgänglich 
für  ihn  erforderlich.  Wenn  man  anstatt  der  einzelnen  Neuronen 
Komplexe  und  anstatt  der  einzelnen  Vorstellungen  Komplexe  setzt, 
stößt  man  auf  eine  nicht  mehr  darstellbare  Komplexität  des  prak¬ 
tischen  Denkens  und  begreift,  daß  rasche  Erledigung  hier  wünschens¬ 
wert  wird.  Während  eines  solchen  werden  aber  die  Qualitätszeichen 
meist  nicht  vollständig  erweckt,  und  deren  Entwicklung  dient  ja 
dazu,  den  Ablauf  zu  verlangsamen  und  zu  komplizieren.  Wo  der 
Ablauf  von  einer  gewissen  Wahrnehmung  nach  gewissen  bestimmten 
Zielbesetzungen  bereits  wiederholt  geschehen  und  durch  Gedächtnis¬ 
bahnungen  stereotypiert  ist,  wird  zur  Erweckung  der  Qualitätszeichen 
meist  kein  Anlaß  sein. 

Das  Ziel  des  praktischen  Denkens  ist  die  Identität,  die  Ein¬ 
mündung  der  verschobenen  29  Besetzung  in  die  unterdes  festge- 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


457 


haltene  Wunschbesetzung.  Es  ist  rein  biologisch  zu  nehmen,  daß 
damit  die  Denknötigung  auf  hört  und  dafür  die  Vollinnervation  der 
auf  dem  Weg  berührten  Bewegungsbilder  gestattet  ist,  die 
ein  unter  den  Umständen  berechtigtes  akzessorisches  Stück  der 
spezifischen  Aktion  darstellen.  Da  während  des  Ablaufes 
dieses  Bewegungsbild  nur  in  gebundener  Weise  besetzt  worden  und 
da  der  Denkprozeß  von  einer  Wahrnehmung  (W)  ausgegangen  ist, 
die  dann  nur  als  Erinnerungsbild  verfolgt  wurde,  so  kann  sich  der 
ganze  Denkprozeß  von  dem  Erwartungsvorgang  und  der  Realität 
unabhängig  machen  und  in  ganz  unveränderter  Weise  bis  zur  Identität 
fortschreiten.  Er  geht  dann  von  einer  bloßen  Vorstellung  aus, 
und  führt  auch  nach  seiner  Vollendung  nicht  zur  Handlung,  hat 
aber  ein  praktisches  Wissen,  das  vorkommenden  realen 
Falles  verwertbar  ist,  ergeben.  Es  erweist  sich  eben  als  zweckmäßig, 
den  praktischen  Denkvorgang  nicht  erst  anstellen  zu  müssen,  wenn 
man  ihn  angesichts  der  Realität  bedarf,  sondern  ihn  dafür  vorbereitet 
zu  halten. 

Es  ist  nun  an  der  Zeit,  eine  vorhin  gemachte  Aufstellung  einzu¬ 
schränken,  nämlich  daß  ein  Gedächtnis  der  Denkvorgänge  nur  durch 
die  Qualitätszeichen  ermöglicht  sei,  weil  deren  Spuren  sich  sonst 
von  den  Spuren  der  Wahrnehmungsbahnungen  nicht  unterscheiden 
ließen.  Daran  ist  festzuhalten,  daß  das  Realgedächtnis 
korrekter  Weise  durch  alles  Denken  darüber  nicht  modifiziert  werden 

darf.  Andererseits  ist  unleugbar,  daß  das  Denken  über  ein  Thema 

•  • 

für  ein  nächstes  Uberdenken  außerordentlich  bedeutsame  Spuren 
hinterläßt,  und  es  ist  sehr  fraglich,  ob  nur  das  Denken  mit  Qualitäts¬ 
zeichen  und  Bewußtsein  dies  tut.  Es  muß  also  Denkbahnungen 
geben  und  doch  dürfen  die  ursprünglichen  Assoziationsbahnen  nicht 
verwischt  werden.  Da  es  nur  einerlei  Bahnungen  geben  kann,  sollte 
man  meinen,  die  beiden  Folgerungen  sind  unvereinbar.  Doch  muß 
eine  Vereinigung  und  Erklärung  in  dem  Umstande  zu  finden  sein, 
daß  die  Denkbahnungen  alle  erst  bei  hohem  Niveau  geschaffen 
worden  sind,  sich  wahrscheinlich  auch  wieder  bei  hohem  Niveau 
geltend  machen,  während  die  Assoziationsbahnungen,  in  Voll-  oder 
Primärabläufen  entstanden,  wieder  hervortreten,  wenn  die  Bedin¬ 
gungen  des  umgebenden  Ablaufes  hergestellt  sind.  Damit  soll  nun 


458 


Entwurf  einer  Psychologie 


nicht  jede  mögliche  Einwirkung  der  Denkbahnungen  auf  die  Asso¬ 
ziationsbahnungen  geleugnet  werden. 

Wir  gewinnen  für  die  unbekannte  Neuronenbewegung  also  noch 
folgende  Charakteristik:  Das  Gedächtnis  besteht  in  den  Bahnungen. 
Die  Bahnungen  werden  durch  Niveauhebung  nicht  verändert,  es 
gibt  aber  Bahnungen,  die  nur  für  ein  bestimmtes  Niveau  gelten. 
Die  Richtung  des  Ablaufes  wird  durch  Niveauänderung  zunächst 
nicht  geändert,  wohl  aber  durch  die  Strömungsquantität  und  durch 
Seitenbesetzungen.  Bei  großem  Niveau  sind  eher  kleine  Quantitäten 
(ö)  verschiebbar. 

Neben  dem  erkennenden  und  dem  praktischen  Denken 
muß  ein  reproduzierendes,  erinnerndes  Denken  unterschieden 
werden,  das  zum  Teil  ins  praktische  eingeht,  es  aber  nicht  erschöpft. 
Dieses  Erinnern  ist  die  Vorbedingung  jeder  Prüfung  des  kri¬ 
tischen  Denkens;  es  verfolgt  einen  gegebenen  Denkvorgang  in  um¬ 
gekehrter  Richtung,  etwa  bis  auf  eine  Wahrnehmung  zurück,  wieder 
unter  Ziellosigkeit,  zum  Unterschied  vom  praktischen  Denken,  und 
bedient  sich  dabei  im  großen  Umfange  der  Qualitätszeichen.  Bei 
dieser  Rückverfolgung  stößt  der  Vorgang  auf  Mittelglieder,  die  bis 
dahin  unbewußt  waren,  kein  Qualitätszeichen  hinterlassen  haben, 
deren  Qualitätszeichen  sich  aber  nachträglich  ergeben.  Es 
folgt  hieraus,  daß  der  Denkablauf  an  und  für  sich  ohne  Qualitäts¬ 
zeichen  Spuren  hinterlassen  hat.  In  manchen  Fällen  hat  es  hier  frei¬ 
lich  den  Anschein,  als  ob  man  gewisse  Wegstrecken  nur  erraten  würde, 
weil  deren  Ausgangs-  und  Endpunkt  durch  Qualitätszeichen  ge¬ 
geben  ist. 

Die  Reproduzierbarkeit  der  Denkvorgänge  geht  jedenfalls  weit 
über  ihre  Qualitätszeichen  hinaus;  sie  sind  nachträglich  bewußt  zu 
machen,  wenn  vielleicht  auch  öfter  das  Resultat  des  Denkablaufes  als 
dessen  Stadien  Spuren  zurückgelassen  hat. 

Im  Denkablauf  können  allerlei  Ereignisse  vorfallen,  welche  eine 
Darstellung  verdienen,  sei  es  nun  erkennendes,  prüfendes 
oder  praktisches  Denken.  Das  Denken  kann  zur  Unlust 
führen  oder  zum  Widerspruch.  Wir  folgen  dem  Falle,  daß 
praktisches  Denken  mit  Zielbesetzungen  zur  Unlustentbindung  führe. 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


459 


Die  gemeinste  Erfahrung  zeigt,  daß  dieses  Ereignis  ein  Hindernis 
für  den  Denkvorgang  ergibt.  Wie  kann  es  überhaupt  zustande  kom¬ 
men?  Wenn  eine  Erinnerung  bei  ihrer  Besetzung  Unlust  entwickelt, 
so  hat  dies  ganz  allgemein  seinen  Grund  darin,  daß  die  entsprechende 
Wahrnehmung  seinerzeit  Unlust  entwickelt  hatte,  also  einem 
Schmerzerlebnis  angehört.  Solche  Wahrnehmungen  ziehen  erfah¬ 
rungsgemäß  hohe  Aufmerksamkeit  auf  sich,  erregen  aber  weniger 
ihre  eigenen  Qualitätszeichen  als  die  der  Reaktion,  zu  welcher  sie 
Anlaß  geben;  sie  assoziieren  sich  mit  den  eigenen  Affekt-  und  Ab¬ 
wehräußerungen.  Verfolgt  man  das  Schicksal  solcher  Wahrneh¬ 
mungen  als  Erinnerung  s-Bilder,  so  bemerkt  man,  daß  die  ersten 
Wiederholungen  immer  noch  sowohl  Affekt  als  auch  Unlust  erwecken, 
bis  mit  der  Zeit  solche  Fähigkeit  ihnen  verlorengeht.  Gleichzeitig 
vollzieht  sich  mit  ihnen  eine  andere  Veränderung.  Sie  haben  an¬ 
fänglich  den  Charakter  der  sinnlichen  Qualitäten  festgehalten;  wenn 
sie  nicht  mehr  affektfähig  sind,  verlieren  sie  auch  diesen  und  werden 
anderen  Erinnerungsbüdern  gleich.  Stößt  der  Denkablauf  auf  ein 
solches  noch  ungebändigtes  Erinnerung s-Bild,  so  ent¬ 
stehen  dessen  Qualitätszeichen,  off  sinnlicher  Art,  Unlustempfindung 
und  Abfuhmeigungen,  deren  Kombination  einen  bestimmten  Affekt 
auszeichnet,  und  der  Denkablauf  ist  unterbrochen. 

Was  geht  wohl  mit  den  affektfähigen  Erinnerungen  vor, 
bis  sie  gebändigt  werden  ?  Es  ist  nicht  einzusehen,  daß  die 
„Zeit“  die  Wiederholung  ihrer  Affektfähigkeit  abschwächt,  da  dies 
Moment  sonst  gerade  zur  Verstärkung  einer  Assoziation  beiträgt. 
Es  muß  wohl  in  der  „Zeit“,  bei  den  Wiederholungen  etwas  vor  sich 
gehen,  was  diese  Unterwerfung  besorgt,  und  dies  kann  nichts  anderes 
sein,  als  daß  eine  Beziehung  zum  Ich  oder  zu  Ichbesetzungen  Macht 
über  die  Erinnerung  bekommt.  Wenn  dies  hier  länger  braucht  als 
sonst,  so  ist  ein  besonderer  Grund  hiefür  zu  finden,  und  zwar  in  der 
Herkunft  dieser  affektfähigen  Erinnerung.  Als  Spuren  von  Schmerz¬ 
erlebnissen  sind  sie  (nach  unserer  Annahme  über  den  Schmerz)  von 
übergroßen  Qy  besetzt  gewesen  und  haben  eine  überstarke  Bahnung 
zur  Unlust-  und  Affektbindung  erworben.  Es  braucht  besonders 
große  und  wiederholte  Bindung  vom  Ich  aus,  bis  dieser  Bahnung 
zur  Unlust  die  Wage  gehalten  wird. 


460 


Entwurf  einer  Psychologie 


Daß  die  Erinnerung  so  lange  Zeit  halluzinatorischen  Charakter 
zeigt,  fordert  auch  seine  —  für  die  Auffassung  der  Halluzination 
bedeutsame  —  Erklärung.  Es  liegt  hier  nahe,  anzunehmen,  daß  diese 
Halluzinationsfähigkeit  wie  die  Affektfähigkeit  Anzeichen  dafür  sind, 
daß  die  Ichbesetzung  noch  keinen  Einfluß  auf  die  Erinnerung  ge¬ 
wonnen  hat,  daß  in  dieser  die  primären  Abflußrichtungen  und  der 
Voll-  oder  Primärvorgang  überwiegen. 

Wir  sind  genötigt,  im  Halluziniertwerden  ein  Rückströmen  der 
Quantität  (Q)  nach  9  und  damit  nach  W(of)  zu  sehen ;  ein  gebundenes 
Neuron  läßt  solche  Rückströmung  also  nicht  zu.  Es  fragt  sich  noch, 
ob  es  die  übergroße  Besetzungsquantität  der  Erinnerung  ist,  welche 
das  Rückströmen  ermöglicht.  Allein  hier  muß  man  sich  erinnern, 
daß  eine  solche  große  Quantität  (2)  nur  das  erste  Mal,  beim  wirk¬ 
lichen  Schmerzerlebnis  da  ist.  Bei  der  Wiederholung  haben  wir  es 
mit  einer  gewöhnlich  starken  Besetzung  von  Erinnerungen  zu  tun, 
die  dennoch  Halluzination  und  Unlust  durchsetzt;  wir  können  nur 
annehmen,  kraft  einer  ungewöhnlich  starken  Bahnung.  Daraus 
folgt,  daß  die  gemeine  9-Quantität  wohl  zur  Rückströmung  und  zur 
Abfuhrerregung  ausreicht,  und  die  hemmende  Wirkung  der  Ich- 
bindung  gewinnt  an  Bedeutung. 

Es  wird  nun  endlich  gelingen,  die  Schmerz-Erinnerung  so  zu 
besetzen,  daß  sie  keine  Rückströmung  äußern  und  nur  minimale 
Unlust  entbinden  kann;  sie  ist  dann  gebändigt,  und  zwar  durch  eine 
so  starke  Denkbahnung,  daß  diese  bleibende  Wirkung  äußert  und 
bei  jeder  späteren  Wiederholung  von  Erinnerung  abermals  hemmend 
wirkt.  Es  wird  dann  durch  Nichtgebrauch  der  Weg  zur  Unlustent¬ 
bindung  allmählich  seinen  Widerstand  vergrößern.  Bahnungen  sind 
ja  dem  allmählichen  Verfall  (Vergessen)  unterworfen.  Erst  dann  ist 
diese  Erinnerung  eine  gebändigte  Erinnerung  wie  eine  andere. 

Indes  scheint  es,  daß  dieser  Unterwerfungs Vorgang  der  Erinnerung 
eine  bleibende  Folge  für  den  Denkablauf  hinterläßt.  Da  früher  jedes¬ 
mal  mit  der  Belebung  der  Erinnerung  und  Erweckung  von  Unlust  der 
Denkablauf  gestört  wurde,  ergibt  sich  eine  Tendenz,  auch  jetzt  den 
Denkablauf  zu  hemmen,  sobald  die  gebändigte  Erinnerung  ihre  Spur 
von  Unlust  entwickelt.  Diese  Tendenz  ist  für  das  praktische  Denken 
sehr  gut  brauchbar,  denn  ein  Mittelglied,  das  zur  Unlust  führt,  kann 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen_ 461 

nicht  auf  dem  gesuchten  Weg  zur  Identität  mit  der  Wunschbesetzung 
liegen.  Es  entsteht  also  die  primäre  Denkabwehr,  welche  im 
praktischen  Denken  die  Unlustentbindung  zum  Signal  nimmt,  einen 
gewissen  Weg  zu  verlassen,  d.h.  die  Aufmerksamkeitsbesetzung 
andershin  zu  richten.1  Wieder  lenkt  hier  die  Unlust  den  Strom 
der  Quantität  (Qf ])  wie  in  der  ersten  biologischen  Regel.  Man  könnte 
fragen,  warum  diese  Denkabwehr  sich  nicht  gegen  die  noch  affekt- 
fähige  Erinnerung  gerichtet  hat.  Allein  dort,  dürfen  wir  annehmen, 
hat  sich  die  zweite  biologische  Regel  dagegen  erhoben,  welche  Auf¬ 
merksamkeit  verlangte,  wo  ein  Realitätszeichen  vorliegt,  und  die 
ungebändigte  Erinnerung  war  noch  imstande,  reale  Qualitätszeichen 
zu  erzwingen.  Man  sieht,  beide  Regeln  vertragen  sich  als  zweck¬ 
mäßig. 

Es  ist  interessant  zu  sehen,  wie  das  praktische  Denken  sich  durch 
die  biologische  A  b  w  e  h  r-Regel  lenken  läßt.  Im  theoretischen  (er¬ 
kennenden,  prüfenden)  Denken  wird  die  Regel  nicht  mehr  beobachtet. 
Begreiflich,  da  es  sich  beim  Zieldenken  um  irgendeinen  Weg 
handelt  und  dabei  die  mit  Unlust  behafteten  ausgeschieden  werden 
können,  während  beim  theoretischen  alle  Wege  erkannt  werden  sollen. 


Des  Weiteren  erhebt  sich  die  Frage,  wie  kann  auf  dem  Denkwege 
Irrtum  entstehen  ?  Was  ist  Irrtum  ? 

Der  Denkvorgang  muß  nun  noch  genauer  erwogen  werden.  Das 
praktische  Denken,  der  Ursprung,  bleibt  auch  das  Endziel  aller 
Denkvorgänge.  Alle  anderen  Arten  sind  von  ihm  abgespaltet.  Es 
ist  ein  offenkundiger  Vorteil,  wenn  die  Denküberführung,  die  im 
praktischen  Denken  vorkommt,  nicht  erst  im  Erwartungszustand  vor 
sich  geht,  sondern  schon  geschehen  ist,  weil  1.  hiedurch  Zeit  für  die 
Gestaltung  der  spezifischen  Aktion  erspart  wird,  2.  der  Erwartungs- 

x)  Vgl.  dazu  „Traumdeutung“,  G.W.  II-III,  S.  608,  wo  es  heißt:  „Es 
ist  auch  nicht  schwer  zu  übersehen,  daß  das  Unlustprinzip  dem  Denkvorgang, 
welchem  es  sonst  die  wichtigsten  Anhaltspunkte  bietet,  auch  Schwierigkeiten 
in  der  Verfolgung  der  Denkidentität  in  den  Weg  legt.  Die  Tendenz  des 
Denkens  muß  also  dahin  gehen,  sich  von  der  ausschließlichen  Regulierung 
durch  das  Unlustprinzip  immer  mehr  zu  befreien  und  die  Affektentwicklung 
durch  die  Denkarbeit  auf  ein  Mindestes,  das  noch  als  Signal  verwertbar  ist, 
einzuschränken/  ‘ 


4Ö2 


Entwurf  einer  Psychologie 


zustand  dem  Denkablauf  gar  nicht  besonders  günstig  ist.  Der  Wert 
der  Promptheit  des  kurzen  Intervalles  zwischen  Wahrnehmung  und 
Handlung  ergibt  sich  aus  der  Erwägung,  daß  die  Wahrnehmungen 
rasch  wechseln.  Hat  der  Denkvorgang  zu  lange  angehalten,  so  ist 
sein  Ergebnis  unterdes  unbrauchbar  geworden.  Es  wird  daher 
„vorbedach  t“. 

Anfang  der  abgespaltenen  Denkvorgänge  ist  die  Urteilsbil- 
d  u  n  g,  auf  welche  das  Ich  durch  einen  Fund  in  seiner  Organisation 
gelangt,  durch  das  schon  eingeführte  teilweise  Zusammenfallen  der 
Wahrnehmungsbesetzungen  mit  Nachrichten  vom  eigenen  Körper. 
Dadurch  sondern  sich  die  Wahrnehmungskomplexe  in  einen  kon¬ 
stanten,  unverstandenen  Teil,  das  Ding,  und  einen  wechselnden, 
verständlichen,  die  Eigenschaft  oder  Bewegung  des  Dinges.  Indem 
der  Dingkomplex  in  Verbindung  mit  mancherlei  Eigenschaftskom¬ 
plexen,  diese  in  Verbindung  mit  mannigfachen  Dingkomplexen 
wiederkehren,  ergibt  sich  eine  Möglichkeit,  die  Denkwege  von  diesen 
beiderlei  Komplexen  zum  gewünschten  Ding-Zustand  gleichsam  in 
allgemein  gütiger  Weise  und  abgesehen  von  der  jeweils  realen  Wahr¬ 
nehmung  auszuarbeiten.  Die  Denkarbeit  mit  Urteilen  anstatt  mit 
einzelnen  imgeordneten  Wahrnehmungskomplexen  ist  also  eine  große 
Ersparnis.  Ob  die  so  gewonnene  psychologische  Einheit  auch  durch 
eine  Neuroneneinheit  im  Denkablauf  vertreten  wird,  und  durch  eine 
andere  als  die  Wortvorstellung,  bleibe  unerörtet. 

In  die  Urteilsschöpfung  kann  sich  bereits  der  Irrtum  eindrängen. 
Die  Ding-  oder  Bewegungs komplexe  sind  nämlich  nie  ganz  identisch, 
und  unter  den  abweichenden  Bestandteilen  können  sich  solche  finden, 
deren  Vernachlässigung  den  Ausfall  in  der  Realität  stört.  Dieser 
Mangel  des  Denkens  stammt  aus  dem  Bestreben,  das  wir  hier  ja 
nachahmen,  dem  Komplex  ein  einzelnes  Neuron  zu  substituieren, 
wozu  gerade  die  ungeheure  Komplexität  nötigt.  Das  sind  Ur¬ 
teilstäuschungen  oder  Fehler  der  Prämissen. 

Ein  anderer  Grund  des  Irrtums  kann  darin  hegen,  daß  die  Wahr¬ 
nehmungsobjekte  der  Realität  nicht  vollständig  wahrgenommen  wur¬ 
den,  weü  sie  sich  nicht  im  Sinnesbereich  befanden.  Das  sind  I  r  r- 
tümer  der  Ignoranz,  allen  Menschen  unvermeidlich.  Wo 
diese  Bedingung  nicht  zutrifft,  kann  die  psychische  Vorbesetzung 


Versuch ,  die  normalen  ^-Vorgänge  darzustellen 


463 


mangelhaft  sein  (wegen  Ablenkung  des  Ich  von  den  Wahrnehmungen 
weg)  und  imgenaue  Wahrnehmungen  und  unvollständige  Denkab¬ 
läufe  ergeben ;  das  sind  Irrtümer  durch  mangelnde  Auf¬ 
merksamkeit. 

Nehmen  wir  jetzt  als  Material  der  Denkvorgänge  die  beurteilten 
und  geordneten  Komplexe  anstatt  der  naiven.,  so  ergibt  sich  eine 
Gelegenheit,  den  praktischen  Denkvorgang  selbst  abzukürzen.  Hat 
sich  nämlich  ergeben,  daß  der  Weg  von  Wahrnehmung  zur  Identität 
mit  der  Wunschbesetzung  über  ein  Bewegungsbild  M  führt,  so  ist 
biologisch  gesichert,  daß  nach  Eintreffen  der  Identität  dieses  M  voll 
innerviert  werde.  Durch  die  Gleichzeitigkeit  der  Wahrnehmung  und 
dieses  M  entsteht  eine  intensive  Bahnung  zwischen  beiden,  und  eine 
nächste  Wahrnehmung  wird  das  M  ohne  weiteren  Assoziationsab¬ 
lauf  erwecken.  Es  ist  dabei  freilich  angenommen,  daß  es  jederzeit 
möglich  ist,  Verbindung  zwischen  2  Besetzungen  herzustellen.  Was 
ursprünglich  eine  mühselig  hergestellte  Denkverbindung  war,  wird 
durch  gleichzeitige  Vollbesetzung  dann  eine  kräftige  Bahnung,  von 
der  es  sich  nur  fragt,  ob  sie  sich  stets  über  den  zuerst  gefundenen 
Weg  vollzieht  oder  eine  direktere  Verbindung  begehen  kann.  Es 
scheint  letzteres  wahrscheinlicher,  auch  zweckmäßiger,  weil  es  die 
Notwendigkeit  erspart,  Denkwege  zu  fixieren,  die  ja  für  die  ver¬ 
schiedensten  anderen  Verbindungen  frei  bleiben  sollen.  Fällt  für 
den  Denkweg  die  Wiederholung  weg,  so  ist  auch  keine  Bahnung  von 
ihm  zu  erwarten  und  das  Resultat  wird  besser  durch  direkte  Ver¬ 
bindung  fixiert.  Allerdings,  woher  der  neue  Weg  stammt,  bleibt 
dahingestellt.  Hätten  beide  Besetzungen,  W  und  M  eine  gemeinsame 
Assoziation  mit  einem  Dritten,  so  wäre  die  Aufgabe  erleichtert. 

Das  Stück  Denkablauf  von  der  Wahrnehmung  bis  zur  Identität 
durch  ein  Bewegungsbild  läßt  sich  auch  herausheben  und  liefert  ein 
ähnliches  Ergebnis,  wenn  dann  die  Aufmerksamkeit  das  Bewegungs- 
büd  fixiert  und  es  in  eine  Assoziation  mit  den  gleichfalls  wieder 
fixierten  Wahrnehmungen  bringt. 

Auch  diese  Denkbahnung  wird  sich  dann  im  realen  Falle  wieder 
einstellen. 

Bei  dieser  Denkarbeit  sind  Irrtümer  zunächst  nicht  einsichtlich, 
wohl  aber  kann  ein  unzweckmäßiger  Denkweg  eingeschlagen  und 


464 


Entwurf  einer  Psychologie 


eine  aufwandreiche  Bewegung  herausgehoben  werden,  weil  die  Aus¬ 
wahl  beim  praktischen  Denken  doch  nur  von  den  reproduzierbaren 
Erfahrungen  abhängt. 

Mit  dem  Zuwachs  an  Erinnerungen  ergeben  sich  jedesmal  neue 
Verschiebungswege.  Es  wird  darum  vorteilhaft  gefunden,  die  ein¬ 
zelnen  Wahrnehmungen  vollständig  zu  verfolgen,  um  unter  allen 
Wegen  die  günstigsten  auszufinden,  und  dies  ist  die  Arbeit  des 
erkennenden  Denkens,  welches  so  als  Vorbereitung  zum 
praktischen  tritt,  obwohl  es  sich  tatsächlich  erst  spät  aus  diesem  ent¬ 
wickelt.  Die  Resultate  desselben  sind  dann  für  mehr  als  eine  Art  von 
Wunschbesetzung  brauchbar. 

Die  Irrtümer  des  erkennenden  Denkens  liegen  auf  der  Hand,  es 
sind  die  Parteilichkeit,  wenn  Zielbesetzungen  nicht  vermieden  wurden, 
und  die  Unvollständigkeit,  wenn  nicht  alle  Wege  begangen  wurden. 
Es  ist  klar,  daß  es  hier  ein  riesiger  Vorteil  ist,  wenn  gleichzeitig 
Qualitätszeichen  erweckt  wurden;  bei  der  Eintragung  dieser  heraus- 
gegriffenen  Denkvorgänge  in  den  Erwartungszustand  kann  der 
Assoziationsablauf  vom  Anfangs-  zum  Endglied  durch  die  Qualitäts¬ 
zeichen  gehen  anstatt  über  die  ganze  Denkweite  zu  gehen;  dabei 
braucht  die  Qualitätsreihe  nicht  einmal  vollzählig  der  Denkreihe  zu 
entsprechen. 

Im  theoretischen  Denken  spielt  die  Unlust  keine  Rolle,  es  ist  daher 
auch  bei  gebändigter  Erinnerung  möglich. 

Wir  haben  noch  eine  Art  des  Denkens  zu  betrachten,  das  kritische 
oder  nachprüfende.  Dies  ist  dadurch  veranlaßt,  daß  trotz  Beachtung 
aller  Regeln  der  Erwartungs Vorgang  mit  nachfolgender  spezifischer 
Aktion  anstatt  zur  Befriedigung  zur  Unlust  führt.  Das  kritische 
Denken  sucht  ohne  praktisches  Ziel  in  Muße  und  unter  Wachrufung 
aller  Qualitätszeichen  den  ganzen  Qualitätsablauf  zu  wiederholen, 
um  einen  Denkfehler  oder  einen  psychologischen 
Mangel  nachzuweisen.  Es  ist  ein  erkennendes  Denken  mit  ge¬ 
gebenem  Objekt,  einer  Denkreihe  nämlich.  Worin  letztere  bestehen 
können,  haben  wir  gehört ;  worin  bestehen  aber  die  logischen 
Fehler  ? 

Kurz  gesagt,  in  der  Nichtbeachtung  der  biologischen 
Regeln  für  den  Denkablauf.  Diese  Regeln  besagen,  wohin  sich 


Versuch 3  die  normalen  (p- Vorgänge  darzustellen 


465 


Jedesmal  die  Aufmerksamkeitsbesetzung  zu  richten  und  wann  der 
Denkvorgang  Halt  zu  machen  hat.  Sie  sind  durch  Unlustdrohungen 
geschützt,  aus  Erfahrung  gewonnen  und  lassen  sich  ohne  weiteres  in 
die  Regeln  der  Logik  umsetzen,  was  im  einzelnen  zu  erweisen  sein 
wird.  Die  intellektuelle  Unlust  des  Widerspruches,  bei  der  der 
prüfende  Denkablauf  Halt  macht,  ist  also  nichts  anderes  als  die  zum 
Schutz  der  biologischen  Regeln  aufgespeicherte,  die  durch  den  un¬ 
richtigen  Denkvorgang  rege  gemacht  wird. 

Die  Existenz  solcher  biologischer  Regeln  ist 
eben  aus  dem  Unlustgefühl  bei  logischen  Fehlern 
zu  erweisen.1 

Das  Handeln  können  wir  uns  nun  aber  nicht  anders  vorstellen 
als  die  Vollbesetzung  jener  Bewegungsbilder,  die  beim  Denk  Vorgang 
hervorgehoben  worden  sind,  etwa  dazu  noch  jener,  welche  (wenn 
Erwartungszustand  war)  zum  willkürlichen  Anteil  der  spezifischen 
Aktion  gehören.  Hier  ist  ein  Verzicht  auf  den  gebundenen  Zustand, 
und  eine  Einziehung  der  Aufmerksamkeitsbesetzungen.  Der  erstere 
geht  wohl  so  vor  sich,  daß  mit  dem  ersten  Ablauf  von  den  motorischen 
Neuronen  aus  das  Niveau  im  Ich  unaufhaltsam  sinkt.  Wohl  wird 
nicht  eine  komplette  Entladung  des  Ich  bei  einzelnen  Handlungen 
zu  erwarten  sein,  sondern  nur  bei  den  Befriedigungsakten  aus¬ 
giebigster  Art.  Die  Handlung  geschieht  lehrreicher  Weise  nicht 
durch  Inversion  der  Bahn,  welche  die  Bewegungsbilder  gebracht  hat, 
sondern  auf  besonderen  motorischen  Wegen,  und  der  Bewegungs¬ 
affekt  ist  darum  nicht  auch  selbstverständlich  der  gewollte,  wie  er 
bei  Inversion  derselben  Bahn  sein  müßte.  Es  muß  daher  während 
der  Handlung  eine  neue  Vergleichung  der  ankommenden  Bewe¬ 
gungsnachrichten  mit  den  vorbesetzten  statt  finden  und  eine  Erregung 
korrigierender  Innervationen  bis  Identität  erreicht  ist.  Es  wiederholt 

x)  Eine  gewiß  nicht  sehr  weitgehende  Annäherung  an  diesen  Gedanken 
in  Freuds  Schriften  findet  sich  in  seiner  Annahme  über  die  synthetische 
Funktion  des  Ich,  die  das  Bedürfnis  nach  Beseitigung  von  Widersprüchen 
einschließt.  In  der  „Traumdeutung“  hatte  Freud  das  hier  angeschlagene 
Problem  nur  von  ungefähr  gestreift.  „Unser  waches  (vorbewußtes)  Denken 
benimmt  sich  gegen  ein  beliebiges  Wahrnehmungsmaterial  ganz  ebenso  wie 
die  in  Frage  stehende  Funktion“  [i.e.  die  Sekundärfunktion]  „gegen  den 
Trauminhalt.  Es  ist  ihm  natürlich,  in  einem  solchen  Material  Ordnung  zu 
schaffen,  Relationen  herzustellen,  es  unter  die  Erwartung  eines  intelligibeln 
Zusammenhangs  zu  bringen.“  (G.W.  II-III,  S.  503  f.) 


n 


466 


Entwurf  einer  Psychologie 


sich  hier  derselbe  Fall,  der  auf  der  Wahrnehmungsseite  stattfand, 
nur  in  geringerer  Mannigfaltigkeit,  größerer  Raschheit  und  be¬ 
ständiger  voller  Abfuhr,  was  dort  ohne  solche  geschah.  Die 
Analogie  ist  aber  bemerkenswert  zwischen  praktischem  Denken  und 
zweckmäßigem  Handeln.  Man  ersieht  daraus,  daß  die  Bewegungs¬ 
bilder  sensibel  sind.  Die  Eigentümlichkeit  aber,  daß  beim 
Handeln  neue  Wege  eingeschlagen  werden,  anstatt  der  soviel  ein¬ 
facheren  Inversion  scheint  zu  zeigen,  daß  die  Leitungsrichtung  der 
Neuronenelemente  eine  wohl  fixierte  ist,  ia  vielleicht,  daß  die  Neu¬ 
ronenbewegung  hier  wie  dort  andere  Charaktere  haben  kann. 

Die  Bewegungsbilder  sind  Wahrnehmungen  und  haben  als  solche 
natürlich  Qualität  und  erwecken  Bewußtsein;  man  kann  auch  nicht 
bestreiten,  daß  sie  mitunter  große  Aufmerksamkeit  auf  sich  ziehen; 
allein  ihre  Qualitäten  sind  wenig  auffällig,  wahrscheinlich  nicht  so 
mannigfaltig  als  die  der  Außenwelt,  und  sie  sind  nicht  mit  Wort¬ 
vorstellungen  assoziiert,  dienen  zum  Teil  vielmehr  selbst  dieser 
Assoziation.  Sie  rühren  aber  nicht  von  hoch  organisierten  Sinnes¬ 
organen  her,  ihre  Qualität  ist  wohl  monoton. 


ANHANG  II 

VERZEICHNIS  DER  SCHRIFTEN  FREUDS 

1877-1902. 


Verzeichnis  der  Schriften  Freuds  1877-1902 


469 


VERZEICHNIS  DER  SCHRIFTEN  FREUDS 

1877-1902. 


1877  Beobachtungett  über  Gestaltung  und  feineren  Bau  der  als  Hoden  be¬ 

schriebenen  Lappenorgane  des  Aals. 

(Aus  dem  LXXV.  Bd.  der  Sitzb.  der  k.  Akad.  d.  Wissensch. 
I.  Abt.  März-Heft  1877.) 

Über  den  Ursprung  der  hinteren  Newenwurzeln  im  Rückenmarke  von 
Ammocoetes  ( Petromyzon  Planen). 

(Aus  dem  physiologischen  Institute  der  Wiener  Universität. 
Mit  1  Tafel) 

(Aus  dem  LXXV.  Bd.  der  Sitzb.  der  k.  Akad.  d.  Wissensch. 
III.  Abt.  Jänner-Heft  1877.) 

1878  Über  Spinalganglien  und  Rückenmark  des  Petromyzon. 

(Aus  dem  physiologischen  Institute  der  Wiener  Universität. 
Mit  4  Tafeln  und  2  Holzschnitten.) 

(Aus  dem  LXXVIII.  Bd.  der  Sitzb.  der  k.  Akad.  d.  Wissensch. 
III.  Abt.  Juli-Heft  1878.) 

1879  Notiz  über  eine  Methode  zur  anatomischen  Präparation  des  Nerven¬ 

systems. 

(Aus:  Centralbl.  für  d.  med.  Wissensch.  1879,  Nr.  26.) 

1880  Übersetzung:  John  Stuart  Mill  „Über  Frauenemanzipation,  Plato, 

Die  Arbeiterfrage,  Der  Sozialismus“. 

(Aus  Bd.  XII  der  von  Theodor  Gompertz  herausgegebenen 
Gesammelten  Werke  von  John  Stuart  Mill.  Leipzig,  Fue’s 
Verlag  [R.  Reisland],  1880.) 

1882  Über  den  Bau  der  Nervenfasern  und  Nervenzellen  beim  Flußkrebs. 

(Aus  dem  LXXXV.  Bd.  der  Sitzb.  d.  Akad.  d.  Wissensch. 
III.  Abt.  Jänner-Heft  1882.) 

Die  Struktur  der  Elemente  des  Nervensystems. 

(Vortrag  im  psychiatrischen  Verein.  1882;  erschienen  im 
LXXXV.  Bd.  der  Sitzb.  der  k.  Akad.  d.  Wissensch.  III.  Abt. 
Jänner-Heft  1882.) 

1884  Eine  neue  Methode  zum  Studium  des  Faserverlaufes  im  Zentralnerven¬ 
system. 

(Aus:  Archiv  f.  Anat.  u.  Physiologie,  Anat.  Abt.  1884.) 

A  New  Histological  Method  for  the  Study  of  Nerve-  Tracts  in  the  Brain 
and  Spinal  Chord. 

(Aus:  Brain,  part  XXV.  1884.) 

Ein  Fall  von  Hirnblutung  mit  indirekten  basalen  Herdsymptomen  bei 
Scorbut. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1884,  Nr.  9  u.  10.) 

Über  Coca. 

(Aus:  Hcitler’s  Centralblatt  für  Therapie.  1884.) 


470 


Verzeichnis  der  Schriften  Freuds  1877-1902 


1885  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Cocawirkung. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1885,  Nr.  5.) 

Zur  Kenntnis  der  Olivenzwischenschicht. 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt.  1885,  Nr.  12.) 

Ein  Fall  von  Muskelatrophie  mit  ausgebreiteten  Sensibilitätsstörungen 
(  Syringomyelie ) . 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1885,  Nr.  13  u.  14.) 

1886  Akute  multiple  Neuritis  der  spinalen  und  Hirnnerven. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1886,  Nr.  6.) 

Über  die  Beziehung  des  Strickkörpers  zum  Hinter  sträng  und  Hinter¬ 
strangskern  nebst  Bemerkungen  über  zwei  Felder  der  Oblongata. 

(In  Gemeinschaft  mit  Dr.  L.  Darkschewitsch  aus  Moskau.) 
(Aus:  Neurolog.  Centralblatt.  1886,  Nr.  6.) 

Über  den  Ursprung  des  Nervus  acusticus. 

(Aus:  Monatsschrift  für  Ohrenheilkunde.  1886,  Nr.  8  u.  9.) 

Beobachtungen  einer  hochgradigen  Hemianästhesie  bei  einem  hysterischen 
Manne. 

Die  Untersuchung  des  Sehorgans  von  Dozenten  Dr.  Königstein. 
(Vortrag  in  der  k.  Gesellsch.  d.  Ärzte  am  26.  Nov.  1886.  — 
Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1886,  Nr.  49  u.  50.) 

Übersetzung:  J.  M.  Charcot  „Neue  Vorlesungen  über  Krankheiten 
des  Nervensystems,  insbesondere  über  Hysterie'  ‘. 

(Mit  Vorwort  und  Fußnoten.) 

(Leipzig  und  Wien,  Toeplitz  u.  Deuticke.  1886.) 

1887  Bemerkungen  über  Cocainsucht  und  Cocainfurcht. 

Mit  Beziehung  auf  einen  Vortrag  W.  A.  Hammonds. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1887,  Nr.  28.) 

1888  Über  Hemianopsie  im  frühesten  Kindesalter. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1888,  Nr.  32  u.  33.) 

Übersetzung:  H.  Bernheim  „Die  Suggestion  und  ihre  Heüwirkung”. 
(Leipzig  u.  Wien,  Franz  Deuticke.  1888,  2.  Auflage  1896.) 

(Die  Vorrede  des  Übersetzers  ist  englisch  unter  dem  Titel 
„Hypnotism  and  Suggestion“  im  International  Journal  of 
Psycho-Analysis,  vol.  XXVII,  1946,  S.  55  ff,  erschienen.) 

1888-  Beiträge  in  Villaret’s  ,, Handwörterbuch  der  Gesamten  Medizin“ , 

1891  2  Bände. 

(Stuttgart.  1888  u.  1891.) 

(S.  v.  „Gehirn“,  „Hysterie“,  „Kinderlähmung“,  Siehe  Seite  65.) 

1891  Zur  Auffassung  der  Aphasien. 

Eine  kritische  Studie. 

(Leipzig  u.  Wien,  Franz  Deuticke,  1891.) 

Klinische  Studie  über  die  halbseitige  Cerebrallähmung  der  Kinder. 

(In  Gemeinschaft  mit  Dr.  O.  Rie.) 

(III.  Heft,  1891,  der  „Beiträge  zur  Kinderheilkunde“,  heraus¬ 
gegeben  von  Dr.  M.  Kassowitz.) 

1892  Übersetzung:  H.  Bernheim  „Neue  Studien  über  Hypnotismus,  Sugges¬ 

tion  und  Psy  chotherapie“. 

(Leipzig  u.  Wien,  Franz  Deuticke,  1892.) 


Verzeichnis  der  Schriften  Freuds  1877-1902 


471 


1892-  Ein  Fall  von  hypnotischer  Heilung  nebst  Bemerkungen  über  die 

1893  Entstehung  hysterischer  Symptome  durch  den  ,, Gegenwillen “. 

(Aus:  Zeitschrift  f.  Hypnotismus  etc.  1892/93,  Heft  III/IV.) 

1892-  Übersetzung:  J.  M.  Charcot  „Poliklinische  Vorträge“,  Bd.  I, 

1894  Schuljahr  1887/88. 

(Mit  Vorwort  und  zahlreichen  Anmerkungen  Freuds.) 

(Leipzig  u.  Wien,  Franz  Deuticke,  1892,  in  Lieferungen  er¬ 
schienen.) 

1893  Charcot. 

(Aus:  Wiener  med.  Wochenschr.  1893,  Nr.  37.) 

Über  ein  Symptom ,  das  häufig  die  Enuresis  nocturna  der  Kinder  begleitet. 
(Neurolog.  Centralbiatt,  1893,  Nr.  21.) 

Über  den  psychischen  Mechanismus  hysterischer  Phänomene. 

(Vorläufige  Mitteilung  in  Gemeinschaft  mit  Dr.  J.  Breuer.) 
(Neurolog.  Centralblatt,  1893,  Nr.  1  u.  2.) 

Zur  Kenntnis  der  cerebralen  Diplegien  des  Kindesalters  {im  Anschlüsse 
an  die  Little’sche  Krankheit). 

(Neue  Folge,  III.  Heft  der  „Beiträge  zur  Kinderheilkunde“, 
herausgegeben  von  Dr.  M.  Kassowitz  1893.) 

Über  familiäre  Formen  von  cerebralen  Diplegien. 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt,  1893,  Nr.  15  u.  16.) 

Les  diplegies  cerebrales  infantiles. 

(Aus:  Revue  neurologique,  T.  I.,  1893,  Nr.  8.) 

Quelques  considerations  pour  une  etude  comparative  des  paralysies  motrices 
organiques  et  hysteriques. 

(Aus:  Arch.  de  Neurologie,  Nr.  77,  1893.) 

1894  Die  Abwehr-Neuropsy chosen. 

Versuch  einer  psychologischen  Theorie  der  acquirierten  Hy¬ 
sterie,  vieler  Phobien  und  Zwangsvorstellungen  und  gewisser 
halluzinatorischer  Psychosen, 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt,  1894,  Nr.  10  u.  11.) 

1895  Obsessions  et  Phobies.  Leur  mechanisme  psychique  et  leur  etiologie. 

(Aus:  Revue  Neurologique,  III,  1895,  Nr.  2.) 

Studien  über  Hysterie. 

(In  Gemeinschaft  mit  Dr.  J.  Breuer.) 

(Wien,  Franz  Deuticke,  1895.) 

Über  die  Berechtigung ,  von  der  Neurasthenie  einen  bestimmte n  Sympto- 
menkomplex  als  „. Angstneurose “  abzutrennen. 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt,  1895,  Nr.  2.) 

Zur  Kntik  der  „ Angstneurose “. 

(Aus:  Wiener  klin.  Rundschau,  1895.) 

Über  die  Bernhardt’ sehe  Sensibilitätsstörung  am  Oberschenkel. 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt,  1895,  Nr.  n.) 

1896  Weitere  Bemerkungen  über  die  Abwehr-Neuropsy  chosen. 

(Aus:  Neurolog.  Centralblatt,  1896,  Nr.  10.) 

Zur  Aetiologie  der  Hysterie. 

(Aus:  Wiener  klin.  Rundschau,  1896,  Nr.  22  bis  26.) 


472 


Verzeichnis  der  Schriften  Freuds  1877-1902 


UHeriditi  et  Vetiologie  des  nevroses. 

(Aus:  Revue  neurologique,  T.  IV,  1896,  Nr.  6.) 

1897  Die  infantile  Cerebrallähmung. 

(Aus :  Nothnagel’s  Handbuch  der  speziellen  Pathologie  und 
Therapie,  1897,  IX.  Bd.,  II.  T.,  II.  Abt.) 

Inhaltsangabe  der  wissenschaftlichen  Arbeiten  des  Privatdocenten  Dr. 
Sigmund  Freud  (1877-1897). 

(Als  Manuskript  gedruckt,  bei  Franz  Deuticke  in  Wien,  im 
Jahre  1897  erschienen.  Abgedruckt  in  „Internationale  Zeit¬ 
schrift  für  Psychoanalyse  und  Imago“,  XXXV.  Bd.,  1940, 
S.  69  ff.) 

1898  Die  Sexualität  in  der  Aetiologie  der  Neurosen. 

(Aus:  Wiener  klin.  Rundschau,  1898,  Nr.  2,  4,  5  u.  7.  G.S. 
Bd.  I.) 

Zum  psychischen  Mechanismus  der  Vergeßlichkeit. 

(Aus:  Monatsschr.  f.  Psychiatrie  und  Neurologie,  1898.) 

1899  Über  Deckerinnerungen. 

(Aus:  Monatsschr.  f.  Psychiatrie  und  Neurologie,  1899.  G.S. 
Bd.  I.) 

1900  Die  Traumdeutung. 

(Leipzig  u.  Wien,  Franz  Deuticke,  1900.  Abgedruckt  in 
G.W.II/III.) 

1901  Über  den  Traum. 

(Grenzfragen  des  Nerven-  und  Seelenlebens.  Wiesbaden,  Ver¬ 
lag  Bergmann,  1901.  G.W.  II/III.) 

Zur  Psychopathologie  des  Alltagslebens  ( Vergessen ,  Versprechen ,  Ver¬ 
greifen)  nebst  Bemerkungen  über  eine  Wurzel  des  Aberglaubens. 

(Monatsschr.  f.  Psychiatrie  und  Neurologie,  1901,  Bd.  X,  Heft 
1  u.  2.) 

(Erste  Buchauflage  1904.) 


ANHANG  III 

NAMENSVERZEICHNIS 


Namensverzeichnis 


i  n 


475 


H 


\  \ 

NAMENSVERZEICHNIS 


1% 


<  WvT 
\  % 


Abraham,  Karl,  49,  50,  112,  329 
Abramsen,  D.,  49 
Adrian,  E.  D.,  374 
Aelby,  J.,  12,  13,  48 


Baginsky,  Adolph,  22 
Baldwin,  James  Mark,  243 
Beard,  243 

Berger,  Alfred  Freiherr  v.,  167 
Bernays,  Minna,  145,  215,  232,  301, 

303,  304,  335,  338,  355 
Bernfeld,  Siegfried,  25,  27,  29,  37, 
38,  146,  252,  299 
Bemfeld,  Suzanne  C.,  38 
Bernheim,  S.,  23,  26,  62,  65,  66, 
67,  130 

Billroth,  Theodor,  91 
Bismarck,  261 
Blau,  A.,  257 
Bleuler,  E.,  158 
Blumenfeld,  F.,  13 
Böcklin,  207,  343,  368 
Bois-Reymond,  Du,  29 
Boltraffio,  282 
Bonaparte,  Marie,  23 
Bondy,  Ida,  14,  72,  304,  s.a.  Fliess, 
Ida 

Brandes,  G.,  337 

Breuer,  Josef,  13,  16,  17,  18,  24,  25, 
26,  27,  28,  32,  52,  71,  73,  76,  90, 
91,  105,  120,  125,  130,  144,  146, 
167,  261,  342,  352,  380,  386 
Brücke,  Ernst,  21,  28,  29,  32,  367 
Brun,  R.,  23,  65,  71 
Bunker,  Henry  A.,  243 
Burckhard,  Max,  328,  338 
Burckhardt,  Jacob,  293,  295 
Busch,  Wilhelm,  260 
Butler,  Samuel,  23 


Cagliostro,  201 
Campbell,  362 

Charcot,  J.  M.,  21,  22,  23,  25,  26, 
27 ,  3°,  52,  53,  60,  63,  67,  7i,  72, 
85,  86,  87,  94,  130,  146,  170, 
194,  263 

Chrobak,  Rudolf,  63,  150 


£  *  k  ’h  $  ■:  '4 

Dante,  270,  275  5 
Darkschewitsch,  Dr.  L.,  22 
David,  J.  J.,  311,  316 
Denker,  A.,  10,  13,  48 
Deuticke,  71,  72,  136,  172,  213, 
300,  306 

Dorer,  M.,  52,  55,  384  - 

Dreyfus,  16,  261 


Ellis,  Havelock,  290 
Erb,  W.,  60,  263 
Evans,  15 

Exner,  Sigmund,  R.  von,  28,  367, 

379 


Fechner,  260 
Fenichel,  O.,  53 
Fenton,  R.  A.,  10 
Finkeiburg,  24 

Fleischl-Marxow,  Ernst  von,  28,  379 
Fleischl  v.  Marxow,  Otto,  379 
Fleischmann,  Karl,  147 
Fliess — Familie,  180,  184,  192,  234, 
261,  274,  276,  292,  294,  3°2,  307, 
317,  323,  325,  326,  327,  330,  335, 

337,  338,  345,  359,  362 
Fliess,  Conrad,  328,  335,  338,  345 
Fliess,  Ida,  74,  76,  83,  87,  94,  105, 
106,  129,  131,  132,  133,  135,  137, 
142,  144,  145,  148,  156,  167,  168, 
169,  170,  171,  172,  173,  181,  183, 
194,  196,  200,  203,  205,  207,  209, 
215,  228,  239,  250,  251,  271,  277, 
281,  283,  285,  299,  301,  304,  317, 
323,  329,  335,  337,  338,  346, 
347,  348 

Fliess,  Pauline  (Tochter),  133,  137, 
142,  144,  145,  147,  148,  279,  281, 
283,  285,  301,  327,  335,  338 
Fliess,  Pauline  (Schwester),  234 
Fliess,  Robert  Wilhelm,  49,  15 1, 
156,  166,  167,  168,  171,  172,  173, 
181,  183,  194,  196,  200,  203,  205, 
215,  228,  233,  263,  266,  281,  283, 
285,  309,  314,  335 
Forel,  A.,  379 
Frankl-Hochwart,  203 


476 


Namensverzeichnis 


Frese,  O.,  48 
Freund,  C.  S.,  145 
Frey,  330 
Friedjung,  316 


Gattl,  Dr.,  227,  283,  299,  352 
Gilbert,  280 

Gomperz,  Elise,  367,  368 
Gomperz,  Heinrich,  326 
Gomperz,  Theodor,  367,  368 
Goethe,  15,  184,  222,  234,  240, 
251,  305 
Grashey,  71 


Harden,  Maximilian,  261 

Härtel,  Freiherr  von,  84,  367,  368 

Hartmann,  Eduard  von,  278 

Hartmann,  H.,  54,  55,  187 

Head,  350,  362 

Hehn,  304 

Hehler,  21 

Helmholtz,  15,  27,  29,  32,  146 
Herbart,  55 
Hoffer,  G.,  9 
Hutten,  288 


Isakower,  Otto,  37 


Jackson,  Ch.,  10 
Jackson,  Ch.  L.,  10 
Jackson,  Hughlings,  24,  52 
Jacobsen,  138 
Janet,  Pierre,  86,  94,  263 
Jensen,  W.,  222,  275 
Jerusalem,  W.,  130,  222 


Kahane,  Dr.  Max,  62 
Kahler,  O.,  10,  13,  48 
Kallen,  Horace,  53 
Kassowitz,  Max  Dr.,  22,  23,  73,  94, 
287,  300 
Keller,  G.,  169 
Kipling,  R.,  14 


Kleinpaul,  253 
Knaus,  13,  86 
Knöpfmacher,  Wilhelm,  21 
Koller,  9 
Königstein,  320 
Königstein,  Hans,  342 
Königstein,  L.,  26 
Krafft-Ebing,  17,  178,  195,  203,  205, 
368 

Kris,  E.,  53,  54,  55,  167,  187,  329 
Kroell,  344 


Laistner,  L.,  356 

Lassale,  305 

Leonardo,  286 

Lessing,  119 

Levine,  Israel,  23 

Leyen,  Friedrich  v.d.,  355,  356 

Lichtheim,  71 

Lipps,  Theodor,  278,  280,  285 
Löwenfeld,  Ludwig,  43,  44,  45,  128, 

*35,  137,  I7L  179,  338,  343 
Loewenstein,  R.,  54,  55,  187 
Löwy,  Emanuel,  244 
Lueger,  Dr.  Karl,  135,  143,  270 


Mach,  E.,  344 
Marcuse,  Dr.,  342 
Marie,  60 

Marshall,  H.  R.,  320 
Maupassant,  Guy  de,  193 
Mendel,  128,  166 

Meyer,  Conrad  Ferdinand,  14,  20, 
263,  272,  275,  288,  297,  330 
Meynert,  Theodor  H.,  17,  21,  25, 
26,  64,  68,  71,  in,  384 
Mills,  J.  S.,  23,  367 
Moebius,  m,  122 
Monakow,  25 
Mosen,  Julius,  279 
Müller,  Johannes,  29 
Muraview,  Graf,  281 


Nansen,  277 

Neisser,  H.,  243 

Nestroy,  361,  367 

Nothnagel,  23,  129,  141,  203,  368 


Namensverzeichnis 


477 


Oppenheim,  192 


Paschkis,  Dr.  in,  128,  178 
Pfenning,  Richard,  49,  257 
Pickworth-Farrow,  E.,  249 
Plato,  290 

Preyer,  A.,  76,  83,  84 


Schweninger,  261 
Shakespeare,  14,  222,  238 
Simmel,  E.,  252 
Sluder,  Greenfield,  10 
Spitta,  W.,  301 
Strachey,  James,  67 
Strümpell,  167,  168 
Sullivan,  280 

Swoboda,  48,  49,  50,  257,  347 


Rank,  O.,  202,  219 

Raymond,  Fulgence,  94,  263 

Richet,  130 

Rie,  O.,  22,  73,  327 

Riebold,  George,  12,  13,  48 

Rieger,  183 

Rockwell,  243 

Rolland,  Romain,  37,  38 

Roscher,  355 

Rückert,  140 

Rueff,  86 


Sachs,  Hanns,  252,  263,  368 
Sachs,  Heinrich,  145,  146 
Schilder,  Paul,  416 
Schiller,  Friedrich,  129,  323 
Schliemann,  301,  327 
Schneider,  155,  156 
Schreber,  118 
Schwabe,  Benno,  84 


Taine,  H.,  168 
Teleky,  Dora,  342 
Twain,  Mark,  261 

Vasari,  Giorgio,  245 
Vergil,  Aeneis,  184 
Villaret,  24,  60,  65,  68 
Volkmann,  Richard  von,  84 


Weininger,  Otto,  48,  49,  257,  347 
Wer  nicke,  71,  145,  183,  283,  349 
Wichmann,  304 
Wittels,  F.,  18 
Wittelshöfer,  Dr.,  26 


Ziehen,  283,  299,  349 
Ziemssen,  H.  v.,  60 
Zola,  16,  261